Sonntag, 16. Juli 2017

391 »Unterwegs in Túcume«

Teil  391 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1 und  2: Modelle von Sipan und Túcume

Die Inka eroberten »feindliches Land«, um ihr Reich zu vergrößern, heißt es in den Werken der Geschichtsforscher. Und die Gelehrten fabulierten nicht einfach, sie studierten Aufzeichnungen der Spanier, sie führten archäologische Ausgrabungen durch. So brutal die Militärs auch manchmal vorgingen, sie vernichteten keine ältere Kultur. Vielmehr respektierte sie die Leistungen der militärisch unterlegenen. Bauwerke aus älteren Zeiten zerstörten sie nicht.

Die Verteidiger von Túcume, im Lambayeque-Tal, Peru, fürchteten die marodierenden Spanier, die Tod und Verderben brachten. Waren diese goldgierigen Räuberbanden vielleicht eine Strafe der Götter? Schickten die Himmlischen die Mörder aus fernem Land jenseits des großen Meeres, weil ihnen in nicht genügendem Umfang Respekt gezollt wurde? Konnte man die eigenen Götter noch besänftigen? Würde so das Ende noch verhindert werden können? Also ließen die Herren von Túcume den Göttern Menschenopfer bringen. Wer als Opfer ausgewählt wurde? Nach welchen Kriterien man wen mit wuchtigen Beilhieben erschlug? Waren es vielleicht Freiwillige aus der Oberschicht, oder doch Mordopfer?

Foto 3: Der Fürst von Sipan lässt sich über den Fortschritt der Bauarbeiten informieren

Ein Doktorand der Archäologie erklärte mir vor Ort in Túcume im Gespräch, dass es wohl die Edelsten der Edlen waren, die sich für das Wohl der Gemeinschaft den Göttern opfern ließen. »Man wollte natürlich die Götter bestechen, indem man ihnen Vertreter aus ›Adelskreisen‹ schenkte. Die Himmlischen würden sich doch nicht mit niederem Volk zufriedengeben!« Drängten sich vielleicht Opferwillige geradezu vor, um mit ihrer vermeintlich heroischen Tat die Zerstörung der eigenen Kultur noch einmal abzuwenden?

Wie dem auch sei: Dutzendweise wurden anno 1533 Menschen erschlagen, doch die Götter ließen sich nicht besänftigen. Sie unternahmen nichts, um ihre Anhänger zu retten. Ungehindert folterten, massakrierten und plünderten die Spanier. Der Zweck – Gold, Gold, Gold – heiligte die Mittel. Die Herrscher von Túcume müssen verzweifelt gewesen sein, als sie erkannten, dass die feindlichen Eroberer auch durch Blutopfer für die Götter nicht aufzuhalten waren. Der riesige Pyramidenkomplex von Túcume sollte ihnen aber nicht in die Hände fallen. So steckten sie das Heiligtum in Brand, legten die Zeugnisse ihrer Kultur und Schutt und Asche.

Foto 4: Riesige Rampen führten einst zu den Bauten auf den Pyramiden

Es heißt, dass einst ein Heros namens Naymlap die Kultur von Túcume begründete. »Mein« Doktorand, der anonym bleiben wollte, spekulierte: »In Tempeln auf riesigen Pyramiden mögen Reliquien des legendären Naymlap verehrt worden sein. Es mag auch schriftliche Dokumente über die Gründerzeit gegeben haben. Wenn die Tempel von Túcume Artefakte enthielten, die uns Ñaymlap näher bringen könnten, so fielen sie den Feuern von 1533 zum Opfer!« Hätte es diese Brände nicht gegeben, so wären die Spuren des Ñaymlap mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von den Spaniern zerstört worden.

Die Spanier vermuteten in den Pyramiden von Túcume Gräber hoher »Fürsten« und »Könige«. Sie dürften reiche Grabbeigaben vermutet haben. Zerstörten die Spanier die einst stolzen Bauwerke? Allein im Tal von Túcume gab es einst mindestens 26 künstlich aus Adobe-Ziegeln geschaffene Pyramiden. Hoch oben auf den Plattformen der Pyramiden mögen einst die Herrscher von Túcume gelebt haben. Vielleicht waren da aber auch Astronomen stationiert, die den Lauf der Sterne und Planeten verfolgten. Tatsächlich sind allen Zerstörungen zum Trotz auf manchen der Pyramiden noch heute Reste von Gebäuden zu erkennen.

Foto 5: Schutzdächer für archäologische Ausgrabungen

Welche Verwüstungen gehen auf wen zurück? Schon im 11. Nachchristlichen Jahrhundert soll es klimatische Katastrophen im Tal von Túcume gegeben haben. Nach Ewigkeiten der Trockenheit sollen sintflutartige Regenfälle dafür verantwortlich gewesen sein, die zumindest einige der Pyramiden fast bis zur Unkenntlichkeit beschädigten. Wie sollen da heute, ein Jahrtausend später, seriöse Archäologen das ursprüngliche Aussehen der Pyramiden rekonstruieren können?

Reste von Rampen, die einst zu den Spitzen der Pyramiden hinauf führten, sind heute noch da und dort zu erkennen. Waren es nur Aufgänge? Oder dienten sie wie Rampen an speziellen indischen Tempelpyramiden astronomischen Zwecken? Mein Informant, so versicherte er mir, hielt sich strikt zurück mit der Veröffentlichung von Grabungsberichten, so die Zweifel an der aktuell gültigen Lehrmeinung aufkommen lassen könnten.

Foto 6: Einer der Tunneleingänge

An archäologischen Stätten trifft man oft Wissenschaftler aus unterschiedlichen Bereichen, vor allem natürlich Archäologen. Im vertraulichen Gespräch erfährt man oft, was gar nicht zur gängigen wissenschaftlichen Lehre passt. »Mein« Archäologe zum Beispiel favorisierte die Vorstellung von sehr frühen matriarchalen Gesellschaftssystemen. Vorsichtig formulierte er: »Ich halte es zum Beispiel für wahrscheinlich, dass in Sipán wie in Túcume Frauen eine ganz dominante Rolle spielten, im religiösen Bereich als ›Oberpriesterinnen‹, im weltlichen Bereich als ›Fürstinnen‹. Womöglich gab es harte Auseinandersetzungen zwischen Anhängerinnen der Oberpriesterin und dem Gefolge des Oberpriesters.« Konkrete Beweise für eine solche Spekulation konnte mir »mein« Archäologe freilich nicht benennen. »Vielleicht zerstörte die eine Fraktion die Pyramiden der anderen.« Entbrannte ein Kampf der Geschlechter?

Foto 7: Das Werk von Grabräubern
»Was heißt hier ›Beweise‹!«, mokierte sich der noch junge Mann.« Vieles was der Laie für wissenschaftlich bewiesen halte, sei reine Spekulation. Rein spekulativ sei zum Beispiel die interessante These vom Menschenopfer als Ursache für den Niedergang der Kultur der Pyramidenbauer von Sipán und Túcume: Weil den Göttern die Edelsten und Besten geopfert wurden, verschwand die Elite, verlor man das Führungspersonal. Schwächten die Menschenopfer das Volk schon so, dass die Spanier im 16. Jahrhundert ohne größere Probleme gegen eine zahlenmäßige Übermacht gewinnen konnten? Oder führte El Niño schon vor Jahrhunderten zu Naturkatastrophen, denen die Menschen in der Wüstenregion hilflos ausgeliefert waren? (1)

Auf meinen Reisen durch die Gefilde von Túcume und Sipán fühlte ich mich in eine fremde Welt versetzt. Die Reste der einst gigantischen Pyramiden machten einen traurigen Eindruck. Millionen von Adobe-Steinen waren einst, wann auch immer, an der Sonne gebrannt und zu komplexen Systemen von Plattformen und Pyramiden aufgetürmt worden. Unbezweifelbar sind gewaltige Wasserschäden. Sind sie alt oder jung? Ich muss nochmal »meinen« anonymen Archäologen zu Wort kommen lassen: »Auch Archäologen sind an zum Teil erheblichen Schäden an den Pyramiden verantwortlich. Sie müssen die äußere Schicht der Pyramiden entfernen, um zu erforschen, was sich darunter verbirgt. Dann sind die Pyramiden schutzlos den Wetterunbilden ausgeliefert. Auch sind die an der Sonne gebrannten Lehmziegel nicht sehr durabel. So kann es sein, dass einige der Pyramiden so aussehen, als seien sie seit Jahrtausenden Wind und Wetter ausgeliefert. In Wirklichkeit geschahen die massiven Beschädigungen erst in den letzten 100 oder 120 Jahren.«

Seit mindestens 100 Jahren sind auch Grabräuber zugange, die Tunnel in die Pyramiden treiben, in der Hoffnung, so auf Grabkammern mit Mumien mit kostbarem Schmuck zu stoßen. Bei meinen Besuchen sah ich mehrere solche bergwerksartig in Pyramiden hineingetriebene Stollen gesehen. Deren Ausmaße, ich habe nachgemessen, hielten mich davon ab, in den Leib der Pyramiden vorzudringen. Ein Beispiel soll genügen: Höhe 95 Zentimeter, Breite 89 Zentimeter. Man wollte wohl so schnell wie möglich so weit wie möglich in der Pyramide vorankommen. Wie lang der Stollen war, das weiß ich natürlich nicht. Ob er von Grabräubern angelegt worden ist,  ich weiß es auch nicht. Ob der Gang zu einer Entdeckung führte, zu einer Grabkammer? Oder endet er irgendwo im Inneren der massigen Pyramide blind? Die Vorstellung, mich auf allen Vieren durch diesen engen Tunnel zu quetschen, die war mir alles andere als angenehm. Was mich dann letztlich davon abhielt, den Schacht zu erkunden, war der Gedanke an den Rückweg. Die Vorstellung, auf allen Vieren rückwärts wieder durch die Enge des Tunnels ans Tageslicht zurückzukehren, fand ich gruselig. Kurz, ich verzichtete auf ein mögliches Abenteuer. Mir fehlte der Mut, den H.P. Lovecrafts Held aufbrachte, um in die furchteinflößende »Stadt ohne Namen« (2) zu gelangen.

Fußnoten
Foto 8: Ein Stolleneingang
Foto 9: Ob die Grabräuber fündig wurden?
1) Literaturempfehlung! Sehr ausführlich hat sich der amerikanische Geograph Jared Diamond mit dem Untergang von Kulturen und Zivilisationen auseinandergesetzt. Sehr empfehlenswert ist sein Buch »Kollaps«. Diamond, Jared: »Kollaps/ Warum Gesellschaften überleben oder untergehen«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main, Oktober 2011
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seiten 7- 24. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.

Zu den Fotos
Fotos 1 und  2: Modelle von Sipan und Túcume. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Fürst von Sipan lässt sich über den Fortschritt der Bauarbeiten informieren. 
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Riesige Rampen führten einst zu den Bauten auf den Pyramiden.
Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 5: Schutzdächer für archäologische Ausgrabungen.
Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 6: Einer der Tunneleingänge. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Das Werk von Grabräubern. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Ein Stolleneingang. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Ob die Grabräuber fündig wurden? Foto Walter-Jörg Langbein

392 »Von Tunneln, verborgenen Schätzen und Legenden«,
Teil  392 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        

  von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 23.7.2017


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Sonntag, 9. Juli 2017

390 »Im Tal der 300 Pyramiden«

Teil  390 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Die Pyramiden von Palenque und Chichen Itza

Weltweit gibt es Pyramiden, von Ägypten bis Mexico. Atemraubende Steinberge, Treppen in den Himmel, faszinieren mich besonders im Urwald Mexikos. Im Sonnenlicht erstrahlen sie auf geheimnisvolle Weise vor dem Hintergrund des grünen Dickichts, das sie Jahrhunderte lang verborgen hielt. Beim Anblick der herrlichen scharf umrissenen Konturen, die sich so klar und deutlich vom blauen Himmel abheben, vergisst man aber eines: Die Meisterwerke der Baukunst wurden von Archäologen „neuerer“ Zeit ausgegraben und rekonstruiert. Oftmals boten sie, vom Überwuchs befreit, einen traurigen Anblick: So manche Stufenpyramide war nur noch als „Hügel“ zu erkennen.

Scharfkantige Treppenstufen mussten erst wieder mehr als nur einer „kosmetischen Operation“ unterzogen werden. Große Teile der Außenhülle waren abgerutscht und lagen zu Füßen der einst so stolzen Pyramiden. Sorgsam wieder aufgebaut, machen die Pyramiden von Tulum, Palenque und Chichen Itza heute einen frischen Eindruck, so als ob sie eben erst errichtet worden seien und nicht vor Jahrhunderten. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass bei der »Rekonstruktion« mancher Pyramide eine gehörige Portion Fantasie zum Einsatz kam.

Foto 3: Howard Phillips Lovecraft.

Von Chiclayo aus erkundete ich die Gefilde von Lambayeque im nordwestlichen Peru. Anno 2007 lebten auf einer Fläche von rund 15.000 km² über eine Million Menschen. Einst blühten hier zu Vor-Inka-Zeiten erstaunliche Kulturen. Die Chimú-Kultur dominierte in der Zeit von etwa 1250 n.Chr. bis 1470 n.Chr. um die heutige Stadt Trujillio. Ebenso „vorinkaisch“ ist die Sipán-Kultur im La-Leche-Tal an der Nordküste von Peru, deren Bauten  im Zeitraum von ca. 700 bis 1375 errichtet wurden. Noch älter ist die Moche-Kultur. Nach heutigem Kenntnisstand hatte sie ihre Anfänge bereits im 1. Nachchristlichen Jahrhundert und ging im 8. Jahrhundert unter.  Gingen diese Kulturen ineinander über oder entstanden sie unabhängig voneinander? Oder beeinflussten sie sich nur?


Foto 4: Palenque, Tempel des Totenschädels, Tempel XII.

Von Chiclayo aus erwanderte ich die Bauten dieser drei Kulturen, über die weit weniger bekannt ist als man annehmen möchte. Die Pyramiden, die sie uns hinterlassen haben, erinnern mich an fantastische Schilderungen aus der Feder von H.P. Lovecraft (1) . Bei einem nächtlichen Besuch überkam mich ein komisches Gruseln, vielleicht weil mir die eine oder die andere Schauergeschichte erzählt worden war, von Menschenopfern und grausamen Ritualen. Mächtigen Fürsten seien lebende Diener mit ins Grab gegeben worden, um die Herrschaften im Jenseits standesgemäß zu bedienen. Oder man habe die engsten Vertrauten dahingeschiedener Despoten rituell getötet und die Entleibten dem toten Fürsten zur untertänigsten Betreuung im Jenseits mitgegeben.

Umstritten ist, ob die engsten Vertrauten wie Bedienstete freiwillig aus dem Leben schieden, weil sie im Glanz der Fürsten im Jenseits weiterleben wollten, oder ob sie ungefragt ermordet wurden. Vielleicht glaubten sie, so in ein besseres Leben zu sterben, in ein Jenseits, das viel angenehmer sein würde als für viele Zeitgenossen das Diesseits?

Foto 5: Die Mondpyramide, Straße der Toten.

Ein katholischer Geistlicher vertraute mir flüsternd an, Gruselstories von Geistern, die den Lebenden von heute das flackernde Lebenslicht ausblasen wollen, gingen auf das Konto von Archäologen. »Man will den Grabräubern Angst machen, ihnen einreden, dass sie höllischen Spuk auslösen, wenn sie die Gräber aus alten Zeiten plündern.« Wirklich beeindruckt scheinen die Grabräuber vor Ort nicht zu sein. Schließlich haben ihre Großväter und Väter bereits die Gefilde von Túcume und Sipán systematisch in Angriff genommen, um bis heute unentdeckte Gräber mythologischer Fürsten ausfindig zu machen. Seit Generationen hofft man auf besonders wertvolle Funde, auf edelste Grabbeigaben, die alle bisherigen Funde in den Schatten stellen.


Foto 6: Eine der Pyramiden von Túcume

Aus Sicht der Toten dürfte es kaum einen Unterschied machen, ob ihre »Ruhe« von Grabräubern oder Archäologen gestört wird. Gewiss, Grabräuber gehen mit den sterblichen Überresten aus alten Zeiten sehr viel brutaler um als Archäologen. Mumien werden wenig zartfühlend ausgewickelt und achtlos liegengelassen. Von alleinigem Interesse sind Goldschmuck und Tonwaren, von reichen Privatsammlern begehrt. Man befürchtet aber auch zu Recht, dass Goldschmuck aus Gräbern immer wieder eingeschmolzen wird, ganz nach Sitte der ach so kultivierten spanischen Eroberer. Archäologen gehen behutsamer mit den Toten um. Ihre wertvollen Grabbeigaben wandern in Museumsvitrinen, so wie auch gut erhaltene Mumien gern in Museen in klimatisierten »Schneewittchensärgen« zur Schau gestellt werden. Von Pietät kann man auch nicht sprechen, wenn Mumien ihren Gräbern entrissen, desinfiziert und konserviert werden, um dann in Museumsdepots zu verschwinden.

Foto 7: Im Tal der 300 Pyramiden

Wirken zum Beispiel die Pyramiden von Chichen Itza, Palenque oder der »Straße der Toten« am Rande von Mexico City heute, als wären sie eben erst gebaut worden, so erscheinen jene von Túcume und Sipán geradezu vorsintflutlich alt. Salopp gesagt: So manche Pyramide in Mexico oder Peru könnte als Kulisse für einen Science-Fiction-Film gebaut worden sein. Per »Zeitmaschine« reisen die Helden in die Vergangenheit, um zu erleben, welche Rituale auf den steinernen Monumenten vollzogen wurden. Die Pyramiden von Túcume und Sipán beflügeln die Fantasie. Sie kommen mir vor, als wären sie nicht Jahrtausende, sondern Jahrhunderttausende Jahre alt! Es bedürfte eines H.P. Lovecraft, um diese rätselhaften Monumente längst vergangener Zeiten angemessen zu beschreiben.

Lovecraft fabulierte fantasiereich über eine ominöse Stadt »tief in der arabischen Wüste« (2): »Die zeitzerfressenen Steine dieser altersbleichen Überlebenden der Sintflut, dieser Ur-Urahnin der ältesten der Pyramiden, verhießen Furcht – und eine unsichtbare Aura stieß mich ab und gebot mir, vor diesen unheildrohenden Geheimnissen zu fliehen, die kein Mensch je erschauen sollte.« Was Lovecraft über »seine Stadt ohne Namen« fabulierte, trifft exakt auf die Pyramidenstädte von Túcume und Sipán zu (3): »Ich erkannte, dass die Stadt in der Tat einst gewaltige Dimensionen aufgewiesen hatte, und fragte mich, woher diese Größe gerührt haben mochte. Ich malte mir die ganze Pracht einer Epoche aus, … als die Menschheit noch jung war.«

Foto 8: Pyramiden wie von einer anderen Welt

Anno 1880 entdeckte der deutsche Ingenieur Hans Heinrich Brüning unweit der Zucker-Plantage Patápo im Lambayeque-Tal, Peru, kostbare Grabbeigaben aus Gold einer unbekannten Kultur. Er staunte nicht schlecht, als er erkannte, dass es sich bei seltsamen Pyramiden in staubtrockener Wüste um gewaltige Pyramiden aus Adobe-Ziegeln handelte. Heute wissen wir, dass in jenen Gefilden Menschen den Göttern geopfert wurden. Anno 1533 wurden im Lambayeque-Tal 119 Menschen mit wuchtigen Axthieben ins Jenseits befördert. Warum? Gab es eine Hungerzeit, spricht schlechte Ernten? Spielte das Wetter verrückt? Wollte man sich die Götter wieder gewogen machen, die man als Urheber des Unglücks ansah? Antworten auf diese Fragen sind rein spekulativ.


Bleiben wir bei den Fakten! Verstreut im Lambayeque-Tal gab es wohl einst an die 300 Pyramiden. Die größte Pyramide von Túcume, »huanca larga«, misst in der Länge 700 Meter, in der Breite fast 300 Meter und hat eine Höhe von 40 Meter (4). Warum wurde diese größte Pyramide der Welt gebaut? Warum entstanden so viele, teils kaum kleinere Pyramiden? Wie viele Menschen waren damit beschäftigt, Millionen und Abermillionen von Ziegeln aus Lehm zu formen und an der Luft in der Sonnenglut hart werden zu lassen? Wollte man künstliche Berge erschaffen, auf denen Tempel errichtet wurden? Je höher der Berg, je höher die Pyramide, umso näher war man ja den himmlischen Göttern!

Foto 9: Pyramiden, wie künstliche Berge.

Dieses Streben nach einem Weg zu den Göttern findet sich schon im »Alten Testament«. Der »Turm zu Babel« (5) war nichts anderes als ein babylonischer Himmelshügel, »Zikkurat« genannt. Die »Zikkurat«, zu Deutsch »hoch aufragend/aufgetürmt, Himmelshügel, Götterberg«, hat eine lange Vorgeschichte. Bereits in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends sind auch in Elam, im Südwest-Iran, einwandfrei nachgewiesen. Auch in Mesopotamien baute man sie. Übrigens: Wie die Pyramiden von Túcume und Sipán wurde auch der biblische Turm zu Babel aus gebrannten Lehmziegeln gebaut (6): »Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel.«  Ziel: Aufstieg in den Himmel (7): »Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.« Das missfiel den Göttern. Nachdem sie den Turmbau inspiziert hatten, stand ihr Entschluss fest (8): »Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.«

Wiederholt war ich in Túcume, wiederholt stand ich vor den Pyramiden, die eindeutig künstlich sind, von Menschenhand geschaffene Monsterberge in der Wüste.

Fußnoten
1) * 20. August 1890 in Providence, Rhode Island; † 15. März 1937 in Providence, Rhode Island
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 5-8 von oben. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
3) ebenda, Zeilen 6 und 10-12 von unten
4) Die Maßangaben variieren je nach Quelle.
5) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
6) ebenda, Vers 3
7) ebenda, Vers 4
8) ebenda, Vers 7

Foto 10 Modell von Túcume, ein kleiner Teilbereich

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Die Pyramiden von Palenque und Chichen Itza. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Howard Phillips Lovecraft. Historische Aufnahme, wikimedia commons
Foto 4: Palenque, Tempel des Totenschädels, Tempel XII. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die Mondpyramide, Straße der Toten. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Eine der Pyramiden von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Im Tal der 300 Pyramiden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Pyramiden wie von einer anderen Welt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Pyramiden, wie künstliche Berge. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Modell von Túcume, ein kleiner Teilbereich. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Ich bin Mitglied der deutschen Lovecraft Gesellschaft. Mein Mitgliedsausweis.
     Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Ich bin Mitglied der deutschen Lovecraft Gesellschaft. Mein Mitgliedsausweis.
 

391 »Unterwegs in Túcume«,
Teil  391 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.7.2017


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