Sonntag, 26. August 2018

449 »Putsch auf der Osterinsel?«

Teil 449 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gott »Make Make«
Ein Besuch im Orongo-Kultzentrum ist für jeden Osterinselbesucher ein Muss. Man kann vom »Museo Antropológico Sebastián Englert« in »Hanga Roa« aus zu Fuß zum Kraterrand des »Rano Kau«-Vulkans empor wandern. 320 Meter hoch ist er Schildvulkan im Südwesten des mysteriösen Eilands. Wer freilich einen gemütlichen Spaziergang erwartet, wird sich wundern. Je nach Kondition und Schwere der Kameratasche ist man nach zwei Stunden am Ziel. Wenn man seinen Rucksack aber immer wieder absetzen und pausieren muss, kann es auch länger dauern. Gott »Masker Make« wartet geduldig....

Sehr viel schneller geht es mit Leihpferd, Leihmotorrad, Leihwagen oder Taxi. »Transportmittel« Pferd ist ohne Zweifel für sportliche Menschen mit Abenteuerlust ideal. Aber nicht jeder Reisende möchte dem russischen Präsidenten Putin nacheifern. Außerdem: Wohin beim Ritt mit der Kammerausrüstung? Und wer hält das Pferd, solang man das »Orongo-Kultzentrum« erkundet? Einige Stunden sollte man schon einkalkulieren.

Die motorisierte Anfahrt ist natürlich die unsportlichste. Man müsste Monate auf der Osterinsel verbringen, um sie ausgiebig zu erkunden. Die Osterinsel hat aber so viele interessante Stätten zu bieten hat, dass es auch bei einem längeren Aufenthalt nicht möglich ist,  alle zu besuchen. Ich bin lieber unsportlich auf der Osterinsel unterwegs und sehe mehr als wenn ich mich sportiv zu Fuß auf den Weg mache. Mit dem PKW gelangt man auf recht ordentlicher Straße den südlichen Kraterrand des »Rano Kau« Vulkans. Ich empfehle mindestens zwei Besuche im »Orongo-Park«: einen unter Leitung eines örtlichen Führers, einmal allein. Vorbei geht es am schweigenden Vulkan.


Foto 2: Blick in den »Rano Kau«-Krater.

Vor einer Million Jahren brach er aus, am Meeresboden, spie gigantische Lavamassen aus, die einen Kegel bildeten, der ein gutes Stück über die Wogen des Pazifiks gen Himmel ragte. Insgesamt sind es drei Vulkane, die die Osterinsel entstehen ließen. Wer unter Höhenangst leidet, wagt sich nicht an den Kraterrand. 200 Meter fällt er steil ab. Im Inneren des Kraters hat sich ein Süßwassersee gebildet. Totora-Schilf bedeckt einen großen Teil der Wasseroberfläche. Es sieht so aus, als wäre da eine grüne Welt mit einem Netz aus kleinen »Seen« und »Flüssen« überzogen.

Foto 3: Grüne Pflanzen auf blauem Wasser.

Wen die 200 Meter bis zum Wasserspiegel erschauern lassen, der sollte unbedingt der Südspitze der Osterinsel vor dem »Rano Kau« fernhalten. Da geht es nämlich 300 Meter senkrecht in die Tiefe. Tief unten wütet der oft gar nicht so friedliche Pazifik, so als wolle er die Insel abtragen. Man muss diesem Abgrund sehr nahe kommen, will man die geheimnisvollen Reliefs studieren, die vor vielen Jahrhunderten in den Stein geritzt und gehämmert wurden. Um 1500 n.Chr. sollen sie entstanden sein, als man sich vom vorherrschenden »Ahnenkult« ab- und dem neuen »Vogelmannkult« zuwandte. Es ist nicht wirklich bekannt, wann der »Vogelmannkult« aufkam und wann die »Ahnen« nicht mehr im Zentrum der Verehrung standen. Es ist auch nicht wirklich bekannt, warum von einem zum anderen Kult gewechselt wurde. Umstritten ist die These, dass die Statuen die verehrten Ahnen darstellen.

Foto 4: Die Statuen - Denkmäler für die Ahnen?

Auch in Kreisen der Wissenschaft wird letztlich nur spekuliert. So schreibt Dr. Georgia Lee, Herausgeberin des »Rapa Nui Journal« in Ihrer Abhandlung (1) »Die Felsbilder-Kunst auf Rapa Nui« (2): »Die berühmten Orongo-Petroglyphen sind relativ gut bekannt. Gefährlich nahe an den Rand dreihundert Meter hoher Klippen gesetzt, findet sich dort eine bemerkenswerte Sammlung von Petroglyphen, von denen die meisten einen ›Vogelmann‹ – eine Kombination von Mensch und Fregattvogel – darstellen. Das Motiv des Vogelmannes war um etwa 1500 n.Chr. sowohl ein religiöses Symbol als auch das Symbol der Machtübernahme durch die Kriegsklasse. Nach Meinung vieler Wissenschaftler war dieser Machtwechsel das Ergebnis von ökologischen Belastungen und Bevölkerungsdruck.«

Nach Ansicht von Dr. Georgia Lee riss die Kriegerklasse die Macht an sich, als der König als Vertreter der alten Ahnenreligion die drängenden Probleme nicht lösen konnte. Gab es also eine Revolution auf der Osterinsel? Stürzten die »Militärs« in einer Krise den alten König? Putschten sich Vertreter der »Kriegsklasse« an die Macht? Schufen sie eine neue Religion? Es wird sehr viel spekuliert in Sachen Osterinsel, auch von vermeintlich »wissenschaftlicher« Seite. Dabei wissen wir sehr wenig über die Entwicklung der Religion auf dem Eiland der steinernen Statuen. Auch Dr. Lees Überlegungen sind, wenn auch aus berufenem Munde, reine Spekulation.

Fotos 5 und 6: Wohin springen die »Vogelmänner«?

Nutzten die »Militärs« eine existenzbedrohende Krise, um die alte Religion abzuschaffen und durch eine neue zu ersetzen? Im Zentrum der alten Religion soll ein Ahnenkult gestanden haben. Es wird immer wieder behauptet, die riesigen Steinstatuen würden die verehrten Ahnen darstellen. Sollte die These in Sachen Militärputsch stimmen, hörte man dann beim Wechsel zum »Vogelmannkult« mit dem Bau der Statuen auf? Hat man den Glauben an die Ahnen nicht nur ad acta gelegt, sondern auch ihre Statuen von den Sockeln gestürzt?

7+8: Ein »Vogelmann«
Wir wissen nicht, ob es tatsächlich einen abrupten Wechsel vom alten zum neuen Glauben gab. Wir wissen nicht, ob nicht beide Kulte zumindest einige Zeit lang nebeneinander praktiziert wurden. Was wir wissen: Der »Vogelmannkult«, der im Zeremonialzentrum von Orongo seinen »Vatikan« gehabt haben mag, war auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von großer Bedeutung für die Osterinsulaner. Auch als das mysteriöse Eiland der steinernen Riesen schon längst christianisiert worden war, starb er immer noch nicht aus. Alfred Metráux (*1902; †1963), ein »Papst« der Osterinselforschung, konstatiert in seinem Klassiker (3), dass der Kult zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch »gelebt« habe (4). Aussagen über den Kult, so Metráux, gab es noch jede Menge, allerdings war vieles widersprüchlich. In seinem Buch »Ethnology of Easter Island«, 1971 erschienen, schreibt Metraux: »Der Vogel-Kult starb erst vor 50 Jahren aus.«

Über viel gesichertes Wissen zum »Vogelmannkult« verfügen wir kaum. Bekannt ist: Die Osterinsulaner versammelten sich zu Beginn der Brutzeit der Ruß-Seeschwalbe, also irgendwann zwischen Juli und September, im Zeremonialzentrum von Orongo. Einige junge Männer mussten nun die 300 Meter hohe senkrecht aufsteigende Felswand so schnell wie möglich hinabsteigen, sich in die Fluten stürzen und etwa 1.500 Meter bis zum Inselchen »Motu Nui« schwimmen. 

Allein schon wegen der gefährlichen Strömungen im Pazifik war das alles andere als ein einfaches Unterfangen. Außerdem wimmelte es nur so von Haien auf dem kurzen Weg. Wer nicht von einer der unberechenbaren Strömungen abgetrieben wurde, musste damit rechnen, von einem Hai gefressen zu werden.  Wer den Wettbewerb gewinnen wollte, der musste das Inselchen erreichen, an Land klettern und nach dem ersten Ei einer Ruß-Seeschwalbe suchen. Der erste, der so ein Ei gefunden, allen Gefahren zum Trotz in einem Schilfkörbchen zur Osterinsel gebracht hat, wurde zum »Vogelmann« erklärt.

Foto 9: »Vogelmänner« in der heutigen Kunst

Unklar ist, wo das Abenteuer endete. Wo lag das Ziel? Am Fuße der steilen Felsklippe? Oder musste erst die Steilklippe erklommen und das Orongo-Zeremonialzentrum wieder erreicht sein?

Vielleicht war es auch anders: Jeder Stammeshäuptling bestimmte einen sportiven Schwimmer. Zum »Vogelmann« wurde dann nicht der todesmutige Schwimmer selbst, sondern sein »Häuptling« ernannt. Der »Vogelmann« vollzog als erstes eine Amtshandlung, die so manchem Osterinsulaner den Tod brachte. Um sich die Schicksalsmächte gewogen zu machen, bestimmte der neue »Vogelmann« eine Reihe von Menschen, die geopfert wurden. Das konnte sehr schnell zu blutigen Stammeskriegen führen.

Der neue »Vogelmann« hauste, so wurde mir das wiederholt auf der Osterinsel erzählt, in einer abgeschiedenen Höhle. Andere Inselbewohner berichteten, dass der »Vogelmann« in einem abgelegenen Haus wie ein Gefangener leben musste. Fünf Monate lang durfte er sich nicht waschen. Fünf Monate lang durfte er sich die Haare nicht schneiden lassen. Man muss annehmen, dass der neue Herrscher schon nach einigen Wochen gewöhnungsbedürftig aussah und gerochen hat. Frauen durften sich ihm nicht nähern, auch nicht die eigene Ehefrau. Dieser Verzicht dürfte den Damen nicht schwer gefallen sein.

Foto 10: »Motu Nui«, »Motu Iti« und »Motu Kao Kao«.

Von der Orongo-Klippe aus sieht man vor allem einen schier unendlich weiten Horizont und drei kleine Inselchen. »Motu Nui« ist am weitesten entfernt (1,5 Kilometer). Kleiner und nahe bei »Motu Nui« liegt »Motu Iti«, 1,6 Hektar »groß«. Die Kleinste der drei Inselchen, »Motu Kao Kao«, 0,1 Hektar »groß« ragt wie eine Speerspitze aus den Wogen. Wiederholt habe ich versucht, zu »Motu Nui« zu gelangen. Es hat nicht geklappt. Beim letzten Versuch kamen wir mit unserem Bötchen bis auf wenige Meter an das ersehnte Ziel heran. Unser Bootsführer ließ dann aber abdrehen. Die Brandung sei viel zu gefährlich, um das kleine Eiland zu betreten.

Ich habe den Eindruck, dass es alles andere als erwünscht ist, dass Touristen die mysteriöse Insel »Motu Nui« betreten. Das muss man akzeptieren, auch wenn es schwer fällt. Angeblich gibt es in Höhlen auf dieser kleinen Insel noch perfekt erhaltene Felsmalereien, die Szenen aus der Mythologie der Osterinsel zeigen. Zu sehen sein sollen unter anderem Vogelmann-Wesen, halb Mensch und halb Vogel.

Foto 11: Blick zu den drei kleinen Inselchen.

Solche  Kreaturen wurden einst in großer Zahl in das poröse Vulkangestein der Osterinsel geritzt und gemeißelt, angeblich mit  primitivem Werkzeug, etwa aus Basalt. Es gibt kaum noch wirklich gut erhaltene Exemplare. Die schönsten findet man im Orongo-Zeremonial-Zentrum, just an der Stelle, an der einst die Kandidaten im Wettkampf »Wer wird Vogelmann des Jahres?« vermutlich in die Tiefe kletterten.

Offenbar gab es eine Verbindung zwischen dem »Vogelmann-Kult« und dem Gott »Make Make«. »Make Make« war es, der der Legende nach die Vorfahren der Osterinsel rettete. Damals soll es eine Sintflut in der Südsee gegeben haben. »Make Make«, so sagt die Legende, entführte den Priester eines untergehenden Reiches im Westen der Osterinsel durch die Lüfte. Er zeigte ihm die Osterinsel. Und gerade noch rechtzeitig wurde das gesamte Volk, nachdem sieben mutige Seeleute die Angaben des Priesters überprüft hatten, evakuiert. Die Osterinsel wurde die neue Heimat. »Make Make« findet sich als Ritzzeichnung oder Halbrelief sehr häufig auf der Osterinsel, auch im Bereich des »Orongo-Kult-Zentrums«, sehr oft bei Darstellungen des »Vogelmann-Kults«. Es muss eine Verbindung gegeben haben. Womöglich gehörte »Make Make« zum »Vogelmann-Kult«.

Foto 12: Heutige Insulaner schaffen wieder Abbildungen von »Vogelmännern«.

Die »Vogel-Mensch-Mischwesen« scheinen in die Tiefe zu springen. Woher, wohin? Wir wissen es nicht. Nach vorsichtigen Schätzungen gibt es noch 5.000 Petroglyphen auf der Osterinsel. 4.000 davon sind bereits erfasst. Wie viele steinerne Reliefs in unzugänglichen Höhlen nur Eingeweihten bekannt sein mögen? Wie viele derlei Schnitzwerk noch unter dem Erdreich schlummern mag? Eingeweihte wissen angeblich, wo was zu entdecken ist. Sie schweigen aber. Und die mit Erdreich bedeckten Kunstwerke im weichen Gestein sind sehr viel besser geschützt als jene, die Wind und Wetter ausgeliefert sind.

Meiner Meinung nach gab es den einen oder den anderen »Putsch« auf der Osterinsel, etwa als die Statuenbauer und die Vogelkultler miteinander rangen. Und es gab schon manchen Versuch der Osterinsulaner, die Vorherrschaft der Chilenen auf dem Eiland abzuschütteln. Wird es einen Putsch und eine Unanhängigkeitserklärung geben? Wie wird Chile reagieren?

Fußnoten
(1) Barthel, Thomas S. et al.: »1500 Jahre Kultur der Osterinsel/ Schätze aus dem Land des Hotu Matua«, Ausstellungskatalog, Mainz 1989, S. 109-115
(2) Ebenda, S. 109, rechte Spalte, Zeilen 1-11
(3) Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971
(4) Ebenda, Seite 331, 1. Drittel von unten

Zu den Fotos
Foto 1: Gott »Make Make«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Blick in den »Rano Kau«-Krater. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Grüne Pflanzen auf blauem Wasser. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Die Statuen - Denkmäler für die Ahnen? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Wohin springen die »Vogelmänner«? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 7 und 8: Einer der »Vogelmänner«. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 9: »Vogelmänner« in der heutigen Kunst. Foto Walter-Jörg Langbein  
Foto 10: »Motu Nui«, »Motu Iti« und »Motu Kao Kao«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Blick zu den drei kleinen Inselchen von der Klippe aus. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Heutige Insulaner schaffen wieder Abbildungen von »Vogelmännern«. Foto Walter-Jörg Langbein

450 »Der Vogelmannkult und einer, der durch den Himmel stürzte«,
Teil 450 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02.09.2018



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Sonntag, 19. August 2018

448 »Voodoo-Magie für den Weltfrieden?«

Teil 448 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Direkt am steinigen Ufer...
»Urians Reise um die Welt« heißt ein Gedicht von Matthias Clauidus (*1740;†1815), das kaum noch jemand kennt. Die einleitenden Worte freilich sind immer noch vielen Zeitgenossen recht geläufig:»Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen.« Matthias Claudius lässt seinen Protagonisten Urian eine gemütliche Art des Reisens wählen: »Drum nahm ich meinen Stock und Hut, Und tät das Reisen wählen.« Urian muss sehr gut zu Fuß gewesen sein, erreichte er doch im Gedicht recht schnell nacheinander den Nordpol, Grönland, Nordamerika, Mexiko, Asien und Afrika. Die Osterinsel stand nicht auf Urians Reiseprogramm. Jakob Roggeveen hatte sie Ostern 1722, also schon zu Lebzeiten von Matthias Claudius, entdeckt. Aber selbst Abenteurer machten sich damals kaum auf, um das mysteriöse Eiland im Pazifik zu erkunden. Mich hingegen zog es immer wieder zur Osterinsel. Hannover – Frankfurt – Santiago – Osterinsel war die wohl angenehmste Route, so viel wie möglich mit Lan Chile. Vor Ort lernte ich einige kundige Führerinnen und Führer kennen. Der interessanteste Guide aber war ein gewisser »Houngan-Man«. Der erfreute sich bei den einheimischen Führern offenbar keiner großen Beliebtheit, war er doch kein »Einheimischer«, sondern ein Auswärtiger, ich glaube ein Brasilianer.

»Houngan-Man« führte mich als erstes zum »Nabel der Welt«. »Te Pito o Te Henua« nannten die Osterinsulaner ihre Heimat. Häufig wird dieser wohlklingende Ausdruck mit »Nabel der Welt«, manchmal auch mit »Am Ende der Welt« übersetzt.

Vorbei ging es an einem in Trümmern liegenden Osterinselriesen. »Der Moai heißt ›Poro‹!«, erklärte mir »Houngan-Man«. »Noch 1938 stand er auf seiner Plattform, ragte stattliche 9,80 Meter in den Himmel.« Dann erreichten wir unser Ziel: Zunächst sehe ich, nur wenige Schritte von der Meeresbrandung entfernt, ein Steinmäuerchen, etwa kniehoch. Es besteht aus kleinen, unregelmäßigen Steinbrocken und ist nach einer Seite offen. Durch diesen Eingang betritt man den Steinkreis. In dessen Mitte liegt eine eiförmige Steinkugel mit einem Durchmesser von knapp 80 Zentimeter. Um diesen steinernen, rötlichen »Nabel der Welt« herum liegen vier kleinere, nicht ganz so runde, sondern eher flache Steine.

Foto 2: ... der »Nabel der Welt«.
Die vier Steine, so erfahre ich, stellen die vier Windrichtungen dar. Die schützende, niedrige Steinmauer, so erfahre ich weiter, soll erst nach 1975 erstanden sein. Angeblich ist sie auf Fotos von 1975 und davor noch nicht zu sehen. Wer sie gebaut hat und warum? Eine Antwort konnte mir niemand geben. Seltsamer Weise wird sie offenbar, von wem auch immer, verändert. Mal ist die »Öffnung« sehr schmal, manchmal etwas weiter. Manchmal ist sie zum Meer hin, manchmal landeinwärts geöffnet. Die kleineren Steine werden häufig als »Hocker« benutzt.

Der eiförmige Stein, so hörte ich wiederholt vor Ort, habe ursprünglich im Norden der Osterinsel gelegen und wurde, angeblich »vor sehr langer Zeit«, vom »Ahu A Kapu« im Norden zum »Ahu Te Pito Kura« geschafft worden. So ein »ahu« bestand ursprünglich aus einer steinernen Plattform, auf die eine steinerne Rampe führte. Oben auf der Plattform standen stolze »Moais«, die berühmten Kolosse der Osterinsel. Sie trugen »Hüte«, »Frisuren« oder »Helme« aus rotem Stein. Um die Plattform herum, so erklärte mir nicht nur der »Houngan-Man« liegen die Ahnen begraben. Auf diesen Gräbern liegen viele flache Steine. Zudem gehörte einst zu jedem »ahu« ein »rechteckiger Vorplatz für zeremonielle Feste«.

Ein Geistlicher erklärte mir im Gespräch nach dem sonntäglichen Gottesdienst, dass es bei diesen »Festen« um »nach strengen Vorschriften abgehaltene Riten« gegangen sei. Angeblich sind diese Riten auch heute noch Eingeweihten bekannt, Fremde werden allerdings nicht in das Wissen um die Riten und Rituale eingeweiht. Auch nicht alle Jugendlichen lernen, was die Wissenden nur »Würdigen« anvertrauen. »Das müssen wir verstehen!«, meinte der Geistliche. »Aber wir ›Fremden‹ haben den Menschen der Osterinsel in den  vergangenen 300 Jahren nur Leid, Elend, Tod und Verderben gebracht! Wissende begegnen uns nach wie vor mit Misstrauen!«

Foto 3: Umgeben von einem Steinmäuerchen ...
Wer die Osterinsel besucht, sollte unbedingt an einem österlichen Gottesdienst teilnehmen. Bevor der Geistliche »übernimmt« singen Einheimische mit Begeisterung altes Liedgut. Die Stimmung ist unbeschreiblich: Lebensfreude pur. Gesungen wird voller Inbrunst, laut und mit ansteckender Begeisterung. Wenn ich da an den drögen, sich meist zäh dahinschleppenden Singsang in unseren Kirchen denke!

Offenbar ist es mir gelungen. das Vertrauen des »Houngan-Man« zu gewinnen. Er erzählte mir von einer »Voodoo-Zeremonie« die er abhalten würde. Nachdem »Houngan-Man« mich eingeladen hatte, als stiller Beobachter teilzunehmen, spendierte ich fünf Flaschen Whisky einer bekannten Edelmarke und zwei Stangen Zigaretten. »Houngan-Man« versicherte mir, es werde keine Tieropfer geben.
Wie lange dauerte das Ritual? Was war Ritual, was war Vorbereitung? 

Ich war als stiller Beobachter von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dabei. Aktiv mitgewirkt haben sieben junge Männer, nämlich vier Chilenen, zwei Peruaner und ein »Houngan-Man«, der die »magische Zeremonie« leitete. Zunächst warteten wir am Steinbruch auf ein »himmlisches Zeichen«. Als ein heftiger Schauer über uns prasselte, verkündete »Houngan-Man«, jetzt könne es los gehen. Jetzt musste nur noch der richtige Ort für das Ritual gesucht werden. In zwei Jeeps ging es über »Stock und Stein« zur Küste. Manchmal konnten wir schlechte Feldwege nutzen, mussten allerdings immer wieder Geröll von der Straße räumen. Und endlich schenkte uns der Himmel den schönsten Regenbogen meines Lebens.

Foto 4: »Voodoo-Zauber« für den Weltfrieden?
Wie eine im wahrsten Sinne des Wortes himmlische Erscheinung wuchs er aus dem vom Regen aufgepeitschten Meer und schlug eine Brücke aus traumhaft schönem Licht von schaumgekrönten Meereswogen zum Land. »Erzulie hat uns ein Zeichen gegeben, Erzulie sei Dank!« frohlockte »Houngan-Man«. Wenige Minuten später änderte sich das Wetter im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig. Starke Windböen hatten die dichte Wolkendecke aufgerissen und weit aufs Meer hinaus getrieben. Der Himmel war wieder unschuldig babyblau.

Wir hatten, so kam es uns vor, genau die Stelle erreicht, an der der Regenbogen das Land berührt hatte. Aus Steinbrocken unterschiedlicher Größe errichteten wir nach den Anweisungen des Priesters nur wenige Meter vom Strand entfernt ein etwa fünfzehn Zentimeter hohes Mäuerchen. Das Ergebnis mehrstündiger Schufterei, die mir blutige Hände bescherte: ein steinernes Quadrat, etwa zweimal zwei Meter »groß«.  Es war nur dem »Houngan-Man« erlaubt, das Innere des »Tempels« betreten. Im Zentrum des Quadrats legte er Pappe aus. Darauf zeichnete er mit kalkähnlichen weißlichen kleinen Steinkörnern ein kleines Quadrat. Von Zentrum aus führten vier Linien durch die Ecken des Quadrats zu kleinen Häufchen aus dem gleichen Material. Im geometrischen Zentrum des Quadrats platzierte der »Houngan-Man« einen eiförmiger Stein, den er gefunden hatte. Das war der »Altar«. Erst jetzt begann die eigentliche »Zeremonie«.

»Ich beginne mit dem Opfer!«, verkündete »Houngan-Man«. Die von mir gestifteten Whiskyflaschen standen zur Verfügung. »Houngan-Man« nahm einen kräftigen Schluck und goss den Rest größten Teil des hochprozentigen Getränks ins Meer. Dann kamen die Zigaretten ins magische Spiel. Eine Zigarette steckte sich der »Houngan-Man« an, alle anderen zerfetzte er und streute sie auf die Pappe. Ein batteriebetriebener Kassettenrekorder kam zum Einsatz. Songs von Elvis Presley erklangen. Die sechs Männer aus dem Team des »Houngan-Man« begleiteten die Musik auf drei großen und drei kleinen Trommeln. Mit kleinen eisernen Schlegeln droschen sie auf ihre Instrumente ein. Vier Stunden Sang Elvis, vier Stunden wurde getrommelt, vier Stunden murmelte »Houngan-Man« Gebete. Und vier Stunden benötigten angeblich vier Erdgeister, um aus den vier Himmelsrichtungen zu erscheinen. Der »Houngan-Man« schien sie zu sehen, für mich blieben sie unsichtbar. Der Rekorder wurde abgestellt, Elvis verstummte.

Foto 5: Die schwarze Kugel im Zentrum des »Zaubers«

Der »Houngan-Man« warf weißliche, kalkähnliche Steinchen in die vier Himmelsrichtungen, bekreuzigte sich, drehte sich dabei einmal im Kreis. Ich habe es mir genau eingeprägt: Während er gen Osten blickte, berührte er mit einer Hand seine Stirn. Als er gen Westen schaute, berührte er seine Brust, gen Norden schauend seine linke rechte Schulter, gen Süden blickend seine rechte Schulter. Dabei schrie er etwas wie »Linsahmawu, Vuvulivhawe« und segnete die Erde. Eine lange, für mich unverständlich Litanei schloss sich an. Laut rief der »Houngan-Man« wohlklingende Namen angeblich wichtiger Geister.

Schließlich setzte er sich und ließ einen monotonen Sprechgesang vernehmen. Das zog sich eine gefühlte Ewigkeit hin. Nach etwa drei Stunden entzündete er Priester vier Kerzen, die er um den Altarstein platzierte.

Foto 6: Echter Zauber ...
Ich muss zugeben: Langsam bereute ich, die Einladung zur Zeremonie angenommen zu haben. Ich sehnte mich nach meinem Bett in der kleinen Familienpension. Einfach gehen wollte ich aber auch nicht. Meine Geduld wurde hart auf die Probe gestellt. Es folgte eine lange Litanei von seltsamen Namen. Als der »Houngan-Man« endlich verstummte, wollte ich schon erleichtert aufspringen. Doch die Zeremonie war noch nicht beendet! Eine gute Stunde saßen wir alle schweigend. Endlich setzte wieder Regen ein und löschte nach die Kerzen. Erneut kam der Kassettenrecorder zum Einsatz, erneut schlugen die sechs Männer auf ihre Trommeln ein, erneut wurde etwa vier Stunden lang »musiziert«. Ich musste sitzen, »Houngan-Man«  durfte im steinernen Viereck auf und ab schreiten. Dabei brüllte er seltsame Namen gegen immer heftiger werdenden Wind schrie.

Endlich verstummte die Musik. Der »Houngan-Man« löste nach und nach Steine aus der quadratischen Umrandung und warf sie ins Meer. Er tat das bedächtig, routinemäßig. Er schrie für mich Unverständliches, vielleicht Zaubersprüche oder Namen von Geistern. Schließlich hatte selbst die Sonne genug und versank im Meer. Die kleine Mauer war Stück für Stück im Meer versunken. Das Team hatte dabei den »Houngan-Man« tatkräftig unterstützt. Ich durfte nicht mitmachen. Der »Houngan-Man« beendete endlich die Zeremonie, indem er den letzten Stein und die Pappe ins Meer warf.

Spät am Abend erklärte mir der Priester, er habe einen Voodoo-Ritus zelebriert, vier Erdgeister herbeigerufen. »Sie mussten von weit, weit her kommen, deshalb mussten wir ihnen viel Zeit lassen.« Er habe die Geister beschworen, sie inständig gebeten, von der friedlichen Kraft der Osterinsel gespeist in alle vier Himmelsrichtungen auszuschwärmen und positive Energie über die Erde zu verteilen. Wie er mir weiter versicherte, würde er ähnliche Zeremonien in verschiedenen Staaten Südamerikas, aber auch auf einigen anderen Südseeinseln abhalten. So würde er für den Weltfrieden arbeiten. Leider habe sein Vater mit »bösen Geschäften« in Brasilien viel Unheil angerichtet. Auf dem Totenbett habe er ihn, seinen Sohn gebeten, durch Voodoo-Magie sein Unrecht so weit wie möglich wieder ungeschehen zu machen. »Ich erbte ein nicht unerhebliches Vermögen, ließ mich auf Haiti zum Voodoo-Priester ausbilden und erfülle nun schon seit Jahren den letzten Willen meines Vaters.«

Foto 7: ... oder doch nur ...
Als ich spät abends wieder in meinem Hotelzimmer müde von einem langen Tag das Licht löschte, konnte ich dennoch lange nicht einschlafen. Was hatte ich erlebt? Ein wirkliches magisches Voodoo-Ritual, einen Beitrag zum Weltfrieden? Oder war ich Betrügern aufgesessen? Insgesamt hatte ich fast drei Tage ich mit den geheimnisvollen sieben Männern verbracht. Sie haben kein Geld gefordert, ich habe nichts bezahlt, ein »Trinkgeld« lehnten sie entrüstet ab. Verdient haben sie mit der mysteriösen Prozedur also nichts.

Fotografieren durfte ich nicht. Der Voodoo-Priester selbst hat in einer kurzen »Verschnaufpause« am Nachmittag mit meinem Fotoapparat einige Aufnahmen vom »Altarstein« mit der seltsamen Symbolzeichnung gemacht.

Bevor wir uns verabschiedeten, fragte ich »Houngan-Man« nach den Zombies von Haiti. »Stecken die Voodoo-Priester dahinter?« Mein Gesprächspartner wurde sehr ernst. »Es gibt weiße und schwarze Magie. Ehrbare Voodoo-Priester tun nichts Böses. Sie helfen den Menschen. Sie setzen sich nicht über Leben und Tod hinweg. Manche Voodoo-Zauberer aber überschreiten Grenzen, die kein Mensch auch nur antasten dürfte. Sie kennen das Geheimnis der Zombies. Rechtschaffene Voodoopriester wenden es aber nicht an, schwarzmagier hingegen schon.« Ich fragte nach: »Worin besteht das Geheimnis?« Eisiges Schweigen war die Antwort.

Jahrzehnte sind seit jenem merkwürdigen Ritual auf der Osterinsel verstrichen. Bis zum heutigen Tage weiß ich nicht wirklich, wie ich es bewerten soll.

Foto 8: ... Hokuspokus?
Vielleicht war alles »fauler Zauber«. Möglich ist das natürlich. Vielleicht machten sich die sieben Männer lustig über mich, den dummen Touristen aus Deutschland. Vielleicht war die angeblich magische Zeremonie für den Weltfrieden Schmierentheater vom Feinsten. Vielleicht wurde ich einfach nur hinters sprichwörtliche Licht geführt. Aber warum? Gauner wollen in der Regel ihre Opfer abkassieren. Ich habe keinen Cent bezahlt. Zigaretten und Whisky wurden »geopfert«, nicht von dem »Voodoo-Priester« und seinem Team konsumiert. Und wenn die »Zeremonie« doch nur Larifari war? Dann hat der »Houngan-Man« nichts für den Weltfrieden getan. Das hat er aber, so traurig das ist, zwar nichts erreicht, er hat aber auch den Frieden nicht gefährdet. Leider kann man das von so manchem Politiker nicht sagen. So mancher Politiker schadet leider dem Weltfrieden massiv. So mancher Politiker scheint aktiv für den Krieg zu arbeiten.

Zu den Fotos
Foto 9: Kugel, Pulver, Zigaretten ...

Foto 1: Direkt am steinigen Ufer... Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 2: ... der »Nabel der Welt«. Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Umgeben von einem Steinmäuerchen ... Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 4: »Voodoo-Zauber« für den Weltfrieden? Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die schwarze Kugel im Zentrum des »Zaubers«. Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 6-8: Echter Zauber oder doch nur Hokuspokus? Foto(s): Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Kugel, Pulver, Zigaretten ... Foto Walter-Jörg Langbein



449 »Putsch auf der Osterinsel?«,
Teil 449 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 26.08.2018





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