Sonntag, 24. Januar 2010

Im Gespräch mit Ephraim Kishon - Teil 1

Walter-Jörg Langbein

Ephraim Kishon, der eigentlich Ferenc Hoffmann hieß, war einer der bedeutendsten Satiriker des 20. Jahrhunderts. Ephraim Kishon wurde 1944 in das Arbeitslager Jolsva, Slowakei, verschleppt. 1945 konnte er fliehen, als er in ein Todeslager in Polen deportiert werden sollte. Ein großer Teil von Ephraim Kishons Familie wurde in Auschwitz ermordet. 1949 wanderte Kishon von Ungarn nach Israel aus.

Ephraim Kishons Weltauflage dürfte bei fast 50 Millionen Exemplaren liegen. Kishons Buch »Familiengeschichten« ist – vom »Alten Testament« abgesehen – das meistverkaufte hebräische Buch der Welt.
Ephraim Kishons Memoiren erschienen unter dem Titel »Nichts zu lachen«. Weltweit liegen rund 700 Kishon-Bücher in 37 Sprachen vor. Seine Filme wurden zweimal für den Oscar nominiert (»Schlaf gut, Wachtmeister« und »Sallah«). Dreimal wurde Kishon mit dem »Golde Globe« geehrt. Kishons Bürokratie-Satire »Der Blaumilchkanal.« ist wohl das im deutschen Sprachraum bekannteste Buch Ephraim Kishons, dessen Humor so entlarvend, aber niemals verletzend ist. Man erkennt sich wieder bei Kishon – etwa in »Satiren zur täglichen Katastrophe«... und kann über sich selbst und die eigenen Unzulänglichkeiten lachen.

Ephraim Kishon, geboren am 23. August 1942 in Budapest, Ungarn, verstarb vor fünf Jahren am 29. Januar 2005. Anlässlich des 5. Todestages des weltberühmten Schriftstellers möchte ich nochmals ein ausführliches Interview der Öffentlichkeit zugänglich machen, das mir Ephraim Kishon vor fünfundzwanzig Jahren – Frühjahr 1985 – gewährte.

Das Interview wurde in Ephraim Kishons Hotelzimmer in Frankfurt geführt. Kishon äußerte sich über Politisches wie über Philosophisches. Und gelegentlich tauschten wir die Rollen. Dann stellte Ephraim Kishon Fragen... und ich antwortete.

Im Verlauf vieler Jahre begegneten wir uns immer wieder am Rande der Frankfurter Buchmesse. Ephraim Kishons liebenswerte, liebenswürdige und warmherzige Art hat mich berührt und zutiefst beeindruckt. Seine leise Bescheidenheit, sein geschliffener Verstand und spezieller Humor machten ihn aus.... einen wirklich großen Menschen!

Interview mit
Ephraim Kishon
Teil 1

Walter-Jörg Langbein: Herr Kishon, Sie sind besonders in Deutschland erfolgreich. Worauf führen Sie das zurück?

Ephraim Kishon: Ich würde das anders formulieren: im deutschsprachigen Raum. Diese Frage ist nicht ganz neu. Sie wurde mir schon von ganz einfachen Leuten, aber auch von Professoren gestellt. Anscheinend beschäftigen sich viele Menschen mit dieser Frage. Ich muss aber, das gleich vorweg, sagen: Es gibt Länder, da bin ich erfolgreicher als im deutschsprachigen Raum. Freilich kann man nicht erwarten, dass etwa vier Millionen Finnen genauso viele Bücher von mir kaufen wie einhundert Millionen Menschen im deutschsprachigen Raum! Meine deutschsprachige Auflage ist so groß, weil der Markt hier so groß ist.

Was wichtig ist: Meine Art zu schreiben, sie ist hier sozusagen geboren. In der Tschechoslowakei, Österreich, Ungarn und Deutschland gab es schon immer das beste Publikum für diese Literatur, für meine Art zu schreiben. Noch ein Grund für meinen, wie überhaupt, schriftstellerischen Erfolg: Bei aller Ehre, die wir Schriftsteller haben, ist und bleibt die Schriftstellerei zum Teil Showbusiness. Erfolge lassen sich nicht erzwingen. Wer das könnte, wäre der reichste Mann der Welt. Das ist ein Mysterium.

Ein Musical oder ein Theaterstück kann heute ein riesiger Erfolg sein.. und zwei Jahre später wäre es ein totaler Flop geworden. Ein Faktor meines Erfolgs wird meines Erachtens von kaum jemandem bedacht. Vielleicht bin ich einfach ein guter Schriftsteller. Das kann man zumindest nicht ausschließen. Das kann man doch zumindest nicht ausschließen. Diesen Grund kann man sich doch zumindest vorstellen.

Um aber nochmals konkret auf Ihre Frage zurückzukommen: Auf die Bevölkerung prozentual umgerechnet bin ich etwa in Jugoslawien viel erfolgreicher als in Deutschland.

Walter-Jörg Langbein: Herr Kishon, vor einiger Zeit las ich, dass Sie keine Bücher mehr schreiben würden....

Kishon: Ich habe gesagt, dass ich keine Bücher mehr schreiben m ü s s t e. Nach über fünfzig Büchern, die ich in meinem Leben geschrieben habe, wäre es eigentlich unvorstellbar, dass sich da nicht eine gewisse Aversion gegen das Schreiben von Büchern entwickelt. Das Schreiben von Büchern ist ja sowieso eine unmenschliche, unnatürliche Tätigkeit.

Ich habe es auch ein wenig unbescheiden gesagt. Wenn ich nicht diesen rieisgen Erfolg hätte, ich hätte es schon längst mit Wonne aufgegeben, Bücher zu schreiben. Aber, ironisch gesagt, um aufhören zu können, bräuchte ich die Hilfe meiner Leser. Die müssten sozusagen davonlaufen.

Walter-Jörg Langbein: In einer Information Ihres Verlags heißt es, dass nur ein Teil Ihres Werkes in deutscher Übersetzung vorliegt – der wichtigere?

Kishon: Was heißt hier wichtig? Ich glaube, dass das, was ich über meine Söhne geschrieben habe, das wichtigste ist. Das Europaparlament wird es noch in fünfzig Jahren geben, aber das Problem mit dem ersten Schnuller noch in fünftausend Jahren.

Wenn ich politische Äußerungen mache, dann in Zeitungen in Israel. Das ist dann auf die jeweilige Situation bezogen. Solche Ausführungen werden nicht übersetzt. Aber ich kann nicht nur über Probleme schreiben, die Menschen wollen lachen. Wenn mich jemand zum Lachen bringt, ich liebe ihn.

Walter-Jörg Langbein: Wobei man ja geteilter Meinung darüber sein kann, was zum Lachen ist. Sie kennen ja sicher das Reagan-Zitat, wonach er äußerte: ›In fünf Minuten beginnen wir mit der Bombardierung der Sowjetunion!‹

Kishon: Darüber hat mich der »Stern« schon telefonisch befragt. Man wollte von mir hören: ›Ein solcher Idiot, den sollte man ins Irrenhaus stecken, der dürfte nicht Präsident der USA sein. Das hat man von mir hören wollen. Aber ich habe wie immer meine eigene Meinung gesagt. Ich habe eben solche Leute gern, die keine Gromyko-Diplomaten sind, die aalglatt sind... sondern die, die ab und an Fehler machen und unerwartet eine Blödheit sagen. Im Falle Reagan war das nicht der Fehler des Präsidenten, sondern der westlichen Presse und der westlichen Demokratie. Die Sache war ganz klar für einen internen Kreis gesagt und ist dann gleich weltweit so verbreitet worden, als ob Reagan im Rahmen einer Rede gesprochen hätte. Aber, wie gesagt, ich habe Leute gern, die hier und dort stolpern.

Walter-Jörg Langbein: Aber die Äußerung war ein Fehler?

Kishon: Ja! Er hätte wissen müssen, dass solche Äußerung weitergegeben wird. Aber, wie gesagt, ich finde Ronald Reagan sympathisch, und das tun wohl auch viele Amerikaner. Meine Äußerung in der Sache wurde in der Presse korrekt zitiert.

Walter-Jörg Langbein: Was nicht immer der Fall ist?

Ephraim Kishon: Genau. Besonders im deutschsprachigen Raum habe ich da meine Probleme. Und selbst wenn ein Interview korrekt abgedruckt wird, dann wird oftmals eine Überschrift gefälscht, und das Ganze ist entstellt. Erst vor kurzem habe ich einen Prozess gegen eine österreichische Zeitung gewonnen. Diese Zeitung hatte eine Satire von mir nachgedruckt, und zwar mit einem falschen Titel! Das gab dem Ganzen einen völlig anderen Sinn, verfälschte alles. Die Zeitung wurde zu 15 000 Mark Schadenersatz verurteilt.

Oder – nehmen wir an, irgendein belgisches Pornoblatt druckt einen Blödsinn über mich ab, sagen wir: ›Kishon: Ich liebe Prostituierte!« Und dann kommt eine andere, sagen wir englische Zeitung, die schreibt: ›In der belgischen Presse ließ Kishon verlautbaren...‹ Die sind dann nicht zu fassen, geben die Verantwortung an das Pornoblatt in Belgien weiter.
Walter-Jörg Langbein: Herr Kishon, ist es eigentlich schwer, nur ein Satiriker zu sein?
Kishon: Was heißt denn hier ›nur‹?

Walter-Jörg Langbein: Ich meine, beschäftigen Sie sich auch zum Beispiel mit philosophischen Fragen, etwa dem Leben nach dem Tod?
Kishon: Aber natürlich!

Walter-Jörg Langbein : Glauben Sie an ein Leben nach dem Tode?

Kishon: Wie ist Ihre Meinung?

Walter-Jörg Langbein: Ich glaube an ein Leben nach dem Tode. Wenn Sie zum Beispiel an die Reinkarnation denken, die Lehre von der Wiedergeburt...

Kishon: Gibt es dafür Belege, Beweise?

Walter-Jörg Langbein: Ich meine schon. Im indischen Bereich gibt es zum Beispiel Berichte von kleinen Kindern, die erinnern sich an ganze Lebensläufe, Biographien von früheren Leben...

Kishon: Ich glaube, das gibt es in den Ländern des Orients mehr als hier. Aber wie ist das mit den Leuten, die schon einmal klinisch tot waren?

Walter-Jörg Langbein: Es gibt zum Beispiel von Dr. R. Moody eine ganze Sammlung von Berichten. Da haben Menschen, die bereits klinisch ›tot‹ waren und wieder ›zurückgeholt‹ worden sind, lichthelle Gestalten gesehen, die die Toten von unserer Welt in die andere führten. Diese andere Welt wird als sehr angenehm beschrieben, und viele Menschen waren bitterlich enttäuscht über die Tatsache, dass sie von den Ärzten wieder in unsere Wirklichkeit zurückgeholt wurden.

Kishon: Gibt es da Übereinstimmungen?

Walter-Jörg Langbein: Ja, diese Übereinstimmungen sind sehr stark. Nur am Rande weisen solche Berichte religiös-konfessionelle Einfärbungen auf.

Kishon: Sehen Sie, religiös gefärbt...

Walter-Jörg Langbein: Ja, viele Menschen, die bereits einmal klinisch tot waren, erinnern sich an helle lichte Gestalten. Christlich orientierte Personen nannten diese Gestalten Engel...

Kishon: Es ist in meinen Augen eine etwas naive Vorstellung, anzunehmen, die andere Welt müsse exakt den christlichen Vorstellungen entsprechen...

Walter-Jörg Langbein: Ich sehe das so: Die klinisch Toten begegnen so etwas wie einem Lichtwesen. Darauf lassen sehr viele Berichte schließen. Der christlich orientierte Mensch ist nun eher geneigt, in diesem Lichtwesen einen Engel zu sehen. Für einen Inder ist es ein Totengott...

Kishon: Und für einen Ägypter ein Gott mit einem Tiergesicht?

Walter-Jörg Langbein: Es wurden die Lichtwesen identifiziert, entsprechend der religiösen Vorprägung. Aber sehr viele ehemals klinisch Tote erinnern sich übereinstimmend an die Begegnung mit hellen Lichtwesen.
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Ausblick auf Teil 2 des Interviews
Walter-Jörg Langbein : Wenn Sie an den Tod denken...

Ephraim Kishon: Ich bin da ja wirklich sehr neugierig. Ich werde es ja wohl vor Ihnen erleben. Nach meiner Auffassung ist Sterben ein Schlafen ohne Traum. Ich glaube, wenn ich sterben, dann wird das so sein, als wenn ich traumlos schlafe.

Walter-Jörg Langbein: Ist das eine eher angenehme oder eine unangenehme Vorstellung für Sie?

Ephraim Kishon: Eine sehr angenehme. Es wäre eine schlimme Vorstellung zu denken: Ich sterbe und werde immer wieder und wieder geboren – und das mit der Last der Erinnerung an alle Fehler, die ich vielleicht einmal begangen habe. Ich glaube, man kann sich bestenfalls daran zurück erinnern, was man als Embryo erlebt hat. Das erscheint mir logisch, denn schon als Embryo hat man ein Gehirn. Warum soll man sich nicht an seine Zeit als Embryo erinnern?

Vorher ist Dunkelheit, und ich hoffe, dass es auch nach dem Tode erlösende Dunkelheit geben wird, die die Gnade des Vergessens gewährt. Was da kommt, da haben weder ich, noch mein Hündchen, noch der Papst oder das Oberrabbinat eine Ahnung.

Ich meine, wenn man sich mit solchen Fragen beschäftigt, sollte man sich nicht überlegen: ›Was ist nach dem Tode?‹ sondern ›Wofür leben wir?‹ Haben Sie sich das schon einmal überlegt?

Walter-Jörg Langbein: Ja, aber ich bin zu keiner wirklichen Antwort gekommen.
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2 »Sarkophage und Mumien - Im Reich der Wolkenmenschen««


Foto 1: W-J. Langbein bei
den Wolkenmenschen
Teil 2 der Serie 
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Kuelap... manchmal erstrahlt die mächtige Mauer der einstigen Metropole der Wolkenmenschen wie eine edle Krone aus unvergänglichem Stein hoch oben in den Anden. Manchmal leuchtet sie silbern oder kupfernfarben... ganz nach Sonnenstand und Bewölkung. Stolz präsentiert sie sich dann wie ein Denkmal der Überlegenheit einer uralten rätselhaften Kultur, das sowohl die Inkas als auch die Horden der Spanier überdauert hat. Manchmal verschmelzen Wolken- und Nebelbänke mit Erde, Stein und Himmel. Dann fragt sich der Besucher, ob die mysteriöse Mauer mehr zum Himmel als zur Erde gehört.

Kuelap... die wehrhafte Mauer mit den schmalen Eingängen trotzte nicht nur den Feinden der Chachapoyas, der Wolkenmenschen... sondern auch der Wissenschaft. Denn bis heute wissen wir so gut wie nichts über das geheimnisvolle Volk. Woher kam es? So manche Frage konnte bis heute nicht beantwortet werden.... weil die finanziellen Mittel fehlen.

Foto 2: Mumien der Wolkenmenschen

Im Jahr 2000, wenige Monate vor unserer Reise ins Reich der Chachapoyas, wurden 35 Chachapoya-Mumien gefunden. Ihr Alter konnte mit Hilfe der C-14-Methode (Radiocarbontest) bestimmt werden. Sie stammten aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Nur acht der Mumien waren intakt. Es wurde eine genetische Untersuchung durchgeführt. Definitiv konnte festgestellt werden, dass die Chachapoyas keinerlei genetische Übereinstimmung mit den Indios des südamerikanischen Kontinents aufwiesen. Woher stammten sie dann, wenn nicht aus Südamerika?

Foto 3: Weitere Mumienbündel
Ergebnis der Untersuchung: Die Chachapoyas waren nicht mit den Inkas verwandt. Sie verwendeten auch ganz andere Mumifizierungstechniken als die Inkas. Die Inkas ließen ihre Toten austrocknen. Die Chachapoyas entfernten die Innereien der Toten. Sie waren dabei bemüht, die äußere Hülle der Leichname so unberührt wie nur möglich zu lassen. Sie nutzten die natürlichen Körperöffnungen der Verstorbenen, um die Innereien aus ihnen herauszuholen. Offenbar sollten die Toten im nächsten Leben nach der Wiedergeburt wiederzuerkennen sein. Also stopfte man in die leeren Köpfe – das Gehirn war ja sorgsam entfernt worden – Baumwolle.

Kurios: Die Chachapoyas verwendeten eine Mumifizierungstechnik, die fremd war in Südamerika... aber wohl bekannt... im Land der Pharaonen, in Ägypten! Eine Verbindung zwischen Ägypten und dem Reich der Chachapoyas mutet mehr als kühn an. Es gibt keinerlei Belege dafür, dass jemals Kontakte bestanden. Warum mumifizierten aber die Chachapoyas ihre Toten wie die Ägypter?

Wurde das Volk der Chachapoyas von wo auch immer von Feinden zur Flucht in die Anden gezwungen? Wohin verschwanden die Wolkenmenschen? Woran glaubten sie? Welche religiösen Ansichten teilten die Erbauer von Kuelap? Wir wissen es nicht. Und wir werden es wohl nie erfahren. Es sei denn, es würden noch schriftliche Zeugnisse der Chachapoyas gefunden, die Antworten auf unsere Fragen bieten.

Foto 4: Wohntürme der Wolkenmenschen... 

Aber haben sie überhaupt jemals etwas Schriftliches hinterlassen? Wenn man die mächtige Mauer von Kuelap sieht, ist man höchst beeindruckt. Dieser gewaltige Komplex muss sorgsam geplant worden sein. Es muss Berechnungen und Baupläne oder Skizzen gegeben haben. Nichts dergleichen wurde bislang gefunden!

Kuelap... war das die Metropole der Chachapoyas? Oder ist die eigentliche Hauptstadt des verschwundenen Reiches noch irgendwo in den Bergen Nordperus versteckt? Einheimisch wissen von zahllosen Mauern zu berichten, die und nur unter Lebensgefahr zu erreichenden Gefilden längst von Gestrüpp überwuchert worden sind, kaum noch zu erkennen sind... selbst wenn man direkt vor ihnen steht.

Hoch oben an senkrechten Felswänden, gern in Felsspalten, wurden turmähnliche Steinbauten wie Schwalbennester an den Abgrund gesetzt. Wer die Felswände mit einem guten Feldstecher absucht und geduldig bleibt, wird immer wieder fündig. Waren es Totenhäuser? Oder lebten Auserwählte als Wächter bei den Toten? Wir wissen es nicht.

5-7
»Ganz in der Nähe von Tingo erbauten wagemutige Wolkenmenschen die ›Türme von Macro‹.« So hatte ich bei meinen Vorbereitungen der Expedition ins Reich der Chachapoyas gelesen. Vor Ort zeigte es sich, dass der Begriff »in der Nähe« unterschiedlich interpretiert werden kann. Vor Ort erfahre ich: Die Grabtürme von Macro sind höchst interessant! Sie wurden einst besonders sorgsam gebaut, dienten sie doch Priestern und hohen Würdenträgern als vorerst letzte Ruhestätte. Die einzelnen Steine sind scheinbar fugenlos zusammengefügt. Geometrische Muster aus Stein beeindrucken in ihrer Schlichtheit.

Bis »Magdalena« im Distrikt Tingo fahren wir mit dem Jeep. Seit über drei Jahrzehnten begegnet mir bei meinen Recherchen immer wieder Maria Magdalena... so auch im Reich der Wolkenmenschen....

Einer uralten Legende zufolge lag einst die kleine Siedlung hoch oben auf dem Berg. Ein prophetischer Priester sah in einer Vision ein Erdbeben das Dorf auslöschen. Er warnte die Menschen, doch sie hörten nicht auf ihn. Ausgelassen feierten sie – es war der 20. Juli – das Fest der Maria Magdalena. Traurig holte der Priester die Statue der Maria Magdalena aus der Kirche und trug sie den Berg hinab. Auf halber Höhe entdeckte er eine schäbige Hütte. Dort fand der Gottesmann mit der Statue der Maria Magdalena Zuflucht. Kurz darauf schien die Welt unterzugehen. Ein gewaltiges Erdbeben apokalyptischen Ausmaßes brach über die Menschen aus, viele kamen um. Das Dorf wurde vollständig vernichtet. Die kleine Hütte aber blieb unversehrt. Die Überlebenden bauten an der Stelle, wo der Priester die Katastrophe überlebt hatte, eine Kirche zu Ehren der Maria Magdalena. Und rund um die Kirche entstand – der Überlieferung zufolge – das neue »Magdalena«.

Von »Magdalena« aus ist es »nicht mehr weit« bis zu den Grabtürmen von Macro... höre ich immer wieder. Und zu verfehlen sind sie auch nicht. Man muss nur Richtung Utcubamba marschieren, dann kommt man sicher ans Ziel. Immer wieder sieht man sie, die geheimnisvollen Bauten. Und so lange man den Utcubamva-Fluss links liegen lässt.... kann nichts passieren! Voller Optimismus machen wir uns auf den Weg.

Foto 8: Ingeborg Diekmann bei den Wolkenmenschen

Ein sehr anstrengender Marsch von mehreren Stunden bergauf, häufig durch dichtes Gestrüpp, immer wieder an steil abfallenden Klippen vorbei, scheint kein Ende nehmen zu wollen. Das Rauschen des Flusses begleitet uns. Immer wieder sieht man ihn.. tief unten. Ängstlich drückt man sich dann an die Felswand, um nicht abzustürzen. Rechts geht die steinerne Felswand steil nach oben.... links geht es kaum weniger Steil senkrecht in die Tiefe. Und weit unten hört man das Tosen des Flusses.

Immer wieder glaubt man, endlich am Ziel zu sein... doch dann gilt es wieder, einen Steilhang hinab zu klettern, um gleich wieder emporzusteigen. Der schmale Pfad bringt uns schließlich und endlich an die geheimnisvolle Stätte.

Die Totentürme trotzen den Jahrhunderten. Millimetergenau sind die sauber bearbeiteten Steine an- und aufeinandergereiht. Dienten sie nur als Grabstätten? Oder wohnten besondere Würdenträger ganz in der Nähe der Mumien? Man konnte nachts mit den Bewohnern von Kuelap nachrichten austauschen, heißt es: mit Feuersignalen.

Wir wissen, dass die Chachapoyas mehrere Meter hohe Sarkophage, meist aus Lehm und Astwerk, bauten. Diese »Särge« hatten Menschengestalt. Sie erinnern in ihrer stoischen Ruhe sehr stark an die Steinstauen der Osterinsel. Die »Sarg-Figuren« der Chachapoyas waren hohl. In ihrem Inneren kauerten in Embryohaltung die Toten. Ich sprach vor Ort mit Menschen, die voller Ehrfurcht der Chachapoyas gedenken. So erfuhr ich, woran die Chachapoyas vielleicht glaubten....

Foto 9: Mumiensärge in "Menschenform".
Nach mehr als dreißig Jahren intensiver Recherchen bin ich zur Überzeugung gelangt, dass die ältesten Kulturen Matriarchate waren. Die Religionen des Matriarchats handelten von der ewigen Wieder kehr des Lebens, vom zyklischen Ablauf des Weltgeschehens: Werden, Leben, Vergehen und neuerliches Geborenwerden... das war der endlose Kreislauf des Seins. Dachten die Chachapoyas ähnlich? Tote, die in Embryohaltung im Inneren von mächtigen Sarkophag-Statuen kauern... sie deuten daraufhin, dass der Tod als vorübergehendes Stadium angesehen wurde. Der Mensch stirbt, wird wieder zum Embryo, um in ein neues Leben geboren zu werden. Glaubten die Chachypoyas an die Wiedergeburt ihrer mumifizierten Toden: in einer »Geburt« aus den imposanten Sarg-Statuen?

Wir wissen, dass die Chachapoyas auf der Seite der Spanier kämpften. Fühlten sie sich den Christen im Glauben verbunden? Predigten doch auch die Christen die Auferstehung der Toten. Aber glaubten die Chachapoyas wirklich, dass die ausgetrockneten Mumien ohne »Innenleben« wieder auferstehen würden? Vielleicht wird es tatsächlich eines Tages gelingen, die eine oder andere Mumie zu neuem Leben zu erwecken... allerdings auf andere Art und Weise, als die Chachapoyasi bieten. Per Cloning kann womöglich der eine oder andere »Zwilling« der einen oder anderen Mumie neu geboren werden, um wieder zum Erwachsenen zu werden.

Foto 10: Wo haben die Chachapoyas in die Steilwand gebaut? Foto 11: Auflösung.

Im Verlauf der Jahrhunderte machten die Mumien viel mit. Die Sarkophage, sie erinnern an die Statuen der Osterinsel, wurden bald gesuchte Objekte von Grabräubern. Die harte Hülle solcher Grabfiguren wurde zerschlagen. Die Mumien wurden herausgezerrt und die Grabtücher, in die sie eingewickelt waren, brutal abgerissen. Die Grabräuber suchten  und fanden  wertvolle Grabbeigaben. Die Mumien ließen sie achtlos liegen. Die Geschichte der Grabräuber ist fast so alt wie die Mumien selbst. Und auch heute noch wird das Gewerbe betrieben. Todesmutig wagen sich die Plünderer in Steilwände, um an die Grabstätten heranzukommen. Wie vor Jahrhunderten werden auch heute noch Mumien zerstört, um an Schätze zu kommen.

Sehr häufig finden Archäologen verwüstete Grabstätten vor. Sie freuen sich, wenn die Diebe etwas übersehen haben. In kleinsten Spuren kann ein guter Archäologe wie in ein Buch lesen. Gelegentlich werden in unseren Tagen Grabräuber auf frischer Tat ertappt oder vertrieben. Vielleicht wollen die Ordnungshüter auch nicht wirklich jemanden verhaften. Vielleicht sind es ja Verwandte oder Bekannte. Nicht immer handeln die Polizeikräfte im Sinne der Archäologen. Manchmal »schaffen sie Ordnung« in der Wüstenei, die die Grabräuber hinterlassen haben... und zerstören weitere wichtige verwertbare Spuren, die den Archäologen weiterhelfen hätten weiterhelfen können.

In Leimembamba lagern zur Zeit unseres Besuchs 200 Mumien in einem angeblich »klimatisierten« Raum. Die vielleicht fast eintausend Jahre alten Mumien sollen nicht den Temperaturveränderungen ausgesetzt sein. Sie wurden im Jahr 1996 oberhalb der Buch »Laguna de los Condores« (»Lagune der Kondore«) entdeckt. Die Aufbewahrung der sterblichen Überreste der legendären Chachapoyas kann ganz und gar nicht als pietätvoll bezeichnet werden. In Pappkartons, Kisten aus Sperrholz und in Säcken warten die Mumien darauf, wissenschaftlich untersucht und in einem Museum ausgestellt zu werden.

Foto 12: Wohntürme der Wolkenmenschen... oder Totenstadt...

Einige kurze, kritische Anmerkrungen seien gestattet: Ob aus Sicht der Chachapoyas der Unterschied zwischen Grabräubern und Wissenschaftlern wirklich so eklatant ist, wie wir uns das vorstellen? Die Toten wurden von wagemutigen Kletterkünstlern oftmals unter Lebensgefahr an möglichst unzugänglichen Steilwänden in Felsspalten zur letzten Ruhe gebettet: in Sarkophagen in Menschengestalt, manchmal auch in Holzsärgen. Bis zu ihrer Wiedergeburt sollten die Toten in Ruhe gelassen werden. Ohne Zweifel sind Grabräuber aus Sicht der Chachapoyas böse Frevler, denen nichts heilig ist. Ich glaube nicht, dass die Chachapoyas einen Unterschied zwischen Dieben und Wissenschaftlern gemacht hätten. Für sie waren sie alle Plünderer: jene, die wertvolle Schätze finden und verkaufen wollen... und jene, die die Mumien aus wissenschaftlicher Neugier und mit Pedanterie sezieren. Dabei dürfte es keine Rolle spielen, dass Archäologen meinen, sorgsamer mit den Toten umzugehen. Die Ausstellung eines Verstorbenen im wohl klimatisierten Museum in einer gläsernen Vitrine entspricht mit Sicherheit nicht der Vorstellung der Chachapoyas vom würdevollen Umgang mit Verstorbenen. Und die »Zwischenlagerung« der Toten in einem klimatisierten Depot hätte die Chachapoyas sicher entsetzt.

Zu den Fotos: 

Foto 1: Walter-Jörg Langbein bei den Wolkenmenschen. 

Foto Ingeborg Diekmann

Foto 2: Mumien der Wolkenmenschen. Foto/ Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 3: Weitere Mumienbündel. Foto/ Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 4: Wohntürme der Wolkenmenschen... oder Totenstadt... Foto Walter-Jörg Langbein

Fotos 5-7: Mumiensärge, die an die Statuen der Osterinsel erinnern. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 8: Ingeborg Diekmann bei den Wolkenmenschen. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 9: Mumiensärge in "Menschenform". Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 10: Wo haben die Chachapoyas in die Steilwand gebaut? Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Auflösung. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 12: Wohntürme der Wolkenmenschen... oder Totenstadt... Foto Walter-Jörg Langbein


»Die Toten von Chauchilla«,
Teil 3 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«,
erscheint am 31. Januar 2010


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