Sonntag, 7. Juni 2015

281 »Die verschwundenen Burgen«

Teil 281 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Dom zu Verden
»Was da noch alles zu finden wäre…«, murmelt der alte Herr. »Hier, südöstlich von der Altstadt!« Mit ausgestrecktem Arm weist mich der Mann auf eine »verschwundene Burg«. Enttäuscht winkt er ab. »Leider ist ja die alte Burg nicht mehr zu sehen, zumindest überirdisch…« Ob es unterirdisch noch Reste der »Alten Burg« von Verden zu finden gibt, frage ich skeptisch. »Natürlich! Was da noch alles zu finden wäre… Aber das interessiert ja keinen Menschen mehr!«

Einen Kilometer südöstlich von der Altstadt von Verden gab es tatsächlich einst eine »Burg«. Sie lag auf einer Anhöhe. An zwei Seiten schützten steile Abhänge zum Fluss Aller hin vor möglichen Angreifern. Nach Norden hin war mit viel Aufwand ein  voluminöser Wall aufgeschüttet, parallel dazu ein Graben ausgehoben worden. Den Aushub des Grabens nutzte man zum Bau des Walls. Darüber hinaus wurden große Mengen Baumaterial herangeschafft, um den Wall noch zu erhöhen.

Wie lang die »Alte Burg« noch genutzt wurde? Wir wissen es nicht. 1816 wurde das »Burg-Areal« eingeebnet. 1846 benötigte man für den Bau des Baudamms Füllmaterial. Das holten die Bahnarbeiter aus dem Bereich der »Alten Burg«. Besonders begehrt war die »Füllung« des Walls: Kies. Fast zehn Meter Erdreich und Steine wurden damals abgegraben. Doch damit waren, wie sich herausstellen sollte, immer noch nicht alle Spuren der »Alten Burg« verschwunden. Noch 1959 stießen Arbeiter beim Ausheben von  Kanälen im Auftrag der Stadt auf Überbleibsel des Walls und des Grabens.

Foto 2: Lageplan »Alte Burg«

Es war zu befürchten, dass die Kanalisierungsarbeiten auch diese Überreste der alten Anlage jetzt restlos zerstören würden. Es kam zu überstürzt angeordneten archäologischen Untersuchungen. Die Wissenschaftler kamen zum Ergebnis, dass anno 1816 der Wall der »Alten Burg« noch über fünf Meter hoch  und insgesamt über fünfzehn Meter breit war. Auch die Ausmaße des Grabens wurden ermittelt.  Er war einst vierzehn Meter breit und immerhin über vier Meter tief. Das durch Wall und Graben gesicherte Grundstück der Burg war zweieinhalb Hektar groß. Ob die »Alte Burg« je von feindlichen Angreifern erobert wurde? Darüber ist nichts bekannt.

»Was da noch alles zu finden wäre…«, murmelt der alte Herr. »Hier, südöstlich von der Altstadt!«, wiederholt der alte Herr seufzend. »Mein Vater war 1959 dabei, als die Gräben für die Kanalisation ausgehoben wurden! Mein Vater hat auch für die Archäologen gearbeitet! Ich weiß noch, wie er geflucht hat, als er mit mehreren Kumpels dicke Steine, die einst zum Wall gehörten, für die Archäologen ausgraben und abtransportieren musste!« Er selbst sei als Kind dabei gewesen als »in fast fünf Metern Tiefe« ein »Armbrustbolzen aus Eisen« ans Tageslicht kam. Spärlich waren die Überreste des einst massiven Walls. Im Wall hatten Holzbohlen rund ein Jahrtausend überdauert. Sie wurden mit Hilfe der C-14-Methode auf die Zeit von 895 bis 1045 nach Christus datiert. Älter war ein »Henkelkrug« aus der Zeit um 750 nach Christus.

Fotos 3 und 4: »Olle Scherben« aus der »Alten Burg«

Der alte Herr lacht. »Ich durfte damals als Kind in den Löchern herumkrabbeln, die mein Vater und seine Kumpels im ehemaligen Burghof gebuddelt haben. Die Archäologen hetzten meinen Vater und die anderen Männer ganz schön! Sie hatten Angst, dass durch die Kanalisation alles zerstört werden würde!« Wertvolles wie Gold und Silber habe man leider nicht gefunden, nur »olle Scherben« Er selbst habe gehört, wie einer der Archäologen zu einem Kollegen sagte, die Bruchstücke seien wohl dem »Neoklyptikum« zuzurechnen. Es war wohl von »Neolithikum« die Rede. Demnach waren die »ollen Scherben« mindestens vier bis sechstausend Jahre alt.

Hellhörig machte mich der Hinweis des alten Herrn auf eine »alte Abfallgrube« innerhalb der »Burganlage«. Handelte es sich ja offenbar bei der »Burg« nicht um eine Burg im herkömmlichen Sinne, sondern um eine Anlage á la Keltenschanze. Die Keltenschanzen, wie die »Herlingsburg« unweit von Lügde, waren durch Wall und Graben geschützte Einfriedungen.

Nicht entschieden ist die Streitfrage, ob diese »Keltenschanzen« ausschließlich sakrale Bedeutung hatten... oder ob es sich um weltliche Siedlungen mit integrierten Tempeln gehandelt hat. Im Kommentar zu den Ausgrabungen im Bereich der Viereckschanzen von Holzhausen (München) lesen wir über die dortige Wallanlage (1): »Wegen der Grundrißgestaltung lag es nahe, dieses Gebäude als Vorläufer der späteren gallorömischen Umgangstempel zu sehen. Aufgrund von Forschungen der letzten Jahre sind die Viereckschanzen als ein Charakteristikum des ländlichen Siedelwesens der Spätlatenzeit (2) zu sehen. Ihre Funktion kann vielfältige Aspekte aus dem kultischen und profanen Bereich umfaßt haben. Dies im Denken des vorgeschichtlichen Menschen eng verflochtenen Bereiche heute im Einzelbefund sicher zu trennen, bereitet größte Schwierigkeiten.«

Foto 5: Moderne Verkehrswege im Konflikt
mit einst heiligen Bergen...

Die »Alte Burg« von Verden an der Aller ist vollkommen von der Erdoberfläche verschwunden. Wegen der Einebnung des Areals und tiefgreifender Abtragung des Erdreichs dürfte es auch unterirdisch keine Spuren mehr geben. Eine Datierung der »Alten Burg« ist nicht mehr möglich. Auch diverse Funde erlauben keine halbwegs sichere zeitliche Einschätzung des Alters der Anlage, an die heute nur noch Straßennamen erinnern: Die »Alte Burg« beginnt im »Burgfeld« und hat die Seitenstraße »Alter Ringwall«.  Eine »Alte Burg« wurde vermutlich um das Jahr 800 gebaut. Sie hatte aber Vorgänger, die – wann auch immer – auf der von der Natur vorgegebenen Anhöhe errichtet worden sind. Zwei schroff abfallende Hänge erleichterten den Bau der Anlage. So musste nur ein Teil des Areals  mit einer Wall-Graben-Kombination gesichert werden. Es ist durchaus möglich, dass schon jener Ort die Menschen angelockt hat und schon vor Jahrtausenden für sakrale Handlungen genutzt wurde. Antworten gibt es wenige, Fragen bleiben viele offen.

Unklar ist, ob die Wallanlage von Verden von den Kelten geschaffen wurde oder nicht. Vom Aufbau erinnert sie allerdings sehr an die »Viereckschanzen« der Kelten. Bestimmte Orte wurden über Jahrtausende hinweg immer wieder von Menschen aufgesucht und besiedelt. Längst sind alle Spuren der Vergangenheit verschwunden. Sie wichen Feldern und Wiesen, wurden zuletzt von Straßen, Wohnhäuser und Gärtchen verdrängt

Foto 6: Blick vom Staffelberg ins Tal.

Besondere Plätze werden immer wieder und das seit Jahrtausenden genutzt. Ein Beispiel von vielen ist der Staffelberg im schönen Oberfranken. Vor Jahrzehnten hieß die idyllische Region dort noch mit Recht »Gottesgarten«. Eine autobahnartige Rennstrecke aber hat das Maintal inzwischen wie mit einem Messer durchschnitten. Der 539 Meter hohe Berg war wiederholt besiedelt – von der Jungsteinzeit (etwa 5 000 v.Chr.) bis zur »Römischen Kaiserzeit« (bis etwa 420 n.Chr.). Auf Steinzeitmenschen folgten die Kelten, die auf dem Plateau eine Wehranlage mit Wall und Graben bauten. 

Foto 7: Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg

Seit 1653 dient die Adelgundiskapelle an just jener exponierten Stelle als Ziel von Wallfahrern und Pilgern. In meiner Jugend stieg ich oft mit meinem Vater auf den Staffelberg, besuchte die Adelgundiskapelle und nahm eine Brotzeit in der einstigen Einsiedlerklause ein. Wir blickten schweigend hinab ins Maintal und spürten die besondere Atmosphäre eines uralten Kultorts.

Eine Felsgrotte – leider von respektlosen Besuchern vermüllt – erinnerte uns an Sagen um den Staffelberg, die von Schätzen in seinem Inneren erzählen und von Zwergen (»Querkele« genannt), die einst von bösen Menschen vertrieben wurden. Wer zum rechten Zeitpunkt vor Ort war, so heißt es, konnte in das Innere des Berges gelangen, aber auch für hundert Jahre gefangen bleiben, wenn er ihn nicht rechtzeitig verlassen hatte. 

Ganz offensichtlich gibt es auf unserem Planeten Orte, die warum auch immer geradezu magisch anziehend auf uns Menschen wirken. Das gilt auch für Verden an der Aller.

So hatte der mächtige steinerne Dom zu Verden bescheidene hölzerne Vorgänger. Gleich zwei einfache Kirchlein sollen bereits im achten Jahrhundert Christen als Orte der Andacht und des Gebets gedient haben.  Der Platz ist nicht willkürlich gewählt worden! Die allererste Holzkirche machte einer heidnischen Kult- und Gerichtsstätte Konkurrenz. Mittelpunkt der heidnischen Zusammenkünfte war der Lugenstein (3), nur wenige Meter vom heutigen Dom entfernt. Und der altehrwürdige Dom zu Verden war von einer »Domburg« umgeben, die wie die »Alte Burg« seit Jahrhunderten verschwunden ist.

Fotos 8, 9 und 10: Der Lugenstein aus verschiedenen Blickwinkeln

Fußnoten

(1) Wieland, Günther: »Die Ausgrabungen in der Viereckschanze 2 von Holzhausen/ Grabungsberichte von Klaus Schwarz zusammengestellt und kommentiert von Günther Wieland«, Rahden/ Westf. 2005, Orthografie wurde nicht der heutigen Schreibweise angepasst (Rechtschreibreform), sondern
Buchstabengetreu übernommen.

(2) Latenzeit, etwa 450 v.Chr. bis um Christi Geburt

(3) Der Name »Lugenstein« leitet sich nicht etwa von der »Lüge« ab, sondern geht über das Sächsische auf den lateinischen Begriff »Lex«, also »Gesetz«, zurück. Es gab zu heidnischen Zeiten im heutigen Verden an der Aller einen markanten Stein am Gerichtsplatz. Karl der Große soll dann just an dieser Stelle »Recht« gesprochen haben.


Foto 11: Blick auf den Dom zu Verden

Zu den Fotos:


Foto 1) Dom zu Verden: Man erkennt den Turm des Doms. Der Turm ist das älteste Stück des Doms. Foto: Walter-Jörg Langbein

Foto 2) Lageplan »Alte Burg«: Archiv Langbein. Vom Verfasser leicht bearbeitet.

Fotos 3 und 4) »Olle Scherben« aus der »Alten Burg«: Foto Sammlung Langbein

Foto 5) Moderne Verkehrswege im Konflikt mit einst heiligen Bergen...: Im Hintergrund sieht man den Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 6) Blick vom Staffelberg ins Tal: Historische Ansichtskarte. Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 7) Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg: Historische Ansichtskarte. Archiv Walter-Jörg Langbein

Fotos 8, 9 und 10) Der Lugenstein aus verschiedenen Blickwinkeln: Fotos Walter-Jörg Langbein

Foto 11) Blick auf den Dom zu Verden. Foto (aufgenommen Anfang März 2015) Walter-Jörg Langbein

282 »Mönch und Monster«,
Teil 282 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 14.06.2015


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Sonntag, 31. Mai 2015

280 »Die Lichterscheinungen von Lügde und anderswo«

Teil 280 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


»Leuchtende« Kilianskirche bei Nacht.

»An der Stelle, wo sich heute die St. Kilianskirche erhebt, soll in ganz, ganz alter Zeit bei den Heiden einst ein Heiligtum, das ›Ewige Licht‹ geheißen, gewesen sein. Hier soll immer ein Licht gebrannt haben und eine Heilquelle aus der Erde gesprungen sein. Aus allen Landen kamen die Heiden hierher. Es mag sich um ein wichtiges Heiligtum gehandelt haben. Die christlichen Missionare haben dieses Heiligtum dann verschüttet und an dieser Stelle eine Kirche errichtet, dem Heiligen Kilian geweiht. Die verschüttete Quelle versank 898 Meter tief und wartet noch heute auf ihre Wiederentdeckung. Es soll eine Salzquelle sein, die überaus heilsam wirken könne.«  So schreibt Heimatforscher Manfred Willeke in der von ihm herausgegebenen »Lügder Sagen-Sammlung«.


Ermordung St. Kilians

Interessant ist die Herkunft des Namens »Kilian«. Sie ist wohl keltischen Ursprungs. Aus dem keltischen »Ceallach« wurde wohl Kilian. »Ceallach« ist alles andere als christlich und bedeutet »Krieg, Kampf und Kämpfer«. Kam »St. Kilian« wie vermutet, aus dem keltischen Raum, um auch im Raum Lügde zu missionieren? Oder verbirgt sich etwas Heidnisches hinter der christlichen Fassade? 1972 wurde Ausgrabungen vor Ort durchgeführt, die interessante Spuren zutage förderten. So stießen Archäologen auf ein »prähistorisches Kindergrab« (2), aus der Zeit um Christi Geburt und auf eine »Abfallgrube« aus der gleichen Zeit. 

Die Kelten hinterließen eine Vielzahl von Anlagen, zum Beispiel die »Keltenschanzen« von Holzhausen (Bayern) und der »Herlingsburg« (unweit von Lügde). Innerhalb dieser von Erdwällen umgebenen Stätten gab es sehr häufig recht tiefe Schächte, in denen »organisches Material« entdeckt wurden. Offenbar handelte es sich dabei um Opferschächte, in die Gaben für die Götter geworfen wurden. Was manchmal despektierlich als »Abfallgrube« bezeichnet wird, kann sehr wohl auf heidnische Kulte hinweisen.

Dr. Günther Wieland studierte Vor- und Frühgeschichte. Der promovierte Wissenschaftler darf als einer der führenden Experten in Sachen »Keltenschanzen« gelten. In »Keltische Viereckschanzen« versucht er zusammen mit namhaften Kollegen einem uralten Rätsel auf die Spur zu kommen (3). Dr. Wieland schreibt zur Thematik der »Schächte« (4): »Die mehrfach in Viereckschanzen nachgewiesenen Schächte waren eines der Hauptargumente, alle diese Anlagen kultisch zu deuten und werden immer noch kontrovers diskutiert.«

Als ich in Erlangen evangelische Theologie studierte, hielt ich im Hause des »Martin-Luther-Bundes« einen Vortrag über »heidnische Wurzeln christlicher Stätten«. Meine Hinweise darauf, dass es dort, wo heute christliche Wallfahrten enden, einst schon Heiden ihre Kultfeiern zelebrierten, stießen auf wenig Begeisterung. »Sie interpretieren da zu viel hinein, Bruder Langbein!«, ermahnte mich mit strengem Blick ein Professor der Kirchengeschichte. »Verschwenden Sie doch nicht Ihre Zeit mit derlei Überlegungen! Wenn irgendwo im Erdreich Reste von Tieren ausgegraben werden, muss das mit altem heidnischen Brauchtum nichts zu tun gehabt haben. Vielleicht waren das nur Abfälle, die man vergraben hat! Und Sie geheimnissen da Religiöses hinein!« 

Teil des Walls einer Keltenschanze (Holzhausen)

In Holzhausen, Raum München, wurden in einer »Keltenschanze« drei Schächte ausfindig gemacht. Der älteste war immerhin ursprünglich 35 Meter tief. Dieser 35 Meter tiefe Schacht war teilweise handwerklich geschickt verschalt worden. Archäologen entdeckten am Grunde des verschütteten Schachts ein geschnitztes, scheibenförmiges Holzobjekt, vermutlich ein Kultobjekt aus heidnischen Zeiten. Im sechs Meter tiefen Schacht von Holzhausen stand einst auf dem Boden ein ins Erdreich getriebener Pfahl. Solche Pfähle versinnbildlichten in »primitiven« Zeiten nicht selten Gottheiten. Zu Zeiten des Alten Testaments, als Jahwe schon längst offizieller Gott war, wurden noch Pfähle angebetet, stellvertretend für Göttinnen. So war das Bild der Göttin Aschera alias Astarte ein Pfahl. Aschera alias Astarte war eine der wichtigsten Fruchtbarkeitsgöttinnen.

Vergeblich suchte ich in der Literatur nach archäologischen Auswertungen der »Abfallgrube« von Lügde aus der Zeit um Christi Geburt. So lässt sich die Frage, ob es sich dabei um Spuren ritueller Kulthandlungen und Opferungen vor rund zwei Jahrtausenden gehandelt hat, nicht mehr beantworten. Manfred Willeke hält es für möglich, dass dort, wo heute die altehrwürdige Kilianskirche zu Lügde steht, schon in vorchristlicher Zeit religiöse Feiern abgehalten wurden. So schreibt er(5): »Wenn es sich dabei tatsächlich um ein Heiligtum der Sachsen (Heiden) gehandelt hat, wäre die Errichtung einer Kirche darüber durchaus möglich, wie uns die Fachliteratur berichtet.«

Maria Licht
 Vor Jahren kam ich in der Kilianskirche zu Lügde mit einem Schweizer Ehepaar aus dem Dörfchen Acladira (Kanton Graubünden, in der Nähe von Trun) ins Gespräch. Interessiert lauschten die sympathischen Eidgenossen meinen Hinweisen auf die Lichterscheinung, die nach der alten Sage zum Bau der ersten Kilianskirche führte. »Unser Kirchlein in Acladira heißt Maria Licht!«, erklärte mir der Mann. Auch hier wird von einer geheimnisvollen Lichterscheinung berichtet. In vorgeschichtlichen Zeiten gab es ein prähistorisches Heiligtum. Ein mächtiger Findling überlebte die »Christianisierung«. Angeblich war der Stein noch im 20. Jahrhundert Ziel christlicher Pilger. Ob es schon zu heidnischen Zeiten das seltsame helle Licht gab? Wurde just dort, wo heute zu »Maria Licht« gebetet wird, eine Göttin verehrt? Am Chorbogen wird die Aufmerksamkeit der Besucher auf ein großes Fresko gelenkt. Es zeigt den »Triumphzug Marias«. Maria wird auf einem Wagen von Benediktinern gezogen.

Auf dem Altarbild, so erfuhr ich, sei einst eine »Heimsuchungsszene« zu sehen gewesen. Sollte das Kunstwerk den frommen Christen im 17. Jahrhundert zu anrüchig gewesen sein? Es wurde in den Jahren 1681 bis 1684 »durch eine bekleidete Madonna« (6) ersetzt. Die christliche Weihe erfolgte erst am 4. Juli 1672 durch Bischof Ulrich VI. de Mont zu Ehren der Jungfrau »Maria zum Licht«. Heidnische Weihen dürfte der sakrale Ort schon Jahrtausende früher erhalten haben. Das namensgebende Licht wurde von der christlichen Gemeinde als »göttliche Botschaft« gedeutet. Auch das im 17. Jahrhundert gefertigte Gemälde im Chorhimmel kann als »verchristianisierte« Fassung eines heidnischen Opferrituals gedeutet werden. Da fließen das Blut Jesu und die Milch der Gottesmutter zusammen: in einer Opferschale. Blut und Muttermilch lassen Erinnerungen an einen uralten Kult aus dem Matriarchat aufkommen.

Maria auf der Mondsichel in Lügdes Marienkirche

Zu den ältesten Gottheiten überhaupt gehören mit dem Mond verbundene Göttinnen. Barbara Walker weiß zu berichten (7): »Die Menschen glaubten schon seit ihren frühesten Kulturen, daß die geheimnisvolle Magie der Schöpfung dem Blut innewohne, das Frauen in offensichtlicher Harmonie mit dem Mond von sich gaben.« In »Harmonie mit dem Mond« wird sehr häufig auch in christlicher Sakralkunst Maria, die Gottesmutter, gezeigt. In zahllosen Darstellungen – zum Beispiel in der Marien-Kirche zu Lügde, steht sie auf einer Mondsichel. Die christliche Muttergottes setzt so eine uralte Tradition fort, die irgendwann in grauer Vorzeit ihren Ursprung nahm.  In Mesopotamien zum Beispiel wurde die Muttergöttin Ninhursag verehrt, die Menschen wie der biblische Gott aus Lehm geschaffen haben soll. Diese Kreationen bekamen das »Blut des Lebens« eingetrichtert…. 

»Ägyptische Pharaonen,« so lesen wir im Lexikon »Das geheime Wissen der Frauen« (8), »wurden göttlich, indem sie ›Blut der Isis‹ zu sich nahmen«. Dürfen wir in diesem Zusammenhang an das »Blut Christi« denken, das beim christlichen Abendmahl rituell verabreicht wird?


Maria Eck

Vom Schweizer Acladira zur Wallfahrtskirche Maria Eck im Traunsteiner Land. Das kleine Kirchlein ist auch heute noch, 882 Meter hoch gelegen, eines der beliebtesten Ziele des Chiemgaus. Vor dem Gnadenbild beten Zigtausende. Ob sie alle wissen, dass am Anfang eine mysteriöse Lichterscheinung den Ort heiligte? Auch die Maria der Wallfahrtskirche »Maria Eck« wird seit alters her in frommer Kunst gern wie eine Mondgöttin, also stehend auf der Mondsichel, gezeigt. 100 000 Pilger besuchen jährlich Maria Eck. Wie viele mögen wissen, dass »ihre« Gottesmutter uralten Mondgöttinnen entspricht?

»Mondgöttin« von Maria Eck

Leider fehlt bis heute eine wissenschaftliche theologische Erforschung der vernachlässigten Zusammenhänge: Welche Marienheiligtümer wurden auf heidnischen Kultstätten gebaut? Wo gab es mysteriöse Lichterscheinungen, die solche Orte der Kraft markierten? Bestätigten Lichterscheinungen die richtige Auswahl von Orten für den Bau von Tempeln oder Kirchen? Oder wurden sakrale Bauwerke dort gebaut, wo geheimnisvolle Lichterscheinungen aufgetreten sind?

Maria Locherboden

Ich fürchte, für viele heilige Orte werden sich diese Fragen nicht mehr beantworten lassen, weil das vorchristliche Erbe über Jahrhunderte hinweg negiert, verdrängt und zerstört wurde. So wissen wir von der Wallfahrtskirche Maria Locherboden über dem Inntal am Mieminger Plateau (Österreich), dass bei der christlichen Weihe anno 1901 Lichterscheinungen aufgetreten sein sollen. Aber wann wurde dieses Phänomen zum ersten Mal beobachtet? Fakt ist: Schon bevor die Kirche gebaut wurde, gab es Wallfahrten und – angeblich – Wunderheilungen. Die Kirche Maria Locherboden wurde ja errichtet. Weil just jene Stelle schon seit Jahrhunderten von christlichen Pilgern besucht wurde.


In den Monaten Mai bis Oktober findet immer am 11. Des Monats eine Lichterprozession statt… in Erinnerung an mysteriöse Lichterscheinungen? Ich fürchte, die Zusammenhänge zwischen heidnischen oder/ und christlichen Kultorten und mysteriösen Lichterscheinungen lassen sich in vielen Fällen nicht mehr erforschen. Wir sollten aber endlich die vorhandenen Quellen – Sagen, zum Beispiel – nutzen und auswerten, die Antworten auf just diese Fragen anbieten. Bislang entsteht aber der deutliche Eindruck, dass eine solche Forschung nicht wirklich erwünscht ist. Warum? Weil jeder Gläubige gern davon ausgeht, dass die eigene Religion allein die Fragen des Lebens beantworten kann.

St. Kilian zu Lügde
Leider gibt es aber bisher nicht einmal einen zusammenfassenden Überblick, wo und seit wann denn überall als göttlich angesehene Leuchterscheinungen aufgetreten sind. Ebenso wenig gibt es einen Überblick über alle »heidnischen« Stätten, die von christlichen abgelöst wurden. Die von mir angeführten Beispiele sind nur eine winzige Auswahl… Wie viele mag es insgesamt geben, im christlichen und darüber hinaus überhaupt im religiösen Bereich? Das sind Fragen, die Theologie, die diesen Namen auch verdient, endlich zu beantworten versuchen sollte!


Fußnoten

(1) Willeke, Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 81, Orthographie blieb unverändert
(2) ebenda, S. 82
(3) Wieland, Günther (Hrsg.): Keltische Viereckschanzen/ Einem Rätsel auf der Spur, Stuttgart 1999
(4) ebenda, S. 44
(5) , Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 81, Orthographie blieb unverändert.
Anmerkung des Verfassers: Meine Schlussfolgerungen sind »auf eigenem Mist gewachsen« und nicht mit Herrn Willeke abgesprochen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, als ob meine Vermutungen von Herrn Willeke geteilt werden.
(6) Wikipedia-Artikel zu »Maria Licht«, Stand 14. April 2015
(7) Walker, Barbara: »Das geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 698
(8) ebenda, S. 700

Zu den Fotos:

»Leuchtende« Kilianskirche bei Nacht: Foto Walter-Jörg Langbein
Ermordung St. Kilians:Archiv Walter-Jörg Langbein
Teil des Walls einer Keltenschanze (Holzhausen): Foto Walter-Jörg Langbein
Maria Licht: wiki commons/ Adrian Michael
Maria auf der Mondsichel in Lügdes Marienkirche: Walter-Jörg Langbein
Maria Eck: wiki commons/ Schizoschaft
»Mondgöttin« von Maria Eck: ca 1850, Archiv Walter-Jörg Langbein
Maria Locherboden:wiki commons/ Kries
St. Kilian zu Lügde: Walter-Jörg Langbein

281 »Die verschwundenen Burgen«
Teil 281 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 07.06.2015

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