Sonntag, 7. Juli 2013

181 »Der Herrscher und der Friseur«

Teil 181 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

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In den Ruinen von Tughlaqabad
soll es spuken. Foto: W-J.Langbein
»In einer uralten indischen Ruine bin ich einem Gespenst begegnet!« Davon ist der Bauingenieur Heiner Pohlmann*, damals 28, überzeugt. Er ist davon überzeugt, dass das sogenannte »Übernatürliche«, das »Paranormale« genau so zur Natur gehört wie Sonne, Mond und Sterne. »Mein Hobby sind die ältesten Baudenkmäler der Welt. In meiner Freizeit unternehme ich deshalb Weltreisen, um vor Ort die Baukunst unserer Vorfahren zu studieren.« Eine seiner Reisen führte ihn nach Tughlaqabad zum Beispiel – Delhi Nr. 3 oder Nr. 5. (1)

In Delhi, so berichtete Heiner Pohlmann* mir, besuchte er am Ufer des Yamuna-Flusses Mausoleen. Nasir ud din Muhammad Humayun (*6. März 1508 in Kabul; † 26. Januar 1556 in Delhi) war in jungen Jahren ein mutiger Krieger, als Herrscher und Regent versagte er. 1540 fügte ihm Sher Shah eine schwerwiegende Niederlage zu. Humayun musste fliehen und lebte im persischen Exil. 1554 kehrte er in die Heimat zurück. Seine Militärexperten eroberten nach und nach das Reich für Humayun zurück, der selbst allerdings lieber astronomische Forschungen betrieb als in den Krieg zu ziehen. Am 24. Januar 1556 erlitt er einen Treppensturz ... und erlag zwei Tage später seinen schweren Verletzungen.

Bei meinen Recherchen vor Ort deutete einer der Restauratoren im Mausoleum des Humayun an, der Regent sei einem Attentat zum Opfer gefallen. Der gebildete Hindu kannte sich erstaunlich gut in der Geschichte Bayerns aus. »Euer König Ludwig II. wurde doch auch ermordet!«, meinte er schmunzelnd. Nach dem gewaltsamen Tod Humayuns folgte sein erst dreizehnjähriger Sohn Akbar. De facto regierte allerdings Bairam Khan, ein streitbarer Krieger. Sollte der in den Augen seiner Militärs zu feingeistige Regent Humayun durch einen harten Truppenführer ersetzt werden? Musste der Herrscher deshalb zu Tode stürzen?

Herrscher Humayun
Foto: Archiv W-J.Langbein
1556 siegte Bairam Khan noch in der zweiten Schlacht von Panipat und wurde gefeiert. Bald darauf – 1560 – wurde er von Akbar abgesetzt. Ob er verlorene Sympathien wieder zurückgewinnen wollte, indem er sich als zutiefst religiösen Menschen darstellte? Bairam Khan trat jedenfalls eine Pilgerreise nach Mekka an. Am 31. Januar 1561 wurde er auf dem Weg in die Heilige Stadt ermordet. Der Verdacht liegt nahe, dass es Akbar selbst war, der den Mordbefehl erteilt hat. Nach der Ermordung Bairam Khans hatte Akbar noch einen Konkurrenten: Bairam Khan. Und der wurde auf Befehl Akbars zu Tode gestürzt.

Akbar sicherte seine Herrschaft strategisch planend ab: Er setzte auf militärische Macht und auf religiöse Toleranz. Er hielt sich ein schlagkräftiges Heer. Wenn es keine Schlachten zu schlagen gab, übte das Heer die Kunst des Tötens bei groß angelegten Treibjagden. Gegen Feinde ging Akbar zunächst grausam vor. Als es ihm gelang, die Stadt Chittor erst nach langer Belagerung zu erobern, befahl er ein entsetzliches Massaker. In seinen Schlachten kamen Kriegselefanten zum Einsatz, die Panik unter den Feinden auslösten. Seine schnelle Reiterei war den gegnerischen Truppen immer überlegen. Kanonen entschieden so manche Schlacht für Akbar.

Lag der Gegner erst einmal am Boden, band er einstige Feinde durch Milde und strategisch geplante Eheschließungen an sich.

Akbar war ein intelligenter Stratege, alles andere als ein religiöser Weiser. So tat er alles, um muslimische und hinduistische Bevölkerungsgruppen zu versöhnen. Nichts spricht dafür, dass der Regent so etwas wie ein Humanist war. Er war Realpolitiker. Er erkannte, dass Spannungen zwischen Untertanen muslimischen und hinduistischen Glaubens früher oder später zu massiven Konflikten führen mussten. Solche Konflikte wurden meist irgendwann auf dem Schlachtfeld ausgetragen. Solche Kriege im Reich konnten leicht dazu führen, dass die Einheit zerfiel, dass kleinere Einzelstaaten entstanden. Dazu sollte es nicht kommen. Also versuchte Akbar die Konflikte erst gar nicht entstehen zu lassen.

Das Grabmonument Humayuns - Foto: W-J.Langbein
So schaffte er die Sondersteuern für Hindus und andere nichtmuslimische Gruppen ab. Hindus sollten nicht mehr als »böse Ungläubige« behandelt werden. Hindus wurden im vom Islam dominierten Reich als höchste Würdenträger eingesetzt und geehrt.

Muslim Akbar, mit einer Hindu-Prinzessin verheiratet, gelang es, eine hinduistisch-muslimische Mischkultur zu schaffen. Er ließ Hindu-Werke wie das Mahabharata übersetzen.

Bauingenieur Heiner Pohlmann* war felsenfest davon überzeugt, dass die blutigen Gemetzel ideale Voraussetzung für Spukerscheinungen waren. Offen gesagt: Mir sind keine unheimlichen Gestalten begegnet, die ihren tragischen Tod beklagten. Selbst in der palastartigen Grabstätte Humayuns war es nur drückend heiß. Kein kalter Hauch aus Grabestiefe sorgte für Erfrischung. Und dabei wurde mir vor Ort von meinem kundigen Informanten versichert, dass gelegentlich der Geist eines finster drein blickenden Mannes erscheine. Angeblich hat man ihn identifiziert ... als den Friseur Humayuns.

Welche Rolle spielte der Friseur Humayuns? Warum wurde ihm ein imposantes Mausoleum im Süd-Osten des Herrschergrabs gewährt? »Nai ka Gumbad« heißt der quadratische Bau mit Doppelkuppel Der Barbier – seinen Namen konnte ich bis heute nicht ausfindig machen – soll »eine wichtige Rolle« in der Herrscherfamilie gespielt haben. Welche? Im Inneren des Grabmals des Friseurs wurden zwei weitere Personen bestattet. Waren es Angehörige des Friseurs?

Weltberühmt ist das Taj Mahal in Agra. Weniger bekannt sein dürfte, dass das Taj Mahal lediglich eine Weiterentwicklung des pompösen Grabs von Nasir ud din Muhammad Humayun darstellt. Haji Begum, die Witwe des Humayun, hat es erbauen lassen ... als pompöse Anlage im persischen Stil. Bestimmt wird die Grabanlage von einer riesigen Kuppel, der Unterbau wird durch Eingänge und Rundbögen geschickt aufgelockert.

Das Grab des Friseurs - Foto: W-J.Langbein
Die besten Architekten kreierten ein Paradoxon: der gewaltige, ja massige Bau wirkt dank genialer Baukunst seltsam grazil und leicht. Haji Begum bedankte sich auf ihre Weise: Indem sie – links vom Haupteingang – die fünf führenden Architekten ehrenvoll bestatten ließ. Waren die Architekten Träger geheimen Wissens? Waren sie Wissenschaftler, die ihre wichtigsten Erkenntnisse in Stein verewigten? Werden wir je ihre Bauten wie ein Buch lesen können?
Im prachtvollen Garten wurde ein durchaus imposantes weiteres Grabmonument erschaffen. Hier ruht kein Fürst, hier fand kein Krieger oder Verwandter des Herrschers die letzte Ruhestätte ... sondern der Friseur Humayuns!

Die Architekten, die Humayuns Grabmal schufen, waren vorzügliche Mathematiker. Mit einem Bauplan des Komplexes in den Händen umrundete ich mehrfach die sakrale Kultanlage. Ich ging mehrfach den Hauptweg durch die Gärten, durch eine grüne Allee, durch die majestätischen Tore ... Aber den Bauplan vermochte ich nicht zu erkennen. Die Tore, Mauern und Gänge kamen mir wie ein kompliziertes Gewirr von Formen vor, ohne erkennbaren Plan. Und doch basiert das Grabmal Humayuns auf einem streng eingehaltenen geometrischen Grundriss.

Das Grabmal Humayuns ist so etwas wie eine Ode aus Stein an die heilige Geometrie. Als Ausgangspunkt diente den Architekten ein großes X auf dem Bauplan. Im Zentrum befindet sich exakt der Mittelpunkt der großen Kuppel. Jetzt werden in den Grundriss sechs weitere Kreise eingezeichnet, die sich überlappen ... und ein großes X bilden. Die einzelnen Kreise wiederum wurden pedantisch genau in quadratische, in sich symmetrische geometrische Figuren verwandelt ... auf dem Zeichenbrett. Nach diesen komplexen Plänen wurden dann Haupt und Nebengebäude errichtet, die ein mysteriöses Ganzes ergeben. Jeder einzelne Räume um die Kuppel (2) »ist in sich symmetrisch und existiert ohne Bezug auf andere Räume ... Sie erscheinen als selbständige Baukörper, da sie sich mit je fünf Fassaden ... vom Hauptbau trennen ...«

Grabmal und Bauplan
Fotos: W-J.Langbein
Wir müssen staunend, ja bewundernd zugeben, dass wir die Geheimnisse der Architektur nicht einmal nur erahnen. Das Grabmal Humayuns ist majestätisch und beeindruckend. Die innere Schönheit aber erschließt sich dem Besucher nicht. Um sie wahrnehmen zu können, muss man die komplexen Baupläne studieren. Ich bin davon überzeugt, dass die Architekten Esoteriker waren, die der verborgenen Wirklichkeit ein Denkmal schaffen wollten. Denken wir an den Aufbau von Materie. Wir sehen nur das Äußere, die Schönheit der Atome bleibt unserem Auge verborgen. Die Welt der Atome, der Elektronen und Ionen wirkt wie ein Kosmos aus Sternen und Planeten ... symmetrisch wie der Bauplan von Humayuns Grabmal.

Indien war – schon lange vor der muslimischen Zeit – ein Land der Wissenschaften. Astronomie wurde betrieben, die Welt der Sterne und Planeten wurde erforscht. Arabische Wissenschaftler studierten Texte aus dem »Alten Indien«. Wir kennen und verwenden heute noch die »arabischen Zahlen«. Weniger bekannt ist, dass die Araber ihrerseits eben diese Zahlen von den Indern übernommen und als »indische Zahlen« bezeichnet haben.

*Name geändert

Fußnoten
1: Siehe Folge 171 dieser Serie!
2: Stierlin, Henri (Herausgeber): »Islamisches Indien«, Band 10 der Reihe »Architektur der Welt«, herausgegeben von Henri Stierlin, Köln, ohne Jahresangabe, S. 53

»Die Osterinsel-Connection«,
Teil 181 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14.07.2013




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Sonntag, 30. Juni 2013

180 »Der Vampir von Puri«

Teil 180 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Heilige Geometrie und
Architektur - Fotos: W-J.Langbein
Am Anfang war die »Heilige Architektur«, die nur den eingeweihten Sthapatis bekannt war, den Priester-Baumeistern. Die Sthapatis zeichneten Grundrisse, nach denen die ältesten Tempel gebaut wurden. Die »Urform« aber wurde im Lauf der Jahrhunderte ergänzt. Es wurden zum Beispiel Vorhallen an- oder eingebaut: von »Baumeistern«, die längst keine Ahnung mehr vom geheimen Wissen der Sthapatis hatten!

In dem bedeutenden Nachschlagewerk über die »Architektur der Welt« heißt es (1): »Die Vorhallen ... und die kleinen Schreine innerhalb der Umfassungsmauern des Heiligtums sind nicht dem ursprünglichen Plan-Schema untergeordnet. Sie stammen aus späteren Jahrhunderten, in denen die geheim gehaltene Aufteilung der Fläche bereits vergessen war.«

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Mit anderen Worten: Der »Ur-Tempel« war so etwas wie ein Buch aus Stein, das nur Eingeweihte lesen konnten. Im Verlauf der Jahrhunderte ging der Schlüssel zum steinernen Code verloren. Es wurden »Textergänzungen« vorgenommen, sprich Anbauten errichtet ... von Architekten, die das Geheimwissen ihrer Vorgänger nicht mehr kannten. Wird der moderne Mensch des 21. Jahrhunderts nach Christus je wieder die heiligen Tempelbauten wie ein Buch lesen und verstehen können?

Kosmische Architektur - Foto: W-J.Langbein
Wir wissen heute wieder, dass Tempel als Abbilder des Kosmos gedacht waren, mit dem Göttlichen Brahma im Zentrum und mit der Welt der Kobolde und Geister außen – weit weg vom Allerheiligsten. Diese Ferne von Brahma zeigte sich deutlich in der sakralen Architektur. Die unheimliche Welt der Gnome, Kobolde und Dämonen fand im Tempel selbst keinen Platz. Den gespenstischen Gestalten wurde das vorspringende Fundament außerhalb des eigentlichen Tempels zugeteilt. Die Welt der Menschen und die der Kobolde und Konsorten werden durch eine massive Mauer getrennt.

Es gibt zwar eine massive Abgrenzung zwischen Tempelwelt und dem Reich von Geistern, aber unüberwindbar ist diese Monstermauer nicht. Deshalb können Kobolde in unseren Lebensraum eindringen. Der Ausdruck »Kobold« ist allerdings irreführend, lässt er uns doch an einen kleinen niedlichen Gnom denken. Gnomen traut man allenfalls einen kleinen Schabernack zu, aber doch keine Morde
.
Zu den Kobolden im südlichen Indien zählen Pey und Peymakilir. Der Pey ist eine Art Vampir. Peymakilir ist das weibliche Pendant zum Pey. Peys und Peymakilire sind aber keine Nosferatus, die sich zu nächtlicher Stunde am Blut ihrer lebenden Opfer laben, die dann ihrerseits zu Vampiren werden. Sie werden von Schlachtfeldern wie magisch angezogen. Sie suchen das Gemetzel der menschlichen Kriege, um das Blut der Gefallenen zu trinken. Nach anderen Überlieferungen begnügen sie sich nicht mit dem Blut, sondern fressen die Toten. Wieder andere Überlieferungen (2) beschreiben den Pey als Blutsauger, die Peymakilir als Kannibalin.

Pey und Peymakilir haben nicht nur monströse Züge. Wenn sie einem Schwerverletzten, der Todesqualen erlitt, das Blut aus dem Leibe saugten ... verkürzten sie sein Leid und schenkten ihm einen gnädigeren Tod.

In Puri, so wurde mir vor Ort versichert, gebe es seit Jahrhunderten eine Peymakilir. Ich erinnere mich an meinen nachmittäglichen Besuch in der Tempelanlage. In einem Nebenräumchen lagerten einige »sehr alte« Palmblätter. In dem steinernen Kiosk roch es muffig. Spärliches Licht fiel durch ein kleines Fenster. Auf einem wackeligen Tisch lagen mehrere Palmblätter, etwa 30 Zentimeter lang und sechs Zentimeter breit. (3)

Vergleichsfoto: Tempel im
Querschnitt
Foto: W-J.Langbein
Mehrere der Palmblätter zeigten Tempel im Querschnitt. Zahllose Zahlen waren eingetragen, offenbar handelte es sich um Bauanleitungen ... Zu Füßen eines »Tempelturms« kauerte hockend eine furchteinflößende Kreatur. Das Wesen ähnelte mehr einem wandelnden Skelett als einem gesunden Menschen. Seine Finger endeten in scharfen, spitzen Klauen. Ähnlich sahen auch die Füße aus. Sie erinnerten mich an die Greifwerkzeuge eines Raubvogels. An beiden Füßen zählte ich sechs Klauen.

Auffällig groß waren die hervorquellenden Augen und der weit geöffnete Mund, ein furchteinflößendes Maul. Zähne konnte ich keine erkennen. Aus den Mundwinkeln entströmte etwas. Was war es? Es sah aus wie eine Flüssigkeit, die allerdings seltsam strukturiert war. Die Flüssigkeit (Blut?) hatte die Form von sprießenden Ranken, vergleichbar mit Efeu.

Gerade diese Darstellung interessierte mich besonders. Ich sah mir das Palmblatt genau an. An der »Blutpflanze« machte ich winzig kleine »Blüten« aus. Ich nahm das Palmblatt in die Hand, deutete auf den Ausgang. Ob ich die seltsame Darstellung kurz draußen, bei Tageslicht betrachten dürfe, fragte ich auf Englisch. Fotografieren war in dem kleinen steinernen Kiosk verboten. Ob es mir gelingen würde, draußen heimlich eine Aufnahme zu machen? Dazu kam es leider nicht. Höflich, aber energisch, nahm man mir das Palmblatt aus der Hand. Es wurde in einer Schublade verstaut, die sorgfältig abgeschlossen wurde. Mit eindeutigen Gesten komplimentierte man mich ins Freie.

Ich weiß nicht, wie lang ich mich in dem kleinen Raum aufgehalten hatte. Ich schätze es waren nur wenige Minuten. Als ich wieder draußen im gleißenden Sonnenlicht stand, war ich für einen Moment geblendet. Wo waren meine Reisegefährten? Die kleine Gruppe war verschwunden. Wenige Schritte von mir entfernt sah ich eine steinerne Treppe, sie führte zu einem Nebengebäude des Jagannath-Komplexes empor. Ich hastete die Treppe hoch, betrat aber nicht den Tempel selbst. Vielmehr ging ich außerhalb der Tempelmauer auf dem steinernen Vorsprung und spähte nach meinen Freunden.

Alle Gebäude wurden nach einem kosmischen Plan gebaut.
Foto: W-J.Langbein
Was ich dann erlebte, habe ich damals in meinem Reisetagebuch festgehalten. Ich benötige diese meine Notizen eigentlich nicht, so nachhaltig hat sich das Geschehen in mein Gedächtnis eingegraben. Bis zum heutigen Tage habe ich niemandem berichtet, was damals geschehen ist ...

Die Sonne steht hoch am Himmel. Ich habe meine Schuhe ausgezogen und gehe langsam auf dem steinernen Vorsprung weiter. Durch meine Socken spüre ich den harten glatten Stein. Er fühlt sich angenehm warm an. Links neben mir ... die Tempelmauer mit zahllosen Figürchen. Mir ist, als reflektiere die steinerne Mauer die Hitze des Tages.

Ich ärgere mich, weil ich meine Fototasche mit meinen beiden Kameras nicht dabei habe. Sie steht am Fuße der kleinen Treppe. Ob ich umkehre und die Fotoausrüstung hole? Ich drehe mich um, schaue in Richtung Treppe. Ich erkenne deutlich meine Kameratasche. Ob ich sie hole? Nicht, dass sie mir noch gestohlen wird. Außerdem ... Mit dem Makro-Objektiv müssten mir einige gute Fotos von den Schnitzereien im Stein der Tempelwand gelingen! Auf einmal ist erst die Kameratasche, dann die kleine Treppe in Schatten getaucht. Eine Wolke, denke ich. Ich blicke zum Himmel. Der Himmel ist wolkenlos. Woher kommt der Schatten?

Dann geschieht Merkwürdiges. Der Schatten wandert, Stufe für Stufe hoch. Er hält, sehr kurz, inne. Er schießt förmlich an der Tempel wand entlang, auf dem Mauervorsprung ... auf mich zu. Sekundenbruchteile später stehe ich selbst im Schatten. Schlagartig ist mir in der Hitze des Tages kalt. Ich fröstele. Ich spüre förmlich, wie sich meine Nackenhaare aufstellen. Dann saust der Schatten weiter. Für Sekundenbruchteile liegt er vor mir. Dann, so scheint es mir, klettert er die Tempelwand empor.

Ich spüre ein seltsames Schwindelgefühl, stütze mich kurz an der Tempelmauer ab. Schon stehe ich wieder im Sonnenschein. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Gut hundert Meter entfernt sehe ich Julia aus Bonn. Sie winkt mir zu, winkt mich zu sich. Sie deutet mit dem Finger in eine Richtung. Rasch gehe ich auf dem Mauervorsprung zurück, die Treppe nach unten, greife meinen Rucksack mit den Kameras ... und eile zu Julia (4).

Alle Tempel weisen gen Himmel - Foto: W-J.Langbein
»Wie siehst Du denn aus?« fragt sie mich, während wir zur Gruppe aufschließen. »Ist Dir nicht gut? Oder bist Du dem Vampir von Puri begegnet?« Wir lachen. Ich bin froh, das merkwürdige Erlebnis hinter mich gebracht zu haben. Zur Treppe kehre ich nicht zurück. Auch verzichte ich darauf, Fotos von den herrlichen Schnitzarbeiten zu machen. Wir kehren zu unserem Bus zurück. Die Reise wird fortgesetzt.

Fußnoten
1 Stierlin, Henri (Herausgeber): »Indien/ Bauten der Hindus, Buddhisten und Jains«, Band 9 der Reihe »Architektur der Welt«, herausgegeben von Henri Stierlin, Köln, ohne Jahresangabe, S. 55
2 Meine Ausführungen basieren auf Gesprächen mit Einheimischen vor Ort.
3 Die Maßangaben sind geschätzt. Die einzelnen Palmblätter wichen in Länge und Breite etwas voneinander ab.
4 Zusammen mit Julia Z. Habe ich von Deutschland aus die Indien-Reise vorbereitet und organisiert. Unsere kleine Gruppe besuchte eine Palmblattbibliothek, Museen und viele Tempel.

»Der Herrscher und der Friseur«, 
 Teil 181 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien« 
 von Walter-Jörg Langbein
 erscheint am 07.07.2013

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