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Sonntag, 20. September 2015

296 »Maria und andere Göttinnen«

Teil 296 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die heidnische Vorgängerin der Maria von Guadalupe war die Göttin  Tonantzin der Azteken. Tonantzin trug den Beinamen  »Unsere Heilige Mutter«. Maria von Guadalupe wird auch heute noch in der Nahuatl-Sprache »Tonantzin« genannt. Professor Sandstrom weist darauf hin, dass viele Nachkommen der Azteken Maria von Guadalupe für die zurückkehrende Tonantzin gehalten haben.

Tonatiuh war ein Sonnengott der Azteken, seine Mutter war Tonantzin. Ihr wurden keine blutigen Tieropfer, sondern  Blumen und Früchte dargeboten.  Eine gravierende Änderung hat es aber gegeben! Die aztekische Gottheit Tonantzin wurde als Göttin der Fruchtbarkeit verehrt, sie wurde als »Schlangen-Erd-Gottheit« bezeichnet.

Antike Darstellungen von Himmelsköniginnen. Eurynome links außen.

Der christlichen Maria aber wurde das Attribut der »Schlangenzertreterin« beigeordnet. Aus der positiv bewerteten Schlange wurde das böse Reptil der Sünde. Interessant ist, dass die Gottesmutter als »Schlangenzertreterin« tituliert wird, während doch im Christentum Jesus als der Sohn Gottes beschrieben wird, der der Schlange (dem Teufel) den Kopf zermalmt.

Bleiben wir beim Alten Testament. Da gibt es ein pikantes Detail: Göttin Eurynome schwebte über dem Wasser, so wie dies der »Geist Gottes« gleich zu Beginn des ersten Buches Mose tut (1). Im hebräischen Text steht für »Geist Gottes« ruach. Ruach ist eindeutig weiblich.  Als Eurynome über dem Wasser flog, hatte sie die Gestalt einer Taube, genau wie der weibliche (!) »Heilige Geist« Gottes, als er vom Himmel herabstieg, um sich auf Jesus zu legen. Im weiblichen »Geist Gottes«, also im »Heiligen Geist«, lebt die Erinnerung an die Schöpfergöttin Eurynome weiter.
    
Muttergottes, Bad Tölz
Zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus wird im Volksglauben zusehends der »Heilige Geist« von Maria, der Mutter Jesu, verdrängt. Maria trägt inzwischen den Ehrentitel »Regina Coeli«, »Himmelskönigin«. Der Glaube an die »Himmelskönigin« ist allerdings weit älter als das Christentum!
    
Die Ostkirche zelebrierte bereits im fünften Jahrhundert nach Christus die leibliche Aufnahme der Mutter Jesu in den Himmel. Vermutlich schloss sich die Westkirche im siebten Jahrhundert an und feierte ebenfalls am 15. August die Himmelfahrt Marias. Seit vielen Jahrhunderten wird Maria als »Himmelskönigin« angebetet... so wie Jahrtausende zuvor die babylonische Ischtar, die mit der sumerischen Inanna identisch war. Ischtar alias Inanna wurde als die mächtigste und wichtigste Göttin angesehen. Sie schenkte der Erde die Fruchtbarkeit. Sie war für das Gedeihen der Pflanzen ebenso wie der Tiere zuständig... und für den menschlichen Nachwuchs.
    
Der Ursprung dieser Göttin liegt wohl in frühesten mythischen Zeiten, als der höchsten Gottheit männliche und weibliche Eigenschaften zugesprochen wurden. Immer wieder begegnet uns der »Drachen«, der ja eigentlich die göttliche Schlange war...  seit uralten Zeiten. Mythenspezialist Dr. phil. Andreas Gößling, studierter Literaturwissenschaftler und Autor eines Buches über »Drachen«, sieht die Schlange als zentrale Gestalt der vorbiblischen Glaubenswelt (2): »Sie (die Schlange) ist das älteste Symbol und Geisttier der matriarchalen Großen Göttin vieler Kulturen. Die Schlange steht für den Anbeginn der Schöpfung, als die Kreaturen noch nicht in männlich und weiblich geschieden waren. Später wurden die von der Schlange repräsentierten Attribute der matriarchalen Göttin (Heilkraft, Fruchtbarkeit, Wandelbarkeit) teils dämonisiert (etwa im Schlangenhaar der schrecklichen Medusa), teils in den männlichen Götterhimmel integriert (Schlangenstab des Heilgottes Äskulap).«
    
Als »Morgenstern« verband man die Göttin mit der Sonne (männlich), als »Abendstern« mit der Venus (weiblich). Maria, die Himmelskönigin des Christentums, wird seit vielen Jahrhunderten oft zusammen mit der Mondsichel dargestellt. Salomo, der Weise aus der Bibel, verehrte verbotener Weise die Göttin. Als »Himmelskönigin« Maria darf sie auch heute noch offiziell verehrt, im Gebet angerufen werden.
    
Offenbar war die Sehnsucht der Gläubigen nach einer Göttin bei den frühen Christen so groß, dass sie nach einem erlaubten »Ersatz« für verbotene »heidnische« Göttinnen suchten. Und auch nach fast zwei Jahrtausenden männlich dominierter Kirche bleibt die »Himmelskönigin« im christlichen Gewand mächtig. So wurde zwar die Göttin von einst zum Teufel gemacht, aber ihm Marienkult kehrt die Göttin wieder.
    
Himmelskönigin.. Bad Tölz
Die offizielle christliche Theologie bekämpfte den uralten Glauben an die Himmelskönigin. Der Volksglauben aber mochte nicht auf die große Himmlische verzichten. So wurde, nachdem die einstige Göttin Eva erniedrigt worden war, Maria in den Himmel gehoben. Spätestens seit dem 6. Jahrhundert lässt sich eine angebliche »Himmelfahrt Marias«, für die es keinen biblischen Beleg gibt, im christlichen Brauchtum nachweisen. Erst 1950 erklärte Papst Pius XII. Mariens Himmelfahrt für die römisch-katholische Kirche zum Dogma. Vier Jahre später ging der »Heilige Vater« einen Schritt weiter. Am 11. Oktober 1954 führte Papst Pius XII. per Enzyklika »Ad coeli reginam« (zu Deutsch »Über die Königin des Himmels«) einen neuen Gedenktag ein: »Maria, Königin des Himmels«. Am 31. Mai konnte die gesamte katholische Glaubenswelt auf päpstliche Anordnung wieder eine »Himmelskönigin« verehren. Fünfzehn Jahre später wurde das Fest auf den 22. August verlegt.

Papst Pius XII. erhob Jesu Mutter nicht nur in den Stand einer Himmelskönigin. Er machte sie, ohne dass es dafür auch nur die Spur eines Hinweises in der Bibel gibt, zur »Miterlöserin«. Aus streng katholischer Sicht ist diese »Beförderung« Mariens allerdings ketzerisch, soll doch Jesus allein der Erlöser sein, nun bekommt er aber eine »Miterlöserin« zur Seite gestellt. Daran lässt »Ad coeli reginam« keinen Zweifel aufkommen (3):
    
»Es ist sicher, dass Jesus Christus als alleiniger Gott und Mensch im vollen, eigentlichen und absoluten Sinn König ist; dennoch nimmt auch Maria an seiner königlichen Würde teil, obschon in einer begrenzten und analogen Weise, da sie die Mutter Christi ist, der Gott ist, und weil sie als Miterlöserin dem Werke des göttlichen Erlösers beigegeben ist in seinem Kampf gegen die Feinde und in seinem Triumph, den er über sie alle davontrug.«
    
Himmelskönigin von Caacupé
Man mag über die päpstliche Enzyklika und ihren tieferen Sinn diskutieren wie man will. Aber es ist unbestreitbar, dass in »Ad coeli reginam« Maria zur »Miterlöserin« und »Himmelskönigin« erklärt wird. So heißt es auch im »Katechismus der katholischen Kirche« (4): »Schließlich wurde die unbefleckte Jungfrau, von jedem Makel der Erbsünde bewahrt, nach  Vollendung des irdischen Lebenslaufs mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen und als Königin des Alls vom Herrn erhöht, um vollkommen ihrem Sohn gleichgestaltet zu sein.«

Es kann eigentlich keinen Zweifel geben: Papst Pius XII. erklärte im Herbst 1954 ganz offiziell Maria, Jesu Mutter, zur Miterlöserin und erhob sie damit in göttlichen Status. Den Terminus der »Miterlöserin« verwendeten auch die Päpste Pius XI. (verstorben 1939), Paul VI. (verstorben1978) und Johannes Paul II. (verstorben 2005). Schon unzählige Theologen haben in den vergangenen Jahrzehnten gefordert, Maria endlich  mit einem offiziellen Dogma quasi ganz offen und kirchenamtlich zur »Miterlöserin« zu machen.

Am 11. Oktober 1962 eröffnete Papst Johannes XXIII. das Zweite Vaticanum in Rom. Das Konzil wurde nach dem Tode von Johannes XXIII von Papst Paul VI. fortgeführt und am 8.Dezember 1965 nach vier Sitzungsperioden und der Bekanntmachung von sechzehn Dekreten und Konstitutionen geschlossen. Zur großen Enttäuschung Hunderter von hochrangigen Würdenträgern wurde kein neues Dogma von der »Miterlöserin Maria« verkündet. Dabei  wurden von hoher theologischer Seite immer wieder entsprechende Schritte unternommen. Aber aus Rücksicht auf die protestantischen Glaubensbrüder kam es nicht zum Marien-Dogma. Im Vatikan setzte sich die Ansicht durch, eine Gleichstellung Marias mit dem göttlichen Jesus bedeute eine Vergöttlichung der Mutter Jesu.
    
Warum aber gilt nach wie vor eine »Miterlöserin Maria« bei vielen Christen und christlichen Theologen als Sakrileg? Stephen Benko war Professor an der »Temple University of Philadelphia« (Fachbereich Religion und Philosophie) und der »California State University Fresno« (Antike Geschichte). Mit seinen Büchern regte er vor allem in Theologenkreisen heftige Diskussionen aus.

Ischtar, einer der vielen Namen...
Benko, Spezialist für das frühe Christentum und dessen heidnisches Umfeld, geht streng wissenschaftlich zu Werke, wenn er die Quellen des Christentums erforscht. In seinen Werken (5) »The Virgin Goddess: Studies in the Pagan and Christian Roots of Mariology« (Zu Deutsch etwa: »Die jungfräuliche Göttin: Studien über die heidnischen und christlichen Wurzeln der Marienkunde«) und (6) »Pagan Rome and the Early Christians« (Zu Deutsch etwa: »Das heidnische Rom und die frühen Christen«) verfolgt er die Spur Marias in die Vergangenheit. Und siehe da: Maria wird zur Himmelskönigin, so wie Artemis, Astarte, Celeste, Ceres, Cybele, Demeter, Diana, Ischtar, Isis und Selene in der heidnischen Welt himmlische Muttergöttinnen waren. Lange vor den frühesten Zeiten des Christentums wurden im Mittelmeerraum Muttergöttinnen als Himmelsgöttinnen verehrt.

Im »Katechismus der katholischen Kirche« (7) heißt es: »Wir glauben, dass die heiligste Muttergottes, die neue Eva, die Mutter der Kirche, im Himmel ihre Mutterschaft an den Gliedern Christi fortsetzt.« Vermutlich wussten die Verfasser des aktuellen katholischen Katechismus gar nicht, wie zutreffend ihre Aussage ist: Maria ist tatsächlich eine zweite Eva, aber das ganz im heidnischen Sinne: die Himmelskönigin in neuem, christlichen Gewand! Stephen Benko: »Ich stelle fest, dass es eine direkte, ungebrochene und klar erkennbare Verbindung gibt zwischen den Kulten der antiken Göttinnen bis hin zur Verehrung und dem daraus entsprungenen Kult der Jungfrau Maria.«

Die Muttergöttin Eva wurde im »Alten Testament« der Bibel zur menschlichen Sünderin, die sich vom Teufel verführen lässt. Als christianisierte Himmelsgöttin Maria kehrt sie zurück. Und, das wage ich zu prognostizieren, sie wird auch noch ganz offiziell zur »Miterlöserin«, neben Christus, quasi als Ersatz für den für viele Zeitgenossen unbegreifbaren »Heiligen Geist«.

Nach Vorträgen über die uralte Geschichte der Göttin erntete ich nicht nur Lob, sondern auch Kritik. Es sei unzulässig, ja ein Sakrileg, die Gottesgebärerin, die Himmelskönigin mit heidnischen Göttinnen zu vergleichen oder gar gleichzusetzen. Wiederholt bekam ich zu hören, dass es das Werk des Teufels sei, der Jahrtausende vor Christus den Menschen Trugbilder von Göttinnen zeigte, die er Böse just so gestaltete, dass sie der Himmelskönigin Maria ähnelten. Auf diese Weise wollte der Teufel, infam wie er war, im Voraus den wahren Glauben an Maria angreifen. Ich sehe mich aber nicht als Ketzer. Dieses Kompliment darf ich nicht annehmen. Für mich gibt es das zeitlose Heilige auch schon lange vor Jesu Zeiten. Wir sollten versuchen eine erhabene Wahrheit zu erkennen, die sich nicht konfessionell einengen lässt. Dieses mit dem Verstand nicht zu erfassende Ewige hat viele Namen. Eurynome, Ischtar, Inanna, Tonantzin und Maria sind nur verschiedene Namen.

Hoffnung macht, dass das Haus der Maria heute sowohl von Christinnen als auch von Frauen muslimischen Glaubens besucht wird. Gemeinsam beten dort Menschen unterschiedlichster Glaubensrichtungen, friedlich nebeneinander. Dieses Gemeinsame wollen wir betonen, dann haben fundamentalistische Hitzköpfe jeglicher Ausrichtung keine Chance!

Eine der vielen Mariendarstellungen von Bad Tölz

Die schönen Darstellungen der Maria in der altehrwürdigen Stadtkirche zu Bad Tölz, der heutige Bau entstand 1466, sind der Versuch das unfassbare Erhabene darzustellen. Ich habe das Gefühl, dass wir im »christlichen Abendland« wieder mehr Respekt haben sollten… angesichts unserer eigenen Wurzeln. Mag es für manche vermeintlich fortschrittlich-multikulti-»denkenden« Zeitgenossen auch befremdlich sein… Aber das Christentum gehört zu Deutschland!


Schlangen auf einer Münze von Ephesus...
Fußnoten

(1) 1. Buch Mose, Kapitel 1, Vers 2
(2) Langbein, Walter-Jörg: »Als Eva noch eine Göttin war«, Manuskript
(3) »Ad coeli reginam«, »Die göttliche Mutterschaft - Grundlage des Königtums«, Paragraph 39
(4) »Absatz 6: Maria – Mutter Christi, Mutter der Kirche« (Artikel 9, Absatz 6/ 966)
(5) Benko, Stephen: »The Virgin Goddess/ Studies in the Pagan and Christian 
     roots of Mariology«, Brill 2004 (Eine deutsche Übersetzung liegt meines
     Wissens nach nicht vor!)
(6) Benko, Stephen: »Pagan Rome and the Early Christians«, Indiana University Press; Reprint edition, July 22, 1986 (Eine deutsche Übersetzung liegt meines   
     Wissens nach nicht vor!)
(7) Artikel 9, Absatz 6/ 975

Zusätzlich zur Lektüre empfohlen:

Benko, Stephen: »Protestanten, Katholiken und Maria. Eine kritische
     Darstellung der röm.-kath. Und der protestantischen Kirche zur Mariologie«,  
     Hamburg 1972
Derungs, Kurt: »Magische Stätten der Heilkraft/ Marienorte mythologisch neu
     entdeckt/ Quellen, Steine, Bäume, Pflanzen«, Grenchen 2006
Lüdemann, Gerd: »Das Judas-Evangelium und das Evangelium nach Maria/
     Zwei gnostische Schriften aus der Frühzeit des Christentums«, Stuttgart 2006
Lüdemann, Gerd: »Jungfrauengeburt?/ Die wirkliche Geschichte von Maria
     und  ihrem Sohn Jesus«, Stuttgart 1997

Zu den Fotos…

Antike Darstellungen von Himmelsköniginnen. Eurynome links außen. Foto wiki commons
Muttergottes, Bad Tölz, Foto Walter-Jörg Langbein
Cover Andreas Gößling, Foto amazon/ Verlag
Himmelskönigin, Bad Tölz, Foto Walter-Jörg Langbein
Himmelskönigin von Caacupé, Paraguay, Cargale-Vittorio Giardini
Ischtar, einer der vielen Namen...Foto wiki commons
Eine der vielen Mariendarstellungen von Bad Tölz 
Schlangen auf einer Münze von Ephesus, 4./5. Jahrhundert vor Christus, Foto Walter-Jörg Langbein

297»Riesige Scharrzeichnungen geben Rätsel auf!«,
Teil 297 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 27.09.2015


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Sonntag, 14. September 2014

243 »Das Geheimnis der Schatzhöhle«



Teil 243 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 14.09.2014

Der Götterberg grüßt aus der Ferne. Foto Walter-Jörg Langbein

Unternehmen wir gemeinsam in Gedanken eine Zeitreise, und zwar in das Jahr 100 vor unserer Zeitrechnung. Zusammen mit einem bärtigen Kelten erklimmen wir den mehreren Meter hohen Wall der »Keltenschanze«, die man später »Herlingsburg« nennen würde. Es ist ein klarer Frühlingstag, die Sicht ist ausgesprochen gut. Am Horizont sieht man den »Götterberg«, der gut zwei Jahrtausende später den verballhornten Namen »Köterberg« tragen wird. Voller Ehrfurcht, ja durchaus nicht ohne Angst, deutet unser Kelte in Richtung Köterberg.

Auch wir blicken zum fernen Berg. »In ferner Zukunft wird man auf diesem Berg ein großes Haus errichten!«, erklären wir dem kriegerischen Kelten. Der nickt zustimmend. »Den Göttern ist nichts unmöglich!«  Wir sprechen weiter: »In diesem Haus werden viele, viele Menschen wohnen! Jeder wird ein eigenes Zimmer haben, mit einem Bett, würdig eines Königs. Alle Zimmer sind durch  dünne Wände verschlossen, durch die man hindurch blicken kann, die aber den kalten Wind fern halten!«

Der Kelte wird jetzt etwas nachdenklich. »Auch das mag den Göttern möglich sein!« Wir sprechen weiter, berichten von einer Zaubermaschine, die in bitterster Kälte Wärme schafft, von einem magischen Apparat, der in glühender Sommerhitze für angenehme Kühle sorgt, von einer auf Wunsch sofort sprudelnden Quelle, die sauberstes Wasser liefert, von einem seltsamen Thron, auf dem man nicht ruht, sondern seine Toilette erledigt und der die Hinterlassenschaften mit sprudelndem, glasklaren Wasser verschwinden lässt.

Der »Zauberturm« auf dem Götterberg. Foto W-J.Langbein

Auch das alles mag »unser« Kelte den Göttern noch zutrauen. Wie aber mag er reagieren, wenn wir von einem Kasten sprechen, der uns lebende Bilder zeigt, aus aller Welt, von Menschen in fernsten Erdteilen, deren Stimmen wir aber deutlich vernehmen. Und was wird er sagen, wenn wir von einem riesigen Turm auf dem »Götterberg« fabulieren, der Bilder aus aller Welt einfängt und im Zauberkasten nebst Tonzauber erscheinen lässt? Ob er das seinen Göttern zutraut?

Kehren wir in die Gegenwart zurück. Wir stehen anno 2014 auf dem Rest eines Walls der »Keltenschanze«. Am Horizont sehen wir ganz deutlich das Hotel auf dem Berg, in dessen Zimmern jene märchenhaften Dinge zur Verfügung stehen, die dem Kelten vor 2100 Jahren wie göttliches Zauberwerk erschienen wären. Daneben ragt der Fernsehturm empor, nicht gerade ein Schmuckstück in der Natur.

Blick von der Herlingsburg auf den Götterberg. Fotos W-J.Langbein

Für uns heute sind Fernsehapparat, Klimaanlage, Heizung, Fensterscheibe, Waschbecken und WC alles andere als Wunderwerke, sondern Alltag. Vor 2100 Jahren mag ein Kelte derlei »Zauberei« selbst den Göttern vom Berg nicht zugetraut haben. Andererseits waren für »unseren« Kelten Sagengestalten und Märchenwelten feste Bestandteile der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit der einen mag anderen als fantastische Fantasie erscheinen … und umgekehrt. Beim Studium unserer Vergangenheit habe ich gelernt, Fantastisch-Märchenhaftes nicht voreilig als Hirngespinste abzutun. Wir verhalten uns womöglich dem überlieferten Wissen unserer Vorfahren nicht anders gegenüber als ein Kelte vor 2100 Jahren heutiger Alltagstechnologie begegnen würde.

Bei meiner Wanderung um die Herlingsburg genoss ich den Blick ins Tal mit dem – künstlich angelegten – Schiedersee, wo ein Schaufelraddampfer gemächlich seine Runden zog. In der Ferne ging ein Specht hämmernd seinem anstrengenden Tagwerk nach. Die Atmosphäre ist zauberhaft. Die märchenhafte Stille ist erholsam in unserer hektischen Zeit.

Blick ins Tal von der Herlingsburg
aus. Foto W-J.Langbein

Nicolaus Schaten, ein Theologe und Historiker, vermeldet im 17. Jahrhundert, Karl der Große höchstselbst habe die Herlingsburg besichtigt. Man habe ihm versichert, Hermann der Cherusker habe einst die Burg genutzt. Einer alten Sage zufolge, die vor Ort bei der Herlingsburg auf eine Schautafel nachgelesen werden kann, zogen sich Hermann alias Arminius und seine Kampfgefährten nach dem glorreichen Sieg über die Römer auf die Herlingsburg zurück. Wirklich Ruhe fand Hermann dort allerdings nicht! Schuld daran sollen die Zwerge gewesen sein, die damals im Berg hausten. Sie hüteten – wie ihre Artgenossen im Nibelungenlied – einen herrlichen Schatz.

Schautafel Herlingsburg. Foto Walter-Jörg Langbein

Ich zitiere die Schautafel von der Herlingsburg: »Eines Nachts bei Vollmond öffnete sich der Berg einen schmalen Spalt, gerade so weit, dass ein Mensch hindurch schlüpfen konnte. Im Mondlicht schimmerten Perlen, goldene Äpfel und viele andere Schätze. Hermann starrte gebannt auf die funkelnde Öffnung. Wie von fremder Hand gesteuert schlüpfte er durch den Spalt in den Berg hinein. So einen Schatz hatte er noch nie zu Gesicht bekommen: In den unterirdischen Gärten blühten Lilien aus Silber und Rosen aus Gold. Glitzernde Diamanten und rotglühende Rubine lagen fein säuberlich aufgeschichtet an den Wänden der Höhlen.

Berauscht wandelte Hermann durch die Gänge und vergaß, dass der Eingang sich wieder schließen könnte. Und so geschah es. Im Morgengrauen ließ ein Zauber der Zwerge die Öffnung verschwinden. Für eine unendlich lange Zeit.
Aber wer zur rechten Stunde genau an dieser Stelle steht, dem wird sich der Berg auftun. Er darf hinuntersteigen und sich von den Schätzen so viel nehmen, wie er mag. Und wer weiß: Vielleicht begegnet er dabei dem alten Hermann, der auf seine Rückkehr wartet.«

Hermann in der Herlingsburg?
Foto W-J.Langbein

 Wie sich doch die Bilder gleichen. Hermann, der Cherusker, kletterte in den Berg der Herlingsburg und wurde darin eingeschlossen, von gewaltigen Schätzen förmlich hypnotisiert.  Der Köterberg soll, so haben es die Gebrüder Grimm überliefert, in seinem Inneren gewaltige Schätze lagern. Eine »Jungfrau in königlicher Tracht« soll einst einen braven Schäfer ins Innere des Köterbergs geführt haben. Am Ende eines Ganges zeigte sie ihm eine schwere Eisentür. Mit Hilfe einer magischen Springwurz konnte der Schäfer die massive Tür öffnen. Tief im Bergschoß saßen zwei weitere Jungfrauen an Spinnrädern. Damit war eine »Jungfrauentriade« komplett, die uns an die uralten Göttinnen-Triaden erinnern. Der Schäfer durfte so viel Gold und Geschmeide aus dem Berg schleppen. Er möge aber das Kostbarste nicht vergessen. Das genau aber tat der Schäfer. Er stopfte sich die Taschen voll mit Gold und Silber, ließ aber die Springwurz bei den drei Jungfrauen auf dem Tisch liegen. Somit konnte er, nachdem er mit Kostbarkeiten den Berg verlassen hatte, nicht wieder zurückkehren!

Die Herlingsburg – offensichtlich eine uralte Wehranlage der Kelten – und der Staffelberg im schönen Oberfranken haben erstaunliche Gemeinsamkeiten zu bieten. Ob der Köterberg vor gut zwei Jahrtausenden auch Kelten angezogen hat? Im Berg der Herlingsburg, im Köterberg und im Staffelberg soll es unsagbar große Schätze geben. Ähnliche Überlieferung besagen, dass sich Felsspalten am Staffelberg wie am Berg der Herlingsburg auftaten und die gewaltigen Schätze zugänglich waren.


Der Staffelberg auf alter Ansichtskarte. Archiv Langbein

Fakt ist, Ausgrabungen haben das bewiesen: der Staffelberg in Oberfranken ist von Höhlen durchzogen, eine davon ist vom Plateau des Bergs bequem erreichbar. Am Rande des Plateaus muss man einige Meter gen Tal klettern und schon steht man vor dem Eingang der wenig anziehend wirkenden Höhle. Sie ist nur sehr kurz und wird anscheinend gern für »Picknicks« missbraucht und mit entsprechendem Abfall verunreinigt. Ich selbst war wiederholt in dieser Höhle. Meist herrschten recht unangenehmer Geruch (um das Wort Gestank zu vermeiden) und eine schwer zu beschreibende, auf mich bedrückend wirkende Atmosphäre.

In dieser Höhle kamen in meiner Jugend zwei Kinder ums Leben, sie wurden vom Blitz erschlagen. Die Kinder waren vor einem Unwetter in die Höhle geflohen, um Schutz vor dem Gewitter zu finden. Ein Loch in der Decke der Höhle kann von oben eingesehen werden. Um zu verhindern, dass jemand in dieses Loch fällt, wurde es mit einem Eisengitter umgeben. Der Blitz schlug in dieses Eisengitter und tötete die beiden Kinder, die unmittelbar darunter standen.

Blick auf den Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Riesenglück hatte im Juli eine 40-jährige Autofahrerin aus Lichtenfels. Auf der Suche nach ihrem 16-jäjhrigen Sohn fuhr sie im PKW auf das Hochplateau des Staffelbergs. Sie verlor ihrer Aussage nach im Starkregen die Orientierung, übersah die Kante des Abgrunds und stürzte zwölf Meter in die Tiefe. Nach freiem Fall blieb sie, im Auto angeschnallt, an einer Baumkrone zunächst hängen. Nach der »Mainpost« bog sich der Baum »wie eine Wippe bis zum Boden des Steinhangs«. Relativ sanft gelangte der PKW ins Unterholz, rollte noch etwa fünfzig bis sechzig Meter weiter und blieb stehen. Die Fahrerin löste den Sicherheitsgurt, zog die Handbremse an und ging, fast unverletzt, zu Fuß nach Hause. (1)

Im Inneren des Staffelbergs soll es eine Höhle geben, die Schätze unglaublicher Kostbarkeit birgt. Alle hundert Jahre öffnet sich die Höhle der Sage nach, und zwar für eine Stunde. Wer zur rechten Zeit am rechten Ort ist, kann dann – so an einem Sonntag geboren – in die Höhle vordringen und Kostbarkeiten herausschleppen. Er muss sich aber beeilen, denn nach einer Stunde schließt sich der Zugang wieder und Eingeschlossene müssen wieder einhundert Jahre warten, bis sie wieder das Licht des Tages sehen können.

Mir scheint, es gibt die Urfassung einer Sage, die immer wieder in leicht voneinander abweichenden Varianten überliefert wird: 

In einem »Heiligen Berg« befindet sich eine Höhle. Ein kostbarer Schatz ist darin versteckt. Der Zugang ist meist verborgen, kann aber mit Hilfe der »Springwurz« geöffnet werden. In Verbindung mit der Schatzhöhle treten drei »Heilige Frauen« oder »drei Jungfrauen« auf. Schatzsucher gelingt es in der Regel nicht, den Schatz zu bergen, weil sie die wahre Bedeutung der Springwurz verkennen.

Die Springwurz gilt seit Ewigkeiten als magische Pflanze. Sie wurde schon von Eingeweihten im »Alten Indien« beschrieben, aber auch von Plinius im römischen Schrifttum und in hebräischen Werken über magische Wirkung von Pflanzen. König Salomo soll die Magie der Springwurz genutzt haben. Kein Mensch, so heißt es in uralten Texten, weiß, wo die Springwurz wächst. Mit einer List, so behaupten Esoteriker aus uralten Zeiten, kann man in den Besitz der Springwurz gelangen. Man vernagelt eine Spechthöhle, versperrt so dem Specht den Zugang in seine Behausung. Der Specht schafft dann die Springwurz herbei um  mit Hilfe des Zauberkrauts seine Höhle wieder zu öffnen. Jagt man dann dem Specht im rechten Moment einen ordentlichen Schreck ein, lässt er die Springwurz fallen. So gelangt man angeblich in den Besitz des magischen Zauberkrauts.

Wann öffnet sich der Staffelberg wieder?
Foto wikicommons/ Presse03

Auf meinen Reisen habe ich immer wieder von der Springwurz gehört. Uneinigkeit herrschte dabei, ob es sich dabei um eine reale, existierende Pflanze handelt und wenn ja, um welche. Ist es »Salomons Siegel« aus der Familie der Spargelgewächse? Oder handelt es sich um eine Pfingstrosenart … oder um Johanniskraut? Lassen wir uns nicht durch voneinander abweichende Varianten der Schatzhöhlengeschichte in die Irre führen. Die drei Jungfrauen, drei Mädchen, drei heiligen Frauen weisen auf matriarchalisches Glaubensgut hin. Die Höhlen waren die ältesten Orte der Verehrung der Göttin, die seit Urzeiten als göttliche Triade aufgetreten ist. In der Höhle der Göttin befindet sich nun ein unendlich wertvoller Schatz.

Ich glaube, beim Schatz in der Höhle der Göttin handelt es sich nicht um profanes Geschmeide, sondern um das geheime Wissen der Göttin vom ewigen Leben, von Tod und Wiedergeburt, von Tod und Auferstehung. Es ist das älteste Geheimnis der Menschheit.

Der Köterberg grüßt... Foto Walter-Jörg Langbein


Fußnoten

1) Siehe hierzu »Die Querkele vom Staffelberg«, »Süddeutsche Zeitung« vom 12.07.2014
2) Brettenthaler, Josef und Laireiter, Matthias: »Das Salzburger Sagenbuch«, Salzburg 1969

»Die Krypta, die selbst Bomben trotzte«,
Teil 244 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 21.09.2014
 


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