Sonntag, 12. Juni 2016

334 »Halloween und der Mord an John F. Kennedy«

Teil 334 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Halloween 1963
Es wird langsam Abend. Dunkelheit legt sich über die Straßen. Nach und nach tauchen grimmige Rundköpfe vor Türen und Fenstern auf. Und Horden von Monstern und Tierwesen erobern nach und nach Stevensville, ein kleines Dörfchen am Michigansee. Stockdunkel ist es, doch die Fratzen der Ballonköpfe sind deutlich zu erkennen.

Manche Menschen haben ihre Jalousien herabgelassen, alle Lichter im Haus gelöscht, Türen und Fenster geschlossen. Es klingelt immer wieder Sturm, aber sie reagieren nicht. Manche sind bewusst und gezielt verreist. Andere schreien durch die geschlossenen Türen, die ungebetenen Besucher mögen abhauen. Andere wieder warten hoffnungsvoll, öffnen bereitwillig. Vor ihnen stehen Kinder, als Monster oder Tiere kostümiert. Viele sind nur fantasievoll geschminkt. Alle sind aufs Gleiche aus. Alle haben es sehr eilig, denn die Konkurrenz ist groß. Je schneller man unterwegs ist, desto mehr Beute kann man einsacken.

Wir schreiben den 31. Oktober 1963. Es ist Halloween. Ich bin mit meinem Bruder und einer Gruppe anderer Kinder unterwegs. Wir eilen von Haus zu Haus, klingeln wie wild. Endlich öffnet jemand. Wir schreien »Trick o‘ treat«, was sich am ehesten mit »Scherz oder Süßes« übersetzen lässt, halten Tüten und Beutel hin, nehmen Naschereien entgegen. Schon geht es weiter. Es muss schnell gehen. Viele Kinder sind unterwegs. Wer keine Süßigkeiten herausrückt, wird »bestraft«. Wir haben Zahnpastatuben dabei. Damit beschmieren wir die Türen jener, die uns unverrichteter Dinge wieder abziehen lassen.

Foto 2: Martin Luther
So lernte ich anno 1963, am 31. Oktober, als Neunjähriger, Halloween kennen. Heute über ein halbes Jahrhundert später, ist »Halloween« auch in Deutschland angekommen, wenn auch nicht überall beliebt. Manche Kritiker wenden ein: »Müssen wir denn jeden Quatsch aus Amerika übernehmen?« In der Tat: »Halloween« kommt aus den Staaten, aber – zurück. »Halloween« hat seinen Ursprung in Europa!

Der Name »Halloween« lässt sich auf »All Hallows‘ Eve« zurückführen. Damit ist der Abend vor Allerheiligen gemeint. Auf das christliche Hochfest »Allerheiligen« (1.November) folgt unmittelbar »Allerseelen« Zu »Allerseelen« gedenken die katholischen Christen ihrer Verstorbenen. 

Nach altem Kirchenglauben kann man für die Verblichenen Gutes tun, besonders für die armen Sünder, deren Seelen im Fegefeuer schmoren. Sünder, die keine Nachkommen haben, sind schlecht dran. Niemand kauft sie frei. Sie müssen bis zum Ende abbüßen. Die Ostkirchen maßen der Lehre vom Fegefeuer nie wirklich große Bedeutung zu, die Kirchen der Reformation haben sie abgeschafft, nur die römisch-katholische Kirche hält bis heute an ihr fest.

Foto 3: Menschen im Fegefeuer


In den  frühen 1970er Jahren erlebte ich als Student in Theologenkreisen der evangelisch-lutherischen Kirche heftige Diskussionen. Der katholischen Kirche gehe es doch nur um schnöden Mammon! Man verbreite Angst, mache den Gläubigen ein schlechtes Gewissen, indem man ihnen gern auf drastische Weise das Leiden und die Qualen ihrer dahingeschiedenen Verwandten im qualvollen Fegefeuer schildere. Dann sei man ja gern dazu bereit, es sich etwas kosten zu lassen, die Seelen lieber Toter vorzeitig aus dem Fegefeuer zu befreien. Natürlich hofft man dann auf ähnliche Hilfen durch die Nachkommenschaft, so man denn dereinst selbst im Fegefeuer schmachtet und leidet. Wie hieß es einst so schön? »Die Seele in den Himmel springt, wenn das Geld im Kasten klingt.«

Foto 4: Noch eine sehr alte Darstellung des Fegefeuers

Seit Jahren werde ich immer wieder gefragt, ob es denn zutreffe, dass der Vatikan das Fegefeuer abgeschafft habe. Manchmal gehe ich in Vorträgen auch auf das Fegefeuer ein, werde dann – nicht selten etwas grob –  »korrigiert«: »Sie sind schlecht informiert! Diesen Ort der Qual gibt es nach neuern Aussagen der katholischen Kirche gar nicht!«

Foto 5: Fegefeuer im Vorraum einer Kirche
Es gibt ihn nach katholischer Glaubenslehre nach wie vor. Abgeschafft wurde nicht das »purgatorium« (zu Deutsch »Reinigungsort«, volkstümlich »Fegefeuer«), sondern der sogenannte »limbus«. Der »limbus« war nach offizieller Lehrmeinung eine Art Warteraum. Die Seelen von ungetauften Babys wanderten nach dem vorzeitigen Tod der kleinen Wesen zunächst in den »limbus«, wo sie bis ans Ende der Zeit ausharren mussten. Nachdem der Vatikan den »limbus« für nicht existent erklärt hat, gelangen die unschuldigen Babyseelen sofort ins Paradies. Nach der mittelalterlichen Vorstellung harrten in diesem Wartezimmer auch jene guten Menschen, die vor Christi Geburt lebten.

Im 1992 veröffentlichten Katechismus der katholischen Kirche suchte man nach dem »limbus« bereits vergeblich. Kardinal Joseph Ratzinger hatte bereits vor seiner Wahl zum Papst (anno 2005) die Vorhölle als »nur eine theologische Hypothese« bezeichnet und empfohlen, den Glauben daran abzulehnen. Ein Gremium von Theologen unter Leitung des Erzbischofs von Dijon Roland Minnerath folgte diesem Ansinnen und erklärte den mittelalterlichen Glauben im Frühjahr 2007 für obsolet. Am 20. April 2007 verkündete Papst Benedikt XVI. das Ende des »limbus«.

Foto 6: Flugblatt in Sachen Luther-Thesen

Zurück zu den Diskussionen in Lutheranerkreisen. Zur Sprache kam auch das damals in Deutschland so gut wie unbekannte »Halloween«. Am 31. Oktober gedenkt man doch der lutherischen Reformation und des heldenhaften Martin Luther, der anno 1517 am Abend vor Allerheiligen seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hat! Und zwar just zum Themenbereich »Ablass und Buße«. Inzwischen wird in der Wissenschaft die schöne Geschichte von den Thesen an der Kirchentür stark angezweifelt. Und wenn sie tatsächlich erfolgt sein sollte, hat damals die allgemeine Bevölkerung nichts davon mitbekommen. Nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung war des Lesens kundig. Und Laien verstanden mit Sicherheit nicht Luthers Ausführungen, denn die waren in Latein verfasst.

Mit Abscheu blickte man auf den »amerikanischen« Brauch »Halloween« herab, der womöglich das altehrwürdige Reformationsfest beschmutzen könne. Damals stand freilich »Halloween« noch nicht vor Deutschlands Türen. Erst anno 1978 kam der Film »Halloween – Die Nacht des Grauens« von John Carpenter bei uns in die Kinos. Das Horrorspektakel war so erfolgreich, das nach und nach eine ganze Filmreihe daraus wurde. Immer wieder wurde auf der Leinwand in der Halloweennacht gemetzelt und gemordet.

Foto 7: John F. Kennedy. Foto Walter Langbein sen.

Was bei meinen lutherischen Mit-Studenten besondere Empörung auslöste, das war der »heidnische Ursprung dieses bösen Spuks«, wie es ein Professor der Kirchengeschichte formulierte. Nicht bedacht hat der gelehrte Mann freilich, dass so manch‘ vermeintlich urchristliches Glaubensgut ersten Ranges heidnische Wurzeln hat. So geht die christliche Lehre der Dreifaltigkeit auf sehr viel ältere und heidnische Götter-, ja gar Göttinnen-Triaden zurück! Woher aber kommt der »Halloween«-Brauch? Hat er auch heidnische Wurzeln?

Der amerikanische Brauch, zum »Halloween«-Fest Kürbisse aufzustellen, geht auf altes Brauchtum in Irland zurück. Allerdings höhlte man da Rüben aus, schnitzte Gesichter hinein und beleuchtet die kleinen Kunstwerke von innen mit einer Kerze. Man stellte sie vor Häuser und Stallungen, um böse Geister abzuschrecken. Irische Auswanderer nahmen den Brauch mit in die USA. Man stieg allerdings von Rüben auf Kürbisse um. In den USA ist »Halloween« längst zum Gaudium ohne tieferen Hintergrund geworden. Evangelikale Christen lehnen entsetzt »Halloween« als okkultes Teufelswerk ab.

James Frazer erklärte, dass sich da (1) »ein altes heidnisches Totenfest unter dünner christlicher Hülle verbirgt«. Sein Opus »The Golden Bough« (»Der Goldene Zweig«) erschien 1906 bis 1915 in zwölf Bänden. Auch die altehrwürdige »Encyclopaedia Britannica« führt das christliche Allerheiligen auf ein heidnisches Halloween zurück. Das »Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens« erkennt ein keltisches Totenfest als Ursprung von »Allerheiligen«.  So verwirrend die vielfältigen Thesen auch sind, mir leuchtet am ehesten ein, dass die Kelten eine Rückkehr der Toten aus der Welt der Geister für möglich hielten, ja befürchteten. Zum Sommerende wurde das Vieh von den Weiden in die heimischen Ställe zurück geholt. Und die Totengeister machten sich auf den Weg zurück in ihre einstigen Heime. Wollten sie nur noch einmal sehen, wo sie zu Lebzeiten gehaust hatten, bevor sie in die jenseitige Welt schritten? Wollten sie nur beobachten? Wollten sie sich still verabschieden oder doch die »lieben Nachkommen« piesacken? Offenbar waren sie keine willkommenen Gäste.

Foto 8: Präsident John F. Kennedy. Foto W. Langbein sen.

Feuer auf Berggipfeln wurden entzündet (2), um  böse Totengeister zu vertreiben. Und wenn sie es doch bis vor die Haustüre schafften? Dann trugen die Menschen Masken und Verkleidungen, um von den Verblichenen nicht erkannt zu werden. Ausgehöhlte Rüben, später Kürbisse mit fratzenhaften Gesichtern, scheinbar glühenden Augen und Mündern – ob sie wirklich Totengeister mit bösen Absichten fernhalten?

Foto 9: Präsident John F. Kennedy. Foto W. Langbein sen.

Ich erinnere mich jedenfalls an den 31. Oktober 1963, an die Halloweenkürbisse der Familie Langbein, an die Verkleidungen von uns Buben, an unsere Halloweenstreiche und reiche Ausbeute an Süßigkeiten. 

Und ich erinnere mich an den 22. November 1963, an den Tag, als der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika an der Dealey Plaza gegen 12 Uhr 30 Ortszeit ermordet wurde. Wenige Monate zuvor war mein Vater im Weißen Haus vom Präsidenten persönlich empfangen worden.

Fußnoten

1) »The New Golden Bough/ A new abridgement of the classic work by Sir James Frazer, edited, and with notes and foreword by Dr. Theodor H. Gaster«, New York 1959, S. 630, Zeilen 15 und 16 von unten. Im englischen Original: »… under a thin Christian cloak conceals an ancient pagan festival of the dead.
2) ebenda, S. 629-632: »Hallowe’en Fires«

Zu den Fotos

Foto 10: Präsident John F. Kennedy. Foto Walter Langbein sen.

Foto 1: Halloween 1963. Rechts im Bild - Verfasser Walter-Jörg Langbein. Links daneben in gestreifter Hose - Volker Langbein. Dahinter: Mutter Herty Langbein.
Foto 2 Martin Luther in einem Gemälde von Lucas Cranach d.Ä. 1528. Foto wiki commons
Foto 3: Fegefeuer-Darstellung,  Marienmünster, Diessen, Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Fegefeuerdarstellung, etwa 1419, Legenda Aurea, Foto wikimedia commons/ Aodh 
Foto 5: Fegefeuerdarstellung im Vorraum der Kirche von Reichersdorf. Foto Heidi Stahl
Foto 6: Flugblatt in Sachen Luther-Thesen, 16. Jahrhundert, Archiv Langbein
Fotos 7-10:  Präsident John F. Kennedy. Foto/copyright Walter Langbein sen./ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Mein Vater Walter Langbein sen. wurde von Präsident John F. Kennedy persönlich empfangen. Foto privat. Copyright Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Mein Vater im Garten des Weißen Hauses
335 »Spurensuche«,
Teil 335 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 19.06.2016


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Sonntag, 5. Juni 2016

333 »Der Schrei der Banshee«

Teil 333 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Mauer von Kuelap

Archäologie-Student Werner Kaiser (1) will in den Anden Nordperus in der mysteriösen Stadt der Wolkenmenschen, Kuelap, einen Spuk erlebt haben. Ich bat um möglichst viele Einzelheiten und hielt die Zeugenaussage Kaisers schriftlich fest.

Die Erscheinung glich nach den Aussagen Kaisers einer Mumie der Chachapoyas, wie sie in verschiedenen Gräbern in Felssteinwänden vorgefunden wurden.

»Das Ding war in ein arg verschlissenes, zerfetztes, sich seit Jahrhunderten auflösendes Tuch gewickelt. Man sah die Füße des Skeletts, auch die knöchernen Hände. Der Schädel flößte mir besonders intensive Angst ein. Das Maul der Kreatur war unnatürlich in die Länge verzerrt und weit geöffnet. Der Schädel war weiß, die Zähne ähnelten denen eines Raubtiers oder Vampirs. Fast perückenhaft wirkte dass rotbraune Haar.«

Foto 2: Zwei Mumien vom Chauchilla-Friedhof.

Ganz ähnliche Mumien-Skelette habe ich zu Dutzenden auf dem Friedhof von Chauchilla gesehen. Entdeckt wurde der Friedhof angeblich erst in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Genutzt wurde er mindestens seit dem späten zweiten nachchristlichen Jahrhundert. Vermutlich wird das riesige Areal unweit der legendären Ebene von Nazca auch heute noch von Grabräubern heimgesucht. Das anrüchige Gewerbe wird dort wohl schon seit vielen Jahrhunderten praktiziert. Man sucht nach Gräbern, zerrt die Mumien heraus und hofft, dass ihnen wertvoller Schmuck aus Gold auf die Reise ins Jenseits mitgegeben wurde. Vermutlich wurden zigtausende Mumien zerhackt. Wer über den Friedhof geht, muss erkennen, dass der Boden über Quadratkilometer übersät ist mit kleinen und größeren Knochensplittern. In Löchern hocken für uns Besucher Mumien. Oft steckt der gesamte Leib der Toten in einer sackartigen Hülle, auf die man den Schädel gesetzt hat. Prägnant sind die rotbraunen Haare der Mumien.


Foto 3: Schrei der Mumie.
Am »krassesten«, so Werner Kaiser, sei der laute, schmerzhafte, schrille Schrei gewesen. »Wie lange das entsetzliche Geräusch zu hören war, das weiß ich nicht mehr. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Ich denke aber, es waren eher nur einige Sekunden als Minuten!« Als wir uns schließlich verabschiedeten, raunte mir Werner Kaiser zu: »Plötzlich spürte ich, dass ich mich wieder regen konnte. Obwohl es schon recht düster war, rannte ich wieder der Blitz aus Kuelap und den steilen, schmalen Weg hinab. Als ich schon ein ganzes Stück zurückgelegt hatte, legte ich eine Verschnaufpause ein.« Angeblich habe er dann aus der Distanz erneut den grellen Schrei gehört – und seit weiter bergab gerannt, bis er völlig erschöpft an seinem Leihwagen ankam.

Wahrheit oder Fiktion, erlebte unheimliche Wirklichkeit oder blühende Fantasie? Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Schon vor Jahrzehnten hörte ich auf einer ausgedehnten Englandreise mehrfach vom Schrei der Banshee. Der soll auch durch Mark und Bein gehen! In England erzählte man mir bei meinen Recherchen in Sachen Mysterien unseres Planeten von Banshee, einem weiblichen Geist. Der Name leitet sich vom Irisch-Gälischen »bean sí«, zu Deutsch »Frau aus den Hügeln« ab. Nach altem keltischen Volksglauben, der in Irland noch recht lebendig ist, stammt sie aus dem »Feenreich«, als Geisterfrau könne die Banshee zwischen der Anderswelt der Toten und der Welt der Lebenden pendeln.

Das »Lexikon der keltischen Mythologie« verrät uns (2): »Ihr Rufen, das den Menschen die Haare zu Berge stehen und sie die unendliche Einsamkeit verspüren läßt, ertönt oft nur dreimal, manchmal dauert es jedoch die ganze Nacht an. Distanzen sind für sie gegenstandslos; in vielen Beispielen kündet sie den Tod von Verwandten in Amerika oder Australien an.«

Foto 4: Banshee. Darstellung aus der Zeit um 1825.

Banshees werden noch heute in Irland und Schottland als Todesbotinnen angesehen. Ihr Schrei wird unterschiedlich, oft als schrill und kreischend, beschrieben. Der Mumien-Geist von Kuelap mag ganz ähnlich geklungen haben, hatte aber rein äußerlich überhaupt nichts mit einer Banshee gemeinsam. Ich darf noch einmal das »Lexikon der keltischen Mythologie« zitieren (3): »In der Volkskunde gehört sie zu den bestbeschriebenen Figuren: Sie zeigt sich als ›kleine Alte‹, in weißen oder roten Gewändern, zuweilen rot beschuht. Ihr prächtiges Haar, ob weiß, golden, braun oder rot, trägt sie lang und lose und kämmt es mit einem goldenen oder silbernen Kamm.«

Zur Todesbotin wurde die Banshee freilich erst in christlicher Zeit. Ursprünglich war sie eine Göttin. Verehrt wurde sie von den »Tuatha Dé Danann« in Irland. Der Name des mysteriös-mythisch-legendären Volks lässt sich mit »das Volk der Göttin« übersetzen, was auf matriarchalische Ursprünge hinweist. Die Menschen vom »Volk der Göttin« sollen aus den »nördlichsten Inseln der Welt«, nach anderen Quellen aus Griechenland stammen.

Die Wurzeln der Banshee aufzuspüren, das ist nicht leicht. In der Sagenwelt wurde Banshee zu einem Gattungsbegriff, es gab nicht eine, sondern viele Banshees. In manchen Volkslegenden wird jeder Familie eine eigene Banshee zugeordnet. Banshees tauchen immer dann auf, wenn ein Familienmitglied bald sterben wird. Die Banshees haben als Königin Áine, die irische Muttergöttin. Über Áine verrät uns das »Lexikon der keltischen Mythologie« einiges (4):

»Im Irischen bedeutet ›Áine‹ ›Helligkeit‹, ›Hitze‹, ›Geschwindigkeit‹ und tritt sowohl als weiblicher als auch männlicher Name in der irischen Sage auf, was auf eine (vor)keltische Sonnengöttin und den keltischen Sonnengott schließen läßt, die täglich mit Pferd und Wagen, als Reiter beziehungsweise Reiterin … den Himmelsraum durchmessen.«

Offensichtlich waren die weibliche und der männliche Áine so tief im keltisch-irischen Volksglauben verwurzelt, so dass beide lange der Christianisierung trotzten. Da die beiden nicht offiziell abgeschafft werden konnten, durften sie weiterleben (5): »Die Christianisierung ließ dem Sonnengott Áine die Stellung als Stammvater der Eóganacht-Sippe, während die Göttin Áine zur Feenkönigin degradiert wurde.«

Foto 5: Die Keltin an der Kirchenwand.

Kurzer »Ausflug« in die Gegenwart: Auch heute noch gedenkt man kirchennah der keltischen Vergangenheit. Da gibt es zum Beispiel eine sehr schöne Grabstele mit Medaillon und Reliefbüste einer keltischen Frau aus alten Zeiten. Wo? An der Apsis der Filialkirche in Lendorf, im 14. Bezirk »Wölfnitz« der Landeshauptstadt Klagenfurt, Kärnten, Österreich. Wer Keltisches im Christlichen sucht, wird fündig: Göttin Danu bildete zusammen mit Brigid und Anu eine weibliche Dreifaltigkeit. Die drei keltischen Göttinnen kann man als drei Seiten der weiblichen Schöpfungskraft verstehen, oder als Pendent zur Trinität der christlichen Theologie.

»Tuatha Dé Danann« lässt sich, wie gesagt, »das Volk der Göttin« übersetzen. Es geht aber konkreter: »Volk der Göttin Dana/ Danu«. Danu (moderner Dana) war die große göttliche Urmutter, von der alle Lebewesen abstammen. Urmutter alles Lebenden war, was heutige Bibel-Übersetzungen leider verbergen, auch Eva. Ich darf aus meinem Buch »Als Eva noch eine Göttin war« (6) zitieren:

Foto 6 Als Eva noch eine Göttin war

»Die Hoffnung für Alle-Ausgabe der Bibel versucht dem Laien den Zusammenhang zu verdeutlichen, indem eine Übersetzung von Eva angeboten und in Klammern eingefügt wird: ›Adam gab seiner Frau den Namen Eva (›Leben‹), denn sie sollte die Stammmutter aller Menschen werden.‹

Eva, so meint der Laie verstehen zu müssen, heißt also Leben. Und weil Eva die ›Stammmutter aller Menschen‹ wurde, nannte ihr Mann Adam sie in prophetischer Weitsicht ›Eva‹, eben ›Leben‹. Die tatsächliche Brisanz des Textes geht allerdings in sämtlichen Übersetzungen verloren. Im hebräischen Original steht nämlich, wortwörtlich ins Deutsche übertragen: ›Und der Mann nannte seine Frau Eva, denn sie war die Mutter aller lebenden Dinge/ alles Lebendigen.‹

Im Originaltext ist Eva nicht nur Stammmutter aller künftiger Menschen, sondern alles Lebendigen: und das sind nach uralter Vorstellung die Pflanzen, die Tiere, die Menschen – und die Götter. Eva erhält also ihren Namen, weil sie als wirkliche Urmutter von Tieren, Menschen und Göttern und nicht nur von den Menschen angesehen wurde!«

Fußnoten

1) Name vom Verfasser geändert, strikte Vertraulichkeit wurde vereinbart und bleibt gewahrt.
2) Botheroyd, Sylvia und Paul F.: »Lexikon der keltischen Mythologie«, München 1992, S. 36, linke Spalte, Zeilen 15-21 von oben (Rechtschreibung wurde in Zitaten unverändert übernommen, also ß statt ss!)
3) ebenda, Zeilen 8-14
4) ebenda, Seite 13, Artikel »Áine«
5) ebenda, Seite 13, Artikel »Áine«
6) Langbein, Walter-Jörg: »Als Eva noch eine Göttin war«, Großgerau, Oktober 2015,
Foto 7

Zu den Fotos:

Foto 1: Die Mauer von Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Zwei Mumien vom Chauchilla-Friedhof. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Schrei der Mumie. So soll die Spukerscheinung ausgesehen haben.
Das Foto zeigt zur Veranschaulichung eine Mumie aus dem Friedhof von Chauchilla, Peru. Das Foto wurde bearbeitet, um der Schilderung Werner Kaisers besser zu entsprechen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Banshee. Darstellung aus der Zeit um 1825. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die Keltin an der Kirchenwand. Foto wikimedia commons/ Johann Jaritz
Foto 6 Als Eva noch eine Göttin war, Buchcover. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7 Adam und Eva um 1550 gemalt/ wiki commons (rechts)


334 »Halloween und der Mord an John F. Kennedy«,
Teil 334 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         

von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 12.06.2016


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