Sonntag, 25. Juli 2010

28 »Was steckt in der Pyramide?«

Teil 28 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Aus der Ferne betrachtet macht der legendäre Nemrud Dag keinen besonders einladenden Eindruck. Er wirkt vielmehr wie ein Berg von vielen in einer unwirtlichen Landschaft.. in einer steinernen Wüste, die ganz und gar nicht zu einem Besuch auffordert. Das graugraue Szenario könnte ohne Probleme als Kulisse für einen morbiden Film über eine lebensfeindliche Hölle auf Erden dienen. Genauso könnte man hier einen Science-Fiction-Film über den Besuch auf einem fernen Planeten drehen.

Bald haben wir den Nemrud Dag erreicht, versichert unser Guide. Er deutet mit der Hand auf einen Berggipfel, der sein graues Haupt in den blauen Himmel reckt. Erst bei genauerem Hinsehen erkenne ich eine seltsame Besonderheit: Der Gipfel des Berges ist irgendwie »anders«. Und in der Tat: Der Gipfel des Nemrud Dag ist nicht natürlich, sondern künstlich, auch wenn er aus der Ferne betrachtet recht natürlich wirkt! Den Erbauern ist es gelungen, einen künstlichen Berg auf einen »natürlichen« zu setzen.

Im Bergmassiv des Eski Kahta ließ der stolze Herrscher Antiochus I. die Gräber seiner Ahnen restaurieren. Mysteriös mutet die Botschaft an, die er von Steinmetzen verewigen ließ: »Der große König, Gott, der Gerechte, dem der Götter Entscheidung seine Geltung verlieh, hat im ewigen Gedenken ein unerschütterliches Gesetz der Zeit hinterlassen, indem er einem unantastbaren Monument unsterbliche Botschaften anvertraute.«

Mit dem »großen König«, der zugleich auch »Gott« war, kann sich Antiochus nur selbst gemeint haben. Was aber war mit dem »unantastbaren Monument« zu verstehen? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kennen wir dieses Denkmal. Es dürfte das Ensemble auf der Spitze des Nemrud-Berges gemeint sein. Das Monument auf dem Nemrud Berg war als gigantisches Grabmal für den selbstbewussten König gedacht, bestehend aus einer künstlichen Schotterpyramide, gewaltigen steinernen Thronen mit Göttern darauf und steinernen Reliefs.

Woher stammt das Material, das zur künstlichen Schotterpyramide aufgetürmt wurde? Hat man es aus tieferen Regionen des Berges an die Spitze geschafft? Nein, die Baumeister wählten einen anderen Weg: Sie kappten den Nemrudberg. Sie planierten sozusagen den Gipfel. Man schätzt, dass gewaltige Massen, nämlich bis zu 200.000 Kubikmeter  Felsgestein abgetragen, zertrümmert und dann wieder in Gestalt einer Schotterpyramide wieder aufgetürmt wurden. So entstand auf dem künstlichen Plateau hoch oben auf dem Nemrud Dag eine Schotterpyramide mit einem Durchmesser von 150 Metern! Heute ist sie noch fünfzig Meter hoch. Ihr Durchmesser dürfte ursprünglich etwas kleiner, die Höhe kann um einiges größer gewesen sein.

Erdbeben haben dazu beigetragen, dass die Pyramide oben abflachte, die einstige Spitze rutschte wohl im Verlauf der Jahrhunderte nach und nach in alle vier Himmelsrichtungen nach unten. Auch heute noch ersteigen Touristen den künstlichen Berg, obwohl das strengstens verboten ist. Sie treten Steine los, die nach unten rollen.

Eine Inschrift vor Ort verkündet stolz, welche Absicht Antiochus verfolgt hat. Ich, der göttliche König, so spricht der Herrscher in der ersten Person, habe dieses Heiligtum erbauen lassen, »damit dort die äußere Hülle meines bis in das hohe Alter wohlerhaltenen Leibes bis in alle Ewigkeiten ruhen soll, nachdem die gottgeliebte Seele zu den himmlischen Thronen des Zeus emporgestiegen ist«.

Antiochus, der – wie übrigens fast zur gleichen Zeit auch Jesus – den Beinamen »Soter« (Retter, Heiland) trug, scheint an ein leibliches Weiterleben nach dem Tode geglaubt zu haben. Mit seinem Dahinscheiden stieg seine Seele in den Himmel, sein irdischer Leib sollte bis in alle Ewigkeiten erhalten werden. Würden dereinst nach Antiochus Glauben, Seele und Leib wieder miteinander vereint.. zu neuem Leben erwachen?

Als Erfinder der klassischen Pyramide gilt Djoser. Sein Grabmonument entstand um 2650 v.Chr. Solche Pyramiden hatten einen großen Nachteil: So wuchtig sie auch gebaut sein mochten, sie waren alles andere als sicher.Die raffinierten Todesfallen, wie wir sie aus Filmen in der Art von »Indiana Jones« kennen, gibt es in der Realität nicht. Alle Pyramiden Ägyptens wurden längst von Grabräubern »geknackt«. Weil sie – anders als die Pyramide des Antiochos – massiv und fest gebaut waren, boten sie den bestatteten Pharaonen keinen sicheren Schutz. Findige Grabräuber fanden in Ägypten immer den Gang zum Grab im Inneren und plünderten die letzten Ruhestätten.

Ohne Zweifel wirken die ägyptischen Pyramiden weitaus imposanter, ja majestätischer als die das Antiochus auf dem Nemrud Berg. Doch während die stolzen Pyramiden am Nil längst geplündert worden sind, entzog sich Antiochus bislang sowohl Grabräubern als auch Archäologen. Aus Sicht von Herrscher Antiochus dürfte der Unterschied zwischen Grabräubern und Archäologen nicht einmal nur marginal sein: beide störten auf unliebsame Weise die Totenruhe. Die Vorstellung, vielleicht einmal als Mumie in der Vitrine eines Museums zu landen, dürfte keinem Herrscher aus uralten Zeiten lieb gewesen sein! Als Mumie Grabräubern oder Wissenschaftlern in die Hände zu fallen.... zwischen diesen beiden Schicksalen dürfte es für Pharaonen oder Antiochus kaum eine echte Präferenz gegeben haben!

Eine Pyramide aus Stein ist denkbar einfach zu »knacken«: Man muss »nur« den Eingang des Ganges zum Grab finden. Dabei kann man mit brachialer Gewalt vorgehen, etwa wie ein Bergmann einen Tunnel in den Leib einer Pyramide treiben. Oder man schlägt systematisch die äußere Steinschicht ab. Das aber ist bei einer Schotterpyramide nicht möglich. Gräbt man sie an... rutschen sogleich Steine nach und verschließen wieder, was man eben geöffnet hat. So haben bis heute weder Grabräuber noch Archäologen die Grabstätte des Antiochus entdecken können.

Eine Reise zur Pyramide des Antiochus lohnt sich auf alle Fälle. Meine Empfehlung: Besichtigen Sie zunächst Malatya, die Hauptsadt der anatolischen Provinz gleichen Namens in der Amik-Ebene. Hier siedelten einst die Hethiter. Der Name Malatya geht auf das hethitische »melid«, zu Deutsch Honig zurück.

Von Malatya geht es hoch in die Berge. Nach rund 100 Kilometern erreichen Sie Ihr Etappenziel: Im Dorf Eski Kahta finden Sie Unterkunft. Hier können Sie übernachten, um morgens oder mittags mit geländegängigem Fahrzeug – möglichst einem Jeep – zum Nemrud Dag zu fahren. Nehmen Sie sich Zeit, um die Atmosphäre auf dem Götterberg zu genießen. Im Schatten der Kolossalköpfe können sie darüber nachdenken, welche Schätze wohl nur wenige Meter von Ihnen entfernt im Inneren der Nemrud-Pyramide ruhen mögen.

Indes: Wen uralte Flüche ängstigen, der sollte auf einen Besuch des Nemrud-Gipfels verzichten. Warnte doch Antiochos eventuelle Besucher auf einer Inschrift – Prof. Dr. Ülgür Gökovali machte mich darauf aufmerksam – nachdrücklich: »Wenn du diesen Ort versehentlich entweiht hast, so geh’ schnell von hinnen! Begib dich in die Einsamkeit! Dort machst du den Frevel ungeschehen! Bist du aber mit Absicht gekommen, so wirst du nimmermehr glücklich sein!«

Was steckt in der Pyramide des Antiochos? Werden wir das je erfahren? Sollen wir eine Antwort auf diese Frage suchen... oder Antiochos in Frieden ungestört ruhen lassen? Fragen über Fragen... Als ich die Statuen auf dem Nemrud Berg verließ, dachte ich bei mir: Ach, könnte ich doch euere Gesichter wie ein Buch lesen... Die Statuen aber, sie behielten ihr geheimnisvolles Wissen für sich.



»Das Geheimnis der unterirdischen Städte«,
Teil 29 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 1. August 2010

.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Der Wettbewerb

Sichtlich beschwingt öffnete Heinzwilli Prollmann dem Reporter die Tür.

„Komm rein, wenn du nicht zu blöd bist, die Tür hinter dir zu schließen.“
Heinzwilli schoss schon wieder um die Ecke in die Küche.
„Ich koche gerade meine vorzügliche Kaninchenköttelsuppe für meine Untertanen und die sogenannte Jury.“

Der Reporter schloss sorgfältig die Tür hinter sich und folgte Heinzwilli in die Küche, während er eifrig Block und Stift aus der Jackentasche zerrte.
„Oh, Sie haben Untertanen?“, fragte er interessiert und sah sich nach einer Sitzgelegenheit um.

„Ja natürlich, oder wie würden Sie den Sauhaufen von Löffelschleuderern nennen, dem ich seit Jahren vergeblich versuche zu erklären, wie man eine anständige Kaninchenköttelsuppe kocht?“

„Ööh, ja, achso …äh, kann ich mein Aufnahmegerät hierher stellen?“, er schob einige Bierdosen auf dem Küchentisch zur Seite und sah Heinzwilli fragend an.

„Das ist doch wieder typisch, kommt hier rein, stellt ne Menge dummer Fragen und hat es nicht mal nötig sich vorzustellen!“ Heinzwilli schlug kurz aber heftig mit der Suppenkelle auf den frei gewordenen Platz auf dem Küchentisch.
Der Reporter zuckte zusammen. „Entschuldigung, ich dachte, die Redaktion hätte Bescheid…“

„Die Redaktion? Bist du nicht in der Lage, deinen eigenen Namen auszusprechen?“, fauchte Heinzwilli, schob mit dem Unterarm weitere Dosen zur Seite und ließ sich auf einen der Küchenstühle fallen.
„Setz dich hin!“

„Also, Herr Prollmann, ich heiße Reißwolf, Heribert Reißwolf, das ist aber purer Zufall, hahaha, meine Artikel schreibe ich immer sehr fair, machen Sie sich keine Sorgen.“

Heinzwilli griff mit einer Hand unter den Tisch, ohne seinen Blick von Herrn Reißwolf abzuwenden, holte eine Flasche Schnaps hervor, öffnete sie und schenkte zwei Wassergläser voll.
„Fair?“, blökte er. „Junger Mann wissen Sie überhaupt, wie man das Wort schreibt?“
Ein gefülltes Glas schob er mit Schwung über den Tisch, sodass ein Teil seines Inhalts herausschwappte.
„Trinken Sie!“

„Vielen Dank, aber ich trinke während der Arbeit keinen Alkohol. Vielleicht könnten wir jetzt einfach mit dem Interview beginnen?“

„Woher soll ich wissen, ob sie das können?“

„Gut, Herr Willi…, ääh Herr Prollmann , kommen wir zur ersten Frage. Seit 15 Jahren sind Sie stellv. Vorsitzender des Kaninchenköttelsuppenvereins und stehen mit Rat und Tat zur Seite, weshalb hat man Sie Jahr um Jahr bei der Wahl zum 1. Vorsitzenden übergangen?“

Heinzwilli griff zu seinem Glas und schüttete die Hälfte des Inhalts in seine Kehle.
„Vielleicht ist es einfach so, dass ich mich nicht um dieses Amt beworben habe? Glauben Sie im ernst, ich würde mir das antun? Vorsitzender eines Vereins arbeitsscheuer Kaninchenköttelsammler zu sein? Von denen ist doch einer fauler als der andere!“

„Höre ich aus dieser Aussage heraus, dass Sie keine sehr hohe Meinung von Ihren Vereinsmitgliedern haben oder vermissen Sie einfach ein wenig Eigenengagement?“

Heinzwilli kippte noch einen Schluck in sich hinein und knallte das Glas abrupt auf die Tischplatte.
„Eigengema … Eigengange…. Scheiße, du meinst, die sollen mal selber was auf die Beine stellen? Hahaha, dass ich nicht lache.“ Sein Ellbogen flutschte über die Tischkante und Heinzwilli sackte halb unter den Tisch, zog den Arm aber gleich wieder hoch und legte sicherheitshalber beide Arme angewinkelt auf den Tisch.
„Pass mal auf, du kleiner Möchtegernschmierfink“, raunte er, „Wer sich im Verein engagieren will, kann das jederzeit tun. Eigene Arbeit ist allerdings das, was die Köttelsammler so ziemlich am meisten fürchten Wir hatten natürlich Mitglieder, die mit Vorschlägen kamen. Da sie aber nicht von mir waren, habe ich sie erfolgreich abgewatscht. Mit anderen Worten: Lauter Eintagsfliegen mit Lippenbekenntnissen.“

Reißwolf schaute angestrengt auf seinen Block, während er jedes Wort notierte. Die Fahne von Heinzwilli verursachte ihm Übelkeit und eigentlich wollte er schnellsten wieder das Haus verlassen.

„Herr Prollmann, ihre Kaninchenköttelsuppe ist gefürchtet bei der Jury, und einen Preis haben Sie in den letzten Jahren auch nicht mit ihr erreichen können. Haben Sie für dieses Jahr die Rezeptur verändert?“

Heinzwilli kippte sich den restlichen Schnaps aus dem Glas in den Hals und lehnte sich zurück an die Stuhllehne.
„Meine Köttelsuppe koche ich nach alter Tradition die ich mir selbst ausgedacht habe, und jede Veränderung wäre ein unverzeihlicher Stilbruch, den nur einer begehen würde, der weder von Suppen noch von Kaninchenkötteln eine Ahnung hat. Letzes Jahr erst hab ich eine Suppe probiert, die alles wild durcheinander enthielt, vermutlich nur keine Kaninchenköddel. Für diese Modescheiße ist mir meine Zeit einfach zu schade.“

„Herr Prollmann , Sie plädieren immer wieder dafür, dass der Nachwuchs sich mehr anstrengen soll, wie sehen Sie die Chancen der diesjährigen Köttelsuppenkandidaten?“


Heinzwilli hatte mittlerweile einige Probleme die Augen geöffnet zu halten und den Fragen zu folgen. Auch seine Zunge tat sich schwer, die Worte verständlich zu formulieren.
„Blösinn …“ lallte er, „kompledder Unwug, sich in’n Wettbewerb zu begem, solange man ein unbekannter Subbenkoch is ... den kann man nur verlieren, vor allm solange ich da mitmische. Die sollen sich erst mal’n Namen machen, vielleicht können se dann mal …“

„Sie meinen, ein Wettbewerb ist nur etwas für berühmte Kaninchenköttelsuppenköche? Ich dachte immer, Wettbewerbe sind dazu da, sich einen Namen zu machen?

„Quatsch, alles Quatsch. Entweder man kann’s oder man kann’s nich.“
Heinzwilli kniff ein Auge zu, visierte die Schnapsflasche an und griff zu.
„Wozu die Umstände“, murmelte er „… ich tringjasonsauchausepulle.“ Er nahm einen kräftigen Schluck.
„Wenn die Möchgernsubbenpanscher mit neuen Rezepten kommen, heißt das nix anners, als dass ich nicht mehr erwünscht bin! Schreib das auf Mann!“

Reißwolf gehorchte und ahnte, dass sich das Interview frühzeitig dem Ende zuneigte. Nicht, weil er keine Fragen mehr hatte, doch er bekam zunehmend Verständnisprobleme mit Heinzwillis Aussprache. Da würde ihm vermutlich auch die Bandaufnahme nicht helfen.

„Offensichtlich haben andere aber mit ihren Rezepten Erfolg, wie erklären Sie sich das und haben Sie damit ein Problem?“

„Erfolg? Was ist das? Erfolg ist doch nicht, wenn man einen goldenen Hasenköttel nach Hause tragen kann!“ Heinzwilli raffte sich wieder zusammen und schenkte sein Glas bis zum Rand voll.
„Du scheinst auch so ein Spinner zu sein. Aber wenn du es nicht verstehen willst, ist das dein Problem. Wer mein Rezept missachtet, hat schlicht keinen Erfolg mit seiner selbstgebastelten Suppe, auch dann nicht, wenn tausend andere die Suppe anschließend –hicks – in den Himmel jubeln, geht das nicht in deine engstirnige Birne? Hicks.“

Er schenkte sein Glas wieder voll, leerte es in einem Zug und warf es anschließend über die Schulter in Richtung Herd. Es zerschellte am Suppentopf.
„Oh, meinsubbe… fasvergessen, müssen noch paar Köddel rein.“

Heinzwilli zog sich an der Tischkante hoch, kam zum Stehen und pendelte sich ein Weilchen aus. Dann wankte er zum Herd. Als er mit dem Rücken zu Reißwolf stand, nutzte dieser die Gelegenheit, um sich leise aus dem Staub zu machen.

Heinzwilli stand am Herd und glotzte in den Suppentopf. Was war los mit der Suppe? Sie sah eher aus wie ein Eintopf! Die Menge im Topf reichte höchstens noch für zwei Teller! Damit brauchte er gar nicht auftischen. Und überhaupt, wusste eh keiner seine Köttelsuppe wirklich zu würdigen. Er überlegte, wie er aus der Nummer rauskommen konnte und durchdachte eine kleine Ansprache:
„Liebe Untertanen,“ würde er seine Rede beginnen, „bei der Zubereitung habe ich heute Dutzende von Fehlern gemacht, weil mich der Schmierfink Reißwolf absichtlich denunzieren wollte. Fehler sind unverzeihbar, außer wenn ich sich mache. Damit aber niemand auf meine Suppe verzichten muss, verkaufe ich gern das Rezept. Weitere Zubereitungstipps gibt’s aber nur gegen Cash.“

„Der ganze Verein is Scheiße, und weil ich mich in Scheiße am Wohlsten fühl, bleib ich hier der Fachmann für Scheiße! Sollen die Kaninchenköttelsuppenkocher doch Erfolg haben, mir doch egal, ich werd mich damit nicht zufrieden geben. Auch wenn ich meine Suppe allein essen muss, Hauptsache ich weiß, was gut ist! Jawoll!“

Heinzwilli nahm den Topf vom Herd, setzte ihn an die Lippen, um wenigstens herauszufinden, auf welche Köstlichkeit, die Minus-IQ-Menschen in seinem Verein heute verzichten mussten. Wo war eigentlich der Schmierfink geblieben? Na egal, Hauptsache, er hatte die Flasche nicht mitgehen lassen.

Nein, sie stand noch auf dem Tisch, den kleinen Rest wollte Heinzwilli nicht umkommen lassen, taumelte zwei Schritte, griff zweimal daneben, erwischte sie dann doch und leerte sie aus.

„QUALITÄÄÄÄÄÄT“ brüllte er, „das bin IIIICHH! – Ihr seid nur zu BLÖÖÖD, das zu erkennen!“
„JUUURYYY? SCHIEDSRICHTER??? Was ist denn das? Doch nicht die, die ehrenamtlich für einen freundlichen Umgangston sorgen und jede Scheißsuppe mit „Sehr Gut“ bewerten, nur meine nicht??? Was „Sehr Gut“ ist, bestimme IIIIHIIICH!“

Ihm wurde kotzübel und sein Gebrüll ging in einen eigenartigen nuscheligen Singsang über. Langsam tastend, bewegte er sich in Richtung Klotür. Die Suppe hatte kein Bedürfnis sich noch länger in ihm aufzuhalten. Heinzwilli öffnete die Klotür, sackte vor der Keramik zusammen und entließ unter Krämpfen die mühsam angesammelten Flüssigkeiten. Es nahm kein Ende. Heinzwillis Kräfte verließen ihn langsam, als ihm eine geniale Idee kam! Wenn er nicht mehr die Kraft hatte, vor der Keramik zu hocken, dann musste die Keramik irgendwie mit zu ihm ins Bett.

Heinzwilli verspürte Stolz in sich aufkommen. Genau das ist das Problem aller anderen. Einfache Dinge konnten sie regeln, aber wenn es tiefer gehen musste, um ein neues Problem zu lösen, dann braucht es nun einmal Fachleute wie ihn.

Natürlich! Er wunderte sich, dass er darauf nicht längst gekommen war. Mit Mühe erhob er sich, sammelte noch einmal die letzten Kräfte, griff nach der Klobrille und riss unter gewaltigem Gebrüll die Brille samt Deckel von der Schüssel.
„Na also, geht doch“ lallte er stolz wie Oskar, klemmte sich die Brille unter den Arm und tastete sich ins Schlafzimmer.


So gegen Mittag öffnete Heinzwilli am nächsten Tag die Augen. Irgendwas drückte ihm gegen den Hals. Seine Hände tasteten nach dem Etwas und dann fiel es ihm ein: Die Klobrille! Er hatte die Klobrille um den Hals! Vorsichtig richtete er sich auf und öffnete ein Auge. Er hatte tatsächlich Gebrauch gemacht von seiner genialen Idee und wie es aussah, hatte sie funktioniert.

Dann sah er Else. Else rauschte mit einem Koffer in der Hand an ihm vorbei, riss den Kleiderschrank auf und stopfte ihre Klamotten in den Koffer. Dann rauschte sie wieder an ihm vorbei, knallte die Tür zu und war verschwunden.

Heinzwilli ließ sich mitsamt seiner Halskrause zurück in die Kissen fallen. Else war auch einfach zu blöd, um die Genialität seiner nächtlichen Aktion zu erkennen. Er zog sich die saubere Ecke der Bettdecke über den Kopf und schlief sofort wieder ein.


Am nächsten Tag sah man Heinzwilli im Baumarkt an der Kasse stehen. Die neue Klobrille unter dem Arm. Nicht, dass er von seiner nächtlichen Aktion nicht mehr überzeugt gewesen wäre. Auf keinen Fall!

Er hatte sich einen weiteren genialen Plan überlegt. Logisch nachgedacht sozusagen, seine Spezialität. Else war wieder mal gegangen, dieses Mal allerdings mit Koffern und Kindern. Er brachte diesen Umstand in Zusammenhang mit dem Abgang der Klobrille. Vielleicht käme sie zurück, wenn sie nicht mehr auf der kalten Keramik sitzen müsste. Eine wirklich freundliche Geste von Heinzwilli, die ihm wohl niemand zugetraut hätte.


Vielen Dank für die Zeichnungen an: Sylvia B.


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