Sonntag, 1. September 2013

189 »Spuk auf der Osterinsel«

Teil 189 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,


Glotzende Augen - Fotos: W-J.Langbein
»Jahrelang litt ich unter grässlichen Albträumen. Ich erlebte einen grässlichen Spuk im Traum. Da waren gespenstische Gestalten, die mir unbeschreiblichen Schmerz zufügten! Sie hatten seltsam verkümmerte Ohren. Immer wieder starrten mich weiße Augen an, als wollten sie mich hypnotisieren! Es dauerte Monate, bis sich in meinem Kopf unzählige Traumbilder zu einem Ganzen zusammenfügten. Es war wie ein Spuk aus einem blutrünstigen Horrorfilm. Im Traum aber fühlte sich der Schmerz sehr realistisch an!«

Birgit Achter* (29) ist in einem Dorf in Oberösterreich zu Hause. Jahrelang fürchtete sich die Tierarzthelferin davor, verrückt zu werden. »Ich wusste einfach nicht, was diese quälenden Träume Nacht für Nacht zu bedeuten hatten.« Immer wieder wurde sie von verstörenden Träumen gepeinigt. Es war nicht der gleiche Traum, vor dem sie sich fürchtete. Vielmehr bekam sie in heftigen Träumen nach und nach wie als »Serie in Fortsetzungen« immer neue Ergänzungen, die ein erschreckendes Gesamtbild ergaben.

In zwei mehrere Stunden währenden Gesprächen teilte Birgit Achter mit, was sie in wahren Horrorträumen erlebte. Zunächst war da nur eine diffuse, nicht näher erkennbare Gefahr, vor der sie große Angst hatte. Dann starrten sie wieder diese Augen ... weiße Augen mit schwarzen Pupillen an. Sie spürte manchmal diese hasserfüllten Blicke auch im Wachzustand. Immer fühlte sie sich im Traum von einer Gruppe Menschen bedroht, die doch ganz in ihrer Nachbarschaft lebten. Sie dachte an Flucht, doch das war nicht möglich. Lebte ihr Traum-Ich doch auf einer winzigen Insel im Pazifik.

Augen aus einem Albtraum - Fotos: W-J.Langbein
Ihre Albträume wurden immer konkreter. Im Traum schlief sie, nachdem heftige Angstgefühle sie lange wach gehalten hatten, endlich ein. Lärm ließ sie wieder wach werden. Sie hörte Geschrei. Und plötzlich waren kräftige Männer in ihrer Hütte und zerrten sie, noch immer schlaftrunken, von ihrem Lager. Sie schlugen sie und trieben sie aus der Hütte. Ihre Familienangehörigen, aber auch alle ihre Nachbarn flohen. Sie wurden verfolgt, von Menschen, die fast Hütte an Hütte mit ihr gelebt hatten. Hasserfüllt waren die Angreifer, die immer brutaler wurden.

Birgit Achter fiel es bei unserem letzten Gespräch sehr schwer, die richtigen Worte zu finden. Sie genierte sich sichtlich über den Schrecken ihrer Träume zu erzählen. »Es war schlimmer als Albträume, die mit dem Aufwachen verschwunden sind. Es kam mir vor, als würde die Angst aus den Träumen wie ein Spuk in mein reales Leben vordringen. Wenn ich im Wachzustand Rauch roch, überfiel mich eine schlimme Panik.« Zurück zu Birgits Träumen ...

Birgit Achters Traum-Ich stolperte weiter. Ein wüster Kerl wollte ihr Gewalt antun, schleuderte sie zu Boden. Sie verletzte sich an scharfkantigen Steinen im Gesicht und an den Schenkeln. Sie blutete heftig. »Sie muss ins Feuer!«, grölten die Angreifer. Der wüste Kerl zerrte Birgit Achters Traum-Ich hoch, stach Birgit mit einem Steinmesser in den Rücken. »Weiter ... weiter!« schrie er. »Oder ich behandele dich so, dass du dich nach dem Tod im Feuer sehnst!« Weiter und immer weiter ging es. Die Angreifer packten kleine Kinder an Armen und Beinen. »Ins Feuer mit der Brut!« grölten sie.

Ein Riese mit bedrohlichen Augen ...
aus Traum und Wirklichkeit
Foto: W-J.Langbein
Eines Tages sah Birgit Achter in einem Buch Fotos von den berühmten Statuen auf der Osterinsel, die mitten im südlichen Pazifik, 3700 Kilometer vor der Küste des chilenischen Festlandes liegt und die »einsamste Insel der Welt« genannt wird. Beim Anblick der steinernen Köpfe überkam Birgit plötzlich eine große innere Ruhe und ihr wurde klar: »Ich habe schon einmal gelebt – auf der Osterinsel!«

Und plötzlich wusste sie, woran sie sich heftig blutende Wunden zugezogen hatte ... an scharfkantigen Brocken Vulkangestein. Die Furcht einflößenden Riesen aus dem Traum ... waren die steinernen Osterinselkolosse. Die »weißen Augen« der Statuen fand sie auch auf einigen der Fotos von der Insel im Pazifik. Einst hatten die Statuen keine leeren Augenhöhlen wie heute, sondern weiße Augen aus hellem Kalk. Je mehr Fakten aus dem Traum mit der Realität auf der Osterinsel übereinstimmten, desto größer wurde Birgit Achters Angst vor dem Einschlafen. Musste sie doch mit weiteren Albträumen rechnen.

Traumforscher interpretieren ihre nächtlichen »Visionen« auf ihre Art. Von »allgemeiner Todesangst« bekam Birgit Achter zu hören, von der »Angst ihre Weiblichkeit zu verlieren« schwadronierten andere. Leider kannten sich die Interpreten, die Birgit Achter um Hilfe gebeten hatte, überhaupt nicht mit der Geschichte der Osterinsel aus. Denn sonst hätten sie erkannt, dass die Horrorvisionen im Schlaf auf ein reales Ereignis in der Geschichte von Rapa Nui hinwiesen: auf einen höchst realen Massenmord auf der Osterinsel in »grauer Vergangenheit«. Davon aber wollten die konsultierten Traumexperten und Psychologen nichts wissen.

Ich wies einen der Ärzte, die vergeblich versucht hatten, Birgit von ihren bösen Träumen zu befreien, auf den Osterinsel-Experte Fritz Felbermayer hin. Der Mann war felsenfest davon überzeugt, dass es vor vielen Jahrhunderten tatsächlich ein blutiges Massaker auf der Osterinsel gab. Die »Langohren«, Nachfahren der Erbauer der riesenhaften Statuen, wollten die »Kurzohren« ermorden. Sie hoben einen langen Graben aus und füllten ihn mit Holz. Darin sollten die »Kurzohren« verbrannt werden. Doch der Stamm erfuhr von diesen grausamen Plänen.

Einer der rekonstruierten Riesen
der Osterinsel - Foto: W-J.Langbein
Mitten in stockfinsterer Nacht überfielen die Kurzohren die Langohren, trieben die Feinde in den Graben und zündeten die Holzstöße an. Dieses Massaker, das qualvolle Sterben in den Flammen, erlebte Birgit in ihren Träumen wieder und wieder. Die Österreicherin in ihrem Brief an den Verfasser: »Ich schwöre, dass ich nie zuvor etwas von der Osterinsel oder den schrecklichen Vorkommnissen dort gehört hatte. Ich bin überzeugt, dass ich nur davon in meinen Träumen geplagt werden konnte, weil ich eine der Langohrfrauen war, die damals in der Nacht so grässlich ums Leben kamen.«

Inzwischen hat sich Birgit intensiv mit der geheimnisvollen Geschichte der Osterinsel auseinander gesetzt. Sie glaubt sogar auf Bildern erkannt zu haben, wo genau sie ermordet wurde. »Mit einer Keule schlug mir ein widerwärtiger Kerl ins Gesicht, so dass meine Nase mehrfach gebrochen wurde. Blut schoss aus meinem Gesicht. Ein zweiter Keulenschlag zerschmetterte mein Knie. Mit einem fürchterlichen Tritt in den Rücken schleuderte mich mein Mörder in eine Höllenglut aus loderndem Feuer, in einen scheinbar glühenden Graben. Die Zeit dehnte sich, Sekunden wurden zu höllischer Unendlichkeit. Meine Haare brannten, meine Augen kochten. Ich wurde blind. Mein ganzer Körper war ein einziger Schmerz. Plötzlich war da nichts mehr, kein Schmerz, keine Angst, keine Hitze, ja nicht einmal mehr Hass auf meinen Mörder. Der Tod kam als eine Erlösung.«

Birgits Albträume hörten nicht schlagartig, aber nach und nach auf. Sie sind seit Jahren vollkommen verschwunden. Im Gespräch erklärte mir Birgit: »Als ich wusste, was mir einst zugefügt worden ist, hatte ich keine Angst mehr vor der Nacht und vor den Träumen. Ich wusste, dass das entsetzliche Leid vor Jahrhunderten durchlitten worden ist ... und mit mir in der Gegenwart nichts zu tun hat!«

Düstere Geheimnisse ...
Foto: W-J.Langbein
Jetzt möchte sich Birgit, sobald sie das nötige Geld zusammengespart hat, auf die weite Reise zur Insel im südlichen Pazifik machen und dort ihr eigenes Grab suchen. Birgit: »Ich weiß genau, an welcher Stelle der Graben war. Vielleicht finde ich bei dieser Gelegenheit ja auch die geheimnisvollen Werkzeuge wieder, mit denen die riesigen Statuen hergestellt wurden. Sie sind nämlich bisher unentdeckt geblieben. Möglicherweise bringt mich auch hier ein Traum auf die Spur. Dass es Steinfäustlinge waren, mit denen die Kolosse gemeißelt wurden, das glaube ich nämlich nicht!«

Birgit ist überzeugt: Was in ihren Träumen ein Horrorspuk war ... das hat sie in einem früheren Leben wirklich durchlitten ... Sollte es ihr gelingen, zumindest einige der großen Rätsel der Osterinsel zu lösen? Sie hält es für möglich. Vielleicht erinnert sie sich an ihr Vorleben auf dem Eiland, wenn sie vor Ort mit der realen Osterinsel konfrontiert wird? Ob sie hinter die Geheimnisse der rund 800 Köpfe, Moais genannt, kommen kann, indem sie sich an ihr früheres Leben erinnert? Wie wurden beispielsweise die Tonnen schweren Skulpturen zu ihren Standorten transportiert? Archäologen werden sich bei dem Gedanken an Hilfe aus der Traumwelt mit Grausen abwenden. Aber sollte nicht jeder, auch ein »unwissenschaftlicher« Weg beschritten werden, der vielleicht zu mehr und neuem Wissen führt?

* Name und Alter geändert

»Begegnung auf dem Friedhof«,
Teil 190 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 08.09.2013


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Montag, 26. August 2013

Die Klatsche einer Tinnitusbetroffenen – oder: »So nicht Herr Leipziger!«

Liebe Leserinnen und Leser.

Auf Seite 12 des
»FORENSISCH-PSYCHIATRISCHEN GUTACHTENS vom  25.07.2005, erstellt von Chefarzt Dr. med. Klaus Leipziger« über Gustl Mollath, finde ich folgende Sätze - Zitat: »Mit Schreiben vom 08.08.02 an Ehefrau mit dem Vermerk -persönlich-vertraulich erklärte der Angeklagte u.a.: … Vor über 5 Jahren führten meine Belastungen zu einem Hörsturz. 
Bis heute, in steigendem Maße, teilweise nicht aushaltbaren, Tinnitus (Ohrgeräusche). …« Zitatende

Damit Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, ein ungefähre Vorstellung von einem Tinnitus machen können, habe ich eine kleine Hörprobe herausgesucht. Sie ist auf den Seiten der Deutschen Tinnitus-Liga e.V. (DTL) zu finden. Bitte beachten Sie den Regler auf der rechten Seite und reduzieren Sie die Lautstärke, bevor Sie auf Start klicken. Hörprobe

Falls Sie den Ton nicht abrufen können, finden Sie auf dieser Seite eine Nummer, die der Telefonservice anbietet. Mein Tinnitus, der mich seit Mitte der 1980 Jahre begleitet, ist etwas dumpfer, einem Rauschen ähnlich. Leider gibt es keine Taste, auf die ein Betroffener drücken könnte, um diesen Ton abzustellen. Die Schulmedizin hat für Leidtragende nicht viel anzubieten. Soll ich sogar sagen: sie hat kläglich versagt. Mit diesen Geräuschen, die nur ich höre, muss ich also leben, wie viele andere auch. Wenn Ihnen das Symptom Tinnitus nicht bekannt ist, was einem medizinischen Laien nicht übel genommen werden kann, darf ich Ihnen diese Erklärung der Deutschen Tinnitus-Liga ans Herz legen. 

Wie ich bereits an anderer Stelle ausführte, hat mir meine Erkrankung an Morbus Menière den Grad der Unanscheißbarkeit verliehen. Außerdem bin ich eine Saupreußin, schreibe also aus einer Distanz zur Weißwurstgrenze. Wie Sie vielleicht auch wissen, wurde die Diagnose Morbus Menière bei mir erst nach 20 Jahren gestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt galt ich als Simulant. Mein Tinnitus trat als Begleiterscheinung auf. Er stellt für mich, gemessen an weiteren Beeinträchtigungen, das kleinste Übel dar. Mir ist in diesen 20 Jahren viel Ignoranz begegnet. Auch medizinisches Quacksalbertum, das an Körperverletzung grenzte. Aber auch Verständnis und Mitgefühl.

An dieser Stelle danke ich Herrn RA Strate dafür, dass er das Gutachten auf seiner Seite on gestellt, damit mir, und auch einer breiten Öffentlichkeit, Zugang dazu verschafft werden konnte. Herrn Gustl Mollath möchte ich danken, dass er Herrn Dr. Strate dafür seine Zustimmung gab. Es legte den Grundstein für meine folgenden Betrachtungen. 

Dieses »FORENSISCH-PSYCHIATRISCHE GUTACHTEN vom  25.07.2005, erstellt von Chefarzt Dr. med. Klaus Leipziger« stellt für mich als Tinnitusbetroffene eine unglaubliche Provokation dar. Das kann und werde ich begründen und es wird mir einen Lustgewinn bereiten, dieses »Gutachten« aus meiner Sicht der Dinge, die auf meinen eigenen Erfahrungsschatz gründet, nach allen Regeln meiner Kunstfertigkeit zu sezieren.


Möge meine Übung gelingen …

Zitat: »Mit Schreiben vom 08.08.02 an Ehefrau mit dem Vermerk •persönlich-vertraulich erklärte der Angeklagte u.a.: … Vor über 5 Jahren führten meine Belastungen zu einem Hörsturz.« Zitatende

Es wird Bezug genommen auf ein Ereignis, das sich im Jahre 1997 ereignet haben muss. Im Gutachten auf Seite 11 finde ich in den chronologischen Ausführungen, die dem Ordner »Was mich prägte« entnommen worden sind. Zitat: »Von Anfang 1993 bis Ende 1998 hätte er prozessieren müssen, bis er ,,Recht" bekam. Über eine Viertelmillion DM an Aufwand sei gebunden gewesen, kein neues Geschäft machbar. „Wahnsinn von diesem „Anschlag des Rechtsstaates" habe ich mich nie mehr erholt.“«

Jetzt darf man mir alles vorwerfen, aber keine Oberflächlichkeit. Zitat NürnbergWiki: »Bislang ist unbekannt, wo Klaus Leipziger das Abitur bestand, an welchen Universitäten er Medizin und Psychologie studierte, wo er das Examen mit welcher Examensarbeit bestand und wo und wann ihm die Approbation erteilt wurde. Seine Promotion an der Universität Ulm erfolgte extern während seiner Berufstätigkeit.«

Zitat NürnbergWiki: »Klaus Leipziger war nach eigenen Angaben seit 1984 im Bereich der Forensischen Psychiatrie im Bezirkskrankenhaus Bayreuth zunächst als Stationsarzt und seit 1985 als Leiter der Abteilung tätig.«

Mehr lässt sich leider nicht in Erfahrung bringen. So kann ich nur spekulieren: Klaus Leipziger als Angehöriger des Öffentlichen Dienstes wird nicht nachvollziehen können, was ein derartiger Tiefschlag für Herrn Mollath bedeutet haben muss. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Betrachten wir diese Vita völlig wertfrei, kommen wir zu dem Ergebnis, dass es einem Klaus Leipziger nicht möglich war, einen solchen Einschnitt, wie ihn Gustl Mollath beschrieben hatte, in der ganzen Tragweite zu erkennen.

Ich bin in der »Sozialen Marktwirtschaft« aufgewachsen, eine Aussage wie Zitat: »Über eine Viertelmillion DM an Aufwand sei gebunden gewesen, kein neues Geschäft machbar.«, ist darum für mich als eine existenzielle Bedrohung klar auszumachen. Das ist eine Stresssituation, die über einen sehr langen Zeitraum anhielt und durchaus geeignet war, die Ursache für einen Hörsturz zu bieten.

Wie gesagt, ich würde es gerne so sehen, weil ich auch fair bin und aus diesem Grunde etwas aufführen möchte, was die Aussagen des Gutachters erklären könnten. Aber das ist schwierig. Auf der einen Seite gibt Herr Leipziger Interviews, wie im FOCUS, hat sich also zu einer »Öffentlichen Person« gemacht, auf der anderen Seite verschließt er sich der Öffentlichkeit zu Fragen über seine Person. Da besteht Erklärungsbedarf. Aber mein guter Wille, etwas zu finden, was für ihn spricht, dürfte zu erkennen gewesen sein.


Der Hörsturz 

Kommen wir zu dem Hörsturz. Der wird von Klaus Leipziger weiter nicht gewürdigt, er wird von ihm völlig ausgeblendet. 

Ein Hörsturz wird auch »Infarkt des Ohres« genannt und kann unterschiedliche Ursachen haben. Neben den Menièreanfällen hatte ich zwei Hörstürze. Nun ist sich die Schulmedizin einig, dass beim Morbus Menière typischerweise ein dramatischer Drehschwindelanfall im Vordergrund steht. Dem kann ich allerdings widersprechen. Meine Hörstürze ereilten mich in großer zeitlicher Distanz zu Menièreanfällen. 

Die Ursache lag in beiden Fällen in einer vorausgehenden, durch Stress belasteten, Zeit. Dieser Stress gipfelte dann in einem Umstand, der von mir als »Paradoxe Situation« beschrieben werden kann, in dem Sinne, das es mir unmöglich erschien, der Kampfzone zu entfliehen. So hat sich die Dauerbelastung mein Innenohr als Ventil gesucht. 

Nach dem ersten Hörsturz habe ich erst Tage später einen HNO aufgesucht. Merkwürdigerweise erlebte ich bei ihm Betroffenheit und auch Mitgefühl. Er trug mir inständig auf, mein Leben in ruhigere Bahnen zu bringen, was leichter gesagt als getan war. Als ich den zweiten Hörsturz bekam, habe ich mich umgehend in ein Krankenhaus begeben. Dort war Ruhe angesagt und bei meiner Entlassung erhielt ich eine ganz klare Ansage: »Ändern Sie Ihre Lebenssituation, ich will Sie nicht in drei Wochen wieder hier liegen haben!«

Was sagt uns das? Meinen Hörsturz konnte ich als Reaktion auf eine Stresssituation werten. Wenn Klaus Leipziger den Hörsturz von Herrn Mollath thematisiert hätte, wäre er unter Umständen auf ein ähnliches Ergebnis gekommen. Dass er das nicht getan hat, lässt für mich nur zwei Rückschlüsse zu: entweder konnte er mit dem Begriff »Hörsturz« nichts anfangen, oder er wollte es nicht. 

Jetzt kommen die berechtigten Einwände: Warum erwähnt Klaus Leipziger den Hörsturz dann in seinem Gutachten? Wäre es nicht, unterstellen wir die Absicht, klüger gewesen, diesen Hörsturz nicht anzusprechen? Darauf kann ich mit zwei Antworten dienen. 1. Er brauchte den Tinnitus und dafür war eine Ursache vonnöten. 2. Klaus Leipziger konnte in 2005 nicht ahnen, dass Dr. Strate dieses Gutachten in 2013 der Öffentlichkeit zugängig macht und es mir darum heute den Bildschirm erhellt.


Der Tinnitus

Begleiten Sie mich, liebe Leserinnen und Leser, ein weiteres Mal zur Hörprobe der Tinnitus-Liga. Der Lautsprecherregler ist Ihnen ja schon vertraut. Korrigieren Sie ihn bitte auf ca. 25%. Dann haben Sie eine Vorstellung davon, wie ich meinen Tinnitus als »normal« empfinde. Wenn Sie die Lautsprechereinstellung auf ca. 50% erhöhen, gewinnen Sie einen Eindruck von meiner Wahrnehmung in dem Moment, wo ungünstige Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass mein Tinnitus für mich lauter wird. Hier der Link zu der Hörprobe.

Jetzt darf ich froh verkünden, dass, bedingt durch eine krasse Umstellung meiner Lebensumstände, der Pegel auf »erträglich«, d.h. zwischen 10 und 20% des Reglers eingestellt werden kann. Wie habe ich das geschafft? Durch eine Umstellung der Ernährung auf überwiegend basische Kost. Ich kann, bedingt durch meine ländliche Umgebung, auf Frischprodukte von Biohöfen zurückgreifen. Dann bin ich zu einem Ingwerjunkie geworden (ich werde nicht müde, Ingwer in höchsten Tönen zu loben). Meine Terrasse ist, wenn es die Witterung erlaubt, zu meinem zweiten Wohnzimmer geworden, was bedeutet, ich verbringe viel Zeit an der frischen Luft. Integriert in meinen Tagesablauf habe ich gymnastische Übungen, nehme mir Zeit für Meditation und längere Spaziergänge. Menschen, die mir nicht gut tun, gehe ich aus dem Weg (jetzt beneiden Sie mich vermutlich).

Kurzum, eine große Veränderung meiner Lebensgestaltung hat zu einem Gewinn an Lebensqualität geführt. Stichworte sind: Konsequenz und Disziplin. Das fühlt sich ätzend an und das ist es auch. Aber der Wunsch nach Lebensqualität setzt sich zumeist gegen meinen inneren Schweinehund durch. Siegt der allerdings, in dem er mich z.B. von meinen Spaziergängen abhält,was besonders bei miesen Wetterverhältnissen der Fall ist, hebt sich der Regler durchaus auf 25% und sogar noch mehr. Dann wird der Tinnitus immer noch von mir ignoriert. Es kann aber durchaus passieren, dass mich liebe Freunde ansprechen: »Quält dich dein Tinnitus? Du sprichst wieder lauter!«

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie unterhalten sich in einer normalen Tonlage mit einer Person. Plötzlich wirft jemand in der unmittelbaren Nachbarschaft seinen Rasenmäher an. Sie werden sinnvoll reagieren und Ihre Lautstärke erhöhen, um diesen Geräuschpegel zu übertönen. Nichts anderes mache ich, wenn mein Tinnitus, aus welchen Gründen auch immer, lauter wird. Nur, dass nur ich diesen Rasenmäher im Innenohr wahrnehme und ihn übertönen muss, um auch meine eigene Stimme zu hören. Ein solches Verhalten mag unbedarft Außenstehenden dann befremdlich erscheinen. Wer sich allerdings mit dem Symptom Tinnitus vertraut gemacht hat, dürfte damit umgehen können.


Die innere Stimme

Eine »innere Stimme« hat mich vor einiger Zeit veranlasst, zum Telefonhörer zu greifen. Ich informierte eine Mitarbeiterin über ein Ereignis, dessen unfreiwillige Zeugin ich geworden war: Ein Kind wurde von seinen Pflegeeltern misshandelt. Postwendend erreichte mich eine Strafanzeige der von mir Beschuldigten, mir wurde Verleumdung und üble Nachrede vorgeworfen. Daraufhin habe ich fünf Seiten A4 ordentlich beschrieben, habe aber wohlweislich verzichtet, die innere Stimme dabei zu erwähnen, mir war die Causa Mollath bereits bekannt. Die Strafanzeige wurde vom Tisch  gefegt und das Jugendamt hat auch sinnvoll reagiert.

Oft führt eine »innere Stimme« in einen Gewissenskonflikt. Im beschriebenen Fall musste ich abwägen, musste mögliche Konsequenzen, die ich durch das Telefonat zu erwarten habe, abwägen mit meinem Mitteilungsbedürfnis. Es zu tun, also den Anruf zu tätigen, war meine Gewissensentscheidung. Ich bin mir selbst die höchste Instanz.

Ist es nicht schön, dass ich jetzt dieses Zitat einfügen kann, entnommen Wikipedia: »Der bundesdeutsche Gesetzgeber gesteht dem individuellen Gewissen eine hohe Bedeutung zu, beispielsweise indem er seinen Bürgern die Freiheit zur Verweigerung des Kriegsdienstes aus Gewissensgründen einräumt (so Art. 4 Abs. 3 Grundgesetz: Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.).
Das Bundesverfassungsgericht hat dem Begriff in einer Entscheidung aus dem Jahre 1961 Konturen verliehen. Als eine Gewissensentscheidung gilt danach „jede ernste sittliche, d. h. an den Kategorien von Gut und Böse orientierte Entscheidung […], die der Einzelne in einer bestimmten Lage als für sich bindend und unbedingt verpflichtend innerlich erfährt, so dass er gegen sie nicht ohne ernste Gewissensnot handeln könnte.“« Zitatende

Auf dieser verlinkten Seite wird auch Sokrates zitiert: »Der Gewissensbegriff ist bereits im Daimonion des Sokrates angelegt: Eine innere Stimme warnt vor falschen Handlungen.«

Auf Seite 12 des »FORENSISCH-PSYCHIATRISCHEN GUTACHTENS vom  25.07.2005, erstellt von Chefarzt Dr. med. Klaus Leipziger«, finde ich ab Seite 24 die Zusammenfassung und Beurteilung und dort folgende Sätze. Zitat Seite 25: »Es werde ein paranoides Umdenken des Angeklagten vermutet in Bezug auf die „Schwarzgeldaffäre" und die gegen ihn laufende Verschwörung. Es werden Größenphantasien beim Angeklagten festgestellt. Auf Frage hätte er auch angegeben, eine innere Stimme zu hören, die ihm sage, er sei ein ordentlicher Kerl, er spüre sein Gewissen.« Zitatende

Zitat Seite 28: »Differentialdiagnostisch käme beim Angeklagten auch die Diagnose einer paranoiden Schizophrenie (ICD 10: F 20.0) in Betracht. Für diese Diagnose würden neben den paranoiden Inhalten des Angeklagten dessen affektive seine bizarren Verhaltensmuster und vor allem - so sie bei ihm mit hinreichender Sicherheit angenommen werden können – die sein Handeln kommentierenden Stimmen sprechen.«

»Der Gewissensbegriff ist bereits im Daimonion des Sokrates angelegt: Eine innere Stimme warnt vor falschen Handlungen.« siehe oben. Soll ich jetzt noch Immanuel Kants kategorischen Imperativ zitieren?: »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.«

Wie kann es einem Menschen zum Verhängnis werden, wenn er genau nach dieser Maxime handelt? Wie kann es sein, dass das Bundesverfassungsgericht dem individuellen Gewissen einen großen Stellenwert einräumt, und Klaus Leipziger das in seinem »Gutachten« einfach so aushebelt? Diese »innere Stimme« als »paranoide Schizophrenie« wertet? Dabei wurde er doch explizit von Herrn Mollath darauf hingewiesen, wie Sie der Seite 16 unten, entnehmen können. Zitat: »Paralogisch meine er der Stationsarzt solle erst einmal das Grundgesetz lesen und sich über grundlegende Menschenrechte informieren.« Warum hat er es nicht getan?

»Wenn ich schreibe, habe ich immer das Gefühl, jemand steht hinter mir und schneidet Grimassen. Deshalb hüte ich mich, so gut ich kann, vor großen Worten.« Was würde ein Klaus Leipziger aus diesem Zitat machen? Wir wissen es nicht. Aber ich kann Ihnen, liebe Leserinnen und Leser sagen, was der Suhrkamp Verlag daraus gemacht hat: den Klappentext zu dem lyrischen Vermächtnis »Glückliche Liebe und andere Gedichte« der polnischen Nobelpreisträgerin Wistawa Szymborska.


Die innere Stimme und der Tinnitus

Seite 12 des »FORENSISCH-PSYCHIATRISCHEN GUTACHTENS vom  25.07.2005, erstellt von Chefarzt Dr. med. Klaus Leipziger« Zitat: »Mit Schreiben vom 08.08.02 an Ehefrau mit dem Vermerk -persönlich-vertraulich erklärte der Angeklagte u.a.: … Vor über 5 Jahren führten meine Belastungen zu einem Hörsturz. 
Bis heute, in steigendem Maße, teilweise nicht aushaltbaren, Tinnitus (Ohrgeräusche). …« Zitatende

Wie ich oben schrieb, geht es mir den Umständen entsprechend gut. Stellen wir uns jetzt vor, ich würde aus meinem gewohnten Umfeld herausgerissen und mich in der Forensischen Psychiatrie wiederfinden. Alleine eine solche Situation dürfte dazu führen, dass Sie den Regler des Lautsprechers auf mindestens 50% stellen dürfen. Übrigens ab diesem Pegel wird der normale, von mir wahrgenommene Ton tatsächlich von einem solchen schrillen Ton überdeckt. Ab diesem inneren Schallpegel, den mein Tinnitus erzeugt, bin ich nicht mehr in der Lage, ihn zu ignorieren. Hörprobe 

Zitat Seite 21: »Inhaltlich war sein Denken, das von einer misstrauischen Grundhaltung geprägt war, durch eine starke Körperbezogenheit und Rigidität auffällig, indem der Angeklagte massiv darauf beharrte, ,,natürliche“ Körperpflegemittel ausschließlich benutzen zu können und sich nur anhand von Lebensmitteln aus biologisch-dynamischen Anbau ernähren zu können, die hier nicht ohne Weiteres verfügbar bzw. für ihn beschaffbar waren.« Zitatende

Stelle ich mir eine unter großem Kostendruck hergestellte forensisch-psychiatrische Großküchennahrung vor, so fällt mir spontan der Begriff »Schweinefraß« ein. Berücksichtige ich jetzt auch, dass diese Anstalt noch nicht einmal in der Lage war, Kernseife zu organisieren, muss ich davon ausgehen, dass ich dann auch auf meinen Ingwer verzichten müsste. Der Regler dürfe vermutlich auf 60% gestellt werden. 

Zitat Seite 23: »In Konfrontation mit Dritten waren heftige Erregungszustände des Angeklagten zu beobachten, die jedoch nicht in tätliche Auseinandersetzungen mündeten.« und Seite 23: »In verschiedenen, aus dem Verhalten des Angeklagten erforderlichen Konfrontationen zeigte er sich gegenüber Mitarbeitern hocherregt, schreiend und verbal aggressiv.« Zitatende

Zitat Seite 25: »Bis heute, in steigendem Maße, teilweise nicht aushaltbar, leide er an Tinnitus.« Zitatende

Wie sind bei 60% des Reglers angekommen. Machen Sie bitte folgenden Selbstversuch: Sofern es Ihnen technisch möglich ist, setzen Sie diesen Tinnituston in eine Dauerschleife. Bleiben Sie ruhig bei 60%, schonen Sie Ihre Ohren. Versuchen Sie dann, einen Satz auszusprechen, sprechen Sie ruhig übers Wetter. Sie werden bemerken, dass es Ihnen schwer fallen wird, Ihre Sätze in ruhiger Art und Weise zu formulieren. Stellen Sie sich jetzt vor, Sie hätten keine Möglichkeit, diesen Ton abzustellen. Wie lange meinen Sie, können Sie das aushalten, ohne aggressiv zu werden? Quälen Sie sich bitte nicht unnötig weiter, brechen Sie das Experiment ab.

Ich könnte das in einer solchen Situation leider nicht.

Zitat Seite 25: »Bis heute, in steigendem Maße, teilweise nicht aushaltbar, leide er an Tinnitus.« Zitatende

Wie kann es sein, dass ein Klaus Leipziger, als Dr.med. und auch seine Mitarbeiter als medizinisches Fachpersonal, das so völlig im Klinikalltag ignoriert haben? An keiner Stelle des »Gutachtens« finde ich einen Vermerk, der ungefähr so hätte aussehen können: »Herr Mollath wurde gefragt, ob ihn sein Tinnitus quälen würde.«

Und können Sie mir die Frage beantworten, liebe Leserinnen und Leser, ob Sie beim Anhören des Tones irgendwelche Stimmen gehört haben, oder ob es sich wirklich nur um einen Ton gehandelt hat? Haben Sie, wenn auch nur ganz leise, Stimmen gehört? Ich kann mich jetzt brüsten, durch langjährige Tinnituserfahrung, da ist einiges drin an Variationen, ein Menièreanfall kündigt sich z.B. durch einen starken Brummton an, aber Stimmen habe ich zu keinem Zeitpunkt wahrgenommen.

Jetzt schauen wir uns noch ein besonderes Zitat aus dem Gutachten an, das Sie auf Seite 26 finden: »Im Rahmen der Begutachtung nicht geklärt werden kann die Wertigkeit des vom Angeklagten in einem Schreiben beschriebenen Symptom des Tinnitus und der hier in der Klinik gemachten Angabe, er würde eine innere Stimme hören, die ihm sage, er sei ein ordentlicher Kerl... Es muss dabei durchaus als möglich angesehen werden, dass der Angeklagte unter Halluzinationen leidet, unter sein Tun und Handeln kommentierenden Stimmen, ohne dass diese Annahme konkret belegt werden könnte.«

Wer ist dieser Klaus Leipziger? Zitat NürnbergWiki:  »Bislang ist unbekannt, wo Klaus Leipziger das Abitur bestand, an welchen Universitäten er Medizin und Psychologie studierte, wo er das Examen mit welcher Examensarbeit bestand und wo und wann ihm die Approbation erteilt wurde. Seine Promotion an der Universität Ulm erfolgte extern während seiner Berufstätigkeit.«

Ein Mann, der in einem »Gutachten« Grundgesetze aushebelt, der die »innere Stimme« als »paranoide Schizophrenie« wertet, der einen Tinnitus ignoriert, der einen Tinnitus für ein Gutachten benutzt, das einen Menschen für Jahre seiner Lebensqualität beraubt, der auf eine, wie mir erscheint, sadistische Art und Weise einen Tinnitusbetroffenen mit diesem »Gutachten« über Jahre der Freiheit beraubt hat? 

Was soll mit einem solchen »Gutachter« geschehen? Sollte er für Stunden in einem engen Raum festgehalten werden und mit dieser Hörprobe auf Stufe 60% (wie wollen es doch nicht übertreiben) dauerbeschallt werden? Oder sollte vielleicht besser der Versuch unternommen werden diese Lücke auf NürnbergWiki zu schließen: »Bislang ist unbekannt, wo Klaus Leipziger das Abitur bestand, an welchen Universitäten er Medizin und Psychologie studierte, wo er das Examen mit welcher Examensarbeit bestand und wo und wann ihm die Approbation erteilt wurde. Seine Promotion an der Universität Ulm erfolgte extern während seiner Berufstätigkeit.«

Das würde mich wirklich interessieren, wo dieser Klaus Leipziger herkommt. Sie auch?

Bleiben Sie mir gewogen!

Ihre

Sylvia B.

Anmerkung: Bitte lesen Sie auch den Beitrag von Oliver García: Fall Mollath: Der Schleier ist gelüftet

Dann möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass die Audioeinstellung an meinem Rechner 100% Leistung beträgt. 


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