Dienstag, 2. Februar 2010

Ignoranz der Menschheit

Erwiesenerweise stand eine wunderschöne Trauerweide, weit über 70 Jahre, im Innenhof unserer Wohnanlage. Viele Erinnerungen sind mit diesem Baum verknüpft. Die Spiele als Kind, die sich immer im Umfeld des schützenden Freundes abspielten, dessen Stamm uns als Treffpunkt und Spielmittelpunkt diente. Der uns Schutz bot, wenn uns der Regen überrascht oder die Sonne uns allzu sehr erhitzt hat.

Mehrere Generationen können einen direkten Bezug zu diesem einzigartigen Baum herstellen, jeder kann seine ganz eigenen Geschichten zu der herrlichen Weide erzählen.

Gestern nun wurde auch dieses Relikt meiner Kindheit abgeholzt, wie in den Jahren zuvor viele Bäume in unserer Wohnanlage den Sägen zum Opfer fielen. Beschwerden der Anwohner halfen nichts, wir wurden vertröstet, neue Bäume sollten im Ersatz für alte, große, prachtvolle Wesen gepflanzt werden. Doch auch darauf warten wir bisher vergebens.

Es brach mir fast das Herz, als ich das letzte Aufbäumen dieses stolzen Baumes vernahm, ehe seine Krone den Sägen anheimfiel und sich mit einem lauten und vernehmlichen Ächzen von seinem Stamm trennt und zu Boden fiel. Sogar in diesem Moment verfügte dieser herrliche Baum über eine Anmut, die ihresgleichen sucht. Trotzdem war es beinahe spürbar, wie er sein Leben aushauchte, der leise Vorwurf an seine Mörder im klagenden Knacken des Gehölzes.

Stück für Stück holzten sie den Stamm ab, ein unvergleichliches Geschöpf wurde vernichtet. Auf den Ersatz werden wir lange warten müssen. Ich werde es wohl nicht mehr erleben, dass sein möglicher Nachfolger die gleiche prächtige Krone entwickelt, seine Zweige bis auf den Boden hinabwachsen und sich neue Generationen an dem stolzen Gewächs erfreuen. Falls überhaupt jemals ein Ersatzbäumchen seinen Weg in die Erde findet, sich dort verankert und die gleiche kraftvolle Ausstrahlung entwickelt.
Nun liegt eine verödete Anlage vor unserem Fenster, veranlasst mich dazu die Vorhänge vorzuziehen, um nicht mit dem traurigen Anblick konfrontiert zu werden.

Da predigen unsere Politiker den Umweltschutz, verlangen uns jegliche Form von Naturschutz ab und schützen im Gegenzug nicht einmal einen alten Baum, der soviel vom Menschen verunreinigte Luft für uns reinigt. Damit nicht genug geht die Abholzaktion noch am selben Tag ungehindert weiter. Mehrere Bäume fallen der Zerstörungswut anheim. Hilflose Anwohner stehen dem Schauspiel mit Tränen in den Augen gegenüber, sie erzählen von ihrer teils lebenslangen Verbindung zu diesen altehrwürdigen Bäumen. Wieder bricht ein Teil unserer Vergangenheit weg, von Menschenhand vernichtet.

Nie wieder werde ich das Rauschen meiner geliebten Weide in einer stürmischen Sommernacht hören. Stumm und reizlos liegt nun der Innenhof vor mir. Es wird keine nachfolgenden Generationen mehr geben, die sich an die raue Rinde dieser Trauerweide lehnen, die Augen schließen und einfach nur der Natur um sich herum lauschen. Erneut viel ein Riese dem ewigen Wandelbedürfnis der Menschheit zum Opfer.

©Sylvia Seyboth

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Montag, 1. Februar 2010

Zurück zu den Wurzeln

Was bedeutet es »Zuhause« zu sein? Damit meine ich nicht das derzeitiges Heim, sondern die Gegend in der man geboren wurde. Wo man die Jahre seiner Kindheit verbracht hat und später mit der eigenen Familie, den eigenen Kindern, gelebt hat.
Nie brauchte ich mir darüber Gedanken zu machen, denn trotz einiger Umzüge, blieb ich immer in vertrauten Gefilden. Doch es ergab sich, dass ich mit meinem Ehemann auf die Insel Fehmarn an der Ostsee gezogen bin. Dort, in den eigenen vier Wänden, die uns lange Zeit als Urlaubsdomizil gedient hatten, wollten wir zwei, drei Jahre verbringen. Schön war es hier auf der Sonneninsel. Die brummelige Art der Insulaner ignorierten wir. Im Sommer erblühte die Insel zu unermüdlichem Leben und beherbergte während der Ferienzeit 40.000 Menschen mehr als sonst. Die Einheimischen zogen sich, soweit sie nicht gewerblich mit den Gästen zutun hatten, zurück.

Die Winter waren lang, dunkel und einsam. Das verhalf mir dazu, mich nach vielen Jahren Pause, erneut dem Schreiben zu widmen. Die Spaziergänge am Stand mit meinem kleinen Hund erhöhten das Denkvermögen. Unangenehme Gedanken blies der Wind aus dem Kopf. Ich veröffentlichte zwei Bücher.
Die Jahre vergingen. In mir stellte sich ein Gefühl der Trauer ein. Ich sah meine Familie, meine erwachsenen Kinder viel zu wenig. Keiner kam schnell vorbei um einen Kaffee zu trinken oder bei Muttern Mittag zu essen. Das gab mir zu denken. Jedes Mal, wenn ich mit meinem Mann zu Besuch in der Heimat war, wäre ich am liebsten geblieben. Es wurde Zeit. Ich hatte Heimweh. Ich musste zurück zu meinen Wurzeln. Meine Seele litt und manche Tage waren trübsinnige Tage. Immer wieder haben wir es hinausgezögert, bis es kein Halten mehr gab. Wie ich bereits in meinem Beitrag »Neujahrsmorgen - Wünsche werden wahr« erwähnte, sind wir am 06. Januar 2010 in unsere Heimat nach Hessen, in den Taunus, zurückgekehrt.
Doch leider habe ich in den ersten Tagen nicht das verspürt, was ich mir erhoffte. Trotz der vertrauten Umgebung fühlte ich mich fremd. Fasst zehn Jahre waren wir auf der Insel. Das ist eine lange Zeit.

Im neuen Heim gab es viel zutun.. Ich war erschöpft und gestresst. Immer wieder stellten sich Zweifel ein, ob dieser Schritt der richtige war. Allmählich nahm die Wohnung Gestalt an, der Garten war tief verschneit, die Kinder kamen zur Begrüßung, halfen ein wenig mit, und meine Seele kam zur Ruhe. Ich weiß nun, dass es eine gute Entscheidung war. Bei einem Spaziergang, entdeckten mein Mann und ich Wege und Plätze, die wir einst mit der Familie bewandert hatten. Mein Gefühl sagte mir: Ich bin Zuhause angekommen.
Erstaunlich, dass mir erst jetzt auffällt, wie schön dieses Städtchen im Taunus ist. Bad Camberg, seit einigen Jahren zum Bad erklärt, hat sich mächtig herausgeputzt. Da gibt es einiges zu erkunden.
Und endlich finde ich auch wieder Zeit, mich dem Lesen und Schreiben zu widmen. Ich hatte es die letzten Wochen vermisst. Alles braucht seine Zeit.

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