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Mittwoch, 25. November 2009

Wäre uns ein starker Mensch überhaupt sympathisch?


Weihnachten ist die Zeit der erfüllten Wünsche und ebenso der Wünsche, die Kummer bringen, weil sie nicht erfüllt werden. Aber es gibt auch Wünsche, die besser nicht erfüllt werden sollten, weil sie nämlich ebenfalls Kummer bringen, und zwar gerade dann, wenn sie erfüllt werden. Eine Volksweisheit rät uns, vorsichtig mit dem zu sein, was wir uns wünschen, denn manche Wünsche gehen tatsächlich in Erfüllung.

Wir tragen alle Eigenschaften zusammen, über die ein starker Mensch verfügen sollte, und machen uns Gedanken, wie wir Menschen dafür gewinnen können, an sich zu arbeiten, damit sie stark werden.

Vor dem Hintergrund der bereits genannten Volksweisheit fragen wir uns jetzt allerdings, ob es eigentlich wünschenswert ist, dass der starke Mensch kommt.

Er ist sich bewusst, dass er für alles verantwortlich ist, was seinem Einfluss unterliegt – und er handelt entsprechend verantwortungsvoll. Dabei wartet er nicht darauf, dass jemand kommt und ihm seine Verantwortlichkeit nachweist. Er steht zu seiner Pflicht, wenn es auch nur den Hauch einer Möglichkeit gibt, er könne etwas beeinflussen und deshalb verantwortlich sein. Während sich andere bequem zurücklehnen und sich einreden, sie hätten nichts damit zu tun, arbeitet in ihm alles auf Hochtouren, um eine Lösung für das betreffende Problem zu finden.

Unser starker Mensch ist kritisch und scheut sich nicht, etwas anzusprechen, wenn es seiner Meinung nach falsch läuft und er das mutmaßliche Ergebnis nicht vor sich selbst und seinem Gewissen verantworten kann. Seine Kritik richtet sich gegen das Geschehen und nicht gegen den Menschen. Er weiß, dass Kritik auf mögliche oder tatsächliche Fehler hinweisen soll, somit im Grunde als Hilfe gedacht und aufgefasst werden könnte. Im umgekehrten Fall, wenn er der Kritisierte ist, nimmt er die Kritik als Hilfe.

Gier in ihren vielfältigen Formen ist ein direkter Angriff auf einen Teil dessen, was das Wesen eines Menschen ausmacht, auf die Entscheidungsfreiheit. Der starke Mensch lässt sich von keiner Form der Gier versklaven. Wir werden ihn mit Sicherheit nicht unter den korrupten Menschen finden. Anerkennung und Ehren können ihn nicht zu etwas bewegen, was auf den Protest seines funktionstüchtigen Gewissens stößt. Ehrgeiz ist ihm fremd, weil er die äußere Anerkennung nicht braucht, er verfügt nämlich über ein realistisches Selbstwertgefühl. Macht erkennt er als ein Mittel, um Notwendiges durchzusetzen, und er weiß, dass jeder, der Macht ausübt, sehr kritisch kontrolliert werden muss.

Sofern das Andersartige nicht darauf beruht, dass Verbrechen verübt wurden, erweist ihm der starke Mensch eine angemessene Achtung, das bedeutet vor allem, dass er niemanden allein deshalb für schlechter hält, nur weil er anders ist, als wir erwarten. Er weiß um die Ambivalenz von Freundschaft und Liebe, ebenso um den Unterschied zwischen Gleichheit und Gleichwertigkeit: Zehn 1-Euro-Münzen und ein 10-Euro-Schein sind zwar nicht gleich, aber sehr wohl gleichwertig. Darüber hinaus erkennt er, wenn der Andersartige im Einzelfall sogar ein Vorbild sein könnte.

Zu Hass und Neid lässt sich der Starke nicht hinreißen, denn er hat sie als etwas erkannt, was sich gegen den Menschen richtet, der es nicht schafft, sich gegen diese beiden negativen Gefühle zu wehren.

Schließlich erkennt er Gewalt, die sich gegen den Menschen richtet, als eines der grundlegenden Übel, die unser Dasein beeinträchtigen, deshalb enthält er sich ihr, wo es ihm möglich ist.

Sollen wir uns nun wünschen, dass dieser starke Mensch tatsächlich kommt? Oder wünschen wir uns lieber ein gutes Buch? Wir können uns natürlich auch beides wünschen, das gute Buch und den starken Menschen, dem wir dann aus dem Buch vorlesen.

Könnten wir es aber ertragen, stets und ständig mit einem fast vollkommenen Menschen verglichen zu werden?

Viele Grüße
Wolf-Gero Bajohr

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