Sonntag, 27. Juli 2014

236 »Ein Heidentempel, drei Göttinnen und der Dom von Worms«

»Ein Heidentempel, drei Göttinnen und der Dom von Worms«
Teil 236 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

»Von Wunderdingen melden die Mären alter Zeit;
Von preisenswerten Helden, von großer Kühnheit,
von Freud‘ und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen,
von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören sagen.« (1)

Der Dom zu Worms bei Nacht. Foto W-J.Langbein

So beginnt das berühmte Nibelungenlied, das große mittelalterliche Heldenepos, das wohl zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden ist. Einer der wirklich wichtigen Schauplätze ist der Königshof zu Worms. In Worms will der legendäre Siegfried um Kriemhild werben. Vor dem Dom kommt es zum dramatischen Streit zwischen den Königinnen. Die beiden Damen sind sich uneins, wer im Rang höher steht. Ist es Siegfried? Ist es Gunther? Ist Siegfried Gunther ebenbürtig? Oder steht er unter dem König, als »Gefolgsmann«? Welche der Damen darf als erste den Dom zu Worms betreten? Wer darf über das Königreich zu Worms herrschen, Gunther oder Siegfried?

»Da saßen beisammen die Königinnen reich
Und gedachten zweier Recken, die waren ohnegleich.
Da sprach die schöne Kriemhild: ›Ich hab‘ einen Mann,
dem müßten diese Reiche alle sein untertan.‹
Da sprach zu ihr Frau Brunhild: ›Wie könnte das sein?
Wenn anders niemand lebte als du und er allein.
So möchten ihm die Reiche wohl zu Gebote stehn:
So lange Gunter lebte, so könnt‘ es nimmermehr geschehn.‹« (2)

Schon in der Schulzeit (3) musste ich mich intensiv mit dem »Nibelungenlied« auseinandersetzen. Stundenlange Vorträge, etwa über das Verständnis des Begriffs »Ehre« waren zu ertragen. Ich muss zugeben, dass mich damals staubtrockene Definitionen von Begriffen in mittelalterlicher Dichtung kaum interessierten. Was mich aber faszinierte, kam im Unterricht gar nicht vor: Gab es den gigantischen Schatz der Nibelungen wirklich? Wurde er tatsächlich im Rhein versenkt? Wenn ja.. wo? Kann man ihn noch bergen? Und sollte der unermesslich kostbare Schatz tatsächlich gefunden werden, wem gehört er dann?


Reich verzierter Torbogen zum Dom. 
Foto W-J.Langbein

Ich unterbreitete damals meinem Deutschlehrer den Vorschlag, eine Studienreise nach Worms zu unternehmen. Ob es noch Hinweise auf die Nibelungen zu entdecken galt? Leider wurde mein Vorschlag abgelehnt. Ein Jahrzehnt später – im Sommer 1979 – lernte ich meine Frau kennen. Und siehe da: Der Großvater meiner Frau, Dr. Karl Schütze, hat sich viele Jahre seines Lebens mit dem Nibelungenlied auseinandergesetzt. Der Germanist aus Glückstadt hat schließlich eine weitverbreitete Übersetzung des alten Heldenepos publiziert (4). Beim Recherchieren in Sachen Nibelungenlied und Worms stieß ich auf den Mitbegründer der wissenschaftlichen Germanistik. Friedrich Heinrich von der Hagen (1780 – 1856) setzte sich intensiv mit dem Nibelungenlied auseinander. Erst kurz vor seinem Tod erschien seine Arbeit »Nibelungen« (5). Posthum folgte »DerNibelungen Klage« (6). Bei Friedrich von der Hagen entdeckte ich eine kühne Behauptung (7): Demnach soll es in Worms eine »Sigfridskapelle« (8) gegeben haben. Diese Behauptung elektrisierte mich geradezu. So begann meine Recherche in Sachen Siegfried und Worms. Sollte es tatsächlich – wie von Friedrich von der Hagen postuliert – eine »Sigfridskapelle« gegeben haben? Belege dafür fand ich keine, entdeckte aber sehr wohl das sakrale Bauwerk, auf das sich von der Hagen bezieht. Zu meiner großen Enttäuschung wurde das mysteriöse Bauwerk zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgerissen.


Die »Sigfridskapelle«. Historische Rekonstruktion. 
Foto: Archiv W-J.Langbein

Ohne Zweifel meint von der Hagen die »Johanneskirche«, die bis ins 19. Jahrhundert direkt neben dem Dom zu Worms stand. Dr. Eugen Kranzbühler widmet ihr, der »Johanneskirche«, in seinem bemerkenswerten Werk »Verschwundene Wormser Bauten« (9) im Kapitel »Die Pfarrkirchen« viel Raum (10). Dr. Kranzbühler (11): »Der Wormser Stadtschreiber  Johann Ludwig Hallungius nennt sie in seinen handschriftlichen Nachrichten von der Freien Reichsstadt Worms die Johanneskirche ›die älteste, noch aus dem Heidentum herrührende, unter der Erde zum Götzendienst mit Altären versehene Kirche. … Ein heidnischer Tempel, der ganz von Quadersteinen erbaut und gedeckt, unter der Erde rings um mit einem Gewölb versehen, worein das Licht durch viele bogige hohe Fenster einfällt.« Hallungius beschreibt den geheimnisvollen Bau als recht mysteriös: »Vor etlichen solchen Fenstern gegen Morgen stehen schlechte längliche viereckige Altäre mit Kohlen- und Schür(?)-Löchern versehen.«


Grundriss der verschwundenen Kapelle. 
Foto: Archiv W-J.Langbein

Längliche Altäre mit »Kohlen- und Schür-Löchern« erinnern ganz und gar nicht an christliche Kirchenbaukunst. Mit einem klassischen Kirchenschiff hatte der mysteriöse »heidnische Tempel«, so Stadtschreiber Hallungius (1732-1812), wenig, ja gar nichts gemein. Das sakrale Gebäude war rund (ein »Circul«), »die schwere Kuppel«, so Hallungius, ruhte auf steinernen Säulen. Untypisch war auch, dass die »Johannes-Kirche«, so Hallungius, teils unter-, teils überirdisch angelegt war. Sie war aus massiven Quadersteinen ein Stockwerk unter und zwei Stockwerke über der Erde angelegt worden. Es heißt, dass die Gläubigen »an Altären im unterirdischen Teil dem Götzen Mercurio opferten«. Sollte die »Johannes-Kirche« ursprünglich ein römischer Tempel gewesen sein? Wurde ein runder »Heidentempel« christianisiert, womöglich umgebaut und erweitert? Nach dem Studium zahlreicher Zeichnungen von der »Johanneskirche« drängt sich mir der Eindruck auf, dass beim Bau auf einen Turm aus der Römerzeit in die Anlage integriert wurde.

Wir wissen nicht, wer wann die Urform des Heiligtums baute, woraus die »Johannes-Kirche« entwickelt wurde. Wir wissen nicht, wer aus gewaltigen Steinquadern einen unterirdischen Kultort baute und darauf zwei weitere Stockwerke setzte. Der Ort jedenfalls war gut gewählt. Der etwa hundert Meter hohe Hügel bot Sicherheit vor den Hochwasserfluten des Rheins. Schon im dritten vorchristlichen Jahrtausend siedelten hier Menschen. Schon damals mag es dort einen Tempel gegeben habe, auf dessen Areal sehr viel später ein rundes Heiligtum entstand.

Grundriss von Dom und »Sigfridskapelle« (B). 
Foto: W-J.Langbein


1808 soll der mysteriöse Rundbau zumindest teilweise noch gestanden haben. Der überirdische Teil wurde damals als »Taufkirche« genutzt, der unterirdische als »Beinhaus«. Im Jahr 1837 allerdings war das seltsame Gebäude abgetragen worden. Ein Privatmann soll noch einige Säulenstücke und Kapitäle besessen haben. Warum wurde die »Johanneskirche«, die an der südlichen Langseite des Doms stand, abgerissen? Wurde nur der überirdische Teil abgetragen? Sind noch Reste des unterirdischen Teils erhalten? Kam der Befehl vom französischen Militär? Anno 1796 wurde der Dom von französischen Truppen zum Magazin degradiert und entweiht.1797 wurde Worms auf Dauer von französischem Militär besetzt und wurde Frankreich zugeschlagen. 1801 wurde das Bistum Worms aufgelöst.

Wie sich die Bilder gleichen: Nur wenige Meter vom Nordportal des Doms zu Paderborn entfernt steht die geheimnisvolle »Bartholomäus-Kapelle«, die älter als der Dom ist. Das äußerlich kleine, unscheinbare Gebäude hatte einen heidnischen Vorgänger, der wohl auf Befehl Karls des Großen (etwa 747 – 814 n.Chr.) vollkommen zerstört wurde.  Wie das heidnische Heiligtum ursprünglich im Inneren ausgesehen hat, wir wissen es nicht. Vermutlich wurde es durch Brandstiftung zerstört. Archäologen untersuchten penibel genau die spärlichen Überbleibsel. Dank ihrer geradezu pedantischen Geduld gelang es den Wissenschaftlern, Reste einer Inschrift zu rekonstruieren und zu entziffern. Da war von einem Drachen die Rede. Just an dieser Stelle hatten die heidnischen Sachsen ihren alten Göttern Pferdeopfer dargebracht. Die Drachen-Inschrift wurde nur wenige Meter nördlich von der Bartholomäus-Kapelle gefunden. Sie war so bruchstückhaft, dass ihr Inhalt nur erahnt werden kann. Wurde Karl der Große als Sieger über das Heidentum der Sachsen gefeiert, als der Unterwerfer des Drachens?


Das Innere der 
mysteriösen Kapelle. 
Foto: Archiv W-J.Langbein

Nur wenige Meter vom Dom zu Worms entfernt stand eine runde Kirche, die an keltische Heiligtümer erinnerte. Bis ins erste vorchristliche Jahrhundert siedelten Kelten auf dem Hügel. Waren es Kelten die den ersten Rundbau auf dem »Domhügel« anlegten? In der unterirdischen Krypta sollen noch in christlichen Zeiten heidnische Rituale abgehalten worden sein. Wie lange? 

Auf die Kelten folgten die Germanen, auf die Germanen die Römer. Übernahmen Römer Reste eines keltischen Rundbaus, um daraus ein Stätte der Verehrung für Gott Mercurius zu machen? Wie auch immer: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Sakralbau zerstört.

Wer freilich zu Beginn des dritten Jahrtausends Zeugnisse heidnischer Religiosität sucht, findet die Abbildung dreier heidnischer Göttinnen im christlichen Gewand: mitten im altehrwürdigen Dom zu Worms am Rhein! Kaum jemand weiß es: Drei heidnische Göttinnen werden noch heute im Dom verehrt.


Querschnitt der über- und unterirdischen Kapelle. 
Foto: Archiv W-J.Langbein


Alle historischen Darstellungen: Archiv Walter-Jörg Langbein

Fußnoten

1) »Das Nibelungenlied/ Übertragen von Karl Simrock, ausgewählt, überarbeitet und mit Anmerkungen ausgestattet von Dr. Karl Schütze«, Breslau, ohne Jahresangabe, S. 5
(Orthographie unverändert übernommen!)
2) ebenda, S. 28 (Orthographie unverändert übernommen!)
3) »Meranier Gymnasium«, Lichtenfels, etwa 1970
4) »Das Nibelungenlied/ Übertragen von Karl Simrock, ausgewählt, überarbeitet und mit Anmerkungen ausgestattet von Dr. Karl Schütze«, Breslau, ohne Jahresangabe. Mir liegt Dr. Karl Schützes Exemplar vor, das zahlreiche handschriftliche Korrekturen und Ergänzungen aufzuweisen hat.
5) Von der Hagen, Friedrich Heinrich: »Nibelungen«, Berlin 1855
6) Von der Hagen, Friedrich Heinrich: »Der Nibelungen Klage«, München 1919
7) Von der Hagen, Friedrich Heinrich: »Anmerkungen zu der Nibelungen Not«, Frankfurt am Main, 1824, S. 131
8) Schreibweise »Sigfrid« so übernommen!
9) Kranzbühler, Dr. Eugen: »Verschwundene Wormser Bauten/ Beiträge zur Baugeschichte und Topographie der Stadt«, Worms 1905
10) Kranzbühler, Dr. Eugen: »Verschwundene Wormser Bauten/ Beiträge zur Baugeschichte und Topographie der Stadt«, Worms 1905, S. 16-53
11) Kranzbühler, Dr. Eugen: »Verschwundene Wormser Bauten/ Beiträge zur Baugeschichte und Topographie der Stadt«, Worms 1905, S. 17

»Drei Göttinnen«,
Teil 237 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 03.08.2014

Sonntag, 20. Juli 2014

235 »Drei Göttinnen im Dom«

Teil 235 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Das »Märchenschloss« von Worms.
Foto Archiv W-J.Langbein

Der Dom zu Worms erschien mir bei meinem ersten Besuch wie ein geradezu monströses Märchenschloss. In der Dunkelheit einer Herbstnacht kam es mir so vor, als hätten Generationen von Baumeistern über Jahrhunderte hinweg den gewaltigen Prachtbau immer wieder um neue Türme und noch dickere Wehrmauern ergänzt. Standen erst die spitz zulaufenden Osttürme? Wurde nachträglich zwischen die in den Himmel ragenden Türme ein wuchtiger steinerner Kasten mit spitzem Dach gesetzt? Aber obwohl der Dom auch für den Laien so aussieht, als sei er immer wieder erweitert worden, so bildet er dennoch eine in sich geschlossene Einheit, wie eine riesige steinerne »Pflanze«.

Im fahlen Licht schien das in Stein verewigte Szenario vom »Kindermord zu Bethlehem« lebendig zu werden. König Herodes überwacht als bösartiger Regent aus Angst vor einem möglichen Konkurrenten die Ermordung von kleinen Kindern durch  einen Soldaten. Laut einer alten Prophezeiung, so hatte er erfahren, war der neue König geboren. Also ließ Herodes – so die biblische Überlieferung – alle Neugeborenen umbringen. Der kriegerische Schlächter ist in der plastischen Darstellung vom Dom zu Worms wie ein mittelalterlicher Söldner oder wie ein Ritter gekleidet. Zu Füßen der beiden Männer kniet eine Mutter, die verzweifelt die Hände ringt. Oder betet sie? Ihr Flehen scheint indes ungehört zu bleiben.

Jesu Kreuzabnahme.
Foto W-J.Langbein

Bestens bekannt ist eine berühmte Bibelszene: Jesus wird vom Kreuz abgenommen. Biblisch ist auch die Szene »Arche Noah«. Der mörderische Regen hat offenbar aufgehört. Noah hat eine Luke aufgeklappt und späht aus seinem Rettungsboot. Mächtige Greifvögel haben Tierkadaver gefunden, an denen sie gierig fressen. Derlei Darstellungen am gotischen Südportal dienten vor Jahrhunderten der überwiegend des Lesens unkundigen Bevölkerung als eine steinerne Bibel. Die dargestellten biblischen Motive waren den Kirchgängern indes freilich bekannt, auch Analphabeten konnten sie wie ein Buch ohne Buchstaben lesen. Allerdings ohne Kenntnis der biblischen Geschichten würden die so lebhaften Kunstwerke aus Stein rätselhaft, ja unverständlich bleiben. Der bibelkundige Besucher des Doms zu Worms aber wird fündig. So erweist sich das vor rund sieben Jahrhunderten neu gestaltete Südportal als steinernes Bilderbuch in 3D. Da tritt Gottvater leibhaftig in wallendem Gewand auf und holt eine kleine Eva aus der Seite des tief narkotisierten Adam. Da werden die Nackedeis Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben. Da erschlägt Kain seinen Bruder Abel mit einer stattlichen Keule.

Fabelwesen am Dom... Foto Walter-Jörg Langbein

Parallel dazu wird, fein säuberlich in Stein gemeißelt, Jesus im Stall von Bethlehem geboren, da zeigt Maria das kleine Jesus-Baby im Tempel, da erleben wir förmlich mit wie die »heilige Familie« nach Ägypten flieht, um so den Schergen des Herodes zu entgehen. Wer Geduld und Zeit hat, sollte einmal einen Tag am Südportal des Doms zu Worms verbringen, von morgens bis abends… und miterleben, wie die steigende und sinkende Sonne durch Licht und Schatten die zahlreichen Skulpturen in den nach oben spitz zulaufenden Bögen über der kleinen hölzernen Tür lebendig werden lässt.


Der Dom, ein monumentales Bauwerk...
Foto Archiv W-J.Langbein

Der gewaltige Dom zu Worms steht als gewaltiges und imposantes Bauwerk wie ein von Menschenhand geschaffener Monolith in moderner Zeit. Man nähert sich dem alten sakralen Bauwerk und wird von der schlichten Schönheit nicht überwältigt, aber verzaubert. Man mag zum Christentum als Religion stehen wie man will, man mag die oftmals von Gemetzel geprägte Kirchengeschichte des Christentums als schauderhaft empfinden. In einer Zeit wie der unseren, geprägt von Hektik und immer beängstigender werdender, verzweifelter Suche nach tieferem Sinn, haben wir Pole der Ruhe als Oase in lebensfeindlichem Lärm nötiger denn je. So eine Insel der Ruhe ist der Dom zu Worms. Man mag religiöse Frömmigkeit als Aberglauben abtun, man muss die blutigen Seiten der Geschichte jeder organisierten Religion klar und deutlich verurteilen. Aber es besteht kein Zweifel an der Tatsache, dass die Orientierungslosigkeit breiter Volksschichten in unserer freiheitlichen Welt ein idealer Nährboden für radikalste Verführer jeder, auch und gerade religiös-fundamentalistischer Art, ist!

Blick im Dom nach oben. Foto Walter-Jörg Langbein

 Der Dom zu Worms mutet neben moderner Architektur wie eine Perle in hässlicher Fassung. Der Dom zu Worms macht den Eindruck einer uralten Festung des unerschütterlichen Glaubens, eines für die Ewigkeit angelegten Gotteshauses. Dabei wissen die wenigsten Besucher zu Beginn des 21. Jahrhunderts, dass der Dom ganz und gar kein »Gotteshaus« nach heutigem Verständnis war. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gilt ein christliches »Gotteshaus« als Ort der Versammlung für die Gläubigen, die ihrem Gott huldigen und Lobgesänge darbringen. Als ein solches »Gotteshaus« war der Dom zu Worms freilich nicht gedacht. Der Dom zu Worms – im 12. Jahrhundert auf älteren Fundamenten errichtet – war Bischofs- und Stiftskirche, an eine Gemeinde von Gläubigen haben die Erbauer nicht gedacht. Bänke für Gottesdienstbesucher gab es keine. In Dethard von Winterfelds »Der Dom zu Worms« lesen wir (1): »Für uns ist der Sinn des mittelalterlichen Doms kaum mehr verständlich. … Eine Gemeinde gab es nicht, auch wenn Laien im Mittelschiff den verschiedenen Messen beiwohnen konnten.« Was geschah also im Dom?  Winterfeld weiter: »In ihm vollzog sich die Liturgie als Abbild göttlicher Ordnung auch ohne die Anwesenheit einer Gemeinde. Beide Chöre waren hinter hohen Lettnern den Blicken entzogen… «


Fromme Legende.. oder Bibelillustration?
Foto W-J.Langbein

Der Dom zu Worms war viele Jahrhunderte lang so etwas wie ein riesiges Theater mit vielen Bühnen, auf denen Priester Rituale zelebrierten… sehr häufig – oder meist? – ohne Publikum. Die Priester waren wie Magier, die geheimnisvolle Kulte feierten, in denen sich Wein in Blut und Brot in Fleisch verwandelt haben soll… in den leibhaftigen Körper Jesu Christi selbst. Für den religiösen Katholiken wurde da das Heiligste des Glaubens vollzogen, für einen fremden Uneingeweihten wurde blutiger Zauber exerziert… oder Aberglaube. Für den einen ist etwas religiöser Ritus altehrwürdige, sakrale Tradition, für einen anderen aber unbegreifbarer Hokuspokus. Je nachdem wo und wann man geboren wurde, ist eine Handlung Religionsausübung oder alberner Humbug. Oder was für den einen seriöse wissenschaftliche Auseinandersetzung ist, empfindet ein anderer als unverzeihliches Sakrileg, das mit ewigen Höllenqualen bestraft wird.

Der Dom zu Worms sicherte zunächst der Priesterschaft den Lebensunterhalt. Gab es doch im großräumigen Dom eine Vielzahl von Altären, an denen »Gottesdienste« ohne Gemeinde abgehalten wurden. Von Winterfeld (2): »Jedem Altar war ein Priester zugeordnet, dem auch die Einkünfte aus der Stiftung als Lebensunterhalt dienten. Man glaubte, die Heiligen seien durch die ihnen geweihten Altäre präsent, so daß sie mit den Lebenden vereint eine Gemeinschaft der Anbetung bildeten, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindend.« So war der Dom zu Worms ein Haus der Begegnung mit Heiligen, zu deren Ehren am jeweiligen Altar heilige Messen gelesen wurden.

Im 14. Und 15. Jahrhundert wurde der bereits komplexe Dombau noch durch Hinzufügung von diversen Kapellen erweitert. Freilich dienten diese frommen Anhängsel nicht der Religionsausübung des gläubigen Volkes. Sehr wohlhabende Stifter glaubten, sich so einen direkteren Zugang zu den Heiligen zu verschaffen. Mochte Gottvater auch noch ob der Sünden betuchter »Schäflein« grollen, Heilige als Fürsprecher konnten Gott besänftigen, zumindest für edle Spender ein gutes Wort einlegen.

Stadtbild mit Dom.
Foto Archiv W-J.Langbein

Die reichsten Familien des 14. und 15. Jahrhunderts hatten im Dom ihre Privatkapellen, in denen sie – ungestört vom allgemeinen »Pöbel« – beten konnten. Diese Begüterten ließen auch gern hochrangige Geistlichkeit Messen lesen, für sich oder für liebe Dahingeschiedene. Private Kapellen waren damals auch repräsentativ. Während sich heute manch wohlhabender mit einem edlen Rolls Royce schmückt, konnte damals manch kleiner oder großer Krösus mit einer eigenen Kapelle protzen. Hochgestellte Adlige genossen ein besonderes Privileg. Ihnen war es gestattet, ihre sterblichen Hüllen unweit von den Altären der Heiligen zur letzten Ruhe zu betten. Ein örtlicher Geistlicher erklärte mir schalkhaft grinsend:

»Man glaubte, so mancher wichtige Heilige würde am Tag des ›Jüngsten Gerichts‹ im Dom zu Worms leibhaftig auferstehen. Wenn man sich dann als spendabler Adliger am Tage der Auferstehung in Gesellschaft der Heiligen befand, so konnte das auf keinen Fall schaden! Mancher hoffte wohl, gemeinsam mit den Heiligen ungeprüft ins Paradies eingehen zu dürfen!«

Ich gab mich fromm-empört. Grimmig dreinblickend fragte ich den Geistlichen: »Sie sind wohl einer dieser modernen Theologen, die nicht mehr an die Auferstehung der Toten glauben? Dann muss ich Sie wohl an Artikel 11 unseres Katechismus erinnern!« Ohne auf eine Antwort zu warten zitierte ich ratternd aufsagend: »Das christliche Credo, das Bekenntnis unseres Glaubens an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist … gipfelt in der Verkündigung, dass die Toten am Ende der Zeiten auferstehen und dass es ein ewiges Leben gibt.


Modell des Doms vor dem Original. Foto W-J.Langbein

Wir glauben fest und hoffen zuversichtlich: Wie Christus wirklich von den Toten auferstanden ist und für immer lebt, so werden die Gerechten nach ihrem Tod für immer mit dem auferstandenen Christus leben und er wird sie am letzten Tag auferwecken. Wie seine, so wird auch unsere Auferweckung das Werk der heiligsten Dreifaltigkeit sein.«

Der Geistliche hebt beschwichtigend die Hände. »Natürlich glaube ich auch an die Heilige Dreifaltigkeit! Aber dass sich die auferstandenen Adeligen einfach den auferstandenen Heiligen anschließen und zwischen ihren Reihen ins Paradies schmuggeln können, das ist doch schon eine etwas sehr naiv-kindliche Vorstellung!« Als Antwort habe ich ein Bibelzitat parat (3): » Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.« Empört wendet sich der Geistliche ab, leise vor sich hin schimpfend. Ob er jenen Zeiten nachtrauert, da nur die Geistlichkeit selbst die »Heilige Schrift« lesen durfte, nicht die tumben Laien? Viele Jahrhunderte lang bekamen Gläubige in Sachen Christentum nur eine arg zensierte und manipulierte Version ihrer Religion vorgesetzt.

Eine weibliche Trinität.
Foto: Archiv W-J.Langbein
                                                
Und noch heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christi Geburt, erfährt kaum ein Besucher des Doms zu Worms, dass er die Darstellung einer weiblichen Dreifaltigkeit beherbergt. Drei Göttinnen wurden im Dom zu Paderborn verewigt, deren »Christianisierung« nicht wirklich gelungen ist!

Fußnoten

1) Winterfeld, Dethard von: »Der Dom zu Worms«, Königstein im Taunus, 3. Auflage 1994, S. 15
2) ebenda. Die Orthographie wurde unverändert übernommen und nicht der neuen Rechtschreibreform entsprechend angepasst.
3) Evangelium nach Matthäus Kapitel 18, Verse 2 und 3


»Ein Heidentempel, drei Göttinnen und der Dom von Worms«,
Teil 236 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 27.7.2014

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)