Sonntag, 27. Dezember 2015

310 »Die Weihnachtsgeschichte - wortwörtlich«

Teil 310 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: »Weihnacht« um 1900
»Weihnacht! Welch ein liebes, liebes, inhaltsreiches Wort! Ich behaupte, daß es im Sprachschatz aller Völker und aller Zeiten ein zweites Wort von der ebenso tiefen wie beseligenden Bedeutung dieses einen weder je gegeben hat noch heute giebt.«

Mit diesen Worten leitet Karl May anno 1897 seinen Roman Weihnacht (1) ein.

Und in der Tat: Wahrscheinlich sind die zwei Versionen der »Weihnachtsgeschichte« im »Neuen Testament« die bekanntesten und beliebtesten Bibeltexte überhaupt. Von den Evangelisten Markus, Johannes, Matthäus und Lukas finden wir die uns vertraute Weihnachtsgeschichte nur bei Matthäus und Lukas.

Auch heute noch, zu Beginn des dritten Jahrtausends wohnt diesen märchenhaft schönen Texten ein besonderer Zauber inne. Auch wenn das leise Weihnachtsfest immer mehr vom lautstarken Kommerz-Trubel übertönt zu werden droht, so ist »Weihnachten« immer noch stark.

Beneiden wir nicht alle Kinder um ihren naiven Glauben an das Christkind? Oder belächeln wir herablassend die stille Botschaft der Weihnacht? Leider bedarf es heute schon einer tüchtigen Portion Naivität, um an die Nächstenliebe zu glauben. Oder? Ist es wirklich naiv zu meinen, dass Nächstenliebe unser Leben sehr viel schöner macht als der alltägliche Egoismus einer kälter werdenden Gesellschaft?

Ich wünsche allen ein gesegnetes Weihnachtsfest, eine friedvolle Zeit. Geben Sie der kindlichen Naivität in Ihrem Herzen eine Chance…

Es folgen die Texte aus dem »Neuen Testament« zum Weihnachtsfest, von mir wortwörtlich aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzt…..

»Evangelium nach Matthäus«

Kapitel 1


1) (Dies ist) das Buch der Geschichte von Jesus Christus, Sohn Davids und Sohn Abrahams.

Foto 2: Der »Stall« zu Bethlehem...

18) Die Geburt von Jesus Christus geschah so. Während der Zeit, als seine Mutter  dem Joseph zur Ehe versprochen war, da zeigte es sich, dass sie schwanger war vom Heiligen Geist, bevor sie zusammen waren.

19) Jedoch Joseph, ihr Mann, denn er war rechtschaffen und wollte sie nicht öffentlich bloßstellen, dachte daran, sich heimlich von ihr zu lösen.

20) Aber nachdem er die Dinge überdacht hatte, siehe, des Herren Engel erschien vor ihm in einem Traum und sprach zu ihm: »Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht davor, Maria, dein Weib nach Hause zu führen, denn was in ihr empfangen worden ist, das ist vom Heiligen Geist!

21) Sie wird gebären einen Sohn, und du musst ihn Jesus nennen, denn er wird sein Volk erretten von ihren Sünden.«

22) All dies aber geschah, damit erfüllt werde, was der Herr durch seinen Propheten gesagt hat:

23) »Siehe: die Jungfrau wird schwanger werden und einem Sohn das Leben schenken, und sie wird seinen Namen Immanuel nennen, was so viel heißt, so man es übersetzt, Mit-uns-ist Gott.«

24) Dann erwachte Joseph von seinem Schlaf und tat so, wie der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und er führte sein Weib nach Hause.

25) Aber er erkannte sie nicht bis sie einen Sohn gebar und er nannte seinen Namen Jesus.

Foto 3: .... im Dom zu Paderborn
Kapitel 2

1) Nachdem Jesus geboren worden war in Bethlehem im Lande Judea in den Tagen als Herodes König war, siehe, da kamen Astrologen aus dem Osten nach Jerusalem, die sprachen: »Wo ist der eine, geboren als König der Juden? Denn wir sahen seinen Stern im Osten, und nun sind wir gekommen, um ihm unsere Ehrerbietung zu erweisen!«

3) Als dies König Herodes hörte, da war er erregt und ganz Jerusalem war es mit ihm.

Foto 4: Krippenidyll, Paderborn, etwa 1664

4) und nachdem er alle seine Oberpriester und Schriftkundigen des Volkes hatte zusammenkommen lassen, da begann er sie zu befragen, wo denn der Christos geboren werden würde.

5) Sie sagten zu ihm: »In Bethlehem von Judea, denn so ist es vom Propheten geschrieben worden.

6) Und du, oh Bethlehem aus dem Land von Judah, bist auf gar keinen Fall die unbedeutendste unter den Städten im Bereich Judah, denn aus dir wird hervorgehen ein Regierender, der mein Volk hüten wird, (oh) Israel!«

Foto 5: Maria, Josef und Klein Jesus...
7) Dann ließ Herodes die Astrologen heimlich zu sich kommen und brachte von ihnen sorgfältig in Erfahrung, wann denn der Stern erschienen sei.

8) Und als er sie nach Bethlehem sandte, da sprach er zu ihnen: »Geht und sucht sorgfältig nach dem jungen Kind, und wenn ihr es gefunden habt, dann erstattet mir Bericht, so dass ich gehen und ihm meine Ehrerbietung erweisen kann!«

9) Als sie den König gehört hatten, da gingen sie ihres Wegs und siehe, der Stern, den sie im Osten gesehen hatten, er ging ihnen voran, bis er dorthin kam und stand (über dem Ort), wo das Kind war.

10) Als sie den Stern sahen, da frohlockten sie sehr, in der Tat!

11) Und als sie in das Haus gingen und sahen das junge Kind mit Maria, seiner Mutter, da fielen sie nieder und erwiesen ihm ihre Ehrerbietung. Auch öffneten sie ihre Schätze und versahen das Kind mit Geschenken, Gold, Weihrauch und Myrre.

.... Foto 6: ... im Dom zu Paderborn
12) Jedoch da ihnen göttliche Warnung im Traum geoffenbart wurden, auf dass sie nicht zu Herodes zurückkehren sollten, so gingen sie auf einem anderen Wege in die Heimat zurück.

13) Da sie nun aber heimgekehrt waren, siehe, der Engel des Herrn erschien Joseph in einem Traum und sprach: »Steh’ auf, nimm’ das junge Kind und seine Mutter und flieh’ nach Ägypten, und bleibe daselbst, bis ich dir Nachricht gebe. Denn Herodes macht sich daran zu suchen nach dem jungen Kind – um es zu töten.«

14) So erhob er sich und nahm mit sich das junge Kind und seine Mutter in der Nacht und floh nach Ägypten.

15) Und er blieb dort bis Herodes starb, so dass erfüllt werde, was der Herr durch seinen Propheten gesprochen hat wie folgt: »Aus Ägypten rief ich meinen Sohn!«

16) Als Herodes nun sah, dass er überlistet worden war von den Astrologen, da verfiel er in eine große Wut und er sandte aus und ließ alle Knaben in Bethlehem und in allen seinen Distrikten töten, die zwei Jahre alt und jünger waren, gemäß der Zeit, die er sorgsam von den Astrologen erfragt hatte.

17)  Da wurde erfüllt, was durch Jeremias, den Propheten, gesprochen worden war: »Zu Ramah wurde gehört eine Stimme,  die gar bitterlich weinte und klagte, es war Rachel, die um ihre Kinder weinte, und sie ließ sich nicht trösten, weil sie nicht mehr waren (die Kinder).«

Foto 7: Maria mit Kind... Krippe zu Lügde
19) Als Herodes gestorben war, siehe, der Engel des Herrn erschien Joseph in einem Traum in Ägypten

20) und sprach: »Steh’ auf, nimm das junge Kind und seine Mutter und mache dich auf den Weg in das Land Israel, denn jene, die nach der Seele des jungen Kindes trachteten, sie sind nun tot!«

21) So erhob er sich und nahm das junge Kind und seine Mutter und ging hinein in das Land Israel.

22) Aber als er hörte, dass Archelaus regierte als König von Judea an Stelle seines Vaters Herodes, da erfasste ihn Furcht davor, dorthin zu kommen. Und da er darüber hinaus göttliche Warnung im Traum erhielt, da zog er sich in das Gebiet von Galilea zurück,

23) und kam und wohnte in einer Stadt, die da hieß Nazareth, auf dass erfüllt werde, was gesprochen worden war durch die Propheten: »Er wird genannt werden Nazarener.«

»Evangelium nach Lukas«

Foto 8: Hirten auf dem Felde, Marienkirche Lügde
Kapitel  2

1) Nun, in jenen Tagen, da wurde ein Erlass verkündet von Caesar Augustus für die gesamte bewohnte (Erde), sich registrieren zu lassen.

2) Und diese erste Registrierung fand statt da Quirinius Landpfleger von Syrien war..

3) Und alles Volk machte sich auf und reiste, um registriert zu werden, ein jeder in seine eigene Stadt.

4) Natürlich machte sich auch Joseph von Galilea auf in die Stadt Nazareth, nach Judea, in die Stadt Davids, welche genannt wird Bethlehem, da er ein Mitglied des Hauses und der Familie Davids war,

5) um registriert zu werden mit Maria, die ihm zur Ehe wie versprochen gegeben worden war, zu jener Zeit schwanger mit einem Kind.

Foto 9: Von weit her ist der König gekommen... Marienkirche Lügde

6) Als sie dort waren, da kamen die Tage und es war an der Zeit, dass sie gebären sollte.

7) Und sie gebar einen Sohn, den Erstgeborenen, und sie hüllte ihn in Tuch und legte ihn in eine Krippe, denn da war für sie kein Platz im Herbergsraum.

8) Da waren in dieser Gegend auch Hirten, die im Freien lagerten, und die in der Nacht ihre Herden hüteten.

9) Und plötzlich stand des Herren Engel bei ihnen und des Herren Glanz erfüllte sie mit Schein und sie wurden sehr ängstlich.

10) Aber der Engel sagte zu ihnen: »Fürchtet euch nicht, denn, seht, ich verkünde euch gute Botschaft von großer Freude, die alle Menschen haben werden.

Foto 10: Die »Heiligen Drei Könige«, Krippe Marienkirche, Lügde

11) Denn heute ist für euch der Retter geboren, welcher ist Christus der Herr, in Davids Stadt.

12) Und dies ist ein Zeichen für euch: ihr werdet finden ein Neugeborenes, gehüllt in Stoff, liegend in einer Krippe!«

13) Und plötzlich, da war mit dem Engel eine Vielzahl von der himmlischen Armee, preisend Gott und sagend:

14) »Ehre sei Gott in den Höhen bis hinauf zu Gott, und auf der Erde Frieden unter den Menschen und guter Wille!«

15) Und als die Engel von ihnen geschieden gen Himmel waren, da fingen die Hirten an zu sprechen und sie sagten zueinander: »Wir wollen nun sogleich nach Bethlehem gehen zu sehen dieses Ereignis, das stattgefunden hat, was der Herr uns offenbart hat!«

Foto 11: König Caspar, Krippe Lügde
16) Und sie gingen mit Eile und fanden Maria sowie auch Joseph, und das Kind lag in einer Krippe.

17) Als sie es sahen, da verbreiteten sie das Wort, welches ihnen über das junge Kind kundgetan worden war.

18) Und alle, die es hörten, sie staunten über die Dinge, die ihnen von den Hirten erzählt worden sind,

19) aber Maria fing an, all diese Worte zu merken und sie zog daraus Schlussfolgerungen in ihrem Herzen.

20) Dann gingen die Hirten zurück, verherrlichten und lobten Gott für all die Dinge, die sie hörten und sahen, so wie sie ihnen gesagt worden waren.

21) Und als acht Tage sich erfüllt hatten, so dass er beschnitten werden sollte, da nannte man beim
Namen Jesus,  so wie er vom Engel genannt worden war, bevor er  im Mutterleib empfangen war.

Foto 12: Einer der Hirten im Stall, Lügde
Fußnote

1) May, Karl: »Weihnacht/ Reiseerzählung 
von Karl May«, »Historisch-Kritische Ausgabe 
für die Karl-May-Gedächtnis-Stiftung«, 
herausgegeben von Hermann Wiedenroth 
und Hans Wollschläger, Abteilung IV, 
Reiseerzählungen Band 21, Nördlingen 
1987 (Orthographie weitestgehend 
unverändert vom Original übernommen.)

Zu den Fotos 

Foto 1: Cover »Weihnacht« von Karl May.
Fotos 2-12: Walter-Jörg Langbein

311 »Das Ghetto«
Teil 311 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 03.01.2016


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Sonntag, 20. Dezember 2015

309 »Der Genozid«

Teil 309 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Giganten der Osterinsel

Etwa 1500 Menschen wurden von der Osterinsel in die Sklaverei verschleppt. Am 18. August 1863 zeigen die Proteste gegen den menschenverachtenden Sklavenhandel endlich Wirkung. Die wenigen überlebenden Polynesier sollen auf ihre Heimatinseln zurückgebracht werden. 318 Polynesier haben die unbeschreibliche Hölle überlebt. Das Schiff »Bárbara Gomez« mit den Überlebenden an Bord erreicht als erstes Ziel Papeete. Dann geht es weiter Richtung Isla la Pascua. An Bord bricht eine Pocken-Epidemie aus. 85 der 100 Osterinsulaner sterben, nur 15 überleben. In der Heimat angekommen, infizieren die fünfzehn »Geretteten« die schon dezimierte Bevölkerung der Osterinsel. 1 000 Osterinsulaner werden dahingerafft. Vorsichtig geschätzt fielen zwei Drittel der Bevölkerung der »zivilisierten Welt« zum Opfer. Tragischer Weise führt die christliche Rettungsaktion dazu, dass noch mehr »Wilde« sterben.


Foto 2: Die Osterinsel aus dem All. NASA

Noch 1929 schrieb der fast schon als heldenhaft verehrte Pater Sebastian Englert in einem Aufsatz in »Ewige Anbetung« über »Die Indianerseele« (1): »Niemand wird sich darüber wundern, wenn ich sage, daß der Indianer einer tieferstehenden Rasse angehört als wir Europäer. Und wenn ich manchmal etwas derbe oder scharfe Ausdrücke gebrauche, will ich damit die Indianer nicht verachten. Wer in die Mission geht, weiß von vornherein, daß er zu Menschen niederer Kulturstufe geht und daß das Charisma und die Größe des Missionars darin besteht, um sich der Ärmsten der Armen, der geistig und sittlich am tiefsten Stehenden liebevoll anzunehmen….. Der Missionar hat Gelegenheit, das Niedrige und Gemeine, das in der Indianerseele liegt, zu beobachten: Das Falsche, das Verschlagene, das Heimtückisch-Feige, das Verstohlene, das Sinnliche und das Träge, das Energielose und Dummstolze.«

Foto 3: Auch Make Make konnte nicht helfen
Bei einer unserer langen Jeep-Fahrten, die uns kreuz und quer über die Osterinsel führten, zeige ich mich entsetzt über die Verbrechen am Volk der Rapa Nui. Die stolze Insulanerin tritt auf die Bremse und bringt den Jeep nahe bei einem steinernen Koloss auf mächtigem Podest zum Stehen. Sie sieht mich traurig an. »Es war ein Genozid.« Abends legt sie mir eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 1878 vor. Demnach lebten anno 1877 nur noch 111 Menschen auf der Osterinsel, 85 Männer und 26 Frauen.

»Wenn man die jüngere Geschichte meiner Heimat verfilmen willen, kann man aus reichlich Material schöpfen…«, schimpft meine kundige Führerin. »Da gibt es reichlich Material für eine ganze Horror-Serie! Vermutlich würde das zu grauenhaft…«

Ich schaue meine Gesprächspartnerin wohl etwas zu zweifelnd an. Sie lacht. »Du hast ja recht. Leider wurde bisher viel zu wenig geforscht. Und wenn recherchiert wurde, dann meist beschönigend! Vieles ist noch unklar! Und so mancher ›Held‹ war in Wirklichkeit eine eher zweifelhafte Gestalt! Zum Beispiel Pater Sebastian Englert (1888-1969)…« Nach Heyerdahl wurde Englert als »ungekrönter König« der Osterinsel bezeichnet (3). Englert, Gymnasiallehrer für alte Sprachen, Sprachforscher, katholischer Geistlicher und Missionar wirkte intensiv auf der Osterinsel. Er setzte sich für den Erhalt der Riesenstatuen ein, erforschte die Mythologie der Osterinsel und versuchte den Leprakranken auf der Insel so gut zu helfen, wie er nur konnte.

Fotos 4 und 5: Osterinsel 1914 und fast ein Jahrhundert später

1917, die Einwohnerzahl der Osterinsulaner war wieder auf 301 angestiegen, grassierte eine Lepra-Epidemie auf der Osterinsel. Abends in meiner Pension lese ich in den handschriftlichen Notizen meiner Führerin. Der Geistliche Rafael Edwards weilte 1917 auf der Osterinsel und missionierte eifrig. Er bemühte sich auch um die Seelen der sterbenden Leprakranken, die unter unsäglichen Bedingungen hausen und mehr vegetieren als leben mussten.

Meine Gesprächspartnerin ist nicht besonders gut auf Rafael Edwards zu sprechen. »Dieser Mann des christlichen Gottes hätte sich etwas mehr um das Leiden und Leben der Leprakranken kümmern sollen als um ihr Seelenheil. Ihm war es doch egal, ob jemand an Lepra starb, Hauptsache, er starb als Christ und hat noch rechtzeitig gebeichtet!«

Foto 6: Autor Langbein in einer der Osterinsel-Höhlen

1917 beschreibt Rafael Edwards das grauenhafte Horrorszenario der »Leprakolonie« auf der Osterinsel. Die besonders hart von Lepra betroffenen Menschen gleichen mehr lebenden Leichen. Sie verfaulen bei lebendigem Leibe, umschwärmt von Moskitos, in ihren klaffenden Wunden fühlten sich Maden heimisch. 
Foto 7: Erkundung einer der Höhlen

Auf Stroh und »Unrat« (Rafael Edwards) liegend dämmerten die entstellten Menschen ihrem Ende entgegen. Immer wieder drang Edwards in Höhlen und Häuser in der Leprakolonie vor, um seelsorgerlich zu helfen. Lange hielt er es nicht zwischen den Kranken aus. Der Gestank der »faulen Ausdünstungen« raubte ihm den Atem, so dass ihm immer wieder fast die Sinne schwanden. Dann taumelte er ins Freie, atmete intensiv ein und aus, um sich wieder in den Gestank der Noch-Lebenden und Schon-fast-Toten zu stürzen. »Lepra wurde von den Mächtigen genutzt, um missliebige Insulaner zum Schweigen zu bringen!«, behauptete verbittert meine Gesprächspartnerin.

Foto 8: Düstere Stimmung...
Wann die ersten Menschen auf der Osterinsel zum ersten Mal an Lepra erkrankt sind, ist unklar. Fest steht, dass eine Rapa Nui Familie – drei Personen – nach Tahiti geflohen war und 1889, an Lepra erkrankt, in die Heimat zurückkehrte. Die drei – Vater, Mutter, Kind – lebten getrennt von der übrigen Bevölkerung in einer Höhle. 1902 oder 1903 waren aber schon so viele Menschen angesteckt, dass abseits von der einzigen Siedlung auf dem Eiland eine Lepra-Kolonie gegründet werden musste.

1938 unterschlug der chilenische Arzt und »Militär-Gouverneur« Spendengelder, die für die Leprakranken unter den Rapa Nui gedacht waren.

Erst 1947 begann man, eine modernere Leprastation aufzubauen, mindestens 58 Jahre nach Ausbruch der Krankheit. Es ist beschämend, dass in den 1950er und 1960er Jahren Leprakranke auf der Osterinsel nur gelegentlich ärztlich versorgt wurden. Es ist beschämend, dass es erst 1993, ein Jahrhundert nach Ausbruch, es Betroffenen ermöglicht wurde, sich in Santiago de Chile operieren zu lassen. Es ist mehr als beschämend, dass die Rapa Nui lange Zeit auf der eigenen Insel wie Gefangene in einem Ghetto gehalten wurden. Aufbegehrende Insulaner wurden zu den Leprakranken gesperrt. Auf diese sollten die Menschen gefügig gemacht werden. Als Strafe für Ungehorsam war Ansteckung mit Lepra vorgesehen. Das ist nicht mehr beschämend, das war verbrecherisch.

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937), Großmeister des Horrors, schrieb: »Wir leben auf einer seelenruhigen Insel der Ignoranz inmitten eines Meeres von schwarzer Endlosigkeit und es war nie angedacht, dass wir je auf Reise gehen sollten.«

Einst versank die Urheimat der Osterinsulaner im Meer, dank des fliegenden Gottes Make Make – so überliefert es die Mythologie – konnten sich die Menschen auf die »Isla de Pascua« retten. Dort hätten sie wie in einem Paradies leben können… wenn nicht die »Schwärze« der zivilisierten Welt immer wieder Sklaverei, Elend und Tod gebracht hätte. Fast wäre die Bevölkerung der Osterinsel vollständig auslöscht worden. So kann man, muss man von einem Genozid sprechen.

Foto 9: Hund, Autor und kleiner Riese
Fußnoten

1) Zitat aus Fischer, Hermann: »Schatten auf der Osterinsel/ Plädoyer für ein vergessenes Volk«, 2. Überarbeitete Auflage, Oldenburg 1999, S. 202
2) Pinart, Alphonse: »Voyage à l´Ille de Paques: Le Tour du Monde«, vol. 36, Seiten 225-240, Paris 1878
3) Wikipedia-Artikel über Englert.
4) Edwards, Rafael: »La Isla de Pascua«, Santiago de Chile 1918

Zu den Fotos 

Fotos 1, 3, 7 und 8: Walter-Jörg Langbein
Foto 2/ Die Osterinsel aus dem All. NASA: NASA
Fotos 4 und 5/ Osterinsel 1914 und fast ein Jahrhundert später: Foto 4, 1914, gemeinfrei. Foto 5 Ingeborg Diekmann
Foto 6/Autor Langbein in einer der Osterinsel-Höhlen: Ingeborg Diekmann
Foto 9/ Fotograf unbekannt

310 »Die Weihnachtsgeschichte - wortwörtlich«
Teil 310 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 27.12.2015


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