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Sonntag, 19. Juli 2020

548. »Alles menschliche und göttliche Wissen«

Teil 548 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Erzengel Raziel, 17. Jahrhundert.
(vermutl. Spanien).
Engel beschäftigen mich schon seit einigen Jahrzehnten. Wunderschönen Darstellungen bin ich in deutschen Kirchen und Kapellen begegnet, aber auch in der Südsee. Erste Ergebnisse meiner Recherchen erschienen bereits 1981 in der Monatsschrift »Esotera« (1) in einer zweiteiligen Serie. Ich muss zugeben, dass die spannende Thematik immer verwirrender wurde, ja intensiver ich mich mit den mysteriösen Himmelswesen beschäftigt habe. Je mehr Material ich zusammentrug, desto geheimnisvoller wurde die Welt der Engel.

Vordergründig ist der Sachverhalt klar. Für gläubige Christen sind Engel ganz besondere Wesen. Zur Weihnachtszeit treten sie massiv auf. Sie blasen Posaune oder singen »Oh du fröhliche…« Und seit Jahrhunderten werden sie in der abendländischen Kunst meist als attraktive menschliche Wesen gezeigt. Nicht selten sind es ansehnliche junge Frauen. Und immer haben Engel mächtige Flügel am Rücken. Je wichtiger, je bedeutsamer ein Engel ist, desto imposanter sind seine Flügel. Die Engel der Bibel, speziell des »Alten Testaments«, haben aber mit den Engeln der Kunst und unzähliger kitschiger Darstellungen der letzten Jahrhunderte nichts zu tun.

Biblische Engel sind auch keine Frauen, sondern immer Männer, und ohne Flügel. Sie haben eine prosaische Funktion: Botschaften von Gott werden übermittelt. Diese Funktion wird deutlich, wenn wir im Hebräischen nachlesen. »Mal’ach« steht da in der »Biblia Hebraica«, »Engel« heißt es viele Male in den Übersetzungen. Wortgetreu wäre schlicht und einfach »Bote« oder »Übermittler von Botschaften«. Sie überbrachten Nachrichten vom himmlischen Gott an irdische Menschen.

Es gibt es eine kaum zu überschauende Fülle von Namen. Offensichtlich gibt es sehr viel mehr Namen als Engel, weil ein und derselbe Engel oft unter verschiedenen Namen in Erscheinung tritt. Im »Slavischen Henochbuch« zum Beispiel, so »Jewish Encyclopedia« (2) taucht unter den Namen »Raguel« und »Rasuel« erstmals der Engel »Raziel« auf. Und tatsächlich, der slav slavischerische Henoch, auch »Das Buch der Geheimnisse Gottes« genannt (3) erwähnt Engel Rasuel (4).

Prof. Ernst Bammel (*1923; †1996) leitete an der »Friedrich Alexander Universität« zu Erlangen in den späten 1970er Jahren spannende Seminare zu den mysteriösen »Schriftrollen vom Toten Meer«, die in den Jahren von 1947 bis 1956 in elf Felshöhlen nahe der Ruinenstätte Khirbet Qumran im Westjordanland entdeckt hat.

An Professor Bammel konnte ich mich wenden, wenn ich Fragen zu außerbiblischen Texten hatte. Professor Bammel erklärte mir, dass der Name »Raziel« mit »Geheimnis von Gott« übersetzt werden könne. Das sei nur logisch, denn Gott, so Prof. Bammel, hat diesem Engel »Geheimnisse« anvertraut. Nicht ganz klar scheint zu sein, ob »Raziel« ein echter individueller Eigenname oder ein Titel im Sinne von »Gottes Geheimnisträger« ist.

Höchst mysteriös ist eine offenbar recht umfangreiche »Sammlung geheimer Schriften«. Zu dem zum Teil nur schlecht erhaltenen Texten gehört das »Buch Raziel«. Einen Teil der Texte, so ist es überliefert, hat Erzengel Raziel dem biblischen Adam übermittelt, kurz nachdem der wegen des berühmten »Apfelskandals« aus dem Paradies vertrieben worden war. Ein anderer Teil wurde dem biblischen Noah übermittelt. Raziel, so haben es die Lehrer der »Geheimlehre Kabbala« übermittelt (5), »ist der Erzengel der Mysterien und Hüter der Geheimnisse. Er ist der Verfasser des Buches »Sepher Raziel Ha Malach« (Malach bedeutet so viel wie Engel.) Als Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden, war ihnen bald die Tragweite dessen bewusst. Als Adam deshalb zu beten begann, so die Legende, erhörte ihn Gott und sandte den Erzengel Raziel zu ihm.

Von Adam kam dann das Buch in die Hände Noahs. … Nach der Sintflut überreichte Noah es dem Patriarchen Abraham, welcher das Buch nach Ägypten brachte. Das Buch wurde von Vater zu Sohn weitergegeben und schließlich hielt eines Tages auch König Salomo das Buch in den Händen, der König des Friedens und der Weisheit.« Gebaut wurde die »Arche Noah« nach einem »himmlischen Bauplan« im vielleicht mysteriösesten Buch der Welt.

Ein Detail ist besonders interessant, wie »Jewish Encyclopedia« unter dem Stichwort »Raziel, Book of« vermeldet (6): »Das Buch wurde in Saphirstein eingraviert und von Generation zu Generation weitergegeben, bis es zusammen mit vielen anderen geheimen Schriften in den Besitz Salomos gelangte.«

Während meines Studiums der Theologie an der »Friedrich-Alexander- Universität« zu Erlangen-Nürnberg nutzte ich ausgiebig die üppig ausgestattete Bibliothek. Während sich viele meiner Studienkollegen zum Beispiels Luthers Traktate, Tischreden und Predigten zu Gemüte führten, interessierten mich ganz andere Veröffentlichungen. Besonders fasziniert hat mich »The Golden Bough: A Study in Magic and Religion« von Sir James George Frazer (*1854; †1941). Der schottischer Ethnologe und Klassischer Philologe gilt als Mitbegründer der Religionsethnologie. Kein anderes mir bekanntes Werk eines Wissenschaftlers hat so gründlich Mythologie und Religion miteinander verglichen. Im englischen Original erschien »The Golden Bough« zwischen 1906 und 1915 in dritter Auflage in zwölf stattlichen Bänden. Eine sehr stark gekürzte Version in einem Band erschien 1928 in Leipzig in deutscher Übersetzung: »Der goldene Zweig. Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker«. Spannend und sehr aufschlussreich sind Sir Fraziers religionswissenschaftliche Vergleiche (7).

Foto 2: Die »Arche Noah«,
Gemälde von Edward Hicks (*1780; †1849)

Über den mysteriösen Raziel weiß Sir Frazier Interessantes zu berichten (8). Demnach lernte Noah aus Raziels Buch »Sepher Raziel Ha Malach«, wie die berühmt-legendäre »Arche« gebaut werden musste. Dieses Buch, so Sir Frazier, enthielt »alles menschliche und göttliche Wissen«. Das Opus war kein gewöhnliches »Papier-Buch«, auch kein Papyrus oder Codex. Vielmehr war es aus Saphiren gefertigt und erinnert der Beschreibung nach mehr an einen Computer als an ein herkömmliches Buch. So diente es dem Noah »als Zeitmesser«, der Tag und Nacht funktionierte. An Bord der Arche bewahrte Noah Raziels »Sepher Raziel Ha Malach« sorgsam in einer »goldenen Kassette« auf.

Über die Jahre habe ich versucht, so viele Einzelheiten über Raziels Buch »Sepher Raziel Ha Malach« in Erfahrung zu bringen. Unbezweifelbar ist der im wahrsten Sinne des Wortes himmlische Ursprung dieses seltsamen Buches. Es kam aus dem Himmel. Robert von Ranke-Graves (*1895; †1985) veröffentlichte ein umfangreiches Werk. Eingefleischten Anhängern eines rein patriarchalischen Gottes sehr zu empfehlen ist (9) »Die weiße Göttin« aus seiner Feder.

Wie die »Jewish Encyclopedia« und Sir James George Frazer, so legt auch von Ranke-Graves dar, dass das Buch »Sepher Raziel Ha Malach« eine Sammlung von kosmischen Geheimnissen bietet, die in einen Saphir eingeritzt worden sind (10). Kann man denn ein Buch in einen Saphir einritzen? Selbst ein riesiger Saphir bietet doch viel zu wenig Platz, um mehr als nur einen einzigen kurzen Satz zu verewigen. Und doch könnte ein Saphir tatsächlich ein ganzes Buch aufnehmen, freilich wäre dazu modernste Technologie erforderlich, die doch wohl zu biblischen Zeiten nicht zur Verfügung stand. 

Siddharth Dhomkar, Physiker vom »City College in New York«, beklagt, dass heutige Speichertechnologie, die vor wenigen Jahrzehnten allenfalls als futuristische Zukunftsvision denkbar war, längst an ihre Grenzen stößt, veraltet ist und dringend abgelöst werden muss.

»Die übliche Festplatte hat ihr Limit erreicht und kann maximal einige Terabytes speichern. Zudem halten sie nur einige Jahre, dann verhalten sie sich seltsam oder fallen gleich ganz aus.« Unsere heutigen Speichermedien haben, so Siddharth Dhomkar, keine Zukunft (11). Was heute an Daten verewigt wird, verdient diese Bezeichnung gar nicht. DVDs und andere optische Speicher, konstatiert der Wissenschaftler, funktionieren in der Praxis höchstens einige Jahrzehnte. Sogenannte »Flash-Speicher« sind womöglich schon nach wenigen Jahren bereits unzuverlässig und somit kein wirklich taugliches Speichermedium.

Siddharth Dhomkar hat nun einen praktikablen Weg gefunden, Daten in Diamanten zu speichern. Christian Buck: »Bei der Lebensdauer der Bits wäre das Material allen Konkurrenten haushoch überlegen: Lagert man den Diamanten in Dunkelheit, sollen die Daten ewig halten. Auch die Speicherkapazität wäre kaum zu schlagen. Die Daten kann Dhomkar im gesamten Diamanten speichern – nicht bloß auf einer Ebene wie bei DVDs. Dadurch erreicht er eine bis zu 1000-fach höhere Speicherdichte als Blu-ray-Disks. Und das könnte erst der Anfang sein.«

1953 sang Marilyn Monroe »Diamonds Are a Girl’s Best Friend« im Film »Blondinen bevorzugt«. 2053 sind vielleicht Diamanten der beste Freund von gespeicherten Daten, die dann »unsterblich« sein können. Noch ist die neue Methode nicht ausgereift, doch es zeichnen sich schon fantastisch anmutende Möglichkeiten ab: Diamanten als Speicher könnten Daten für die Ewigkeit erhalten. Sollte Gott sein himmlisches Wissen auf modernste Weise für die Ewigkeit abgespeichert haben? Nach dem »Slavischen Henochbuch« war jedenfalls der »ewige Gott« der Urheber des mysteriösen »Sepher Raziel Ha Malach«-Buches. Und der bezeichnet sich im »Slavischen Henochbuch« (12) als »ewig«.

Fußnoten
(1) Langbein, Walter-Jörg: »Engel im Orbit«, »Esotera« Juni und Juli 1981.
(2) »Jewish Encyclopedia«, Stichwort »Raziel, Angel«.  http://www.jewishencyclopedia.com/articles/12605-raziel (Stand 12.05.2020)
(3) »Henochbuch (slawisch) oder Zweiter Henoch/ Das Buch der Geheimnisse Gottes/ Die Offenbarungen Gottes« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 452-473
(4) Ebenda, Kapitel 33, Vers 6
(5) »Erzengel Raziel in der Kabbala«, »Edition Ewige Weisheit«, »Über die Esoterische Philosophie in den West-Östlichen Traditionen«. https://www.ewigeweisheit.de/geheimwissen/kabbalah/erzengel/raziel (Stand 12.05.2020)
(6) »Jewish Encyclopedia«, Stichwort »Raziel, Book of«. http://jewishencyclopedia.com/articles/12606-raziel-book-of (Stand 12.05.2020)
(7) Frazer, George: »Folk-lore in the Old Testament; studies in comparative religion, legend and law«, London 1919
(8) Ebenda, Seite 143
(9) Ranke-Graves, Robert von: »Die weiße Göttin/ Sprache des Mythos«, Berlin 1981
(10) Ranke-Graves, Robert von und Patai, Raphael: »Hebräische Mythologie/ Über die Schöpfungsgeschichte und andere Mythen aus dem Alten Testament«, Reinbek 1986, Seite 65, »12.«.
(11) Buck, Christian: »Daten für die Ewigkeit«, erschienen in »Technology Review«, Print-Ausgabe 04/2017
(12) Das »Slavische Henochbuch« Kapitel 33, Vers 4


Zu den Fotos
Foto 1: Erzengel Raziel, 17. Jahrhundert. (vermutl. Spanien). Foto wikimedia commons, public domain
Foto 2: Die »Arche Noah«, Gemälde von Edward Hicks (*1780; 1849). wikimedia commons, gemeinfrei.

549. »Und wir erhoben ihn zu einem hohen Ort.«
Teil 549 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 26. Juli 2020


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Sonntag, 20. Juli 2014

235 »Drei Göttinnen im Dom«

Teil 235 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Das »Märchenschloss« von Worms.
Foto Archiv W-J.Langbein

Der Dom zu Worms erschien mir bei meinem ersten Besuch wie ein geradezu monströses Märchenschloss. In der Dunkelheit einer Herbstnacht kam es mir so vor, als hätten Generationen von Baumeistern über Jahrhunderte hinweg den gewaltigen Prachtbau immer wieder um neue Türme und noch dickere Wehrmauern ergänzt. Standen erst die spitz zulaufenden Osttürme? Wurde nachträglich zwischen die in den Himmel ragenden Türme ein wuchtiger steinerner Kasten mit spitzem Dach gesetzt? Aber obwohl der Dom auch für den Laien so aussieht, als sei er immer wieder erweitert worden, so bildet er dennoch eine in sich geschlossene Einheit, wie eine riesige steinerne »Pflanze«.

Im fahlen Licht schien das in Stein verewigte Szenario vom »Kindermord zu Bethlehem« lebendig zu werden. König Herodes überwacht als bösartiger Regent aus Angst vor einem möglichen Konkurrenten die Ermordung von kleinen Kindern durch  einen Soldaten. Laut einer alten Prophezeiung, so hatte er erfahren, war der neue König geboren. Also ließ Herodes – so die biblische Überlieferung – alle Neugeborenen umbringen. Der kriegerische Schlächter ist in der plastischen Darstellung vom Dom zu Worms wie ein mittelalterlicher Söldner oder wie ein Ritter gekleidet. Zu Füßen der beiden Männer kniet eine Mutter, die verzweifelt die Hände ringt. Oder betet sie? Ihr Flehen scheint indes ungehört zu bleiben.

Jesu Kreuzabnahme.
Foto W-J.Langbein

Bestens bekannt ist eine berühmte Bibelszene: Jesus wird vom Kreuz abgenommen. Biblisch ist auch die Szene »Arche Noah«. Der mörderische Regen hat offenbar aufgehört. Noah hat eine Luke aufgeklappt und späht aus seinem Rettungsboot. Mächtige Greifvögel haben Tierkadaver gefunden, an denen sie gierig fressen. Derlei Darstellungen am gotischen Südportal dienten vor Jahrhunderten der überwiegend des Lesens unkundigen Bevölkerung als eine steinerne Bibel. Die dargestellten biblischen Motive waren den Kirchgängern indes freilich bekannt, auch Analphabeten konnten sie wie ein Buch ohne Buchstaben lesen. Allerdings ohne Kenntnis der biblischen Geschichten würden die so lebhaften Kunstwerke aus Stein rätselhaft, ja unverständlich bleiben. Der bibelkundige Besucher des Doms zu Worms aber wird fündig. So erweist sich das vor rund sieben Jahrhunderten neu gestaltete Südportal als steinernes Bilderbuch in 3D. Da tritt Gottvater leibhaftig in wallendem Gewand auf und holt eine kleine Eva aus der Seite des tief narkotisierten Adam. Da werden die Nackedeis Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben. Da erschlägt Kain seinen Bruder Abel mit einer stattlichen Keule.

Fabelwesen am Dom... Foto Walter-Jörg Langbein

Parallel dazu wird, fein säuberlich in Stein gemeißelt, Jesus im Stall von Bethlehem geboren, da zeigt Maria das kleine Jesus-Baby im Tempel, da erleben wir förmlich mit wie die »heilige Familie« nach Ägypten flieht, um so den Schergen des Herodes zu entgehen. Wer Geduld und Zeit hat, sollte einmal einen Tag am Südportal des Doms zu Worms verbringen, von morgens bis abends… und miterleben, wie die steigende und sinkende Sonne durch Licht und Schatten die zahlreichen Skulpturen in den nach oben spitz zulaufenden Bögen über der kleinen hölzernen Tür lebendig werden lässt.


Der Dom, ein monumentales Bauwerk...
Foto Archiv W-J.Langbein

Der gewaltige Dom zu Worms steht als gewaltiges und imposantes Bauwerk wie ein von Menschenhand geschaffener Monolith in moderner Zeit. Man nähert sich dem alten sakralen Bauwerk und wird von der schlichten Schönheit nicht überwältigt, aber verzaubert. Man mag zum Christentum als Religion stehen wie man will, man mag die oftmals von Gemetzel geprägte Kirchengeschichte des Christentums als schauderhaft empfinden. In einer Zeit wie der unseren, geprägt von Hektik und immer beängstigender werdender, verzweifelter Suche nach tieferem Sinn, haben wir Pole der Ruhe als Oase in lebensfeindlichem Lärm nötiger denn je. So eine Insel der Ruhe ist der Dom zu Worms. Man mag religiöse Frömmigkeit als Aberglauben abtun, man muss die blutigen Seiten der Geschichte jeder organisierten Religion klar und deutlich verurteilen. Aber es besteht kein Zweifel an der Tatsache, dass die Orientierungslosigkeit breiter Volksschichten in unserer freiheitlichen Welt ein idealer Nährboden für radikalste Verführer jeder, auch und gerade religiös-fundamentalistischer Art, ist!

Blick im Dom nach oben. Foto Walter-Jörg Langbein

 Der Dom zu Worms mutet neben moderner Architektur wie eine Perle in hässlicher Fassung. Der Dom zu Worms macht den Eindruck einer uralten Festung des unerschütterlichen Glaubens, eines für die Ewigkeit angelegten Gotteshauses. Dabei wissen die wenigsten Besucher zu Beginn des 21. Jahrhunderts, dass der Dom ganz und gar kein »Gotteshaus« nach heutigem Verständnis war. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gilt ein christliches »Gotteshaus« als Ort der Versammlung für die Gläubigen, die ihrem Gott huldigen und Lobgesänge darbringen. Als ein solches »Gotteshaus« war der Dom zu Worms freilich nicht gedacht. Der Dom zu Worms – im 12. Jahrhundert auf älteren Fundamenten errichtet – war Bischofs- und Stiftskirche, an eine Gemeinde von Gläubigen haben die Erbauer nicht gedacht. Bänke für Gottesdienstbesucher gab es keine. In Dethard von Winterfelds »Der Dom zu Worms« lesen wir (1): »Für uns ist der Sinn des mittelalterlichen Doms kaum mehr verständlich. … Eine Gemeinde gab es nicht, auch wenn Laien im Mittelschiff den verschiedenen Messen beiwohnen konnten.« Was geschah also im Dom?  Winterfeld weiter: »In ihm vollzog sich die Liturgie als Abbild göttlicher Ordnung auch ohne die Anwesenheit einer Gemeinde. Beide Chöre waren hinter hohen Lettnern den Blicken entzogen… «


Fromme Legende.. oder Bibelillustration?
Foto W-J.Langbein

Der Dom zu Worms war viele Jahrhunderte lang so etwas wie ein riesiges Theater mit vielen Bühnen, auf denen Priester Rituale zelebrierten… sehr häufig – oder meist? – ohne Publikum. Die Priester waren wie Magier, die geheimnisvolle Kulte feierten, in denen sich Wein in Blut und Brot in Fleisch verwandelt haben soll… in den leibhaftigen Körper Jesu Christi selbst. Für den religiösen Katholiken wurde da das Heiligste des Glaubens vollzogen, für einen fremden Uneingeweihten wurde blutiger Zauber exerziert… oder Aberglaube. Für den einen ist etwas religiöser Ritus altehrwürdige, sakrale Tradition, für einen anderen aber unbegreifbarer Hokuspokus. Je nachdem wo und wann man geboren wurde, ist eine Handlung Religionsausübung oder alberner Humbug. Oder was für den einen seriöse wissenschaftliche Auseinandersetzung ist, empfindet ein anderer als unverzeihliches Sakrileg, das mit ewigen Höllenqualen bestraft wird.

Der Dom zu Worms sicherte zunächst der Priesterschaft den Lebensunterhalt. Gab es doch im großräumigen Dom eine Vielzahl von Altären, an denen »Gottesdienste« ohne Gemeinde abgehalten wurden. Von Winterfeld (2): »Jedem Altar war ein Priester zugeordnet, dem auch die Einkünfte aus der Stiftung als Lebensunterhalt dienten. Man glaubte, die Heiligen seien durch die ihnen geweihten Altäre präsent, so daß sie mit den Lebenden vereint eine Gemeinschaft der Anbetung bildeten, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindend.« So war der Dom zu Worms ein Haus der Begegnung mit Heiligen, zu deren Ehren am jeweiligen Altar heilige Messen gelesen wurden.

Im 14. Und 15. Jahrhundert wurde der bereits komplexe Dombau noch durch Hinzufügung von diversen Kapellen erweitert. Freilich dienten diese frommen Anhängsel nicht der Religionsausübung des gläubigen Volkes. Sehr wohlhabende Stifter glaubten, sich so einen direkteren Zugang zu den Heiligen zu verschaffen. Mochte Gottvater auch noch ob der Sünden betuchter »Schäflein« grollen, Heilige als Fürsprecher konnten Gott besänftigen, zumindest für edle Spender ein gutes Wort einlegen.

Stadtbild mit Dom.
Foto Archiv W-J.Langbein

Die reichsten Familien des 14. und 15. Jahrhunderts hatten im Dom ihre Privatkapellen, in denen sie – ungestört vom allgemeinen »Pöbel« – beten konnten. Diese Begüterten ließen auch gern hochrangige Geistlichkeit Messen lesen, für sich oder für liebe Dahingeschiedene. Private Kapellen waren damals auch repräsentativ. Während sich heute manch wohlhabender mit einem edlen Rolls Royce schmückt, konnte damals manch kleiner oder großer Krösus mit einer eigenen Kapelle protzen. Hochgestellte Adlige genossen ein besonderes Privileg. Ihnen war es gestattet, ihre sterblichen Hüllen unweit von den Altären der Heiligen zur letzten Ruhe zu betten. Ein örtlicher Geistlicher erklärte mir schalkhaft grinsend:

»Man glaubte, so mancher wichtige Heilige würde am Tag des ›Jüngsten Gerichts‹ im Dom zu Worms leibhaftig auferstehen. Wenn man sich dann als spendabler Adliger am Tage der Auferstehung in Gesellschaft der Heiligen befand, so konnte das auf keinen Fall schaden! Mancher hoffte wohl, gemeinsam mit den Heiligen ungeprüft ins Paradies eingehen zu dürfen!«

Ich gab mich fromm-empört. Grimmig dreinblickend fragte ich den Geistlichen: »Sie sind wohl einer dieser modernen Theologen, die nicht mehr an die Auferstehung der Toten glauben? Dann muss ich Sie wohl an Artikel 11 unseres Katechismus erinnern!« Ohne auf eine Antwort zu warten zitierte ich ratternd aufsagend: »Das christliche Credo, das Bekenntnis unseres Glaubens an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist … gipfelt in der Verkündigung, dass die Toten am Ende der Zeiten auferstehen und dass es ein ewiges Leben gibt.


Modell des Doms vor dem Original. Foto W-J.Langbein

Wir glauben fest und hoffen zuversichtlich: Wie Christus wirklich von den Toten auferstanden ist und für immer lebt, so werden die Gerechten nach ihrem Tod für immer mit dem auferstandenen Christus leben und er wird sie am letzten Tag auferwecken. Wie seine, so wird auch unsere Auferweckung das Werk der heiligsten Dreifaltigkeit sein.«

Der Geistliche hebt beschwichtigend die Hände. »Natürlich glaube ich auch an die Heilige Dreifaltigkeit! Aber dass sich die auferstandenen Adeligen einfach den auferstandenen Heiligen anschließen und zwischen ihren Reihen ins Paradies schmuggeln können, das ist doch schon eine etwas sehr naiv-kindliche Vorstellung!« Als Antwort habe ich ein Bibelzitat parat (3): » Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.« Empört wendet sich der Geistliche ab, leise vor sich hin schimpfend. Ob er jenen Zeiten nachtrauert, da nur die Geistlichkeit selbst die »Heilige Schrift« lesen durfte, nicht die tumben Laien? Viele Jahrhunderte lang bekamen Gläubige in Sachen Christentum nur eine arg zensierte und manipulierte Version ihrer Religion vorgesetzt.

Eine weibliche Trinität.
Foto: Archiv W-J.Langbein
                                                
Und noch heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christi Geburt, erfährt kaum ein Besucher des Doms zu Worms, dass er die Darstellung einer weiblichen Dreifaltigkeit beherbergt. Drei Göttinnen wurden im Dom zu Paderborn verewigt, deren »Christianisierung« nicht wirklich gelungen ist!

Fußnoten

1) Winterfeld, Dethard von: »Der Dom zu Worms«, Königstein im Taunus, 3. Auflage 1994, S. 15
2) ebenda. Die Orthographie wurde unverändert übernommen und nicht der neuen Rechtschreibreform entsprechend angepasst.
3) Evangelium nach Matthäus Kapitel 18, Verse 2 und 3


»Ein Heidentempel, drei Göttinnen und der Dom von Worms«,
Teil 236 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 27.7.2014

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