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Samstag, 3. März 2018

424 „Wo die Reise endet - Künstliche Inseln und das kleine Volk“


Teil  424 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein
    

Fotos 1 und 2: Schätze aus dem Bernice P. Biskop Museum

„Pahn Kadira“, wo die hochherrschaftlichen „Städteplaner“ und die besten Steinspezialisten residierten (1), war mit einem „Tabu“ belegt. Gewöhnliche Sterbliche durften das Eiland nur mit spezieller Genehmigung betreten. Der Eingang zu der „verbotenen Stadt“, die auch „Unter dem Tabu stehend“ genannt wurde, hieß „Rin“. Hier wachte der angesehene „Keus“. Dieser Titel lässt sich mit „Wer bist du?“ übersetzen. Wer von diesem Hüter die Erlaubnis erhalten hatte, das künstliche Eiland zu betreten, durfte noch lange nicht in die „königliche Stadt“ selbst gehen. Darauf achtete ein weiterer Wächter, „Sohn Pu Douwas“.

Foto 3: Monstermauer auf Marke

Wer aber waren diese „Städteplaner“? Im Rahmen verschiedener Reisen machte ich wiederholt Station in Hawaii. So manche Stunde verbrachte ich im „Bernice P. Bishop Museum“ (2). Ich bestaunte eine Original-Osterinsel-Statue im Garten des Museums, auch hölzerne Statuetten, die den Osterinsel-Riesen recht ähnlich sahen. Vor allem gewährte man mir Einblick in seltene alte Bücher. So fand ich eine höchst interessante Überlieferung in F.W. Christians „The Caroline Islands“, erschienen anno 1899 in London. 

Demnach wurden die steinernen Bauten von „Nanmatal“ (3) von fremdartigen Wesen gebaut, lange bevor die „heutige Rasse“ nach Pohnpei kam. Die „Chokalai“ seien dunkelhäutig und kleinwüchsig gewesen. Christian berichtet, dass nach alter Überlieferung die „Chokalai“ als „kleine Volk“ oder „Zwerge“ bezeichnet würden.  Darf man da an die „kleinen Grauen“ denken, die laut heutiger UFO-Mythologie aus dem Weltraum kamen?

Foto 4: Ein Hund in den Ruinen
Im „Villa Resort Hotel“ (4) las ich spät am Abend in Ralph Lintoms „Ethnology of Polynesia and Micronesia“, 1926 in Chicago erschienen, dass die „Panopäer“ eine „Tradition“ kannten, wonach es einst „schwarzhäutige Zwerge“ auf Ponape gegeben habe, die sehr gefürchtet waren. Noch in den 1990ern wussten besonders alte Einwohner von Ponape Legenden zu erzählen, die von „bösartigen schwarzen Zwergen“ berichteten. Ob derartige Überlieferungen heute noch erzählt werden?
    
Die wissenschaftlichen Datierungen der Einzelnen künstlichen Inseln werden vor Ort nicht sonderlich ernst genommen. Und das mit Recht. „Nan Douwas“ soll um 230 n.Chr., „Pahn Kadira“ erst zwischen 900 und 1000 n.Chr. erbaut worden sein. Das erscheint unlogisch! Von Pahn Kadira aus wurden der Bau der gesamten Nan Madol-Anlage  dirigiert. Folglich muss es der älteste Teil des gesamten Komplexes sein. Wie alt aber ist Nan Madol? Oder genauer: Wann wurde mit dem Bau begonnen? Niemand vermag das zu sagen.

Foto 5: Der Weg in eines der Bauwerke

Forscher David Hatcher Childress weist darauf hin, dass das „Smithsonian Institute“ einige alte Töpferwaren von Nan Madol datierte und ein Alter von 2.000 Jahren feststellte. Damit ist aber keineswegs gesagt, dass das steinzeitliche Venedig vor zwei Jahrtausenden gegründet wurde. Wir wissen jetzt nur, dass um die Zeit Christi Menschen an jenem geheimnisvollen Ort siedelten. Unbekannt ist und bleibt das Alter von Nan Madol.
    
Das Personal der „VIPs“, so heißt es, hauste auf Kelepwel (5). Diese Insel – ebenso künstlich angelegt wie alle anderen – wurde auch als „Gästebezirk“ benutzt. Die Herrscher schätzten offenbar Fremdlinge  nicht besonders und hielten sie sich möglichst auf Distanz. Sie mussten vor jedem Besuch Waffen und Geschenke abliefern. Auch die meisten Priester lebten zurückgezogen auf einer eigenen künstlichen Insel, auf Usendau. Auch hier wurden enorme Bauleistungen vollbracht! Auf dem kleinen Eiland (Ausmaße 85 mal 70 Meter!) wurden 18.000 Kubikmeter Stein verarbeitet! Leider ist ein großer Teil der ursprünglichen Bausubstanz auf der einst so stolzen Priesterinsel zerstört worden - vor wenig mehr als einhundert Jahren. Damals siedelten sich hier die Nachfahren der Ureinwohner von Nan Madol wieder an. Die bebaubaren Flächen waren äußerst klein, da mussten scheinbar nutzlose Ruinen weichen.

Foto 6: Lageplan Nan Madol.

Wasau  hat noch viele Geheimnisse zu bieten, die sich unter mysteriösen Plattformen und künstlich aufgetürmten Hügeln verbergen. Einst wurden hier alle Nahrungsmittel, die für die Bevölkerung von Nan Madol gedacht waren, sorgsam eingelagert. Besondere Köche wählten die besten Speisen für die Oberschicht der Hohepiester und weltlichen Herrscher aus und bereiteten sie vor, bevor sie ins „Vip-Zentrum“ von Pahn Kadira verschifft wurden.

Foto 7: Seitenansicht eines der Bauwerke

Kanus waren das einzige Transportmittel, das die einzelnen Inseln miteinander verband. Auf speziellen Kanus wurden auch die Verstorbenen von Nan Madol auf die letzte Reise gebracht. Nach streng reglementiertem Zeremoniell trat jeder Tote seinen letzten Weg an. Spezialisten salbten und ölten ihn, parfümierten ihn mit Kokosnussöl. Schließlich wurde er, mit einigen persönlichen Dingen ausgestattet, in eine kunstvoll geflochtene Matte gehüllt. Bevor er auf einer der Inseln bestattet wurde, wurde seine sterbliche Hülle nochmals auf den Kanälen des steinzeitlichen Venedigs der Südsee zu jeder Insel gefahren. Auf Kohnderek fanden dann die heiligen Totenzeremonien statt. Sakrale Tänze wurden zu Ehren des Toten aufgeführt. Er sollte gebührend von seinem irdischen Zuhause verabschiedet werden, in der Hoffnung, dass ein besseres Jenseits auf ihn warten möge.
   
Gefährdet war das irdische Leben der Bewohner von Nan Madol durch die Gewalten des Meeres. Deswegen wurde mit kaum nachvollziehbarem Aufwand ein riesiges steinernes Bollwerk geschaffen, das die Meeresfluten abhalten sollte: „Nan Mwoluhsei“, zu Deutsch: „Wo die Reise endet“. Die allem Anschein nach für die Ewigkeit gebaute Mauer ist heute noch 860 Meter lang. Sie ist erdbebensicher erstellt worden.

Foto 8: Eine der Monstermauern von Nan Madol

Immer wieder muss die wichtige Frage gestellt werden: Warum wurde Nan Madol im Südosten der Hauptinsel Temuen gebaut? Denn dieser Platz scheint alles andere als günstig gewählt zu sein. Er liegt nämlich dort, wo die Gefährdung durch das Meer am größten ist. Und wo potenzielle angreifende feindliche Truppen am schwersten abgewiesen werden konnten!


Foto 9: Erdbebensichere Mauern von Nan Madol.

Im Nordwesten der Hauptinsel (auf der Insel Ponape selbst!) indes wären die Voraussetzungen für die  Verteidigung geradezu ideal gewesen. Feindliche Flotten hätten nicht direkt attackieren können. Sie hätten vielmehr das Eiland erst einmal umschiffen müssen. Dabei wäre die Gefahr, wegen der häufig auftretenden Untiefen auf Grund zu laufen, eine beachtliche gewesen. Auf alle Fälle wären aber die so anrückenden Feinde rechtzeitig entdeckt worden. Von kriegerischen Gefahren zur Bedrohung durch die Natur. Eine Schutzmauer gegen die anstürmenden Meeresfluten wäre auch nicht nötig gewesen. Denn dann läge ja Nan Madol auf dem Trockenen, ein Schutzwall hääte nicht mühsam aufgebaut werden müssen.
    
Foto 10: Karte von der Hauptinsel
Noch einmal zur Transportfrage. Wie wurden die tonnenschweren Basaltsäulen vom Steinbruch herangeschafft? Das Eiland ist  alles andere als eben! Da türmen sich auf engstem Raum bis zu 800 Meter hohe Berge, erloschene Vulkane. Ponape ist zerklüftet, für den gut konditionierten Kletterer eine Herausforderung, für Trupps mit gigantischen Steinriesen im Gepäck wäre sie ein einziges unüberwindbares Hindernis. Dazu kommt noch, dass seit Menschengedenken fast täglich wahre sintflutartige Regenfälle auf die Insel herniederprasseln und den Boden in eine Schlammwüste verwandeln. 

Wären findige Arbeitertrupps auf gewaltigen Umwegen den Bergen ausgewichen, sie wären mit ihren Lasten im Schlamm stecken geblieben. Ein Transport quer über die Hauptinsel erscheint als unwahrscheinlich, ja unmöglich.

Foto 11: Faktensammlung
Theoretisch bietet sich dann als Alternative zum Land- der Seeweg an. Aber schon ein Blick auf die Landkarte genügt, um auch diese Antwort als unwahrscheinlich erkennen zu lassen. Die wackeren Arbeiter hätten zunächst die Basaltsäulen fällen, dann an den Strand schleppen und verladen müssen. Nehmen wir an, die Einheimischen von damals wären dazu in der Lage gewesen. Nehmen wir weiter an, sie hätten es geschafft, das Riff zu überwinden, sie wären auf die hohe See hinausgelangt. 

Spätestens bei der Annäherung an den Bestimmungsort Nan Madol wären sie stecken geblieben. Ist doch im weiten Umkreis um die künstlichen Inseln das Meer selbst bei Flut so seicht, dass schwer beladene Kähne, Kanus oder Flöße zwangsläufig auf Grund gelaufen wären!



Foto 12: Bunkerartiges Bauwerk
Fußnoten
1) Reisenotizen Walter-Jörg Langbein, Archiv Walter-Jörg Langbein
2) Bereits in den 1970er Jahren korresponiderte ich mit dem „Bernice P. Bishop Museum“ und erwarb Fachliteratur zum Beispiel über die Mythologie der Osterinsel.
3) Gemeint ist natürlich Nan Madol! F.W. Christian: „The Caroline Islands/ Travel in the Sea of the Little Lands“, London 1899, S. 108
4) Familie Bob und Patti Arthur haben das wunderbare Hotel aufgebaut, aus Altersgründen vor Jahren – leider – aufgegeben.
5) So wurde mir vor Ort erzählt. Andere Schreibweise von Kelepwel: Kelepwei.

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Schätze aus dem Bernice P. Biskop Museum, Hawaii. Fotos Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: Monstermauer auf Marke. Foto Walter-Jörg Langbein/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Ein Hund in den Ruinen von Nan Madol. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Der Weg in eines der Bauwerke. Foto Walter-Jörg Langbein/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Lageplan Nan Madol. Foto wiki commons/ Hobe  Holger Behr
Foto 7: Seitenansicht eines der Bauwerke. Foto Walter-Jörg Langbein/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Eine der Monstermauern von Nan Madol. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 9: Erdbebensichere Mauern von Nan Madol. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 10: Karte von der Hauptinsel, ca. 1956. Foto Walter-Jörg Langbein/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Faktensammlung, 1956. Foto Walter-Jörg Langbein/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Bunkerartiges Bauwerk. Foto Walter-Jörg Langbein/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Ersttagsbrief Nan Madol. Foto Walter-Jörg Langbein/ Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 13: Ersttagsbrief Nan Madol


425 „Das himmlische Riff“
Teil  425 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 11.03.2018
 


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Sonntag, 14. September 2014

243 »Das Geheimnis der Schatzhöhle«



Teil 243 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 14.09.2014

Der Götterberg grüßt aus der Ferne. Foto Walter-Jörg Langbein

Unternehmen wir gemeinsam in Gedanken eine Zeitreise, und zwar in das Jahr 100 vor unserer Zeitrechnung. Zusammen mit einem bärtigen Kelten erklimmen wir den mehreren Meter hohen Wall der »Keltenschanze«, die man später »Herlingsburg« nennen würde. Es ist ein klarer Frühlingstag, die Sicht ist ausgesprochen gut. Am Horizont sieht man den »Götterberg«, der gut zwei Jahrtausende später den verballhornten Namen »Köterberg« tragen wird. Voller Ehrfurcht, ja durchaus nicht ohne Angst, deutet unser Kelte in Richtung Köterberg.

Auch wir blicken zum fernen Berg. »In ferner Zukunft wird man auf diesem Berg ein großes Haus errichten!«, erklären wir dem kriegerischen Kelten. Der nickt zustimmend. »Den Göttern ist nichts unmöglich!«  Wir sprechen weiter: »In diesem Haus werden viele, viele Menschen wohnen! Jeder wird ein eigenes Zimmer haben, mit einem Bett, würdig eines Königs. Alle Zimmer sind durch  dünne Wände verschlossen, durch die man hindurch blicken kann, die aber den kalten Wind fern halten!«

Der Kelte wird jetzt etwas nachdenklich. »Auch das mag den Göttern möglich sein!« Wir sprechen weiter, berichten von einer Zaubermaschine, die in bitterster Kälte Wärme schafft, von einem magischen Apparat, der in glühender Sommerhitze für angenehme Kühle sorgt, von einer auf Wunsch sofort sprudelnden Quelle, die sauberstes Wasser liefert, von einem seltsamen Thron, auf dem man nicht ruht, sondern seine Toilette erledigt und der die Hinterlassenschaften mit sprudelndem, glasklaren Wasser verschwinden lässt.

Der »Zauberturm« auf dem Götterberg. Foto W-J.Langbein

Auch das alles mag »unser« Kelte den Göttern noch zutrauen. Wie aber mag er reagieren, wenn wir von einem Kasten sprechen, der uns lebende Bilder zeigt, aus aller Welt, von Menschen in fernsten Erdteilen, deren Stimmen wir aber deutlich vernehmen. Und was wird er sagen, wenn wir von einem riesigen Turm auf dem »Götterberg« fabulieren, der Bilder aus aller Welt einfängt und im Zauberkasten nebst Tonzauber erscheinen lässt? Ob er das seinen Göttern zutraut?

Kehren wir in die Gegenwart zurück. Wir stehen anno 2014 auf dem Rest eines Walls der »Keltenschanze«. Am Horizont sehen wir ganz deutlich das Hotel auf dem Berg, in dessen Zimmern jene märchenhaften Dinge zur Verfügung stehen, die dem Kelten vor 2100 Jahren wie göttliches Zauberwerk erschienen wären. Daneben ragt der Fernsehturm empor, nicht gerade ein Schmuckstück in der Natur.

Blick von der Herlingsburg auf den Götterberg. Fotos W-J.Langbein

Für uns heute sind Fernsehapparat, Klimaanlage, Heizung, Fensterscheibe, Waschbecken und WC alles andere als Wunderwerke, sondern Alltag. Vor 2100 Jahren mag ein Kelte derlei »Zauberei« selbst den Göttern vom Berg nicht zugetraut haben. Andererseits waren für »unseren« Kelten Sagengestalten und Märchenwelten feste Bestandteile der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit der einen mag anderen als fantastische Fantasie erscheinen … und umgekehrt. Beim Studium unserer Vergangenheit habe ich gelernt, Fantastisch-Märchenhaftes nicht voreilig als Hirngespinste abzutun. Wir verhalten uns womöglich dem überlieferten Wissen unserer Vorfahren nicht anders gegenüber als ein Kelte vor 2100 Jahren heutiger Alltagstechnologie begegnen würde.

Bei meiner Wanderung um die Herlingsburg genoss ich den Blick ins Tal mit dem – künstlich angelegten – Schiedersee, wo ein Schaufelraddampfer gemächlich seine Runden zog. In der Ferne ging ein Specht hämmernd seinem anstrengenden Tagwerk nach. Die Atmosphäre ist zauberhaft. Die märchenhafte Stille ist erholsam in unserer hektischen Zeit.

Blick ins Tal von der Herlingsburg
aus. Foto W-J.Langbein

Nicolaus Schaten, ein Theologe und Historiker, vermeldet im 17. Jahrhundert, Karl der Große höchstselbst habe die Herlingsburg besichtigt. Man habe ihm versichert, Hermann der Cherusker habe einst die Burg genutzt. Einer alten Sage zufolge, die vor Ort bei der Herlingsburg auf eine Schautafel nachgelesen werden kann, zogen sich Hermann alias Arminius und seine Kampfgefährten nach dem glorreichen Sieg über die Römer auf die Herlingsburg zurück. Wirklich Ruhe fand Hermann dort allerdings nicht! Schuld daran sollen die Zwerge gewesen sein, die damals im Berg hausten. Sie hüteten – wie ihre Artgenossen im Nibelungenlied – einen herrlichen Schatz.

Schautafel Herlingsburg. Foto Walter-Jörg Langbein

Ich zitiere die Schautafel von der Herlingsburg: »Eines Nachts bei Vollmond öffnete sich der Berg einen schmalen Spalt, gerade so weit, dass ein Mensch hindurch schlüpfen konnte. Im Mondlicht schimmerten Perlen, goldene Äpfel und viele andere Schätze. Hermann starrte gebannt auf die funkelnde Öffnung. Wie von fremder Hand gesteuert schlüpfte er durch den Spalt in den Berg hinein. So einen Schatz hatte er noch nie zu Gesicht bekommen: In den unterirdischen Gärten blühten Lilien aus Silber und Rosen aus Gold. Glitzernde Diamanten und rotglühende Rubine lagen fein säuberlich aufgeschichtet an den Wänden der Höhlen.

Berauscht wandelte Hermann durch die Gänge und vergaß, dass der Eingang sich wieder schließen könnte. Und so geschah es. Im Morgengrauen ließ ein Zauber der Zwerge die Öffnung verschwinden. Für eine unendlich lange Zeit.
Aber wer zur rechten Stunde genau an dieser Stelle steht, dem wird sich der Berg auftun. Er darf hinuntersteigen und sich von den Schätzen so viel nehmen, wie er mag. Und wer weiß: Vielleicht begegnet er dabei dem alten Hermann, der auf seine Rückkehr wartet.«

Hermann in der Herlingsburg?
Foto W-J.Langbein

 Wie sich doch die Bilder gleichen. Hermann, der Cherusker, kletterte in den Berg der Herlingsburg und wurde darin eingeschlossen, von gewaltigen Schätzen förmlich hypnotisiert.  Der Köterberg soll, so haben es die Gebrüder Grimm überliefert, in seinem Inneren gewaltige Schätze lagern. Eine »Jungfrau in königlicher Tracht« soll einst einen braven Schäfer ins Innere des Köterbergs geführt haben. Am Ende eines Ganges zeigte sie ihm eine schwere Eisentür. Mit Hilfe einer magischen Springwurz konnte der Schäfer die massive Tür öffnen. Tief im Bergschoß saßen zwei weitere Jungfrauen an Spinnrädern. Damit war eine »Jungfrauentriade« komplett, die uns an die uralten Göttinnen-Triaden erinnern. Der Schäfer durfte so viel Gold und Geschmeide aus dem Berg schleppen. Er möge aber das Kostbarste nicht vergessen. Das genau aber tat der Schäfer. Er stopfte sich die Taschen voll mit Gold und Silber, ließ aber die Springwurz bei den drei Jungfrauen auf dem Tisch liegen. Somit konnte er, nachdem er mit Kostbarkeiten den Berg verlassen hatte, nicht wieder zurückkehren!

Die Herlingsburg – offensichtlich eine uralte Wehranlage der Kelten – und der Staffelberg im schönen Oberfranken haben erstaunliche Gemeinsamkeiten zu bieten. Ob der Köterberg vor gut zwei Jahrtausenden auch Kelten angezogen hat? Im Berg der Herlingsburg, im Köterberg und im Staffelberg soll es unsagbar große Schätze geben. Ähnliche Überlieferung besagen, dass sich Felsspalten am Staffelberg wie am Berg der Herlingsburg auftaten und die gewaltigen Schätze zugänglich waren.


Der Staffelberg auf alter Ansichtskarte. Archiv Langbein

Fakt ist, Ausgrabungen haben das bewiesen: der Staffelberg in Oberfranken ist von Höhlen durchzogen, eine davon ist vom Plateau des Bergs bequem erreichbar. Am Rande des Plateaus muss man einige Meter gen Tal klettern und schon steht man vor dem Eingang der wenig anziehend wirkenden Höhle. Sie ist nur sehr kurz und wird anscheinend gern für »Picknicks« missbraucht und mit entsprechendem Abfall verunreinigt. Ich selbst war wiederholt in dieser Höhle. Meist herrschten recht unangenehmer Geruch (um das Wort Gestank zu vermeiden) und eine schwer zu beschreibende, auf mich bedrückend wirkende Atmosphäre.

In dieser Höhle kamen in meiner Jugend zwei Kinder ums Leben, sie wurden vom Blitz erschlagen. Die Kinder waren vor einem Unwetter in die Höhle geflohen, um Schutz vor dem Gewitter zu finden. Ein Loch in der Decke der Höhle kann von oben eingesehen werden. Um zu verhindern, dass jemand in dieses Loch fällt, wurde es mit einem Eisengitter umgeben. Der Blitz schlug in dieses Eisengitter und tötete die beiden Kinder, die unmittelbar darunter standen.

Blick auf den Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Riesenglück hatte im Juli eine 40-jährige Autofahrerin aus Lichtenfels. Auf der Suche nach ihrem 16-jäjhrigen Sohn fuhr sie im PKW auf das Hochplateau des Staffelbergs. Sie verlor ihrer Aussage nach im Starkregen die Orientierung, übersah die Kante des Abgrunds und stürzte zwölf Meter in die Tiefe. Nach freiem Fall blieb sie, im Auto angeschnallt, an einer Baumkrone zunächst hängen. Nach der »Mainpost« bog sich der Baum »wie eine Wippe bis zum Boden des Steinhangs«. Relativ sanft gelangte der PKW ins Unterholz, rollte noch etwa fünfzig bis sechzig Meter weiter und blieb stehen. Die Fahrerin löste den Sicherheitsgurt, zog die Handbremse an und ging, fast unverletzt, zu Fuß nach Hause. (1)

Im Inneren des Staffelbergs soll es eine Höhle geben, die Schätze unglaublicher Kostbarkeit birgt. Alle hundert Jahre öffnet sich die Höhle der Sage nach, und zwar für eine Stunde. Wer zur rechten Zeit am rechten Ort ist, kann dann – so an einem Sonntag geboren – in die Höhle vordringen und Kostbarkeiten herausschleppen. Er muss sich aber beeilen, denn nach einer Stunde schließt sich der Zugang wieder und Eingeschlossene müssen wieder einhundert Jahre warten, bis sie wieder das Licht des Tages sehen können.

Mir scheint, es gibt die Urfassung einer Sage, die immer wieder in leicht voneinander abweichenden Varianten überliefert wird: 

In einem »Heiligen Berg« befindet sich eine Höhle. Ein kostbarer Schatz ist darin versteckt. Der Zugang ist meist verborgen, kann aber mit Hilfe der »Springwurz« geöffnet werden. In Verbindung mit der Schatzhöhle treten drei »Heilige Frauen« oder »drei Jungfrauen« auf. Schatzsucher gelingt es in der Regel nicht, den Schatz zu bergen, weil sie die wahre Bedeutung der Springwurz verkennen.

Die Springwurz gilt seit Ewigkeiten als magische Pflanze. Sie wurde schon von Eingeweihten im »Alten Indien« beschrieben, aber auch von Plinius im römischen Schrifttum und in hebräischen Werken über magische Wirkung von Pflanzen. König Salomo soll die Magie der Springwurz genutzt haben. Kein Mensch, so heißt es in uralten Texten, weiß, wo die Springwurz wächst. Mit einer List, so behaupten Esoteriker aus uralten Zeiten, kann man in den Besitz der Springwurz gelangen. Man vernagelt eine Spechthöhle, versperrt so dem Specht den Zugang in seine Behausung. Der Specht schafft dann die Springwurz herbei um  mit Hilfe des Zauberkrauts seine Höhle wieder zu öffnen. Jagt man dann dem Specht im rechten Moment einen ordentlichen Schreck ein, lässt er die Springwurz fallen. So gelangt man angeblich in den Besitz des magischen Zauberkrauts.

Wann öffnet sich der Staffelberg wieder?
Foto wikicommons/ Presse03

Auf meinen Reisen habe ich immer wieder von der Springwurz gehört. Uneinigkeit herrschte dabei, ob es sich dabei um eine reale, existierende Pflanze handelt und wenn ja, um welche. Ist es »Salomons Siegel« aus der Familie der Spargelgewächse? Oder handelt es sich um eine Pfingstrosenart … oder um Johanniskraut? Lassen wir uns nicht durch voneinander abweichende Varianten der Schatzhöhlengeschichte in die Irre führen. Die drei Jungfrauen, drei Mädchen, drei heiligen Frauen weisen auf matriarchalisches Glaubensgut hin. Die Höhlen waren die ältesten Orte der Verehrung der Göttin, die seit Urzeiten als göttliche Triade aufgetreten ist. In der Höhle der Göttin befindet sich nun ein unendlich wertvoller Schatz.

Ich glaube, beim Schatz in der Höhle der Göttin handelt es sich nicht um profanes Geschmeide, sondern um das geheime Wissen der Göttin vom ewigen Leben, von Tod und Wiedergeburt, von Tod und Auferstehung. Es ist das älteste Geheimnis der Menschheit.

Der Köterberg grüßt... Foto Walter-Jörg Langbein


Fußnoten

1) Siehe hierzu »Die Querkele vom Staffelberg«, »Süddeutsche Zeitung« vom 12.07.2014
2) Brettenthaler, Josef und Laireiter, Matthias: »Das Salzburger Sagenbuch«, Salzburg 1969

»Die Krypta, die selbst Bomben trotzte«,
Teil 244 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 21.09.2014
 


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