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Sonntag, 25. Oktober 2020

562. »Vom assyrischen Baum des Lebens zum jüdischen ›Buch der Schöpfung‹«

Teil 562 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Zweiundzwanzig Grundbuchstaben: drei
Mütter, sieben doppelte und zwölf einfache.«
(1)


Foto 1: Geflügelte Genien hantieren am »Baum des Lebens«,
assyrisches Relief.
  
  
Auf sumerischen Rollsiegeln, aber auch auf assyrischen Reliefs taucht immer wieder ein seltsames Motiv auf. Im Zentrum steht ein »Baum des Lebens«. Rechts und links davon sind zwei geflügelte Wesen dargestellt, die sich am »Baum des Lebens« zu schaffen machen. Was genau tun diese seltsamen Kreaturen? Sie scheinen etwas aus dem »Baum des Lebens« heraus zu nehmen. Oder fügen sie etwas zu? Sie verändern etwas. Sie manipulieren. Leider gibt es keine erklärenden Texte zu den mysteriösen Darstellungen, die vor Jahrtausenden entstanden. Kein Künstler sah sich damals genötigt, eine Bildunterschrift anzufügen. Verstanden die Künstler vielleicht selbst nicht, was sie darstellten? Illustrierten sie uralte Mythologie, deren Sinn sie nicht zu begreifen in der Lage waren? Interpretieren wir heute, Jahrtausende später, die Darstellungen richtig?

Der geheimnisvollste Text, der mir jemals begegnet ist, beginnt mit einer Entstehungsgeschichte der alten jüdischen Geheimlehre, genannt Kabbala. »Sefer Jesirah« (andere Schreibweisen:  Sepher Jesirah, Sepher Yetzirah, Sefer Jetzira) wird gewöhnlich mit »Buch der Schöpfung« übersetzt. »Sefer Jesirah« liegt inzwischen in diversen Übersetzungen vor, ist aber kaum verständlicher als das bis heute nicht entschlüsselte »Voynich-Manuskript« (2). Auch weichen Übersetzungen manchmal in zentraler Aussage deutlich voneinander ab.

Fotos 2 und 3 : Mysteriöse Gestalten aus dem
»Voynich-Manuskript«.

Das Manuskript wird seit 1969 unter Katalognummer »MS 408« im Bestand der »Beinecke Seltene Buch- und Manuskriptbibliothek« der Yale University verwahrt. Wilfrid Michael Voynich (*1865; †1930) hat seinem Bekunden nach das mysteriöse Werk  anno 1912 in der »Villa Mondragone«, dem Jesuiten-Kolleg in Frascati unweit von Rom entdeckt. Seither wurden zahlreiche Versuche unternommen, das reich bebilderte Manuskript zu übersetzen und zu interpretieren.

Nach wie vor umstritten ist, wann das »Voynich-Manuskript« entstanden ist. 1962 kam ein Expertenteam zum Ergebnis der Text sei nach Schreibstil und Material »um 1500 n.Chr.« verfasst worden (3). Fast vierzig Jahre später, anno 2009, haben wissenschaftliche Institute in Chicago und Arizona winzige Proben von vier verschiedenen Seiten mit der Radiokarbonanalyse datiert. Ergebnis: das verwendete Pergament stammt mit großer Wahrscheinlichkeit aus der Zeit zwischen 1404 und 1438. Die Tinte stammt offensichtlich auch aus dieser Zeit.

Auch wenn sogenannte Skeptiker das Voynich-Manuskript gern für eine neuzeitliche Fälschung halten, so hat das mit der Realität nichts zu tun. Das Manuskript ist rund ein halbes Jahrtausend alt (5).

Je gründlicher sich Wissenschaftler mit dem Voynich-Manuskript beschäftigen, desto mysteriöser wird’s! Russische Wissenschaftler publizierten erstaunliche Erkenntnisse. Nach Yuri Orlov und Team vom »Keldysh Institut für angewandte Mathematik an der Russischen Akademie der Wissenschaften« in Moskau wurde das seltsame Manuskript in mehreren Sprachen verfasst (6):

Foto 4: Geflügelte Wesen manipulieren den »Baum des Lebens«.

»Demzufolge wurde der kodierte Text des Voynich-Manuskripts zu rund 60 Prozent in Deutsch oder Englisch und zu 40 Prozent in einer romanischen Sprache, etwa Latein, Italienisch oder Spanisch, verfasst. Dass es sich dennoch bisher als unknackbares Buch mit sieben Siegeln erwies, liegt nach Ansicht von Orlov daran, dass der Text keine Vokale enthält und die ursprünglichen Leerzeichen durch neue, an anderer Stelle gesetzte Lücken ersetzt worden waren.« Ein Text ohne Vokale? Das wäre ein deutlicher Hinweis auf den Urheber: das »Alte Testament« der Bibel wurde, wie auch – zum Beispiel – die legendären Texte der Qum-Ran-Höhlen, in einer Konsonantenschrift ohne Vokale verfasst.

Arthur Tucker, ein emeritierter Botaniker von der US-amerikanischen »Delaware State University«, und Rexford Talbert, ein pensionierter »Pentagon- und NASA-Informatiker« haben sich des Voynich-Manuskripts angenommen und sind zu irritierenden Erkenntnissen gekommen (7): »Ihnen war aufgefallen, dass es Ähnlichkeiten zwischen Pflanzendarstellungen im Voynich-Manuskript und Illustrationen in mexikanischen Werken des 16. Jahrhunderts gibt. So stellten sie große Übereinstimmungen mit Zeichnungen aus dem 1552 erschienen Codex Cruz-Badianus fest – einer Beschreibung von Heilpflanzen, die von den Azteken in Mexiko verwendet wurden. Im botanischen Fachblatt ›Herbal Gram‹ identifizieren die Forscher insgesamt 37 von 303 Pflanzen, sechs Tiere und ein Mineral. Und sie wollen in so manchen Pflanzenbezeichnungen Worte gefunden haben, die auf das Nahuatl, die Sprache der Azteken, und Mixtekisch zurückgehen.«

Tatsächlich ist das Voynich-Manuskript kein Buch nach unserem Verständnis, sondern ein Kodex.

Foto 5: Der assyrische
»Baum des Lebens«.
Die Erkenntnisse russischen Forscher lassen befürchten, dass das Voynich-Manuskript so einfach nicht zu übersetzen sein wird (8): »Nach einer statistischen Analyse des Textes glauben russische Experten, dass er folgendermaßen verschlüsselt ist: Vokale und Leerzeichen werden aus dem Text entfernt. Die Symbolsammlung wird in einem neuen Text zusammengefasst, der zuvor mit Leerzeichen versehen wurde. Sie schätzen, dass etwa 60 Prozent des Textes in Englisch oder Deutsch verfasst sind und der andere Teil in einer der romanischen Sprachen – möglicherweise Italienisch oder Spanisch oder sogar Latein.«

Die zahlreichen Illustrationen legen die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Werk um ein wissenschaftliches Kompendium handelt, das eine ganze Reihe von Themen abhandelt, nämlich von A wie Arzneimittelkunde bis Z wie Zodiak (Tierkreiszeichen). Die Sterngruppe Taurus soll  thematisiert worden sein. Warum? Pflanzenheilkunde und Frauenheilkunde scheinen zum breiten Spektrum zu gehören. Und dann gibt es seltsame Darstellungen von nackten Frauen in »Bottichen«, die untereinander mit einem recht technisch wirkenden Röhrensystem verbunden sind. Auf einer anderen Illustration scheinen sechs nackte Frauen auf einer Rutsche in ein muschelförmiges Becken zu gleiten. Eine weitere Frau sitzt auf dem Beckenrand.

Rätselhaft sind auch Darstellungen von Pflanzen, die bislang niemand identifizieren kann, und merkwürdige Fabelwesen, furchteinflößende Mischwesen. Eine kraftstrotzende Kreatur hat einen Hals und drei monströse Köpfe. Schade, dass man bis heute die begleitenden Texte nicht zu lesen vermag. Erst durch erklärende Texte würden die zum Teil obskuren Bilder verständlich. Gewiss, es heißt, ein Bild würde mehr aussagen als 1.000 Worte. In unseren Kirchen gibt es unzählige Darstellungen christlicher Themen. Wir verstehen sofort die Bedeutung solcher Bilder. Dabei vergessen wir, dass wir die Bedeutung dieser sakralen Kunstwerke nur erkennen, weil wir die Geschichten, die sie vermitteln sollen, bereits kennen.

Wenn wir auf einem Gemälde eine Stallszene sehen, bei der Ochsen und Esel ein Baby in einer Krippe umringen, dann wissen wir, dass es um die Weihnachtsgeschichte geht. Wir erkennen auch Maria, die Mutter Jesu und Joseph den Ehemann Marias. Wir wissen, warum die Hirten auch dabei sind. Hat aber jemand noch nie die Weihnachtsgeschichte gehört, dann mag ihm das Idyll gefallen. Worum es aber konkret geht, das erschließt sich dem Unwissenden nicht. Das Bild allein genügt nicht, es sagt weit weniger aus als 1.000 Worte.

Die Weihnachtsgeschichte ist in unseren Breiten noch sehr gut bekannt. Deshalb werden keine geschriebenen Worte benötigt, um entsprechende Darstellungen der Szenerie im Stall zu Bethlehem zu begreifen. Andere religiöse Darstellungen aus der Glaubenswelt des Christentums werden schon seltener, auch wenn sie nach wie vor zum katholischen Volksglauben gehören, erkannt. Beispiel: Im idyllischen Holzkirchen, südöstlich von München gelegen, lebt der christliche Volksglauben noch. An der einstigen Poststation sehen wir am Eck ein riesiges Gemälde. Das besonders schöne Beispiel der Lüftlmalerei zeigt einen riesenhaften bärtigen Menschen. Der Mann scheint schon älter zu sein, Bart und Haupthaar sind schlohweiß. Auf der rechten Schulter des Mannes sitzt ein kleines Kind. Der Mann hält fest einen gewaltigen Baumstamm in beiden Händen. Er steht am Rande eines Gewässers. Wer die fromme Legende, die das Bild ohne Worte erzählen soll, nicht kennt, dem kann das Bild nicht wirklich etwas erzählen.

Man benötigt eben doch Worte, um zu verstehen, was ein Gemälde zeigen soll. Bei dem Riesen handelt es sich um den Heiligen Christophorus. Folgen wir der Spur des Christophorus. Sie führt sie uns in die Türkei. Bereits anno 454 gab es in Chalkedon, heute ein Stadtteil von Ístanbul, eine dem Christophorus geweihte Kirche. Vermutlich ist der Heilige Christophorus, der heute die Autofahrer beschützen soll, ein alter heidnischer Gott aus vorchristlichen Zeiten im christlichen Gewand. Christophorus soll ursprünglich ein menschenfressendes, hundsköpfiges Monster gewesen sein. 

Foto 6: Heiliger Christophorus/
Lüftelmalerei,
Holzkirchen (bei München).
Foto und Copyright: Heidi Stahl.
Durch die auf »wundersame Weise erhaltene Taufe« wurde aus dem stummen Riesen Probus oder Reprobus der Heilige Christophorus, ein wortgewandter Missionar für den christlichen Glauben. Groß war sein Wunsch, sich nützlich zu machen. So wurde er schließlich Fährmann ohne Boot. Dank seiner riesenhaften Größe konnte er den tiefsten Fluss durchwaten. Eines Tages wollte ein kleines Kind über den Fluss getragen werden. Christophorus nahm es auf eine Schulter und machte sich auf den Weg. Von Schritt zu Schritt wurde das kleine Kind immer schwerer. Christophorus wäre fast unter der Last ertrunken. Er schafft es aber mit Müh‘ und Not ans andere Ufer. Dort spricht der Riese zum Kind: »Du … bist auf meinen Schultern so schwer gewesen: hätte ich alle diese Welt auf mir gehabt, es wäre nicht schwerer gewesen.« Das Kind antwortet: »Des sollst du dich nicht verwundern, Christophore; du hast nicht allein alle Welt auf deinen Schultern getragen, sondern auch den, der die Welt erschaffen hat. Denn wisse, ich bin Christus, dein König, dem du mit dieser Arbeit dienst.«

Nur wenn man diese Legende kennt, dann spricht die stumme Lüftelmalerei von Holzkirchen zum Betrachter. Nur dann erkennt man, was die Malerei zeigt: den heiligen Riesen Christophorus (Heiligenschein!) mit dem Jesuskind auf der Schulter. Der Riese macht sich bereit zum ersten Schritt in den Fluss. Das Jesuskind hält die Welt in der rechten Hand.

Assyrische und sumerische Darstellungen bieten geflügelte Wesen, die am Baum des Lebens Eingriff vorzunehmen scheinen. Das Voynich-Manuskript bleibt bis heute rätselhaft, da unübersetzt (unübersetzbar?) und voller rätselhafter Illustrationen. Der Christophorus von Holzkirchen beweist: Bilder sind oft nur mit verständlichem Text verständlich. Das Voynich-Manuskript beweist: Bilder ohne erklärende Texte können vollkommen unverständlich bleiben. Und das mysteriöse Werk »Sefer Jezira« beweist, dass auch übersetzbare Texte rätselhaft bleiben können: »Zweiundzwanzig Grundbuchstaben: drei Mütter, sieben doppelte und zwölf einfache.«

Fußnoten
(1) Goldschmidt, Lazarus: »Sefer Jesirah/ Das Buch der Schöpfung«, Frankfurt 1894, »Zweiter Abschnitt I«
(2) Roitzsch, Erich H. Peter: »Das Voynich-Manuskript. Ein ungelöstes Rätsel der Vergangenheit«, Münster , 2. Auflage 2010
Schmeh, Klaus: »Codeknacker gegen Codemacher/ Die faszinierende Geschichte der Verschlüsselung«, Herdecke, 2. Auflage
(3) James, Peter und Thorpe, Nick: »Keilschrift, Kompass, Kaugummi«, München 1998 (Siehe: Kapitel 11., »Kommunikation«!)
(4) Schulz, Roland: »Das Rätselbuch«, » Süddeutsche Zeitung Magazin«, Nr. 17 vom 26. April 2013, S. 41.
(5) »Ein Schleier weniger über dem Voynich-Manuskript«, »Der Standard«, 4. Dezember 2009.
Schmeh, Klaus: »Neue Datierung des Voynich-Manuskripts sorgt für Aufsehen«, »Telepolis«. 31. Januar 2010.
(6) https://www.derstandard.at/story/2000056628752/das-voynich-manuskript-wurde-in-mehreren-sprachen-verfasst (Stand 10.07.2020)
(7) Krichmayr, Karin: »Spurensuche im Voynich-Code«, »Der Standard«, »Wissenschaft«, 07.02.2014. https://www.derstandard.at/story/1389859697159/spurensuche-im-voynich-code (Stand: 10.072020)
(8) Goldman, Eleonora: »Russian scholars unlock the secret of the mysterious Voynich manuscript«, »Russia Beyond«, »Science & Tech«, 20. 04.2017, https://www.rbth.com/science_and_tech/2017/04/20/russian-scholars-unlock-the-secret-of-the-mysterious-voynich-manuscript_746881
(Stand 10.07.2020)

Zu den Fotos
Foto 1: Geflügelte Genien hantieren am »Baum des Lebens«, assyrisches Relief, British Museum. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 2 und 3 : Mysteriöse Gestalten aus dem »Voynich-Manuskript«. Fotos wiki commons/ gemeinfrei/ Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Geflügelte Wesen manipulieren den »Baum des Lebens«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der assyrische Baum des Lebens. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Heiliger Christophorus/ Lüftelmalerei Holzkirchen (bei München). Foto und Copyright: Heidi Stahl.


563. »Buchstaben und Schöpfung«,
Teil 563 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 01. November 2020



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Sonntag, 2. Februar 2020

524. »Die sieben anderen Welten der Kabbala«

Teil 524 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der Babylonische Talmud,
Titelblatt der Wilnaer Ausgabe
(1880-1886)
Seit Mitte der 1970-er Jahre habe ich mich mit jüdischem Geheimwissen beschäftigt. Während meines Studiums der evangelischen Theologie in Erlangen vergrub ich mich förmlich in den alten Texten des Zohar. Ich versuchte die Geheimnisse der Kabbala zu ergründen. Als ich den einen oder den anderen Professor der Theologie auf mein Interesse ansprach, stieß ich schnell auf wachsende Ablehnung. Ein Professor, im Fachbereich »Altes Testament« beheimatet, zeigte sich zunächst belustigt, dann erbost. Schließlich drohte er mir unverhohlen. Wenn ich mein Studium mit Aussicht auf Erfolg fortsetzen wolle, müsse ich auf »diesen Unsinn verzichten«.

In Nürnberg traf ich auf einen immer lächelnden alten Rabbi, der sich über mein Interesse am Zohar zu freuen schien. Er werde mir sehr gern bei meinem Studium des Zohar helfen. Ich möge aber zuerst verschiedene Übersetzungen des Zohar sorgsam lesen und auf mich wirken lassen. Nach »einigen Jahren« dürfe ich dann gern zu ihm zurück kommen. Dann werde er mir die Lektüre bestimmter Textpassagen ans Herz legen und hilfreiche Literatur zu diesen Texten empfehlen. Bei mir trat Ernüchterung ein. Ich hatte gehofft, so etwas wie einen Schlüssel zum Zohar zu erhalten, der mir den sofortigen Zugang zur Welt dieses geheimnisvollen Textes ermöglichen würde. Offensichtlich verbarg ich meine Enttäuschung nicht gut genug.

Der Rabbi versuchte noch, mir Mut zu machen. »Schauen sie mich an!«, forderte mich der weise Mann auf. »Ich beschäftige mich erst seit sechzig Jahren mit dem Zohar und verstehe schon einiges!« Ich resignierte. Den Zohar würde ich wohl nie wirklich begreifen. Aber ich konnte lesen, mich durch Berge von Zohar-Übersetzungen kämpfen und nach verborgenem Wissen suchen. Parallel dazu las ich im »Alten Testament«, in den »Legenden der Juden« und im Koran.

Bei meinen intensiven Textrecherchen dachte ich nicht an magische Rituale oder astrologische Weltbilder, auch nicht an vermeintlich göttliche Gebote über den Umgang mit Gläubigen und Ungläubigen, sondern – zum Beispiel – an fremde Planetenwelten fremder Sonnensysteme. 

Foto 2: Sefer Jezira
Nach dem Koran (1) schuf Allah sieben Welten und sieben Himmel. Die sieben Welten, von Gott erschaffen, finden sich auch in jüdischen Geheimlehren. Das »Sefer Jezira« (auch »Sefer Jetzira« und andere Varianten der Schreibweise) wird als »Buch der Schöpfung« oder »Buch der Formung« bezeichnet. Das Werk gilt als das älteste auf Hebräisch verfasste Buch der Kabbala. Franjo Terhart schreibt in seinem Buch »Kabbala« über »Sefer Jezira« (2): »Seinen Verfasser kennt man nicht. Es entstand etwa um die Mitte des 1. Jahrtausends in Palästina und liegt in zwei Fassungen vor, einer längeren und einer kürzeren. Es enthält grundlegende mystische Ideen. Um das Jahr 1000 wurde der Sefer Jezira häufiger kommentiert als jeder andere mystische Text – unter anderem, weil er vorgibt, bis auf Abraham zurückzugehen.«

Die heute bekannte lange Version umfasst etwa 2.500 Worte, die kurze nur 1.300 Worte. Yisrael Weinstock, einer der führenden Zohar-Experten der Welt, vermutet, dass die verschollene Originalversion vermutlich extrem kurz war. Sie bestand womöglich nur aus 240 Worten. Vergeblich habe ich nach der Ur-Version gesucht.

Ich kämpfte mich durch den »Jerusalemer Talmud«, der im 5. Jahrhundert schriftlich festgehalten worden sein soll. Ich arbeitete mich durch den noch umfangreicheren »Babylonischen Talmud«, der kurz nach dem »Jerusalemer Talmud« entstanden sein soll. Ich las und las, zum Beispiel die äußerst ausführlichen Abhandlungen über die Anwendung der Gesetzesvorschriften des »Alten Testaments« im Alltag. Ich studierte die Erklärungen der biblischen Vorschriften, so wie sie Rabbiner verstehen und interpretieren. Ja es gelang mir kurzzeitig Manuskripte einzusehen, die schließlich im gedruckten »Jerusalemer Talmud« verarbeitet wurden. In diesen Manuskripten wurde wiederholt »Sefer Yetzirah« erwähnt. Warum wurden diese Hinweise aber nicht in die gedruckte Ausgabe des »Jerusalemer Talmud« übernommen? Unklar ist, ob es sich bei diesem »Sefer Yetzirah« um »Sefer Je(t)zira« handelt.

Immer wieder konsultierte ich »meinen« Rabbi zunächst noch in Nürnberg, später in Göttingen und München. Nur selten erhielt ich konkrete Antworten. So teilte mir der gelehrte Mann mit, dass nach den Lehren der Kabbala Gott unzählige Sterne und unzählige Welten schuf. Viele dieser fremden »Erden« würden auf anderen Ebenen der Realität existieren, nicht wenige seien aber physische Himmelskörper wie unser Heimatplanet. Dort lebten, so der Rabbi, Wesen; die sich von uns Menschen sehr stark unterschieden.

Je gründlicher ich mich mit der Welt der mysteriösen alten jüdischen Überlieferungen beschäftigte, desto erstaunter war ich, wie wenig selbst die vermeintlich besten Interpreten verstanden. Was der eine Fachmann für ein simples Werk über die Schrift des alten Hebräischen war, das verstanden andere als magisches Werk, mit dessen Hilfe man Leben erzeugen konnte. Was einige für verklausulierte Vorschriften für ein gottgefälliges Leben hielten, das sahen andere als Entschlüsselung der hebräischen Buchstaben als geheime Zeichen für verborgene Botschaften.

Besonders intensiv interpretiert wird »Sefer Je(t)zira« schon seit Jahrhunderten. Handelt es sich bei dem geheimnisvollen Werk um einen philosophischen Text, um eine Abhandlung über Grammatik oder um einen Leitfaden für den Wanderer in spirituellen Welten? Geht es um Magie oder Meditation? Oder muss man »Sefer Je(t)zira« als »meditativen Text mit starken magischen Elementen« ansehen? Im Meer von zum Teil schwer oder selbst für den in Sachen Mythologie gut Informierten unverständlichen Texten versteckt tauchen immer wieder für uns seltsam klingende Namen von fremden Planeten-Welten auf.

Die Lang-Version des Sefer Jezira benennt, wie uns der Zohar-Experte Aryeh Kaplan mitteilt, sieben Planeten auf (3): »Adamah, Tevel, Nashiyah, Tzaya, Chalad, Eretz, Gai«. Aryeh Kaplan weiter: »Eine andere Quelle (4) gibt sie an als: Eretz, Adamah, Arkah, Gey, Tzaya, Nasya, Tevel. Eine weitere alte Quelle (5) listet auf Eretz, Adamah, Arka, Chariva, Yabasha, Tevel, Chalad.« Je gründlicher in den mysteriösen alten jüdischen Quellen nach diesen fremden Erden suchte, desto mehr entdeckte ich. In einem weiteren Manuskript des Sefer Jezira stieß ich auf eine weitere Auflistung der sieben Planetenwelten (6): »adama, arqa, tevel, neshija, zija, heled, erez«. Es tauchen verschiedene Listen mit den Namen der fremden Erden auf. Sie stimmen teilweise überein, sind aber nie wirklich identisch. Irritiert musste ich Verwirrendes feststellen: Es fällt auf, dass sich die Quellen uneins über die Namen der sieben fremden Planetenwelten sind.

Sie lassen aber keinen Zweifel an der Existenz fremder Planetenwelten im Universum aufkommen! Wer auch den Zohar verfasst haben mag, der war von der Existenz von anderen »Erden«, auf denen andere »Menschen« leb(t)en überzeugt. Meine intensiven Recherchen wurden belohnt. Offen gesagt: Ich suchte nach Fakten, nicht nach vieldeutiger Tiefgründigkeit und hatte Erfolg: Ich entdeckte nicht nur eindeutige Hinweise in den geheimen Schriften von Kabbala-Zohar, sondern sehr konkrete Angaben zu den Bewohnern jener fremden Welten. Im Lauf vieler Jahre notierte ich konkrete Angaben zu fremden Planeten auf Karteikarten und sortierte meine Entdeckungen. 

Bereits vor über einem halben Jahrhundert stellte Erich von Däniken (*1935) eine spannende Faktensammlung zusammen: Informationen zu fremden Planetenwelten in der geheimnisvollen Kabbala (7):

»Die sieben anderen Welten der Kabbala werden – bei wechselnden Bezeichnungen für die gleiche Sache – mit ihren Bewohnern sehr anschaulich beschrieben. Hier also Kabbala – Auszüge, die ich sinngemäß wiedergebe:
Die Bewohner der Welt von ›Geh‹ säen und pflanzen Bäume. Sie essen alles vom Baum, kennen aber keinen Weizen und keinerlei Getreide. Ihre Welt ist schattig, und es gibt viele große Tiere dort.
Die Bewohner der Welt von ›Nesziah‹ essen Sträucher und Pflanzen, die sie nicht säen müssen. Sie sind von kleinem Wuchs, und haben anstelle der Nasen nur zwei Löcher im Kopf, durch welche sie atmen. Sie sind sehr vergeßlich, und wissen bei einer Arbeit oft nicht, weshalb sie sie begonnen haben. Auf ihrer Welt sieht man eine rote Sonne.
Die Bewohner der Welt ›Tziah‹ müssen nicht essen, was andere Wesen essen. Sie suchen immer nach Wasseradern. Sie sind sehr schön von Angesicht, und haben mehr Glauben als alle anderen Wesen. Auf ihrer Welt gibt es große Reichtümer und viele schöne Bauwerke. Der Boden ist trocken, und man sieht zwei Sonnen.
Die Bewohner der Welt von ›Thebel‹ essen alles aus dem Wasser. Sie sind allen anderen Wesen überlegen, und ihre Welt ist in Zonen aufgeteilt, in denen sich die Bewohner durch Farbe und Gesichter unterscheiden. Sie machen ihre Toten wieder lebendig. Die Welt ist weit von der Sonne weg.
Die Bewohner der Welt von ›Erez‹ sind Nachfahren von Adam.
Die Bewohner von ›Adamah‹ sind auch die Nachfolger von Adam, weil Adam sich über die Trostlosigkeit auf ›Erez‹ beklagte. Sie bebauen die Erde und essen Pflanzen, Tiere und Brot. Sie sind meist traurig und bekriegen sich oft. Es gibt auf dieser Welt Tage, und die Gruppierungen der Gestirne sind sichtbar. Früher wurden sie oft von Bewohnern der Welt von ›Thebel‹ be-sucht, doch die Besucher wurden auf ›Adamah‹ von Gedächtnisschwäche befallen und wußten nicht mehr, woher sie kamen.
Die Bewohner der Welt von ›Arqa‹ säen und ernten. Ihre Gesichter sind verschieden von unseren Gesichtern. Sie besuchen alle Welten und sprechen alle Sprachen.«

Fußnoten
(1) Koran, Sure 65, 12
(2) Terhart, Franjo: »Kabbala/ Die jüdische Mystik«, Hannover 2007, S. 25, linke Spalte oben
(3) Kaplan Aryeh: »Sefer Yetzirah: The Book of Creation in Theory and Practice«, eBook, revidierte Fassung, 7. Auflage, San Francisco 1997, Seite 187, Position 3484. Hinweis: Das eBook führt den Planeten Chalad doppelt auf. Den offensichtlichen Fehler habe ich korrigiert.
(4) Ebenda, Fußnote 72: »VaYirka Rabbah 29:11, Pirkey Rabbi Eliezer 18 (43a), BaMidbar Rabbah 3:8. Cf. Raziel 15b (43), 36a (122)«
(5) Ebenda, Fußnote 73: »Otzar HaShem, ad loc., Avot Rabbi Nathan 37«
(6) Herrmann, Klaus (Herausgeber/ Übersetzer): »Sefer Jezira – Buch der Schöpfung«, Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, 1. Auflage 2008, Leipzig 2008. Hier wird als Quelle angegeben: »Sefer Jezira, Ms. Vatikan 299 §§ 43B«
(7) Däniken, Erich von: »Zurück zu den Sternen/ Argumente für das Unmögliche«, Düsseldorf 1969, 201.-250. Tausend, S. 236, 11. Zeile von unten – S. 238, 13. Zeile von unten. Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibreform angepasst.

Zu den Fotos
Foto 1: Der Babylonische Talmud, Titelblatt der Wilnaer Ausgabe (1880-1886). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Sefer Jezira. Cover. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

525. »Kain und der blinde Jäger«,
Teil 525 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 9. Februar 2020

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