Sonntag, 8. Januar 2017

364 »Vom Ochsenkopf zur unverwüstbaren Maria«

Teil  364 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gott Radegast

Der kleine alte Mann kam meiner Vorstellung von einem Waldschrat recht nahe. Karl May hätte wohl seine helle Freude mit ihm gehabt und ihn in einen seiner Romane eingebaut, sei es als Held, den es in den »Wilden Westen« verschlagen hat, sei es als Hauptperson in einem seiner Heimatromane. Ferdi, so nannte sich das liebenswürdige Original mit starken Tendenzen zum Unikum, war eigenen Angaben nach 80 Jahre alt. Vielleicht hatte der urwüchsige Mann aber auch schon ein Jahrhundert auf dem kerzengraden Buckel. Seine Gestalt war schmächtig und dabei doch kraftvoll. Wind und Wetter hatten seine Gesichtshaut gegerbt. Er wirkte alt und doch irgendwie zeitlos. Seine Augen lachten aus der manchmal starr wirkenden Maske seines Gesichts.

Fotos 2 und 3: Der Ochsenkopf vom Ochsenkopf

Kenngelernt habe ich das Original von einem Menschen bei Erkundungsgängen in der Region des Ochsenkopf im Fichtelgebirge. Ferdi erzählte mir Interessantes aus der Geschichte des mit über 1.000 Metern zweithöchsten Berges im Fichtelgebirge. So erfuhr ich, dass er einst »Vichtelberg« oder »hoher Vichtelberg« hieß. Ob da eine Erinnerung an »Wichtel« mitschwingt, die längst vergessenen Mythen im Berg hausten?

Anno 1495 taucht erstmals der Name »Ochsenkopf« in Bergwerksakten auf. Wie es zum Namen »Ochsenkopf« kam, das ist umstritten. Vermutlich wurde auf dem Berg der Gott Radegast verehrt. Darauf deutet ein in Stein gemeißelter Stierkopf hin, der auf dem Gipfel des Ochsenkopf gefunden wurde. Schon vor 50 Jahren, Ende der 1960er, war die Gravur arg verwaschen, trotzdem aber noch zu erkennen. Mein Vater schätzte den Ochsenkopf sehr. Er fuhr begeistert Ski, auch am Ochsenkopf. Mich schleppte er oft mit und zeigte mir auch den in den Stein eingeritzten Ochsenkopf. Wiederholt stand ich vor der Ritzzeichnung, fuhr mit dem Zeigefinger die Konturen des »Ochsenkopfs« nach.

Fotos 4 und 5: Radegast's Ochsenkopf

Dann und wann wurden die Umrisse des Kopfes mit Kreide nachgezogen, um sie zu verdeutlichen. Nicht immer war wirklich zu erkennen, was einst, wer weiß wann, in den Stein geritzt worden war. Die Hörner jedenfalls waren abgerundet, nicht spitz. Sollte da eine Gottheit gezeigt werden? Oder ein Mensch, der als Zeichen der Gottheit Hörner trug? Bei meinen Versuchen einer zeichnerischen Rekonstruktion war ich natürlich bemüht, mich dem Original anzunähern. Ich habe darauf verzichtet, mit Fantasie zu ergänzen, was ein Gesicht vervollständigen würde. Nasenlöcher zum Beispiel vermag ich nicht zu sehen.

Radegast alias Svarožić wird als »Sohn des Svarog« übersetzt. Svarog war als »himmlischer Vater«, als »Himmelsgott«. Sohn Svarožić war als Sonnengott auch für das irdische Feuer zuständig.

Als interessantes Kuriosum notierte ich mir über Gott Radegast alias Svarožić erzählte: »Diesen Stiergott gibt es wirklich! Im letzten Kriegsjahr, anno 1945, habe ich erlebt, wie dieser Gott einen Feuerblitz vom Himmel warf! An der Stelle, wo die göttliche Glut aufschlug, tat sich ein Erdspalt auf. Daraus quoll Wasser. Leider ist die Quelle in den 1960ern versiegt!« Das Quellwasser, so versicherte mir Ferdi treuherzig, habe »heilende Wirkung« gehabt. Inzwischen weiß ich, dass dort, wo Quellgöttinnen angebetet wurden, Quellen Kurgästen aus nah und fern Linderung oder Heilung von Gebrechen bringen sollen.

Foto 6: Auch der Dom von Paderborn steht auf Quellgebiet

In Paderborn erzählte mir ein Geistlicher ausführlich und geheimniskrämerisch von der Mythologie der Quellen. Im Lauf der Recherchen und Kirchen und Klöstern machte ich eine, wie ich meine, erstaunliche Entdeckung. So manche Nonne, so mancher Priester weiß sehr viel mehr über heidnische Ursprünge christlicher Stätten. Offen darüber sprechen aber nur die wenigsten.

Unsere Altvorderen brachten in Sachen Quellen die Götter ins Spiel: Aus den Gefilden der Himmlischen schleudern Götter Blitze gen Erde. Die reißen den Himmel auf und Wasser fließt zur Erde. Die Blitze reißen aber auch Löcher ins Erdreich und Quellwasser tritt wieder zutage. Dieses anschauliche Bild ist schon uralt. Darauf weist auch Karl Weinhold in seiner bemerkenswerten Abhandlung »Die Verehrung der Quellen« (1) hin. Weinhold (2) schreibt (3): »Woher kommt das Quellwasser? Die Mythe antwortet, aus dem Sitz der Götter, dem wolkensammelnden Himmel. Der Blitz spaltet die Wolken und die himmlischen Wasser strömen zur Erde; der Blitz fährt in den Erdboden und der Quell springt hervor.« Und weiter: »Wo ein kirchliches Wunder das Wasser hervorruft, tritt die Naturmythe ganz zurück.« Freiwillig geschieht das freilich nicht. Die Naturmythe wird vielmehr ganz gezielt und bewusst zurückgetreten.

Foto 7: Paderborns einst heilige Quellen sprudeln noch

Westlich von Belgrad, am Ufer des Flusses Suave, fanden Archäologen eine Tonspindel (4). Das Objekt wurde der Vinca-Kultur zugeordnet und auf die Zeit um 5000 v.Chr. datiert. Professor Toby Griffen, Southern Illinois University Edwardsville, entzifferte die eingeritzte Zeichenfolge mit: »Bär – Göttin – Vogel – Göttin – Bär – Göttin – Göttin«.  Seine Übersetzung: »Bärgöttin und Vogelgöttin sind wirklich die Bärgöttin«. Somit wird klar: Die Verehrung der Göttin ist sehr viel älter als der patriarchalische Monotheismus von Judentum, Christentum und Islam.


Foto 8: Schwarze Madonna, Bad Birnbach
So beschreibt Heide Götter-Abendroth  in ihrem Buch »Berggöttinnen der Alpen« (5), wie uralte vorchristliche Orte der Verehrung der Göttinnen umfunktioniert wurden (6): »Mit den Kirchen und Kapellen auf den alten Heiligen Hügeln wurde die christliche Symbolik auf viel ältere symbolische Vorstellungen draufgesetzt. Wenn man frühere Kultstätten nicht zerstört hat, so wurden sie umfunktioniert, was insbesondere dann geschah, wenn die Verehrung der Bevölkerung an dem alten heiligen Platz festhielt. Das missionarische Prinzip, das dabei zur Anwendung kam, war, die vorchristliche Symbolik auf christliche Gestalten zu übertragen, doch den Sinn zu verdrehen, sodass die Bevölkerung quasi dasselbe, aber im christlichen Gewand vorfand.«

Unterschiedliche Göttinnen mit unterschiedlichen Aspekten wurden gern in Jesu Mutter Maria verwandelt. So wurde aus einer heidnischen »Himmelsgöttin« die jüdisch-christliche Maria als »Himmelsfrau«. Wo einst von den »Heiden« eine Göttin der Unterwelt angebetet wurde, dort findet unter christlichem Vorzeichen die Verherrlichung einer »schwarzen Madonna« statt. An Totengöttinnen, die Verstorbene entgegennehmen erinnern mich zahlreiche Marienbilder und Statuen, die Maria zeigen, wie sie den toten Jesus hält.

Foto 9: Schwarze Göttin?
Wo einst Göttinnen verehrt wurden, haben mütterliche Madonnen das Regiment über die einst heidnischen Kultstätten übernommen. Fürsorglich und liebevoll kümmern sie sich um den kleinen Jesus. Kurzum: Heidnische Göttinnen verschwanden nicht spurlos, sie wurden sehr häufig durch Marien ersetzt. Oder genauer: die heidnischen Muttergottheiten wurden in christliche umgewandelt. Heide Götter-Abendroth (6): »Besonders auffällig sind in diesem Zusammenhang Marien-Wallfahrtskirchen. Sie befinden sich auf sehr wichtigen alten Kultplätzen der Göttin.«

Friedrich Muthmann (8), ein renommierter deutscher klassischer Archäologe und Kunsthistoriker, veröffentlichte 1975 im »Archäologischen Verlag Basel« einen großformatigen Folianten mit »Studien zur Quellenverehrung im Altertum und Mittelalter« (9). Leider erschien das grundlegende Werk nur in einer Miniauflage von 750 Exemplaren. Muthmann schreibt (10): »Wie in den Ländern des Mittelmeergebietes, so bildete die Verehrung von Quellen und Brunnen auch in den Ländern nördlich der Alpen schon in vorgeschichtlicher Zeit ein wichtiges Element des religiösen Lebens.« Und weiter (11): »Heilige Quellen entsprangen im Schatten heiliger Bäume bei den Tempeln, wie wir es … aus der Errichtung von Kirchen, Kapellen und Klöstern an quellenreichen Orten schließen können, deren Wahl sich häufig daraus erklären läßt, daß sich hier schon in heidnischer Zeit ein Heiligtum befand.« Die Schriften »der christlichen Bekehrer« so Muthmann (12), »enthalten Beschreibungen von alten Quellkulten und Mahnungen zu ihrer Bekämpfung und Ausrottung«.

Foto 10: Maria, Dom zu Paderborn
Heide Göttner-Abendroth verdeutlicht, worum es geht (13): »Jede Quelle symbolisiert seit uralter Auffassung im Kleinen den Schoß der Erde, denn das hervorfließende Wasser macht die Wiesen grün und das Land fruchtbar.« Viele Göttinnen sind mit Heiligen Quellen eng verbunden: die Lebensspenderin Schakti, sie lebt in heiligen Quellen Indiens. In der Bretagne heißt Schakti Sul und ist eine Göttin der Quellen. Suls Statuen sollen, so berichten es Legenden, von christlichen Missionaren immer wieder in Flüsse geworfen worden sein. Auf wundersame Weise tauchten sie immer wieder auf und wurden reumütig wieder aufgestellt. Ganz ähnliche Geschichten kennt der christliche Volksglaube. So soll auch eine Statue der Gottesmutter Maria in Lügde Feuer und Wasser getrotzt haben. Der Statue, die »ausrangiert« werden sollte, konnten weder Feuer noch Wasser etwas anhaben. Sie verbrannte nicht und versank auch nicht in den Fluten. Göttinnen wie der Mutter Gottes wird eine geradezu übernatürliche Unverwüstbarkeit nachgesagt. Geschichten über unterstörbare heidnische Göttinnen wurden auf Maria, die Himmelskönigin, übertragen.

Fußnoten

Foto 11: Diente eine Todesgöttin als Vorbild?
1) Weinholds Abhandlung erschien 1898 unter dem Titel »Die Verehrung der 
     Quellen in Deutschland« in Berlin als schmales Bändchen. Heide Göttner- 
     Abendroth nahm es 1999 in ein wirklich wichtiges Werk auf, das ich wärmstens
     zur Lektüre empfehlen kann.
     Göttner-Abendroth, Heide (Hrsg.): »Mythologische Landschaft Deutschland«,
     Bern 1999, Weinhold, Karl: »Die Verehrung der Quellen«, Seiten 14-36
2) Karl Weinhold, * 26. Oktober 1823; † 15. August 1901 in Berlin
3) siehe 1, S. 14
4) Göttner-Abendroth, Heide: »Berggöttinnen der Alpen/ Matriarchale
     Landschaftsmythologie in vier Alpenländern«, Edition Raetia, 1 Auflage,   
     21. April 2016.
5) Ich zitiere die eBook-Ausgabe, Pos. 313, Zwischenüberschrift »Siebte Methode:
     Kirchenforschung«
6) Francia, Luisa: »Eine Göttin für jeden Tag«, Nymphenburger Verlag 2016. Ich
     nutzte die eBook-Ausgabe als Quelle, Pos. 29
7) Göttner-Abendroth, Heide: »Berggöttinnen der Alpen/ Matriarchale
     Landschaftsmythologie in vier Alpenländern«, Edition Raetia, 1 Auflage: 21.
     April 2016, eBook-Ausgabe, Position 312
8) * 15. April 1901 in Elberfeld; † 17. März 1981 in Bern
9) Muthmann, Friedrich: »Mutter und Quelle/ Studien zur Quellenverehrung im
     Altertum und Mittelalter«, Basel 1975
10) ebenda, Zeilen 6-8 von oben
11) ebenda, Zeilen 12-15 von oben, Rechtschreibung wurde übernommen. So blieb
     das »ß« erhalten, der Rechtschreibreform zum Trotz.
12) ebenda, Zeilen 16 und 17 von oben
13) Göttner-Abendroth, Heide: »Berggöttinnen der Alpen/ Matriarchale
     Landschaftsmythologie in vier Alpenländern«, Edition Raetia, 1 Auflage: 21.
     April 2016. Ich zitiere die eBook-Ausgabe, Pos. 913

Foto 12: Eine der unverwüstlichen Marien. Stadtkirche Lügde

Zu den Fotos
Foto 1 Gott Radegast, frühes 16. Jahrhundert. wiki commons
Fotos 2 und 3: Der Ochsenkopf vom Ochsenkopf. Foto 2 wikimedia commons/ Thomas Kees.
Foto 3 wikimedia commons/ Thomas Kees. Nachzeichnung Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Radegast's Ochsenkopf. Foto 4 wikimedia commons/ Thomas Kees. Foto 5 wikimedia commons/ Thomas Kees. Nachzeichnung Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Auch der Dom von Paderborn steht auf Quellgebiet. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Paderborns einst heilige Quellen sprudeln noch. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Schwarze Madonna der Holzkapelle im Lugenser Wald Bad Birnbach. Foto Heidi Stahl
Foto 9: Schwarze Göttin. Schwarze Madonna der Holzkapelle im Lugenser Wald Bad Birnbach. Foto Heidi Stahl
Foto 10: Maria, Dom zu Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Diente eine Todesgöttin als Vorbild? Maria und der tote Jesus, Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Eine der unverwüstlichen Marien. Stadtkirche Lügde

365 »Feuerberg und Heiliger Quell'«,
Teil  365 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.01.2017


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Sonntag, 1. Januar 2017

363 »Übergang zur Anderswelt«

Teil  363 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Im Vordergrund die Kaiserpfalz, im Hintergrund der Dom

Nur ein paar Schritte vom Eingang der »Bartholomäus-Kapelle« geht’s zum Eingang des Museums in der Kaiserpfalz. Hier hat Sachsenschlächter Karl der Große anno 776 einen Palast errichten lassen. Eine kräftig sprudelnde Wasserquelle bezog der Herrscher bei seinem Bauvorhaben natürlich mit ein. So war die Versorgung mit frischem Trinkwasser gewährleistet. Auf eine Kirche wollte der fromme Machtmensch nicht verzichten. So entstand neben dem weltlichen Palast ein relativ kleines Gotteshaus (Grundfläche 9 Meter x 20 Meter).

Karl der Große hasste Heidentum in jeder Form. Dem Machtpolitiker war klar, dass er rebellische Stämme am besten und wirkungsvollsten unterwerfen konnte, wenn er sie zur Aufgabe ihres alten Glaubens und zur Übernahme des christlichen Glaubens zwang. Ein schmerzhafter Dorn im Auge dürfte dem Regenten die Verehrung einer heiligen Quelle zu Paderborn gewesen sein. So vermerkte Georg Buschan in seinem Werk »Altgermanische Überlieferungen in Kult und Brauchtum der Deutschen« (1):

»Es wurde bereits an anderer Stelle erwähnt, daß in der Vorzeit Quellen mit der Verehrung von heiligen Pferden  in Verbindung standen. Eine solche heilige Quelle hat in germanischer Vorzeit auf dem Grund und Boden bestanden, wo der heutige Dom von Paderborn erbaut wurde. Die geschichtliche Überlieferung berichtet, daß Karl der Große diesen an der gleichen Stelle habe erbauen lassen, an der ein heidnisches Heiligtum gestanden habe, und die Legende fügt hinzu, daß unter ihm 500 Quellen entsprungen seien. Noch heute besteht als Erinnerung an den altgermanischen Kult der Brauch, daß die Fuhrleute ihre Pferde in die dortige Quelle, aus der seinerzeit Wodans heilige Rosse getränkt wurden, ziehen, da diese die wunderbare Eigenschaft besitzen soll, die Sehnen der Tiere zu stärken.«

Fotos 2 und 3: Interessante Führer zum Museum in der Kaiserpfalz

1964 wurden Spuren der alten Kaiserpfalz wieder entdeckt. Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe machten eine sensationelle Entdeckung. Unter meterhohem Schutt traten bei ihren Ausgrabungen große Teile der Kelleranlagen zutage. Und nicht nur das: Die über viele Jahrhunderte verschüttete Quelle konnte wiederbelebt werden.  Zu Zeiten Karls des Großen, also Ende des 8. Jahrhunderts, sprudelte sie wohl noch im Freien.

Im Jahr 1000 wütete ein Brand in Paderborn. Auch Karls Prachtbau wurde zerstört. Fünf Jahre später war es Bischof Meinwerk, der eine neue Pfalz bauen ließ. Im 13. Jahrhundert war der Palast baufällig, wurde wohl aufgegeben und stürzte irgendwann ein. Die Quelle verschwand unter Schutt und Trümmern. Sie versiegte. Heute sprudelt sie wieder die einst heilige Quelle – im Keller unter dem beeindruckenden »Museum in der Kaiserpfalz«.

Foto 4: Blick in die Bartholomäus-Kapelle

Es lohnt sich, das Museum neben der Bartholomäus-Kapelle zu besuchen. Wer nicht genügend Zeit für die zahlreichen Ausstellungsstücke hat, der sollte unbedingt in den Keller unter der Kaiserpfalz steigen. Er misst zehn mal sieben Meter. In der Mitte steht ein mächtiger Pfeiler. Eine Tür führte in einen angrenzenden Raum. Hier unten, unter der Pfalz, unter dem Niveau des Doms, kann man immer noch die Verehrung heiliger Quellen erahnen, ja erfühlen. Die stetig sprudelnde Quelle füllt die mysteriöse Unterwelt mit Wasser. Bis zu einer Höhe von eineinhalb Metern steht es im unterirdischen Gewölbe. Dezente Scheinwerfer unter der Wasseroberfläche lassen es in geheimnisvollem Türkis schimmern. Dabei ist es glasklar. Trinken sollte man es freilich in unseren Tagen nicht mehr. Wenn es draußen anhaltend regnet, dann führt das Quellwasser schlammige Anteile mit. Muffigen Geruch hatte ich erwartet, aber nicht angetroffen. Das Quellwasser steht aber auch nicht, es fließt aus dem Keller durch eine Maueröffnung ins Paderquellgebiet.

Foto 5: Treppe in die Unterwelt

Es lohnt sich, zunächst eine Treppe hinab in die »Unterwelt« zu steigen, dann einem schmalen Gang zu folgen. Und plötzlich steht man auf einem schmalen Vorsprung und blickt in den Quellkeller. Die Atmosphäre ist nicht wirklich zutreffend zu beschreiben. Karl der Große hat vermutlich vor mehr als 1200 Jahren aus dieser Quelle getrunken. Dabei dürfte es Karl nicht vordergründig um frisches Wasser gegangen sein. Er wollte vielmehr ein altes Quellheiligtum zur Wasserversorgung umfunktionieren. Wo einst – und wohl noch zu Karls Zeiten – Heiden kultische Handlungen verrichteten, entstand ein christliches Zentrum: die Pfalz des christlichen Herrschers nebst Kapelle und Kirche. Wasser spielte beim Bau von Kirchen und Klöstern immer eine wichtige Rolle (2).

Foto 6: Hier geht's zum Quellkeller

Priester wie Klosterbrüder wollten ja auch trinken. In vorchristlichen Zeiten freilich hatten Quellen eine tiefere, sprich religiöse Bedeutung. Heilige Göttinnen spendeten Wasser. Quellen waren Geschenke der Göttinnen und Göttinnen wurden in Quellheiligtümern verehrt. Die Archäologin Marija Gimbutas kommt zur Erkenntnis, dass die Heiligkeit lebenspendenden Wassers bereits in vorgeschichtlichen Zeiten für die Menschen fester Bestandteil ihres »heidnischen« Glaubens war. Gibutjas schreibt (3): »Die Mythen um Brunnen und warme Quellen lassen sich nicht vom Kult der lebenspendenden Göttin trennen. In der griechischen, römischen, keltischen und baltischen Überlieferung ist immer wieder von Göttinnen und Nymphen die Rede, die mit bestimmten Flüssen, Quellen und Brunnen in Verbindung stehen.«

Heidnische Quellheiligtümer wurden christianisiert, sprich überbaut. Alte Überlieferungen deuten darauf hin, dass die Quellen von Paderborn schon in vorchristlichen Zeiten von religiöser Bedeutung waren. Der Dom von Paderborn wurde auf derlei heilige Quellen gebaut. Und eine der Heiligen Quellen sprudelt noch heute im Keller der Pfalz beim Dom zu Paderborn. Just dort kam ich mit einem alten katholischen Geistlichen ins Gespräch, der mir bei einigen meiner zahlreichen Besuche der mysteriösen Stätten von Paderborn schon mehrfach begegnet war. »Haben Sie nicht neulich in der Krypta des Doms fotografiert?«, wollte der freundliche alte Herr von mir wissen. Ich bejahte. »Was interessiert Sie denn so besonders in der Krypta?«

Foto 7: Im Gewölbe des Quellkellers

Nach kurzem Zögern antwortete ich: »Die seltsamen Schnitzwerke an den Bankenden!« Der Geistliche riet mir: »Besuchen Sie doch auch die Krypta in der Abdinghof-Kirche«. Die sei ungefähr so alt wie der Dom. Und auch da gebe es an steinernen Säulenkapitellen ganz ähnliche Darstellungen. »Einige der Darstellungen erinnern doch sehr an Drachen!«, trug ich kundig vor. »Aber was haben diese Fabelwesen mit christlichen Gotteshäusern zu tun?« Erstaunliches sollte ich aus dem Mund des geistlichen erfahren. »Thales aus Milet (4) behauptete, Ursprung und Ende des Alls sei das Wasser. Wächter des Wassers waren die Drachen! Das ist altes heidnisches Glaubensgut, das zu Zeiten von Karl dem Großen keineswegs vergessen war! In der Krypta der Abdinghofkirche finden Sie Darstellungen von diesen Drachen!«


Fotos 8 und 9: Geheimnisvolle »Unterwelt«
Wasser, so der Geistliche, sei ein universales »Sinnbild« für die Göttin. Die Urgöttin habe alles aus sich hervorgebracht, habe alles geboren. »Das ›Wasser‹ steht für die ›Urmutter‹, aus der alles hervorgeht. Drachen hüten das Geheimnis des Wassers…« Joseph Campbell (1904-1987) schreibt im ersten Band seines monumentalen Werkes (5) über »Die Masken Gottes« (6): »Das Wasser überträgt die Kraft der Göttin; aber gleichermaßen ist sie es, die das Geheimnis des Wassers personifiziert, das Wasser der Geburt und der Auflösung – sei es des Einzelnen oder des Weltalls.«

Barbara Hutzl-Ronge, 1963 in Österreich geboren, lebt als freischaffende Autorin in Zürich. Sie gilt als eine der profundesten Kennerinnen alpiner Sagen, christlicher Legenden sowie vorchristlicher Mythen und Symbole. Sie hat sich intensiv mit der mythologischen Bedeutung von Quellen auseinandergesetzt und ein fundamentales Werk zur spannenden Thematik verfasst (7), betitelt »Quellgöttinnen, Flußheilige, Meerfrauen«. Sie schreibt (8): »Die Verehrung von Quellen kommt bei den KeltInnen besondere Bedeutung zu. Wie andere Völker auch verehrten die KeltInnen Göttinnen aus Dank für das kostbare Wasser. Darüber hinaus waren sie überzeugt, Quellen stellten den Übergang und somit die wichtigste Kontaktstelle zur Anderswelt dar. Die Quellverehrung läßt sich in keltisch besiedeltem Gebiet bis in frühgeschichtliche Zeit belegen.«

Foto 10: Geheimnisvoll leuchtet das Wasser

Unzählige Heiligenlegenden berichten, wie zum Beispiel die drei heiligen Jungfrauen auf wundersame Weise in Zeiten schrecklicher Dürre erquickendes Wasser aus der Erde sprudeln lassen (9). Karl Weinhold merkt sachkundig an (10): »Wo ein kirchliches Wunder das Wasser hervorruft, tritt die Naturmythe ganz zurück.« Die einst hochverehrten Quellgöttinnen wurden von der theologischen Obrigkeit nicht mehr geduldet. Da sie sich nicht einfach per Dekret aus dem Volksglauben verbannen ließen, wurden sie degradiert (11): »Sie wurden zu Truden und Hexen herabgedrückt, die ihre Versammlungen an den Quellen halten. Oder gar … zu schwarzen Heiden.«

Im kryptaartigen Quellkeller  mit seinen Gewölben, die sich im Wasser spiegeln, würden unsere keltischen Vorfahren so etwas wie einen Übergang in jenseitige Welten sehen. Auf mich machte die Stätte einen mystisch-geheimnisvollen Eindruck, den ich nicht in Worte kleiden kann. Dort unten würde es mich nicht übermäßig wundern, wenn ich plötzlich einem leibhaftigen lebenden Zeitgenossen Karls des Großen gegenüberstünde. Der Raum regt zum Nachdenken wie zum Träumen an.

Foto 11: Aus dieser Quelle trank Karl der Große

Die Ausführungen des alten Herrn im Quellkeller unter dem Kaiserpalast waren alles andere als typisch christlich, also recht interessant. So machte ich mich im Keller der Abdinghofkirche auf die Suche nach Drachen. Es dauerte etwas, denn die Lichtverhältnisse sind bescheiden. Ich wurde aber trotzdem fündig: in verschiedene Säulenkapitelle wurden sie von unbekannten Künstlern eingeschnitzt. Die »Drachen« sind nicht wirklich dreidimensional gestaltet, sie sind flach und erinnern mich an die Scharrbilder Englands. Auch da wurden einst Drachenbilder – allerdings riesengroß – geschaffen. Man hat Gras und Erdreich abgetragen bis man darunter auf weißen Kalkstein stieß und so wurden Konturen von Riesen, Pferden und auch Drachen sichtbar. Die »Drachen« von Paderborn wie jene aus Südengland wirken stilisiert.


Foto 12: Drache oder Pferd?

Die Riesendrachen von England erinnern manchmal an Pferde. Das mag daran liegen, dass die Riesenbilder im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder überarbeitet wurden. Waren es Kelten, die stilisierte Drachen in Riesengröße in den Boden scharrten? Hatten die Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche keltische Vorbilder?


Fußnoten
1) Buschan, Georg: »Altgermanische Überlieferungen in Kult und Brauchtum der Deutschen«, München 1936, S.114, Zeilen 4-16 von oben
2) Legler, Rolf: »Tempel des Wassers/ Brunnen und Brunnenhäuser in den
Klöstern Europas«, Stuttgart 2005
3) Gimbutjas, Marija: »Die Sprache der Göttin«, 2. Auflage, Frankfurt 1996, S. 43
4) Thales von Milet, * um 624 v. Chr.; † um 547 v. Chr.
5) Campbell, Joseph: »Die Masken Gottes«, 4 Bände, München 1996
6) Campbell, Joseph: »Mythologie der Urvölker/ Die Masken Gottes«, Basel 1991, Seite 82, Zeilen 1-3 von unten
7) Hutzl-Ronge, Barbara: »Quellgöttinnen, Flußheilige, Meerfrauen«, München 
     2002
8) ebenda, Seite 32 ganz oben, 1 Druckfehler wurde korrigiert, ansonsten habe ich die Rechtschreibung unverändert übernommen, also nicht der Rechtschreibreform angepasst. So blieb das altehrwürdige ß erhalten.
9) Göttner-Abendroth, Heide (Hrsg.): »Mythologische Landschaft Deutschland«,
     Bern 1999, Weinhold, Karl: »Die Verehrung der Quellen«, Seiten 14-36
10) ebenda, Seite 15, Zeilen 21 und 20 von unten
11) ebenda, Seite 19, Zeilen 8-6 von unten

Foto 13: Der Legende nach steht der Dom auf einer Heiligen Quelle

Zur weiterführenden Lektüre empfohlen:

Wolfgang Bauer, Wolfgang und Sergius Golowin, Golowin: »Heilige Quellen,
     Heilende Brunnen«, Saarbrücken 2009
Göttner-Abendroth, Heide: »Mythologische Landschaft Deutschland«, Bern
     1999
Muthmann, Friedrich: »Mutter und Quelle. Studien zur Quellenverehrung im
     Altertum und im Mittelalter«, Basel  und Mainz 1975
Näsström, Britt-Marie und Teegen, Wolf-Rüdiger: »Quellheiligtümer und
     Quellkult«, erschienen in: »Reallexikon der Germanischen Altertumskunde«, 2.
     Auflage., Band 24, S. 15–29 Berlin und New York 2003

Foto 14: Blick zum Dom, bei Regen.

Zu den Fotos

Foto 1: Im Vordergrund die Kaiserpfalz, im Hintergrund der Dom. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 2 und 3: Interessante Führer zum Museum in der Kaiserpfalz. Archiv Langbein.
Foto 4: Blick in die Bartholomäus-Kapelle
Foto 5: Treppe in die Unterwelt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Hier geht's zum Quellkeller. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Im Gewölbe des Quellkellers. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Geheimnisvolle »Unterwelt«. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Geheimnisvoll leuchtet das Wasser. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Aus dieser Quelle trank Karl der Große. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Drache oder Pferd? Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Der Legende nach steht der Dom auf einer Heiligen Quelle. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 14: Blick zum Dom, bei Regen. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 15: Der Dom vor 100 Jahren. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 15: Der Dom vor 100 Jahren

364 »Vom Ochsenkopf zur unverwüstbaren Maria«,
Teil  364 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.01.2017



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