Sonntag, 18. Dezember 2016

361 »Gargoylen und Monster in der Unterwelt«

Teil  361 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Fotos 1 und 2: Gorgoylen am Dom zu Bamberg

Sie begegneten mir auf meinen Reisen immer wieder: Monströse Gargoylen, in Stein verewigte mysteriöse Kreaturen, die aus großer Höhe auf uns Menschen herabblicken. Und das seit vielen Jahrhunderten. Christliche Dome und Kathedralen tragen sie in luftiger Höhe womöglich schon seit einem Jahrtausend. Auf heidnischen Tempeldächern sollen sie schon vor Jahrtausenden gehaust haben. Sie inspirierten die Macher von Walt Disney zu einer Fernsehserie, von der in den 1990ern mehrere Staffeln produziert wurden. Deutscher Titel der Reihe: »Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit«.

In der gruseligen Fantasiewelt waren Gargoylen lebende Kreaturen, die tagsüber zu Stein erstarren. Tagsüber waren sie bewegungsunfähig, schutzlos ihren Feinden ausgeliefert. Erst nach Einbruch der Dunkelheit konnten sie zum Leben erwachen und auf mächtigen Schwingen zu den Menschen kommen. Die aber hießen sie nicht willkommen, verachteten und fürchteten sie wegen ihres Aussehens.  Dabei waren die Film-Gargoylen mächtige, höchst intelligente Flügelwesen, die als ein ehrbarer schottischer Clan die Menschen beschützen. In  der Fernsehserie erwachen die Geflügelten anno 1994 wieder in der für sie mehr als befremdlichen Welt des modernen New York. Seit fast fünf Jahrzehnten bieten uns Horrorfilme wie »Gargoyles« (1972), »Gargoyles – Flügel des Grauens« (2004) und »Reign of the Gargoyles« (2007) Gargoylen als grässliche Kreaturen an.

Fotos 3 und 4: Monster starren herab?

Die steinernen Gargoylen der Realität werden von so manchem Zeitgenossen heute übersehen. Selbst emsige Besucher christlicher Gotteshäuser nehmen sie oft gar nicht wahr. Dabei hocken sie hoch oben und erfüllten vordergründig einen recht profanen Zweck: Vor einem Jahrtausend gab es keine Dachrinnen mit Fallrohren, so wie wir das heute kennen. Regenwasser gefährdete das Mauerwerk der großen Sakralbauten. Um das Wasser erst gar nicht eindringen zu lassen, leitete man es zu den Gargoylen, die es in weitem Bogen vom Dach weg spien. Warum aber gestaltete man die Gargoylen besonders gern und häufig als monströse, furchteinflößende Wesen? Man wollte, um ein Sprichwort leicht abzuwandeln, den Teufel mit Beelzebub nicht aus, sondern vertreiben.

Foto 5: Monster oder Menschenfreund?

Die Fernsehserie »Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit« nimmt ihren Ausgangspunkt im späten 10. Jahrhundert. In der Realität jener Zeit herrschte im christlichen Europa große Furcht vor Dämonen. Noch in der Epoche der Gotik (12. Jahrhundert bis etwa 1500) lebten böse Dämonen im Volksglauben fort. »Bavaria Antiqua« schreibt über »Heilige und Dämonen« (1): »Zu einfach wäre es, würde man nun glauben, daß mit der Gotik die Furcht vor den Dämonen insgesamt gewichen sei. Solch tief eingewurzelten Vorstellungen konnten und sollten nicht ausgerottet werden; sie blieben wirksam, wenn auch mit verminderter Intensität.«

Foto 6: Blick in die Krypta des Doms von Paderborn

Die Menschen fühlten sich von Dämonen bedroht. Derlei Ängste wurden wohl gern von Predigern gemehrt und genährt, die zugleich auch Schutz vor den bösartigen Mächten versprachen. Sicherheit vor der angeblich allgegenwärtigen Gefahr würde die Kirche bieten, speziell natürlich in den Gotteshäusern. Freilich würden die schrecklichen Wesen versuchen, den Menschen in die Kirchen zu folgen. Wie konnte man nun die sakralen Schutzräume dämonenfrei halten? Achim Hubel gibt in »Heilige und Dämonen« die Antwort (2):

Foto 7: Monströses Schnitzwerk?

»Nach wie vor hatten die dämonischen Fabelwesen ihre apotropäische, das heißt abwehrende Bedeutung, die allen bösen Geistern das Betreten des Kirchenraums unmöglich machen sollte. Diese Aufgabe kam den Wasserspeiern zu, die beim Regensburger Dom wie bei allen gotischen Kathedralen an den Obergeschossen nebeneinander gereiht sind.«  Die steinernen Monster sollten also andere monströse Dämonen daran hindern, den Gottesdienstbesuchern Leid zuzufügen. Die Gargoylen. Und gleichzeitig dienten sie im wahrsten Sinne des Wortes der Kirche, nämlich als besiegte, unterworfene Dämonen müssen sie das Mauerwerk der Gotteshäuser schützen und Wasser vom Mauerwerk weg speien. So werden sie gezwungen, die Kirchen zu schützen, die sie am liebsten zerstört hätten.

Fotos 8 und 9: Monströses in der Krypta von Paderborn

»Der Kölner Dom«, so lese ich in einer Buchvorstellung (3), »verfügt über Wasserspeier vom 13. bis zum 21. Jahrhundert. Dämonenabwehr und Ereignisse aus der Stadtgeschichte spiegeln sich in den Wasserspeiern wieder, die am Kirchbau zur fließenden Grenze zwischen Heidentum und christlichem Glauben werden.« Von der christlichen Kirche wurden die oft so gar nicht christlichen Wasserspeier in der Tat nicht erfunden. Sie waren schon in der Antike bekannt und zierten dort Tempeldächer (4). Ob freilich die »alten Heiden« mit furchteinflößenden Figuren aus Stein wirklich andere teuflische Wesen von ihren Gotteshäusern fernhalten wollten? Oder stellten die fremdartigen Wesen nicht doch Gottheiten dar, die verehrt und angebetet wurden? Wurden im Verlauf der Christianisierung aus mächtigen und verehrten Göttinnen und Göttern gefährliche, furchteinflößende Monster?

Zurück zu den Gargoylen unser Kathedralen und Kirchen. Gargoylen soll(t)en den Dom zu Paderborn ebenso schützen wie das Münster von Ulm, den Dom zu Regensburg ebenso wie die Kathedrale von Notre Dame, das Ulmer Münster wie den Stephansdom in Wien. Die Angst vor lauernden Dämonen scheint sehr groß gewesen zu sein.

Foto 10: Untier frisst sich selbst (Krypta Paderborn)

Ich gebe zu, lange Zeit den Gargoylen von Paderborn kaum Beachtung geschenkt zu haben. Völlig übersehen habe ich eine ganze Reihe von »monsterhaften«, die an völlig unerwarteter Stelle im Dom verewigt worden sind. Diese drachenähnlichen Kreaturen wurden nicht in Stein gemeißelt an der Außenseite des Doms angebracht. Sie wurden vielmehr aus Holz geschnitzt und befinden sich im Inneren des uralten christlichen Sakralbaus, genauer gesagt in der Unterwelt, in der Krypta.

Bei meinem bislang letzten Besuch des Doms zu Paderborn suchte ich als erstes die Krypta auf. Ihre Form, so heißt es, geht im Wesentlichen auf das Jahr 1100 zurück. Sie wurde allerdings im 13. Jahrhundert erneuert und umgestaltet wurde. Die Krypta von Paderborn gilt als eine der größten Hallenkrypten in Deutschland. Nur die Dome von Bamberg und Speyer haben vergleichbare »Unterwelten« zu bieten. Im Dom selbst herrschte emsiges Treiben. Man bereitete ein großes Konzert vor. Scheinwerfer wurden durch das Kirchenschiff geschoben, Lautsprecherboxen aufgestellt. Techniker legten Kabel. Andere hantierten an einem Mischpult. Das konzentrierte Arbeiten verursachte erheblichen Lärm, der auch noch in der unterirdischen Krypta, wenn auch gedämpft, zu vernehmen war.

Foto 11: Die Krypta im Dom von Paderborn....

Undefinierbare Geräusche erwiesen sich später nicht als Geisterspuk, sondern als kreischende Sägen.  Während im Kirchenschiff das Konzert vorbereitet wurde, wurde auch noch an den Außenwänden des Doms nämlich massiv restauriert. Da wurde Stein gesägt, da wurde gehämmert und gemeißelt. »Wenn wir erst einmal fertig sind, werden in den nächsten hundert Jahren keine Restaurierungsarbeiten mehr anfallen!«, versicherte mir am 4. Oktober 2016 ein Facharbeiter mit riesigem Bohrer und Schutzbrille. »Die Arbeiten erfordern viel Fingerspitzengefühl. Wir sind bemüht, angegriffene Steine zu restaurieren. Manche sind aber so marode, dass sie ganz ersetzt werden müssen. Andere wiederum müssen teilweise entfernt werden. Da müssen wir dann millimetergenau zugeschnittene Steinstücke einsetzen!«

In der Krypta konzentrierte ich mich auf die geschnitzten Fabelwesen an den Enden der Kirchenbänke. Im Halbduster waren diese Monster der Unterwelt kaum zu erkennen, eher nur zu erahnen. Um sie zu fotografieren musste ich mich in die Hocke begeben, und das stundenlang. Am nächsten Tag plagte mich Muskelkater an höchst ungewöhnlicher Stelle.

Foto 12: ... bietet Geheimnisvolles ...

Worin bestand wohl die Aufgabe dieser Wesen in der »Unterwelt« des Doms, die durchaus mit den Gargoylen verwandt zu sein scheinen. Hatten eine ähnliche Aufgabe wie die Gargoylen in luftiger Höhe? Eine Erklärung für das monströse Schnitzwerk: Die Kreaturen an den Enden der Bänke sollten Dämonen, die den Wasserspeiern trotzend, trotzdem in den Dom eingedrungen abschrecken. Auf diese Weise sollten die Menschen auf den Bänken geschützt werden. Leuchtet diese Erklärung ein?

Am Ende einer der Kirchenbänke kämpfen zwei Drachenwesen miteinander. Beide gehören offensichtlich der gleichen Art an, bekannte Tiere aber sind sie nicht. Beide haben – wie  Saurier – lange Hälse, beide gehen dem Gegner gezielt an die Gurgel, beide haben Flügel und Pfoten  wie Raubtiere.

Ein anderes Fabelwesen braucht keinen Gegner. Es ist sich selbst genug, kämpft offensichtlich mit sich selbst. Es versucht augenscheinlich den eigenen Schwanz zu verschlingen. Auch diese Kreatur hat Flügel, seine Pfoten – man sieht nur eine – passen am ehesten zu einem Raubtier. Statt eines Mauls hat es einen mächtigen Schnabel. Auch dieses Untier findet sich in keinem Werk über die bekannten Tiere unseres Planeten.

Foto 13: ... im Schnitzwerk von Kirchenbänken

Fußnoten

1) Hubel, Achim: »Heilige und Dämonen« in »Bavaria Antiqua«, München 1978, Seite 25
2) ebenda, Seite 26
3) Schymiczek, Regina E. G.: »Über deine Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter bestellt/ Zur Entwicklung der Wasserspeierformen am Kölner Dom«, »Europäische
Hochschulschriften«, Reihe 28, Kunstgeschichte, Frankfurt am Main, Berlin u.a., 2004
4) ebenda

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Gorgoylen am Dom zu Bamberg. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4: Monster starren herab? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Monster oder Menschenfreund? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Blick in die Krypta des Doms von Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Monströses Schnitzwerk? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Monströses in der Krypta von Paderborn. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Untier frisst sich selbst (Krypta Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Die Krypta im Dom von Paderborn.... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: ... bietet Geheimnisvolles ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 13: ... im Schnitzwerk von Kirchenbänken. Foto Walter-Jörg Langbein

362 »Monster in alten Kirchen«
Teil  362 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 25.12.2016


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Sonntag, 11. Dezember 2016

360 »Heilige Quellen«

Teil  360 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Das berühmte Hasenfenster

»Teuderi« war schon vor rund zwei Jahrtausenden eine volkreiche Stadt, eine von 69 Zentren Germaniens vermeldet der ägyptische Geograf Ptolemäus. Für acht germanische Stämme war Teuderi die wichtige Bundeshauptstadt. Aus Teuderi entwickelte sich im Lauf der Zeit Paderborn (1). Über die germanische Geschichte von Paderborn wissen wir so gut wie nichts. Gert Meier (2): »Nach offizieller Darstellung beginnt die Geschichte Paderborns mit Karl ›dem Großen‹. Hierher soll er während des Krieges gegen den Bund der Sachsen sechsmal Reichstage einberufen haben. Hier soll er bereits im Jahr 785 die erste Kirche in weiter Kirche gebaut und sich mit ›Papst‹ Leo III. getroffen haben.«

Warum aber zog es Karl den Großen in eine Sumpflandschaft? Morastig und sumpfig waren jene Gefilde nämlich in der Tat dank der unzähligen Quellen. Es ging ihn um die Unterwerfung der heidnischen Sachsen. Der christliche Herrscher hatte freilich weniger religiös-theologische Motive. Vielmehr wollte er die »Heiden« zu Untertanen machen. Deshalb galt es, ihnen den alten Glauben zu nehmen und einen neuen, den christlichen aufzuzwingen. Die »Heiden« wiederum waren von den zahlreichen Quellen auf engstem Raum angelockt worden. Sie siedelten nicht trotz der Quellen, die eine Besiedlung erschwerten, sondern wegen der Quellen.

Foto 3: Die Heilige Hera im Louvre
Dort haben sich – so wird vermutet – Anhängerinnen und Anhänger der Hera in morastigen, unwirtlichen Gefilden niedergelassen. Hera war die weibliche Vorläuferin der christlichen Trinität, in Gestalt von Hebe, Hera und Hekate. Die dreifaltige Hera war die Jungfrau des Frühlings, die Gebärende des Sommers und die Zerstörerin des Winters. Durch ein Bad im heiligen Quellwasser wurde aus der destruktiven Alten wieder die jungfräuliche Meid. Der ewige Zyklus konnte von Neuem beginnen. In mannigfaltiger Gestalt lebt Hera im Katholizismus unserer Tage weiter, als die »drei Bethen« oder »drei heiligen Madeln«. Zu Heras göttlichen Attributen gehörte der Pfau. Und der spielt in Paderborn eine herausragende Rolle. Das mysteriöse »Drei-Hasen-Fenster« lässt sich ganz in diesem Sinne interpretieren: So wie die drei Göttinnen bilden die drei Hasen einen Zyklus ohne Anfang und Ende, der sich immer dreht und dreht.

Aus dem heiligen Tier der Göttin Hera wurde – durch Verchristianisierung – ein Symbol für das ewige Leben. Und aus Wassermutter Hera im heidnischen Tempel, den wohl von Karl dem Großen zerstört wurde, wurde dann die jungfräuliche Gottesmutter Maria im christlichen Dom zu Paderborn.

Foto 4: Der Pfauenbrunnen
Zwei eindrucksvolle Exemplare des mysteriösen Tieres hat der Dom zu Paderborn zu bieten: den Pfau am Brunnen beim mysteriösen »Dreihasenfenster« und seinen »Kollegen« am Tor zur Krypta. Wer denkt da an die Römer, die den Pfau als heiligen Vogel der Göttin Juno übernommen haben. Juno galt als Göttin der Geburt und Königin der Göttinnen? Weil sich der Pfau als heiliges Tier offenbar nicht aus den Köpfen der Menschen vertreiben ließ, machte man ihn zu einem christlichen Wundertier. Anno 836 wurden die Gebeine des Heiligen Liborius nach Paderborn geschafft, angeführt von einem Pfau, der schließlich tot auf den Dom stürzte. Die Knochen des Heiligen hatten ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Schon im 8. Jahrhundert gab es in Paderborn ein Gotteshaus, das als »Kirche von eindrucksvoller Großartigkeit« gepriesen  wurde. Möglich, dass es schon damals eine Krypta unter dem Sakralbau gab. Vor Ort versicherte mir ein Geistlicher, dass diese »Unterwelt« schon vor mindestens 1100 Jahren geschaffen wurde.

So manches Mal bin ich im Verlauf der Jahre in die Unterwelt hinab gestiegen. In unterirdischen Gefilden haben die Quellen ihren Ursprung, die schon von den »Heiden« verehrt wurden. Die unterirdischen Quellen wurden verchristianisiert, so manche fromme Legende rankt sich um das heilige Wasser. Heidnische Überlieferungen ließen sich offensichtlich nicht ausrotten, also stülpte man ihnen ein »christliches Gewand« über (3):

Foto 5: Der Pfau an der Krypta

»Es kam einmal in den heißesten Tagen des August ein Bettler nach Paderborn und flehte um Gottes Willen um einen kühlenden Trunk. Aber, sei es Zufall oder Hartherzigkeit, der Arme ward an allen Türen abgewiesen und konnte nirgends einen Trunk erhalten. So ward es Mittag und immer heißer und der Arme hatte sich immer noch nicht laben können. So schleppte er sich endlich bis zum Jesuitenkollegium hin, allein er war viel zu schwach, um die hohen Treppen zu erklimmen und die geistlichen Herren um eine Erquickung anzuflehen.

Fotos 6 und 7: Pfauenbrunnen und 3-Hasen
Da gewahrte er im Hofe das Muttergottesbild, er hob zu ihm seine zitternden Hände und rief mit kläglicher Stimme: ›Maria, du Heilige, schaffe meiner glühenden Zunge Labung oder lass mich hier sterben!‹ Siehe, da kam plötzlich silberhelles, kaltes Wasser aus den Brüsten der Muttergottes hervor, der müde Greis labte sich und ging, die heilige Jungfrau preisend, von dannen. Die Väter Jesuiten aber hatten alles gesehen und beeilten sich, das wunderbare Wasser aufzufangen, auch ließen sie an der Stelle nachgraben, viele hundert Fuß tief, aber der heilige Quell war längst wieder versiegt und einen anderen fanden sie nicht. So ließen sie endlich die Arbeit liegen, der Brunnen ward nach und nach verschüttet, das Steingeländer zerfiel und verwitterte und heute sieht man kaum noch einige Spuren desselben.«

Fromme Legenden ranken sich deutschlandweit um das heilige Wasser aus den Tiefen der Erde. So soll es dort, wo heute der Ammersee Touristen aus aller Herren Länder anlockt, einst ein saftiges Feuchtgebiet gegeben haben. Das einst üppig gedeihende Moos wurde von drei Jungfrauen gehegt und gepflegt. So begeistert diese heilige weibliche Dreifaltigkeit auch tätig war, die Arbeit wurde ihnen doch zu schwer.  So sprachen sie schließlich den Wunsch aus, das morastige Gebiet möge doch zum See werden. Ihr Wunsch ging in Erfüllung und so entstand der Ammersee (4).

Foto 8: Die Krypta

Zurück nach Paderborn! Hunderte heilige Quellen soll es einst im Raum Paderborn gegeben haben. Wie ich dank eigener Recherche vor Ort weiß,  plätschert auf dem einen oder anderen privaten Grundstück in einigen Metern Tiefe noch die eine oder die andere einst heilige Quelle. Nahe dem Dom sprudeln auch heute noch die östlichen Quellen und speisen die Dielenpader und die Rothobornpader. Die Augenquelle ist auch heute noch aktiv: unter dem Gebäude der Stadtbibliothek. Auch die Maspernpader ist bis heute nicht versiegt, dank ihrer emsig Wasser spendenden Quelle. Sie liegt etwas abseits, nämlich unweit des historischen Stadtwalls. Der Name der Quelle – Maspernpader – geht auf die kleine Siedlung »Villa Aspethera« zurück, die bereits anno 1036 urkundlich erwähnt wurde. Anno 1200 wurde sie Teil der rapide wachsenden Stadt Paderborn.


Im Laufe der Jahrzehnte habe ich viele mysteriöse Stätten auf unserem Planeten besucht. Die geheimnisvollsten hatte ich ursprünglich in fernen Gefilden vermutet. Die mystischsten Stätten freilich fand ich vor der sprichwörtlichen Haustür: unter der Erde. Es waren Krypten unter den ältesten Kirchen Deutschlands von Bamberg bis Paderborn und es waren unterirdische Quellen, unter dem einstigen Schloss Karls des Großen in Paderborn.


Foto 9: Blick in die Krypta

1959 erschien Rudolf Pörtners Bestseller »Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit«. Mit dem Fahrstuhl geht es zwar nicht zu Krypten von Kirchen oder zu den einst heiligen Quellen von Paderborn. Zu Fuß benötigt man aber auch nur einige Sekunden, um unsere lärmende und hektische Zeit zu verlassen und in die geheimnisvolle Atmosphäre längst vergangener Tage einzutauchen. Mein Rat: Sausen Sie nicht wie so viele Touristen von einer Attraktion zur anderen. Haken Sie nicht so  viele Kirchen und Kapellen in möglichst kurzer Zeit ab, nehmen Sie sich Zeit!

Foto 10: Drei-Hasen-Fenster-Motiv

Erleben Sie bewusst einzelne uralte Monumente und deren Atmosphäre. Nehmen Sie sich Zeit, schreiten Sie Treppen hinab, lassen Sie den lauten Alltag hinter sich und erleben sie die fast märchenhafte Stille uralter Zeiten. Wenn Sie es zulassen, dann kann es Ihnen so vorkommen, als ob da unten im Schoß von Mutter Erde die Zeit vor Jahrtausenden stehengeblieben. Genießen Sie die Stille.


Fußnoten
1) Meier, Gert: »Die frühgeschichtliche Vernetzung der Paderquellen (=Dom von Paderborn) mit den Externsteinen«, erschienen in »Efodon-Synesis« Nr. 5/ 2006, S. 15-20
2) ebenda, Seite 15 oben
3) Grässe, Johann Th. : »Sagenbuch des Preußischen Staats«, Glogau 1868
4) Panzer, Friedrich: »Bayerische Sagen und Bräuche«, München 1848

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Das berühmte Hasenfenster. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 3: Die Heilige Hera im Louvre, wikimedia commons Aavindraa
Foto 4: Der Pfauenbrunnen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Pfau an der Krypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Pfauenbrunnen und 3-Hasen. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die Krypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Blick in die Krypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Drei-Hasen-Fenster-Motiv. Foto Walter-Jörg Langbein

361 »Gargoylen und Monster in der Unterwelt«
Teil  361 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 18.12.2016




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