Sonntag, 3. August 2014

237 »Drei Göttinnen«

Teil 237 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 03.08.2014

Sandro Boticelli ließ sie anno 1482 in seinem Gemälde »Der Frühling« tanzen. Für manchen frommen Kirchgänger verbirgt der offenbar hauchdünne Stoff viel zu wenig von ihren Reizen. Sehr viel züchtiger sind die Drei in der Pfarrkirche von St. Tertulin im Kloster von Schlehdorf am Kochelsee dargestellt. In Worms kann man sie auch besuchen, die drei Heiligen Frauen. Das Steinrelief von Worms wurde um 1430 nach Christus geschaffen, majestätisch-würdevoll, von beeindruckender Schönheit, mit Kronen auf den hübschen Köpfen, mit wallendem Haar, ausgestattet mit Buch und Palmwedel. Kronen, Bücher und Palmwedel tragen auch die »Heiligen drei Jungfrauen« von Leutstetten in Oberbayern. Ein unbekannter Künstler hat sie um 1643 verewigt. Es kommt mir so vor, als geniere man sich. Jedenfalls hat man das Gemälde in einer dunklen Ecke des Kirchleins versteckt, anstatt das Kunstwerk aus der Zeit des »Dreißigjährigen Krieges« ins Zentrum des kleinen Gotteshauses zu stellen. Gut 1400 Jahre älter sind die drei Grazien, majestätisch thronend, gemeißelt worden. Der »Matronenstein« aus Nettersheim in der Eifel lässt erahnen, was von christlicher Geistlichkeit als problematisch empfunden wird.

Solche »Matronensteine« soll es einst zu Hunderten, womöglich zu Tausenden gegeben haben. Sie standen in uralten Gotteshäusern ebenso wie in Villen und armseligen Behausungen. Die »theologische« Fragen aller Fragen aber lautet: Welche der drei »Heiligen Frauen« sind heidnische Göttinnen, denen der rechtgläubige Christ keinerlei Ehrerbietung entgegenbringen darf? Und welche der drei »Heiligen Frauen« sind altehrwürdige christliche Heilige, zu denen der rechtgläubige Christ sehr wohl beten darf.

Heiden wie Christen haben den drei »Heiligen Frauen« seit vielen Jahrhunderten gehuldigt. Und in christlichen Kapellen, Kirchen und Domen werden vor ihnen in stiller Andacht Kerzen entzündet. Heute duldet, ja fördert die Kirche diese Form der Frömmigkeit. Das war freilich nicht immer so! In Worms jedenfalls galt es Anfang des elften Jahrhunderts als Sünde, die drei »Heiligen Frauen« zu verehren oder ihnen gar zu opfern. Damals war es offensichtlich Brauch, zuhause »zu bestimmten Zeiten des Jahres« Speis‘ und  Trank aufzutischen, damit sich die »drei Schwestern« daran laben konnten.

Bischof Burchard jedenfalls instruierte damals – zu Beginn des elften Jahrhunderts nach Christus – die katholische Geistlichkeit, die Gläubigen bei der Beichte explizit zu fragen, ob sie denn jenen drei Frauen nach alter Überlieferung Speisen und Getränke geopfert hätten. Falls ja, wurden drastische Strafen auferlegt. In meiner fränkischen Heimat soll der »Heilige Eligius« bereits im siebten Jahrhundert derlei »Göttinnendienst« zu leisten streng verboten haben. »Der Heilige Eligius war es,«, konstatierte stolz Prof. Dr. Maurer zu Erlangen im Gespräch mit mir, »der gegen dieses Heidentum vorgegangen ist. In scharf formulierten Predigten legte der fromme Theologe dar, dass es sich bei diesen ›drei Heiligen Frauen‹ natürlich nicht um christliche, sondern heidnische Gottheiten gehandelt hat! Hinter diesen Gestalten verbargen sich damals Diana, Minerva  und Juno!« Ein schlimmer Rückfall in böses Heidentum sei es, so der Professor, wenn heidnische Göttinnen in christlichen Gewändern weiter verehrt und angebetet würden.

Die drei heiligen Frauen waren
dem Bischof ein Dorn im Auge...
Fotos: W-J.Langbein u. Archiv Langbein

Eigentlich wollte der Professor gar nicht über »dieses weiblichen Götzen« sprechen, ließ sich dann aber doch einige Informationen entlocken. Demnach hielt das Volk lange am »Aberglauben« fest und ehrte die drei »Heiligen Frauen« in der Zeit vom 21. Dezember bis zum 6. Januar. Kleine Tische oder Altäre wurden für sie aufgebaut, auf die Speisen und Getränke gestellt wurden. So wollte man die Gunst der Drei gewinnen und hoffte auf ihren Segen. In den Alpen – in Bayern, wie in Österreich – soll der heidnische Brauch besonders intensiv und noch lange gepflegt worden sein.

»Und sehen wir den Tatsachen ins Auge! Dieser heidnische Zauber hat für viele Katholiken auch heute nicht seinen Reiz verloren, wenngleich man den Aberglauben im christlichen Gewand zelebriert! Aber Heidentum bleibt Heidentum!« Rund vier Jahrzehnte sind seit dem Zornausbruch des werten Professors vergangen. An der Verehrung der der drei »Heiligen Frauen« hat sich indes nichts geändert, im Gegenteil. Der Kult der drei Jungfrauen wird, wie mir scheint, heute im Katholizismus intensiver denn je betrieben. Die drei »Heiligen Jungfrauen« haben Ehrenplätze, zum Beispiel im Dom zu Worms und in der Pfarrkirche von St. Tertulin im Kloster von Schlehdorf am Kochelsee, um zwei markante Beispiele zu nennen!

Idyllisch gelegen... das Kloster von Schlehdorf.
Foto: W-J.Langbein

 Weit in die Vergangenheit zurück reicht die Geschichte der Pfarrkirche von St. Tertulin. Das Gotteshaus von Schlehdorf, knapp siebzig Kilometer südwestlich von München gelegen,  hat eine sehr bewegte Geschichte. Wir wissen, dass es bereits im achten Jahrhundert eine Steinkirche im sogenannten »Scharnitzwald« gab, errichtet von Reginpert. Reginpert schenkte am 29. Juni anno 763 sein beträchtliches Vermögen der katholischen Kirche, die mit diesen Mitteln ein Kloster errichten konnte. Schon anno 772 wurde das »Kloster Scharnitz« nach Schlehdorf verlegt. Die ursprünglichen, also ältesten Klostergebäude lagen damals allerdings direkt am Ufer des Kochelsees. Anno 772  nahmen Reginpert und Abt Atto eine lebensgefährliche Reise nach Rom auf sich. Papst Hadrian I. persönlich überreichte den beiden Pilgern die Gebeine des Heiligen Tertulin, die die Reise nach Schlehdorf heil überstanden. Ob die Knochen wirklich echte sterbliche Überreste des St. Tertulin (auch Tertillinus genannt) sei dahingestellt. Sie wurden angeblich am zweiten Meilenstein der »Via Latina«, Rom, ausfindig gemacht. In einem kirchlichen Dokument aus dem Jahr 837 ist vermerkt, dass die Reliquie in einem Sarg aus Silber aufbewahrt wurde.

Im Jahr 1580 gab es auf dem »Kirchbichl« eine Kapelle, die den »Heiligen drei Jungfrauen« geweiht war. Sie musste wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Ein neues Gotteshaus wurde errichtet, zur besonderen Verehrung der Heiligen Einbetha (alternativ: Einbeth), der Heiligen Wolbetha (alternativ: Wolbeth) und der Heiligen Vielbetha (alternativ Vilbeth). Auch dieses Haus Gottes musste einem neueren sakralen Bauwerk, der Pfarrkirche, weichen. Dort werden heute noch Einbetha, Wolbetha und Vielbetha verehrt. Es lässt sich nicht mehr feststellen, wann sich zum ersten Mal Pilger aus nah und fern zu dieser heiligen weiblichen Trinität aufmachten. Vererht wurde sie vom 12. Jahrhundert an. Einer handschriftlichen Quelle kann entnommen werden, dass es anno 1348 eine Wallfahrt zu den drei »Heiligen Frauen« gab.

Wer würde in diesem Kloster Hinweise
auf drei Göttinnen vermuten?

Auf dem »Kirchbichl« zu Schlehdorf genießen auch heute die »Heiligen drei Jungfrauen« höchstes Ansehen. Sie heißen Einbetha, Wolbetha und Vielbetha. Im Dom zu Worms findet man die »drei Jungfrauen« auf einem Steinrelief, das auch ihre Namen trägt: »Embede«, »Willebede« und »Warbede«. Es ist das gleiche heilige Dreigespann, das nur regional bedingt unterschiedliche Namen trägt. In der Marienkirche von Auw an der Kyll bei Trier wird die heilige weibliche Trinität als Irmina, Adela und Klottildia verehrt. In Frauweiler, westlich von Köln, begegnen uns in der Pfarre Auenheim die drei Jungfrauen Einbett, Warbett und Willbett. Sie zieren in trauter Dreifaltigkeit einen schönen Nebenaltar, wo ihnen heute noch Kerzen »geopfert« werden.

In der Region um Wormbach wurde inbrünstig zu Ambede, Worbede und Wilbede gebetet. In der Kapelle von Wetschewell war einst eine heidnische weibliche Trinität hoch verehrt. Als Fides, Spes und Caritas waren sie für die christliche Obrigkeit akzeptabel. Aus heidnischen Göttinnen wurden christliche Matronen und Heilige. Was im Katholizismus auch heute noch einen sicheren, festen Platz hat, ist nichts anderes als eine Verehrung uralten heidnischen Glaubens an eine weibliche Trinität, bestehend aus drei Göttinnen!


Die 3 Frauen vom Worms. Foto Langbein
Prof. Heinz Kaminski spricht in diesem Zusammenhang von einem (1) »über die Jahrtausende tief im Volke verwurzelten Drei-Frauen- oder Drei-Matronenkult«, der trotz der »erfolgten Zerstörung der angetroffenen Kultstätten« überlebt hat. Der Glaube an drei Göttinnen muss so tief im Volksglauben verankert gewesen sein, dass er trotz intensivster Bemühungen nicht ausgelöscht werden konnte. Prof. Kaminski weiter (2): »Trotzdem haben die Inhalte der alten Kulte durch Überlieferung im Volkstum und Volksmund diese Phasen der Verfolgung und Zerstörung überdauert. Hieraus erwuchsen dann im Sinne der Kultstättenkontinuität viele der heutigen Marien-Verehrungsorte.«

Der alte Volksglaube ist stark und lässt sich von der Theologie nur schwer beeinflussen, auch dann, wenn drakonische Strafen zum Einsatz kamen. Schließlich wurde die Verehrung der drei einstigen Göttinnen im christlichen Gewand offiziell geduldet. Aus heidnischen Göttinnen wurden christliche Heilige, deren formschöne Statuen auch heute noch in christlichen Kirchen zu bewundern sind. Es ist geradezu erschütternd, wie wenig in unserer Zeit im vom Christentum geprägten Europa über die Glaubensinhalte des Christentums bekannt ist. Die Bedeutung von Weihnachten ist – noch – einer Mehrheit bekannt, die Bedeutung von Ostern und Pfingsten gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Und doch hat bis heute die Erinnerung an die Jahrtausende alte vorchristliche dreigestaltige Göttin überdauert. (3)

Es lohnt sich, die große Zeit-Reise anzutreten, beginnend mit der Himmelskönigin des heutigen Katholizismus. Verfolgen wir ihre Spur in die Vergangenheit. So werden wir zum Beispiel von Jungfrau Maria zur Himmelskönigin Nut im Reich der Pharaonen gelangen. Wie die Himmelskönigin Maria war auch Himmelskönigin Nut eine Jungfrau. Nut war die Göttin des Anfangs und des ewigen Kreislaufs des Lebens. Ihr ursprünglicher Name war Beth. Viele der christlichen weiblichen Trinität führen das Beth im Namen. Die heutigen christlichen »drei Bethen« finden sich nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Heutige Theologen wollen allerdings nichts von dieser weiblichen Dreifaltigkeit wissen, lassen nur die schwer verständliche männliche  Trinität (bestehend aus Gottvater, Sohn und Heiligem Geist) gelten.

Die drei Göttinnen von Worms. Foto W-J.Langbein

Wer aber die drei Göttinnen sucht, findet sie nicht nur im Dom zu Worms, sondern auch im Antiken Griechenland. Barbara Walker weist in Ihrem Lexikon »Das geheime Wissen der Frauen« darauf hin, dass die Mutter der griechischen Götter eine Trinität war, bestehend aus »der Jungfrau Hebe, der Mutter Hera und der Greisin Hekate«. Selbst im fernen, alten Mexiko entdeckte ich – auch Barbara Walker erwähnt diesen Sachverhalt (5) – eine weibliche Göttinnen-Triade. Die Mutter des Erlösergottes Quetzalcoatl war jungfräulich, wie die Mutter des christlichen Erlösers. Und sie war, so Walker, »eine von drei göttlichen Schwestern«.

Fußnoten:

1) Kaminski, Heinz: Sternenstraßen der Vorzeit/ Von Stonehenge nach Atlantis,
     München 1995, S. 159
2) ebenda
3) Kutter, Erni: Der Kult der drei Jungfrauen, München 1997
4) Walker, Barbara: Das geheime Wissen der Frauen, Frankfurt 1993, S. 1105
5) ebenda


Literaturempfehlungen

Zur vertiefenden Lektüre zur interessanten wie brisanten Thematik der weiblichen Dreifaltigkeit empfehle ich folgende Werke:

Derungs, Kurt und Früh, Sigrid: Der Kult der drei heiligen Frauen/ Mythen,      
     Märchen und Orte der Heilkraft, 2., wesentlich erweiterte Auflage, Grenchen
     bei Solothurn, 2008
Frankenberg, Gisela von: Deutsch – Herkunft und Sinn eines Begriffs, Bonn
     1986
     (Berchta als Jul- oder Jahrkuchen, S,180, ein Körper mit drei weiblichen
     Köpfen! Wie Urschalling!)
Göttner-Abendroth, Heide: Mythologische Landschaft Deutschland, Bern
     1999
     (Identität und Symbolik der Drei Jungfrauen, S. 217/218
     Die Verehrungsgeschichte der Drei Heiligen Jungfrauen, S.218-223
     Die Drei Jungfrauen in den Sagen und Brauchtum, S.223-229
     Jungfräulichkeit als Wesensmerkmal der drei Bethen S. 229-S. 235)
Hauf, Monika: Die Templer und die große Göttin, Düsseldorf 2000
     (Das Dreigestirn: Jungfrau Maria, die Heilige Maria Magdalena und
     Katharina von Alexandria, S. 54f.)
Kaminski, Heinz: Sternenstraßen der Vorzeit/ Von Stonehenge nach Atlantis,
     München 1995
     (Siehe in Mutter-, Jungfrauen- und Matronen-Gottheiten sowie ihre
     Verehrung in vor- und frühchristlicher Zeit im niederrheinischen
     Siedlungsraum S. 153-169... S. 160-162 drei Matronen, drei Jungfrauen usw.)
Kutter, Erni: Der Kult der drei Jungfrauen, München 1997
Rohrecker, Georg: Die Kelten Österreichs, Wien 2003
     (Bethen, drei, S. 53)
Schipflinger, Thomas: Sophia-Maria/ Eine ganzheitliche Vision der
     Schöpfung, Schalksmühle, Neuauflage 2007 (Titelbild Dreifaltigkeit von
     Urschalling, weiblicher Heiliger Geist)
Wodtke-Werner, Verena: Der Heilige Geist als weibliche Gestalt im
     christlichen Altertum und Mittelalter, Pfaffenweiler 1994


»Das Pferd mit vier Köpfen und drei Göttinnen«, 
Teil 238 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 10.08.2014



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Sonntag, 27. Juli 2014

236 »Ein Heidentempel, drei Göttinnen und der Dom von Worms«

»Ein Heidentempel, drei Göttinnen und der Dom von Worms«
Teil 236 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

»Von Wunderdingen melden die Mären alter Zeit;
Von preisenswerten Helden, von großer Kühnheit,
von Freud‘ und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen,
von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören sagen.« (1)

Der Dom zu Worms bei Nacht. Foto W-J.Langbein

So beginnt das berühmte Nibelungenlied, das große mittelalterliche Heldenepos, das wohl zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden ist. Einer der wirklich wichtigen Schauplätze ist der Königshof zu Worms. In Worms will der legendäre Siegfried um Kriemhild werben. Vor dem Dom kommt es zum dramatischen Streit zwischen den Königinnen. Die beiden Damen sind sich uneins, wer im Rang höher steht. Ist es Siegfried? Ist es Gunther? Ist Siegfried Gunther ebenbürtig? Oder steht er unter dem König, als »Gefolgsmann«? Welche der Damen darf als erste den Dom zu Worms betreten? Wer darf über das Königreich zu Worms herrschen, Gunther oder Siegfried?

»Da saßen beisammen die Königinnen reich
Und gedachten zweier Recken, die waren ohnegleich.
Da sprach die schöne Kriemhild: ›Ich hab‘ einen Mann,
dem müßten diese Reiche alle sein untertan.‹
Da sprach zu ihr Frau Brunhild: ›Wie könnte das sein?
Wenn anders niemand lebte als du und er allein.
So möchten ihm die Reiche wohl zu Gebote stehn:
So lange Gunter lebte, so könnt‘ es nimmermehr geschehn.‹« (2)

Schon in der Schulzeit (3) musste ich mich intensiv mit dem »Nibelungenlied« auseinandersetzen. Stundenlange Vorträge, etwa über das Verständnis des Begriffs »Ehre« waren zu ertragen. Ich muss zugeben, dass mich damals staubtrockene Definitionen von Begriffen in mittelalterlicher Dichtung kaum interessierten. Was mich aber faszinierte, kam im Unterricht gar nicht vor: Gab es den gigantischen Schatz der Nibelungen wirklich? Wurde er tatsächlich im Rhein versenkt? Wenn ja.. wo? Kann man ihn noch bergen? Und sollte der unermesslich kostbare Schatz tatsächlich gefunden werden, wem gehört er dann?


Reich verzierter Torbogen zum Dom. 
Foto W-J.Langbein

Ich unterbreitete damals meinem Deutschlehrer den Vorschlag, eine Studienreise nach Worms zu unternehmen. Ob es noch Hinweise auf die Nibelungen zu entdecken galt? Leider wurde mein Vorschlag abgelehnt. Ein Jahrzehnt später – im Sommer 1979 – lernte ich meine Frau kennen. Und siehe da: Der Großvater meiner Frau, Dr. Karl Schütze, hat sich viele Jahre seines Lebens mit dem Nibelungenlied auseinandergesetzt. Der Germanist aus Glückstadt hat schließlich eine weitverbreitete Übersetzung des alten Heldenepos publiziert (4). Beim Recherchieren in Sachen Nibelungenlied und Worms stieß ich auf den Mitbegründer der wissenschaftlichen Germanistik. Friedrich Heinrich von der Hagen (1780 – 1856) setzte sich intensiv mit dem Nibelungenlied auseinander. Erst kurz vor seinem Tod erschien seine Arbeit »Nibelungen« (5). Posthum folgte »DerNibelungen Klage« (6). Bei Friedrich von der Hagen entdeckte ich eine kühne Behauptung (7): Demnach soll es in Worms eine »Sigfridskapelle« (8) gegeben haben. Diese Behauptung elektrisierte mich geradezu. So begann meine Recherche in Sachen Siegfried und Worms. Sollte es tatsächlich – wie von Friedrich von der Hagen postuliert – eine »Sigfridskapelle« gegeben haben? Belege dafür fand ich keine, entdeckte aber sehr wohl das sakrale Bauwerk, auf das sich von der Hagen bezieht. Zu meiner großen Enttäuschung wurde das mysteriöse Bauwerk zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgerissen.


Die »Sigfridskapelle«. Historische Rekonstruktion. 
Foto: Archiv W-J.Langbein

Ohne Zweifel meint von der Hagen die »Johanneskirche«, die bis ins 19. Jahrhundert direkt neben dem Dom zu Worms stand. Dr. Eugen Kranzbühler widmet ihr, der »Johanneskirche«, in seinem bemerkenswerten Werk »Verschwundene Wormser Bauten« (9) im Kapitel »Die Pfarrkirchen« viel Raum (10). Dr. Kranzbühler (11): »Der Wormser Stadtschreiber  Johann Ludwig Hallungius nennt sie in seinen handschriftlichen Nachrichten von der Freien Reichsstadt Worms die Johanneskirche ›die älteste, noch aus dem Heidentum herrührende, unter der Erde zum Götzendienst mit Altären versehene Kirche. … Ein heidnischer Tempel, der ganz von Quadersteinen erbaut und gedeckt, unter der Erde rings um mit einem Gewölb versehen, worein das Licht durch viele bogige hohe Fenster einfällt.« Hallungius beschreibt den geheimnisvollen Bau als recht mysteriös: »Vor etlichen solchen Fenstern gegen Morgen stehen schlechte längliche viereckige Altäre mit Kohlen- und Schür(?)-Löchern versehen.«


Grundriss der verschwundenen Kapelle. 
Foto: Archiv W-J.Langbein

Längliche Altäre mit »Kohlen- und Schür-Löchern« erinnern ganz und gar nicht an christliche Kirchenbaukunst. Mit einem klassischen Kirchenschiff hatte der mysteriöse »heidnische Tempel«, so Stadtschreiber Hallungius (1732-1812), wenig, ja gar nichts gemein. Das sakrale Gebäude war rund (ein »Circul«), »die schwere Kuppel«, so Hallungius, ruhte auf steinernen Säulen. Untypisch war auch, dass die »Johannes-Kirche«, so Hallungius, teils unter-, teils überirdisch angelegt war. Sie war aus massiven Quadersteinen ein Stockwerk unter und zwei Stockwerke über der Erde angelegt worden. Es heißt, dass die Gläubigen »an Altären im unterirdischen Teil dem Götzen Mercurio opferten«. Sollte die »Johannes-Kirche« ursprünglich ein römischer Tempel gewesen sein? Wurde ein runder »Heidentempel« christianisiert, womöglich umgebaut und erweitert? Nach dem Studium zahlreicher Zeichnungen von der »Johanneskirche« drängt sich mir der Eindruck auf, dass beim Bau auf einen Turm aus der Römerzeit in die Anlage integriert wurde.

Wir wissen nicht, wer wann die Urform des Heiligtums baute, woraus die »Johannes-Kirche« entwickelt wurde. Wir wissen nicht, wer aus gewaltigen Steinquadern einen unterirdischen Kultort baute und darauf zwei weitere Stockwerke setzte. Der Ort jedenfalls war gut gewählt. Der etwa hundert Meter hohe Hügel bot Sicherheit vor den Hochwasserfluten des Rheins. Schon im dritten vorchristlichen Jahrtausend siedelten hier Menschen. Schon damals mag es dort einen Tempel gegeben habe, auf dessen Areal sehr viel später ein rundes Heiligtum entstand.

Grundriss von Dom und »Sigfridskapelle« (B). 
Foto: W-J.Langbein


1808 soll der mysteriöse Rundbau zumindest teilweise noch gestanden haben. Der überirdische Teil wurde damals als »Taufkirche« genutzt, der unterirdische als »Beinhaus«. Im Jahr 1837 allerdings war das seltsame Gebäude abgetragen worden. Ein Privatmann soll noch einige Säulenstücke und Kapitäle besessen haben. Warum wurde die »Johanneskirche«, die an der südlichen Langseite des Doms stand, abgerissen? Wurde nur der überirdische Teil abgetragen? Sind noch Reste des unterirdischen Teils erhalten? Kam der Befehl vom französischen Militär? Anno 1796 wurde der Dom von französischen Truppen zum Magazin degradiert und entweiht.1797 wurde Worms auf Dauer von französischem Militär besetzt und wurde Frankreich zugeschlagen. 1801 wurde das Bistum Worms aufgelöst.

Wie sich die Bilder gleichen: Nur wenige Meter vom Nordportal des Doms zu Paderborn entfernt steht die geheimnisvolle »Bartholomäus-Kapelle«, die älter als der Dom ist. Das äußerlich kleine, unscheinbare Gebäude hatte einen heidnischen Vorgänger, der wohl auf Befehl Karls des Großen (etwa 747 – 814 n.Chr.) vollkommen zerstört wurde.  Wie das heidnische Heiligtum ursprünglich im Inneren ausgesehen hat, wir wissen es nicht. Vermutlich wurde es durch Brandstiftung zerstört. Archäologen untersuchten penibel genau die spärlichen Überbleibsel. Dank ihrer geradezu pedantischen Geduld gelang es den Wissenschaftlern, Reste einer Inschrift zu rekonstruieren und zu entziffern. Da war von einem Drachen die Rede. Just an dieser Stelle hatten die heidnischen Sachsen ihren alten Göttern Pferdeopfer dargebracht. Die Drachen-Inschrift wurde nur wenige Meter nördlich von der Bartholomäus-Kapelle gefunden. Sie war so bruchstückhaft, dass ihr Inhalt nur erahnt werden kann. Wurde Karl der Große als Sieger über das Heidentum der Sachsen gefeiert, als der Unterwerfer des Drachens?


Das Innere der 
mysteriösen Kapelle. 
Foto: Archiv W-J.Langbein

Nur wenige Meter vom Dom zu Worms entfernt stand eine runde Kirche, die an keltische Heiligtümer erinnerte. Bis ins erste vorchristliche Jahrhundert siedelten Kelten auf dem Hügel. Waren es Kelten die den ersten Rundbau auf dem »Domhügel« anlegten? In der unterirdischen Krypta sollen noch in christlichen Zeiten heidnische Rituale abgehalten worden sein. Wie lange? 

Auf die Kelten folgten die Germanen, auf die Germanen die Römer. Übernahmen Römer Reste eines keltischen Rundbaus, um daraus ein Stätte der Verehrung für Gott Mercurius zu machen? Wie auch immer: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Sakralbau zerstört.

Wer freilich zu Beginn des dritten Jahrtausends Zeugnisse heidnischer Religiosität sucht, findet die Abbildung dreier heidnischer Göttinnen im christlichen Gewand: mitten im altehrwürdigen Dom zu Worms am Rhein! Kaum jemand weiß es: Drei heidnische Göttinnen werden noch heute im Dom verehrt.


Querschnitt der über- und unterirdischen Kapelle. 
Foto: Archiv W-J.Langbein


Alle historischen Darstellungen: Archiv Walter-Jörg Langbein

Fußnoten

1) »Das Nibelungenlied/ Übertragen von Karl Simrock, ausgewählt, überarbeitet und mit Anmerkungen ausgestattet von Dr. Karl Schütze«, Breslau, ohne Jahresangabe, S. 5
(Orthographie unverändert übernommen!)
2) ebenda, S. 28 (Orthographie unverändert übernommen!)
3) »Meranier Gymnasium«, Lichtenfels, etwa 1970
4) »Das Nibelungenlied/ Übertragen von Karl Simrock, ausgewählt, überarbeitet und mit Anmerkungen ausgestattet von Dr. Karl Schütze«, Breslau, ohne Jahresangabe. Mir liegt Dr. Karl Schützes Exemplar vor, das zahlreiche handschriftliche Korrekturen und Ergänzungen aufzuweisen hat.
5) Von der Hagen, Friedrich Heinrich: »Nibelungen«, Berlin 1855
6) Von der Hagen, Friedrich Heinrich: »Der Nibelungen Klage«, München 1919
7) Von der Hagen, Friedrich Heinrich: »Anmerkungen zu der Nibelungen Not«, Frankfurt am Main, 1824, S. 131
8) Schreibweise »Sigfrid« so übernommen!
9) Kranzbühler, Dr. Eugen: »Verschwundene Wormser Bauten/ Beiträge zur Baugeschichte und Topographie der Stadt«, Worms 1905
10) Kranzbühler, Dr. Eugen: »Verschwundene Wormser Bauten/ Beiträge zur Baugeschichte und Topographie der Stadt«, Worms 1905, S. 16-53
11) Kranzbühler, Dr. Eugen: »Verschwundene Wormser Bauten/ Beiträge zur Baugeschichte und Topographie der Stadt«, Worms 1905, S. 17

»Drei Göttinnen«,
Teil 237 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 03.08.2014

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