Sonntag, 21. Juni 2015

283 »Der Ritt auf zwei Eseln«

Teil 283 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Blick auf die Marktkirche

Es war ein düsterer Novembermorgen, als ich zusammen mit meinem Kollegen Peter Hoeft die »Marktkirche St. Georgii et Jacobi« in Hannover besuchte. Direkt vor dem altehrwürdigen Gotteshaus herrschte emsiges Treiben. Der Weihnachtsmarkt wurde vorbereitet. Ein großer Kran hob Verkaufsbuden durch die Luft und platzierte sie nur wenige Meter von der ältesten Kirche Hannovers. Anno 1238 wird sie erstmals urkundlich erwähnt. Archäologische Ausgrabungen in den Jahren 1952 und 1989 förderten aber Reste eines Vorgängerbaus zutage, der schon in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bestand. Kunstvoll bearbeitete Steine, darunter ein prachtvolles Säulenkapitell mit Akanthus-Blättern aus dem 12. Jahrhundert, wurden entdeckt.

Schon vor mehr als zwei Jahrtausenden tauchten Akanthus-Blätter als sakrales Motiv in Verbindung mit Buddha-Statuen auf. Im Mittelmehrraum kannte man Akanthus als Symbol für Leben und Unsterblichkeit. »Unsterblichkeit« hatte freilich in vorchristlichen Zeiten häufig eine andere Bedeutung. Im zyklischen Denken gab es die ewige Wiederkehr des Lebens, Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt. Das Leben wurde als ewig angesehen, weil es immer wieder kam, blieb und ging. In heidnischen Kulten gab es Riten, die diese dem Christentum fremde Vorstellung darstellten.

Vorbereitungen für den Weihnachtsmarkt

So erfährt Inanna von Schöpfergott Enki, dass sie die Geheimnisse von Tod und Leben nur ergründet kann, wenn sie selbst Leben, Tod und Wiedergeburt erfährt. Inanna musste heiraten und die Unterwelt hinab steigen. Unzählige Varianten der »Heiligen Hochzeit« gibt es schon seit Jahrtausenden. Sie sind oftmals sehr komplex, basieren aber in der Regel auf dem gleichen Ritual. Himmelskönigin und weltlicher König heiraten, der Gemahl der Göttin stirbt und wird von der Göttin aus der Welt des Todes wieder ins Reich der Lebenden zurückgeholt.

Unvoreingenommen betrachtet spielt sich im zyklischen Kirchenjahr Ähnliches ab: Geburt Jesu, Leben, Sterben und Wiedergeburt. Man kann noch einen Schritt weitergehen und die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu so sehen: Geburt, Leben, heilige Hochzeit mit Maria Magdalena, Tod Jesu, Maria Magdalena besucht das Grab Jesu (»Unterwelt«), Jesus kehrt aus der Unterwelt in die irdische Welt des Lebens zurück.

Der Drachentöter

Diese Interpretation mag strenggläubigen Christen unserer Tage als ketzerisch erscheinen. Wie weitestgehend alle Theologen lehnen sie derlei Überlegungen zum Thema »Ewiges Leben« ab. Leider wissen die meisten Zeitgenossen im christlichen Abendland ein Privileg nicht hinreichend zu würdigen. Wir leben in einer säkularisierten Welt, in der Religionsfreiheit herrscht. Bei uns gibt es keine fanatischen Fundamentalisten, die alle Andersdenkenden vor »Gericht« zerren können, wo die Todesstrafe droht. Religion ist bei uns Privatangelegenheit und wird nicht von staatlicher Seite überwacht, schon gar nicht bestraft. Unbestreitbar sind unsere christlichen Wurzeln, auch kulturell. Allerdings scheint auf christlicher Seite das Wissen über die nach wie vor größte Weltreligion rapide zu schwinden. Es besteht fraglos die Gefahr, dass immer mehr Zeitgenossen zunehmend die Orientierung verlieren.

Jacobus der Ältere pilgert

Imposant ragt der auf uralten Fundamenten stehende rote Backsteinbau der »Marktkirche St. Georgii et Jacobi« von Hannover in den Himmel. Über dem Westportal besiegt zur Linken ein reichlich martialischer Heiliger Georg den Drachen. Zur Rechten pilgert Jacobus der Ältere. Die Statuen beider Namenspatrone der Marktkirche wurden 1992 vom Braunschweiger Bildhauer Jürgen Weber geschaffen. Der »alte« Jacobus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Dem »alten« Drachentöter hatte der Zahn der Zeit so stark zugesetzt, so dass man ihn »aufs Altenteil« in den nördlichen Chor versetzte. Man wollte ihn nicht länger der giftigen Umwelt aussetzen, die selbst Stein zersetzt.

Betritt man die Marktkirche, so fällt der Blick auf  den Altar, der wohl schon 1470 bis 1485 fertiggestellt werden konnte. Wer ihn geschaffen hat, wir wissen es nicht. Es sind keinerlei Dokumente aus seiner Erstehungszeit erhalten geblieben. Mindestens drei Künstler schnitzten biblische Bilder in Lindenholz. Im Zentrum steht die Kreuzigung Jesu zwischen den beiden »Räubern«. Zwanzig kleinere Kunstwerke erzählen Jesu »Geschichte« vom Einzug in Jerusalem bis zu Jesus als Richter über die Lebenden und die Toten am Ende der Zeit. Angeordnet sind die fast gleichgroßen Einzelbilder in zwei Reihen zu je zehn Feldern  übereinander.

Jesus reitet in die Stadt
Jesus reitet – siehe die Evangelien nach Johannes (1) und Matthäus (2) – auf einem Esel in die Stadt Jerusalem ein. Studiert man eine der beiden biblischen Vorlagen genauer, fällt ein Kuriosum auf. Im Evangelium nach Matthäus lesen wir (3): » Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und er setzte sich darauf.« Die schnitzenden Künstler von Hannover konnten diese Szene nicht eins zu eins umsetzen. Nach Matthäus setzte sich Jesus nicht auf einen, sondern auf zwei Esel – gleichzeitig! Des Rätsels Lösung: Der Evangelist formulierte den Text so, um eine alte biblische Prophezeiung in Erfüllung gehen zu lassen (4): »Siehe, dein König kommt zu dir...und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.« Reitet der König bei Sacharja nur auf einem Esel, so macht er sich bei Matthäus auf zwei Eseln gleichzeitig bequem.

Die Unsinnigkeit dieser Behauptung ist augenscheinlich. Niemand kann auf zwei Eseln gleichzeitig sitzen, geschweige denn reiten. Als ich in Erlangen evangelische Theologie studierte, fragte ich »meinen« Professor nach diesem Widerspruch. Der verwies mich auf den Kirchenlehrer Thomas von Aquin (etwa 1225 bis 1274). »Lesen Sie mehr Thomas von Aquin als diesen Däniken! Thomas von Aquin war zwar Dominikaner und leider kein Lutheraner, hat aber vieles richtig gesehen! Das Ganze ist symbolisch zu verstehen! Die Eselin steht für die Synagoge, das Eselfohlen für das freie Heidenvolk. Jesus wird sinnbildlich sowohl vom alten Judentum als auch vom noch nicht bekehrten Heidentum getragen!« Sehr überzeugend ist die Erklärung von Thomas von Aquin nicht!

Die Evangelien schildern den Einzug Jesu wie den Empfang eines heutigen »Superstars«. Aus Platzmangel müssen sich die Künstler mit zwei Männern am Tor Jerusalems begnügen, die das jubelnde Volk darstellen. Einer der beiden breitet seinen Umhang am Boden aus. Drei weitere Männer werden als Jesu Jünger Petrus, Jakob und Johannes identifizieren. Jacobus der Ältere (links im Eck stehend) trägt bereits die Mütze, die erst viele Jahrhunderte zur Standardausrüstung jedes männlichen Pilgers gehören sollte. Die berühmte »Jakobs-Muschel« indes fehlt.

Vertreibung der Geldwechsler

Auf den »Einzug in Jerusalem« folgt als nächste, kunstvoll geschnitzte Szene, die »Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel durch Jesus«. Wir sehen den wütenden Jesus. Mit einer Art Geißel bedroht er drei Geldwechsler, die ihr Geld zusammengerafft haben und vor dem zornigen Jesus fliehen. Auf eindrucksvolle Weise illustriert der Altar von Hannover, was im Evangelium nach Johannes steht (5): »Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um.«

Die Darstellung von Hannover… welchem Evangelium folgt sie eigentlich? Es gibt nämlich eklatante Widersprüche in den vier Evangelien, auch was die Chronologie der Ereignisse angeht. Wann kam es zur »Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel in Jerusalem«? Professor Helmut Merkel antwortet kurz und bündig (6): »Bei den Synoptikern (Markus, Matthäus und Lukas) steht sie am Anfang der letzten Lebenswoche Jesu, während Johannes sie an den Anfang der Wirksamkeit Jesu stellt.«

Es war ein düsterer Novembermorgen, als ich zusammen mit meinem Kollegen Peter Hoeft die »Marktkirche St. Georgii et Jacobi« in Hannover besuchte. Im Gotteshaus herrschte emsiges Treiben. Es wurde musiziert und gesungen. Vor dem Gotteshaus wurden Buden für den Weihnachtsmarkt aufgebaut. Die Händler würden bald vor der Kirche agieren und Geschäfte machen, nicht mehr im »Haus des Vaters« selbst. Die Geldwechsler gehörten auch noch zu Jesu Zeiten zum Tempelkult. Im Tempel selbst galt eine besondere Währung, die tyrische Doppeldrachme. Nur in dieser Währung konnte die Tempelsteuer bezahlt werden. Besucher des Tempels mussten also ihr Geld in Tempelwährung umtauschen. Wahrscheinlich benötigte man das »Tempelgeld« auch, um im Tempel Opfertiere zu kaufen. Die »Geldwechsler« waren fester Bestandteil des Tempelkults.

Kann man den Altar wie ein Buch lesen?
Fußnoten

(1) Evangelium nach Johannes Kapitel 12, Verse 12 bis 19
(2) Evangelium nach Matthäus (Kapitel 21, Verse 1-11)
(3) Evangelium nach Matthäus Kapitel 21, Verse 6 und 7
(4) Der Prophet Sacharja Kapitel 9, Vers 9, vom Verfasser aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen
(5) Evangelium nach Johannes, Kapitel, Vers 15
(6) Merkel, Helmut: »Bibelkunde des Neuen Testaments«, Gütersloh 1978, Seite 100

Zu den Fotos:

Kann man den Altar wie ein Buch lesen?: gemeinfrei Bernd Schwabe
Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein

284 »Judas war kein Verräter«,
Teil 284 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.06.2015

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Sonntag, 14. Juni 2015

282 »Mönch und Monster«

Teil 282 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Dom von Verden bei Nacht

Bei den Maya hatte der Ceiba-Baum eine ganz besondere, religiös-mythologische Bedeutung. Als Weltachse verband er den Himmel mit der Unterwelt. Die Krone des Baums versinnbildlichte die himmlischen Gefilde, das Wurzelwerk unter der Erde die Unterwelt.

Die Weltachse der alten Germanen war die Weltesche Yggdrasil. In der Krone lebten die Götter, unterirdisch hausten bei den Wurzeln Schlangen und Drachen. Schlangen und Drachen sind auch in der christlichen Kunst. Mich faszinieren diese Fabelwesen schon viele Jahre. Wenn ich sakrale Bauten besuche, achte ich auch und besonders auf Schlangen und Drachen…. Im Reich der Mayas ebenso wie in christlichen Kirchen Europas.

Zweimal, jeweils zur Tag- und Nachtgleiche, findet in Chichen Itza ein phänomenales Schauspiel aus Licht und Schatten statt: Eine Himmelsschlange steigt gemächlich die Stufen einer Pyramide vom Himmel zur Erde herab und klettert wieder in die himmlischen Regionen empor. Während bei den Maya die Himmelsschlange Quetzalcoatl eine positive Lichtgestalt war, galt und gilt sie im Christentum als teuflisches Wesen. Meiner Meinung nach lebt in der »bösen« Schlange der Bibel eine sehr viel ältere, positive Gottheit weiter.

Foto 3: Der Mönch lächelt milde...

Wiederholt wurde ich im Verlauf der letzten Jahre auf eine angeblich besonders interessante Schlangendarstellung hingewiesen, die von Steinmetzen schon vor Jahrhunderten für den Dom zu Verden an der Aller geschaffen wurde. So recherchierte ich und wurde nicht fündig. Ich studierte Kirchführer, nirgendwo gab es Abbildungen oder Beschreibungen von Schlangen im Verdener Dom. Relativ ausgiebig wurde in der Literatur eine Urkunde erwähnt, die angeblich die Gründung des Bistums Verden im Jahr 786 dokumentiert. Besagtes Dokument, so steht da geschrieben, gehe auf Karl den Großen selbst zurück. Inzwischen gilt die Urkunde als Fälschung, die erst Mitte des 12. Jahrhunderts fabriziert wurde.

Fotos 4 und 5: Sonnenuhr bei Nacht

Ich recherchierte gründlich, erfuhr viel Interessantes über Verden und seinen Dom, aber nichts über Schlangendarstellungen im und am Gotteshaus. Doch dann stieß ich in den Weiten des Internets auf ta-dip, die private Homepage von Reinhold Kriegler mit dem Themenschwerpunkt »Sonnenuhren« (1). Auf dieser umfangreichen Seite geht Reinhold Kriegler auch auf den Dom zu Verden und eine mysteriöse Sonnenuhr ein. Kriegler konstatiert da (2):

»Ich hatte vor etlichen Jahren die Verdener Sonnenuhren fotografiert. Damals noch mit Film. Für ta-dip hatte ich dann die Papierabzüge gescannt und diese eingestellt. Nun war ich am 17. Juli 2013 abermals dort. Ich bedaure es so sehr, daß niemand die absolut einzigartige Qualität dieser mittelalterlichen Sonnenuhr, getragen von einem sanft lächelnden Mönch erkennt!«

Fotos 6 und 7: Sonnenuhr bei Tag

Krieglers kurze Beschreibung machte mich neugierig. Krieglers Fotos faszinierten mich. Diese mysteriöse Sonnenuhr musste ich persönlich in Augenschein nehmen. Also fuhr ich nach Verden. Abends führte mich mein Weg gleich zum Dom. Da stand ich vor dem »Haupteingang«, der sich hinter einer großen hölzernen Tür verbirgt. Ich wandte mich nach rechts, umrundete den hinter massiven Mauern liegenden Kreuzgarten. So kam ich an den Glockenturm. Jetzt ging’s nach links, etwas mehr als dreißig Meter weiter war ich am Ziel.

In der Dunkelheit des Abends beeindruckt mich die geschickt von einem Scheinwerfer angestrahlte Sonnenuhr. Da ist ein stehendes menschliches Wesen zu sehen, das offensichtlich zum Teil erheblich beschädigt wurde. Der Kutte nach zu urteilen kann es sich um einen Mönch handeln. Vor seiner Brust trägt der Geistliche etwas. Es kommt mir so vor, als würde der Mönch ein Buch lesen. Ist das der Fall? Wohl eher nicht. Meine Taschenlampe kommt zum Einsatz. Ich erkenne etwas mehr als im Scheinwerferlicht. Es ist kein Buch, was der Mönch (?) da vor sich hin hält, dem Betrachter förmlich entgegenstreckt, sondern das Zifferblatt einer Sonnenuhr.

Foto 8: Der Mönch steht auf...?
Der Mönch steht auf irgendetwas, das heißt: er stand, denn seine Beine fehlen. Wurden sie mutwillig abgeschlagen? Oder fielen sie dem Zahn der Zeit zum Opfer? Worauf hat der Mann mit der Sonnenuhr einst gestanden? Im Schein der Taschenlampe versuche ich, Einzelheiten auszumachen.  Da sind Beine oder Füße zu erkennen, ein mächtiger Leib wie der eines Löwen und so etwas wie eine Schlange. Wieder sind erhebliche Schäden auszumachen, die eine klare Identifikation der Tiere unmöglich machen. Am nächsten Tag bin ich in aller Frühe wieder vor Ort.

Voller Spannung schraube ich meine Kamera (Nikon D3300) auf eine Teleskopstange, schiebe die Stange nach oben, bis die Kamera in Höhe des Mönchs eigentlich vorzügliche Fotos direkt von vorn und ohne perspektivische Verzerrung liefern könnte. Sie tut es aber nicht, der Fernauslöser verweigert seinen Dienst. Trotzdem gelingen mir per Teleobjektiv (Nikon D800E) interessante Aufnahmen, vom  Mönch und von den Fabelwesen zu seinen Füßen. Das heißt: Füße hat der steinerne Mann ja keine mehr. Man kann aber eher erahnen als sehen, wo sie einst standen.

Foto 9: Löwe ohne Kopf?

Vom Betrachter aus links imponiert ein vierbeiniges Wesen mit mächtigem Leib. Das Haupt fehlt leider völlig. Am Ende seines Schweifs hat das Tier eine Quaste. Es dürfte sich also wohl um einen Löwen handeln. Und der kämpft, ja mit wem? Mit seinen Pranken umklammert der Löwe etwas Langes, Schlangenartigs. Nur eine Schlange ist es wohl nicht, eher der stark beschädigte Schweif des zweiten Tieres. Ist es ein Drache, ein Lindwurm vielleicht? Schuppig ist sein Leib jedenfalls, was zum Drachen oder Lindwurm passen würde. Reckt das schuppige Tier den schlanken Hals gen Himmel? Ein Kopf ist nicht auszumachen.


Foto 10: Schuppentier mit Sattel?

Auf dem »Rücken« des Schuppentieres liegt etwas Undefinierbares, eine Art Decke (?) oder gar Sattel? Was es auch sein mag, es ist deutlich vom schuppigen Leib abgegrenzt, und zwar durch eine gezackte Linie. Spekulieren wir: Da kämpfen ein Löwe und ein Drache gegeneinander. Symbolisieren sie verschiedene Gruppierungen im Heidentum, auf denen triumphierend der Mönch als Stellvertreter für das Christentum steht? Der Mann Gottes lächelt milde, sanft. Warum? Weil er sich überlegen fühlt? Oder ist er wissend, eingeweiht? Steht für ihn das Christentum auf seinen heidnischen Vorläufern? Ersetzt die »neue« Religion die »alte« nicht, sondern baut auf ihr auf?

Wir wissen, dass der Dom zu Verden just dort errichtet wurde, wo einst eine heidnische Kultanlage Gläubige anlockte, wo auch Gericht abgehalten wurde. Sind die Monsterwesen unter dem Mönch eine Anspielung auf das Heidentum?

Wie lang mögen Christentum und Heidentum nebeneinander konkurrierend bestanden haben? Wurde die angeblich auf Karl den Großen zurückgehende Urkunde gefälscht, um die Gründung weit zurück in die Vergangenheit zu legen?

Sollte so das Christentum in Verden älter gemacht werden als es war… und die »Heidenzeit« weiter zurück in die Vergangenheit gedrängt werden?

Foto 11: Im Dom zu Verden, Blick zur Orgel

Warum findet sich in keinem von mir studierten Buch über Verden und den Dom eine Beschreibung der geheimnisvollen Sonnenuhr? Warum gab es am üppig bestückten Karten- und Schriftenstand im Dom unter den diversen Ansichtskarten vom Dom keine einzige von der Sonnenuhr? Nüchtern stellt die »Sonnenuhr-Bibel« von Dr. Hugo Philipp zur Sonnenuhr von Verden fest: »Gravur auf Platte, welche von einer Figur getragen wird, Werkstoff: Naturstein, entstanden vermutlich 1300, Stil: gotisch, Zustand mangel(haft)«

Fakt ist: Der Mönch und die Monster mit der Sonnenuhr… ein mysteriöses Kunstwerk von beachtlichem Alter … ist in seiner Art einzigartig. Etwas Vergleichbares gibt es nicht. Warum wird es dann so stiefmütterlich behandelt?

Foto 12: Im Dom zu Verden, Blick zum Altar
   
Fußnoten

(1) http://www.ta-dip.de/sonnenuhren.html

(2) http://www.ta-dip.de/sonnenuhren/sonnenuhren-aus-nah-und-fern/niedersachsen/sonnenuhren-in-verden.html

(3) Philipp, Hugo et al: »Sonnenuhren/ Deutschland und Schweiz«, Stuttgart 1994
(Das Werk enthält keine Seitenangaben, ist nach Postleitzahlen geordnet. Die
Sonnenuhr von Verden findet sich unter »27283 Verden Ni(edersachsen)«

DANK

Herrn Roland Kriegler möchte ich  recht herzlich für die interessante Korrespondenz danken! Seine Homepage ist sehr interessant! Ein Besuch lohnt sich allemal!


Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Dom zu Verden bei Nacht. Im rechten Foto habe ich die Sonnenuhr gelb markiert.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Ein Mönch lächelt milde. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Sonnenuhr bei Nacht. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Sonnenuhr bei Tag. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Mönch steht auf..? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Löwe ohne Kopf? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Schuppentier mit Sattel? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Im Dom zu Verden, Blick zur Orgel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Im Dom zu Verden, Nlick zum Altar. Foto Walter-Jörg Langbein


283 »Der Ritt auf zwei Eseln«,
Teil 283 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 21.06.2015



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