Möglicherweise wird es in Zukunft ein neues Verb geben, das es mit etwas Glück auch in den Duden schaffen könnte. Es bezeichnet eine Erscheinung, die in dieser Art erst mit dem Internet aufgekommen ist und immer häufiger anzutreffen ist: das Schreiben von schlechten Rezensionen über Bücher, die man gar nicht oder zumindest nicht mal annähernd ganz gelesen hat. Wäre ja kein Problem, wenn das Internet nicht sofort eine breite Öffentlichkeit für solch einen Verriss schaffen würde, der vom ersten Moment an für jeden Interessierten sowohl unter dem Buchtitel, als auch unter dem Autorennamen googelbar ist. Ein Autor, dem solches passiert, der ist wirklich geasht (womit wir bei dem neuen Verb wären), vor allem dann, wenn er keinen berühmten Namen trägt und nicht mit einer Menge unterschiedlicher, objektiver Kundenmeinungen rechnen kann, die als Ganzes ein umfassendes Bild über das Buch ergeben.
Der Umgang mit Ashting will gelernt sein
John Asht, Autor des Romans »Twin-Pryx«, hat es offenbar zum ersten Mal erlebt: Sein Buch wurde in einem Bücherblog geasht. Die Bloggerin gab offen zu, über den Anfang des Buches nicht hinausgekommen zu sein und eröffnete ihre Buchbesprechung mit dem Satz: »Ausnahmsweise greife ich an dieser Stelle auf den Klappentext zurück, da ich nicht weit genug gekommen bin, um mehr als die Ansätze der darin geschilderten Handlung zu erleben.« Was dann folgte, war alles andere als eine Leseempfehlung.
Der Autor reagierte so, wie viele reagieren würden, die zum ersten Mal geasht werden: Er war sauer. Dies brachte er auch mit einigen deftigen Worten in den Kommentarzeilen unter der Buchbesprechung zum Ausdruck. Eine Dummheit? - Vielleicht. Mehr noch aber die verständliche Spontanreaktion eines Menschen, für den es eine ausgemachte Sache ist, dass man Bücher gelesen haben sollte, ehe man sie besprechen kann. Die Empörung eines Menschen, der noch nicht zu den abgefuckten Bestsellerautoren zählt, denen es völlig egal ist, was aus ihren Babys wird, sobald sie sie schwungvoll und etwas lieblos in die Welt geschubst haben.
Meinungsfreiheit als Einbahnstraße
Was von einem professionellen Autor erwartet wird, versuchte die Internetgemeinde John Asht daraufhin beizubringen. Dass ein Autor einzustecken, aber nicht auszuteilen habe. Dass die in seinem Blog vertretenen Ansichten Mainstream sein sollten, wenn er Erfolg haben wolle. Dass Meinungsfreiheit eine Einbahnstraße sei und mit der Bezahlung des Kaufpreises für ein Buch einseitig erworben werde. Oder auch nur mit dem Herunterladen einer Leseprobe. Und so schlugen auf Amazon im Halbstundentakt die Negativrezensionen zu Twin-Pryx ein. Allesamt gegründet auf das Anlesen der Leseprobe und teilweise mehrhundertfach mit Hilfreich-Klicks versehen.
Klar ist: John Asht mag überreagiert haben. Das ist verständlich, wenn man noch keine Erfahrung mit dem Geashtwerden hat und zudem eine reine Temperamentsfrage. Doch seine Reaktion ist nichts im Vergleich zu der Überreaktion einzelner Internetnutzer, die sich in den Deckmantel der Meinungsfreiheit einhüllen, um ein einmaliges Event gebührend auskosten zu können. Dass viele dabei die Grundwerte, die sie mutig zu verteidigen meinen, selber mit Füßen treten, scheint niemanden zu stören. Er wolle nicht in einer Welt leben, wo jemand wie John Asht Bücher schreiben dürfe, bekannte ein Twitternutzer und zeigt damit, dass die zivilisatorische Tünche, die uns vor der nächsten Diktatur schützt, hauchdünn ist. Ein anderer schrieb, er empfehle gerne das Buch Twin-Pryx, denn es habe in seinem Kamin fast zwei Stunden lang durchgehalten. Wie gut, dass John Asht so eine Formulierung nirgends genutzt hat, denn sonst wäre er unter Garantie ein »unmögliches Subjekt, das nach Bücherverbrennung ruft und mutig bekämpft werden muss.«
Inzwischen tobt das Buch-Ashting auf Amazon weiter. »Ich habe Literaturwissenschaft studiert«, bekennt einer der Ein-Sterne-Rezensenten, der seine Buchbesprechung mit dem fantasievoll gewählten Titel »Müll!« überschreibt. Wie lange das Studium, das ihn zu solch anspruchsvoller Titelfindung und der kompetenten Teilnahme am Ashting-Flash befähigt, gedauert hat, erwähnt er allerdings nicht.
Vernichtung als spontanes Event
Schon längst ist klar geworden, dass es nicht empfehlenswert ist, jedem Internettrend hinterherzulaufen. Was ist der tiefere Sinn von Facebook-Partys, die ganze Stadtviertel platt machen? Warum funktioniert die Gleichschaltung noch immer so gut, dass Tausende »Hier!« schreien, wenn irgendwo ein spontanes Event lockt, und sei es auch nur die möglichst endgültige Erledigung eines Menschen, der das schreckliche Verbrechen begangen hat, dass ihm sein Buch nicht egal ist?
Wir dürfen uns nichts vormachen: Der Shitstorm gegen John Asht fördert einen bedenklichen potenziellen Vernichtungswillen ans Tageslicht, der einer freien Gesellschaft übel ansteht. Ich für meinen Teil möchte gerne in einer Gesellschaft leben …
… in der ein Mensch auch mal überreagieren kann, ohne sofort gesteinigt zu werden, und sei es auch nur virtuell.
… in der jeder seine Meinung frei äußert, aber gelernt hat, mit dieser Freiheit verantwortungsbewusst umzugehen, sprich: Ein Buch auch vollständig gelesen zu haben, ehe er eine Besprechung darüber veröffentlicht.
… in der das Wort Einfühlungsvermögen groß geschrieben wird und es sich von selbst verbietet, auf einen Bashing-Zug aufzuspringen, nur weil man gerade nichts Besseres zu tun hat.
Da ich aber wenig Hoffnung habe, was die diesbezüglichen Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen angeht, schlage ich vor, den Begriff »Ashten« in den allgemeinen Sprachgebrauch aufzunehmen, um für künftige Diskussionen zum Thema eine Begrifflichkeit zu haben. Hier kommt die genaue Definition:
Ashten: Eine Besprechung zu einem Buch veröffentlichen, das man gar nicht oder nicht vollständig gelesen hat;
Ashting: (Substantivierung);
Ashting-Flash: geballtes Ashting eines einzelnen Buches durch eine Vielzahl von Rezensenten innerhalb eines kurzen Zeitraums;
»Sind Sie etwa noch nie geasht worden?«
Autoren des Vorinternetzeitalters pflegten ihre Hackordnung herzustellen, indem sie süffisant feststellten: »Wie bitte? Noch nie ist eines Ihrer Bücher von Reich-Ranicki verrissen worden?« O tempora, o mores, in Zukunft wird es anders sein. Mit dem Ausruf: »Sie sind noch nie geasht worden?« wird man vornehm zum Ausdruck bringen, dass der Konkurrent wohl noch nicht sehr weit gekommen sein kann in seinen Bemühungen, sich einen bekannten Namen zu machen. T-Shirts mit der Aufschrift: »Auch ich wurde geasht!« werden als Statussymbol gelten, ebenso der komplette Satz Ashting-Themenschuhspanner, den man bei Amazon wird bestellen können. Wessen Bücher noch nie geasht wurden, wird alles unternehmen, um von diesem unguten Fakt abzulenken, und sei es gar durch gekauftes Ashting. Ich bin guter Dinge, dass die generelle Integration von Ashting in das Marketinggesamtpaket von Büchern vollumfänglich gelingen wird.