Sonntag, 28. November 2010

45 »Das Geheimnis der Maria von Guadalupe«

Teil 45 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Andenkenhändler vor der Basilika von Guadalupe
Foto: Walter-Jörg Langbein
Der gewaltige, moderne Bau der Basilika von Guadalupe wirkt höchst imposant, ja futuristisch-kühn. Pedro Ramirez Vasquez hat das Gotteshaus entworfen. Am 13. Oktober 1976 wurde die Basilika geweiht, ein Jahr später eröffnet. Mit 10.000 Sitzplätzen gehört sie zu den größten Kirchen unseres Planeten. Insgesamt kann sie 40.000 Pilger aufnehmen, wie ein riesiges Zelt aus Stahl und Beton. Gewaltig ist die Last, die die unsichere Erde von Guadalupe außerhalb von Mexiko-City zu tragen hat. Um die größte Pilgerkirche der Welt abzusichern, wurden gut 1000 massive Säulen ins Erdreich versenkt, die den monumentalen Bau tragen. Für motorisierte »Pilger« wurde ein unterirdisches Parkhaus ins Erdreich gegraben. 1000 Autos finden Platz.

Beim Bau der Basilika hat man sich auf den Besuch von Millionen von Pilgern eingestellt. Dem Architekten war klar: Die Menschen würden in die Basilika strömen, um ein physisch greifbares Wunder zu sehen: das mysteriöse Bildnis der Maria von Guadalupe. Jeder sollte die Chance haben, das verehrte Tuch zu sehen. Würden aber fromme Pilger nicht zu lange vor der Reliquie stehen bleiben... und andere daran hindern, möglichst nahe an das Ziel ihrer Reise zu treten... an das Bildnis der Maria von Guadalupe? So wurden drein mechanische Förderbänder installiert, die am Hauptaltar vorbeiführen.

Innenansicht der Basilika von Guadalupe
Foto: Joaquín Martínez Rosado (Public Domain)


Pedro Ramirez Vasquez, der berühmte Architekt, durfte das Tuch von Guadalupe mit dem berühmten Bildnis untersuchen. Er soll, so heißt es, kein gläubiger Christ gewesen sein. Nachdem Vasquez die Tilma studiert hatte, trat er der katholischen Kirche bei ... Was hat den kühlen Denker so beeindruckt?

»Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.«... So heißt es in Goethes Faust. Und in der Tat entziehen sich fast alle religiösen Wunder der rationalen Hinterfragung. Eine ganz erstaunliche Ausnahme gibt es freilich - und die ist eine Sensation. Die Jungfrau von Guadalupe hat so etwas wie einen fotografischen Beweis hinterlassen. Und das, obwohl die mehr als mysteriösen Ereignisse bereits vor fast 500 Jahren stattfanden. Ein wundersames Bildnis erschien auf nicht nachvollziehbare Weise auf dem Umhang eines einfachen Indio ...

Dieses Bildnis ist in Mexiko allgegenwärtig. Es wurde über die Jahrhunderte zu einer Ikone des Glaubens der mexikanischen Ureinwohner, der Nachfahren der Azteken. Auch wenn es nicht leicht fällt, zu verstehen: der christliche Glaube, der vor rund einem halben Jahrtausend mit gewalttätigen Plünderern ins Land kam, wurde von der gedemütigten Bevölkerung angenommen ... nach den wundersamen Ereignissen von Guadalupe. Auf einem kleinen Friedhof außerhalb von Mexiko-City sah ich das Bildnis von Guadalupe auf einem heutigen Grabstein verewigt...

Das Bildnis der Maria auf einem Grabstein
Foto: Walter-Jörg Langbein
Juan Diego war ein gebürtiger Azteke. 1525 trat er zum christlichen Glauben über. Er war vom neuen Glauben zutiefst überzeugt. Man muss ihn als guten Katholiken bezeichnen. Fast täglich suchte er die Kirche im mexikanischen Tlaticlo auf. Er verbrachte einen erheblichen Teil seines Alltags damit, von seinem bescheidenen Heim im Dörfchen Tolpetlac zum Gotteshaus und zurück zu marschieren. Neun Weilen war der Weg lang, Juan Diego stand meist schon in der Nacht auf.

Am 9. Dezember 1531 war Juan Diego wieder einmal unterwegs zur Kirche, da hörte er unweit des Berges Tepeyac wunderschöne Musik. Als er nach kurzer Pause weitermarschieren wollte, so wird überliefert, sprach ihn eine Stimme an: »Juanito, Juan Dieguito.« Wer redete ihn da so zärtlich an? Wer verwandelte seinen Namen im Spanischen geradezu zu einem Kosewort? Man kann die Anrede so übersetzen: »Kleiner Juan-chen, Juan Diego-chen«.

Die Gläubigen sind von der Realität des mysteriösen Erlebnisses überzeugt. Sie kommen aus aller Welt nach Mexiko, um dem Ort des rätselhaften Geschehens zumindest einmal im Leben nahe zu sein. Da schläft der erschöpfte Hirte in ärmlicher Kleidung im Gotteshaus ein. Neben ihm sitzt ein reicher Industrieller im teuren Anzug. Wo man auch im gewaltigen Kirchenhaus sitzt, man kann immer das Bildnis der Maria sehen. Gar manches Mal war ich in der Basilika. Mehr als der mächtige Bau hat mich die friedliche Stimmung im Gotteshaus beeindruckt. Nonnen und Mönche, Arme und Reiche erweisen der Maria ihre Referenz. Selbst Touristen in grellbunter Kleidung fallen hier nicht unangenehm auf.

Die Atmosphäre ist nicht in Worte zu fassen. Es liegt ein geheimnisvoller Frieden über dem Raum. Die Menschen spüren so etwas wie eine geistig-seelische Verbindung. Sie verstehen einander, auch wenn sie aus unterschiedlichsten Kulturkreisen und Schichten kommen. Mich, der ich alles andere als kirchenfromm bin, hat Guadalupe immer wieder zutiefst beeindruckt. Mir war, als würde in jener riesigen Kathedrale zumindest für einen Moment die tiefe Sehnsucht nach Ruhe und Frieden erfüllt ... in einer Welt der Hektik, nur einen Katzensprung von der lauten, oft stinkenden Metropole Mexiko City entfernt.

Es ist, als gehe ein Zauber von den mysteriösen Ereignissen aus, die vor fast einem halben Jahrtausend Juan Diego in ihren Bann zogen. Ein »edles Fräulein, dessen Gewand leuchtete wie die Sonne, als ob es vom Licht widerstrahle« stand da, so ist uns überliefert worden, auf einem Felsen. »Der Glanz von ihr schien wie Edelsteine, wie der schönste Schmuck. Und die Kakteen und die übrigen Kräutlein sahen aus wie Smaragde. Wie Türkis sah ihr Blätterwerk aus, und ihre Zweige, ihre Dornen leuchteten wie Gold.«

Juan Diego fiel auf die Knie. Er schlug ergriffen, ja erschüttert, die Augen nieder. Das himmlische Wesen erklärte, es sei »die vollkommene heilige Jungfrau Maria«. Juan Diego bekam den Befehl, auf dem Tepeyac eine Kapelle errichten zu lassen. Er solle nur rasch den Bischof von Mexiko aufsuchen und das dringende Anliegen Mariens vortragen. Juan Diego hatte keinen Zweifel: Er musste gehorchen, dem Willen Mariens konnte er sich nicht widersetzen. Er stürzte in die Stadt, um eine Audienz bei Bischof Juan de Zumarrage zu erbitten. Der hochrangige Mitarbeiter in Gottes Bodenpersonal war allerdings nicht unbedingt ein Mann des Volkes, der sich auf ein Gespräch mit einem einfachen Gläubigen einließ ... schon gar nicht mit einem Indio, der sich womöglich eine obskure Geschichte ausgedacht hatte. Oder war der Mann gar alkoholisiert gewesen, als er angeblich eine Erscheinung hatte?

Wenn Juan Diego aber doch die Wahrheit sprach? Immerhin ließ er sich nicht abwimmeln, sondern beharrte darauf, den Bischof unbedingt sprechen zu müssen. Seine Ausdauer wurde auf eine harte Probe gestellt. Man ließ ihn warten... stundenlang...Immer wieder versuchte man, ihn abzuwimmeln... Vergeblich. Schließlich hörte sich der hohe Würdenträger Juan Diegos Bericht an und schickte ihn wieder weg. Enttäuscht machte sich Juan Diego auf den Heimweg. Unterwegs begegnete ihm wieder die Erscheinung. Wieder bekam er den Auftrag, zum Bischof zu gehen. Wieder wurde er vorgelassen. Der Bischof fühlte sich belästigt. Er forderte Juan Diego auf, ihm doch einen Beweis für seine angebliche Begegnung zu bringen. Wie aber sollte so ein Beweis aussehen? War das Wort Marias nicht Beweis genug? Wie sollte er dem Bischof glaubhaft machen, dass ihm tatsächlich Maria, die Mutter Gottes nach katholischem Glauben, begegnet war?


Die Maria von Guadalupe, das Original
Foto: Walter-Jörg Langbein
»Das Wunder von Guadalupe«,
Teil 46 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 5.12.2010

















Samstag, 27. November 2010

Rezension: Animal triste - Monika Maron

Heute möchte ich die erste Rezension, die ich je in meinem Leben verfasst habe, vorstellen. Ich ließ diese Rezension im Jahre 1999 Reich-Ranicki zukommen, nachdem ich in Frankfurt im Verlagshaus Fischer zur Lesung bei Monika Maron war und wenig später, nicht ganz einverstanden mit den Ausführungen im "Literarischen Quartett", zur Feder griff. Dem begnadeten Literaturkritiker schien die Rezension gefallen zu haben, denn er schickte mir in der Folge 2 Freikarten für die Vorstellung seiner Biografie in den Räumen des Goethe-Institutes, direkt neben dem Geburtshaus von Goethe in Frankfurt.

Von Reich-Ranickis Vortrag ist mir nach 11 Jahren kaum mehr etwas im Gedächtnis geblieben, allerdings habe ich noch immer das Bild vor mir, als er im Anschluss an die Lesung wie ein junger Gott (er hatte wenige Monate zuvor seinen 79.Geburtstag gefeiert) vom Podium hüpfte, um mit einigen hübschen Frauen vergnügt zu flirten. Goethe auf Wolke 7 hat sich gewiss gefreut, dies zu sehen, denn auch er warf bekanntermaßen im fortgeschrittenen Alter noch Äugelchen. :-))

3 Jahre später, im November 2002 begann ich dann auf der Amazonplattform Rezensionen zu verfassen und hätte diesen Schritt vermutlich niemals gewagt, wenn Herr Reich-Ranicki mich durch die Einladung zu seiner Lesung nicht zum Schreiben motiviert hätte. Ihm sei an dieser Stelle nochmals recht herzlich gedankt.

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Aninmal Triste- Monika Maron

Dieser Roman ist ein wirklich gelungener Beitrag zum Hohenlied der Minne.

Hier überwindet eine Frau, ob gewollt oder ungewollt sei dahingestellt, ihren Penthesileakomplex. Hier huldigt eine Naturwissenschaftlerin der Minne und zwar so, wie es beinahe tausend Jahre zuvor bereits einige südfranzösische Troubadoure taten und dennoch ist der Lobgesang alles andere als abgeschmackt.

Die Liebe an sich, nahezu unabhängig von ihrem Objekt, ist das zentrale Thema des Romans. Diese Liebe wartet darauf aus dem Menschen hervorzubrechen, - mithin keineswegs, wie landläufig angenommen, über ihn hereinzubrechen -, sich an einem Objekt zu entzünden, unkontrolliert, einen Flächenbrand zu bewirken, der alles, was das Individuum ausmacht, unwichtig werden läßt oder gar zerstört und am Ende das seligmachende Nichts zum Ergebnis hat.

Damit diese Liebe voll nach außen dringen kann, bedarf es offenbar einer philosophischen, möglicherweise auch religiösen oder ideologischen Bindungslosigkeit, herbeigeführt durch Desillusionierung gleich welcher Art.

Bei der Protagonistin hat sich diese Konstellation durch des Ende der DDR-Regimes und damit verbunden, durch den Wegfall alter, überkommener Denk- und Wertschablonen ergeben. Bleibt zu überlegen, ob besagte Zusammenhänge für das eruptive Hervorbrechen von Liebe eine "Conditio sine qua non" verkörpern.

Die Liebe, einmal herausgeschleudert, wie ein Dschinni aus der Flasche, läßt sich in diese nicht mehr zurückweisen, auch dann nicht, wenn das Objekt der Liebe bereits den Rückzug angetreten hat oder vielleicht sogar nicht mehr existent ist.

Sie führt, sowohl im als auch außerhalb des Menschen eine Eigenleben, ist Akteurin und läßt den Betroffenen zum Somnabulen, gleichsam zur entscheidungsunfähigen Ziehpuppe mutieren.

Demnach wird in "Animal triste" die Liebe als imposantes Naturschauspiel gezeigt.

Fasziniert beobachtet der Leser das Geschehen und konstatiert, daß die hier stattgefundene Eruption das vermeintliche Ich vollständig abgetragen hat.

Wenngleich die so gezeichnete Liebe eine alles zerstörende Naturgewalt zu sein scheint, ist sie aber auch eine nicht zu unterschätzende Chance für den Einzelnen, endlich von dem Korsett seiner individuellen Eitelkeiten und Egoismen loszukommen und auf diese Weise eins zu werden mit der Natur.

Vielleicht beruht genau auf dieser Möglichkeit die Meinung der Protagonistin, daß man im Leben nichts versäumen könne, als die Liebe.


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