Sonntag, 28. Juni 2015

284 »Judas war kein Verräter«

Teil 284 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick zum Altar

Der Hochaltar der Marktkirche ist und war ein Blickfang für jeden Besucher des Gotteshauses. Die majestätische Schlichtheit der Hallenkirche lässt die Farbenpracht des Altars besonders hervortreten. Altäre gab es als Tische schon in vorchristlichen Kulturen. Meist dienten sie für Opfergaben, die die Götter gnädig stimmen sollten.

Der Aufbau auf dem Altar der »Marktkirche St. Georgii et Jacobi« in Hannover hat eine bewegte Vergangenheit. Etwa 1470 bis 1485 fertiggestellt wurde der Altar anno 1663 ausgebaut und kam in die Aegidienkirche. Als diese 1856 renoviert wurde, gelangte der Altar ins Welfenmuseum. Im II. Weltkrieg wurden seine äußeren Flügel zerstört. 1952 wiederum fand er seinen heutigen Platz in der Marktkirche zu Hannover. Wäre er in der Aegidienkirche verblieben, würde das kostbare Kleinod sakraler Kunst nicht mehr existieren. Die Aegidienkirche wurde 1943 von der »Royal Airforce« und den »United States Army Air Forces« systematisch bombardiert. Es wurden massive Bombenabwürfe systematisch organisiert, so als habe man die Stadt vollkommen auslöschen wollen. Die Aegidienkirche wurde bis auf die Außenmauern völlig zerstört.

Foto 2: Der Altar in der Hallenkirche

Im Christentum hatten die Altäre sakramentale Bedeutung zur Erinnerung an das »letzte Abendmahl« Jesu, bevor ihm der Prozess gemacht wurde. Erst im 13. Jahrhundert ging man dazu über, Aufsätze anzubringen, deren geschnitzte und gemalte Bildnisse die Gemeinde wie ein Buch lesen konnte. Das führte dazu, dass die Priester ihren Platz hinter dem Altar aufgeben mussten. Sie wechselten vor den Altar.

Bildtafel Nummer 3 zeigt das »letzte Abendmahl«. Jesus sitzt mit seinen Jüngern an einem (runden?) Tisch. Er hat offenbar ein Stück Brot in die Schüssel getaucht und reicht den kleinen Happen Judas. Als biblische Vorlage diente eindeutig das Evangelium nach Johannes (1):

Foto 3: Das letzte Abendmahl

»Als Jesus das gesagt hatte, wurde er betrübt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.
Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.

Es war aber einer unter seinen Jüngern, den Jesus lieb hatte, der lag bei Tisch an der Brust Jesu.

Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete.
Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's?

Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.«

Betrachten wir die wiederum sehr detailreiche Darstellung am Altar der Marktkirche von Hannover, so entdecken wir – nur aus der Nähe – interessante Einzelheiten. Der Bissen, den Jesus Judas vor den geöffneten Mund hält, hat nicht die Form eines abgebrochenen Stückchen Brots, sondern die einer Oblate. (Im Foto weiß markiert!)

Foto 4: Oblate und Geldbeutel

Und Judas trägt unter dem rechten Arm den Beutel (im Foto gelb markiert!)
mit dem Lohn für seinen Verrat. Aber hat Judas Jesus wirklich verraten? Im Verlauf der letzten Jahre änderte sich das Bild, das vom vermeintlich »bösen« zeichnet!

»Judas war kein Verräter!« Diese These mutet kühn an. Sie widerspricht vollkommen wichtigen Aussagen, die nach allgemein verbreiteter Ansicht im Zentrum der Bibel stehen. Menschen, die nie zur Bibel greifen, aber auch emsige Bibel-Leser glauben sicher sein zu können, dass Jesus von Judas verraten wurde. Aber eine sorgsame Analyse verschiedener Texte des »Neuen Testaments« kommt zu einem geradezu revolutionär anmutenden Resultat.

Foto 5: Der Judaskuss von Urschalling

Unzählige Darstellungen von Judas gibt es weltweit in unzähligen Kirchen. Ein Beispiel: Urschalling am Chiemsee. Die einstige Wehrkirche dort bietet viele Geheimnisse! Judas Ischariot, dessen Name seit vielen Jahrhunderten so etwas wie ein Synonym für Untreue, Lug und Trug ist, wird seit fast zwei Jahrtausenden gründlich missverstanden. Die Wahrheit steht im »Neuen Testament«. Man muss sich nur von lieb gewordenen biblischen Irrtümern verabschieden. Erst dann wird offenbar, was wirklich in der Bibel steht.

In einem Punkt stimmen die vier kanonischen Evangelien, bei allen Widersprüchen, überein: Jesus weiß beim letzten Abendmahl mit seinen Getreuen, dass ihn einer seiner Jünger verraten wird. Das besagt eindeutig der Text aller gängigen Ausgaben des »Neuen Testaments«...allerdings nur in Übersetzungen. Im griechischen Originaltext wird man aber vergeblich nach dem Verb »verraten« suchen. Da wird stets das Griechische »paradidonai« benützt.

Was aber bedeutet »paradidonai«? Das geht aus dem Brief des Paulus an die Galater deutlich hervor (2): Paulus preist Jesus, der sich als Sohn Gottes für den Menschen Paulus freiwillig hingab. Für den Neutestamentler Pinchas Lapide ist somit Judas nicht der bösartige Verräter Jesu, sondern der treue Jünger Jesu, der mithalf, den göttlichen Plan im Einverständnis mit Jesus selbst in Erfüllung gehen zu lassen.

So fordert Jesus Judas im Evangelium nach Johannes – in der wörtlichen Übersetzung – konkret auf (3) »Was Du zu tun im Begriff bist, das tue schneller.« Möglich ist auch die Übersetzung: »Was Du tun musst, dass tue schneller!« Der große Kirchenlehrer Origines (etwa 185-254 n.Chr.) verstand den Kreuzestod Jesu deshalb auch nicht als Folge eines teuflischen, bösartigen Verrats, sondern als heilgeschichtliche Unvermeidlichkeit im großen Plan Gottes. Jesu Tod war demnach kein Unglück als Folge eines Verbrechens, sondern planmäßiges Geschehen.

Foto 6: Die Kirche von Urschalling

Geht man den vier Evangelientexten nach Johannes, Markus, Lukas und Matthäus im griechischen Original auf den Grund, so wird aus einem Verrat durch Judas die »Dahingabe« mit Jesu Einverständnis. Die Evangelientexte bringen, bei aller Widersprüchlichkeit, eine theologische Überzeugung zum Ausdruck: Aus theologischer Sicht war Judas kein verbrecherischer Verräter, der durch seine Tat an der Ermordung Jesu beteiligt war. Aus theologischer Sicht war Judas ein Mitwirkender am göttlichen Plan. Der kritische Bibelwissenschaftler aber muss hinterfragen. Entsprechen die theologisch gedeuteten Texte der historischen Wirklichkeit?

Zweifel sind angebracht! Vor seiner Verhaftung befand sich Jesus an mehreren Tagen im Tempel von Jerusalem und predigte vermutlich zu Tausenden. Zumindest in jenen Tagen muss Jesus, glaubt man dem »Neuen Testament«, stadtbekannt gewesen sein. Ein verräterischer Freund wäre also überhaupt nicht erforderlich gewesen, um den »Aufrührer« zu identifizieren.

Um die Frage nach dem »Verrat« Jesu durch Judas beantworten zu können, dürfen wir nicht nur die Evangelien des »Neuen Testaments« befragen. Es gibt eine ältere Quelle, die ebenfalls ins »Neue Testament« aufgenommen wurde. Noch bevor die vier kanonischen Evangelien entstanden, verfasste Paulus seine berühmten Briefe, die in den Text des »Neuen Testaments« aufgenommen wurden. Paulus, der älteste Kronzeuge des »Neuen Testaments«, verliert kein Wort über einen Verrat, den Judas begangen haben soll.

Paulus berichtet, dass Jesus nach der Auferstehung zunächst dem Kephas, dann den zwölf Jüngern erschienen sein soll, also auch Judas. Glaubt man aber den Evangelisten, dann war der vermeintliche »Verräter« zu diesem Zeitpunkt längst tot, weil er sich aus Schuldbewusstsein das Leben genommen hatte. Von einem Verrat Jesu durch Judas weiß aber der älteste Kronzeuge Paulus ebenso wenig wie von seinem angeblichen Selbstmord. Mein Resümee: Judas hat Jesus nicht verraten!

Foto 7: Jesus, Judas und die Häscher

Die nächtliche Verhaftung Jesu im Garten Gethsemane wird auf dem Altarbild von Hannover wie ein Film und doch nur  in einem Bild dargestellt. Es ist bewundernswert, wie der Künstler in einem starren, in Holz geschnitzten Bild, Bewegungsabläufe darstellen konnte.

Eben hat Jesu Jünger Petrus dem Malchus (4), einem Knecht des Oberpriesters, ein Ohr abgeschlagen. Dem Mann ist seine Laterne entglitten, sie liegt am Boden. Im Hintergrund (links oben) sieht man Judas mit seinem »Geldbeutel« davon eilen. In diesem Moment mag Jesus die Worte zu Petrus gesprochen haben, die vom Evangelisten Johannes überliefert wurden (5): »Steck dein Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?« 

Man kann die 21 Bilder vom Altar der Marktkirche zu Hannover wie ein Buch lesen, besonders aus der Nähe, wenn man die zum Teil recht kleinen Einzelheiten erkennt, die von den Künstlern so sorgsam herausgearbeitet wurden. Ohne Kenntnis der biblischen Texte allerdings bliebe vieles unverständlich. 


Fußnoten
Foto 8: Marktkirche im Mittelalter

(1) Evangelium nach Johannes, Kapitel 13, Verse 21-26
(2) Brief des Paulus an die Galater Kapitel 2, Vers 20
(3) Evangelium nach Johannes Kapitel 13, Vers 27
(4) Evangelium nach Johannes, Kapitel 18, Vers 10
(5) Evangelium nach Johannes, Kapitel 18, Vers 11

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2:  Blick Richtung Altar in der Marktkirche von Hannover.
Fotos Walter-Jörg Langbein

Fotos 3 und 4: Altarbilder Marktkirche Hannover. Foto Walter-Jörg Langbein

Fotos 5: Verhaftung Jesu und Judaskuss aus der Kirche von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 6: Die Kirche von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 7: Altarbild Marktkirche Hannover

Foto 8: So soll die Marktkirche im Mittelalter ausgesehen haben. Zeichnerische Rekonstruktion, etwa 1850 entstanden.

285 »Jesus und das Fest der Essener«
Teil 285 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«,                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 05.07.2015


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Sonntag, 21. Juni 2015

283 »Der Ritt auf zwei Eseln«

Teil 283 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Blick auf die Marktkirche

Es war ein düsterer Novembermorgen, als ich zusammen mit meinem Kollegen Peter Hoeft die »Marktkirche St. Georgii et Jacobi« in Hannover besuchte. Direkt vor dem altehrwürdigen Gotteshaus herrschte emsiges Treiben. Der Weihnachtsmarkt wurde vorbereitet. Ein großer Kran hob Verkaufsbuden durch die Luft und platzierte sie nur wenige Meter von der ältesten Kirche Hannovers. Anno 1238 wird sie erstmals urkundlich erwähnt. Archäologische Ausgrabungen in den Jahren 1952 und 1989 förderten aber Reste eines Vorgängerbaus zutage, der schon in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bestand. Kunstvoll bearbeitete Steine, darunter ein prachtvolles Säulenkapitell mit Akanthus-Blättern aus dem 12. Jahrhundert, wurden entdeckt.

Schon vor mehr als zwei Jahrtausenden tauchten Akanthus-Blätter als sakrales Motiv in Verbindung mit Buddha-Statuen auf. Im Mittelmehrraum kannte man Akanthus als Symbol für Leben und Unsterblichkeit. »Unsterblichkeit« hatte freilich in vorchristlichen Zeiten häufig eine andere Bedeutung. Im zyklischen Denken gab es die ewige Wiederkehr des Lebens, Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt. Das Leben wurde als ewig angesehen, weil es immer wieder kam, blieb und ging. In heidnischen Kulten gab es Riten, die diese dem Christentum fremde Vorstellung darstellten.

Vorbereitungen für den Weihnachtsmarkt

So erfährt Inanna von Schöpfergott Enki, dass sie die Geheimnisse von Tod und Leben nur ergründet kann, wenn sie selbst Leben, Tod und Wiedergeburt erfährt. Inanna musste heiraten und die Unterwelt hinab steigen. Unzählige Varianten der »Heiligen Hochzeit« gibt es schon seit Jahrtausenden. Sie sind oftmals sehr komplex, basieren aber in der Regel auf dem gleichen Ritual. Himmelskönigin und weltlicher König heiraten, der Gemahl der Göttin stirbt und wird von der Göttin aus der Welt des Todes wieder ins Reich der Lebenden zurückgeholt.

Unvoreingenommen betrachtet spielt sich im zyklischen Kirchenjahr Ähnliches ab: Geburt Jesu, Leben, Sterben und Wiedergeburt. Man kann noch einen Schritt weitergehen und die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu so sehen: Geburt, Leben, heilige Hochzeit mit Maria Magdalena, Tod Jesu, Maria Magdalena besucht das Grab Jesu (»Unterwelt«), Jesus kehrt aus der Unterwelt in die irdische Welt des Lebens zurück.

Der Drachentöter

Diese Interpretation mag strenggläubigen Christen unserer Tage als ketzerisch erscheinen. Wie weitestgehend alle Theologen lehnen sie derlei Überlegungen zum Thema »Ewiges Leben« ab. Leider wissen die meisten Zeitgenossen im christlichen Abendland ein Privileg nicht hinreichend zu würdigen. Wir leben in einer säkularisierten Welt, in der Religionsfreiheit herrscht. Bei uns gibt es keine fanatischen Fundamentalisten, die alle Andersdenkenden vor »Gericht« zerren können, wo die Todesstrafe droht. Religion ist bei uns Privatangelegenheit und wird nicht von staatlicher Seite überwacht, schon gar nicht bestraft. Unbestreitbar sind unsere christlichen Wurzeln, auch kulturell. Allerdings scheint auf christlicher Seite das Wissen über die nach wie vor größte Weltreligion rapide zu schwinden. Es besteht fraglos die Gefahr, dass immer mehr Zeitgenossen zunehmend die Orientierung verlieren.

Jacobus der Ältere pilgert

Imposant ragt der auf uralten Fundamenten stehende rote Backsteinbau der »Marktkirche St. Georgii et Jacobi« von Hannover in den Himmel. Über dem Westportal besiegt zur Linken ein reichlich martialischer Heiliger Georg den Drachen. Zur Rechten pilgert Jacobus der Ältere. Die Statuen beider Namenspatrone der Marktkirche wurden 1992 vom Braunschweiger Bildhauer Jürgen Weber geschaffen. Der »alte« Jacobus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Dem »alten« Drachentöter hatte der Zahn der Zeit so stark zugesetzt, so dass man ihn »aufs Altenteil« in den nördlichen Chor versetzte. Man wollte ihn nicht länger der giftigen Umwelt aussetzen, die selbst Stein zersetzt.

Betritt man die Marktkirche, so fällt der Blick auf  den Altar, der wohl schon 1470 bis 1485 fertiggestellt werden konnte. Wer ihn geschaffen hat, wir wissen es nicht. Es sind keinerlei Dokumente aus seiner Erstehungszeit erhalten geblieben. Mindestens drei Künstler schnitzten biblische Bilder in Lindenholz. Im Zentrum steht die Kreuzigung Jesu zwischen den beiden »Räubern«. Zwanzig kleinere Kunstwerke erzählen Jesu »Geschichte« vom Einzug in Jerusalem bis zu Jesus als Richter über die Lebenden und die Toten am Ende der Zeit. Angeordnet sind die fast gleichgroßen Einzelbilder in zwei Reihen zu je zehn Feldern  übereinander.

Jesus reitet in die Stadt
Jesus reitet – siehe die Evangelien nach Johannes (1) und Matthäus (2) – auf einem Esel in die Stadt Jerusalem ein. Studiert man eine der beiden biblischen Vorlagen genauer, fällt ein Kuriosum auf. Im Evangelium nach Matthäus lesen wir (3): » Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und er setzte sich darauf.« Die schnitzenden Künstler von Hannover konnten diese Szene nicht eins zu eins umsetzen. Nach Matthäus setzte sich Jesus nicht auf einen, sondern auf zwei Esel – gleichzeitig! Des Rätsels Lösung: Der Evangelist formulierte den Text so, um eine alte biblische Prophezeiung in Erfüllung gehen zu lassen (4): »Siehe, dein König kommt zu dir...und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.« Reitet der König bei Sacharja nur auf einem Esel, so macht er sich bei Matthäus auf zwei Eseln gleichzeitig bequem.

Die Unsinnigkeit dieser Behauptung ist augenscheinlich. Niemand kann auf zwei Eseln gleichzeitig sitzen, geschweige denn reiten. Als ich in Erlangen evangelische Theologie studierte, fragte ich »meinen« Professor nach diesem Widerspruch. Der verwies mich auf den Kirchenlehrer Thomas von Aquin (etwa 1225 bis 1274). »Lesen Sie mehr Thomas von Aquin als diesen Däniken! Thomas von Aquin war zwar Dominikaner und leider kein Lutheraner, hat aber vieles richtig gesehen! Das Ganze ist symbolisch zu verstehen! Die Eselin steht für die Synagoge, das Eselfohlen für das freie Heidenvolk. Jesus wird sinnbildlich sowohl vom alten Judentum als auch vom noch nicht bekehrten Heidentum getragen!« Sehr überzeugend ist die Erklärung von Thomas von Aquin nicht!

Die Evangelien schildern den Einzug Jesu wie den Empfang eines heutigen »Superstars«. Aus Platzmangel müssen sich die Künstler mit zwei Männern am Tor Jerusalems begnügen, die das jubelnde Volk darstellen. Einer der beiden breitet seinen Umhang am Boden aus. Drei weitere Männer werden als Jesu Jünger Petrus, Jakob und Johannes identifizieren. Jacobus der Ältere (links im Eck stehend) trägt bereits die Mütze, die erst viele Jahrhunderte zur Standardausrüstung jedes männlichen Pilgers gehören sollte. Die berühmte »Jakobs-Muschel« indes fehlt.

Vertreibung der Geldwechsler

Auf den »Einzug in Jerusalem« folgt als nächste, kunstvoll geschnitzte Szene, die »Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel durch Jesus«. Wir sehen den wütenden Jesus. Mit einer Art Geißel bedroht er drei Geldwechsler, die ihr Geld zusammengerafft haben und vor dem zornigen Jesus fliehen. Auf eindrucksvolle Weise illustriert der Altar von Hannover, was im Evangelium nach Johannes steht (5): »Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um.«

Die Darstellung von Hannover… welchem Evangelium folgt sie eigentlich? Es gibt nämlich eklatante Widersprüche in den vier Evangelien, auch was die Chronologie der Ereignisse angeht. Wann kam es zur »Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel in Jerusalem«? Professor Helmut Merkel antwortet kurz und bündig (6): »Bei den Synoptikern (Markus, Matthäus und Lukas) steht sie am Anfang der letzten Lebenswoche Jesu, während Johannes sie an den Anfang der Wirksamkeit Jesu stellt.«

Es war ein düsterer Novembermorgen, als ich zusammen mit meinem Kollegen Peter Hoeft die »Marktkirche St. Georgii et Jacobi« in Hannover besuchte. Im Gotteshaus herrschte emsiges Treiben. Es wurde musiziert und gesungen. Vor dem Gotteshaus wurden Buden für den Weihnachtsmarkt aufgebaut. Die Händler würden bald vor der Kirche agieren und Geschäfte machen, nicht mehr im »Haus des Vaters« selbst. Die Geldwechsler gehörten auch noch zu Jesu Zeiten zum Tempelkult. Im Tempel selbst galt eine besondere Währung, die tyrische Doppeldrachme. Nur in dieser Währung konnte die Tempelsteuer bezahlt werden. Besucher des Tempels mussten also ihr Geld in Tempelwährung umtauschen. Wahrscheinlich benötigte man das »Tempelgeld« auch, um im Tempel Opfertiere zu kaufen. Die »Geldwechsler« waren fester Bestandteil des Tempelkults.

Kann man den Altar wie ein Buch lesen?
Fußnoten

(1) Evangelium nach Johannes Kapitel 12, Verse 12 bis 19
(2) Evangelium nach Matthäus (Kapitel 21, Verse 1-11)
(3) Evangelium nach Matthäus Kapitel 21, Verse 6 und 7
(4) Der Prophet Sacharja Kapitel 9, Vers 9, vom Verfasser aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen
(5) Evangelium nach Johannes, Kapitel, Vers 15
(6) Merkel, Helmut: »Bibelkunde des Neuen Testaments«, Gütersloh 1978, Seite 100

Zu den Fotos:

Kann man den Altar wie ein Buch lesen?: gemeinfrei Bernd Schwabe
Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein

284 »Judas war kein Verräter«,
Teil 284 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.06.2015

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