Sonntag, 23. August 2015

292 »Mariae Himmelfahrt – Teil 2«

292 »Mariae Himmelfahrt – Teil 2«
Teil 292 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Belagerung von Konstantinopel
Konstantinopel. Jeden Freitag erlebten die Christen in der Kirche »Sankt Maria von Blachernae« im Nordwesten Konstantinopels ein »Wunder«. Jeden Freitag versammelten sich die Gläubigen in stiller Andacht nach Sonnenuntergang. Ein Vorhang wurde – wie von Geisterhand – angehoben und gab den Blick auf eine altehrwürdige Ikone der Muttergottes frei. Im Halbdunkel schien das Bildnis lebendig zu werden. Die Ikone, auf Holz gemalt und mit Gold und Silber bekleidet, ließ die Menschen staunen…. im 11. Jahrhundert, also vor rund einem Jahrtausend.

Ein Jahrtausend später haben viele Menschen das Staunen verlernt. Viele Zeitgenossen haben im »christlichen Abendland« die Ehrfurcht vor altehrwürdigen Zeugnissen der Frömmigkeit verloren. Und Fanatiker, die sich auf Allah und den Koran berufen, zerstören – zum Beispiel in Timbuktu, Mali, unersetzbares Weltkulturerbe.

Wir werden zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends mit einer Flut von Bildern überschwemmt. Wir sind unzähligen Fernsehbildern ausgesetzt, die Stille in uralten Gotteshäusern ist, so scheint es, für viele unerträglich geworden. Im Zuge von »Multikulti« laufen wir Gefahr, unsere kulturelle Eigenständigkeit zu verlieren. Ich persönlich schätze das Schlagwort »Multikulti« überhaupt nicht. Es klingt für meinen Geschmack zu respektlos gegenüber den Wurzeln der Völker, nach banalem Mischmasch.

Foto 2: »Mariens Himmelfahrt«
In »Sankt Jakobus«, der kleinen Wehrkirche von Urschalling am Chiemsee, versucht  eine uralte Fresken-Malerei aus dem 14. Jahrhundert eine geheimnisvolle Geschichte zu erzählen.

Obgleich die unbekannten Künstler Pergament P. Vindob K 7.589 (»Transitus Mariae«) nicht gekannt haben können, erzählt ihre Malerei doch die gleiche Geschichte von Marias Tod und Aufnahme in den Himmel. Jahrhunderte lang war das Bild unter Putz und dicken Tüncheschichten verborgen.

Schon 1808 wurde festgestellt, dass sich einst an den Wänden flächendeckende Malereien befanden. Anno 1927 soll eine gelangweilte Gottesdienstbesucherin zum Zeitvertreib Putz gelöst haben. Farben kamen zum Vorschein und man begann mit der Freilegung einiger Fresken, erst zögerlich, dann mit wachsendem Eifer. Voller Spannung wartete man, was wohl noch alles zutage treten würde.

1941 und 1942 wurden schließlich die Ausmalungen freigelegt. Leider waren die Bildnisse nun schutzlos Algen und Schimmel ausgesetzt, so dass die altehrwürdigen Kunstwerke Ende der 1960-er Jahre aufwändig saniert werden mussten.

Einst war das altehrwürdige Gotteshaus, ehemals Burgkapelle der Falkensteiner, großflächig als »Biblia Pauperum« gestaltet, als Bibel für Arme, die des Lesens unkundig waren. Aber konnte man die kostbaren Malereien einst wie ein Buch lesen und verstehen? Ein greiser Küster öffnete mir »Sankt Jakobi«? Aus dem grellen Tageslicht eines strahlenden weißblauen Nachmittags trat ich in eine mysteriöse Bilderwelt, wie ich sie in ähnlicher Form in altehrwürdigen Darstellungen in Kirchen von Konstantinopel gesehen habe.

Foto 3: Betender Jesus

Schon nach kurzer Zeit übersehe ich die diversen Beschädigungen, die man bei der letzten Restaurierung nicht ausgebessert hat. Man hat darauf verzichtet, die Leerstellen wieder herzustellen. Ziel der Restaurierung war es, Originale wieder sichtbar werden zu lassen. Ausfüllung der zerstörten Stellen wären möglich gewesen, dann aber wären die Malereien nicht mehr authentisch.

Foto 4: Sündenfall Adam und Evas

Stunden durfte ich in der Kirche verbringen. Viele der Darstellungen waren mir vertraut… vom »Sündenfall von Adam und Eva« (beschädigt!) bis hin zur Kreuzabnahme Jesu, vom betenden Jesus im Garten Gethsemane über seinen Einzug in Jerusalem auf einem Esel reitend bis zur Befreiung der Seelen aus dem Höllenschlund. Besonders beeindruckt hat mich aber ein Kunstwerk, das in einem Bild eine ganze Geschichte erzählt, vom Tod Marias bis hin zur Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel. Leider weist auch dieses christliche Kunstwerk Leerstellen auf. Ich frage mich, ob manche Bilder bewusst zerstört wurden. Es kommt mir so vor, als seien da und dort ganz gezielt Darstellungen von Gesichtern abgekratzt worden.

Übrigens: Im Byzanz des achten und neunten Jahrhunderts wurde heiß und heftig diskutiert, ob man das Göttliche überhaupt bildlich darstellen darf. Schon vor mehr als 1200 Jahren standen sich Bilderverehrer und Bilderzerstörer im byzantinischen Kulturkreis gegenüber. 721 oder 722 n.Chr. erließ der Umayyadenkalif Yazid ibn ‚Abd al-Malik ein Edikt über die Vernichtung von Bildern in christlichen Kirchen auf seinem Staatsgebiet. Es ist ein Segen, dass sich die Ikonoklasten (Bilderzerstörer) damals nicht durchsetzen konnten.

Foto 5: Maria schläft im Stall von Bethlehem.

Aus heutiger Sicht unverzeihlich war die Zerstörungswut von Eiferern im 16 Jahrhundert. Luther nahestehende Theologen ließen Darstellungen Jesu und von Heiligen aus Kirchen entfernen. Darstellungen von Maria und Josef (Dom zu Bremen!) wollten besonders strenge Eiferer nicht dulden. Leider wurden von diesen fanatischen Bilderstürmern vor rund einem halben Jahrtausend wertvolle Kunstwerke zerstört. Zum Glück erwiesen sich manche der Luther Anhänger als geschäftstüchtig. So wurden religiöse Bildwerke aus so manchem Gotteshaus entfernt, aber nicht zerstört, sondern verkauft… und blieben so erhalten. 

Leider wollen heute fundamentalistische Anhänger eines »Gottesstaates – ein halbes Jahrtausend nach den christlichen Bilderhassern – vermeintliche »Götzenbilder« uralter Kulturen zerstören. Zwei Beispiele aus unseren Tagen: Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat im Norden des Iraks einzigartige Kulturgüter aus altorientalischer Zeit zerstört. Dem religiösen Fanatismus fiel zum Beispiel eine assyrische Türhüterfigur, die mehr als 2600 Jahre alt war, zum Opfer. Mit einem Presslufthammer wurde die Statue zerstückelt. Im Museum der Stadt Mossul wurden antike Bildwerke systematisch zerschlagen. Laut Pressemeldungen handelte es sich um unersetzliche Originale.
  
Doch zurück zum eigentlichen Thema, zur »Himmelfahrt Mariae«, wie die Aufnahme der Gottesmutter gern genannt wird. Die Darstellung in der St. Jakobus Kirche zu Urschalling hat mich besonders beeindruckt. Unten sehen wir die entschlafene Maria. Die Weggefährten Jesu nehmen Abschied von der Gottesmutter.

Foto 6: Maria Magdalena? (Pfeil!)

Vier bärtige Gesichter sind zu erkennen, ein fünftes ist bartlos. Es wird zum Teil von der Hand eines Jüngers, der zum Himmel deutet, verdeckt. Ich kann mir nicht helfen, aber das Gesicht wirkt feminin. Sollte es Maria Magdalena sein, die da um Jesu‘ Mutter trauert?

Ob einst alle Apostel Jesu zu sehen waren? Wir wissen nicht, wie das Gemälde einst aussah, bevor wesentliche Teile zerstört wurden…. Zu erkennen ist Maria, die auch – wie alle Jünger – einen Heiligenschein trägt. Sie ruht auf einer »Bahre«, die mich aber eher an einen steinernen Sarkophag erinnert. Einer der Jünger, zur Rechten der Maria Magdalena stehend, weist mit dem Zeigefinger nach oben. Wir folgen diesem Hinweis und wandern mit dem Blick nach oben, so wie die beiden Jünger in der oberen Reihe auch nach oben schauen. Dort sehen wir Jesus, in königlichem Gewand, mit Krone auf dem Haupt und goldenem Zepter  in der linken Hand.

Foto 7: Jesus dominiert das Szenario.

Jesus, der König, dominiert das Szenario. Einst erstrahlte wohl gerade der himmlische König Jesus leuchtend rot im Sonnenschein, der durch ein strategisch geschickt abgebrachtes Fenster fiel. Das Fenster allerdings wurde zugemauert. Jesus scheint »im Himmel« überseinen Jüngern und seiner toten Mutter zu schweben. Seine Körperhaltung deutet darauf hin, dass er auf einem Thron sitzt. Auf Jesu Schoß sitzt, an Jesu rechte Schulter gelehnt, ein junges Mädchen. Das Kind trägt – wie Jesus – eine Krone. Dargestellt wird auf diese Weise, wie Jesus die Seele seiner verstorbenen Mutter in den Himmel trägt.

Foto 8: Engel begrüßen Maria und Jesus

Im Himmel, ganz oben im Bild, warten Engel auf Jesus und die gekrönte Himmelskönigin. Mächtige Flügel schmücken die Himmelsboten, von denen einer zur Begrüßung eine lange Posaune bläst.

Fotos 9 und 10: Blick in die Kirche. Rechts: Byzantinischer Jesus?

Welcher Meister dieses ausdrucksstarke Bild schuf? Wir wissen es nicht. Blickt man Richtung Altar, so sieht man hoch oben in der Apsis Jesus als Weltenherrscher, umgeben von einer Mandorla, einer mandelförmigen Aura und den Symbolen der vier Evangelisten. Kein Zweifel: Diese und andere Darstellungen könnten einige Jahrhunderte vor den Werken in St. Jakobus von byzantinischen Künstlern in einer Kirche wie der Hagia Sofia in Istanbul geschaffen worden sein. Sollte der unbekannte Künstler also byzantinische Vorbilder gesehen haben? Oder stammte er gar aus dem byzantinischen Kulturkreis?

Auch und gerade die Darstellung von Mariens Aufnahme in den Himmel deutet auf frühe byzantinische Vorbilder hin. Die ältesten Darstellungen der sterbenden Gottesmutter finden sich in der byzantinischen Ikonographie. Führt uns die Kunst in der St. Jakobi Kirche zu Urschalling in das geheimnisvolle Byzanz? Verstehen wir wirklich, was die Malereien im Gotteshaus bezeugen sollen? Oder verstehen wir nur, was wir schon zu wissen glauben?


Literatur

Fenzl, Fritz: »Orte der Liebe in Bayern«, München 2006
»National Geographic Special«: »Das Mittelalter«, Heft 1/ 2015
Schipflinger, Thomas: Sophia-Maria/ Eine ganzheitliche Vision der
     Schöpfung, Schalksmühle, Neuauflage 2007
»Spiegel Geschichte«: »Byzanz«, Nr. 1/ 2014

Weiterführende Literatur (geht über die Themen obiger Serienfolge hinaus!):

Benko, Stephen: »Protestanten, Katholiken und Maria«, Hamburg 1972
Foto 11: Cover Hesemann

Buchholz, Marlies: »Anna selbdritt/ Bilder einer wirkungsmächtigen Heiligen«,    
     Königstein 2005
Debus, Michael: »Maria-Sophia/ Das Element des Weiblichen im Werden der
     Menschheit«, Stuttgart 2000
Derungs, Kurt: »Magische Stätten der Heilkraft/ Marienorte mythologisch neu
     entdeckt/ Quellen, Steine, Bäume, Pflanzen«, Grenchen 2006
Hesemann, Michael: »Maria von Nazareth/ Geschichte, Archäologie,
     Legenden«, Augsburg 2011
Hierzenberger, Gottfried und Nedomansky, Otto: »Erscheinungen und
     Botschaften der Gottesmutter Maria/ Vollständige Dokumentation durch
     zwei Jahrtausende«, Augsburg 1993

Foto 12: Cover Linsbauer
Linsbauer, Helga Marie: »Marienlegenden/ Zeugnisse der Marienverehrung
     aus vielen Jahrhunderten«/ Titel innen: »Marienlegenden/ Erzählungen von
     den Wundertaten der Gottesmutter aus 13 Jahrhunderten«, Augsburg 1989

McClure, Kevin: »The Evidence for Visions of the Virgin Mary«, 2. Auflage,
     Wellingborough 1984

Mulack, Christa: »Jesus, der Gesalbte der Frauen/ Weiblichkeit als Grundlage
     christlicher Ethik«, Stuttgart 1987

Mullen, Peter: »Shrines of our lady/ A guide to fifty of the most famous Marian
     shrines«, London 1998



Foto 13: Cover Widauer
Oberröder, Wolfgang: »Die Mutter der Gnade/ Mariengebete und Gebetsführer
     zu Stätten der Marienverehrung«, Donauwörth 2004

Schmidt, Heinrich und Margarete: »Die vergessene Bildersprache christlicher
     Kunst«, München 1981 (Dritter Teil: Mariendarstellungen, S. 195-256)

Swann, Ingo: »The Great Apparitions of Mary/ An Examination of twentytwo
     supranormal appearances, New York 1996

Widauer, Simone: »Marienpflanzen/ Der geheimnisvolle Garten Marias in
     Symbolik, Heilkunde und Kunst«, Baden und München 2009

Zu den Fotos:

Foto 1: Belagerung von Konstantinopel. Gemälde, 1499, gemeinfrei
Foto 2: »Mariens Himmelfahrt«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Betender Jesus (im Garten Gethsemane). Man beachte die Beschädigung!
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Sündenfall Adam und Evas. Man beachte die starken Beschädigungen.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Maria schläft im Stall von Bethlehem. Dom zu Bremen!
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Maria Magdalena? (Pfeil!) Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Jesus dominiert das Szenario. Dieser  Teil des Gemäldes ist so gut wie unbeschädigt.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Engel begrüßen Maria und Jesus. Unbeschädigtes Teilstück. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9 und 10: Blick in die Kirche. Rechts: Byzantinischer Jesus?
     Foto 9 (links): Blick in die Kirche. Foto Walter-Jörg Langbein
     Foto 10 (rechts): Byzantinischer Jesus. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Cover Hesemann. Foto Verlag
Foto 12: Cover Linsbauer. Foto Verlag
Foto 13: Cover Widauer. Foto Verlag


293 »Maria und Jesus am Seil/
Mariae Himmelfahrt – Teil 3«
Teil 293 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 30.08.2015


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Sonntag, 16. August 2015

291 »Mariae Himmelfahrt – Teil 1«

Teil 291 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die berühmten Kolosse der Osterinsel.

Hanga Roa, Osterinsel. Auf dem kleinen Flughafen mit der kilometerlangen Landebahn angekommen, ließ ich mich von einem »Taxi« direkt zum berühmten Steinbruch fahren. Im »Ranu Raraku«-Vulkankegel wurden einst die berühmten Kolosse, die Moais, herausgearbeitet. Irgendwann endete dort die emsige Tätigkeit der Steinmetze. Aus welchem Grund auch immer wurde die Riesenproduktion abrupt beendet. So finden wir heute fast fertige Moais und solche in sehr frühen Stadien der Produktion. Andere Kolosse wiederum liegen in Sichtweite des Steinbruchs. Man hat sie einfach nicht weiter transportiert, einfach liegengelassen.

Als mein Taxifahrer hörte, dass ich noch kein Zimmer gebucht hatte, zerrte er mich förmlich in sein Vehikel und auf ging es in holperiger Fahrt an den Rand der »Hauptstadt« der Osterinsel. Hanga Roa, die »Metropole«, ist die einzige Siedlung auf dem Eiland. Die Einwohnerzahl dürfte bei etwa 4000 liegen. Wir hielten vor einem bescheidenen Häuschen, der eifrige Chauffeur schleppte sogleich meinen Koffer an die Tür und klingelte Sturm.

Foto 2: Im »Steinbruch« der Kolosse

Ein altes Mütterlein öffnete schließlich. Ja, sie hatte noch ein Zimmer frei. 50 Dollar sei der Preis für die Übernachtung. Mein erstauntes Gesicht wurde wohl missverstanden. Ich hatte von horrenden Zimmerpreisen gehört und wunderte mich über das sehr kostengünstige Angebot. Die Wirtin indes glaubte wohl, mir wären die fünfzig Dollar zu viel. Im Preis inbegriffen, so erfuhr ich, seien ein Abendessen und ein Frühstück. Mein Zimmer wurde mir gezeigt. Kaum hatte ich meinen Koffer geöffnet, klopfte es an der Tür. Es war die freundliche Wirtin, die mir einen Suppenteller mit einer gewaltigen Portion Bohnenstampf und Rührei servierte.

Das Mahl war wirklich üppig, sehr gut gewürzt und schmackhaft. Die Wirtin war Peruanerin, deshalb gab es als Schlummertrunk noch zwei, drei Pisco Sour. Das schaumig geschlagene Eiweiß milderte den namengebenden sauren Zitronengeschmack, die fein gehackten Eisstückchen machten den hochprozentigen Cocktail angenehm erfrischend. So schlief ich bald tief und fest….

Morgens sechs Uhr… Heftiges Klopfen an meiner Zimmertür weckte mich aus komaartig tiefem Schlummer. Frühstück war angesagt. Es gab Bohnenstampf, Rührei und Kaffee von tiefer Schwärze und einer Stärke, die den Trunk zum wahren Hallo-wach-Wundermittel machte. Einnehmen durfte ich das üppige, nahrhafte Mahl mit einem zweiten Gast.

So kam ich mit dem älteren Herrn in ein anregendes Gespräch. Der Mann war katholischer Geistlicher und wollte zu einer »religiösen Feier« zu Ehren der »Gottesmutter« auf die Osterinsel gekommen. Ich berichtete von meinem abgebrochenen Studium der evangelischen Theologie. Der Geistliche zeigte sich sehr erfreut. Ich sei doch auf dem rechten Weg, könne ja zum Katholizismus konvertieren.

Foto 3: Verleih von Verkehrsmitteln aller Art

Ob ich denn wisse, was der 15. August für ein besonders wichtiger Feiertag sei? Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung hatte. »Wir erinnern uns an die Himmelfahrt der Gottesmutter Maria!«, klärte mich der Geistliche freundlich und in gut verständlichem Englisch auf. Milde verzieh er mir mein Unwissen. »In deiner Kirche hält man ja nichts von diesem wichtigen Tag…« Ich murmelte etwas von Martin Luther und von fehlenden Hinweisen in der Heiligen Schrift zur Aufnahme Mariens in den Himmel.

»Für die frühen Christen war es selbstverständlich, dass die Gottesmutter leibhaftig in den Himmel aufgenommen wurde! Natürlich wussten die Evangelisten von dem wundersamen Ereignis, aber sie schwiegen, gingen davon aus, dass jeder wusste, was mit Maria geschehen ist!«

Foto 4: »Himmelfahrt« Mariens

Alljährlich begeht die römisch-katholische Kirche das Hochfest »Assumptio Beatae Mariae Virginis«, auch als »Vollendung Mariens« oder »Mariae Aufnahme in den Himmel« bekannt. Die geläufige Bezeichnung »Himmelfahrt Mariens« entspricht nicht ganz dem lateinischen Terminus »assumptio«. Gemeint ist eine »Aufnahme« in den Himmel, keine »Himmelfahrt«. Suggeriert doch »Himmelfahrt« eine Reise aus eigener Kraft in himmlische Gefilde, während unter »Aufnahme« ein passiver Vorgang zu verstehen ist. Diese Präzisierung mag vermeintlich »modernen Menschen« als unnötige Haarspalterei erscheinen. Gern verweisen sie, so sie sich oberflächlich informiert haben darauf, dass die ganze Geschichte doch nur eine moderne Erfindung sei. Stimmt das?

Zum Dogma wurde der Glaube an die körperlich-leibliche Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel tatsächlich erst anno 1950 von Papst Pius XII. erklärt. Was wir bei den vier Evangelisten vergeblich suchen, das findet sich in einer koptischen Apokryphe. Michael Hesemann, profunder Kenner biblischer Historie, weiß zu berichten (1):

Foto 5: »Transituts Mariae«
»Das in Wien verwahrte koptische Pergamentblatt mit der Katalognummer P. Vindob K 7.589 stammt zwar aus dem 9. Jahrhundert, doch es handelt sich wohl um die Abschrift eines sehr viel älteren Textes, vielleicht sogar das Fragment einer ›primitiven Marien-Apokalypse‹ aus dem 2. Jahrhundert, wie zumindest Förster (2) glaubt. Dafür sprechen die Schlichtheit des Textes, ihre simple Theologie, vor allem aber die konsequente Titulierung Mariens als ›Jungfrau‹ (parthenos) statt ›Gottesmutter‹ (theotokos), was ab dem 4. Jahrhundert üblich und seit dem Konzil von Ephesus geradezu zwingend gewesen wäre.«

Pergament P. Vindob K 7.589 (»Transitus Mariae«) bietet eine Fülle präziser Informationen (3): »Die Jungfrau gebar den Emmanuel, den lebendigen Gott. Und als sie ihn geboren hatte, näherte sie sich in etwa 13 Lebensjahren. Er verbrachte 33 Jahre, nämlich Jesus der Christus, in denen er nicht gekreuzigt wurde. Als sie den Herrn Jesus kreuzigten, war die Jungfrau im 48. Jahr. Und sie verbrachte elfeinhalb Jahre nach der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. Diese alle zusammen machen also 60 Jahre. Die ganze Zeit, die die Jungfrau auf der Erde verbracht hat, sind also 60 Jahre.

Ferner nun: Nach der Himmelfahrt unseres Erlösers ging die Jungfrau Maria mit den Aposteln verkündigen. Danach führte der Heilige Geist sie den Weg hinauf nach Jerusalem. Es war nämlich die Zeit gekommen, dass die Jungfrau sterben sollte, wie es jedem Menschen auferlegt ist. Denn sie hatte den Lauf vollendet und den Glauben bewahrt.«

Die Apostel waren darüber, so heißt es, sehr betrübt. Maria sprach »ein großes Gebet zum Herrn«. (4) »Und nachdem sie das Amen gegeben hatte, legte sie sich auf das Ruhebett. Und sofort, siehe, ein großer Duft verbreitete sich an dem ganzen Ort, und ein großes Licht erschien in dem Haus, und Christus trat mit einer großen Schar von Engeln zu ihr, und er sprach zu uns: ›Friede mit euch. Freue dich, o Maria, meine Mutter. Friede deinem Verlassen dieser Welt, in ein anderes wunderbares Licht. Friede sei mit euch, meine gesegneten Apostel.‹ Danach wandte er sich an Maria, seine Mutter, und sprach: ›O Maria, meine Mutter, keine Macht der Finsternis wird zu dir kommen können. Ich bin das Leben der ganzen Welt.‹«

Foto 6: Maria der Osterinsulaner
Zum Dogma wurde der Glaube an die körperlich-leibliche Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel erst anno 1950 von Papst Pius XII. erklärt. Daraus meinen skeptische Lutheraner ableiten zu können, dass diese Lehre sehr jung sei. Dem ist aber nicht so. Cyrill von Alexandrien war es, der schon im fünften Jahrhundert n.Chr. am 15. August ein Marienfest zelebrieren ließ. Das Fest »Mariae Aufnahme in den Himmel« lässt sich schon im sechsten Jahrhundert nachweisen. Und die Urfassung von Vindob K 7.589 beschrieb womöglich schon im zweiten Jahrhundert n.Chr. die Aufnahme Mariens in den Himmel.

Michael Hesemann kommt nach akribischer Recherche alter und ältester Dokumente wie des Vindob K 7.589 zur Überzeugung, dass das Dogma der »Assumptio« Mariens alles andere als ein neuzeitliches Produkt der Theologie ohne historischen Hintergrund ist. So schreibt er (5): »Die genauen Umstände ihres Todes (gemeint: Maria) .. bleiben auf ewig ein Geheimnis. Es ist uns nicht möglich, sie mit den Methoden der Geschichtsschreibung und der Archäologie zu ergründen. … Wir können allerdings sicher sein, dass die Legende des Transitus, bei allen noch so phantastischen Ausschmückungen, einen wahren Kern hat. Schließlich waren all die verwendeten Bilder nur Versuche, eine tiefere Wahrheit, die unbeschreiblich ist, zu erfassen.«

Foto 7: Das bescheidene Kirchlein der Osterinsel

Nach dem reichhaltigen Frühstück ging es dann zu Fuß zum kleinen Kirchlein der Osterinsel. Es war ein unerträglich heißer Vormittag, als wir am Gotteshaus ankamen. Da warteten schon viele Insulaner. Der Geistliche sprach einige Worte in Spanisch, die ich nicht verstand. Wir betraten das Kirchlein. Jetzt ging es auf Rapanui, also auf Osterinsulanisch, weiter. Und schließlich wurden alte Lieder voller freudiger Inbrunst gesungen…Wie mir der Geistliche nach dem Gottesdienst versicherte, wächst das Interesse der heutigen Osterinsulaner an ihrer alten Kultur. Die Jungen lernen wieder eifrig die alte Sprache Rapanui, die noch vor wenigen Jahren in Vergessenheit zu geraten drohte.

Verstanden habe ich die frommen Gesänge nicht. Aber ich meinte sehr wohl, den tiefen Glauben der einfachen Menschen zu spüren. Die Atmosphäre an jenem heißen Morgen war eine ganz besondere. Sie ließ sich nicht in Worte kleiden. Und so verzichtete ich natürlich darauf, die kleine Andacht durch Fotografieren zu stören.

Jahre später besuchte ich, jetzt mit einer kleinen Reisegesellschaft, wieder die Osterinsel. »Meinen« Geistlichen traf ich nicht mehr an. Er war, so erfuhr ich, nur für wenige Tage auf die kleine Vulkaninsel gekommen und hatte nur einen Gottesdienst als Gast zelebriert.


Fußnoten

(1) Hesemann, Michael: »Maria von Nazareth - Geschichte, Archäologie, Legenden«, Augsburg 2011, S. 283
(2) Hans Förster, Wiener Kirchengeschichtler
(3) Förster, Hans: »Transitus Mariae: Beiträge zur koptischen Überlieferung«, Berlin 2006, S. 15
Anmerkung: »transitus«, zu Deutsch etwa »Übergang«
(4) ebenda, S. 16
(5) Hesemann, Michael: »Maria von Nazareth - Geschichte, Archäologie, Legenden«, Augsburg 2011, S. 286

Zu den Fotos:

Foto 1: Die berühmten Kolosse der Osterinsel.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Im »Steinbruch« der Kolosse
Halbfertiger Koloss, liegend. Stehend: der Verfasser.
Foto: privat
Foto 3: Verleih von Verkehrsmitteln aller Art
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: »Himmelfahrt« Mariens: Bibelillustration, um 1870. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: »Transituts Mariae«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Maria der Osterinsulaner. Aufgenommen in der kleinen Kirche der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Das bescheidene Kirchlein der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Sehr empfehlenswert! Foto Verlag/ Archiv Walter-Jörg Langbein

Zur Lektüre empfohlen:

Michael Hesemann: »Maria von Nazareth«, Augsburg 2011, gebundene Ausgabe, 304 Seiten, 22,00 Euro

Foto 8: Sehr empfehlenswert!
Wer das »Neue Testament« oberflächlich liest, mag zur Erkenntnis kommen, dass wir über Maria von Nazareth nur sehr wenig wissen. Wer vermeintlich »wissenschaftliche« Werke der »kritischen Theologie« studiert, wird sich in seiner Meinung bestärkt sehen. Wer aber wirklich ausführliche Informationen über Maria von Nazareth sucht, dem sei die Lektüre von Michael Hesemanns »Maria von Nazareth/ Geschichte, Archäologie, Legenden« wärmstens empfohlen.

Michael Hesemann ist ein einzigartiges Werk gelungen, als Ergebnis profunden Wissens, intensivsten Quellenstudiums, ausführlicher Recherchen an heiligen Stätten. Kein zweites mir bekanntes »magnum opus« bietet geradezu detektivische Präzision wie Michael Hesemanns grundlegendes Werk. Nirgendwo sonst sah ich so präzise biblische Texte ausgewertet, ergänzt durch eine Fülle außerbiblischer Quellen. Und siehe da: Wir verfügen über eine erstaunliche Fülle an altehrwürdigem Material über Maria. In sehr überzeugender Weise fügt Hesemann unzählige Informationen aus Bibel und Apokryphen, aus Legenden und alten Überlieferungen zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. Für mich ist »Maria von Nazareth« ein wirklich schlüssiges Buch. Die Einzelinformationen, von Hesemann in bewundernswerter  Manier zusammengetragen, ergeben ein einheitliches Bild. Sie wurden für den interessierten Leser zu einer widerspruchsfreien Gesamtschau vereint.

Michael Hesemann betrieb aber nicht nur umfassendes Quellenstudium, er recherchierte an heiligen Stätten vor Ort… und lässt uns staunen! Werner Keller machte mit seinem Bestseller »Und die Bibel hat doch recht« weltweit Furore.  Michael Hesemanns »Maria von Nazareth« wird dem Titel von Keller sehr viel gerechter. In einer Zeit des antireligiösen Szeptizismus und der Unwissenheit in Sachen Bibel im »christlichen Abendland« unserer Tage bietet es – anschaulich geschrieben, vorzüglich illustriert, sachlich und ohne Sektierertum – Einblicke in das Leben der »Maria von Nazareth«!

Lesenswert? Sehr lesenswert! 

Rezension: Walter-Jörg Langbein

292 »Mariae Himmelfahrt – Teil 2«
Teil 292 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 23.08.2015

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