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Sonntag, 6. Dezember 2009

Auch der Nikolaus liebt Mallorca

Weihnachstkrimi
von Walter-Jörg Langbein

Wie ich auf die Idee gekommen bin, auf meine alten Tage die örtliche Bank zu überfallen? Aus Rache! Am 1. August dieses Jahres erschien der Rechtsanwalt des Hausbesitzers und machte mir ein Angebot: „Sie bekommen 20 000 Euro auf die Hand, wenn Sie jetzt unterschreiben. Räumen müssen Sie die Wohnung am 1.1. des nächsten Jahres auf alle Fälle! Nutzen Sie dieses großzügige...“ Ich fiel dem Rechtsverdreher ins Wort: „Machen Sie, dass Sie hier aus meiner Wohnung verschwinden!“ Ich unterschrieb dieses läppische Angebot nicht. Schließlich lebte ich seit 39 Jahren in diesem Altbau.

„Man sollte diese Bank überfallen!“ dachte ich, als ich wütend hinter dem höhnisch lachenden Anwalt die Tür ins Schloss krachen ließ. „Man sollte diese Bank überfallen, die so herzlos vier alte Menschen aus Wohnungen vertreibt, in denen sie schon Jahrzehnte leben!“ Ich braute mir eine Kanne Kaffee und grübelte den Rest des Morgens, den ganzen Nachmittag, den Abend. Und dann wusste ich genau, wie die Sache laufen würde.

Der Überfall würde am Nikolaustag, am 6. Dezember, über die Bühne gehen. Für meinen Plan benötigte ich folgende Utensilien; eine Spielzeugpistole, eine Gasflasche, mit der man Luftballons füllt, einen Damenstrumpf, einen Nikolausmantel mit großer Kapuze und natürlich eine aufblasbare Gummipuppe in Lebensgröße.

Was ich nicht käuflich erstehen musste, das war eine Perücke. Ich habe nämlich schon eine- aus Eitelkeit. Ich bin nämlich völlig kahlköpfig und bedecke mein bloßes Haupt mit einer grauen Langhaarperücke. Während sich andere Bankräuber bei Überfällen mit Perücken tarnen, wollte ich ohne Kunsthaar arbeiten. Ich würde mich sozusagen beim Überfall so zeigen, wie ich wirklich bin, nämlich glatzköpfig....und im Alltagsleben weiter, wie gewohnt, Perücke tragen.

Am 6. Dezember marschierte ich dann in die Bank, als Nikolaus verkleidet. „Hohoho, ich bin der Nikolaus!“ machte ich und schleuderte die Kapuze meines roten Mantels zurück. Über meinen kahlen Kopf hatte ich den Damenstrumpf gestülpt, der meine Gesichtszüge vollkommen entstellte. Dann zückte ich meine überzeugend wirkende Spielzeugpistole, reichte dem perplexen Bankangestellten meine Plastiktüte und befahl: „Nur die Scheine bitte!“ Wenige Augenblicke später war ich wieder ein Weihnachtsmann von vielen, der durch die wattig zu Boden schwebenden Schneeflocken seines Weges ging.

Zehn Minuten nach 17 Uhr erreichte ich wieder meine Wohnung. Bevor ich mit dem Zählen des Geldes anfing, ließ ich, wie geplant den Mantel verschwinden. Dann machte ich „Kassensturz“; 610 000 Euro ! Es war einfach zu viel, viel zu viel Geld für mich. Ich konnte es nicht behalten. Sollte ich mich stellen? Und dann den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringen? Auf keinen Fall ! Dann kam mir ein verrückter Gedanke. Ich wusch und rasierte mich, setzte meine Perücke auf- und ging zur Polizei. Ich klopfte. „Die Tür ist offen!“ rief eine lachende Stimme.
Ich trat ein. „Es ist wegen des Nikolausüberfalls von gestern...“ begann ich zaghaft. Der leicht zu Übergewicht neigende Beamte brach in Gelächter aus. „Na, dann haben Sie ihn wohl auch fliegen sehen, den lieben Weihnachtsmann?“ Wieder brach er in schallendes Gelächter aus. „Fliegen sah ich den Weihnachtsmann nicht, aber er war gestern bei mir!“

Das Lachen verstummte. Ich erzählte weiter. „Also der Weihnachtsmann war bei mir und hat mir das ganze Geld gebracht!“ Wieder lachte der Polizeibeamte herzhaft. „Wenn Sie meinen, dass Sie sich da ein originelles Scherzchen ausgedacht haben, dann irren Sie aber! Gewaltig! Vor ein paar Minuten war eine Dame aus dem Engelsweg da.“ Ich erschrak. Wohnte ich doch im Engelsweg. „Die Dame war vor wenigen Minuten hier. Sagte: Ich weiß, wer die Bank überfallen hat! Der Weihnachtsmann. Und der wohnt angeblich in der Wohnung über ihrer, im gleichen Haus. Sie hat den Mann nach Hause kommen sehen. Und jetzt das Schärfste. Wissen Sie, wie der Weihnachtsmann die Wohnung wieder verlassen hat?"
Ich schüttelte den Kopf. Der Polizeibeamte hielt sich vor Lachen prustend den Bauch. Er deutete mit dem Zeigefinger der rechten Hand immer wieder an die Decke. „In den Himmel geflogen ist er, sagt die gute Frau vom Engelsweg.“ Ich räusperte mich. „Und was mache ich dann mit dem Geld, das mir der Weihnachtsmann gebracht hat?“ „Was der Weihnachtsmann einem schenkt , das darf man natürlich behalten! Und jetzt ab durch die Mitte!

„Ich besuchte Frau Mäuerle, Frau Rosa Mäuerle, 70, pensionierte und verwitwete Lehrerin, die in der Wohnung über mir lebt. Ich redete auf sie ein. „Und wohin gehen Sie, wenn Sie die Wohnung verlassen müssen? Man hat Ihnen doch gewiss auch schon gekündigt! Im kleinen Häuschen Ihrer Tochter ist doch kein Platz! Und wollen Sie wirklich in ein Altersheim?“

Natürlich wollte sie das nicht. Ich machte ihr einen Vorschlag. Nach kurzem Überlegen nahm sie an, was auch Herr Wilfried Scholze und Herr Erwin Molnar, zwei weitere Hausbewohner taten. So flogen wir gen Mallorca, wo wir den Lebensabend verbringen wollen. Geld haben wir ja aus meinem Überfall genug. Das Gewissen drückt uns dabei keineswegs. Schließlich bezahlt just jene Bank unseren Lebensabend auf dieser sonnigen Insel, die uns ohne das geringste Mitgefühl aus den Wohnungen warf, in denen wir Jahrzehnte gelebt hatten. Und die mit dem Verkauf des Hauses weit mehr Profit machen wird, als ich ihr als „Bankräuber Nikolaus“ abgeknöpft habe. „Eines muss ich aber nochmal fragen...“ sagte neulich Rosa Mäuerle. „Ich hätte schwören können, gesehen zu haben, wie der Nikolaus aus dem Fenster Ihrer Wohnung kroch und direkt in den Himmel flog.“

Ich nickte. „Hervorragende Beobachtungsgabe!“ und erzählte dann: „Nach dem Banküberfall habe ich gleich den Nikolausmantel und die anderen Utensilien beseitigt. Ich füllte eine aufblasbare Puppe mit Ballontreibgas, zog ihr den Nikolausmantel an, stopfte die Spielzeugpistole, den Damenstrumpf und den Plastiksack in die Taschen. Und dann ließ ich die gasgefüllte Nikolauspuppe aus dem Fenster schweben, was Sie ja beobachtet haben!“

Und die Bank hat den Nikolaus nie gefunden, nicht einmal im Himmel. Aber da hat sie wohl zuletzt gesucht. Und auf den Gedanken, dass der alte Kerl nach Mallorca umgezogen sein könnte, ist auch niemand gekommen.

(Foto: Erich Keppler/Pixelio)

Mittwoch, 25. November 2009

Wäre uns ein starker Mensch überhaupt sympathisch?


Weihnachten ist die Zeit der erfüllten Wünsche und ebenso der Wünsche, die Kummer bringen, weil sie nicht erfüllt werden. Aber es gibt auch Wünsche, die besser nicht erfüllt werden sollten, weil sie nämlich ebenfalls Kummer bringen, und zwar gerade dann, wenn sie erfüllt werden. Eine Volksweisheit rät uns, vorsichtig mit dem zu sein, was wir uns wünschen, denn manche Wünsche gehen tatsächlich in Erfüllung.

Wir tragen alle Eigenschaften zusammen, über die ein starker Mensch verfügen sollte, und machen uns Gedanken, wie wir Menschen dafür gewinnen können, an sich zu arbeiten, damit sie stark werden.

Vor dem Hintergrund der bereits genannten Volksweisheit fragen wir uns jetzt allerdings, ob es eigentlich wünschenswert ist, dass der starke Mensch kommt.

Er ist sich bewusst, dass er für alles verantwortlich ist, was seinem Einfluss unterliegt – und er handelt entsprechend verantwortungsvoll. Dabei wartet er nicht darauf, dass jemand kommt und ihm seine Verantwortlichkeit nachweist. Er steht zu seiner Pflicht, wenn es auch nur den Hauch einer Möglichkeit gibt, er könne etwas beeinflussen und deshalb verantwortlich sein. Während sich andere bequem zurücklehnen und sich einreden, sie hätten nichts damit zu tun, arbeitet in ihm alles auf Hochtouren, um eine Lösung für das betreffende Problem zu finden.

Unser starker Mensch ist kritisch und scheut sich nicht, etwas anzusprechen, wenn es seiner Meinung nach falsch läuft und er das mutmaßliche Ergebnis nicht vor sich selbst und seinem Gewissen verantworten kann. Seine Kritik richtet sich gegen das Geschehen und nicht gegen den Menschen. Er weiß, dass Kritik auf mögliche oder tatsächliche Fehler hinweisen soll, somit im Grunde als Hilfe gedacht und aufgefasst werden könnte. Im umgekehrten Fall, wenn er der Kritisierte ist, nimmt er die Kritik als Hilfe.

Gier in ihren vielfältigen Formen ist ein direkter Angriff auf einen Teil dessen, was das Wesen eines Menschen ausmacht, auf die Entscheidungsfreiheit. Der starke Mensch lässt sich von keiner Form der Gier versklaven. Wir werden ihn mit Sicherheit nicht unter den korrupten Menschen finden. Anerkennung und Ehren können ihn nicht zu etwas bewegen, was auf den Protest seines funktionstüchtigen Gewissens stößt. Ehrgeiz ist ihm fremd, weil er die äußere Anerkennung nicht braucht, er verfügt nämlich über ein realistisches Selbstwertgefühl. Macht erkennt er als ein Mittel, um Notwendiges durchzusetzen, und er weiß, dass jeder, der Macht ausübt, sehr kritisch kontrolliert werden muss.

Sofern das Andersartige nicht darauf beruht, dass Verbrechen verübt wurden, erweist ihm der starke Mensch eine angemessene Achtung, das bedeutet vor allem, dass er niemanden allein deshalb für schlechter hält, nur weil er anders ist, als wir erwarten. Er weiß um die Ambivalenz von Freundschaft und Liebe, ebenso um den Unterschied zwischen Gleichheit und Gleichwertigkeit: Zehn 1-Euro-Münzen und ein 10-Euro-Schein sind zwar nicht gleich, aber sehr wohl gleichwertig. Darüber hinaus erkennt er, wenn der Andersartige im Einzelfall sogar ein Vorbild sein könnte.

Zu Hass und Neid lässt sich der Starke nicht hinreißen, denn er hat sie als etwas erkannt, was sich gegen den Menschen richtet, der es nicht schafft, sich gegen diese beiden negativen Gefühle zu wehren.

Schließlich erkennt er Gewalt, die sich gegen den Menschen richtet, als eines der grundlegenden Übel, die unser Dasein beeinträchtigen, deshalb enthält er sich ihr, wo es ihm möglich ist.

Sollen wir uns nun wünschen, dass dieser starke Mensch tatsächlich kommt? Oder wünschen wir uns lieber ein gutes Buch? Wir können uns natürlich auch beides wünschen, das gute Buch und den starken Menschen, dem wir dann aus dem Buch vorlesen.

Könnten wir es aber ertragen, stets und ständig mit einem fast vollkommenen Menschen verglichen zu werden?

Viele Grüße
Wolf-Gero Bajohr

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