Sonntag, 26. Februar 2012

110 »Geheimnisvolles Opunohu-Tal«

Teil 110 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Im Opunohu-Tal haben sich deutliche Spuren einer alten Kultur erhalten. Warum entgingen sie der Zerstörungswut der Missionare? Der aufmerksame Besucher erkennt an vielen Stellen im Unterholz spärliche Reste der ursprünglichen Bauten. Kleine, oft nur wenige Handbreit hohe Mäuerchen zeigen an, wo einst eine mächtige Anlage stand. Kleine Mäuerchen umgeben den einen oder den andern Baum. Bäume haben sich da und dort durch steinerne Plattformen gesprengt. Und da und dort ragen einzelne Steine empor.

Baum durchbricht sakrales Pflaster
Foto: W-J.Langbein
Und es gibt – anders als auf der Hauptinsel Tahiti – im manchmal märchenhaft-düsterem Kastanien-Wald erstaunlich gut erhaltene Ruinen aus »heidnischer Zeit«. Sie wurden teils von Archäologen rekonstruiert ... teils von Einheimischen gepflegt. Nach wie vor gilt das Opunohu-Tal als heilig. Allen Bemühungen der Missionare zum Trotz leben alte Kulte auch heute noch weiter!

»Hier wimmelt es von Moskitos!«, schimpfe ich vor mich hin. »Die Biester stürzen sich wohl auf jeden Besucher!« Ich hole eine Dose Antimückenspray aus meinem Rucksack, verabreiche mir eine stinkende Dusche. Ich habe verschiedene Mittel dabei – Sprays, Tinkturen, Salben. In der Fachliteratur wurde vor den Minivampiren gewarnt. Wirkung zeigen einige der Mittel: Sie verursachen bei mir Kopfschmerzen. Bei den Quälgeistern versagen sie kläglich. »Viele Besucher kommen hier nicht her ...« lacht mein Taxifahrer. »Die Moskitos schützen die Steine von Titiroa!«

Ich entdecke eine stark verschmutzt »Anschauungstafel«. Sie zeigt den Versuch einer Rekonstruktion der heiligen Anlage. Was ist Fantasie, was fundiertes Wissen? Niemand vermag das zu sagen! Marae Titiroa muss einst wirklich sehr imposant gewesen sein. Auf der Rekonstruktion erscheint Marae Titiroa als komplexe Anlage.

Versuch einer Rekonstruktion
Foto: W-J.Langbein
Die steinerne Mauer wurde vor rund einem halben Jahrhundert restauriert. Im Inneren gab es einst eine massive steinerne Plattform, die den Göttern und den Geistern der verstorbenen Ahnen vorbehalten waren. Das war das Allerheiligste. Auf Altären unterschiedlicher Größe wurde den Göttern geopfert: Hunde, Schweine und Fische auf größeren Altären, Früchte auf kleineren. Auch Menschen sollen rituell getötet worden sein ... zu Ehren der Götter.

Auf hölzernen Stangen, so versicherte mir ein Archäologe vor Ort, hielt man symbolische hölzerne »Vögel« in die Luft ... die Boten zwischen Göttern und Menschen, also Engel im biblischen Sinn. Trommeln von beachtlicher Größe standen in einer Ecke der Mauer. Ihre durchdringenden Klänge sollten die Götter erreichen. Ein verschmutztes Bild soll verdeutlichen, wie diese sakralen Musikinstrumente einst aussahen.

Einst schlugen Priester
mächtige Trommeln
zu Ehren der Götter
Foto: W-J.Langbein
In tragbaren »Bundesladen« wurden heilige Kultobjekte befördert: wahrscheinlich von überdachten Bauten außerhalb des Marae ins Zentrum der Kultanlage und zurück. Diese Kult-Hütten mögen auch zur Vorbereitung der Menschenopfer gedient haben. Nur zu besonderen Festlichkeiten wurden – womöglich in einer der Hütten außerhalb des Heiligtums – Männer (und ausschließlich nur Männer!) getötet und dann an Stangen gebunden zum Altar getragen. Nach anderen Berichten wurde die Männer auf die Plattform gelegt, wo ihnen mit einer gewaltigen Keule der Schädel zertrümmert wurde.

Mag sein, dass es als besondere Ehre galt, so einem Gott wie Oro »geschenkt« zu werden. Oro war der Hauptgott von Tahiti und Moorea ... der Gott des Krieges, aber auch des Meeres und der Fruchtbarkeit.

»Oro kam von der Südseeinsel Raiatea ...« erklärt der kundige Taxifahrer. »Dort wurde er als der größte Gott überhaupt verehrt ... als der große Schöpfer!« Die Vertreter des ranghöchsten Adels sahen sich gern als Nachkommen Oros. Auf Bora Bora, so wird überliefert, fand Oro eine wunderschöne Frau. Er beobachtete sie, als sie nackt badete ... und war sehr angetan! So kam er tagtäglich vom Himmel herab ... auf einem Regenbogen. Er landete auf dem mächtigen Pahia-Berg. Und jeden Abend stieg er wieder in den Himmel empor.

Tagtäglich besuchte er Vairaumati, so hieß die schöne Auserwählte. Und die verliebte sich in den kraftstrotzenden Mann. Das blieb nicht ohne Folgen. Sie, das schöne Erdenmädchen, gebar ihm, dem himmlischen Gott, einen Sohn. Der wurde ein mächtiger Krieger. Oro selbst kehrte in Gestalt einer Flamme in den Himmel zurück. Vairaumati wurde zur Göttin. Götter, die vom Himmel kamen und sich eine schöne Frau zur Gemahlin nahmen ... das ist ein weit verbreitetes Motiv in der Südsee.

Gott Oro
Foto: American
Das »Metropolitan Museum« besitzt einen Oro. Die längliche Statue besteht aus einem hölzernen Kern, der mit geflochtenen Kokosfasern umwickelt wurde. Einst verliehen dem Bildnis seltene Vogelfedern magischen Zauber. Es war somit nicht nur eine plastische Darstellung des Gottes, sondern ein heiliges Objekt der Verehrung!

Stundenlang erkundete ich die Maraes im Opunohu-Tal. Stets verfolgten mich dabei bissige Moskitoschwärme. War es immer der gleiche? Oder hatte jeder Schwarm sein Territorium? Obwohl ich vorsorglich lange Hosen und ein langes Hemd angezogen, mich zudem intensivst mit Moskito-Hau-Ab-Spray eingenebelt hatte ... ließen die Attacken der blutdürstigen Biester nicht nach. »Keine Angst!« beruhigte mich mein Taxifahrer, wenn ich mal wieder wild um mich schlug. »Wir haben hier keine Malaria!«

Mich erinnerte die Bauweise auf Moorea bei verschiedenen »Sakralbauten« ... an die mysteriösen Monstermauern von Nan Madol. In beiden Fällen wurden Basaltsäulen dazu verwendet, in Blockhüttenbauweise Mauern zu errichten. Offenbar gab es in beiden Fällen diese wie künstlich wirkenden Basaltsäulen, die aber in vulkanischen Regionen von der Natur geliefert werden. Man muss sie nur noch »ernten«, auf die gewünschte Länge bringen und zur Baustelle transportieren ... In Blockhütten-Bauweise wurden sie aufeinander geschlichtet und trotzen so viele Jahrhunderte dem Zahn der Zeit.

In Nan Madol wie im Opunohu-Tal ist die Bauweise gleich. Allerdings wurde auf Moorea bei weitem nicht der Gigantismus von Nan Madol erreicht!


Nan Madol (rechts) und
Moorea (links)
Fotos: W-J.Langbein
Stundenlang durchstreife ich das Opunohu-Tal. Ich kroch unter Gestrüpp, stieg über umgestürzte Bäume ... immer auf der Suche nach versteckten Spuren der »Heiden«. Überwuchert von Kastanienbäumen und Gestrüpp entdecke ich immer wieder steinerne Zeugnisse.

Sorgsam gepflasterte Areale dienten angeblich den Vornehmen von einst als Übungsplätze für das Bogenschießen. Offenbar durften nur Ranghohe diesem Sport frönen. Oder war es mehr als nur ein Sport? War es ein sakrales Ritual zu Ehren der Götter? Wir wissen es nicht mehr. Den Missionaren war das alte Brauchtum nur verachtenswertes heidnisches Gräuel. Es galt, die Erinnerung daran auszulöschen, dem aktiven fremden Glauben ein Ende zu setzen.
Und immer wieder mache ich senkrecht stehende Steine aus ... vor Jahrhunderten aufgestellt. Einige waren umgefallen ... oder umgestoßen worden. Andere standen noch aufrecht. »Es sind Denkmale, die zu Ehren der Götter errichtet wurden!«, erfahre ich vom Taxifahrer. Ein Geistlicher auf der Fähre erklärt mir bei der Rückfahrt nach Tahiti: »Es sind Grabsteine ... Je nach Größe verweisen sie auf einen hochrangigen Adeligen oder auf einen einfachen Menschen.«

Steine von Titiroa
Foto: W-J.Langbein
»Es ist ein Segen ...«, seufzte der Geistliche, »dass es noch so gut wie keine Grabräuberei gibt! Sonst wären die Steine längst umgestoßen, die Gräber geschändet worden! Ich kann mir eine bissige Antwort nicht verkneifen: »Es ist ein Segen, dass auf Moorea überhaupt noch Zeugnisse aus ›heidnischer Zeit‹ erhalten geblieben sind ...« Traurig nickt der Priester: »Ja ... Es ist eine Schande, dass Missionare beider christlichen Konfessionen so wenig Achtung vor den Zeugnissen der älteren Kultur hatten ...« Ich frage den Geistlichen: »Oder lebt der alte heidnische Glaube weiter? Beten die Menschen nach wie vor zu den alten Göttern, auch wenn sie sonntags in die Kirche gehen?« Der Gottesmann erhebt sich grimmigen Blicks und sucht sich einen anderen Platz.

Die Kirchen haben bei den staatlichen Behörden ein Verkaufsverbot alkoholischer Getränke bewirkt ... aus gesundheitlicher Fürsorge? Wohl kaum! Viele Jugendliche machten sonntags Picknicks mit Musik und Trinkgelagen. Seit dem Alkoholverbot gehen wieder einige von ihnen sonntags ... in die Kirchen.


Abschied von Moorea
Foto: W-J.Langbein
»Die Monsterbauten von Malta«,
Teil 111 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 04.03.2012


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Samstag, 25. Februar 2012

Karl May zum 170. Geburtstag

Eine Würdigung von Walter-Jörg Langbein

Unterschrift Karl Mays
Er wurde am 25. Februar 1842, spät abends gegen 22 Uhr geboren. Wohl weil seine Eltern befürchteten, der kleine Säugling würde womöglich schon bald sterben ... wurde das neugeborene Baby bei eisiger Kälte schon am nächsten Tag zur evangelisch-lutherischen Kirche St. Trinitatis in Ernstthal getragen und getauft. Wurden die Augen des kleinen Buben auf dem Weg zum Gotteshaus durch die »arktischen« Temperaturen so geschädigt, dass er bald darauf erblindete? Oder führten Mangelernährung und nicht ausreichende Hygiene zur Erblindung des kleinen Carl Friedrich May?

1842 und 1843 bestimmte Hungersnot das Leben der Menschen in Hohenstein-Ernstthal. Die Lebensbedingungen für die Weber waren schon in »guten Zeiten« ärmlich, 1842 und 1843 waren sie katastrophal. Infektionen und durch Vitaminmangel ausgelöste Krankheiten waren nicht die Ausnahme, sondern die Regel!

Carl Friedrich May jedenfalls erblindete. Einen guten Arzt konnte sich die armen Webersleute nicht leisten. Der blinde Bub wächst bei seiner Großmutter väterlicherseits, bei Johanne Christine May, auf. Sie liest ihm Märchen vor. Legt die greise Frau so den Grundstein für Karl Mays überschwängliche Fantasie?

Das Karl-May-Haus einst und heute
Foto links: Karl-May-Gesellschaft
Foto rechts: Tkarcher
1846 legt Karl Mays Mutter Christiane Wilhelmine May die Hebammenprüfung ab. »Vorzüglich gut« steht in ihrem Zeugnis. Und Carl Friedrich May erhält endlich – nach Jahren der Blindheit – an der »Chirurgisch-Medizinischen Akademie« zu Dresden das Augenlicht zurück. Er muss das Sehen wieder mühsam lernen. Und der kleine Carl Friedrich May kehrt in die Obhut der Eltern zurück. Mays Vater, der Weber Heinrich August May, schätzt drakonische Strafen. Er verdrischt seine Kinder mit dem »birkenen Hans«, den er vor der Züchtigung vorsorglich im »Ofentopfe« einzuweichen pflegt. So wird er elastischer, die Bestrafung fällt noch schmerzhafter aus. Nicht weniger gefürchtet war bei Carl und seinen Geschwistern ein »dreifach geflochtener Strick«, der griffbereit am Webstuhl hängt.

So wurde Carl Friedrich May vor 170 Jahren in eine Welt des Elends und der bitteren Armut geboren. Er ist die ersten Lebensjahre blind, lernt Hunger, Märchen und Schläge kennen. In Hohenstein-Ernstthal verhungern immer wieder Menschen.

Am 27. April 1848 wird Carl Friedrich May eingeschult. An der »Ernstthaler Knabenschule« muss ein Lehrer bis zu 100 Buben in einer Klasse »betreuen«. Mays Vater beschließt, den Schulunterricht durch ein eigenes »Erziehungsprogramm« zu ergänzen. Er schafft so viele Bücher wie nur möglich heran, die er wahllos zusammensucht ... wissenschaftliche Werke über Chemie, die der kleine Carl Friedrich nicht versteht, geographische Beschreibungen, mathematische und statistische Sammlungen, die längst schon überholt sind ... historische Traktate und erbauliches Schrifttum.

Carl Friedrich muss lesen, lesen, lesen. Und er muss sinnlose Fakten auswendig lernen. Sein Vater zwingt ihn, ganze Folianten Wort für Wort abzuschreiben ... um ihm das Lernen zu erleichtern. Carl soll es einmal besser haben als sein Vater. Er soll einen Beruf ergreifen können, der zumindest ein solides Auskommen ohne Not ermöglicht. Es gibt für Carl einen Ausgleich: Sein Patenonkel, der weit gereiste Schmied Christian Weißpflog (1819-1894), erzählt. Als Wanderbursche, so heißt es, sei er weit in der Welt herumgekommen. Ist es der Patenonkel, der in Carl Friedrich May die Sehnsucht nach Abenteuern in fernen Ländern weckt? Regte der Patenonkel die Fantasie des kleinen Carl Friedrich May an ... die Karl May Jahrzehnte später in seinen Romanen Wirklichkeit werden ließ ... etwa als Kara Ben Nemsi, der in der arabischen Welt Abenteuer erlebte, begleitet von seinem treuen Gefährten Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah?

Karl May als
Kara Ben Nemsi
1899 schildert May seinen Patenonkel als »kleines schwächliches Männlein mit weißen Locken«, der Carl Friedrich und andere Kinder mit seinen wohl oft fantastischen Erzählungen begeistert. 1899 notierte May (1): »Alles, was er berichtete, lebte und wirkte fort in uns.«

Carl Friedrich May konstatiert 1899: »Was kein strenger Lehrer, kein strafender Vater bei uns erreichte, das erreichte er so spielend leicht durch die Erzählungen von seiner Wanderschaft. Er hat seine letzte Wanderung schon längst vollendet; ich aber erzähle an seiner Stelle weiter.« In Mays Autobiographie »Mein Leben und Streben«, die 1910 erscheint, wird man freilich vergeblich nach einem Hinweis auf den Patenonkel finden. Warum? Warum verschweigt May in seiner Autobiographie den Mann, der seinen Werdegang so entscheidend prägte?

Carl Friedrich May, so scheint es, wird es einmal besser haben als seine Eltern. Er wird nicht zu einem Hungerlohn als Weber schuften müssen ... sondern als Lehrer ein – wenn auch kärgliches – Gehalt beziehen dürfen. Es grenzt schon an ein Wunder, dass Carl Friedrich May eine »höhere Schulausbildung« zuteil wird. Aber immer wieder sind es Lappalien, die May aus der Bahn werfen. 1859 ist May »Seminarist« in Waldenburg. May hat das Amt des »Lichtwochners« inne. Ihm obliegt es, den Weihnachtsbaum des Instituts mit frischen Kerzen zu versehen, sobald Wachslichter herabgebrannt sind. Carl Friedrich May »veruntreut« einige Wachskerzen, die er offenbar seinen Eltern schenken möchte. Der »kriminelle Akt« wird am 21. und 22. Dezember 1859 – nach einer Denunziation durch Mitschüler – von Seminardirektor Schütze höchstselbst untersucht. Konsequenz: Am 28. Januar 1860 wird der 17-jährige May vom Seminar ausgeschlossen.

Früheste bekannte
Aufnahme von Karl May,
1875 - Tamarin
Seminardirektor Schütze bedauert bald darauf seine übermäßig strenge Reaktion und unterstützt ein Gnadengesuch für May beim sächsischen Kultusministerium ... vergeblich, wie es scheint. Dann aber darf Carl Friedrich May seine Lehrerausbildung in Plauen fortsetzen. Er besteht die dreitägige Abschlussprüfung mit der Note »gut«. Wieder scheint es bergauf zu gehen. May erhält eine Anstellung als »Hilfslehrer« in Glauchau, doch er wurde von seinem Zimmervermieter Ernst Theodor Meinhold bei einer »unsittlichen Annäherung« ertappt. Grund: May gab damals der Ehefrau seines Zimmervermieters Klavierunterricht ... und küsste die Neunzehnjährige.

Fast möchte man an so etwas wie eine »Schicksalsmacht« glauben, die immer wieder verhindert, dass der aus ärmsten Verhältnissen stammende Sohn einer Familie von Webern eine bürgerliches Leben führen darf. Oder sind es Vorurteile von Vorgesetzten und Amtspersonen, die May immer wieder für Lappalien drakonisch bestrafen? Auch seine nächste – und letzte – Anstellung als Lehrer verliert May wegen eines Bagatelldelikts. Er unterrichtet Anfang November in Altchemnitz als Fabriklehrer bei Firma Solbrig. Man quartiert ihn bei Julius Hermann Scheunpflug ein, er muss »Logis, Stube und Schlafstube« mit dem Buchhalter teilen.

Wieder wird eine Lappalie May zum Verhängnis. Scheunpflug hatte May seine alte Taschenuhr leihweise für den Unterricht zur Verfügung gestellt. Am Heiligen Abend des Jahres 1861 reiste May nach Schulschluss per Bahn direkt zu den Eltern ... und nimmt die geliehene Uhr mit. May wird verhaftet, kommt vor Gericht und wird zur Höchststrafe von sechs Wochen verurteilt. May erhält auf Lebenszeit Berufsverbot als Lehrer. May beginnt eine »Laufbahn als Krimineller«. Er fühlt sich von der Gesellschaft zu Unrecht als »Verbrecher« abgestempelt ... und will sich nun als »Verbrecher« an der Gesellschaft rächen. Er bringt es allerdings – aus heutiger Sicht – nur zu einem eher harmlosen Trickbetrüger. Hier ergaunert er sich als »Kupferstecher Hermes« (Hermes: Schutzgott der Diebe und Händler) einen Biberpelz, dort entwendet er einige Billiardkugeln.

Schloss Osterstein in Zwickau,
Zeichnung, um 1863-1865
Mays Taten erinnern mich eher an Friedrich Wilhelm Voigt, den legendären »Hauptmann von Köpenick«, als an Verbrechen. So forscht er als »Polizeileutnant von Wolframsdorf aus Leipzig« nach vermeintlichem Falschgeld ... und »beschlagnahmt« kleinere Beträge. Wiederholt schlagen Mays Versuche fehl, sich als Krimineller zu bereichern. Die Haftstrafen indes fallen immer drastischer aus. So verurteilt ihn das »Bezirksgericht Leipzig« wegen »mehrfachen Betrugs« zu vier Jahren und einem Monat Arbeitshaus. May muss sie als »Häftling Nr. 171« in »Schloss Osterstein« verbüßen.

In »Schloss Ostersein« arbeitet Carl Friedrich May in der Gefangenenbibliothek ... und entdeckt seine schriftstellerischen Fähigkeiten. In der Haft verfasst May literarische Entwürfe. In der Gefangenschaft träumt er sich eine Zukunft als Schriftsteller. Doch der Weg ist für Carl Friedrich May noch weit: von der Zuchtanstalt »Schloss Osterstein« über »Zuchthaus Waldheim« bis in die »Villa Shatterhand« als wohlhabender Bestsellerautor Dr. Karl May.

Am 25. Februar 1842, spät abends gegen 22 Uhr, wird Carl Friedrich May geboren ... in bitterer Armut. Sein Weg in eine bürgerliche Existenz scheitert. Der entbehrungsreiche Versuch, als Lehrer ein Leben ohne Not zu führen, scheitert. Carl Friedrich May wird wiederholt straffällig und als kriminelles Subjekt zu fast zehn Jahren Haft verurteilt. Der »Schaden«, den er als »Verbrecher« verursachte, dürfte keine 500 Euro betragen haben.

Lange hat es den Anschein, dass Carl Friedrich May sein Leben endgültig verpfuscht hat. Und doch gelingt es ihm, seinem elenden Leben zu entkommen: mit der Kraft seiner unbändigen Fantasie. Karl May wird zum verehrten und bewunderten Bestsellerautor, der in »Villa Shatterhand« ein Leben in Wohlstand genießen kann.

Villa Shatterhand in Radebeul
Foto: Walter-Jörg Langbein
Vor 170 Jahren wurde Karl May geboren. Der Weg aus der Armut zum erfolgreichsten Schriftsteller deutscher Sprache war ein sehr weiter. Für den armen Weberssohn war der Weg zum Starautoren in der Villa Shatterhand auch nicht weiter als bis zum Mond ... (2)





Fußnoten
1: »May gegen Mamroth«, Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1974
2: Empfehlenswert ist Karl Mays Autobiographie


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