Dienstag, 18. Mai 2010

Klärus und die Endlichkeit


Es ist Frühling. Der Schnee ist endlich getaut und die ersten wärmenden Sonnenstrahlen lassen nicht zu, dass Klärus weiterhin in den schützend gewärmten Räumen verbringt. Zu lange ging bereits der Winter. Zu lange war Klärus regelrecht interniert, in die Wohnung verbannt, denn die Witterung lud nicht ins Freie ein und der Schnee machte ihn noch mehr behindert, als er ohnehin schon war.
Wenn Klärus jetzt durch den Kurpark fährt, vorbei am gewaltig rauschenden Wasser eines wunderbaren Flüsschens, dann ist dieses Wasser gewaltig und zielgerichtet durch die Unterstützung des Flussbettes. Wild rauscht das Wasser wegen der zahllosen Steine, die so weit das Auge reicht das Flussbett füllen, doch unentwegt strebt das Wasser zum Ziele hin. Der Augenblick lässt das Ziel vergessen.
Die Krokusse und Schneeglöckchen blühen und wenn Klärus in die Wipfel der uralten Bäume blickt, dann erfüllt ihn ein Glücksgefühl und eine Dankbarkeit und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit allem was ist, und lässt ihn die Zeit vergessen. Dann kann er sagen, dass er noch nie so viel Lebensqualität hatte, wie in diesem Moment.
Klärus sitzt in seinem Rollstuhl, der elektrisch angetrieben, seinem Körper die Möglichkeit bietet, diesen Moment zu erleben, seiner Seele die Möglichkeit bietet, die Kraft dieser Gefühle zu speichern.

Und diese Momente hat Klärus oft, auch mitten im Menschengewühl und es ist eine Transformation der Wahrnehmung, die durch die Veränderung der körperlichen Leistungskraft geschieht, verbunden mit Akzeptanz und natürlich Annahme der vorhandenen Gegebenheiten.

Allerdings darf auch nichts mehr hinzukommen. Jedes verstopfte Nasenloch ist dann zu viel und kann wieder Ängste auslösen, wenn Klärus sich den Kräften ausliefert, welche Diagnosen auslösen können.
Es kommt darauf an, worauf er seine Aufmerksamkeit lenkt.

Aber nicht nur Diagnosen, sondern das Erleben von körperlicher Endlichkeit vor diesen zementierenden Diagnosen ist das Sprungbrett zur Bewusstseinserweiterung im weitesten Sinne.

„Sie müssen damit rechnen, dass sie für den Rest Ihres Lebens rund um die Uhr künstlich beatmet werden müssen“
Klärus liegt mit starrem Blick nach oben zur Zimmerdecke, im Bett auf der Intensivstation des nächstliegenden Krankenhauses.
Neben ihm ein kompetent erscheinender Arzt mit ernster Miene, der Klärus, wie dieser denkt, mit der Beschreibung des Ernstes der Lage, anscheinend zu Lebensmut verhelfen möchte.

„Falls dies nicht ausreichen würde, müssten wir sie in ein künstliches Koma versetzen und Sie über die Luftröhre künstlich beatmen. Sie könnten dann nie mehr sprechen und nie mehr essen. Dazu bräuchten wir aber Ihre Zustimmung“.

Klärus liegt fast wie betäubt unter seiner Beatmungsmaske und scheint kaum noch Gefühle zu kennen. Bei dieser Zukunftsperspektive ist ein Schockzustand wohl das Sicherste für die wieder mal verletzte Seele.
Soll es das jetzt gewesen sein mit dem Leben, mit dem Leben auf Erden, dieser jetzigen Inkarnation, Menschwerdung? War das alles mit der Menschwerdung?
Wo ist sie jetzt, die Blaue Blume?

Stoisch stellt Klärus die Frage an den kompetenten Arzt, was geschehen würde, wenn er das nicht wolle – das mit der Einverständniserklärung.

„Dann müssten wir uns von Ihnen verabschieden!“

* * *

„Der Körper ist der Tempel der Seele“, sagte der Ganz-Große-Liebe-Geist zu Klärus, als er mit klaren Worten zu ihm sprach. Als er in klaren Worten zu ihm sprach in einer Zeit, als es darum ging, seiner Herzensstimme mehr Platz einzuräumen, Entscheidungen nicht durch den Filter der Vergangenheitsprägungen zu treffen.
Klärus ist älter geworden. Nicht nur Klärus. Auch seine geliebte Klara. Auch ruhiger sind sie geworden. Die Kinder sind aus dem Hause.

Klärus hat aufgehört, sich mit ewigen Forderungen an sich selbst zu belasten, dies oder jenes erreichen zu müssen, wieder irgendwo ankommen zu müssen, aus welchen Gründen auch immer.
Sein geschwächter Körper hilft ihm dabei. Sein Körper, der durch die Folgeschäden einer Polioinfektion in seiner Kindheit auf viele Hilfsmittel angewiesen ist.
Dieser Körper sagt ihm auf jedem Meter des Weges, wo die Grenzen sind, dass es aber auch einen Horizont gibt und auch etwas hinter dem Horizont, was sich zeigt, wenn die Ruhe dafür da ist. Das hinterm Horizont kann nicht erzwungen werden. Es ist dann einfach sichtbar.
Der Ganz-Große-Liebe-Geist ist dem bewussten Menschen auf seinem Weg der Erkenntnis nahe und lässt sein Licht in ihm immer mehr erstrahlen. Dieses Licht soll ihn weiterhin von den Wunden der Resignation und Hoffnungslosigkeit befreien. Es soll eine Zeit kommen, voller Wunder und Segnungen, für die, welche bereit sind, sich dem zu öffnen.
Das kann wiederum schmerzhaft sein, denn es ist der wahre Kern der Illusion vom inneren Schmerz. Jeder äußere Schmerz ist eine Ausdrucksform dieser inneren Wunden. Sie suchen den Weg, um Erlösung zu finden.

„Und so erlaube du dir, dich wahrlich stets an dir selbst das alleine Licht der Quelle daselbst, vollkommen anzuvertrauen.

Sieh, dass das, was dir manches Mal als große Bürde erscheint, dir doch als großer Segen dienend gekommen ist.
Denn so führte sie dich hin, die Bürde, dass du nicht suchest im Außen, in der Welt der Zerstreuung.
So viele Menschen in scheinbar – ihr nennt es, gesunden Körpern, leben so in der Äußerlichkeit, doch nicht erkennend, dass all ihr Tun, all ihr Sehnen, all ihr Trachten, eine Identifikation, ein Körper zu sein, ist. Sie wissen nicht, dass sie mehr sind, als nur ihr Körper.
Und so sehen sie nicht die unendliche Schönheit des gnadenvollen Lichts, das sie segnet, das in ihnen daselbst strahlt.
Und aus der Durchlichtung deines Leibes – mein Sohn, geschieht dir die Leichtigkeit.
Lasse dich führwahr darin offen, so wie das Gefäß, in dem die Quelle der Liebe Raum nimmt, sich ergießt und strahlend wirket, zum Wohle allen Seins“.
(aus:Hinterm Horizont)

Diese Worte des Ganz-Großen-Lieben-Geistes haben sich in das Unterbewusstsein von Klärus eingeprägt. Wohl wissend aber hat er immer noch geglaubt, die Signale seines Körpers ignorieren zu müssen.
Der Tempel seiner Seele ist brüchig und baufällig und trotzdem belastete Klärus diesen Tempel über alle Gebühr.
Klärus erlebte die letzten Monate trotz vieler Erkenntnisse immer mehr Erschöpfung nach Bewegung. Schon kleine Kraftakte wie an- und ausziehen waren immer mehr mit Atemnot verbunden. Auch in der Nacht hatte er des Öfteren das Gefühl, nicht richtig geatmet zu haben. Schon lange spielte er mit dem Gedanken, sich doch mal in die Obhut eines fachkundigen Arztes zu begeben. Auch war ihm die Nutzung eines Atemhilfsgerätes bei anderen Polios bekannt, aber er wollte sich nicht mit Krankheit beschäftigen, seine Energien nicht auf Krankheit lenken, um dieses Gedankenpotential nicht zu verstärken. Dass er dabei lediglich verdrängte, das verdrängte er zusätzlich.
Klärus wollte weiterhin tätig sein können. Mit seiner Körperkraft noch seinen Beitrag leisten, zur Unterstützung seiner geliebten Klara im häuslichen Bereich. Dass dies sein poliogeschädigter Körper nicht verkraften konnte, ignorierte er.
Klärus dachte, dass er mit der Durchsetzung und Versorgung mit barrierefreien Maßnahmen im Hause alles getan zu haben, was seinem Körper gut tun würde. Und das war auch gut so. Aber halt auch nicht alles

* * *

Es ist Nacht, Klärus öffnet die Augen und nimmt wahr, dass neben ihm 2 Pflegepersonen auf die Messdaten der Computer auf der Intensivstation schauen, an welche sein Körper angeschlossen ist, um alle lebenserhaltenden Maßnahmen ergreifen zu können, welche in der Macht der Schulmedizin stehen.

„Atmen Sie, atmen Sie“, rufen beiden synchron, Klärus beim Namen nennend. Er selbst nimmt dies wie in Trance zur Kenntnis. Vielleicht tut er, was sie sagen, vielleicht auch nicht. Irgendwie kann er den Ernst der Lage nicht einschätzen, hat kein Bewusstsein von seiner ernsten Situation. Er weiß auch zu diesem Zeitpunkt nichts von den Sorgegedanken seiner Lieben zu Hause, die sich in einer verzweifelten Situation befinden. Sie wissen nicht, ob ihr lieber Klärus die Nacht überleben wird, oder nicht, denn sein Körper ist vergiftet vom CO 2, weil seine Lunge den Gasaustausch nicht mehr bewerkstelligen konnte.
Die Atemmuskulatur, die bei vielen Poliobetroffenen keine Ruhe kennt, keine Entspannungsphasen hat, wie beim so genannten „gesunden“ Menschen, kann im Laufe der Zeit die Marathontätigkeit einstellen und versagen. So bei Klärus. Er wusste schon seit geraumer Zeit, dass viele Poliobetroffenen zur Entlastung der Atemmuskulatur in der Nacht ein Atem unterstützendes Gerät haben, sodass sich die Atemmuskulatur erholen kann. Klärus hatte Angst davor, ein solches Gerät zu benötigen.
Jetzt ist all das geschehen, wovor er immer Angst hatte. Immer noch Angst trotz all seiner Erkenntnisse mit all den Schlägen des Lebens, welche zu denselben führten.

Klärus wacht wieder auf, seine Frühere Schwester steht neben seinem Bett. Frühere Schwester deswegen, weil sie in einer früheren Inkarnation auf Erden die Schwester von Klärus war, beide sich in diesem Leben wieder gefunden haben und sich all die Jahre mit Rat und Tat zur Seite standen. Nun steht sie neben seinem Bett in der Intensivstation, hält seine Hand und fragt ihn ernst, ob er „gehen“ möchte. Er weiß, was sie damit meint, nimmt die Frage zur Kenntnis, kann aber keine Antwort darauf geben. Hat auch kein Gefühl dafür. Es ist schon eigenartig, aber es scheint so, dass in einer Zeit des Übergangs dies als solches nicht als schlimm wahrgenommen wird. Zumindest muss es diese Option geben, denn so empfindet dies Klärus. Er hat kein Gefühl von Leid, von Schmerz, von Abschied, auch ist es Klärus nicht emotional bewusst, dass dies eine leidvolle Zeit für seine Lieben ist. Auch hat er kein Empfinden über seinen körperlichen Zustand.

„Erkenne – dass du niemals dieser Körper warst.
Du trägst ihn.
Er ist dir wie ein Gewand.
Erlaube dir um deiner Erkenntnis willen, irdische Hilfe anzunehmen.
Siehe, dass daselbst Menschen von großer Weisheit erfüllt, und doch zugleich in scheinbar gepeinigtem Körper auf der Erde dienten und noch dienen und doch sehen sie sich nicht gepeinigt.
Und darum sprach ich zu dir „scheinbar“ gepeinigt.
Denn sie wissen, dass sie nicht dieser Körper sind.
Und so ist darin keine Identifikation mit der Begrenzung.
Siehe – dass du daselbst willkommen bist, ein Gleiches in dir zu erfahren.“
Erlaube Menschen die in gesundem, irdischem Gewand, dir helfend zu dienen.
So wird es geschehen, wann immer du bereit dazu bist.“ (aus: Hinterm Horizont)

erstellt von Roland Stickel
(bisher nicht veröffentlichter Text)

Die Bücher von Roland Stickel bei Amazon bestellen:
Augenblicke im Leben eines Menschen
Hinterm Horizont

Sonntag, 16. Mai 2010

18 »7 Erklärungen und ein unterirdisches Geheimnis«

Teil 18 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Sieben Erklärungen des »Phänomens Nasca« sollen verdeutlichen, wie widersprüchlich die von der wissenschaftlichen Seite vorgetragenen Lösungen sind. Die sieben »Lösungen« stehen stellvertretend für eine wahre Flut an »Antworten«. Das Sammelsurium hätte noch erheblich erweitert werden können. Die unterschiedlichsten Meinungen zu Nasca werden seit vielen Jahren verkündet.. und immer zur endgültigen Antwort auf die Fragen in Sachen Nasca erklärt. Und immer wieder heißt es dann: »Däniken widerlegt!«

Fakt ist aber: Die dänikensche These ist bis heute keineswegs widerlegt. Es wurden lediglich immer neue Lösungen für das Problem Nasca vorgetragen. Bewiesen werden konnte keine einzige!

Erklärung 1: Hobby-Archäologe Jim Woodman behauptet, Nasca sei ein Startplatz für Heißluftballone gewesen. Gegenargument: Solche Ballone benötigen keine »Landebahnen«. Heißluftballone steigen von einem Punkt senkrecht in die Höhe. Zudem nutzte Woodman zwar Stoffe, die schon von den Nasca-Bewohnern vor vielen Jahrhunderten gewebt und verwendet wurden. Aber Woodmans Experiment funktionierte nur, wenn sein »primitiver« Heißluftballon mit einem modernen Nachbrenner ausgestattet war. So etwas besaßen die Nasca-Bewohner vor rund 2000 Jahren definitiv nicht.

Wenn behauptet wird, Woodman habe ausschließlich Mittel und Materalien eingesetzt, die vor Jahrhunderten den Menschen von Nasca zur Verfügung standen, dann ist das definitiv falsch. Die Nasca-Menschen besaßen definitiv nicht die Mittel, um einen Woodman-Ballon zu bauen. Woodman hat, allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz, das Geheimnis von Nasca nicht gelöst.

Angeblich ließen die Menschen von Nasca auf der Ebene mit den Riesenbildern Heißluftballone aufsteigen: mit vornehmen Toten »an Bord«. So sollten die Edlen in den Himmel, womöglich zur Sonne, reisen. Eine solche Form der Bestattung passt allenfalls zu den späteren Inkas, bezeichnete sich doch der Herrscher der Inkas als »Sohn der Sonne«. Doch dieser besondere Kult entstand sehr viel später, lässt sich für die Nasca-Kultur nicht nachweisen.

Selbst wenn – rein hypothetisch – vornehme Tote per Heißluftballon gen Himmel geschickt wurden... weit können diese primitiven »Himmelsschiffe« nicht gekommen sein. Sie stürzten – so es sie gegeben haben sollte – wieder vom Himmel, fielen auf die Hochebene von Nasca herab... Das war alles andere als ein würdevoller Abgang für bedeutsame Persönlichkeiten. Meine Meinung: Die Heißluftballonthese ist und bleibt eine kühne Annahme, die nicht als logisch bezeichnet werden kann.

Erklärung 2: Maria Reiche (geboren am 15. Mai 1903 in Dresden; gestorben am 8. Juni 1998 in Lima, Peru) hat Jahrzehnte entbehrungsreich in Nasca gelebt, gearbeitet und geforscht. Sie meinte, die Linien seinen so etwas wie ein astronomisches System. Gerald S. Hawkins, Astronomieprofessor in Cambridge, Massachusetts, liebäugelte auch mit dieser Lösung. Hawkins war von den Gedanken Maria Reiches fasziniert. Berühmt geworden war er mit seiner Lösung des Mysteriums von Stonehenge. Dank Computertechnologie konnte er nachweisen, dass Stonehenge so etwas wie ein steinzeitliches Observatorium und ein Computer zugleich war.

Sollte Nasca ebenfalls ein riesiges Observatorium sein? Sollte man die Bilder und Bahnen wie Zeichen in einem riesigen Buch lesen können? Hawkins überprüfte diese These per Computersimulation. Er fütterte seinem Computer alle wichtigen Sternpositionen der letzten 6 900 Jahre, verglich damit sämtliche Linien. Ist es so, dass bedeutende Sternkonstellationen über Nasca-Linien angepeilt werden konnten? Das Ergebnis fiel niederschmetternd aus. Hawkins konstatierte resignierend: »Nein, diese Linien waren nicht auf Gestirne ausgerichtet. Enttäuscht mussten wir die Theorie eines astronomischen Kalenders aufgeben.«

Eine Anmerkung sei mir gestattet: Auch wenn ich Frau Reiches Interpretation der Nasca-Bilder nicht teile, nötigt sie mir gewaltigen Respekt ab. Die in höchstem Maße engagierte Forscherin lebte Jahrzehnte unter schwierigsten Bedingungen vor Ort, auch um die Nasca-Kunst vor der Zerstörung zu bewahren.

Maria Reiche hatte gute Chancen und beste Aussichten auf einen sicheren Posten als Lehrerin in Dresden. Die politische Situation in Deutschland behagte ihr aber nicht. Ein Zeitungsinserat lockte sie 1932 nach Peru. Da wurde eine Hauslehrerin vom deutschen Konsul Tabel für seine Kinder gesucht. Der Job interessierte die junge Pädagogin. Maria Reiche reiste nach Südamerika, entdeckte das Mysterium von Nasca für sich. Sie kehrte nie mehr in die Heimat zurück.

Am 22. Juni 1941 brach Dr. Paul Kosok, ein Historiker von der »Long Island University«, New York, zu einem Erkundungsflug auf. Von einem einmotorigen Sportflugzeug aus wollte er zwischen den Ortschaften Ica und Nazca alte Wasserkanäle ausfindig machen. Zu seiner Verblüffung fand er nicht das Gesuchte, sondern... Scharrbilder im Wüstenboden. Der Zufall führte Dr. Kosok und Maria Reiche zusammen. Kosok begegnete der jungen Deutschen in einer Gastwirtschaft, wo sie für die Wirtsleute die Buchführung machte. Dr. Kosok suchte eine wissenschaftliche Hilfskraft. Sie sollte Übersetzungsarbeiten für ihn erledigen können und über Kenntnisse in Mathematik verfügen. Maria Reiche war firm in Spanisch und Deutsch... und sie war Mathematikerin. So erfuhr sie von den Scharrzeichnungen von Nasca.

Aus der Luft, so notierte Maria Reiche, erinnerten einige der Riesenbilder-Pisten an Flugplätze. Und in der Tat: So sehen die oft kilometerlangen Bahnen tatsächlich auch aus. Maria Reiche konstatierte diesen unbestreitbaren Sachverhalt. Erich von Däniken tat das auch. Erich von Däniken erntete für seine sachliche Feststellung Hohn und Spott.

Die Wüstenebene von Nasca zog Maria Reiche in ihren Bann und ließ sie nicht mehr los. Sie begann, systematisch die Gluthölle von Nasca nach Scharrzeichnungen zu untersuchen. Mit unermüdlicher Ausdauer schleppte sie eine Stehleiter über die Wüstenebene und erklomm sie immer wieder. Fünfzig Zeichnungen im Boden entdeckte sie. Im Alter von 52 Jahren ließ sich Maria Reiche auf den Kufen eines Hubschraubers festbinden und fotografierte die riesigen Bodenzeichnungen von der Luft aus. Ihre Aufnahmen machten Maria Reiche weltberühmt. Dass das riesige Bilderbuch 1994 zum Weltkulturerbe ernannt wurde und so unter besonderem Schutz steht, ist den unermüdlichen Anstrengungen Maria Reiches zu verdanken!

Erklärung 3: Nach William H. Isbell, New Yorker Staatsuniversität, glaubt, die Riesenbilder seien als eine Art Beschäftigungsprogramm entstanden. Seine Überlegung: Gab es reichlich Nahrung, mussten Scharrbilder geschaffen werden, damit das Volk nicht übermütig wurde. Aufstände und Rebellionen sollten so unmöglich gemacht werden. Hätten aber sinnlose Arbeitsprogramme nicht erst recht den Zorn der Bevölkerung hervorgerufen? Und wann gab es in einer lebensfeindlichen Wüstenregion je Nahrung im Überfluss?

Erklärung 4: Nach Henri Stierlein sind die Scharrbilder Spuren von »gigantischen Webketten«. Fleißige Indios sollen kilometerlange Fäden aufgereiht und verwoben haben. Einwand: Das ist nicht praktikabel. Nicht wenige Linien führen an steilen Felswänden empor oder überspringen Schluchten. Andere Linien kreuzen sich.

Erklärung 5: Professor Frederico Kauffmann-Doig erkennt in den Scharrbildern Beweise für einen »Katzenkult«. Einwand: Es wurden zwar alle möglichen Tiere, von der Spinne bis zum Affen, dargestellt, aber keine einzige Katze.

Erklärung 6: Der verstorbene Fernsehprofessor Hoimar von Ditfurth wollte Nasca als gigantische Sportarena verstanden wissen. Die Linien seien von hurtigen Läufern abgerannt worden. Einwände: Ein 1000 Quadratkilometer riesiges »Sportareal« wäre wirklich unsinnig. Die Athleten wären gar nicht zu beobachten gewesen. Außerdem: Linien, die über Klippen führen, die an kaum begehbaren Steilhängen in den Himmel weisen, sie wären als »Laufbahnen« denkbar ungeeignet gewesen. Außerdem: Wenn schnelle Läufer in Kurven sausen, dann hat das zur Folge, dass in den Kurvenaußenseiten mehr Sand und Steine angehäuft werden (Zentrifugalkraft). Messungen vor Ort ergaben, dass das bei den kurvigen Linien von Nasca nicht der Fall ist.

Erklärung 7: Simone Waisbard verkündet – das babylonische Durcheinander bei den »Erklärungen« für das Phänomen Nasca grob missachtend – eine weitestgehende Übereinstimmung bei den peruanischen Fachleuten: demnach diente das gigantische Bilderbuch von Nasca dazu, »die zu erwartende Niederschlagsmengen zu bestimmen«. Die Nasca-Menschen hätten, so Simone Waisbrad weiter »aus dem Flug der Seevögel« das künftige Wetter erkennen können. Und die Nasca-Zeichnungen würden just diesen Seevögeln ähneln.

Nun: Es gibt keine These, die von einer Mehrheit oder allen peruanischen Experten vertreten wird. Die Nasca-Zeichnungen ähneln zudem in keiner Weise den Seevögeln. Und wie die mysteriösen Bilder – Darstellungen unterschiedlichster Tiere und Pisten – genutzt worden sein sollen, um künftige Niederschlagsmengen zu berechnen... bleibt schleierhaft!

Die zu erwartenden Niederschlagsmengen konnten übrigens sehr leicht prognostiziert werden: Es regnete so gut wie überhaupt nie in der Wüstenregion von Nasca. Häufige und vielleicht gar heftige Niederschläge hätten im Verlauf der Jahrhunderte die Zeichnungen von Nasca längst zum Verschwinden gebracht!

Keiner der Gelehrten, der die eigene ganz private Meinung für des Rätsels Lösung hält, ist je mit auch nur einem Wort auf ein weiteres Geheimnis von Nasca eingegangen. Ich habe es als erster Buchautor überhaupt in meinem Buch »Bevor die Sintflut kam« beschrieben. Das mag daran liegen, dass ich – im Gegensatz zu anderen Publizisten – nicht nur am heimischen Schreibtisch recherchiere, sondern stets die geheimnisvollen Orte selbst aufsuche.

Das riesige Wüstenareal von Nasca hat eine geheimnisvolle »Unterwelt«. Wann mag sie erschaffen worden sein? Geschah dies vor mehr als 2 000 Jahren? Wurde die riesige Ebene vollkommen untertunnelt, bevor die Scharrzeichnungen in den Boden gekratzt wurden? Einer uralten Überlieferung nach schuf kein Geringerer als Schöpfergott Viracocha die Unterwelt von Nasca. In einer Zeit schlimmer Dürre kam Viracocha vom Himmel herab. Das Leid der Menschen rührte ihn zutiefst. Er weinte bitterlich. Die göttlichen Tränen sammelten sich unter dem heiligen »Berg« Cerro Blanco zu einem riesigen See. (»Cerro Blanco« ist mit einer Höhe von über 2 000 Metern die höchste Sanddüne der Welt!)

Diese lebensnotwendigen Wasserfluten gelangten über die Arme des Sees unterirdisch zu den Bewohnern von Nasca, die von nun an keinen Durst mehr leiden mussten. Die mythologische Erklärung weist auf ein sehr hohes Alter der Unterwelt von Nasca hin. Wann aber entstanden die Tunnel? Vor zwei Jahrtausenden... oder noch weiter zurück in der Vergangenheit?

Wie auch immer: Es wurde vor vielen Jahrhunderten ein kompliziertes subterranes Tunnelsystem angelegt. Den Einheimischen ist diese Anlage, die mit einem kaum vorstellbaren technischen Aufwand erstellt worden sein muss, seit langem bekannt. Sie nennen auch heute noch die Eingänge zu der unterirdischen Röhrenwelt »Augen der Wüste«. Früher soll es davon viele Tausende gegeben haben. Heute sind nur noch verhältnismäßig wenige erhalten geblieben.

Sie sehen aus, als habe man mit einem riesigen Bohrer eine »Wendeltreppe« ins Erdreich gepresst. Spiralförmig führt ein schmaler Weg in die Tiefe. War man eben noch der staubigen, trockenen Wüstenglut ausgesetzt, so fühlt man sich in eine ganz andere Welt versetzt. Noch heute fließt frisches Quellwasser durch die Röhren. Fische (eine Welsart) gedeihen darin prächtig.

Als 1955 die Stadt Nasca ein »modernes Trinkwassersystem« anlegte, stieß man bei Aushubarbeiten auf die alten Tunnel und Röhren. Große Teile der mehr als 2 000 Jahre alten Anlage wurden einfach übernommen.

Vor Ort hörte ich: Es soll noch heute breite unterirdische Straßen geben, in denen man mit einem Jeep von einer Seite auf die andere Seite der Ebene gelangen kann – unter dem Wüstenboden, wohlverstanden. Manche der Röhren liegen fast zwanzig Meter unter der Erdoberfläche. Archäologen vor Ort meinen: Man hat zunächst Gräben ausgeschachtet, mit massiven Steinplatten weit unter der Erdoberfläche abgedeckt und dann alles zugeschüttet. Oder wurde doch, mit welcher Technologie auch immer unterirdisch »gebohrt«. Früher wurden die Röhren und Tunnel gewartet, gereinigt und ausgebessert – unterirdisch.

Ich selbst habe mehrere »Augen der Wüste« inspiziert. Die breiteste »Treppenspirale« hatte oben an der Erdoberfläche einen Durchmesser von fünfzehn Metern. Der Eingang in die Unterwelt lag fünfeinhalb Meter tiefer. Alle »Augen der Wüste« führen zu unterirdischen Tunnel, die meist etwa fünf Meter unter dem Wüstenboden verlaufen. Folgt man den Treppen, gelangt man zu einem Einstieg in das unterirdische System. Die von mir vermessenen »Tunnel« hatten eine Höhe von 120 Zentimetern und waren 60 Zentimeter breit. Die »Röhren« verliefen zickzackartig von Schacht zu Schacht.

Kriecht man hinein, kommt man am besten auf allen Vieren weiter. Von unten erfrischt eiskaltes Wasser. Von oben hängen bleiche Wurzeln herab, wie bleiche Finger einer Totenhand auf der Suche nach Wasser.

Die Schächte (»Augen der Wüste«) wurden wendeltreppenartig angelegt. Wurden sie nachträglich in den knochentrockenen Boden getrieben, um an das lebenswichtige Wasser zu gelangen? Sind die unterirdischen Wasserläufe also älter als die diversen Zugänge zum Wasserschöpfen? Oder stammen die »Wendeltreppen« von den Erbauern des unterirdischen Systems selbst?

1988 kamen Katherine Schreiber und Josué Lancho Royas in »Boletin de Lima« (Septemberausgabe) zum Ergebnis: die unterirdische Anlage ist einzigartig in Peru, ja vermutlich in ganz Amerika!

Die Ebene von Nasca wird um so mysteriöser, je näher man sich mit ihren Geheimnissen beschäftigt. Welchem Zweck diente ein weitverzweigtes Tunnelsystem, das kostbares Wasser tief unter die Wüstenoberfläche leitete, wo es doch an der Erdoberfläche dringendst benötigt wurde? Kristallklares Wasser, das in künstlich angelegten Tunnel tief unter dem staubtrockenen Wüstenboden dahinfließt... Man kann es problemlos trinken. Kleine Fischchen flitzen umher.. im glasklaren Wasser unter der Wüste. Das, so scheint mir, ist das wirklich große Mysterium von Nasca: das lebensspendende Wasser unter der höllisch-lebensfeindlichen Wüste.

Verwendete Literatur

Däniken, Erich von: »Habe ich mich geirrt?«, München o.J.
Ditfurth, Hoimar von: »Warum der Mensch zum Renner
wurde«, »Geo« Nr.12 1981
Hadingham, Evan: »Lines to the Mountain Gods«, New York 1987
Hawkins, Gerald S.: »Beyond Stonehenge«, London 1973
Hiben, Frank: »The Lost Americns«, New York 1961
Isbell, William: »Die Bodenzeichnungen Alt-Perus«, »Spektrum
der Wissenschaft«, Dezember 1978
Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam«, München
1996
Mason, Alden J.: »Das alte Peru«, Zürich 1965
Reiche, Maria: »Geheimnis der Wüste«, Stuttgart 1968
Stierlin, Henri: »Nazca, la clef du mystère«, Paris 1983
Stierlin, Henri: »Nazca«, Paris 1983
Waisbard, Simone: »Nazca – Zeichen in der Wüste«, Beitrag zu »Die letzten
Geheimnisse unserer Welt«, Stuttgart 1977
Williamson, George H.: »Road in the Sky«, London 1965
Woodman, Jim: »Nazca«, München 1977



»Der Dreizack von Pisco«,
Teil 19 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23. Mai 2010

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)