Sonntag, 10. Februar 2019

473 »Tabubrüche heute und einst«

Teil 473 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Nan Dowas, Nan Madol, anno 1899

In unserer säkularisierten Welt des Abendlands hat das Wort Tabu Einzug in die Alltagssprache gefunden. Wer zu viele Kilos auf die Waage bringt, sagt man, der muss abnehmen. Fette Speisen sind dann »tabu« für ihn. Die ursprüngliche, also die religiöse Bedeutung von »Tabus«, gerät weitestgehend in Vergessenheit.

Herbert Achternbuschs Schwarzweißfilm »Das Gespenst« erzählte anno 1982 eine merkwürdige Geschichte: Da wird eine lebensgroße geschnitzte Christusfigur eines bayerischen Klosters lebendig und steigt vom Kreuz. Als Oberkellner zieht der im Christentum als Messias verehrte Gottessohn dann mit der Oberin durch die Lande. Gelegentlich verwandelt er sich in eine Schlange. Am Schluss verwandeln sich Ober Jesus in eine Schlange und die Oberin in einen Greifvogel. Sie packt sich die Schlange und fliegt mit ihrer »Beute« in den Himmel hinein.

Eine Szene, in der Christus als »Scheiße« angeredet wird, musste aus dem »Filmopus« geschnitten werden. Trotzdem wäre »Das Gespenst« fast  verbannt worden. Am 20. April 1983 entschieden die zuständigen Vertreter der Filmwirtschaft im Hauptausschuss aber mit 2 zu 1: Der Film wird  für Zuschauer ab 18 freigegeben. Als »Das Gespenst« schließlich, ab 18 zugelassen, anlief, interessierte sich kaum jemand für den Streifen. Das änderte sich erst, als der Film wegen seiner Tabubrüche heftig angegriffen wurde. Heute, das wage ich zu behaupten, würde »Das Gespenst« kaum noch Proteste auslösen und kaum jemand würde wegen so eines Films noch ins Kino gehen. Auf einen Index verbotener Filme käme der Film schon gar nicht. Was vorgestern als Tabubruch Empörung ausgelöst hat, wird heute oft nur noch gelangweilt zur Kenntnis genommen.

Foto 2: Moses empfängt die 10 Gebote, Schnorr-Bibel, 1860.

Mir drängt sich der Eindruck auf, dass sich der vermeintlich moderne und tolerante Mensch unserer westlichen Welt, also des christlichen Abendlands, gern über religiöse Tabus des eigenen Kulturkreises hinwegsetzt, aber eben nur, so es um christliche Tabus geht. Ein vergleichbarer Umgang in einem Film wie »Das Gespenst« mit der Glaubenswelt des Islam freilich ist heute derart inakzeptabel, dass es niemand wagen wird, einen entsprechenden Film etwa über Mohammed zu drehen. So gesehen sind neue Tabus an die Stelle von alten getreten. Es gilt, so scheint mir, als Zeichen von Toleranz, Tabus fremder Religionen (vor allem des Islam!) zu achten und nicht auch nur anzutasten. Wer sich über Tabus aus dem christlichen Bereich lustig macht, der sieht sich gern als aufgeklärt und modern. Die eigenen Wurzeln werden gerade von jenen geleugnet, die fremdes Glaubensgut vehement verteidigen.


Das Wort Tabu geht auf das französische »tabou« und das englische »taboo« zurück. Das französische »tabou« und das englische »taboo« haben beide eine gemeinsame Wurzel, nämlich das aus polynesische »tapu«, zu Deutsch »geweiht, unberührbar«. Heilig wurden nach dem »Alten Testament« Orte, an denen sich Gott höchstpersönlich zeigte. Solche Orte durften von Normalsterblichen in der Regel nicht betreten werden. Zuwiderhandelnde wurden mit dem Tode bestraft. Ein solches »Tabu« galt auch für Tiere, zumindest im Fall der Landung Gottes auf einem Berg im »Heiligen Land«.

Foto 3: Fromme Bibelillustration, 1919, Moses und der Dornbusch.

Eine der irritierendsten Beschreibungen, die das Alte Testament zu bieten hat, findet sich im 2. Buch Mose. Zur Erinnerung: Moses führt sein Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit, ins »gelobte Land«. Nach einem Marsch von über zwei Monaten lagern, so beschreibt es das Alte Testament, die Israeliten in »Refidim«. Von »Refidim«, der Ort lässt sich heute nicht mehr lokalisieren, geht es weiter (1): »Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.« 

So wie wir heute nicht mit Bestimmtheit sagen können, wo genau dieses »Refidim« lag, bleibt unklar, von welchem Berg genau die Rede ist. Er bleibt namenlos. Nüchtern stellt wikipedia fest (2): »Die genaue Lage des biblischen Sinai ist nicht sicher bekannt. Ab dem 4. Jahrhundert wurde er mit dem Dschebel Musa (Mosesberg), der zweithöchsten Erhebung der Sinaihalbinsel (der Katharinenberg ist um ca. 350 m höher), gleichgesetzt. Am Fuß des Berges Sinai leben seither Mönche, die im 6. Jahrhundert das Katharinenkloster erbauten. Felsinschriften aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. zeigen, dass sich dort auch ein Wallfahrtsheiligtum der Nabatäer befand.« 

Foto 4: Usas Tod, Gemälde des Todes von Usa von Giulio Quaglio (*1668;†1751) im Dom St. Nikolaus (von 1704)

Unklar ist, auf welchem Berg Gott herniederkam. Unklar ist übrigens auch, wo die Bundeslade, ein echtes Tabu-Objekt, verblieben ist. Zurück zum biblischen Gott auf dem Berg. Oben auf dem Berg wartet Gott selbst auf Moses. Moses macht sich auf den Weg zu Gott auf dem Berg. Noch darf Moses Gott nicht gegenübertreten. Gott stellt ihm vom Berg herab Forderungen (3). Das Volk Israel soll sich verpflichten, der Stimme Gottes zu gehorchen. »Und alles Volk antwortete einmütig und sprach: Alles, was Jahwe geredet hat, wollen wir tun.« (4)

Jetzt wird es spannend (5): »Und Jahwe sprach zu Mose: ›Siehe, ich will zu dir kommen in einer dichten Wolke, auf dass dies Volk es höre, wenn ich mit dir rede, und dir für immer glaube.‹« Gott fährt schließlich auf furchteinflößende Weise aus dem Himmel hinab auf den Berg in der Wüste (6): »Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil Jahwe auf den Berg herabfuhr im Feuer; und sein Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen, und der ganze Berg bebte sehr.«  Nur Moses darf hinauf auf den Berg steigen, um Gott zu begegnen (6): »Als nun Jahwe herniedergekommen war auf den Berg Sinai, oben auf seinen Gipfel, berief er Mose hinauf auf den Gipfel des Berges, und Mose stieg hinauf.«

Das Volk freilich muss zurückbleiben. Korrekt übersetzt die »Elberfelder Bibel« (8): »Zieh eine Grenze rings um den Berg, und warne die Leute davor, sie zu überschreiten! Sie dürfen ihn nicht besteigen und sich auch nicht am Fuß des Berges aufhalten. Wer dem Berg zu nahe kommt, muss sterben.« Sterben müssen Mensch und Tier, die das »Tabu« missachten und das verbotene Gebiet betreten (9): »Keine Hand soll ihn anrühren, sondern er soll gesteinigt oder mit Geschoß erschossen werden; es sei ein Tier oder ein Mensch, so soll er nicht leben.«

Uneins sind sich die Übersetzer in einem Punkt. Die einen sind davon überzeugt, dass um das Volk ein Zaun gezogen werden musste, um ein Betreten der Tabu-Region zu verhindern. So lesen wir in der Luther-Bibel von 2017 (10): »Und zieh eine Grenze um das Volk und sprich zu ihnen: Hütet euch, auf den Berg zu steigen oder seinen Fuß anzurühren; denn wer den Berg anrührt, der soll des Todes sterben.«  Auch nach der »Elberfelder Bibel« soll eine »Grenze« um das Volk gezogen werden. Diese Übersetzung bietet auch die »Zürcher Bibel«. Nach anderen Übersetzungen wird nicht um das Volk, sondern um den Berg ein Zaun errichtet. Die »Hoffnung für Alle«-Übersetzung sieht das so, aber auch die »Gute Nachricht«-Version. Wie dem auch sei: Alle Übersetzungen sind sich einig im zentralen Punkt, nämlich dass ein Zaun das Tabu-Gebiet schützen soll. Die Volksmassen dürfen es nicht betreten!

Einerseits soll das Tabu-Areal geschützt werden. Andererseits sollen die Menschen davor bewahrt werden, einen Tabubruch zu begehen, was gnadenlos mit dem Tode bestraft würde. In der »Neues Leben«-Bibel lesen wir:»Zieh eine Grenzlinie und warne die Israeliten: »Wagt es nicht, auf den Berg zu steigen oder ihn auch nur zu berühren. Wer den Berg berührt, muss mit dem Tod bestraft werden!« 

Foto 5: Der Gott des Alten Testaments
Der Gott des Alten Testaments steigt vom Himmel herab, kommt auf einem Berg hernieder und heiligt so das Areal. Dadurch wird das Areal der Gotteslandung zur Tabuzone. Wo Gott ist, da ist Tabu. Ein weiteres biblisches Beispiel: Wo sich Gott dem Moses im brennenden Dornbusch zeigt (11), da wird der staubige Wüstenboden zu etwas Besonderem. Gott selbst befielt (12): »Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!«

Was wohl vielen Bibellesern nicht auffällt: Zunächst ist es nur »der Engel des Herrn«, der sich im Dornbusch zeigt (13): »Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch.« Als sich Moses neugierig dem seltsamen Phänomen nähert, wird aus dem Engel plötzlich der Herr, also Gott selbst (14): »Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.«

Tabu-Land darf von Normalsterblichen nicht betreten werden. Die Bundeslade war auch Tabu. Kein Normalsterblicher durfte sie berühren, wie es Usa schmerzlich erfahren musste. Als die Zugtiere, die den Wagen mit der Bundeslade zogen, ausrutschten, griff Usa beherzt zu. Er wollte in bester Absicht verhindern, dass die Bundeslade zu Boden stürzte. Er musste dennoch den Tabubruch mit dem Leben bezahlen (15): »Da entbrannte des Herrn Zorn über Usa, und Gott schlug ihn dort, weil er seine Hand nach der Lade ausgestreckt hatte, sodass er dort starb bei der Lade Gottes.« Guilo Quaglio (*1668; †1751) malte anno 1704 den toten Usa, am Boden liegend. Von Josph Keller (†1823) stammt ein Gemälde von Usas Tod. Es zeigt den toten Usa, vom göttlichen Zorn niedergestreckt, verewigt an der Decke der Pfarrkirche von Menzingen im Schweizer Kanton Zug.

Foto 6: Nebeneingang von »Nan Dowas« zur Jahrtausendwende

Tabus mag es einst weltweit gegeben haben. Nach und nach geraten sie in Vergessenheit. Beispiel: Die Ruinen von Nan Madol in der Südsee! Die Anreise aus Europa ist schon eine Strapaze, und das trotz modernster Transportmittel. Meine Flugroute: Hannover - Frankfurt - Newark/ New York - Honolulu/ Hawaii - Johnston Island - Majuro - Kwajalein - Kosrae - Pohnpei. Für den »einfachen Weg« müssen – und das bei günstigen Flugverbindungen! – drei oder vier Tage einkalkuliert werden. Bei der Reiseplanung muss darauf geachtet werden, für die jeweiligen Zwischenstationen ausreichend Zeit einzuplanen. Verpasst man bei einem Zwischenaufenthalt den Anschlussflug, kann das mehr als ärgerliche Folgen haben. Dann sitzt man tagelang irgendwo fest. Aber die rund 22.000 Flugkilometer lohnen sich für jeden, der sich für die großen Geheimnisse unseres Planeten interessiert!

»Pohnpei« mit den zyklopischen Monsterbauten von »Nan Madol« ist wirklich eine Weltreise wert! »Pohnpei« – auch »Ponape« geschrieben – gehört zur Inselgruppe der Karolinen. Touristen verirren sich nur selten in diese weit abgelegene Region der Südsee. Manche kommen, um im glasklaren Wasser zu tauchen. Erstaunt stellen sie dann fest, dass es eine echte archäologische Sensation gibt! Warum setzte man unvorstellbare Mengen an massivem Stein ein und nicht Holz, das so üppig wächst? Warum schichtete man kolossale Steinsäulen im Blockhüttenstil aufeinander und nicht das im Übermaß vorhandene Holz? Welchem Zweck dienten einst die Monstermauern von Nan Madol? So manchen Tag habe ich das Geheimnis von »Pohnpei« vor Ort zu erforschen versucht.

Über die uralte Religion der Erbauer der geheimnisvollen Anlagen von Nan Madol ist heute nichts mehr bekannt. So scheint es. Aber wenn Einheimische noch Kenntnisse über alte Riten haben, so schweigen sie wie die steinernen Ruinen von Nan Madol. Besonders interessant ist der Komplex von Nan Dowas (andere Schreibweise: Nan Tauas). Der massive Komplex bietet in seinem Zentrum, von zwei Monstermauern umschlossen, eine bunkerartige Gruft. Angeblich verrotteten hier die Leichname der vornehmsten Toten. Die Gebeine wurden angeblich auf geheimen Friedhöfen bestattet.

Foto 7: Nan Dowas alias Nan Tauas als Markenmotiv (Mikronesien)

Das unheimlich wirkende Mauerwerk war offenbar einst mit einem starken Tabu belegt. Für »Normalsterbliche« galt damals: Betreten verboten! Das war damals. Und heute? Noch heute wagt sich kaum ein Einheimischer des Nachts in das bunkerartige Bauwerk mit meterdicken Monstermauern. Warum? Warum wurden manche Orte mit Tabus belegt? Warum galten sie als heilig? Was unterschied diese Stätten von anderen? Was zeichnete sie aus?
  
Fußnoten
(1) 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 2
(2) wikipedia-Artikel »Sinai (Berg)«, Stand 27.12.2018
(3) ebenda, Verse 3-5
(4) ebenda, Vers 8
(5) ebenda, Vers 9
(6) ebenda, Vers 18
(7) ebenda, Vers 20
(8) ebenda, Vers 12
(9) ebenda, Vers 13
(10) ebenda, Vers 12 in der Luther-Bibel von 2017
(11) 2. Buch Mose Kapitel 3, Verse 2-5
(12) ebenda, Vers 5
(13) ebenda, Vers 2
(14) ebenda, Vers 4
(15) 2. Buch Samuel Kapitel 6, Vers 7

Foto 8: Noch einmal Usas Tod. Deckenfresko, gemalt von Joseph Keller

Zu den Fotos
Foto 1: Nan Dowas, Nan Madol, anno 1899
Foto 2: Moses empfängt die 10 Gebote, Schnorr-Bibel, 1860.
Foto 3: Fromme Bibelillustration, 1919, Moses und der Dornbusch.
Foto 4: Usas Tod, Gemälde des Todes von Usa von Giulio Quaglio (*1668;†1751) im Dom St. Nikolaus (von 1704)
Foto 5: Der Gott des Alten Testaments. Schnorr-Bibel, 1860.
Foto 6: Nebeneingang von »Nan Dowas« zur Jahrtausendwende
Foto 7: Nan Dowas alias Nan Tauas als Markenmotiv (Mikronesien). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Noch einmal Usas Tod. Deckenfresko von Usas Tod in der Pfarrkirche Menzingen, Zug, um 1800 gemalt von Joseph Keller.

474 »Heilige Orte, an denen Götter und Geister wohnen«,
Teil 474 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17. Februar 2019



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Sonntag, 3. Februar 2019

472 »Verbotene Artefakte«


Teil 472 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Rekonstruktion eines kuriosen Artefakts


 Tabus gibt es nicht nur in exotisch-heidnischen Religionen. Religiöse Tabus gibt es auch in unseren Gefilden. In der Politik gibt es Tabus. Im Bereich der kirchlichen Kunst gibt es eines. Es ist in Theologenkreisen, aber auch bei der Schar der Kirchgänger und bei Atheisten so gut wie unbekannt. Worum geht es? Es geht um verbotene Artefakte, um sakrale Kunstwerke aus heidnischen Zeiten. Es geht um Statuen und Statuetten, von denen niemand mit Sicherheit sagen kann, wen oder was sie darstellen. Dabei befinden sie sich manchmal vor aller Augen an Kirchenwänden. Andere werden in geheimen Kammern auch in christlichen Gotteshäusern mehr verwahrt als aufbewahrt (Foto 2).

Ein offizielles Verbot dieser Artefakte hat niemand ausgesprochen. Dennoch existiert es, dennoch wird es befolgt. Als unpassend, da als heidnisch angesehene Artefakte werden seit Jahrhunderten zerstört und versteckt. Einige der umstrittenen Objekte sind an Kirchenwänden zu sehen. Man muss nur suchen, um sie zu finden. Vermutlich gibt es mehr davon als manche fürchten, als manche ahnen und andere hoffen.

Einige aufmerksame Beobachter mit Schlafstörungen entdeckten zu nächtlicher Stunde seltsam flackerndes Licht im Turm des tausendjährigen Kirchleins. Die Zeugen konnten genau verfolgen, wie sich da jemand offensichtlich, ausgestattet mit einer Laterne, die steile und extrem enge Wendeltreppe bis zum Dachstuhl empor quälte. Vom Turm konnte man, das wussten die Beobachter, durch eine schmale, niedrige Tür in den Dachstuhl gelangen. Dort machte sich dieser jemand offensichtlich zu schaffen. Das Licht wanderte von Fensterchen zu Fensterchen in der Dachschräge, blieb schließlich stehen.

Waren da etwa Einbrecher im Kirchlein unterwegs? Und wenn ja, was suchten sie? Kostbarkeiten gab es keine im ganzen Gotteshaus, schon gar nicht im Dachstuhl. Aber genau da tat sich etwas. Manchmal glaubte man Schatten zu erkennen. Manchmal schien die Lichtquelle zu erlöschen.

Was war zu tun? Natürlich konnte man die Polizei anrufen. Allerdings war die ländliche Polizeiinspektion schon vor Jahren aufgelöst worden. Natürlich konnte man in der Stadt anrufen. Aber selbst wenn man dort sofort einen Polizeibeamten erreichte, würde es lange dauern, bis der vor Ort war. Was also tun?

Foto 2: Symbolbild
Die Zeugen wählten sie, ob der nächtlichen Stunden mehr zögerlich, die Handynummer »ihres« Pfarrers (1). Der meldete sich sofort. Auf die geheimnisvollen Lichterscheinungen im Dachstuhl des Kirchleins angesprochen reagierte der Geistliche irgendwie nervös, beruhigte dann aber einen Anrufer nach dem anderen: »Alles in Ordnung! Da wird ein wissenschaftliches Experiment durchgeführt!« Damit gaben sich die Anrufer zufrieden. Der Pfarrer arbeitete weiter – im Dachstuhl.

Was er in diversen Predigten als »Teufelswerk und Aberglauben« gebrandmarkt hatte, das nutzte er selbst bei der Suche nach »Schätzen«. Über der auf zwei steinernen Säulen ruhenden Decke lag eine Schicht aus Kieselsteinen und feinen Sandsteinbröckchen. Der Pfarrer war davon überzeugt, dass man hier oben im Dachstuhl Schutt vom Vorgängerbau »seines« Gotteshauses dazu verwendet hatte, um Unebenheiten auszugleichen. Warum das geschehen sein sollte, das wusste der Geistliche selbst nicht so recht. Aber er war davon überzeugt, dass sich im aufgeschütteten Boden des Dachstuhls Kostbarkeiten aus dem Vorgängerbau befanden.

Zunächst hatte er Quadratmeter für Quadratmeter abgesucht. Gefunden hat er nichts. Dann begann er, das aufgeschüttete Material zu durchsieben, wieder ohne Erfolg. Zu guter Letzt nutzte er ein Pendel und stieß auf Bruchstücke einer oder mehrerer Engelsfiguren zum Beispiel auf eine Schulterpartie mit halbem Kopf und zwei prachtvollen Flügeln.

Foto 3
Auf der Homepage seiner Kirchengemeinde beschrieb der Geistliche nach einigem Zögern und Gewissensprüfungen in kurzen Worten, aber ohne auf seine Vorgehensweise (Pendel!) einzugehen die Fundstücke. Auf dieser Homepage beschrieb der Priester auch einige Malereien an den Wänden der Kirche, die seiner Meinung nach nicht wirklich christlich waren. Als er dann (nach einigen Jahren Dienst) versetzt wurde, wurde die Homepage überarbeitet und alle Hinweise auf seine Suchaktionen und auf merkwürdige Malereien und seltsames Schnitzwerk wurden gelöscht. Seine unerwartete Versetzung sieht der Pfarrer nach wie vor als Bestrafung für seine Neugier, vor allem seine Hinweise auf »heidnische« Kunst, die es offiziell in einem christlichen Gotteshaus gar nicht geben durfte. Seither sucht er nicht mehr in Kirchen nach merkwürdigen Darstellungen in Kirchen und eventuelle »Entdeckungen« macht er schon gar nicht mehr publik.

Ein Einzelfall? Keineswegs. Während meines Studiums der evangelisch-lutherischen Theologie in den 1970-ern lernte ich eine ganze Reihe von Kommilitonen kennen, die aus wahren Theologendynastien stammten. In einigen Fällen waren schon ein Urgroßvater, ein Großvater und der Vater Theologen. Im Lauf der Jahre schloss ich mit Freundschaft und erfuhr so manches, worüber in der Öffentlichkeit nicht gesprochen wurde. Ich weiß inzwischen, dass es gar nicht so selten geschieht, dass Geistliche in ihrer kargen Freizeit das eigene Gotteshaus sehr gründlich, ja mit Akribie, untersuchen. Und siehe da: Da wurden kleine Nebenräumchen entdeckt, die in neuerer Zeit als Abstellkammern zum Beispiel für allerlei ramponierte Heiligenfiguren oder unansehnlich gewordene Engel und Weihnachtskrippen aufbewahrt wurden, die niemand aus der Gemeinde zu sehen bekam.

»Früher wurden in solchen ›Abstellräumen‹ Statuetten aus heidnischen Zeiten versteckt!«, erklärte mir Ludwig E. (2), dessen Urgroßvater lange Zeit als Missionar in Afrika tätig war. »Mein Vater war lange Zeit Pfarrer in einer kleinen Gemeinde in der Pfalz. Als ein kleiner Parkplatz hinter der Kirche angelegt wurde, musste der Boden egalisiert werden. Schließlich wurde etwas Erdreich abgetragen, um Pflastersteine zu verlegen. Dabei wurde eine stark beschädigte Figur gefunden.« (Fotos 1 und 3)

Eine christliche Heiligenfigur war das nicht. »Sie hielt,«, sagte mir Ludwig E., in beiden Händen ein Rad mit jeweils sechs Speichen. Aus dem eng anliegenden kappenähnlichen Hut quoll schulterlanges Haar hervor.« Die Räder lassen mich heute an Krodo denken, weitere Übereinstimmungen waren zwischen der rätselhaften Figur und dem mysteriös-umstrittenen Krodo aber nicht zu erkennen. 

Was war mit der Figur zu tun? Durfte man sie zerstören? Das wagte man nicht. Also kam die »heidnische Statuette« in die kleine »Abstellkammer«. Mein Vorschlag, den Fund einem Museum zukommen zu lassen, stieß nicht auf Gegenliebe. Als ich gar anmerkte, die Statuette würde das örtliche Heimatmuseum bereichern, löste fast einen Wutanfall aus. Mein Studienfreund versicherte mir mit bebender Stimme: »Wenn ich erst einmal Pfarrer bin, dann lasse ich dieses elende heidnische Kultobjekt verschwinden! Es heißt doch: ›Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!‹ Das bezieht sich auch auf Darstellungen von heidnischen Gottheiten in jeder Form! Das Ding muss zerstört werden!«

Wie viele »Heiligenfiguren« sind wohl aus heidnischen Zeiten erhalten geblieben? Wie viele verstauben in kirchlichen Abstellkammern oder in Kellern von Museen? Wie viele hat man im Lauf der Jahrhunderte zerstört? Und wie viele wurden in Mauern von Kirchen und Kapellen eingesetzt? Tatsächlich hat man an da und dort an christlichen Gotteshäusern Statuetten oder Plastiken angebracht, die so gar nicht christlich zu sein scheinen.

Foto 4:  Die Bündheimer Kirche, Bad Harzburg.

Ein besonders interessantes Beispiel findet sich an der St. Andreas-Kirche von Bundheim (Bad Harzburg)! Ich darf vorausschicken: Bei Bad Harzburg soll einst eine »heidnische Götterstatue« gestanden haben, die den Gott Krodo (andere Schreibweise: Crodo) dargestellt haben soll. Sie wurde, so ist es überliefert, auf Befehl des Heidenhassers Karl der Große zerschlagen. Es stellt sich eine Frage: »Überlebten« Teile dieser Statue? Wurden sie versteckt und weiter verehrt? Das sind spekulative, aber berechtigte Überlegungen.

Foto 5: Kurioser Kopf an der Bündheimer Kirche

Mike Vogler schreibt in seinem sehr empfehlenswerten Buch (3) »Rätsel der Geschichte« (4): »Darauf deutet eine mysteriöse Kopfplastik, welche in der Nordseite der Bündheimer Kirche in Bad Harzburg eingemauert ist. … Ortsansässige Heimatforscher sind sich aber sicher, dass es sich um den Kopf der Krodo-Statue handelt. Den Abmaßen des Kopfes zufolge hatte die Statue in etwa die Größe eines erwachsenen Mannes, … Beim Betrachten des Kopfes fielen mir gewisse amphibische Züge auf. Ob diese vom Bildhauer gewollt waren oder durch Verwitterungen des Steines entstanden sind, ist heute nicht mehr nachvollziehbar.«

Foto 6: Gott Svantevit (?), Marienkirche Bergen auf Rügen

Noch ein Beispiel: Schon während meines Studiums der evangelisch-lutherischen Theologie diskutierte ich mit Kollegen fast ein wenig verschwörerisch über ein eigenartiges sakrales Kunstwerk. Das umstrittene steinerne Objekt befindet sich an der »St.-Marienkirche« in Bergen auf Rügen. Es sieht so gar nicht christlich aus. Was oder wen stellt es dar? Wahrscheinlich zeigt es den Gott Svantevit oder »nur« einen Priester dieses Gottes.

Foto 7: Cover meines Buches

Ein drittes Beispiel, mit dem ich mich bereits an anderer Stelle, nämlich in meinem Buch (5) »Monstermauern, Mumien und Mysterien«, beschäftigt habe, darf nicht fehlen. Kapitel 17 (6) ist betitelt »Hängt eine heidnische Göttin am Münster zu Hameln?« Ich zitiere (7):

»Betrachtet man die stark verwitterte Figur an der Außen-wand näher, etwa mit Hilfe eines starken Teleobjektivs, so fällt der unverhältnismäßig große Kopf der Gestalt auf. Ich machte eine Reihe von Aufnahmen, zuletzt mit meiner Nikon D800E unter Verwendung eines 300-Millimeter-Teleob-jektivs. Je nachdem aus welchem Blickwinkel man die seltsame Statuette betrachtet, werden die Beschädigungen mehr oder weniger erkennbar. Wie zwei riesige Zähne oder Rippen ragt das Kriegerdenkmal empor und verdeckt, wenn man direkt davorsteht, die mysteriöse Statuette an der Außenwand.

Foto 8: Mysteriöse Gestalt am Münster
Mehrere Jahre habe ich recherchiert. Ich habe Fachliteratur studiert. Nirgendwo findet sich ein Hinweis auf die seltsame Figur, von einer Erklärung ganz zu schweigen. Schon 2014 wandte ich mich an Pastorin Friederike Grote, die meine Anfrage an Herrn B. G. weiterleitete, der in Fragen zum Hamelner Münster sehr bewandert ist. Herrn Gs Antwort fiel für mich, offen gesagt, ernüchternd aus (8): »Ich denke, dass der sehr starke Verwitterungsgrad der Figur eine sichere Deutung nicht mehr zulässt. Joachim Schween (9), den ich auch zu Rate gezogen habe, ist derselben Meinung. Er hält eine Mariendarstellung für möglich. Maria Magdalena, die reuige Sünderin, ist nicht auszuschließen. Zu ihr passen die offen getragenen Haare. In der mir bekannten Literatur zum Münster gibt es keine Hinweise auf die Figur.«

Es gibt diese »verbotenen Artefakte«. Wo sie nicht versteckt werden, werden sie verschwiegen. In offiziellen Kirchenführern kommen sie in der Regel nicht vor. Erkundigt man sich, darf man nicht auf Antwort hoffen. Mein Anliegen: Liebe Leserinnen, liebe Leser, nehmen Sie sich doch einmal ausgiebig Zeit, um ihre Kirche vor Ort zu besuchen. Umrunden Sie das Gotteshaus. Suchen Sie nach irgendwo angebrachten seltsamen Artefakten. Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen!


Fußnoten
(1): Der Pfarrer, um den es hier geht, bat mich um strikte Wahrung seiner Anonymität. Die habe ich ihm zugesagt, daran halte ich mich natürlich.
(2) Name geändert.
(3) Vogler, Mike: »Rätsel der Geschichte«, eBook, Dresden 2014
Voglers Buch ist Teil 1 seiner inzwischen auf 5 Bände angewachsenen Reihe. Es ist sowohl als Taschenbuch als auch als eBook erhältlich!
(4) eBook-Ausgabe, Seite 9, Pos. 86 folgende
Foto 9
(5) Langbein, Walter-Jörg: »Monstermauern, Mumien und Mysterien/ Band 2«, Alsdorf, 1. Auflage Januar 2019
(6) ebenda, S.118-S.123
(7) ebenda,  S.119 und S. 120
(8) Per Mail an Pastorin Grote Freitag, 19. September 2014 22:17.
(9) Joachim Schween ist ein örtlicher Archäologe.

Zu den Fotos
Fotos 1 und 3: Rekonstruktion eines kuriosen Artefakts. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Symbolbild. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4:  Die Bündheimer Kirche, Bad Harzburg. Foto wikimedia commons/ Kassandro
Foto 5: Kurioser Kopf an der Bündheimer Kirche
Foto 6: Bildstein Gott Svantevit (?), Marienkirche Bergen auf Rügen, Foto wikimedia commons/ lapplaender
Foto 7: Cover meines Buches »Monstermauern, Monstermauern, Mumien und Mysterien/ Band 2«
Foto 8: Mysteriöse Gestalt am Münster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Am Münster zu Hameln: Heidnische Göttin? Matrone? Foto Walter-Jörg Langbein

473 »Tabubrüche heute und einst«,
Teil 473 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. Februar 2019




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