Sonntag, 8. Dezember 2013

203 »Das mysteriöse Lochstreifenband«

Teil 203 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Nazca aus dem All 
Foto: NASA's Earth Observatory
Einsam zieht der Satellit seine Kreise um die Erde. Nur einige Kilometer beträgt die Höhe, aus der automatisch Aufnahmen von der Erdoberfläche gemacht werden. Von der irdischen »Zivilisation« ist nichts zu erkennen. Unsere Wolkenkratzer ... Skyscraper im Englischen ... sind nicht mehr zu erkennen. Vom Erdboden aus betrachtet mögen sie vielleicht die Wolken oder gar den Himmel kratzen ... aber die Satellitenfotos zeigen keine Bauwerke von Menschenhand. Sollte ein »himmlischer Gott« von hier oben nach einem neuen Turmbau zu Babel Ausschau halten, er wird nichts dergleichen ausfindig machen. Und doch wird er Menschenwerk sehen: Schnurgerade Linien, wie mit dem Lineal gezogen. An einer Stelle läuft so eine Linie offensichtlich auf eine Erhebung zu. Da man sie aus dem All sieht, muss es ein beachtlicher Berg in der Wüste sein. Die Linie erklimmt den Berg und setzt sich auf der anderen Seite ohne die geringste Abweichung wieder fort.

Was sind das für Linien, die sich kreuzen, die im Nichts beginnen und im Nichts enden? Als Straßen sind sie sinnlos, führen sie doch nirgendwo hin. Vor vielen Jahrhunderten, vielleicht vor einigen Jahrtausenden, wurden sie bei Nazca in den Boden gescharrt. Die berühmte Nazca-Ebene erinnert an eine Schultafel, auf der gezeichnet wurde. Allerdings ist diese »Tafel« rund 500 Quadratkilometer groß. Manche der Linien, schnurgerade, sind zwanzig Kilometer lang. Da gibt es auch noch Dreiecke und trapezförmige Flächen, dazwischen auch Bilder von Menschen oder Tieren.

Walter-Jörg Langbein in Nazca. Foto Willi Dünnenberger
Vom Satelliten aus aber nimmt man nur die langen Linien wahr. Es drängt sich der Eindruck auf, dass da mit enormem Aufwand riesige Zeichen in den knochentrockenen, verkrusteten Wüstenboden gescharrt wurden, die aus sehr großer Höhe deutlich zu erkennen sein sollten. Wer sollte diese Zeichen sehen? Himmlische Wesen vielleicht, Götter etwa?

Vom Boden aus erkennt man so gut wie nichts: Man kann nicht einmal erahnen, wie weit diese oft recht breiten »Straßen« reichen. Man kann sich vom Boden aus auch kein Bild machen von den Scharr-Zeichnungen, die Tiere darstellen. Aus dem All sieht man diese Bilder von faszinierender Schlichtheit nicht, wohl aber vom Flugzeug aus. Oder anders gesagt: Die bis zu zwanzig Kilometer langen Bahnen wenden sich nicht an Beobachter, die in der Wüstenebene von Nazca umherwandern. Die nehmen in der Regel nur winzige Ausschnitte aus riesengroßen Bildern wahr, deren Bedeutung sie nicht erkennen. Wenn die Bilder und „Straßen“ erkannt werden sollen, dann von Beobachtern aus der Höhe.

Nasca-Bahnen 
Foto: W-J.Langbein
Die Darstellungen von Spinnen, Fischen, Affen kann man schon vom Flugzeug aus ausmachen, Die viele Kilometer langen Bahnen aber, sie sind für Beobachter aus dem All gedacht. Das beweisen Bilder, aufgenommen von Satelliten in einer Erdumlaufbahn.

Wenn diese Beobachter, angelockt durch die Linien, zur Erde herabsteigen, tauchen vor ihren Augen auf einmal Bilder auf, von Fabelwesen, von Affen, Vögeln und menschenähnlichen Wesen. So etwas wie ein »Astronaut« wurde in den steilen Hang eines Berges gescharrt, ein Bild für die Ewigkeit.

Was mich bei meiner Erkundung vor Ort immer wieder fasziniert: Auch die zig Kilometer langen, vom All aus zu sehenden Bahnen ... sind nur wenige Zentimeter tiefe Scharr-Zeichnungen! Man hat lediglich die oberste verkrustete, schwarze Schicht des Wüstenbodens entfernt, so dass die darunter liegende, hellere Schicht zum Vorschein kommt!

Immer wieder tauchen „neue“ und endgültige „Erklärungen“ für die geheimnisvolle Wüstenebene auf. Schon vor fünfzehn Jahren schrieb Erich von Däniken in seinem Vorwort zu meinem Buch „Besucher aus dem Kosmos“ (1): „Da gibt es in Peru jenes Wüstengebiet von Nazca. Wer darüber fliegt, erkennt unter sich ein phänomenales Panaroama aus riesigen Zeichnungen, pistenartigen Trapezflächen und kilometerlangen, schmalen Linien. Man nennt Nazca auch 'das größte Bilderbuch der Welt'. Bislang sind vierzehn Lösungen vorgebracht worden, die allesamt als 'wissenschaftlich' in die Medien gedrückt wurden. Keine einzige taugt etwas, auch die neueste nicht, nach welcher Nazca ein 'Wasserkult' gewesen sein soll.“

Unterirdischer Wasserlauf 
Foto: W-J.Langbein
Tatsächlich wird – zum Beispiel –  immer wieder fabuliert, dass die Bahnen und Linien von Nazca den Verlauf unterirdischer  Wasseradern markieren. Ich frage mich, was Markierungen sollen, die nur aus großer Höhe – aus der Luft oder gar aus dem All – erkannt werden können!

Es gibt aber nirgendwo auf der Erde solche Wasseradern, die wie die Linien von Nazca verlaufen, also wie mit dem Lineal gezogen zig Kilometer lang, plötzlich beginnend, plötzlich endend ... parallel nebeneinander, im rechten Winkel zueinander, sich  unzählige Male kreuzend. Es gibt unterirdische „Wasserläufe“ unter der Ebene von Nazca. Die wurden allerdings künstlich angelegt, lange bevor die Scharr-Zeichnungen entstanden. Es gibt Zugänge zu diesen teilweise bis zu zehn Meter unter der Erdoberfläche verlaufenden Röhren. Ich bin in so manche dieser Röhren hinab gestiegen, zu dem unter dem Wüstenboden verlaufenden Röhrensystem, das sauberstes Trinkwasser führt. Ein Zusammenhang von Linien und Wasserläufen ist nicht zu erkennen!

Mir leuchtet am ehesten eine Erklärung ein, die von der wissenschaftlichen Welt abgelehnt oder erst gar nicht zur Kenntnis genommen wird. Diese Erklärung drängt sich aber förmlich auf. Und sie ist bei weitem nicht so kurios und  unrealistisch wie immer wieder auftauchende „wissenschaftliche“ Lösungen des Phänomens Nazca. So sind die Linien und Bahnen vollkommen ungeeignet als Bahnen für Athleten, die angeblich kreuz und quer durch die Wüste rannten. Ungeeignet sind die Bahnen auch als Prozessionswege. Alle diese Erklärungen lassen sich leicht widerlegen. Wenn tatsächlich Menschen, sei es im sportlichen Wettkampf oder in religiöser Verzückung, durch die Wüste getrampelt wären, dann hätten ihre Fußspuren die Linien und Bahnen längst überlagert und zerstört! Viel einleuchtender ist: Das „Bilderbuch Nazca“ war für Besucher aus dem All gedacht.

Das Lochstreifenband aus der Luft 
Fotos: W-J.Langbein
Wurden die Bewohner der Hochebene von Nazca einst von Wesen aus dem All besucht? Wollten die Erschaffer des „Bilderbuchs“ jene Wesen wieder zurück zur Erde locken? Oder galten die Bildnisse fiktiven Göttern, deren Heimat man irgendwo in den Tiefen des Alls vermutete?

Unweit des Dörfchens Humay, südlich von Lima, gibt es Tausende und Abertausende von Löchern im harten Wüstenboden. Sie bilden einen Streifen, der als „Lochstreifenband“ bezeichnet wird. Ein Loch liegt neben dem anderen. In der Regel ist es acht Löcher breit ... und viele, viele Kilometer lang. Vom Boden aus betrachtet ist das „Band“ alles andere als aufregend. Man stolpert förmlich über diese Löcher. Ich habe einige untersucht und bin zur Überzeugung gekommen, dass sie einst klar umrissen waren. Wie tief mögen sie einst gewesen sein? Heute ist kaum noch zu erkennen, dass die Löcher einst von Mauerwerk eingerahmt waren. Wozu wurde dieses Band angelegt?

„Das waren Grabstätten!“, höre ich immer wieder. Acht Löcher breit ist der Streifen. Bei einem Durchmesser von zwei Metern pro Loch mit Umrandung ergibt das, vorsichtig kalkuliert, 400 „Grabstätten“ auf 100 Meter „Band“. Ein Kilometer Lochstreifenband bestünde dann aus 4.000 „Grabstätten“. In zehn Kilometern „Band“ wären demnach 40.000 Menschen bestatten worden. Vor Ort erklärte mir ein Experte, das phänomenale Band könne einst durchaus einhundert Kilometer lang gewesen sein. Das wären dann ... 400.000 Löcher, oder 400.000 Gräber, mitten in der Wüste!

Loch an Loch - Fotos: Walter-Jörg Langbein

Mir scheint die Länge von 100 Kilometern zu hoch gegriffen. Wie weit sich einst das Band durch die Gegend schlängelte, dabei Hänge hinauf und wieder hinab kriechend, kann heute nicht mehr festgestellt werden. Im Lauf der Jahrhunderte sind die Löcher zum Teil so verfallen, dass sie kaum noch zu erkennen sind. Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnten wurde versucht, möglichst viel Land für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Dabei wurde natürlich keine Rücksicht auf das „Lochstreifenband“ genommen, das über weite Strecken zerstört und eingeebnet wurde.

Offenbar waren auch Schatzsucher am Werk, die viele der Löcher zerstörten, weil sie auf versteckte Kostbarkeiten hofften. Trotz intensiver Recherche habe ich keinen einzigen Hinweis finden können, wonach in einem einzigen der Löcher sterbliche Überreste gefunden worden wären. Auch heute noch erkennt man es, aus der Luft betrachtet, als ein Zeichen für die Himmlischen, für Wesen, die von hoch oben die Erde beobachten, genau so wie die zum Teil zig Kilometer langen Linien von Nazca!
Werden wir die Botschaft je verstehen? Das wird uns nie gelingen, wenn wir uns weigern, die gigantischen Zeichen im Wüstenboden als eine Botschaft zu sehen. Wenn wir diese Möglichkeit nicht zumindest einbeziehen, vertun wir die Chane, die Botschaft jemals zu erkennen! Wir müssen den Gedanken akzeptieren, dass uns das Lochstreifenband und die Bilder von Nazca etwas sagen wollen. Dann werden wir sie vielleicht einmal wie ein Buch lesen können!


Literatur zu Nazca

Bridges, Marilyn: Für die Götter/ Luftaufnahmen heiliger Landschaften, Frankfurt 1990 (Bildband), (Die Linien von Nazca, Peru, S. 8-31)
Däniken, Erich von: Zeichen für die Ewigkeit, München 1997
Oostra, Roel: Die großen Rätsel/ Auf den Spuren alter Mysterien, Köln 1998 (GROSSFORMAT!)
Reiche, Maria: Das Geheimnis der Wüste (signiert), 7. Auflage, Stuttgart 1989

Fußnote
1) Rastatt, 1998, S. 10







»Noch mehr Saurier, Teil I«,
Teil 204 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 15.12.2013


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Sonntag, 1. Dezember 2013

202 »Drei Glocken«

Teil 202 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Zwei Kilometer östlich von Humay, fast 40 Kilometer von der Küste entfernt, stand unser kleiner Reisebus nahe der »Hazienda Montesierpe«, die sich in einem fast ruinösen Zustand befand. Die Luft scheint zu stehen, die Hitze ist fast unerträglich. Aus dem Nichts taucht eine Schar Kinder auf. Sie beobachten uns aus einiger Entfernung. Sie beobachten uns skeptisch. Als wir unsere mitgebrachten Sandwichpakete öffnen, kommen einige näher heran.

Die Ruine - Foto: W-J.Langbein

Haben die Kinder Hunger? Wir bieten ihnen unseren Proviant an, die Kinder essen mit großem Appetit. Wir händigen ihnen unsere Sandwichboxen aus. Und die Kinder verschwinden, sichtlich glücklich, mit ihrer Beute. Wir erkunden die Wüste. Die Luft flirrt über heißem Sand. Jeder Schritt ist anstrengend. Sehr anstrengend.

Irgendwann geht es zurück zum Bus. Erschöpft von stundenlangem Marschieren entlang eines mysteriösen »Streifen« aus Erdlöchern unter sengender Sonne bin ich auf einer morschen Holzbank im Schatten eines maroden Gebäudes eingenickt. Es gehörte zu einer Hazienda, habe ich bei der Vorbereitung unserer Reise gelesen. Jetzt scheint es nicht mehr genutzt zu werden. Da und dort ist eine Fensterscheibe zerschlagen, mit Zeitungspapier überklebt.

Gelegentlich soll es Sammler in diese Region verschlagen, die nach schönen Steinen Ausschau halten. Der Kenner erahnt, welche Brocken geschnitten und geschliffen schöne Dekorationsstücke für die gute Stube werden könnten. Irgendwo soll es regelrechte Minen geben, die aber nicht sonderlich zu florieren scheinen.

Ein Räuspern weckt mich. Ich öffne die Augen. Vor mir steht ein ehrwürdiger Greis, der einem Roman von Karl May entsprungen sein könnte. Sein Gesicht ist zerfurcht von tiefen Falten. Das schüttere Haar ist staubig. Sorgenvoll sieht der alte Herr aus, ja traurig.

Die Kutte des alten Mannes hat schon sehr viel bessere Tage erlebt. Trotz einer beachtlichen Staubschicht erkennt man deutlich, dass schon so mancher Riss im einstmals wohl pechschwarzen Talar mit grobem Zwirn genäht und manches Loch mit einem Flecken abgedeckt worden ist.

»Was führt Sie in diese abgelegene Ecke Perus?«, will der geistliche Herr von mir wissen. Er spricht Englisch, vermischt mit Brocken einer anderen Sprache. Es könnte Deutsch sein. Jedenfalls verstehe ich ihn gut. Noch bevor ich antworten kann, beklagt der geistliche Herr  den ruinösen Zustand der einst so stolzen Hazienda. »Ein besonderer Schandfleck ist die Kirche ...«, seufzt sorgenvoll mein neuer Guide. Schon nötigt er mich förmlich dazu, seine verfallene alte Kirche zu besichtigen. Er schiebt mich voran.

Autor Langbein in der Ruine
Foto: Ingeborg Diekmann

Dann stehen wir beide vor dem einstigen Eingang. Jedenfalls erklärt mir mein geistlicher Guide: »Hier stand ich immer und begrüßte die Gläubigen, die zum Gottesdienst kamen. Es waren Arbeiter auf der Hazienda, alles fromme und rechtschaffene Leute!«

Ein »Eingang« ist nicht mehr zu erkennen. Die Vorderfront des kleinen Kirchleins ist nicht mehr vorhanden. Rechts und links halten sich zwei Seitenwände mühsam aufrecht. Sie stehen nicht mehr aus eigener Kraft. Holzbalken sind schräg eingesetzt, stemmen sich mächtig gegen das Mauerwerk. Andere Balken stehen noch senkrecht. Sie tragen bescheidene Reste des Dachs des ruinösen Gotteshauses, das zum überwiegenden Großteil wohl schon vor langer, langer Zeit eingebrochen ist. Es verrottet inzwischen am Boden des Kirchenschiffs. Das kleine Kirchlein sollte mehr scheinen als sein. Rechts und links vom Altar täuschen Malereien auf Holz vor, dass ein Säulengang weiter in die Tiefe des Raums führt.

Zwei Holzsäulen, rechts und links vom Altar sind kunstvoll bemalt, sollen nach Marmor aussehen. »Jachin und Boas..«, doziert traurig der Greis. »Sie standen rechts und links vom Eingang des Tempels in Jerusalem... Sie waren aus Bronze gefertigt!« Da ich mich einige Zeit intensiv mit dem Tempel von Jerusalem beschäftigt habe, weiß ich allerlei über die geradezu legendären Säulen.


Ich  fasse mein angelesenes Wissen zusammen. »Nach dem Propheten Jeremias waren die beiden Säulen hohl.  Ihre Wandstärke wird mit vier Fingern angegeben. Das waren wohl etwa sieben, vielleicht acht Zentimeter. Ihre Höhe betrug knapp unter neun Meter, ihr Durchmesser etwa zwei Meter.  Man vermutet dass ein besonderes Gussverfahren zum Einsatz kam... mit Formen aus Ton!«


Der sichtlich ob meines Wissens verblüffte Geistliche fährt fort: »Man wollte größeren Reichtum vortäuschen als da vorhanden war!«

Er deutet mit dem Kopf zum steil ansteigenden Hang, einige Hundert Meter oberhalb der Kirche. »Ich vermute ja, dass es da ein altes Heiligtum aus heidnischen Zeiten gegeben hat, weiter oben. Als ich hier meinen Dienst tat, hörte ich Gerüchte. Aber selbst in der Beichte erfuhr ich allenfalls nur Andeutungen vager Art über einen verbotenen Kult mit Opfergaben...«

Blick in die Ruine
Foto: W-J. Langbein
Der alte Mann lächelte verschmitzt. »Vielleicht wollte man meine Seele nicht belasten. Ich glaube nicht, dass befürchtet wurde, ich könnte etwas dem Bischof mitteilen. Ob der gegen einen alten heidnischen Brauch eingeschritten wäre, ich weiß es nicht. Ich glaube eher nicht, schließlich waren die Menschen alle gut katholisch!« Dem Bischof waren vermutlich Zahlen sehr wichtig. So lange er vorweisen konnte, dass es in der Bevölkerung vorwiegend Katholiken gab, war offiziell alles in bester Ordnung.

Ich gehe weiter ins Innere des Gotteshauses, nähere mich dem hölzernen Altar. Einst war er mit viel Liebe zum Detail bemalt. Viel Farbe ist abgeplättelt. Das Holz ist an vielen Stellen gerissen... Das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass das kleine Gotteshaus schon viele Jahre nicht mehr über ein schützendes Dach verfügt. Der Altar war und ist der Witterung ausgeliefert, erheblichen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht.

 
Hinter einer der Holztürchen, es steht jetzt offen, wurde einst der Kelch für die Feier des Abendmahls aufbewahrt. »Das liturgische Gerät stand noch lange im Altar, auch noch als nur noch ganz selten Gottesdienst gefeiert wurde. Die Menschen hier waren schon damals sehr arm, aber sakrale Gerätschaften hat keiner gestohlen.« Als das Gotteshaus verfiel und niemand für Ausbesserungsarbeiten aufkam, brachte der traurige Geistliche die Gerätschaften zum Bischof. »Verschwunden sind allerdings die drei Glocken aus der Kirche, die einst die Menschen zum Gottesdienst eingeladen haben...«, erinnert sich der Geistliche traurig. »Sie wurden wahrscheinlich schon längst eingeschmolzen. Oder ein Sammler hat sie den Dieben abgekauft und schmückt damit seine Villa! Wer weiß...«


Die kleine Glocke
Foto: wikicommons Paulae
Ich erinnere mich daran, als sei es gestern gewesen. Plötzlich sieht mich der Geistliche sehr ernst, ja traurig an. »Die Glocken sind doch die Stimme Gottes... Wie kann man sie zu Kanonenrohren umgießen? Das ist eine schlimme Sünde! Aber es gibt Glocken,  die selbst schlimmste Katastrophen überleben. Ihnen werden einmal drei Glocken begegnen, die wie durch ein Wunder einen schlimmen Krieg überstanden haben...«

Verstanden habe ich die Worte des Greises damals nicht. Was wollte er mir damals sagen? Wollte er mir überhaupt etwas sagen? Es kam mir so vor, als ob er das damals selbst nicht so recht wusste...

In Wilschdorf, zu Dresden gehörend, steht das kleine Kirchlein »St. Christophorus«. Das Gotteshaus mit mysteriösen Wandmalereien wurde erstmals 1242 urkundlich erwähnt. Heute verfügt die mysteriöse Kirche über drei Glocken. Die älteste und zugleich kleinste stammt aus dem Jahr 1250. 1348/49 kam eine zweite Glocke, die mittlere, hinzu. Die Größte der drei Glocken ist die jüngste. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert.

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Glocken aus dem Kirchlein geholt und nach Hamburg geschafft, wo sie eingeschmolzen werden sollten. Die Kriegsmaschinerie benötigte Eisen. Als der Krieg zu ende ging, zweifelte kaum jemand daran, dass es die drei Glocken längst nicht mehr gab. Sie hatten Jahrhunderte überdauert... um dann zu Werkzeugen des Todes zu werden. Davon waren die meisten Menschen von Wilschdorf überzeugt damals. Es sollte sich zeigen, dass sie sich irrten.

Der Schmied des Dorfes aber machte sich 1945, unmittelbar nach Kriegsende, mit einem Pferdefuhrwerk von Wilschdorf nach Hamburg auf. Er suchte auf dem riesigen Schrottplatz die kleine, die mittlere und die große Glocke!

Mittlere und große Glocke - Fotos: wikicommons Paulae

Es grenzt schon an ein Wunder, dass der Schmied unmittelbar nach Kriegsende Hamburg mit seinem Pferdefuhrwerk unversehrt erreichte. Dass er die Glocken ausfindig machen, auf sein Fuhrwerk verladen und mit seinem Fund wieder nach Wilschdorf zurückkehren würde... daran haben damals wohl nicht viele geglaubt!

Und doch ist genau das eingetreten. Es sollte zwar noch Jahre dauern, bis Spezialisten den drei Glocken wieder neue Kronen aufsetzen würden... Aber dann wurden sie wieder fachgerecht im Gotteshaus aufgehängt und ließen, wie der Geistliche aus Peru formuliert hatte, die Stimme Gottes wieder erschallen.

Die von einem ärmlichen Priester vor vielen Jahren mir vorgetragene »Prophezeiung« hat sich tatsächlich erfüllt. Ich habe drei Glocken gesehen, die auf wundersame Weise einen schlimmen Krieg überstanden haben!


Fußnote
1 Kapitel 52, Vers 21

Das mysteriöse Lochstreifenband,
Teil 203 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 08.12.2013





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