Montag, 9. November 2009

Der Trinker, das kleine Mädchen und die Puppe


Als Erich die Haustür hörte und wenig später seine Frau und seine Tochter im Wohnzimmer erschienen, erhob er sich von der Couch. Der Versuch, ein paar Schritte Richtung Tür zu machen, scheiterte an seiner mangelnden Fähigkeit, das Gleichgewicht zu halten. Ehe er Gelegenheit hatte, sich an etwas Stabilem festzuhalten, stürzte er bereits zu Boden. Er versuchte zwar sofort, sich zu erheben, doch es gelang ihm nicht. In seinem Kopf drehte sich alles.

„Du bist bereits wieder bis oben abgefüllt!“, stellte Vera, seine Frau, mit mühsam unterdrückter Wut fest. „Was willst du eigentlich noch hier? Bei deinen Saufkumpanen bist du doch viel besser aufgehoben.“

„Ich bin dein Ehemann und außerdem der Vater unserer Tochter“, erwiderte er. Unter großer Kraftanstrengung und deutlich nach Atem ringend, gelang es ihm schließlich doch noch, sich zu erheben.

„Ehemann? Vater?“, spottete sie. „Ein Säufer wie du ist weder ein richtiger Ehemann noch ein guter Vater“, hielt sie ihm vor. Angewidert blickte sie ihm mit eiskalten Augen ins Gesicht, dass ihn fröstelte und er sich fragte, wo die warmherzige Frau geblieben war, in die er sich einst verliebt, die er geheiratet und mit der er ein Kind gezeugt hatte?

In ihm tobte ein heftiger Sturm unterschiedlicher Gefühle und Gedanken. Nie zuvor hatte ihn jemand derart gekränkt. Als wäre sein Kopf ein Resonanzkörper, jagten die Schwingungen von Veras harter Stimme durch seinen Schädel.

Die großen Augen seiner Tochter drangen in sein Innerstes, als sie ihn mit ernstem Gesicht ansah. An einer Sessellehne Halt suchend, beugte er sich nieder, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. Sie wich ihm aber aus. Mit unbeweglichem Gesicht sagte sie nur: „Du stinkst.“

Die zwei Wörter seiner Tochter waren wie Messerstiche, und sie verletzten ihn mehr als der Ausbruch seiner Frau. Trotz und Wut stiegen in ihm auf. „Wenn ihr es so haben wollt, dann soll es mir recht sein. Ich brauche euch nicht“, brüllte er seine Frau an, verließ das Wohnzimmer und warf wütend die Tür hinter sich zu. Er griff nach seinem Mantel und nach seinem kleinen Rucksack und verließ das Haus.

***

Das alles lag jetzt bereits einige Monate zurück. Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche und dachte an Sandra, seine kleine Tochter, und ohne dass er sich dagegen wehren konnte, dachte er auch an Vera. Tief im Innersten wusste er, dass Vera recht hatte. Was sollte sie mit einem Mann, dessen größte Liebe der Alkohol war? Sie brauchte einen verlässlichen Partner, der ihr beim Zusammenhalt der kleinen Familie half, insbesondere bei der Erziehung von Sandra. Ein Säufer, wie sie ihn genannt hatte, war keine Hilfe, sondern eine zusätzliche Belastung.

Doch trotz dieser Einsicht fühlte er sich noch immer gekränkt. Dass sie ihn einen Säufer genannt hatte, sogar in Anwesenheit ihrer gemeinsamen Tochter, das konnte er nicht verwinden, vor allem konnte er es ihr nicht verzeihen, und er wollte es auch gar nicht. Offensichtlich genoss er es, in Selbstmitleid baden zu können.

Bald nach der Trennung von seiner Familie trennte sich auch sein Arbeitgeber von ihm. Da er kaum nüchterne Zeiten hatte, war es ihm auch noch nicht gelungen, einen neuen Arbeitsplatz als Bauingenieur zu finden.

Seine reichlich vorhandene Freizeit verbrachte er häufig im Park. Sein kleiner Rucksack und darin enthalten eine Flasche Weinbrand waren seine treuen Begleiter.

Er setzte sich in die Mitte einer Bank, lehnte sich zurück und legte beide Arme auf die Rückenlehne, als wollte er der Welt demonstrieren, dass es seine Bank sei.

Plötzlich kam ein kleines Mädchen angelaufen, stolperte und stürzte nur wenige Meter von ihm entfernt zu Boden. Es hatte sich offensichtlich verletzt, denn es saß auf dem Rasen und betrachtete weinend sein aufgestoßenes Knie. Er sprang auf und lief zu der Kleinen, um ihr zu helfen. Als sie jedoch seine Alkoholfahne roch, rief sie laut nach ihrer Mutter. Die Gerufene eilte sofort herbei. Zunächst warf sie einen kurzen Blick auf das verletzte Knie ihrer kleinen Tochter und schien beruhigt. Anschließend richtete sie ihren prüfenden Blick auf ihn und betrachtete ihn äußerst misstrauisch. Immerhin hätte er ja ein Kinderschänder sein können.

„Ich wollte nur helfen“, beteuerte er.

Ob sie ihm glaubte, ließ sie nicht erkennen. Allerdings klärte sie ihn über die Reaktion ihrer Tochter auf: „In unserer Nachbarschaft lebte ein Alkoholiker, der Kinder belästigte; deshalb reagierte Gudrun so negativ auf Ihren Duft nach Alkohol.“

Er schwieg und senkte den Blick.

„Als Alkoholiker sollten Sie sich von Kindern lieber fernhalten“, warnte sie ihn, „denn es gibt Mütter, die nicht argumentieren, sondern zunächst laut kreischen und dann zuschlagen“.

Sie wartete einen Augenblick. Vermutlich nahm sie an, er würde etwas antworten. Doch er schwieg weiterhin.

Dann wandte sie sich an ihre Tochter und fragte fürsorglich: „Kannst du schon allein aufstehen? Oder soll ich dir helfen?“

„Das kann ich schon allein“, behauptete die Kleine und wie zum Beweis erhob sie sich. Inzwischen weinte sie nicht mehr. Mutter und Tochter warfen noch einen kurzen Blick auf ihn, dann gingen sie weiter, und er kehrte zur Bank zurück.

Dass er als Alkoholiker mit einem Kinderschänder auf eine Stufe gestellt wurde, schockierte ihn. Er fand es sehr ungerecht. – Doch nachdem er einige Tage darüber nachgedacht hatte, warf er die halb volle Flasche in einen Abfallkorb und fasste den Entschluss, das Trinken aufzugeben.

***

Nach etlichen Monaten der Abwesenheit nahm er allen Mut zusammen und wagte sich wieder in die Nähe des Hauses, in dem er mit seiner Familie gewohnt hatte. Nun lebten dort seine Frau und seine Tochter ohne ihn. Während er aus einiger Entfernung das Haus beobachtete, öffnete sich die Tür, und ein fremder Mann kam heraus, gefolgt von der Frau, die auf dem Papier noch immer seine Frau war. Die beiden umarmten und küssten sich. Anschließend schritt er zu seinem Auto, und sie kehrte ins Haus zurück.

Sie sieht noch immer verdammt gut aus, dachte er. Für ihn war es jedoch zu spät. Er hatte sich augenscheinlich zu lange mit dem Alkohol abgegeben. Sein Platz in seiner früheren Familie war neu besetzt worden. Ihn wunderte nur, dass er damit gar keine Probleme hatte, er überdachte es, als ginge es nicht um ihn, sondern um völlig Fremde. Einzig die Erinnerung an seine Tochter Sandra stimmte ihn traurig.

Er löste sich vom Blick auf sein früheres Zuhause und lenkte seine Schritte in Richtung Park. Inzwischen war er für ihn zu einer Art von Zuflucht geworden. Als er dort ankam und sich gerade mit traurigem Gesicht auf einer Bank niederließ, kam eine Frau mit ihrer kleinen Tochter von zwei bis drei Jahren an ihm vorbei. Nachdem sie einige Meter weitergegangen waren, löste sich die Tochter von der Hand ihrer Mutter und ging zu ihm zurück, blieb kurz vor ihm stehen und überreichte ihm wortlos ihre Puppe. Anschließend kehrte Sie zu ihrer wartenden Mutter zurück. Beide gingen weiter.

Er war verwirrt und dachte über das ungewöhnliche Verhalten der Kleinen nach. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass seine Traurigkeit verschwunden war. Er betrachtete die Puppe. Sie hatte schon bessere Zeiten erlebt, zeigte sie doch bereits deutliche Spuren von häufigem Schmusen – dennoch fand er sie wunderschön. Er spürte, wie Hoffnung in ihn zurückkehrte.

Etwa zehn Minuten später kehrten Mutter und Tochter zurück und blieben vor ihm stehen.

„Ach Sie sind es!“, rief die Mutter plötzlich aus. „Wie geht es Ihnen?“

Jetzt erkannte er sie ebenfalls. Sie war die Frau, die ihm einige Monate vorher geraten hatte, sich als Alkoholiker von Kindern fernzuhalten, da Mütter für gewöhnlich keinen Spaß verstehen, wenn es um das Wohlergehen ihrer Kinder geht.

„Danke, es geht mir gut. Ich trinke nicht mehr“, versicherte er ihr.

„Ich weiß“, antwortete sie und lächelte.

„Sie wissen es – aber woher denn nur?“, fragte er verblüfft.

„Das ist kein großes Geheimnis“, antwortete sie, immer noch lächelnd, und fuhr dann fort, „Sie verwenden kein Eau de Cognac mehr.“

Jetzt musste sogar er etwas lächeln.

„Wie verbringen Sie jetzt eigentlich Ihre Zeit, seit Sie zu trinken aufgehört haben? Ich stelle mir vor, dass so ein Tag sehr lang werden kann, wenn man nichts zu tun hat.“ Sie sah ihn fragend an.

„Früher habe ich sehr gern gelesen, doch jetzt fehlen mir die Bücher. Sie stehen alle bei meiner Frau.“

„Und zu ihr möchten Sie nicht gehen, weil es Ihnen peinlich wäre – oder?“

„Das ist richtig“, bestätigte er.

Während des Gespräches ließ die Kleine kein Auge von ihm und der Puppe, sagte aber nichts. Als er sie jetzt aufmerksam betrachtete, hatte er die richtige Eingebung: „Ich danke dir von ganzem Herzen, dass du mir deine wunderbare Puppe geliehen hast. Das war sehr lieb von dir. Sie hat mir bereits geholfen. Nun möchte ich sie dir gern zurückgeben.“

Die Kleine freute sich, streckte einen Arm aus, nahm ihre Puppe entgegen und drückte sie gleich so innig an sich, als wäre sie eine Mutter, die ihr verloren gegangenes Kind wiedergefunden hat. Sie strahlte über das ganze Gesicht.

Mutter und Tochter waren im Begriff, ihn zu verlassen.

„Ist es denkbar, dass wir uns vielleicht einmal wiedersehen?“, platzte es aus ihm heraus.

Sie zeigte ein nachdenkliches Gesicht und schien in sich hineinzuhorchen. Mit einer Hand fasste sie an ihren Hinterkopf und schob ihr prächtiges Haar etwas aufwärts. – „Denkbar?“, wiederholte sie fragend, griff in ihre Handtasche und holte ein Buch hervor. Für einen Augenblick schien sie zu zögern, doch dann reichte sie ihm das Buch und erklärte: „Ich werde Ihnen dieses Buch leihen. Sobald Sie es ausgelesen haben, werden Sie sich wieder auf dieser Bank zeigen. Wenn ich dann vorbeikomme, können Sie mir das Buch zurückgeben.“

Erich betrachtete das Buch und war hocherfreut: „Danke, ich danke Ihnen sehr! Das ist ja Schuld und Sühne von Dostojewski, einem meiner Lieblingsdichter. Dieses Buch zu lesen versetzt mich zurück in eine glückliche Zeit, in der von Alkohol noch keine Rede war.“

„… oder in eine sehr schöne Zeit, in der von Alkohol nicht mehr die Rede ist“, ergänzte sie.

Er nickte und streichelte zärtlich über das Buch.

Sie wandte sich um und griff nach der kleinen Hand ihrer Tochter. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließen ihn Mutter und Tochter.

Er blickte ihnen nach, bis sie hinter der nächsten Wegbiegung von Büschen und Sträuchern verdeckt wurden. Dann öffnete er das Buch und begann zu lesen.

Wolf-Gero Bajohr
November 2009

Sonntag, 8. November 2009

Südseeinseln... Inseln im All

Teil IV der Serie
»Das Atlantis der Südsee« Bild hinzufügen
von Walter-Jörg Langbein    


Das kleine Rinnsal schlängelte sich mühsam zwischen kleinen und größeren Lavabrocken dahin... und war plötzlich verschwunden. Wohin wohl? Ein leises glucksendes Rauschen schien aus dem Innersten der Erde zu kommen. »Folge der Stimme des Wassers!« raunte mir mein Guide zu.

Es hat lange, sehr lange gedauert, bis er bereit war, mich in ein Geheimnis der Osterinsel einzuweihen. Nie und nimmer, das war die Bedingung, dürfe ich verraten, wer es war, der mich an einen der geheimnisvollsten Orte der Osterinsel geführt hatte. Nie und nimmer dürfe ich auch nur andeuten, wo sich jener Eingang in eine fremde Welt befindet. Erst als ich absolute Verschwiegenheit versprach, wurde mir der »Weg des Wassers« gezeigt.

Mein Guide deutete auf eine Felsspalte im Boden, die das kleine Bächlein aufnahm. Ein gurgelndes Geräusch machte nicht gerade Mut. Mein Guide aber nickte zuversichtlich. Und so zwängte ich mich durch den schmalen Riss im steinharten Boden und stieg nach unten. Mit den Füßen suchte ich Halt, mit den Händen klammerte ich mich fest. Bald schon erkannte ich, wie eng der felsige Abstieg war. Und das gab mir Sicherheit.

Mit dem Rücken presste ich mich gegen rauen Stein, mit Händen, Armen, Knien und Füßen hielt ich dagegen. Das kalte Wasser begleitete mich. Es machte den Fels glitschig. So rutschte ich wiederholt nach unten, ich stürzte aber nicht. Ich fand immer wieder Halt. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit. Nach Minuten, die mir wie Ewigkeiten vorgekommen waren, hatte ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Ich hob den Blick, starrte nach oben. Der schmale Einstieg wirkte wie ein blendender Riss in der Dunkelheit.

Mein Rücken, meine Hände, Arme, Ellenbogen, meine Knie, meine Beine... alles schmerzte. Mein innerer Schweinehund gab einen klaren Befehl: Klettere zurück, krieche aus diesem Loch... atme wieder frische Luft. »Folge der Stimme des Wassers!« hatte mir mein Guide geraten. Nach stundenlangen Gesprächen bis spät in die Nacht hatte er mir ein verlockendes Angebot gemacht. Ich würde in die Unterwelt des Osterinsel steigen dürfen. Ich würde – alleine – erleben dürfen, was selbst so manchem Osterinsulaner unbekannt bleiben musste. Wie konnte ich da eine Reise abbrechen, noch bevor sie wirklich begonnen hatte? So widersetzte ich mich dem Wunsch, wieder nach oben ins Licht zu klettern. Ich blieb also stehen.

Wie tief mochte der Schacht sein, dem ich – der Stimme des Wassers folgend – mehr hinabgerutscht als bewusst mehr oder minder senkrecht ins vulkanische Gestein der Osterinsel gefolgt war? Ich reckte mich, streckte meine Arme nach oben... das Tageslicht mochte vier oder fünf Meter über mir schimmern. Oder waren es nur drei? Ich fühlte meinen Puls langsamer werden. Ich spürte die Stille um mich – fast körperlich. Langsam ließ ich mich auf die Knie, tastete mit den Händen den steinernen, teilweise schlammigen Boden ab. Da war es wieder, dieses kleine Rinnsal. In einem schmalen Wasserfall kam es aus dem Licht.... und verschwand. Meine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit. Ich erkannte so etwas wie einen niedrigen Gang am Grunde des Schachts. Die Stimme des Wassers lockte mich hinein.

Auf allen Vieren kroch ich in den Gang. Bald war es pechschwarz um mich herum. Immer wieder stieß ich mich mit dem Kopf, mit den Schultern, den Armen. Immer wieder schien mein »innerer Schweinehund« die Überhand zu gewinnen. Und doch kroch ich weiter... nur noch ein kleines Stück. Sobald ich mehr Platz haben würde, konnte ich ja wenden und umkehren.... aber in dieser Enge? Im Nachhinein, das muss ich zugeben, muss ich über einen Gedanken lachen, der mir damals immer wieder kam. Kannte ich nicht eine ähnliche Situation aus der Literatur? Tatsächlich fühlte ich mich – so übertrieben pathetisch das jetzt auch für mich klingen mag – wie Arne Saknussem aus Jules Vernes Roman »Reise zum Mittelpunkt der Erde«.

Wohin würde mich die Stimme des Wasser führen, der ich in einem unterirdischen Korridor kriechend, folgte? Was würde ich entdecken? Warum sollte ich weder Taschenlampe noch Photoapparat bei meinem Abenteuer in einer schmalen, natürlich entstandenen Röhre durch die vulkanische Unterwelt der Osterinsel dabei haben? Das Tageslicht war längst weit hinter mir geblieben. Und die Luft war immer stickiger geworden. Einmal mehr stieß ich mit der Stirn schmerzhaft gegen Fels. Ich legte mich auf den Bauch und kroch weiter. Das Rinnsal sammelte sich, wurde tiefer. Schließlich kam es mir immer mehr vor als würde ich in einer eisigen schlammiger werdenden Brühe schwimmen.

Aus der Stimme des »inneren Schweinehundes« war längst die der Vernunft geworden. Aber die Sturheit erwies sich als stärker... meine Sturheit. Und plötzlich änderte sich die Situation schlagartig. Die Stimme des Wassers wurde zu einem lauten Tosen. Die stickige miefige Luft roch plötzlich nicht mehr nach Moder, sondern nach Salz und Seetang. Und die Luft stand nicht mehr drückend, vielmehr wehten mir heftige Luftwirbel entgegen. Die Dunkelheit, an die ich mich inzwischen gewöhnt hatte, wich hellem Tageslicht. Für einen Moment war ich wie geblendet. Vor mir erstreckte sich der weite, weite pazifische Ozean. Meer und Himmel schienen ineinander überzugehen. Und tief unter mir schlugen heftige Wellen an eine Steilklippe. Rhythmisch schoss die weiße Gischt des Meeres zu mir empor.

Ich war der Stimme des Wassers gefolgt... aber was wollte sie mir sagen? Sie hatte mich von einer ausgedörrten steinigen Region der Osterinsel in eine unterirdische Röhre geführt. Anders als bei der »Reise zum Mittelpunkt der Erde« von Jules Verne hatte ich keine urzeitlichen Monster in einer unterirdischen Welt entdeckt. Der Tunnel endete in einer Steilklippe, die viel zu hoch war, als dass ich in die tosende Hölle der brausenden Wogen hätte hinabsteigen können.

Im Laufe von mehreren Besuchen auf der Osterinsel habe ich einige solcher Höhlen besucht. Sie führen unterirdisch mitten in senkrecht zum Meer abfallende Steilküsten. Welchem Zweck dienten sie? Warum krochen die Osterinsulaner einst durch unterirdische Tunnel, die plötzlich abrupt endeten: in Felswänden, die viel zu hoch über der tosenden Brandung lagen, als dass man dort hätte zum Meer hinab gelangen können!

Mir gingen die Worte meines Guides nicht aus dem Sinn. Wie lautete die Botschaft des Wassers.. des Meeres? Ich verstand sie nicht, so sehr ich mir auch auf dem Rückweg durch den Tunnel ans Tageslicht das Hirn zermarterte. Wieder ging es durch die niedrige Stelle im Höhlengang. Und plötzlich näherte ich mich wieder dem senkrechten engen Schacht. Ich blickte zum Spalt im Fels empor, durch den ich in die »Unterwelt« gestiegen war. Geradezu grell war der scharf umrissene Lichtkegel, der wie aus fernem Himmel tief in die Unterwelt hinein leuchtete. Nach einigen Minuten hatten sich meine Augen an die neue Situation gewöhnt. Als ich den steilen Schacht wieder emporklettern wollte, machte ich eine Entdeckung: an der Seite befand sich ein steinernes Relief. Es zeigte ein Bildnis, das die Osterinsulaner so oft verewigt haben: das rundliche Gesicht Make Makes mit den starr, ja glotzend wirkenden Augen.

Immer wieder haben die Künstler der Osterinsel dieses Gesicht in Petroglyphen, in steinernen Reliefs verewigt... im Verlauf von Hunderten von Jahren. Sie ritzten es in den relativ weichen vulkanischen Stein. Unzählige – vielleicht die meisten dieser Darstellungen – sind von der Witterung so stark beschädigt worden, dass sie kaum noch zu erkennen sind. Niemand weiß, wie viele Kunstwerke längst ausgelöscht worden sind. Wird es gelingen, die wenigen, noch gut erhaltenen Exemplare so zu konservieren, dass sie auch noch in Jahrhunderten Zeugnis einer uralten Kultur werden ablegen können?

Die Osterinsel ist in ihrer Gesamtheit ein einziges Rätsel. Auf einer fast spitz in die Weiten des Pazifik hinausragenden Klippe im Südwesten des Eilands entstand vor vielen Jahrhunderten eine mysteriöse Kultstätte: Orongo. Zum Meer hin fällt die steile Steinwand fast 300 Meter senkrecht ab. Unweit des Rano Kao Vulkankraters entstanden hier geheimnisvolle steinerne Häuser, die an Bunker erinnern. Flache Steine wurden mörtellos zusammengefügt. Warum haben die seltsamen Häuser so gewaltige, wuchtige Steindecken? Warum sind die Räume so niedrig, dass man sich oft nur eher kriechend als aufrecht darin aufhalten kann? Ich habe einige der Innenräume gemessen: Die »Höhe« lag stets um 1,40 Meter!

Eine Erklärung lautet: Das war kein herkömmliches Dorf, das war eine sakrale Wachstation. Hier lagen Wächter auf der Lauer, die die geheimnisvollen Felszeichnungen vor Beschädigung oder Zerstörung bewahren mussten. Die steinernen Kunstwerke sind höchst geheimnisvoll. Immer wieder taucht das Gesicht des Gottes Make Make auf. Make Make soll es ja gewesen sein, der einem Priester – den er durch die Lüfte entführt hatte – die Osterinsel zeigte: als Zufluchtstätte für die Menschen, die das Atlantis der Südsee noch fluchtartig verlassen konnten!

Orongo, der Name der heiligen Stätte, ist vermutlich eine Variante eines alten Götternamens: Rongo. Kurioser Zufall: Der biblische Gott Jahwe erklärte den Regenbogen zum Symbol des Bundes mit »seinem« Volk, mit Israel. Rongo wurde von den Ur-Osterinsulanern im Regenbogen gesehen. Jahwes Stimme grollte wie der Donner.... Rongo sprach aus dem Donner. Mag sein, dass Rongo ein anderer Name für Make Make ist.

Einst gab es eine Vielzahl von Gemälden in den »Bunkern« von Orongo. Sie zierten die Wände. Ein besonders verehrtes Motiv, das zugleich den christlichen Missionaren ein schmerzhafter Dorn im Auge gewesen sein muss, soll Rongo alias Make Make gewesen sein. Die heiligen Malereien sind heute vor Ort nicht mehr auffindbar. Stundenlang bin ich in den niedrigen Räumen umhergekrochen, habe die Wände mit meiner Taschelampe abgeleuchtet und fand keine Farbspur mehr... von ganzen Gemälden ganz zu schweigen. Viele mögen mutwillig zerstört, einige in Museen gerettet worden sein. Mitte des vergangenen Jahrhunderts – also vor rund 50 bis 60 Jahren – soll es immerhin noch etwa zehn gut erhaltene Motive in den mysteriösen »Bunkerbauten« gegeben haben.

Am Abend meiner »Höhlenexkursion« fragte mich mein Guide, ob ich die Botschaft des Wassers verstanden habe. Verschämt musste ich zugeben: »Nicht wirklich...« Ich fasse die Antwort des Guide zusammen:

»Der Gang durch die Finsternis der unterirdischen Höhle entspricht dem Weg des Unwissenden durch die Dunkelheit der Unkenntnis. Er sieht nichts. Der Unwissende kriecht durch den Gang und wenn er dazu bereit ist, kann er in Steinen wie in einem Buch lesen! Plötzlich steht er an einem Ausgang. Aus der Dunkelheit gelangt er wieder ins Licht. Doch noch kann er nur sehen, er kommt aber nicht weiter! Er erblickt tief unter sich die peitschenden Wogen des Ozeans. Noch kann er nicht den Abstieg wagen. Aber eines Tages wird er es können! Er blickt in die Ferne und sieht die Wogen des Meeres. Weit, weit jenseits des Horizonts gibt es andere Inseln. Eines Tages wird er sie besuchen können. Den Inseln im Meer entsprechen die Sterne am Himmel. Noch scheinen die fernen Eilande unerreichbar zu sein. Doch eines Tages wird es möglich sein, sie zu besuchen... ferne Inseln im Meer ebenso wie ferne Planeten im Meer des Alls. So wie es Menschen auf anderen Inseln im Meer gibt, so sind auch andere Planeten in den Weiten des Alls bewohnt. Eines Tages werden wir sie besuchen können!«

»Der Mensch wird fremde Welten in den Tiefen des Kosmos besuchen?« fragte ich ungläubig den Guide. Der lachte schallend. »Der Mensch wird geboren. Er wächst in der Kinderstube auf, so wie der Vogel im Nest. Kein Vogel bleibt für immer in seinem Nest. Er wächst heran und lernt fliegen. Dann verlässt er sein Nest und erkundet die Umgebung. Er wagt sich immer weiter und weiter weg!« Auch der Mensch werde nicht in seiner »Kinderstube Planet Erde« bleiben, sondern in die Tiefen des Alls vordingen. »Oder möchtest du für immer in deiner Kinderstube sitzen?«

Mein Guide wiederholte: »Die Inseln der Südsee stehen für die Inseln im All. Früher glaubten manche Menschen, nur die eigene Insel sei bewohnt. Falls es überhaupt weitere Inseln geben sollte, so könnten diese nur unbewohnt sein! Das klingt naiv, ja dumm. Aber es gibt auch heute noch Menschen in der ›zivilisierten Welt‹, die der festen Überzeugung sind, dass es außer Planet Erde keine anderen Planeten im All gibt... und wenn doch, dann nur unbewohnte!

Schwimmend konnten die Urbewohner der See, die Pazifik genannt wird, keine fernen Inseln erreichen. Sie mussten Schiffe bauen und die Kunst der Navigation erlernen. Der ›zivilisierte Mensch‹ von heute ist dabei, ›Schiffe‹ zu bauen, mit denen er zu fernen Inseln im All gelangen kann!« Die Mitteilungen des Guide deckten sich zum Teil mit meinem Wissen aus langjährigem Literaturstudium der Südseemythologie. Alte Südseeüberlieferungen belegen, so wusste ich aus meinem Literaturstudium, dass der Weltraum als ›kalter leerer Raum‹ bekannt war. Und in dieser weiten Leere vermutete man ›Inseln‹, andere Welten. Dort wiederum wähnte man tatsächlich Leben! In der »Polynesian Mythology« findet sich ein deutlicher Hinweis auf diesen Sachverhalt. Da lesen wir von einem Rehua, der eine Reise zu den Himmeln antritt:

»›Sind die Himmel über diesem Himmel bewohnt?‹ -›Ja, sie sind bewohnt.‹ antwortete man. ›Kann ich zu diesen Himmeln gelangen?‹ fragte er. ›Nein, du wirst sie nicht erreichen können, da diese Himmel von Tane erbaut sind.‹«Rehua erreicht den zweiten Himmel und fragt wiederum ein Wesen, das er dort antrifft: »›Sind die Himmel über diesem Himmel bewohnt?‹ - ›Ja, aber du wirst sie nicht erreichen können, da sie von Tane erbaut wurden.‹« Im dritten Himmel wiederholt sich das gleiche Spiel: Wieder erfährt der neugierige Rehua, dass auch der nächst höhere Himmel bewohnt sei. Und das gilt, so bringt er in Erfahrung, für alle »Himmel«! Südseeinseln verglich man mit Inseln im All. So wie Inseln in den Meeren unseres Planeten bewohnt sind, so galten die Planeteninseln im Universum ebenfalls als besiedelt. Und wer über entsprechende Technologie verfügt, der kann diese fernen Inseln im All auch erreichen.

Zu diesen fernen Welten kann man nicht nur reisen... wenn man die entsprechenden »Verkehrsmittel« besitzt. Wesen von diesen fernen Welten können auch zur Erde gelangen. Sollten tatsächlich in der Vergangenheit kosmische Besucher aus dem All einst zur Erde gekommen sein? Was auf den ersten Blick phantastisch klingen mag, das wird durch einen knappen Text bestätigt, den Egbert Richter-Ushanas – ein Experte auf dem Gebiet der geheimnisvollen Osterinselschrift – erstmals von der Tafel »Aruka Kurenga« (einer uralten Holztafel mit geheimnisvollen Zeichen) übersetzt: »Durch den Himmel gestürzt kam Hotu Matua von jenem Land in dieses Land, und er ließ sich nieder im Nabel des Himmels.«

Stellen wir uns vor, ein Außerirdischer kommt aus den Tiefen des Alls, als Besucher auf unseren Planeten. Ein Wesens namens Pourangahua wird in alter polynesischer Mythologie so zitiert: »Ich komme, und eine unbekannte Erde liegt unter meinen Füßen. Ich komme, und ein neuer Himmel dreht (sich) über mir. Ich komme auf diese Erde und sie ist ein friedlicher Rastplatz für mich. O Geist des Planeten!« Sprach so ein Außerirdischer, der einst aus dem Himmelsozean kam und der Erde einen Besuch abstattete?

Für die Besatzung eines Raumschiffs, die unzählige Lichtjahre zurückgelegt haben mag, um unseren Heimatplaneten zu erreichen... muss unsere Heimat wie ein herrlicher Edelstein in einem unendlichen Meer aus Nichts erschienen sein, wie eine unschätzbare Kostbarkeit. Wie aber gehen wir mit unserer Heimat um? Wir zerstören Planet Erde scheinbar mutwillig... Und wir wollen »intelligente Wesen« sein?
Mein mühsam-abenteuerlicher Weg durch die Unterwelt - so verstand ich erst im Nachhinein - sollte eine spirituelle Reise sein: durch die Dunkelheit ins Licht. Taschenlampe und Fotoapparat hätten nur abgelenkt, gestört. Es war vergleichbar mit einem Aufnahmeritus. Nicht der Intellekt wurde angesprochen, sondern tieferes Empfinden.
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Hier gibt es die vorherigen Teile der Blogserie:

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