Sonntag, 31. Januar 2010

Im Gespräch mit Ephraim Kishon - Teil 2

Walter-Jörg Langbein
Teil 2
1930 hatte Friedrich Torberg mit seinem Roman »Der Schüler Gerber« einen zutiefst packenden, erschütternden Protest gegen die »Pädagogik« des Zerbrechens geschaffen. Torberg, dessen literarische Größe außer Zweifel steht, wurde zum Übersetzer Kishons. Der Literat trat hinter dem Übersetzer zurück.

Zwischen Kishon und Torberg herrschte ein reger Briefwechsel. Die beiden schrieben sich fast eintausend Briefe, die beide als literarische Genies erkennen lassen. Waren sie Freunde.. oder Feinde? Oder beides? Ihre Briefe spiegeln eine komplizierte, ja komplexe Welt wieder, geprägt von Freundschaft und Neid, Liebe und argwöhnischem Hass.

Lisa Kishon, Kishons zweite Frau, und David Axmann haben rund 150 Briefe ausgewählt. Die Briefe erschienen unter dem Titel »Dear Pappi -My beloved Sargnagel« als Buch... ein bewegendes Dokument, eine packende Dokumentation zweier wirklich großer Literaten.

Wer diesen Briefwechsel mit einigen wenigen Worten beschreiben will, muss scheitern. Begriffe versagen, können die ganz besondere Freundschaft zwischen dem erfolgreichsten Satiriker aller Zeiten und dem berühmtesten Übersetzer niemals zutreffend beschreiben. Dieser Briefwechsel – ein einzigartiges literarisches Dokument – lässt erahnen, warum Ephraim Kishon zum Phänomen Kishon wurde: Weil Autor und Übersetzer über einen ganz besonderen Humor verfügten, den gewiss auch eine Sintflut wie zu Noahs Zeiten nicht hätte erschüttern können.

Teil 2 des Interviews


Walter-Jörg Langbein: Wenn Sie an den Tod denken...

Ephraim Kishon: Ich bin da ja wirklich sehr neugierig. Ich werde es ja wohl vor Ihnen erleben. Nach meiner Auffassung ist Sterben ein Schlafen ohne Traum. Ich glaube, wenn ich sterben, dann wird das so sein, als wenn ich traumlos schlafe.

Walter-Jörg Langbein: Ist das eine eher angenehme oder eine unangenehme Vorstellung für Sie?

Kishon: Eine sehr angenehme. Es wäre eine schlimme Vorstellung zu denken: Ich sterbe und werde immer wieder und wieder geboren – und das mit der Last der Erinnerung an alle Fehler, die ich vielleicht einmal begangen habe. Ich glaube, man kann sich bestenfalls daran zurück erinnern, was man als Embryo erlebt hat. Das erscheint mir logisch, denn schon als Embryo hat man ein Gehirn. Warum soll man sich nicht an seine Zeit als Embryo erinnern?

Vorher ist Dunkelheit, und ich hoffe, dass es auch nach dem Tode erlösende Dunkelheit geben wird, die die Gnade des Vergessens gewährt. Was da kommt, da haben weder ich, noch mein Hündchen, noch der Papst oder das Oberrabbinat eine Ahnung.

Ich meine, wenn man sich mit solchen Fragen beschäftigt, sollte man sich nicht überlegen: ›Was ist nach dem Tode?‹ sondern ›Wofür leben wir?‹ Haben Sie sich das schon einmal überlegt?

Walter-Jörg Langbein: Ja, aber ich bin zu keiner wirklichen Antwort gekommen.

Kishon: Stellen Sie sich vor, wie ignorant wir sind, wenn es um diese einfachste Frage geht: Wofür? Und das ist für mich die wichtigste Frage. Sie ist wichtiger als Überlegungen von der Art ›Woher kam das erste Molekül?‹ oder ›Wie entstand das erste Leben?‹ oder ›Wie wurde der sogenannte Urknall vor Jahrmilliarden ausgelöst?‹.

Was ist da los? Würfelt da oben im Himmel ein alter Mann um unser Los? Spielt hier unten auf der Erde ein Zirkus, und der alte Mann da oben schaut zu? Ich glaube, man sollte richtig fragen lernen. Erst wofür, bevor man sich an das ›Wie?‹ wagt!

Walter-Jörg Langbein: Waren Sie einmal der Antwort näher, als Sie es heute sind?

Kishon: Das nicht. Aber es gab manchmal wichtiger Probleme. Ich habe die Ehre gehabt, die Nazizeit, den Holocaust, zu durchleben. Da fragte ich mich nicht ›Wofür?‹, sondern ›Wie komme ich da lebend heraus?«

Neulich habe ich ein altes Tagebuch gefunden, welches ich im Alter von siebzehn Jahren – es war um das Jahr 1940 – geschrieben habe, und da steht über einem Kapitel ›Wofür?‹ Es ist interessant: Die Menschen sprechen über alles. Etwa über die Frage, wie das Leben entstanden ist. Sie ergehen sich in astrologischen Fragen. Aber keiner weiß eine Antwort auf die Frage nach dem ›Wofür?‹.

Ich weiß da nicht mehr als mein Hündchen. Im Buch der Tatsachen, wo alles verzeichnet steht, ist diese Seite leer. Was den Tod angeht, so glaube ich, dass er ein Schlaf ohne Traum ist, eine totale Dunkelheit. Das glaube ich, ja das hoffe ich. Aber auf die Frage ›Wofür leben wir?‹, da habe ich keine Antwort. Die Beschäftigung mit dieser Frage ist etwas wie ein Fass ohne Boden, ein Teufelskreis.

Ich bin wirklich interessiert, unterhalte mich gern mit Theologen über diese Frage. Ich glaube, auch sie haben keine Antwort.

Walter-Jörg Langbein: Nach christlichem Verständnis schuf Gott den Menschen mit der Möglichkeit, sich für Gut oder Böse zu entscheiden. Er entschied sich für das Böse, für die Sünde. Gott musste seinen Sohn schicken, der für die Erlösung des Menschen starb.

Ephraim Kishon: Und das soll eine Antwort auf die Frage ›Wofür ist das Universum da?‹? Ich kenne die Antwort auf das ›Wofür‹ auch nicht, aber eines meine ich sagen zu können: Das ist es nicht!

Walter-Jörg Langbein: Ich habe während meines Studiums der evangelischen Theologie auch über die Frage nachgedacht: Gibt es Leben im Universum, auf anderen Planeten?

Kishon: Sicher gibt es solche Wesen! Ich bin sogar sicher, dass es einmal Kontakt geben wird mit solchen Wesen aus dem All. Sie sind ein junger Mann: Sie werden solch einen Kontakt mit außerirdischen Intelligenzen erleben.

Das wird natürlich das größte Ereignis der Weltgeschichte sein. Dann werden alle Theorien über diese Themen zusammenbrechen, alles Wissen wird sich als Kinderkram erweisen. Und es wird kommen, davon bin ich überzeugt. Es ist doch vollkommen unvorstellbar, dass wir die einzigen intelligenten Lebewesen im All sein sollen! Unsere Welt ist ein kleiner Splitter am Rande des Universums – eines Universums aus einer unendlichen Vielzahl von Universen. Wir sind nicht der Mittelpunkt, nicht der Nabel des Seins! Wir sind auch nicht allein! Das wäre unvorstellbar!

Walter-Jörg Langbein: Für manche christliche Theologen ist es unvorstellbar, dass es noch andere intelligente Wesen im All gibt. Sie sagen: Christus ist für die Sünden der Menschen auf der Erde gestorben, nicht für die der Außerirdischen? Warum nicht? Bevorzugt Gott die Erde? Oder starb Christus auch auf anderen Planeten? Wurde er immer wieder ans Kreuz genagelt?

Kishon: Das ist für mich keine Antwort, die ich ernstnehmen könnte. Ich unterhalte mich gern mit Theologen, Rabbinern, über solche Fragen, werde oft eingeladen. Und wenn ich dann zum Beispiel einem hochgebildeten Rabbi die Frage nach dem ›Wofür?‹ stelle, dann übergeht er sie, tut, als habe er nichts gehört und fragt vielleicht: ›Noch einen Schluck Wein?‹
Ich habe einmal eine Humoreske geschrieben: Ich sterbe, mache verschiedene Stadien durch und stelle dann fest, sapperlott, die alten Ägypter hatten recht! Die Götter haben tatsächlich Tiergesichter!

Walter-Jörg Langbein: Sind Sie religiös, Herr Kishon?

Kishon: Nein, ich bin Humorist. Aber sehen Sie: Wir leben am Rand einer Galaxie mit Sternen wie Sand am Meer. Und unsere Galaxie ist nur eine von vielen, und es gibt ja auch wiederum Galaxien wie Sand am Meer. Als der Mensch zum erstenmal mit Apollo 11 zum Mond startete, da war ich dabei. Ich war von der amerikanischen Regierung eingeladen worden.

Ich sah, wie Apollo 11 startete. Das war schon ein einmaliges Erlebnis. Wie sich das gigantische Raumschiff auf einem Feuerstrahl gen Himmel erhob. Aber was ist die Entfernung Erde/Mond? Ein Nichts. Es gibt Galaxien, zu denen ist das Licht Milliarden von Jahren unterwegs. Nicht ich, Kishon, brauche so lange mit dem Fahrrad, sondern das Licht. Da ist die Reise zum Mond nichts.

Walter-Jörg Langbein: Sie sagten soeben, Sie seien Humorist und daher nicht religiös. Schließt das einander aus?

Kishon: Sehen Sie, es ist sehr schwer, ja unmöglich, sarkastisch zu sein und alles Mögliche kritisch zu beschauen und das Religiöse auszusparen. Zu sagen: Alles ist lächerlich, nur das Religiöse ist über alles erhaben... Das geht nicht.
Fortsetzung folgt!

Ausblick auf Teil 3 des Interviews

Walter-Jörg Langbein: Herr Kishon, in Ihrem neuen Buch ›Abraham kann nichts dafür‹ steht eine interessante Satire am Schluss. Ein Außerirdischer sieht die Erde, und das Kindergezänk der Diplomaten führt letztlich zum atomaren Holocaust.

Kishon: In dieser Satire bin ich der Außerirdische. Sehen Sie, das ist ja schon wieder ein schöner Zeitungstitel: ›Ephraim Kishon: Ich bin ein Außerirdischer!‹
Vieles, was gesagt wird von sogenannten Diplomaten, ist Fassade, Quatsch, Kinderei, die Herren schwingen da hehre Reden und meinen etwas ganz anderes.

Walter-Jörg Langbein: Besteht die von Ihnen beschriebene Gefahr einer weltweiten Zerstörung Ihrer Meinung nach wirklich?

Hinweis
Die Fortsetzung des Interviews, der dritte Teil, erscheint am 07.02.2010

Teil I

Teil III

Foto Ephraim Kishon: ©Verlag Langen Müller

3 »Die Toten von Chauchilla (Peru)«

Teil 3 der Serie
Monstermauern, Mumien und Mysterien
von Walter-Jörg Langbein


Einst war die mysteriöse Hochebene von Nasca nur eine trostlose Einöde, in die sich Touristen so gut wie nie verirrten. Die gewaltigen, in den Erdboden gescharrten Zeichnungen und »Landebahnen« interessierten allenfalls einige wenige Experten.

Maria Reiche (geboren am 15. Mai 1903 in Dresden, verstorben am 8. Juni 1998) hat einen Großteil ihres Lebens in Nasca verbracht. Sie kämpfte wie eine Löwin für die Bewahrung der uralten Riesenbilder in der Wüste. Ihr ist es zu verdanken, dass sie nicht schon längst unwiderruflich zerstört worden sind, etwa von »Sportlern«, die in der Wüste von Nasca Autorennen veranstalteten und in zwei Jahren größere Schäden anrichteten als die Unbilden der Natur in zwei Jahrtausenden.


Auch Maria Reiche lenkte nicht die Aufmerksamkeit der Welt auf das Mysterium von Nasca. Das änderte sich aber anno 1968 schlagartig! Damals erschien das erste Buch eines Schweizers, der zum erfolgreichsten Sachbuchautor der Welt wurde! Seit Erich von Dänikens Weltbestseller »Erinnerungen an die Zukunft« ist die riesige Ebene von Nasca zu einer Touristenattraktion geworden. Unzählige Menschen strömen in das winzige Wüstendorf. Es gibt Hotels, sogar einen kleinen Flugplatz. In kleinen Propellermaschinen kann man das Wunder von Nasca wirklich erleben: aus der Luft! Mit Begeisterung fliegt man über eines der größten Geheimnisse, die unsere Erde zu bieten hat.


Nur aus der Vogelperspektive sind gewaltige Scharrzeichnungen auszumachen. Da gibt es welche von Tieren unvorstellbaren Ausmaßes. Selbst kleinste anatomische Einzelheiten sind zu erkennen... wie etwa bei einer wirklichen »Riesenspinne«. Selbst aus Weltraumstationen machten Astronauten die imposanten »Bahnen« aus, die im Nichts beginnen und sich kilometerweit erstrecken. Sie laufen schnurgerade durch die Wüste laufen und enden ebenso abrupt wie sie begonnen haben.

Wer schon einmal das Geheimnis von Nasca vom Flugzeug aus studiert hat, der kommt nicht umhin zuzugeben, dass Däniken mit seiner Hypothese Recht haben könnte. Vielleicht sollten Linien und Tierbilder tatsächlich die fliegenden Götter der Vorzeit zur Rückkehr zur Erde bewegen.

Doch während heute zur Freude der Einheimischen zahlreiche Touristen von den Riesenbildern angelockt nach Nasca kommen, gibt es ein anderes, ein düsteres Geheimnis, über das viele Menschen vor Ort allenfalls nur zu flüstern wagen! Nur wenige Kilometer von Nasca entfernt soll es Zombies gegeben haben. Untote sollen die Lebenden in Angst und Schrecken versetzt haben! Wer das Vertrauen alteingesessener Menschen gewinnt, so schwer das auch ist, dem erzählen sie hinter vorgehaltener Hand Geschichten über den »Ort des Schreckens«. Heute sind es nur noch sehr wenige Wissende, die die alten Überlieferungen kennen. Oder sind weit mehr Menschen in das Mysterium eingeweiht.. von denen aber die meisten schweigen wie das sprichwörtliche Grab?

Morgen oder übermorgen werden die gruseligen Überlieferungen in Vergessenheit geraten sein. Schließlich leben wir doch in einer »aufgeklärten« Zeit. Für alten Aberglauben haben wir doch keine Zeit mehr. Oder verdrängen wir lediglich einen Teil der Wirklichkeit, nur weil wir manches nicht zu erklären vermögen? Bilden wir uns nur ein, »alles« zu wissen... und leugnen penetrant eine fremdartige Realität?

Dabei ist der unheimliche Friedhof sehr einfach zu finden. Er liegt nicht verborgen irgendwo im Urwald... sondern offen in der Wüste! Man fährt vom Städtchen Nasca auf der legendären Panamericana Richtung Lima. Vier Kilometer hinter Nasca geht ein Weg ab. Folgt man ihm, dann erreicht man nach knapp fünfzehn Kilometern den »Cementario von Chauchilla«, den »Friedhof von Chauchilla«. Die Bezeichnung »Friedhof« ist allerdings für Europäer und Amerikaner höchst irreführend. Bei einem »Friedhof« erwartet man Gräber mit steinerner Umrandung und massivem Grabstein. Die Namen der Toten, Geburts- und Sterbedaten sind verzeichnet. Zu Ehren der Toten werden Blumen und Kränze niedergelegt. Dergleichen gibt es in Chauchilla aber nicht.


 Wie groß mag das Areal von Chauchilla ursprünglich gewesen sein? Wir wissen es nicht. Die Wüste hat im Laufe der Jahrtausende die Bestattungsfelder wieder verschlungen. Einst wurden hier auf einigen Quadratkilometern Tausende, wahrscheinlich sogar Zehntausende begraben. Wer waren die Toten? Mit Sicherheit vermag das heute niemand mehr zu sagen. Einig sind sich die Archäologen freilich in der Datierung. Sie kamen zu verblüffenden Ergebnissen! Die ersten Toten wurden vor »mehreren Jahrtausenden« beerdigt. Sie wurden also lange vor der Inka-Zeit bestattet. Welcher Kultur gehörten sie an? Wurde die uralte Zivilisation bereits von Vorgängern der Inkas vernichtet? Oder gab es sie noch zu den Zeiten der Inkas?

Sie sollen hier auf dem Friedhof von Chauchilla Zombies ihr Unwesen treiben. Zombies? Der Glaube an aus dem Reich der Toten zurückkehrende Wesen war einst in Südamerika weit verbreitet. Der österreichische Gelehrte Prof. Hans Schindler: »Mit der Christianisierung wurden Zombieüberlieferungen weitestgehend verdrängt und durch die neue Glaubenslehre ersetzt. Im Christentum ist kein Platz für solche Kreaturen der Nacht! Offiziell kennt keiner mehr die Furcht einflößenden Überlieferungen.« Im Volksglauben haben sie sich freilich bis in unsere Tage erhalten. Nicht nur unter Grabräubern. Auch unter Grabwächtern. Nicht nur in Chile, sondern auch in Peru!

Auch hier waren und sind bis in unsere Tage Grabräuber aktiv. Hunderte Ruhestätten wurden nach und nach entdeckt und mit pietätloser Gewalt geöffnet und geplündert. Höchst pietätlos ging man mit den ausgebleichten Gebeinen um. Man warf sie auf der Suche nach Grabbeigaben aus den Gräbern, wo sie oft liegen blieben. Grabräuber mit etwas mehr Taktgefühl begruben die sterblichen Überreste wieder.

Wer heute über den staubigen Friedhof geht, stellt schaudernd fest, dass überall Knochen und Knochensplitter herumliegen, von Menschen, die hier einmal lange vor der Zeit der Inka zur letzten Ruhe gebettet worden waren. Immer noch werden Gräber entdeckt, die den schatzsuchenden Plünderern entgangen waren. Einige davon hat man geöffnet und nicht wieder zugeschüttet. In hockender Stellung kauern die Toten darin. Ihre Leiber - wohl nur noch Skelette - sind in einfache Gewänder gehüllt. Manche sehen wie gefesselt aus. Ihre Totenschädel liegen, manchmal seltsam schief, auf den Schultern. Am besten sind die Haare erhalten.

Prof. Hans Schindler zum Verfasser: »Früher wurde der Friedhof von Chauchilla bewacht, weil sich die Menschen vor Zombies fürchteten. Sie nahmen an, dass die Toten in die Welt der Lebenden zurückkehren, als lebende Leichen nur von Rachegefühlen beseelt!« Sie suchten angeblich, so Prof. Hans Schindler, jene auf, die sie für ihren Tod verantwortlich machten. Oder die Nachkommen ihrer Mörder. Oder solche Menschen, die ihre Ruhe gestört hatten.

Jahrelang erforschte Prof. Hans Schindler archäologische Stätten in Südamerika. Er gewann er das Vertrauen auch von Menschen, die sonst niemandem ihr Wissen über die Kreaturen der Nacht anvertrauten. Sie erzählen ängstlich um sich blickend leise flüsternd über Zombies. Besonders häufig sollen diese Furcht einflößenden Geschöpfe direkt beim Friedhof des Schreckens aufgetreten sein. Noch 1992 wurden dem Verfasser unheimliche Stories bestätigt, die als Vorlagen für einen Horrorfilm bestens geeignet wären.....

Im September des Jahres 1913 waren wiederholt einige Jugendliche nachts auf den Cementario geschlichen, um Gräber zu öffnen und zu plündern. Sie hofften weniger auf Keramiken als auf Gold. Mehrfach hatten sie vergeblich nach wertvollem Schmuck gesucht, als eine gespenstische Erscheinung die jungen Männer so sehr in Angst und Schrecken versetzte, dass sie sich bis ans Ende ihrer Tage nie mehr auch nur in die Nähe des antiken Friedhofs wagten. Sie waren überzeugt, von Zombies vertrieben worden zu sein. Die Toten seien in die Welt der Lebenden zurückgekehrt, um die Menschen daran zu hindern, weiterhin die uralten Grabstätten zu schänden.

Die drei jungen Burschen hatten begonnen, ein Loch auszuheben. Sie hatten eine Stelle ausgewählt, in deren Nähe sie schon mehrere Gräber entdeckt hatten. Bislang hatten sie allerdings die erhofften Schätze nicht gefunden, nur gut erhaltene Skelette in morsches Leinen gehüllt und einige Keramiken. Ihr Loch war schon mehr als mannstief, da vernahmen sie ein undefinierbares Geräusch. Sofort hörten die jungen Männer auf zu graben. Als sie aus dem Loch lugten, machten sie in einiger Entfernung so etwas wie ein Licht aus. War man ihnen auf die Schliche gekommen? Das Licht, zunächst mehrere hundert Meter entfernt, kam immer näher. Die Gestalt war in einen langen Umhang gehüllt und trug eine flackernde Laterne. Als sich der Wind drehte, meinten die Grabräuber den Geruch von Moder wahrzunehmen und das Klappern von Knochen zu hören. Schließlich schien das Wesen sie entdeckt zu haben und kam auf ihre Grube zu. Es ächzte und stöhnte dabei.

Vor Angst wie gelähmt beteten die drei Burschen um himmlischen Beistand. Die Kreatur blieb stehen. Im Mondlicht war nun zu erkennen, dass sie nicht das Gesicht eines lebenden Menschen hatte....sondern die grinsende Fratze eines Totenschädels. Langsam hob der Zombie einen Arm und deutete mit seiner Knochenhand in Richtung der zitternden Schatzsucher. Der Zombie - und nichts anderes konnte das Wesen nach Ansicht der Männer in der Grube sein - drehte sich um und gab einen heulenden Laut von sich. Da erhoben sich in einiger Entfernung zwei, drei ähnliche Gestalten und wankten zielstrebig in Richtung der Grabräuber. Hatte ihr letztes Stündlein geschlagen? Die Gestalten näherten sich ihnen. Waren sie den Zombies hilflos ausgeliefert? Konnten sie mit ihren einfachen Werkzeugen die Kreaturen der Nacht abwehren? Plötzlich wich die von Angst verursachte Starre von ihnen. Sie sahen nur eine Chance: Flucht vor den Unheimlichen. In Rekordgeschwindigkeit verließen die jungen Männer das Erdloch und rannten so schnell wie noch nie im Leben davon. Ihre Werkzeuge ließen sie zurück.

Einer von ihnen blickte aus sicherer Entfernung noch einmal zurück. Vier Zombies starrten in das Loch, das die Burschen ausgehoben hatten. Hinter ihnen stand der Vollmond tief am Himmel....hinter den unheimlichen Wesen. Für Sekunden meinte der entsetzte junge Mann erkennen zu können, dass es lebende Leichen waren, wandelnde Skelette, an deren Knochen Reste von mumifiziertem Fleisch hingen... Untote aus dem Zwischenreich.


 Der kompetente Prof. Hans Schindler zum Verfasser: »Für viele Menschen aus Chauchilla waren die jugendlichen Grabräuber von Zombies vertrieben. Als moderner Wissenschaftler darf ich an eine solche Erklärung nicht glauben. Gibt es eine bessere, eine natürliche?«

Tatsächlich liegt eine realistischere Lösung auf der Hand. Aber entspricht sie auch der Wahrheit, oder nur modernem Wunschdenken, das Mysteriös-Unheimliches nicht zulassen mag? Der Friedhof von Chauchilla wird schon seit Jahrzehnten von professionellen Grabräubern heimgesucht, die mit den Archäologen eine Art Wettkampf austragen. Waren vielleicht die »Zombies« nichts anderes als Grabräuber, die sich unliebsame Konkurrenz vom Leibe halten wollten? Das wäre eine auch für moderne Menschen der Jetztzeit akzeptable Lösung.

Tatsächlich sind auch heute noch Grabräuber im dem weiten Areal aktiv. Es fehlt an finanziellen Mitteln für archäologische Ausgrabungen. Eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung des weitläufigen Geländes mitten in der Wüste ist nicht finanzierbar. Außerdem schrecken viele Einheimische davor zurück, nachts auch nur in die Nähe des mysteriösen Friedhofs zu gehen. Dann werden die Grabräuber aktiv. Man kann sie auch am Tage antreffen. Auf den ersten und zweiten Blick sind sie nicht von Archäologen zu unterscheiden. Sie hoffen auf Grabbeigaben und graben systematisch nach weiteren Mumien, die vor Jahrtausenden der Wüste anvertraut wurden.

Wer heute das Gräberfeld von Chauchilla aufsucht, der fühlt sich in eine andere, höchst fremdartige Welt versetzt. Absolute Windstille und scharfe Windböen wechseln einander ab. Der Boden blitzt weißlich auf – im gleißenden Sonnenlicht ebenso wie nachts bei Vollmond. Unzählige Gräber sind geöffnet. Ihre »Bewohner« hocken, mit eng an den Leib gezogenen Beinen, tief unten in den Gruben. Schaut man näher hin, dann erkennt man, dass die Körper in sackartigen Gewändern stecken. Manchmal halten schmale zusätzliche Stoffbahnen die »Bekleidung« der Mumien zusammen, manchmal sind es sauber gearbeitete Seile.

Je nach Stand des Toten ist der Stoff grob oder fein. Auch die Toten unterscheiden sich. Arm und Reich wurden aber offenbar nebeneinander beigesetzt. Wahrscheinlich wurden unzählige Arme einfach im trockenen Wüstenboden verscharrt. Reicheren gewährte man »Grabkammern« aus getrockneten Ziegeln. Es gab aber offenbar keine separaten Friedhöfe für Arme und Reiche.

Die Totenschädel wurden nicht in Stoff gehüllt, sondern auf die Knochensäcke gesetzt. War das schon immer so? Oder haben die Ausgräber die Schädel aus den Leichensäcken geholt? Archäologen, die ich befragte, verneinten das. Die Gebeine sollten durch die sackartige Umhüllung zusammengehalten werden. Kein Knochen sollte verloren gehen. So und nur so konnte es ein Leben nach dem Tode geben. Die Schädel aber mit dem prachtvollen Haar wollte man nicht zu den übrigen Knochen in die Säcke stecken. Die Toten sollten in stolzer Haltung die Reise von unserer in die andere Welt antreten.

Die Mumine von Chauchilla wurden, wie die von Chile, nicht präpariert wie ägyptische. Man hat auch nicht ihre Innereien entfernt. Vielmehr trockneten die Körper im heißen Wüstensand aus.


Erstaunlich gut erhalten sind diese uralten Stoffe. Auch die groben sind manchmal mit besonderer Sorgfalt gewebt. Es kommt mir so vor, als hätten Arme ihren Verstorbenen besonders liebevoll gewebte Stoffe umgelegt. Wenn sie schon teure Ware nicht leisten konnten, so sollten doch die »groben» Stoffe so sorgsam wie nur möglich gearbeitet sein.

Wirklich krass ist der Kontrast zwischen den ausgebleichten Schädeln und dem Haaren, die wie dichte Perücken auf den Häuptern der Toten sitzen. Zu Lebzeiten müssen die Menschen prachtvolle Mähnen gehabt haben. Es sind die echten Haare der Toten, die zum Teil Jahrtausende im Wüstenboden auf ihre Auferstehung gewartet haben. Die Rückkehr ins Reich der Lebenden dürften sie sich vollkommen anders vorgestellt haben, als von Grabräubern oder Archäologen ans Tageslicht gezerrt zu werden. Kilometerweit liegen heute auf dem riesigen Areal von Chauchillo Knochensplitter unterschiedlichster Größe verstreut, zu Hunderttausenden, nein es sind Millionen.


Wie alt mögen die Knochen sein? Mir wurde glaubhaft versichert, dass noch vor wenigen Jahrzehnten Tote auf dem Friedhof von Chauchilla beigesetzt wurden. Was will man den Toten wünschen, ob sie vor einigen Jahrzehnten oder einigen Jahrtausenden beigesetzt wurden? Endet unsere Pietät nach einiger Zeit?

Hinweis
Teil 4 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
erscheint am 07. Februar 2010:
»Mit Grabräubern unterwegs«

Zurück zu Teil II der Serie [...]

Zu Teil IV der Serie [...]

Homepage von Walter-Jörg Langbein


©Fotos: Walter-Jörg Langbein. Alle Rechte vorbehalten.

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)