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Sonntag, 26. Februar 2017

371 »Von Monstern und Götterwagen«

Teil  371 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Das Münster um 1926
Wir haben gründlich die fischschwänzige »Monsterfamilie« studiert. Direkt daneben wurde vor etwa einem Jahrtausend ein Szenario wie aus einem Fantasy-Film unserer Tage in den Stein geritzt: Da kämpfen Fabelwesen! Ich muss noch einmal Eusebius zitieren, der ganz ähnliche Monster beschrieben hat:

»Menschen mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe, noch andere, pferdefüßige, und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschengestalt an der Vorderseite. Erzeugt hätten sie (die Götter) auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits an den Hinterteilen hervorliefen, auch Pferde mit Hundeköpfen...sowie andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte, dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten.«

Es ist endlich an der Zeit, dass ein Katalog erstellt wird mit all‘ den Kreaturen, den Monstern, die immer wieder weltweit dargestellt wurden! Man möchte gern diese Horrorkreationen ins Reich der Märchen verbannen, möchte hoffen, dass es sie nie gegeben hat...doch in fast allen Museen der Erde finden sich Abbildungen, präzise Darstellungen jener Wesen. So werden im französischen Louvre Miniaturen aufbewahrt, etwa 4200 Jahre alt, die menschenköpfige Stiere darstellen.

Im Eingangsbereich des Ägyptischen Museums von Kairo sah ich in einer Glasvitrine das in Stein gearbeitete Halbrelief fremdartiger Monster. Ihre Leiber erinnern an Pferde , sie haben Löwenfüße, auf unnatürlich langen Hälsen sitzen verhältnismäßig kleine Köpfe, die an Löwenhäupter erinnern. Angriffslustig stehen die beiden Wesen einander gegenüber, scheinen gleich einander angreifen zu wollen. Noch hindern sie kleine, sehr naturgetreu dargestellte Wesen daran, zerren an Stricken...

Monstermischwesen sind auch auf der Osterinsel dargestellt, und zwar in Halbreliefs in Stein, halb Vogel, halb Mensch. Und Monsterwesen wurden vor fast einem Jahrtausend in den Eingang zur einstigen Nikolauskapelle eingearbeitet. Wurden diese rätselhaften Kunstwerke eigenes für das Freiburger Münster gefertigt? Oder wurden sie von einem älteren Bauwerk – etwa einem Tempel – übernommen? Detlef Zinke schreibt in seinem Beitrag zum opulenten Band »Das Freiburger Münster« (1):

Fotos 2-4:  Links die Monsterfamilie, rechts Duellanten

»Dass der aktuelle Versatz der Werkstücke kaum der ursprünglich beabsichtigte ist und einiges wohl erst baulich passend gemacht werden musste – unmotiviert erscheinende Schnittkanten sprächen dafür -, dürfte ohnehin ein übergreifendes Verständnis erschweren.« Wurden also die rätselhaften Reliefs tatsächlich aus einem älteren Bauwerk übernommen und für den Eingang zur einstigen Nikolauskapelle erst passend gemacht? In Südamerika hat man häufig erstaunlich präzise zugeschnittene Steine aus Inkatempeln in christliche Kirchen eingebaut. Auch hier fehlt ein wissenschaftlicher Katalog mit präzisen Auflistungen, in welchen christlichen Kirchen (etwa in Peru!) wo wie viel Inka-Mauerwerk eingebaut wurde. Die Inkas haben ihrerseits ältere Bausubstanz übernommen.

Foto 5: Die zwei Paare von Duellanten von Freiburg

Die sorgsam gearbeiteten Reliefs kommen mir jedenfalls wie Fremdkörper vor, die nicht so recht in den Kontext des Portals zur einstigen Nikolauskapelle passen. Es will mir so scheinen, als habe man diese Elemente irgendwo heraus gesägt, passend gemacht und neu eingesetzt. Glatte, flach polierte Schnittflächen könnten darauf hinweisen, dass nur Teile der Reliefs übernommen wurden. Womöglich erschien die Originalsubstanz der Reliefs den Steinmetzen vielleicht zu unchristlich und wurde in Teilen bewusst zerstört? Haben die mysteriösen Reliefs also womöglich einen heidnischen Hintergrund? Detlef Zinke jedenfalls konstatiert (2): »Eine Art magischer Wirkung geht noch immer von ihnen aus.«

Foto 6: Die zwei Kampfszenen von Freiburg

Kurz und bündig merkt »Das Münster zu Freiburg im Breisgau« (3) an: »Am Kapitell … eine fischgeschwänzte Sirenenfamilie, daneben zwei Kampfszenen zwischen einem Menschen und einem Greifen und zwei geflügelten Kentauren.« Biblisch ist die Darstellung auf keinen Fall, mir ist auch kein mythologischer Stoff bekannt, der hier in Stein verewigt sein könnte. Insgesamt sind zwei Paare von Duellanten zu erkennen: 

Foto 7: Greif contra Mensch
 Da ist einerseits ein mächtiger Vogel Greif, der sich mit einem Menschen duelliert. Der Vogel Greif: ein Mischwesen, eine Mixtur aus Löwe und Greifvogel. Der Mensch hält zur Verteidigung ein Schild vor sich und hebt gleichzeitig sein Schwert hoch über den Kopf. Offenbar fühlt er sich seinem Gegner gewachsen, ja vielleicht überlegen. Wird es ihm gleich gelingen, den Greif – das Untier dürfte in etwa Pferdegröße haben – zu töten?


Foto 8: Greif gegen Greif
Und da sind andererseits – Paarung Nummer 2 – zwei Kentauren. Auch sie tragen einen mörderischen Zweikampf aus. Sie haben Pferdeleiber mit spitz zulaufenden Flügeln und menschliche Oberkörper. Beide sind mit runden Schilden ausgestattet – und mit Schwertern. Eine der beiden Kreaturen holt mit der Waffe zum Schlag aus, die andere zum Stich. Es gelingt ihm, am Schild vorbei zu stoßen. Der linke Kentaur, scheint mir, wird den Kampf gewinnen. (Foto 8!)

Mischwesen sind mir auf meinen Reisen immer wieder begegnet, zum Beispiel in Indien. Der mächtigste Gott Indiens war – und ist – Shiva. Shiva hatte einen göttlichen Sohn, Ganesha. Ganesha wird schon seit »ewigen Zeiten« als Vermittler zwischen seinem Vater Shiva und den Menschen angesehen. Er wird als Mischwesen dargestellt: auf dem Körper eines Menschen sitzt der Kopf eines Elefanten. Wer Shivas göttlichen Beistand sucht, bittet Ganesha um Hilfe als Kontaktler zwischen einem Irdischen und dem Höchsten. Als besonders glücksbringend gilt es, von einem Elefanten »gesegnet« zu werden. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, diese huldvolle Geste zu empfangen, die schon kleine Elefanten spenden. Sanft legte so ein jugendlicher Repräsentant Ganeshas seinen geschmeidigen Rüssel auf mein Haupt.

Noch ein Beispiel: Auch wenn die Einzelheiten auch in der Bevölkerung der Osterinsel umstritten sind: Es wurde ein »Vogelmensch-Kult« zelebriert, dessen Ursprung in Vergessenheit geraten ist. Bei Orongo stellte man die geheimnisvollen »Vogelmenschen« dar: Seltsame, fast monströs wirkende Mischwesen aus Mensch und Vogel wurden in den Stein geritzt, oft direkt neben Darstellungen des fliegenden Gottes Make Make. Wer waren diese »Vogelmenschen«? Hatten sie einen Bezug zum fliegenden Gott Make Make und den gigantischen Statuen der Osterinsel? Und wann wurden die monströsen Figuren und kuriosen Ritzzeichnungen geschaffen? Und warum finden sich derlei Fabelwesen im Münster zu Freiburg?

Fotos 9 und 10: Der Küstentempel von Mahabalipuram. Göttervehikel in Stein

Die Kentauren der griechischen Mythologie gelten als unbeherrschte, lüsterne Wesen. Zur Begrüßung der Gläubigen am Eingang einer Kapelle in einem christlichen Gotteshaus sind sie denkbar ungeeignet. Die Kentauren Griechenlands gehen auf hinduistische »ashvins« zurück. Und das waren göttliche Wesen, die zwischen Himmel und Erde pendelten. Ausgiebig werden sie im altindischen Epos »Rig Veda« beschrieben. 

Die meiner Meinung nach beste Übersetzung stammt von Hermann Grassmann (Foto 11). Im uralten Epos erfahren wie viel über die Götter uralter Zeiten. Wann sich – zum Beispiel – die geschilderten Himmelsschlachten ereigneten, ist in der Welt der Wissenschaft umstritten und wird heftig diskutiert.

Foto 11: Übersetzung Grassmann
Sehnsüchtig hoffen die Menschen damals darauf, dass die Himmlischen zu ihnen kommen. Die (5) »Götterverlangenden«, so heißt es, warten auf den »Götterwagen«.  Der »Götterwagen« transportiert die Himmlischen zur Erde. Und die Götter halten sich gewöhnlich (6) im »weiten Luftraum« oder im »Lichtraum des Himmels« auf. Zur großen Schar der himmlischen Götter gehören die göttlichen Ashvin-Zwillinge Dasra und Nasatya. Mit ihrem goldenen Wagen fahren sie durch die Luft (7). Das darf nicht verwundern, sind die beiden doch »Herren des Himmels«, die auf ihren Reisen aus himmlischen Gefilden zu den Menschen durch die Lüfte den »Glanz ihres Wagens leuchten« lassen (9). Keinen Zweifel lassen die Hymnen an Götter wie die Ashvin-Zwillinge an der Fortbewegungsart der Götter aufkommen: Sie fliegen! Ihr (10) dreiteiliger Wagen ist »schneller als der Gedanke«, mit ihm fliegen die Götter durch die Lüfte, nach der Landung aber rollt er »wenn er zur Erde kommt«.

So führen uns die Fabelwesen im Münster zu Freiburg in die mythische Vergangenheit Indiens. Steinerne Tempel Indiens, wie die von Mahabalipuram, sollen die fliegenden Göttervehikel darstellen. Wie und warum die Kentauren als kunstvolles Relief in ein altehrwürdiges, christliches Gotteshaus gelangten, wir wissen es nicht.

Foto 12: Übersetzung Geldner
Fußnoten
1) Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): 
»Das Freiburger Münster«, 2. Auflage, 
Regensburg 2011, S. 186
2) ebenda
3) Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): »Das Münster zu Freiburg im Breisgau«, bearbeitet von Heike Mittmann, 4., überarbeitete Auflage, Lindenberg 2007
Anmerkung: Achten Sie beim Quellenstudium darauf, dass Sie mit
einer Übersetzung des Rig Veda arbeiten und nicht mit einer Nacherzählung.
Wenn es um Details geht, sind Nacherzählungen wenig hilfreich. Ich persönlich ziehe ältere Übersetzungen vor. Es ist aber an der Zeit, dass ein technisch versierter Übersetzer eine Neuübersetzung wagt.
4) »RIG VEDA. Übersetzt und mit kritischen und erläuternden Anmerkungen
     versehen von Hermann Grassmann in zwei Theilen«, Band 1 Leipzig 1876
(5) Liedkreis 7, Hymnus 2, Vers 5 (Verkürzt 7, 2, 5)
(6) Liedkreis 3, Hymnus 6, Vers 8 (Verkürzt 3, 6, 8)
(7) Liedkreis 1, Hymnus 139, Vers 4 (Verkürzt 1, 139, 4)
(8) Liedkreis 6, Hymnus 62, Vers 1 (Verkürzt 6, 62, 1)
(9) Liedkreis 6, Hymnus 62, Vers 2 (Verkürzt 6, 62, 2)
(10) Liedkreis 1, Hymnus 183, Verse 1 und 2 (Verkürzt 1, 183, 1 und 2)

Zu den Fotos
Foto 13: Rekonstruktion eines Göttervehikels.
Foto 1: Das Münster um 1926. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Fotos 2-4:  Links die Monsterfamilie, rechts Duellanten. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die zwei Paare von Duellanten von Freiburg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Die zwei Kampfszenen von Freiburg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Greif contra Mensch. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Greif gegen Greif. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9 und 10: Der Küstentempel von Mahabalipuram. Göttervehikel in Stein. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 11: Rig Veda in der Übersetzung von Hermann Grassmann. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Eine weitere Übersetzung des »Rig Veda«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Rekonstruktion eines Göttervehikels. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein






372 »Vom Mönch, vom Wolf und von einem Sonnengott«,
Teil  372 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 05.03.2017

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Sonntag, 5. Januar 2014

207 »Auf der Suche nach verborgenen Schätzen«

Teil 207 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Cheops vor „seiner“ Pyramide
Fotos: Archiv Langbein
Über Pharao Cheops ist so gut wie nichts bekannt. Keine Inschrift rühmt seine Taten. Nirgendwo findet sich eine Lobeshymne auf ihn als den Erbauer der größten Pyramide Ägyptens. Im Land der Pharaonen hieß er Chnum-chuf, zu Deutsch „(Gott) Chnum ist sein Schutz“, Kurzform Chufu, griechisch Cheops. Sir Flinders Petrie entdeckte in Abydos eine winzige Statue, keine acht Zentimeter klein, die den mächtigen Pyramidenbauer darstellen soll.

Historiker Herodot, der rund zwei Jahrtausende nach Cheops lebte, nennt Cheops als Erbauer der „Großen Pyramide“. In der Ägyptologie ist man begeistert ob dieser Aussage Herodots. Gleichzeitig aber verschweigt man so gut es geht, dass eben dieser Herodot ein fantastisch anmutendes Bild von der Geschichte Ägyptens zeichnet. Reicht doch nach Herodot die Frühgeschichte Ägyptens 11.340 Jahre in die Vergangenheit! Damals, so Herodot, weilten die Götter noch unter den Menschen.

Herodot stellt nicht einfach diese kühne Zahl in den Raum. Die Priester, so Herodot, hätten ihm in einem großen Tempel 345 hölzerne Statuen gezeigt. Jeder Oberpriester habe eine solche Statue anfertigen und aufstellen lassen. 345 Oberpriester seien seit den Tagen, als die Götter noch zu den Menschen kamen, in Amt und Würden gewesen.

Wurde der Eingang zur Pyramide schon vor Jahrtausenden freigelegt? Strabo behauptet jedenfalls, sie sei „begehbar“ gewesen. Im großen „Ägyptischen Museum“, Kairo, erklärte mir ein Archäologe, Strabo habe zum Ausdruck bringen wollen, dass man außen an der Pyramide bis zur Spitze hochklettern konnte. Natürlich sei das riesige Bauwerk damals noch verschlossen gewesen. Diese Erklärung kann mich nicht überzeugen.

Wir schreiben das Jahr 25 v. Chr. Strabo, einer der renommiertesten Geschichtsschreiber Griechenlands, besucht Ägypten. Staunend steht er vor dem vielleicht größten Weltwunder überhaupt, vor der nach Cheops benannten Pyramide. Strabo, zu Deutsch der „Schielende“, berichtet, dass es „in der Mitte“ des monumentalen Bauwerks einen Stein gegeben habe, der den Eingang in die Pyramide verschloss. Diesen Stein konnte man, so Strabo, herausnehmen und dann durch einen „gekrümmten Gang“ in das Innere gelangen. Was meinte Strabo mit „herausnehmbarer Stein“? Sollte diese Vorrichtung ständigen Zugang zur Pyramide ermöglichen?

Der freigelegte Eingang
Foto:
Archiv Walter-Jörg Langbein
Der Eingang zur Cheopspyramide befindet sich in der Nordseite des Bauwerks, in einer Höhe von 16,50 Metern. Eine Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert zeigt deutlich die massive Konstruktion des „Türsturzes“. Dieser Eingang wird heute nicht mehr verwendet, aber von meist grimmig drein blickenden Wächtern gesichert.  Gegen ein üppiges Bakschisch darf man allerdings an der Nordseite der Pyramide zum Eingang empor klettern. Das erfordert eine gewisse Sportlichkeit, wie ich erfahren musste. Es ist anstrengend, von Stufe zu Stufe emporzuklettern. Dieser Aufstieg an der Nordseite der Pyramide war von den Erbauern des Monuments nicht vorgesehen. Alle vier Pyramidenseiten waren ursprünglich vollkommen glatt. Weiße Tura-Kalksteinblöcke bildeten die äußere, glatte und stufenlose Schicht des monumentalen Bauwerks. Irgendwann in der Antike wurde die Pyramide „geplündert“. An der Spitze beginnend wurden die Tura-Blöcke abgetragen, so dass nach und nach die äußere Verkleidung verschwand. Konnte dann der verborgene Eingang in die Pyramide gesehen werden?

Gewaltige, spitzdachförmig angeordnete Deckplatten von zig Tonnen Gewicht bilden den „Türsturz“. Im Verhältnis dazu erscheint der Gang hinter der Tür erschreckend winzig. Er ist lediglich 1,20 Meter hoch und sogar nur 1,05 Meter breit. Es ist mehr als anstrengend, durch diese enge und niedrige Röhre in das Innere des Bauwerks vorzudringen.

Der Gang führt in einem Winkel von 26 Grad und 31 Minuten steil nach unten. Nach anstrengenden 105 Metern durch den massiven Leib der Pyramide und durch den gewachsenen Stein unter dem Fundament geht der Gang endlich in die Horizontale über. Nach weiteren 8,80 Metern mündet er in der sogenannten unvollendeten Grabkammer. Angeblich war der Raum unter der Pyramide ursprünglich als Gruft für den Pharao vorgesehen. Das erscheint mir nicht nur als recht fragwürdig, sondern als unmöglich. Sollte der Sarkophag mit den sterblichen Überresten des verehrten Pharao etwa durch diese enge und niedrige Röhre hinab in die Grabkammer geschafft werden? Das ist ausgeschlossen. Allenfalls die Mumie des mächtigen Herrschers hätte man durch den niedrigen und schmalen Tunnel in die „unvollendete Grabkammer“ schaffen können. Mit würdevollem Umgang mit dem toten Pharao hätte das nichts zu tun gehabt. Und wie wollte man den wuchtigen Sarg aus Stein an seinen Bestimmungsort schaffen, von den einem wichtigen Herrscher angemessenen Grabbeigaben einmal ganz abgesehen. Eine Prozession von Würdenträgern hätte auf diesem Wege den Toten nicht begleiten können.

Abstieg in die
Cheopspyramide
Foto um 1900
Archiv Langbein
Einige Meter schräg unter dem eigentlichen Eingang befindet sich ein mit roher Gewalt geschlagene Öffnung in der Pyramide. Es heißt, dass der Kalif El-Mamun anno 820 n. Chr. Dieses Loch hat schlagen lassen... und auch den folgenden, bergwerksartig in das massive Bauwerk getriebenen Gang. El-Mamun, so heißt es, hatte es auf die kostbaren Grabbeigaben abgesehen. Er wollte die Cheopspyramide   plündern. Wusste er, dass die Eingänge zu Pyramiden immer an der Nordseite zu finden waren?

Der sogenannte „Grabräubergang“ führt zunächst geradeaus in die Pyramide hinein, dann macht er einen Bogen und trifft dann exakt die schmale Röhre, die vom „richtigen“ Eingang nach unten zur „unvollendeten Grabkammer“ führt.... Und zwar genau an der Stelle, wo der aufsteigende Gang nach oben, zur „Königinnenkammer“ und zur „Königskammer“ führt. Seltsam: Strabo beschrieb bereits 25 v. Chr. Den gekrümmten Gang, der angeblich erst 845 Jahre später auf Befehl von El-Mamun angelegt wurde. Ich meine, man muss die Story von Grabräuber El-Mamun mit großer Skepsis betrachten. Vermutlich wurde der vermeintliche „Grabräubergang“ nicht erst Ende des ersten Jahrtausends nach Christus, sondern bereits lange davor angelegt, von wem auch immer. Heute wird in Kreisen der Wissenschaft immer wieder die These vertreten, dass die Cheopspyramide bereits in der „Ersten Zwischenzeit“, also etwa 2216 v. Chr. bis 2025 v. Chr. von Grabräubern heimgesucht, wie ein Tresor geknackt und geplündert wurde. Stammt der „Grabräubergang“ also aus dem dritten Jahrtausend vor Christus? Und ist es wirklich ein von Grabräubern angelegter Tunnel? Oder wurde er von den Erbauern der Cheopspyramide selbst angelegt, nachdem das eigentliche Gangsystem verschlossen worden war? Ein weiterer Gang soll ebenfalls von Schatzsuchern teilweise senkrecht nach unten geschlagen worden sein: Beginnend vor der „Großen Galerie“. Dieser Gang führt ein Stück durch die Pyramide, dann durch den gewachsenen Fels, um schließlich zufällig (?) auf den absteigenden Gang zur unvollendeten Grabkammer zu treffen.

Auch dieser „Schacht der Diebe“ könnte von den Erbauern der Pyramide stammen, um Frischluft in den absteigenden Gang zu schaffen... oder als „Fluchtweg“ für die Arbeiter.

Der Sarg in der Königskammer - Foto um 1900
Archiv  Walter-Jörg Langbein

Wie auch immer: In der „Königskammer“ fanden Archäologen einen steinernen Sarkophag, der beschädigt war. Hat man ihn mit Gewalt geöffnet? Von einer Mumie gab es jedenfalls keine Spur. Der steinerne Deckel, der den aus einem Stück gehauenen Steinsarg einst verschlossen haben mag, fehlte jede Spur. Sollten Grabräuber den Sarkophag gefunden und ausgeräumt haben... warum ließen sie dann den Sargdeckel verschwinden? Mir drängt sich eine Vermutung auf: Die Königskammer diente nie als Gruft für den Pharao. Der Sarg war von Anfang an leer. Grabräuber sollten denken, sie seien zu spät gekommen, Berufskollegen hätten schon längst alles Wertvolle, ja auch die Mumie des Pharao, geraubt. Man kann sich die Enttäuschung der goldgierigen Plünderer vorstellen, die dann unverrichteter Dinge abzogen... ohne weiter zu suchen. Sollte mit dieser List der Pharao geschützt werden, der dann unbehelligt von Grabräubern und Archäologen bleiben würde?

In der Ägyptologie gibt es die sogenannte Drei-Kammern-Theorie, die wie eine „Heilige Kuh“ nicht angetastet werden darf. Demnach gibt es in jeder Pyramide drei Kammern, nicht zwei oder vier, sondern drei. In der Cheopspyramide werden drei Kammern gezählt: die unvollendete, die der Königinnen und die des Königs. Also kann es keine weitere Kammer mehr geben, weil das die Theorie von den drei Kammern nicht zulässt. Dabei wird aber die „Große Galerie“ übersehen. Sie ist 47 Meter lang und 8,5 Meter hoch und kann mit Fug und Recht als vierte Kammer gewertet werden.

Auch wenn das offiziell nicht zugegeben wird, so wurden auf der Suche nach verborgenen Schätzen in der Cheopspyramide immer wieder weitere, bislang nicht geöffnete Kammern entdeckt. Mir wurde vor Ort versichert, dass noch mehr Gänge und Kammern ausfindig gemacht worden sind, als den veröffentlichten Berichten von Fachleuten zu entnehmen ist. Im Sommer des Jahres 1986 suchten zwei französische Forscher – Gilles Dormion und Jean-Patrice Goidin – elektronisches Equipment ein, um bis dahin unentdeckte Hohlräume ausfindig zu machen. Suchen konnten sie nur von den bekannten Gängen und Kammern aus. Sie wurden fündig! Unter dem Gang zur Königinnenkammer zum Beispiel machten sie einen Raum von beachtlicher Größe ausfindig. Er ist immerhin dreieinhalb Meter breit und fünfeinhalb Meter hoch!

Wer im 19. Jahrhundert die „Cheops-Pyramide“ erkundete, hatte keine Ahnung vom weitestgehend verborgenen Innenleben des gewaltigen Bauwerks.... Damals gab es noch nicht die Möglichkeit, mit technischen Finessen durch das Gestein hindurch zu sehen und verborgene Geheimnisse zu entdecken...

Erkundung
der Pyrmide.
Zeichnung aus dem
19. Jahrhundert
Archiv Langbein
Die französischen Wissenschaftler erhielten erstaunlicher Weise die Genehmigung, zweieinhalb Meter durch den Steinboden zu bohren. Die mysteriöse Kammer, so stellten sie fest, ist mit kristallinem Sand gefüllt!

Am 22. Januar 1987 machte sich ein Team von Wissenschaftlern der „Waseda University“, Tokio an die Arbeit. Mittels elektronischer Messungen durchleuchteten sie sozusagen Teile der Cheopspyramide und entdeckten dabei „ein ganzes Labyrinth“ von Korridoren. Mir wurde bereits Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts vor Ort versichert, dass das eigentliche Gang-Kammern-System der Cheops-Pyramide noch nicht gefunden worden sei... zumindest nicht offiziell.

Von geheimnisvollen „Schutzsystemen“ erzählte man mir, von Gängen, die zu den wirklich wichtigen Kammern führen. Diese Gänge seien mit Sand gefüllt. Es gebe Mechanismen, die – so man sie in Gang setzt – den Sand abfließen lassen und den Weg zu den Schätzen in der Pyramide freigeben! Sollte etwas Wahres dran sein an diesen abenteuerlichen Geschichten? „Natürlich!“, versicherte mir ein Informant unweit der Cheopspyramide. „Die Wirklichkeit in der 'Großen Pyramide' ist fantastischer als die Fiktion von Indiana-Jones-Filmen!“

Auch die Experten der Waseda University“, Tokio, konnten bei weitem nicht den gesamten Massivbau der „Großen Pyramide“ durchleuchten. Ihre Messungen mussten ja alle von den bekannten Gängen und Räumen aus durchgeführt werden. Von mehreren Hundert Metern Länge der noch nicht geöffneten Gänge und Räume ist die Rede! Erich von Däniken fasst das mehr als faszinierende Ergebnis der japanischen Wissenschaftler so zusammen (1):
 „Fasst man ganz grob die Längen der bekannten Schächte und Räume zusammen und addiert das vom Trupp der Waseda University, Tokio, geortete 'Labyrinth von Schächten und Korridoren', so müssten sich innerhalb der Großen Pyramide Hohlräume mit einer Länge von rund einem Kilometer befinden.“

Ich halte diese Schätzung für zu niedrig angesetzt, da das Team der japanischen Wissenschaftler nicht den gesamten Koloss der Pyramide „durchleuchten“ konnte. Es ist anzunehmen, dass es noch weit mehr Hohlräume gibt! (2)

Reste der einst gewaltigen Anlage von Abydos
Foto Walter-Jörg Langbein

Ein Archäologie im Ägyptischen Museum zu Kairo erklärte mir mit Verschwörermiene: „wenn Sie wüssten, was von der Archäologie alles geheim gehalten wird... Wenn Sie wüssten, was Spezialisten über die Große Pyramide wissen, was dem normalen Archäologen nicht anvertraut wird. In Abydos wurden Hinweise auf die wirklichen Geheimnisse der Cheopspyramide gefunden. Es geht um die Suche nach Schätzen, die sehr viel kostbarer sind als Gold und Silber...“ Ich hakte nach, fragte nach, bekam aber nur ausweichende Antworten. „Es geht um Wissen, an dem auch die Militärs unserer Zeit sehr interessiert sind, mehr noch als Archäologen!“

Wie auch immer... Die Suche nach verborgenen Schätzen läuft auf Hochtouren. Und niemand soll davon erfahren...

Fußnoten
1 Däniken, Erich von: „Der Mittelmeerraum und seine mysteriöse Vorzeit/ Rätselhafte Bauten, unglaubliche Fakten und als falsch entlarvte Lehrmeinungen“, Rottenburg 2012, S. 173
2 Siehe hierzu auch...  Zarei, Alireza: „Die verletzte Pyramide: Wie Neugier Geschichte zerstört“, Groß Gerau 2011

Glas und Waffen,
Teil 208 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 12.01.2014


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