»Monstermauern, Mumien und
Mysterien«
von Walter-Jörg
Langbein
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| Der Dom zu Worms. Foto W-J.Langbein |
Von der - wirklich empfehlenswerten - »Nibelungen-Jugendherberge« (1) erreicht
man in wenigen Schritten das Restaurant »Domterrassen Worms«. Und
dann sind es nur noch wenige Schritte bis zum Hauptportal des Doms.
Das gewaltige Bauwerk birgt so manches Rätsel. Staunend steht man
vor dem monumentalen Bauwerk. Es sieht so aus, als habe das sakrale
Gebäude unzählige Jahrhunderte unbeschadet überstanden.
Der
Eindruck aber täuscht. So waren es französische Truppen, die im
sogenannten »Pfälzischen Erbfolgekrieg« (1688-1697) unter Führung
des christlichen Grafen Mélac den Rhein-Neckar-Raum verwüsteten.
Melác setzte rücksichtslos auf die Taktik der »verbrannten Erde«,
ließ seine Truppen Worms, aber auch Heidelberg, Mannheim und Speyer
so gründlich wie nur möglich zerstören. Kirchen wurden geplündert,
in Brand gesteckt. Der Dom zu Worms sollte gesprengt werden, was aber
nicht gelang. Dafür brannte er im Inneren fast völlig aus. Der Dom
wurde wieder aufgebaut, im Rahmen der französischen Revolution aber
wieder fanatischem Zerstörungswahn ausgesetzt. Um ihre
antichristliche Haltung zu unterstreichen, nutzten die französischen
Revolutionäre das Gotteshaus als Speicher und Pferdestall. Auch in
vermeintlich zivilisierteren Zeiten ging es barbarisch zu. So wurde
zu Beginn des 19. Jahrhunderts – vermutlich 1807 – der mysteriöse
Bau der »Johannes-Kirche« direkt am Dom abgerissen. Kapellen,
Kirchen und Klöster wurden zerstört, die Steine für den Häuserbau
verwendet.
Und immer wieder wurde renoviert und restauriert.
1935 befand sich der Dom zu Worms in einem prächtigen Zustand, nach
einem halben Jahrhundert aufwändiger Renovierung. 1945 allerdings
wurden, der Krieg war längst entschieden, sinnlose Fliegerangriffe
auf deutsche Städte durchgeführt. Ein Ziel war am 21. Februar 1945
auch der Dom zu Worms. Ein gewaltiger Stadtbrand wurde entfacht, das
Domdach stand in Flammen, das Domarchiv wurde weitestgehend
vernichtet. Für die angreifenden Flugzeuge bot sich der Dom als
einfaches Ziel für Schießübungen, steht er doch auf der höchsten
Erhebung des Stadtgebiets. Militärischen Sinn hatten diese Attacken
wohl keine.
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| Noch ist der Blick unverstellt... |
Besiedelt war der dank seiner hohen Lage vor
Hochwassern des Rheins sichere Platz schon vor Jahrtausenden.
Schließlich ließen sich die Kelten dort nieder, wo später der Dom
errichtet werden sollte. Die Römer kannten noch die Bezeichnung der
Kelten für jenen Ort, überlieferten ihn als »Borbetomagus«,
woraus sich der Name »Worms« entwickelte. Rudolf Pörtner erklärt
in seinem Weltbestseller » Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit«
(2):
»Wo heute Worms liegt, entwickelte sich .. eine
stadtähnliche Siedlung, bedeutsam wahrscheinlich als Marktort und
befestigter Stammesmittelpunkt mit dem Sitz eines Fürsten. Sie hieß
Borbetomagus, Stadt oder Ort der Borbet, der keltischen Sonnenfrau,
die mit Embede und Wilbede, der Erd- und Mondfrau, eine vielgenannte
mythologische Dreiheit bildete.«
Diese »mythologische Dreiheit« habe ich im Sommer
2014 besucht – ein »heidnisches« Denkmal im christlichen Dom zu
Worms. Wann genau es entstanden ist, ist nicht bekannt. Ursprünglich,
vielleicht noch im frühen 15. Jahrhundert – um 1430 – befand
sich der »Dreijungfernstein« im Frauenkloster »St. Maria
Magdalena«, im »Bergkloster« ganz in der Nähe des Doms.
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| Blick auf den Dom von den Dom-Terrassen aus. |
Ich nähere mich dem Dom von Süden her, stehe vor
dem Südportal. Unzählige steinerne Figuren in unterschiedlichen
Größen umrahmen es. Die Jahrhunderte alten Kunstwerke werden durch
dichte Netze vor zudringlichen Tauben geschützt, deren
Hinterlassenschaft nicht nur beschmutzt, sondern auch ganz erhebliche
Schäden verursacht. Ich muss an den »Heiligen Geist« denken, der
nach christlicher Überlieferung in Gestalt einer Taube auftritt. In
zahllosen christlichen Kunstwerken wird der »Heilige Geist« in
christlichen Gotteshäusern auch als Taube dargestellt. Wer denkt da
nicht an den einen oder anderen Skandal, der die katholische Kirche
in unserer Zeit erschüttert? Ein wenig mehr »Heiliger Geist« hätte
dem Exkirchenfürsten Tebartz van Elst in Limburg gewiss geholfen. Die Schutznetze sichern die uralte sakrale Kunst,
machen aber wirklich gute Fotos unmöglich. Fotografiert man mit
Blitz, kommen die Netze deutlicher zur Geltung als die sakrale Kunst.
Ich habe unzählige Fotos gemacht, zu allen Tages- und Nachtzeiten.
Ich hoffe, dass mir einige gelungen sind, die erkennen lassen, wie
kunstreich geschmückt das Südportal ist!
Deutlich zu erkennen sind – vom Betrachter aus
gesehen links (Foto kinks) – die vier Evangelisten, die dank der ihnen
beigestellten Symbole auch deutlich zu identifizieren sind:
Markus
mit seinem Löwen, Matthäus mit seinem Engel, Lukas mit seinem Stier
und Johannes mit seinem Adler.
Auf der anderen Seite des Torbogens –
vom Betrachter aus rechts – stehen vier Propheten des Alten
Testaments, es könnte sich um Daniel, Jeremias, Jesaia und Hesekiel
handeln. Die Inschriften auf ihren Namenstäfelchen sind leider
verschwunden.
Hoch oben über dem Portal findet sich eine
Darstellung, die meines Wissens nach in der christlichen Kunst
weltweit einzigartig ist. Da reitet eine stolze Frau mit einer Krone
auf dem Haupt auf einem eigenartigen Tier. Bei näherem Betrachten
fällt auf, dass das mysteriöse Wesen vier Köpfe hat. Merkwürdig
muten auch die Beine und Füße des Reittiers an. Eine solche Kreatur
hat es niemals gegeben, ein solches Wesen existierte niemals aus
Fleisch und Blut.
Gängige Interpretation: Die vier Köpfe – Engel/Mensch, Stier, Löwe,
Adler – stehen für die vier biblischen Evangelisten
Matthäus, Lukas, Markus und Johannes.
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| Die vier Köpfe des Pferdes. Netz teilweise wegretuschiert. |
Ich visiere das seltsame Reittier mit meiner Kamera
– unter Verwendung eines 300-Millimeter-Teleobjektivs an. Es kommt
mir so vor, als habe das mysteriöse Fabelwesen nicht vier, sondern
fünf Beine. Der Kirchenführer »Der Dom zu Worms« (3) vermeldet:
»Die Krönung des Portals ist eine in der Tat einzigartige Figur,
denn es existieren offenbar keine ähnlichen Darstellungen. Eine Frau
reitet auf einem Tier mit verschiedenen Köpfen und Füßen; die
Köpfe und Füße beziehen sich auf die Symbole der Evangelisten, die
Frauengestalt repräsentiert die Kirche.«
Während ich vor der Südseite des Doms auf und
abgehe, immer wieder fotografiere, wächst auf dem Domvorplatz eine
Menschengruppe an. Die Wormser, so hatte ich bislang den Eindruck,
sind ein ruhiges, friedfertiges, fast ein wenig behäbiges Völkchen.
Aber wehe, wenn man ihren Zorn erregt. Und die Wut der aufgebrachten
Menschen scheint mir wirklich berechtigt zu sein! Soll doch direkt
vor der Südseite des Wormser Doms ein »hohes Haus« errichtet
werden, das den heute noch letzten freien Blick auf den Dom erheblich
verstellen würde. Geradezu abstrus ist die Behauptung, durch den
Neubau werde der letzte freie Blick auf den Dom nicht verstellt,
vielmehr komme dadurch der Dom erst richtig zur Geltung. Einem
solchen »Argument« kann ich nur mit Zynismus begegnen:
Warum reißt man nicht die Hälfte des Doms zu Worms
ab? Auf diese Weise würde ein Bauplatz für ein Kaufhaus frei. Und
der dann noch verbleibende Rest des Doms käme noch sehr viel besser
zur Geltung! Der Verkauf der Bruchsteine könnte weltweit erfolgen
und brächte ohne Zweifel schöne Einnahmen!
Offen gesagt: Mir ist unbegreiflich, wieso
ausgerechnet die »Domgemeinde« selbst ihr »Gemeindehaus« direkt
vor dem Dom hochziehen möchte. Es kommt mir wie der Kampf Davids
gegen Goliath vor: Wormser Bürger kämpfen gegen… wen? Gegen die
Kirche, die gegen den ausdrücklichen Wunsch vieler Wormser
Kirchgänger direkt am Dom ein »Gemeindehaus« errichten möchte?
Die Planung, so scheint es, ist schon weit fortgeschritten. Ist der
Bau noch zu verhindern? Zu hoffen ist es! Mir drängt sich der
Eindruck auf, dass man von oben ein Bauvorhaben so schnell wie
möglich verwirklichen möchte, um die Gegner des Projekts vor
vollendete Tatsachen zu stellen! Ich wünsche dem Verein »Freier
Blick auf den Dom zu Worms Bürgerverein Dom-Umfeld e.V.« viel
Erfolg (4).
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| Das Südportal. Foto: W-J.Langbein |
Ich durchschreite das Südportal, halte mich links
und betrete die »Nikolaus-Kapelle«. Sie wird von einem wuchtigen,
von Löwen getragenen Taufstein dominiert. Er dürfte Ende des 15.
Jahrhunderts entstanden sein und befand sich in der
»Johannes-Kirche«, auch »Johannes-Kapelle«. Johannes der Täufer
ist als Halbrelief in den Stein gemeißelt worden, sowie sieben
Propheten des Alten Testaments. Im Halbdunkel erkenne ich den
geheimnisvollen »Drei-Jungfrauen-Stein«, auch »Dreijungfernstein«
genannt. Rudolf Pörtner hat sachlich auf den heidnisch-keltischen
Hintergrund dieser Darstellung hingewiesen.
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| Der Tauftsein. Foto W-J.Langbein |
Erstaunlich offen ist der Text im Führer »Der Dom
zu Worms« (5): »Ihm (dem Taufstein) gegenüber an der Ostwand steht
der sogenannte Drei-Jungfrauen-Stein… Der Inschrift nach handelt es
sich um drei heilige Jungfrauen: Embede, Warbede und Willebede. Sie
werden im ganzen Rheintal, aber auch im Hohenlohischen oder in Tirol
verehrt. In Köln gelten sie als Gefährtinnen der Heiligen Ursula.
Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei ihnen ursprünglich
um vorchristliche Gottheiten keltischen Ursprungs. Die Missionare
versuchten häufig bei der Darstellung christlicher Normen und Werte
auf bereits bertraute nichtchristliche Vorbilder zurückzugreifen, um
sie der eingeborenen Bevölkerung umso plastischer begreiflich machen
zu können. Möglicherweise wurden die drei Frauen auf diese Art zum
Bestandteil der Verehrung durch die Bevölkerung.«
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| Der »Dreijungfernstein«. Foto Walter-Jörg Langbein |
Vorsichtiger formuliert »Der Dom zu Worms/
Wegweiser und Deutung« (6): »Einzigartig ist der sogenannte
Dreijungfrauenstein. .. Unter gotischer Architektur zeigt das Werk
drei Jungfrauen mit Kronen, Palmen und Büchern, sowie oben und unten
die Namen: Embede, Warbede, Willebede. Mancherlei Legenden umranken
die Gestalten dieser drei Jungfrauen, über deren Herkunft und
Bedeutung sich die Forschung nicht einig ist; vielleicht lassen sich
die Ursprünge ihrer Verehrung in sehr frühe Zeiten
zurückverfolgen.«
Erni Kutter lässt keinen Zweifel aufkommen (7): Die
»drei Jungfrauen« gehen auf heidnische, sprich keltische Ursprünge
zurück. Offensichtlich wurden sie in der Bevölkerung so verehrt,
dass man ihren Kult trotz größter Anstrengung nicht verbieten
konnte. Selbst Bischof Burchard, Erbauer des Doms zu Worms, gelang es
nicht, die Anbetung und Verehrung der drei einstigen Göttinnen zu
verhindern. Maßlos entsetzt wäre der Dombauer, würde er
feststellen, dass in seinem Dom an zentraler Stelle die von ihm
verteufelten »drei Jungfrauen« geehrt und geachtet, ja angebetet
werden. Regelmäßig finden in ihrer Kapelle Gottesdienste statt.
Was für Bischof Burchard heidnisch war, umschreibt
Erni Kutter anders (8). Demnach hat sich »in dieser Frauendreiheit …
ein charakteristisches Merkmal aller frühen Göttinnen erhalten,
nämlich ihre Jungfräulichkeit«.
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| Eine der drei Heiligen Jungfrauen... Willebede. |
Alle Fotos: Walter-Jörg Langbein
Fußnoten
1) Nibelungen-Jugendherberge, Dechaneigasse 1,
67547
Worms
2) Pörtner, Rudolf: »Mit dem Fahrstuhl in die
Römerzeit/ Städte und Stätten deutscher Frühgeschichte«,
Düsseldorf/
Wien o.J., S. 326 (13. Kapitel: »Stadt der
Sonnenfrau« S. 324-343)
3) Englert, Siegfried: »Der Dom zu Worms«, Worms
1986, S. 35
4) http://www.kein-haus-am-dom.de/index.html
5) Englert, Siegfried: »Der Dom zu Worms«, Worms
1986, S. 32
6) Villinger, Carl J. H.: »Der Dom zu Worms/
Wegweiser und Deutung«,
Worms 1981, S. 25
7) Kutter, Erni: »Der Kult der drei Jungfrauen«,
München 1997
8) ebenda, S. 88 und 89
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| Die Jugendherberge direkt am Dom. Foto W-J.Langbein |
»Drei Heilige Frauen und eine Teufelin«,
Teil 239 der Serie
»Monstermauern, Mumien und
Mysterien«
von Walter-Jörg
Langbein,
erscheint am 17.08.2014
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