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Freitag, 9. Januar 2015

»Sagenhaft! Schreib Geschichte!« - Lüdinghausens Marketing



»Sagenhaft! Schreib Geschichte!«
Der erste Preis, ein Einkaufsgutschein von Möbel Kerkfeld in Höhe von 1.000 Euro, ging an Patricia Malcher. Die Geschichte von Patricia überzeugte uns spontan durch ihre sprachliche Gewandtheit und ihren humorvoll-satirischen Grundton. Überzeugen Sie sich selbst:

Patricia Malcher
Lüdinghausens Marketing

Hintergrund:
           Einer Legende nach sollen in den Kellergewölben der Burg Kakesbeck zu Lüdinghausen nachts drei kopflose Kälber spuken. Es sind die drei verwunschenen Söhne des Lambert von Oer, dem es nie gelang, drei Jungfrauen in den Keller zu locken, um sie zu erlösen.

Burg Kakesbeck
Wikimedia Commons
  »Tourismus hin, Tourismus her«, sagte Friedhelm Reling, »ich brauche meinen Keller.« Mit einem energischen Daumendruck beendete er das Telefonat. Das wäre ja noch schöner, wenn er als Besitzer nicht entscheiden dürfte. Wichtig machen wollten sie sich, diese Stadträte. Hatten seine Familie und er nicht lange genug zurückgesteckt zum Wohle der Legende? Und nicht zuletzt die drei Söhne des Lambert von Oer. Trieben nun schon seit fast 500 Jahren ihr Unwesen. Nein, es war einfach an der Zeit, dem Spuk ein Ende zu bereiten.

  Zufrieden las er noch einmal seine Annonce in den Westfälischen Nachrichten:

  Jungfrauen gesucht
Anlässlich der Beendigung nächtlichen Treibens in den Kellerräumen der Burg Kakesbeck sucht Burgherr Friedhelm Reling Jungfrauen aller Altersstufen. Die Bewerberinnen sollten ein starkes Nervenkostüm mitbringen, volljährig sein (da ein nächtlicher Einsatz die Jugendschutzbestimmungen erfüllen muss) und natürlich über keinerlei sexuelle Erfahrung verfügen. Bei erfolgreichem Abschluss wird neben einem finanziellen Obolus auch die namentliche Erwähnung im historischen Archiv der Stadt und der Burg Kakesbeck in Aussicht gestellt. Interessierte versammeln sich zur Vorauswahl am kommenden Mittwoch um 15 Uhr auf dem Lüdinghauser Rathausplatz.

  »Buh.« Mit einem lauten Schrei sprang Friedhelm hinter einer Ecke des Rathauses hervor. Schon kreischten die ersten Damen los. »Starke Nerven! Alle, die geschrien haben, kommen für das Projekt leider nicht in Frage.« Mit hängenden Köpfen trottete mindestens ein Viertel der Menge davon. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, schritt der Burgherr die Reihe der Zurückgebliebenen ab. »Minderjährig!« »Zugezogen!« »Nur Frauen, Kevin!« »Jutta, du hier? Das glaubt dir doch keiner!« Die Reihe lichtete sich. Was ist nur mit dieser Stadt los, dachte er. Schließlich blieben fünf Kandidatinnen übrig. »Gut. Wir benötigen drei Aktive. Die anderen beiden halten sich als Ersatz-Jungfrauen bereit. Beim nächsten Vollmond startet die Aktion.«

  Mit einem dumpfen Laut fiel die schwere Tür ins Schloss und der Schlüssel knarzte. Der Mond schien durch das Fenster des Gewölbes. Die Mädchen waren in die Mitte des Raumes, genau in den Lichtstrahl geführt worden und standen nun Rücken an Rücken. Die Füße nackt, den Körper in ein weißes Kleidchen gehüllt und das Haar mit einem Blumenkranz geschmückt, erinnerten sie an eine schwedische Möbelhaus-Kette.
»Müssen wir noch lange warten?«, fragte die Unsichere. »Scheiße, ist das kalt«, sagte die Fachkundige und versuchte, den Rock um ihre Beine zu wickeln. »Ruhe«, sagte die Energische.

Lüdinghausen, Burg KakesbeckWikimedia Commons
  Zuerst stieg ihnen der Geruch in die Nasen. Moderig, alt, maskulin. »Müssen wir das Fenster geschlossen lassen?«, fragte die Unsichere. »Scheiße, riecht das stark«, sagte die Fachkundige und fächerte sich Luft zu. »Moschus«, sagte die Energische.
  Hufe schlugen auf die Steinplatten. Dann sahen sie sie. Transparent, durchscheinend, aber klar erkennbar. Die Schwänze vertrieben jahrhundertealte Fliegen. Obwohl Torso, Beine und Schweif grau und farblos aussahen, klaffte der kopflose Hals in einem dickflüssigen Rot. Die Wunden bluteten auf den Boden, verspritzten Sprenkel um Sprenkel. Nicht im englischen Hochmoor, nicht im Oscar Wilde‘schen Herrenhaus, nein, hier in Lüdinghausen, im Kellerverlies zu Kakesbeck.
  Hüfthoch standen die Kälber im Raum verteilt. Die Muskeln zeichneten sich unter dem Fell ab, zogen den Blick an und ließen den Betrachter ahnen, welch gewaltige Kraft die Tiere hätten, wüchsen sie zu Stieren heran. Jugendlich und vital trotzten sie Nacht für Nacht barhäuptig ihrer Sterblichkeit. Und warteten auf Erlösung.
  »Müssen wir sie unbedingt anfassen?«, fragte die Unsichere. »Scheiße, ist das ekelig«, sagte die Fachkundige und versuchte, den Ärmel ihres Kleides über die Hand zu ziehen. »Zugriff«, sagte die Energische.

  In dem Moment, in dem Mensch und Tier sich vereinten, Haut und Fell, Wärme und Kälte, verband sich die Vergangenheit mit der Gegenwart.
  Hinter diffusem Nebel wurden aus Kälbern junge Männer. Prachtvoll und farbenfroh leuchtete ihre mittelalterliche Kluft. Doch schon Sekunden später wurden sie von ihren Füßen gerissen, winkten noch, lachten noch, und schwebten durch das geschlossene Fenster dem Mondlicht entgegen.

  Die Tür knarrte, als Reling sie am nächsten Morgen öffnete. Das Gewölbe war leer. Wo waren die Jungfrauen? Nur ein Bündel weißer Kleidchen lag in der Mitte des Raumes. So war das nicht geplant, dachte er und drehte sich ruckartig um sich selbst. Sein Blick blieb an der Wand hängen. In blutroten, großen Lettern stand dort etwas geschrieben. Kein Zweifel, eine Nachricht an ihn: Müssen wir mitgehen? - Scheiße, wir bleiben! - Hüllenlos! - Da begriff er.
  Die Stadträte würde auch die nächsten Jahrhunderte Anspruch auf seinen Keller erheben.

_____


Patricia Malcher (44) lebt mit ihren zwei Kindern und ihrem Mann in Lüdinghausen, einer Kleinstadt im Münsterland. Neben ihrer Tätigkeit als Seminarausbilderin am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Hamm interessiert sie sich seit ca. 2 Jahren für das kreative Schreiben. Seitdem ist sie Mitglied zweier literarischer Zirkel, nimmt regelmäßig an Literatur-Treffen und –Workshops teil und verfasst Kurzgeschichten sowie literarische Lyrik.  




Kurswechsel
In: Ausgewählte Werke XVI,
Realis Verlags-GmbH, Ulm 2013


Schubkraft
1. Platz
Open-Wort-Café vom 04.07.2014
Mayersche Buchhandlung, Dortmund



Frauenliebe
Westfälische Reihe, Münster 2014




Lüdinghausens Marketing
1. Platz
Wettbewerb
»Sagenhaft! Schreib Geschichte!«
vom 19.12.2014
Möbel Kerkfeld, Borken





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Mittwoch, 7. Januar 2015

»Sagenhaft! Schreib Geschichte!« - Der Pferdefriedhof in der Dingdener Heide


Der Schreibwettbewerb ist beendet und die Gewinner stehen fest.
Nina Held konnte die Jury mit ihrem Beitrag überzeugen und freut sich über einen Gutschein für Jochen Schweizer über 500 Euro. Hier Ninas Geschichte:


Der Pferdefriedhof in der Dingdener Heide

Der Pferdefriedhof in der Dingdener Heide

Die Alten wissen Geschichten aus längst vergangenen Zeiten. Unglaubliches, Unheimliches und Schauriges wird berichtet. Man mag es glauben oder nicht, aber es gruselt doch so manchen, wenn er an den Pferdefriedhof in der Dingdener Heide denkt. Zurecht, so sei es allen Zweiflern gesagt.


Ein Bauer lebte mit Frau und Sohn auf seinem Hof in der Dingdener Heide. Die Frau war nach langer Zeit wieder guter Hoffnung und das Paar voller Freude. In einer stürmischen, von Blitzen und Donnergrollen durchzogenen Nacht, ächzte und krachte jeder Holzbalken des alten Hofes. Die Tiere im Stall traten unruhig gegen ihre Verschläge und der Bauer und sein Sohn hatten Mühe sie zu beruhigen. In dieser unheilvollen Nacht kämpfte der Bauer nicht nur um das Wohlergehen seiner Tiere, sondern auch um das Leben seiner Frau unter der Geburt. 

Das Schicksal wollte, das er einen Kampf verlor. Als der Morgen graute hatte das Unwetter seine Kraft verloren und der Bauer seine geliebte Frau mitsamt dem Kind.

Der Bauer war nach dem Tod seiner Frau nicht mehr derselbe. Das bekamen nicht nur sein Sohn, sondern auch seine Tiere zu spüren. Den alten Ackergaul trieb er mit der Peitsche über das Feld, dass das Tier am Ende des Arbeitstages voller Striemen war. Beim Scheren der Schafe packte er die Tiere und presste sie rücksichtslos zu Boden. So manche Wolllocke flog blutdurchtränkt in den Korb. 

Nach einem besonders harten Tag betrat der Sohn den Stall und kümmerte sich um die Tiere. Als er an den alten Ackergaul herantrat sah er, wie schlimm es um diesen stand. Das Tier zitterte und aus einer Wunde an seiner Flanke sickerte Blut. Der Bauernsohn mochte den alten Gaul sehr. Während er die Wunde säuberte und dem entkräfteten Pferd eine zusätzliche Portion Futter gab, liefen ihm die Tränen über das Gesicht. In der Nacht starb der geschundene Gaul. 

Der Bauer trug seinem Sohn auf, den Kadaver auf der benachbarten Lichtung zu verscharren. Der Junge zog den Kadaver, mithilfe des verbliebenen Ackergauls, zur Lichtung und begrub ihn neben einer Kiefer. Er pflückte ein Büschel Gras und legte es auf das Grab. „Leb` wohl Brauner“, flüsterte er.

Als der Junge am nächsten Tag nach dem Grab sehen wollte, war das Grasbüschel verschwunden. Der Junge dachte sich nichts dabei und legte erneut frisches Gras auf das Grab. Dieses und alle weiteren Grasbüschel fehlten jedes Mal, wenn der Junge das Grab besuchte.

Eines Abends, nach seiner gewohnten Runde durch den Stall, hörte der Junge das Wiehern eines Pferdes auf der nahen Lichtung. Neugierig nahm er sich die Stalllampe vom Haken und machte sich auf den Weg. Im Schein der Lampe konnte er nichts Auffälliges erkennen. Das Grab des Braunen lag still im Mondschein. Er wollte sich gerade auf den Rückweg machen, da nahm er aus den Augenwinkeln eine Bewegung war. Der Junge drehte sich um und hob die Lampe. Er schrie –, stolperte, rappelte sich wieder auf und rannte so schnell er konnte zum Hof zurück. 

In der Stube saß der Vater vor einem Glas Schnaps. Der Junge polterte herein und stieß an den Tisch. Der Selbstgebrannte schwappte über. Der Vater erhob sich wankend, holte zu einer Ohrfeige aus und kippte dabei rücklings auf seine Bank. „Pass doch auf du, du ...“ lallte er. „Gleich setzt es was.“ 
„Vater, hör zu“, rief der Junge. „Der Geist des Braunen, er spukt auf der Lichtung!“ Mit einer energischen Geste deutete der Vater dem Jungen an, still zu sein und in seine Kammer zu gehen. „Lass mich mit deinen Geschichten in Ruhe“, zischte er ihm hinterher.

Der Junge lag noch lange wach, immer wieder tauchten die Bilder eines langsam über die Lichtung schwebenden Pferdeschattens vor seinem inneren Auge auf.

Kurz bevor er einschlief, fasste er einen Entschluss. „Schlimmer als mit meinem Vater kann die Begegnung mit einem Gespenstergaul nicht sein.“ Morgen, so nahm er sich fest vor, würde er nicht davon laufen.

In der folgenden Nacht machte er sich auf den Weg zur Lichtung. Er setzte sich neben das Grab und wartete. Gegen Mitternacht hörte er das Schnauben eines Pferdes. Halb hinter einer Nebelschwade verborgen, konnte er die Umrisse eines Gaules ausmachen. Langsam stand der Junge auf und ging auf den Umriss zu. Je näher er kam, desto weiter entfernte sich das Pferd von ihm. Schließlich senkte das Tier seinen Kopf und deutete mit seinen Hufen ein Scharren auf dem Wiesenboden an. Langsam verschmolz das Pferd mit dem Dunkel der Nacht und verschwand. 

Der Junge fühlte sich zu der Stelle hingezogen, an der er zuvor das Pferd hatte scharren sehen. Er kniete nieder und grub dort mit den bloßen Händen. Kurze Zeit später hielt er einen dunklen Klumpen in der Hand. Dieser war schwer und ließ sich nicht, wie ein gewöhnlicher Lehmklumpen, einfach zerbrechen. Er beschloss, das schwarz-braune Etwas bei Tageslicht näher zu untersuchen.

Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass er ein Stück Raseneisenerz gefunden hatte. Sein Vater hatte davon immer mal wieder erzählt. Das Raseneisenerz wurde, in einer nicht allzu weit entfernten Hütte, zu Eisen eingeschmolzen. Stolz versteckte er seinen Fund im Stall. Auch in den folgenden Wochen führte ihn der Braune zu verschiedenen Stellen auf der Wiese und im Feld. Jedes Mal entdeckte der Junge eine größere Menge Raseneisenerz. Der Junge ahnte nicht, dass er dabei beobachtet wurde.

In den letzten Wochen ging es mit dem Bauern weiter bergab. Er trank fast den ganzen Tag und überließ die Arbeit seinem Sohn. Der Hof verfiel, mochte sich der Sohn noch so sehr anstrengen, er konnte es nicht verhindern.

In der siebten Woche entdeckte der Junge so viel Erz, dass er beschloss, seine gesammelten Stücke auf den Wagen zu laden und sie an die Eisenhütte in Liedern zu verkaufen. Der Vater erhielt in der Zwischenzeit Besuch vom Jäger. Dieser wohnte nahe der Lichtung in einer Jagdhütte. Er hatte den Jungen beobachtet und unterrichtete den Bauern nun über das nächtliche Treiben seines Sohnes. 

Der Bauer tobte und wollte seinen Sohn, wegen der nächtlichen Herumtreiberei, zur Rede stellen. Doch auch in den späten Abendstunden war dieser noch nicht zurückgekehrt. Da nahm sich der Vater Peitsche und Lampe vom Haken und machte sich auf den Weg zur Lichtung. 

Vor einer Kiefer konnte er die Umrisse eines Pferdes erkennen. Er hob die Peitsche und stürmte auf das Tier zu, doch je näher er der Kiefer kam, desto weiter entfernt schien der Gaul. Der Bauer fluchte und folgte dem Schnauben des Tieres. Immer weiter führte ihn der Gaul auf die Felder und Wiesen hinaus. Endlich hatte der Bauer das Gefühl dem Tier näher zu kommen. Er hob die Peitsche und tat einen langen Schritt auf den Schatten zu. In diesem Moment versank der Bauer bis zur Hüfte in einem Schlammloch. Das Pferd war verschwunden. Der Bauer konnte sich aus seiner misslichen Lage nicht mehr befreien und erfror jämmerlich. 

Der Jäger verbreitete die Geschichte des Bauern und seines Sohnes in der gesamten Umgebung. Viele Bauern kamen und begruben ihre Ackergäule auf der Lichtung, in der Hoffnung, von ihnen zu einem Schatz geführt zu werden. Doch die meisten von ihnen verschwanden für immer in den umliegenden Sümpfen. Der Bauernjunge aber verkaufte den alten Hof und stieg als Teilhaber bei der Eisenhütte in Liedern ein.

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Nina Held
Nina Held, Jahrgang 79, ist Erzieherin und Mutter zweier Kinder. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie die Bildungsdokumentationssoftware GABIP entwickelt. In Kindergärten, Krippen, Ganztagsschulen etc. wird die Software eingesetzt, um die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu dokumentieren.   

Zurzeit konzentriert sie sich auf das Schreiben von pädagogischer Fachliteratur und Texten für Kinder.

Folgende Bücher sind von ihr im Ökotopia Verlag erschienen:




Weitere Bücher sind in Vorbereitung.



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Montag, 5. Januar 2015

»Sagenhaft! Schreib Geschichte!« Die Hügelgräber von Reken


Der Wettbewerb »Sagenhaft! Schreib Geschichte!« ist beendet. Die Gewinner stehen fest und konnten am 29. Dezember 2014 ihre Preise im Möbelhaus Kerkfeld entgegen nehmen.

von links nach rechts: Nina Held, Patricia Malcher, Timo Koch
Foto: Möbel Kerkfeld
Über einen Wellnessgutschein im Wert von 300 Euro darf sich Timo Koch freuen. Hier sein Beitrag:

Die Hügelgräber von Reken

Es war gen Herbst im Jahre 1623. Als ein junger Priester, geschickt vom Domkapitel Münster, zur Untersuchung eines höchst seltsamen Vorfalles in die Gegend um das Dorf Großreken gelangte.

Seit langer Zeit gab es hier, in der Nähe einer kleinen Kapelle, inmitten des Laubwaldes am Rande des Kreuzweges, eine wundersame Quelle. Diese sollte, so erzählte es sich das Volk, sobald man sich mit ihrem Wasser wusch, alle Leiden heilen können.

Nun trug es sich zu, dass ein spanischer Soldat großen Frevel an der Quelle und dem dort lebenden Eremiten beging. Seitdem soll die Quelle versiegt und der Eremit verschwunden sein. Eben dies sollte, frei vom Geschwätz der einfachen Leute und dem Beiwerk einfältiger Geschichtenerzähler, genauestens untersucht und dem Bischof persönlich berichtet werden.

Da das Geschlecht der von Merveldt zum protestantischen Glauben gewechselt war, wollte es der Priester nicht riskieren, auf deren Ländereien gesehen zu werden. So war er gezwungen, durch das Venn am Waldrand von Reken zu gehen. Das Volk erzählte sich so manch seltsame und schaurige Geschichte über das uralte Moor, doch der Priester war trotz seiner noch wenigen Lebensjahre fest im Glauben und vertraute vollends auf den Herrn.

Munteren Schrittes ging er voran und freute sich ob des milden Herbstages. Es war um die Mittagstunde, als der junge Kirchendiener zum ersten Male einen seltsamen Nebel wahrnahm, der, so schien es, mit seinem Schritte mithaltend, am Wegesrand dahin waberte. Mehr an einen Zufall als an Hexerei glaubend, beachtete er diesen aber nicht weiter und ging unbeirrt seines Weges. Sogar als der Nebel seinen Weg urplötzlich zu versperren schien, setzte er, sich zwar bekreuzigend aber dennoch festen Schrittes, seinen Weg fort.

Doch als er dann den Nebel erreichte, und ab diesem Moment seine Hand nicht mehr vor seinen Augen sehen konnte, verlangsamte er seinen Schritt, bis er schließlich zur Gänze stehen blieb. Eisige Kälte umfing seine Glieder, kein Geräusch drang mehr an seine Ohren.

Stundenlang irrte er durch den nicht enden wollenden Nebel, er schrie um Hilfe doch niemand schien ihn zu hören. Als die Abendstunde nahte und das Licht der Sonne zu versiegen drohte, beschlich den Priester eine grausige Panik.  In seiner Verzweiflung warf er sich auf die Knie und begann zu beten, der Herr möge ihn leiten und erretten aus seiner Not. Plötzlich tat sich der Nebel auf und eine kleine Lichtung kam zum Vorschein. Der Priester sprang auf, dankte dem Herrn und betrat die Lichtung.
Ein merkwürdiger Ort war das, nur Moos und Flechten schienen dort zu gedeihen. Inmitten der Lichtung waren drei, etwa zwei Mannslängen hohe, völlig überwucherte Hügel. Davor stand ein krummer Steintisch, auf dem ein seltsamer, kleiner Mann saß. Der Zwerg war in ein Fell gehüllt und trug eine schlichte Krone aus Bronze.

„Bitte fürchte dich nicht. Ich bin nur ein Hüter, nur ein uralter Wicht“, krächzte der Zwerg und zeigte auf die drei Hügel.
„Jedoch wach ich über diese Schätze hier, und so mancher Narr, geleitet von dem Golde und der Gier, verlor nicht nur sein Leben hier. Nun sage mir bei diesen Seelen, willst du mich nun auch bestehlen?“

„Nein, nein“, antwortete der Priester erschrocken, „ich habe kein Interesse an deinen Schätzen. Ich war auf dem Weg zu einer kleinen Kapelle, doch als der Nebel aufzog, habe ich mich verlaufen.“

„Aha! Verlaufen hast du dich?“, grinste der Zwerg schelmisch, „Gern will ich dir helfen nun, aber zuvor sollst du mir ein Gefallen tun.“

Der Priester, nun ahnend wer für seine missliche Lage verantwortlich war, antwortete vorsichtig: „Dann sage mir was das für ein Gefallen ist, und ich will sehen was ich tun kann.“

Freudig begann der Zwerg zu singen und zu springen. „Seit vielen Jahren wach ich schon, über Grab und Schatz des Stammesfürstensohn. Zum Zeichen dieser Ehrenbürde verlieh man mir die Königswürde. Doch es zwickt und drückt mich sehr, denn die Krone ist so schwer. Nach vielen Jahren wünsch ich sehr, das irgendjemand kommt daher, der sie mir nimmt und selbst aufsetzt und dann geschwind sich zu mir setzt.“

Der Priester ahnte, dass er, sobald die Krone auf seinem Haupte säße, für immer dort gefangen wäre und so ersann er eine List: „Gerne helf ich dir. Nur ist die Krone wohl zu klein für mich. Lass sie mich erst mal probieren.“

Der Diener Gottes eilte zu dem Tische und tat so als würde er sich setzen. Doch, vor den Blicken des Zwerges durch seine Priesterrobe geschützt, setzte er sich unbemerkt auf die kleine Bibel, die er immer bei sich trug. Dann nahm er flink die Krone vom Kopf des Zwerges und setzte sie sich auf sein Haupt. Geblendet durch die Freude nun endlich befreit zu sein, merkte der Zwerg aber nicht, dass der Priester die Krone falsch herum aufgesetzt hatte.

„Nun sage mir Grabhüter, wo ist mein Weg?“, sprach der Priester fordernd.
Der Zwerg tanzte und sprang vor Freude: „Endlich bin ich nun befreit und auch gern dazu bereit, dir den Weg nun aufzuzeigen ohne weitre Rast und Reigen.“
Mit seinen kleinen Händen vollführte er einige seltsame Bewegungen „Nun, durch mein Wort, den Nebel fort. Den Weg kannst du nun sehen, aber wirst ihn niemals gehen“, lachte der Zwerg.
Doch sobald der Nebel verschwunden war, sprang der Priester auf, warf die Krone auf den Boden und rannte um sein Leben. Der Zwerg zeterte und schrie vor Wut, doch der Priester war entkommen.

Nachdem der Priester dies alles berichtet hatte, wurde ein großer Zaun gebaut, der das Wäldchen mit den Hügelgräbern darin umschloss und es wurde bei Strafe verboten, den Zaun zu übersteigen.
Der Zaun ist zwar nicht mehr da, aber noch heute wird das Gebiet vom Volke gemieden. Noch immer wächst auf der Lichtung kein einziger Baum und man erzählt sich, dass man an besonders nebeligen Tagen das wütende Gepolter des Zwerges bis in die nahe liegende Kapelle hören könne.

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Timo Koch, geboren 1979. Beruflich ist der zweifache Familienvater eher technisch und analytisch orientiert. Vielleicht schreibt er deshalb ausschließlich Fantasy – und Horrorgeschichten.

Neben einem veröffentlichten Roman „Nocom“ sind im Augenblick einige weitere Bücher in Arbeit, darunter eine Neufassung sowie die Fortsetzung von „Nocom“

„Meine Gedanken zu Papier zu bringen fällt mir nicht leicht, doch finde ich anderweitig kaum vergleichbare Ruhe und Kraft“


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Samstag, 1. November 2014

Sagenhaft! Schreib Geschichte! Wir sind die Jury!

Jubiläen sollten einen Grund zum Feiern geben. Vor fünf Jahren begegneten sich vier Autoren, die im Oktober 2009 im Internet das gemeinsame Blog »Ein Buch lesen!« zum Leben erweckten. Fünf Jahre »Ein Buch lesen!«, das sollte wirklich gefeiert werden!


»Ein Buch lesen!« ist eine Plattform für Buchvorstellungen, Reiseberichte, poetische Werke und Kurzgeschichten. Unter einem Pseudonym schreibt die Ostfriesin g.c.roth, Poesie, Gedichte, Kurzgeschichten und Kurzromane, die das Blog mit diesen Texten bereichert. So ist es nicht verwunderlich, dass »Ein Buch lesen!« in der Bloggerszene längst als eine bekannte Größe geachtet wird.

Walter-Jörg Langbeins Serien »Das Atlantis der Südsee« und »Monstermauern, Mumien und Mysterien« gehören zu den tragenden Säulen des Blogs. Am morgigen Sonntag gibt es auf »Ein Buch lesen!« ein besonderes Ereignis: Wir freuen uns auf den 250. Beitrag unseres lieben Autorenkollegen Walter-Jörg Langbein.

An dieser Stelle möchten wir uns auch bei unseren Lesern für fünf Jahre Treue bedanken. Bleiben Sie uns weiter gewogen!

Nicht nur auf »Ein Buch lesen!« wird gefeiert. In diesem Jahr begeht das Traditionsunternehmen »Möbel Kerkfeld« aus Borken sein 80. Bestehen. Eine Literaturplattform und ein Möbelhaus – passt das zusammen? Aber sicher doch! Davon konnten sich die Haushalte in den Kreisen Borken und Coesfeld und die Bewohner der Bereiche bis Haltern am See im vergangenen Oktober überzeugen. In den Postkästen lag der Jubiläumskatalog. Selbstverständlich ging es darin um Möbel. Aber auch um die Entwicklung des Familienunternehmens. Kerkfeld hat Geschichte in der Region geschrieben – und genau dazu ruft das Unternehmen die Bewohner der Gegend auf:


Sagen, Legenden und Geschichten aus dem Westmünsterland. Wie es Sylvia B. in der Vorstellung zum Ausdruck bringt: Bodenständigkeit und der Mut, Visionen umzusetzen, sind für sie keine Widersprüche, sondern Merkmale der Region. Es ist das, was die Menschen auszeichnet. Damit eng verbunden sind Geschichten, die sich um Wasserschlösser,  Vennlandschaften, Hünengräber weben. Jeder Ort hat seine Geschichten, die es verdient haben, aufgezeichnet und zusammengetragen zu werden. 



Das Team von »Ein Buch lesen!« ist die Jury und das sind wir gerne. Wir freuen uns auf die Beiträge. 



Anmerkung:

Weitere Infos zu dem Wettbewerb erhalten Sie auf unserer Seite Sagenhaft.

Der Wettbewerb hat einen regionalen Bezug. Wer jetzt traurig ist, weil er nicht mitmachen darf, kann sich auf den Seiten von Sandra Uschtrin umsehen. Auf »Autorenwelt« sind weitere Wettbewerbe zu finden.

Wer lieber liest als schreibt, dem seien die Publikationen aus der Region Westmünsterland ans Herz gelegt: die Krimis von Tuna vB.
»Blauregenmord: Ein Münsterland - Krimi«,
»Der hässliche Zwilling«, »Der Tote im Zwillbrocker Venn«
oder auch die bitterböse Satire »Hexenhausgeflüster« von Sylvia B.


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