Sonntag, 21. Dezember 2014

257 »Delphine, Skylla und Odysseus«

Teil 257 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Heiligenverehrung in der Klosterkirche.
Im 9. Jahrhundert nach Christus wurde die steinerne Klosterkirche von Corvey wiederholt umgebaut. Vollendet wurde der Sakralbau schließlich anno 885 mit der Weihe des Westwerks. Alte und älteste Kirchen haben in Deutschland oft viele Jahrhunderte überdauert. Viele alte Sakralbauten, die  im Lauf der Geschichte nicht Brandschatzungen zum Opfer fielen, wurden allerdings im Zweiten Weltkrieg von alliierten Bombern attackiert und häufig weitestgehend zerstört. Mit großem Aufwand mussten die Kostbarkeiten der Baukunst rekonstruiert werden. Das Westwerk der einstigen Klosterkirche von Corvey ist das einzige frühmittelalterliche Baudenkmal dieser Art, das bis heute weitestgehend erhalten geblieben ist!

Unter der Westempore des Johanneschores im Westwerk findet sich ein einzigartiges gemaltes Dokument, rund 1200 Jahre alt. Dank modernster wissenschaftlicher Methoden konnten winzige Farbpartikel entdeck werden, die man mit dem bloßen Auge nicht wahrnimmt. Trotzdem ist eine Rekonstruktion der Malerei, die so gar nicht in eine frühmittelalterliche Kirche passt, immer auch reichlich spekulativ. Ich selbst habe wiederholt die Beobachtung gemacht, dass man  bei längerem Betrachten in Muße mehr zu erkennen vermag als man fotografisch festhalten kann.

Das Drachenwesen, vor rund 1200 Jahren gemalt....

Drachenartige Wesen sind so selten nicht in christlichen Kirchen dargestellt. Das mysteriöse Wesen von Corvey ist leicht als so eine Kreatur zu erkennen. Der spitz zulaufende Schwanz ist steil emporgerichtet, er wird rasch dicker, windet sich zweimal und geht in einen »menschlichen« Oberkörper über. Den rechten Arm reckt das Wesen hoch empor, mit dem linken Arm hat es einen Mann umklammert. Der Gefangene hat offenbar aufgegeben, er versucht nicht mehr zu entkommen. Drei Hundervorderteile, wütend um sich beißend, wachsen aus der Hüftregion heraus.

Zeichnung der mysteriösen Szene.

Auf dem Schwanz des Monsterwesens steht eine hünenhafte Gestalt mit Lendenschurz. Bewaffnet ist sie mit Schild und Speer. Offenbar attackiert die große Gestalt das Drachenwesen, stößt mit dem Speer nach einem der Hundeköpfe. Bei dem Monsterwesen könnte es sich um Skylla, aber auch um Kerberos handeln. Beide mythologischen Fabelwesen wurden in der Antike mit drei Hundeprotomen und Drachenschwanz dargestellt. (Worterklärung Wikipedia zu »Protome«: »Eine Protome ist ein plastisches Kunstwerk, das den vorderen Teil eines Tieres oder Menschen darstellt und meist mit einem anderen Objekt verbunden ist.«)

Gemäldeausschnitt. Deutlich zu erkennen: die Hundeköpfe

Der Mann mit Schild und Speer könnte Odysseus sein, der mutig den Kampf mit der Skylla aufnimmt. Einen seiner Gefährten hat die Skylla bereits gepackt. Der Kämpfer könnte aber auch Herakles sein, der den Kerberos besiegen und aus der Unterwelt holen sollte. Der Sage nach gelang ihm das. Herakles zerrte das Ungeheuer aus der Unterwelt ans Tageslicht. Furchteinflößend klang das metallische Bellen der Kreatur, ihr Speichel war giftig.


Oder hat der unbekannte Künstler vor rund 1200 Jahren doch Odysseus und Skylla dargestellt? Das menschenfressende Ungeheuer Skylla wollte Odysseus und seine Gefährten verschlingen, die mit Mühe der wasserstrudelnden Göttin Charybis ausweichen konnten. Meiner Meinung nach ist es wahrscheinlicher, dass beide vorchristlichen Mythen als Grundlage für das Gemälde dienten.

Es stellt sich die Frage, warum derlei heidnisches Sagengut in einer der wichtigsten Kirchen des Frühmittelalters im Westwerk in Form eines farbenprächtigen Deckengemäldes verewigt wurde. Bei Führungen vor Ort wird der heidnisch-mythologische Hintergrund dieser Malerei betont. Diese Sichtweise wird er von offensichtlich stark christlich orientierten Interpreten strikt abgelehnt.  Ein Besucher wollte mich in Corvey vom Fotografieren abhalten. »Lassen Sie das! Das ist heidnisches Teufelswerk, das den Christen in Versuchung führen soll. Er soll vom Glauben abfallen, sich wieder dem Heidentum zuwenden!« Ich beschwichtigte den Wütenden, versprach ihm, die entsprechenden Bilder nur fest im christlichen Glauben stehenden Zeitgenossen zu zeigen. Der Herr murmelte etwas von »Hopfen und Malz verloren« und entfernte sich, wobei er vor sich hin schimpfte. So konnte ich in Ruhe weiter fotografieren.

Hilde Claussen und Anna Skriver versuchen, heidnische Mythologie und christliche Sagenwelt zu vereinen. Sie s in ihrem opulenten, hervorragenden Werk »Die Klosterkirche Corvey« (1):

Zum Vergleich: antike Skylla aus
dem »Archäologischen Museum von Neapel«

 »Daß der Prototyp des Corveyer Skyllakämpfers auf einer uns unbekannten literarischen Überlieferung basiert, ist kaum anzunehmen. Die christlichen Drachenkämpfer, die Sieger über Teufel und teuflische Dämonen boten sich an. Der Überwinder des Ungeheuers Skylla wurde so mit diesen christlichen Helden in eine Reihe gerückt. Zum Vergleich mit dem Corveyer Odysseus … bieten sich vor allem Darstellungen des heiligen Michael auf dem Drachen an, dessen nur symbolischer Lanzenstoß in den Rachen des Teufelsdrachen bereits einen Sieg anzeigt.«

Dieser christlichen Interpretation kann ich nicht zustimmen. Zu mythologisch-heidnisch ist die Darstellung, die Handschrift der malenden Mönche ist nicht zu erkennen. Hier wurde ein Bild aus alter griechischer Sagenwelt übernommen. Wie viele solcher Gemälde mag es einst gegeben haben? Wurde die Sage um Skylla oder Kerberos in einem Bilderzyklus erzählt, von dem nur ein Einzelbild – und das sehr bruchstückhaft und undeutlich – erhalten geblieben ist? Wurden die Darstellungen weitestgehend zerstört, weil sie wütenden Bilderstürmern zu unchristlich waren?


 Weitere Fragmente im Westwerk zu Corvey zeigen mehr Mythologisches. Direkt rechts neben der Skylla: eine Protome, bestehend aus dem  Oberkörper einer Frau, der die langen Haare bis zu den Hüften reichen. Das (nackte?) Oberteil ist einem Vogelkörper aufgesetzt. Die Dame mit dem Vogelleib spielt ein Instrument, das an eine Harfe erinnert. Handelt es sich um die Darstellung einer Sirene? Dank modernster Methoden konnten Farbspuren sichtbar gemacht werden, so dass recht klar ist, wie die mit bloßem Auge kau wahrzunehmende Figur einst ausgesehen haben muss.

Rechts davon meine ich eine Art Kentaur ausmachen zu können. Die Vorderbeine sind wie bei einem Pferd in weit ausgreifendem Galopp dargestellt, der Hinterleib ist schlangenartig gewunden, ähnlich wie bei der Skylla nebenan. Mit viel Fantasie ist ein menschlicher Oberkörper – wie bei einem Kentauren – zu erahnen. Hilde Claussen und Anna Skriver vermuten (2):

»Die Silhouette von Kopf, Hals und Brust nebst Ansatz von Vorderbeinen deutet auf ein Meerwesen hin, das, zumindest mit seinem Vorderteil,  der Gattung der Huftiere entstammt.« Sie vermuten die Darstellung eines »Meerbocks«, was auch immer das sein mag!

Kentaur? Oder sonstiges Mischwesen? Fotos W-J.Langbein

Was man nun in einem christlichen Gotteshaus nicht erwartet, das sind Delfine! Delfine, so scheint es, waren bei den Malern von Corvey vor rund 1200 besonders beliebt. Wie viele Delfine sich einst an den Wänden im Westwerk getummelt haben mögen? Wir wissen es nicht. Delfine sind heute noch in einigen Resten der Wandmalereien zu erkennen. Sie dienten als Reittiere oder begleiteten einen Reiter auf einem Monster. Monsterwesen mögen der Fantasie der Künstler entsprungen sein. Aber recht realistische Darstellungen von Delfinen sind ohne Zweifel von Künstlern geschaffen worden, die wussten, wie so ein Delfin aussieht.  Wo hatten sie Delfine gesehen? Auf Reisen zum Mittelmehr vielleicht?

Ein Delfin als Reittier.
Sorgsame zeichnerische Rekonstruktion.

Fotos

»Zum Vergleich: antike Skylla aus dem ›Archäologischen Museum von Neapel‹«,
Foto »Naples Archaeology Museum«/ wiki commons/ Magnus Manske

Alle übrigen Fotos stammen vom Verfasser. Copyright bei Walter-Jörg Langbein

Alle meine Sonntagsbeiträge bieten eine Fülle von Fotos, die ich weitestgehend selbst aufgenommen habe. Das Copyright liegt für alle diese Fotos bei mir (Walter-Jörg Langbein)

Fußnoten

1) Harzenetter, Markus (Hrsg): »Die Klosterkirche Corvey/ Band 2: Wandmalerei  
     und Stuck aus karolingischer Zeit«, Mainz 2007, S. 172
     (Rechtschreibung des Zitats übernommen.)
2) ebenda, S. 160


258»Tod im Turm«,
Teil 258 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«,                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.12.2014

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Sonntag, 14. Dezember 2014

256 »Odysseus und das Monster… in der Kirche«

»Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 5«
Teil 256 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Das Westwerk von Corvey.
Foto Langbein

Seit Jahrzehnten suchen Wissenschaftler nach einem geheimnisvollen Kloster. Seit Jahrzehnten wird darüber gestritten, wo »Hethis« einst lag. Unklar ist auch, warum es am 25. September 822 n.Chr. plötzlich verlassen und aufgegeben wurde. War simple materielle Not die Ursache für den Umzug? Am 26. September jedenfalls kamen die Mönche schon am Ziel ihrer Reise an. Von wo waren sie aufgebrochen? War es Neuhaus im Solling, wie immer wieder vermutet wird? Wohl kaum. Neuhaus ist nur zehn Kilometer vom neuen Standort des Klosters entfernt. Für diese kurze Wegstrecke benötigten die Mönche sicher nicht einen ganzen Tag. Hethis, das verschwundene Kloster, lag irgendwo im Paderborner Bistum. Ein heißer Kandidat ist die unmittelbare Umgebung der Externsteine.  Alte Flurnamen im direkten Umfeld der Externsteine deuten auf das einstige Kloster von Hethis (»Heide«) hin.

Ein Flurname unweit der Externsteine –  »Wiehagen« – lässt sich auf »Wihenhagen« zurückführen, zu Deutsch »Heiliger Hain« oder »Heiliger Wald«. Anno 1564 berichtete der Lemgoer Chronist Pfarrer Hamelmann, dass Karl der Große »aus jenem Elsternstein einen gottgeweihten und mit Apostelfiguren geschmückten Altar gemacht habe« (1). Sollte es sich um den Versuch einer Klostergründung handeln, in dessen Zentrum die Externsteine lagen?

Wie dem auch sei, die Klosterbrüder von Corvey dürften zunächst eher primitive Unterkünfte um eine schlichte Kapelle errichtet haben. Die erste Klosterkirche in Stein wurde erst gut zwanzig Jahre später, nämlich 844 n.Chr., geweiht. Während dem geheimnisvollen Kloster Hethis nur eine kurze Lebenszeit beschieden war, wuchs und gedieh Kloster Corvey von Jahr zu Jahr, strömten immer größere Pilgerscharen nach Corvey. Schon 873 entstand das beeindruckende Westwerk als komplexer Abschluss der Klosterkirche. Im Westwerk finden sich mysteriöse Malereien, die so ganz und gar nicht christlich anmuten.

Blick in die Klosterkirche. Foto W-J.Langbein

Elmar Arnhold und Sándor Kotyrba stellen bewundernd fest (2): »Die Klosterkirche und das Westwerk waren weit und breit die ersten monumentalen Steinbauten. Die Qualität dieser Architektur ist auch in Details beeindruckend. In Corvey zeigt sich ein Beispiel für die Epoche frühmittelalterlicher Baukunst, die heute auch als ›Karolingische Renaissance‹ bezeichnet wird. Die karolingischen Herrscher, die mit Karl dem Großen zur Kaiserwürde aufgestiegen waren, wollten nun bewusst an das Erbe der römischen Cäsaren anknüpfen. Dies lässt sich auch in Corvey erkennen. So scheint bereits in der Gesamtanlage des Klosters mit der Kirche in ihrem Zentrum, das Schema eines römischen Kastells durch.«

Im 17. Jahrhundert wütete in Europa der »Dreißigjährige Krieg« (1618 bis 1648). Im Reich ging es vordergründig um Religion, in Wirklichkeit aber um Macht. Kaiser und »Katholische Liga« und die »Protestantische Union« bekämpften sich in blutigen Gemetzeln. Die Mächtigen schoben Truppenkontingente hin und her. Das Volk aber zahlte den Preis. Nach Prof. Joshua Goldstein vom Max-Planck-Institut gab es über zwei Millionen Tote. Andere Schätzungen gehen sogar von drei bis vier Millionen Toten aus. Pestepidemien und Hungersnöte folgten auf die brutalen Kämpfe. 

Blick in die Marienkapelle. Foto W-J.Langbein

Im 17. Jahrhundert starben Millionen als Folge eines unbarmherzigen Krieges. Beide Parteien behaupteten von sich die einzig wahren Christen zu sein. Man brachte sich gegenseitig um, plünderte und mordete und verwüstete die Gotteshäuser der jeweils anderen Christen. »Nach dem Dreißigjährigen Krieg lag die Abtei Corvey darnieder. Belagerungen und Plünderungen hatten die Bausubstanz stark in Mitleidenschaft gezogen... Nach der Vermessung der alten Kirche und Konzepten zu ihrer Wiederherstellung wurde letztlich ihr Abbruch beschlossen. Das Westwerk blieb als symbolträchtiges Bauwerk bestehen.«, lesen wir im Architekturführer von Arnhold und Kotyrba (3).

In den Jahren 1667 bis 1671 entstand eine geräumige, einschiffige Saalkirche. Während die Bevölkerung immer noch unter den Nachwirkungen des »Dreißigjährigen Krieges« litt, während die Menschen von Krankheit und Hunger gepeinigt wurden, leitete Christoph Bernhard von Galen – Fürstbischof von Münster – den Wiederaufbau des Gotteshauses ein. Es wurde nicht gespart, Gold schien in unbegrenzten Mengen zur Verfügung zu stehen. 

Das notleidende Volk freilich begehrte nicht auf. Wie Wissenschaftler unlängst feststellten wächst der Glaube an strenge Götter direkt proportional mit härteren Umwelt- und Lebensbedingungen.(4) Offenbar setzt der Mensch, je größer Not und Armut sind, verstärkt auf seinen Glauben an seinen Gott. Je mehr Menschen an der Weser hungerten und darbten, desto mehr begrüßten sie offenbar den protzigen, goldüberladenen Neubau der Abteikirche von Corvey. Schlicht und bescheiden mutet im Vergleich dazu die kleine Marienkapelle an, die um 1790 entstand.

Lohnendes Ziel für Freunde des Geheimnisvollen... Foto W-J.Langbein

Heute sind Schloss Corvey und die Abteikirche mit Westwerk auch für Freunde des Geheimnisvollen und Mysteriösen ein lohnendes Ziel. Will man wirklich alle zur Besichtigung freigegebenen Räume studieren, reicht eine Eintagestour gar nicht aus. Allein die riesige Bibliothek – sie umfasst 74 000 Bände – benötigt fünfzehn große Räume. 1860 trat Hoffmann von Fallersleben, Verfasser des »Lieds der Deutschen«, seine Stellung als Bibliothekar in Corvey an.

Mich hat es im Verlauf der letzten Jahrzehnte immer wieder nach Corvey verschlagen. Neugierig und voller Spannung  verfolgte ich die Rekonstruktion einiger Malereien, die so gar nicht in ein Gotteshaus christlicher Prägung zu passen scheinen. Immer wieder zog es mich ins Westwerk, dessen schlichte Einfachheit mich mehr anspricht als der Prunk der Abteikirche. Vor Jahrhunderten aber sahen die Ärmsten der Armen nicht voller Neid, wie verschwenderisch mit Gold und Geld beim Neuaufbau der Abteikirche umgegangen wurde. Für sie war der Prunk des Gotteshauses Beweis für die Macht ihres Gottes. Wie sich doch die Zeiten ändern! Bischof Tebartz-van Elst ist wohl einige Jahrhunderte zu spät geboren. Im 17. Jahrhundert hätte man den Gottesmann nicht als Verschwender, sondern als besonderen Lobpreiser Gottes angesehen.

»Loge« für erlauchte Gäste. Foto W-J.Langbein

Wiederholt habe ich das Westwerk des ehemaligen Klosters zu Corvey besucht. Viele Stunden habe ich vor den mühevoll rekonstruierten Malereien gestanden, von denen nur noch spärliche Reste zu erkennen sind, die freilich Einblick in eine fantastische Welt gewähren!

Bevor sie stundenlang von Bücherschrank zu Bücherschrank im einstigen Schloss marschieren, nehmen Sie sich lieber mehr Zeit für das Obergeschoss des Westwerks der Abteikirche. Das Obergeschoss des Westwerks mit seinen zwei »Etagen«, Rundbögen, Fenstern und Säulen erinnert an eine einzigartige Bühne, auf der einst sakrale Zeremonien gefeiert wurden. Was für den Ungläubigen heute ein Theaterstück in Kostümen war, sahen die auserwählten Gottesdienstbesucher im 17. Jahrhundert als heiligen Gottesdienst.  Leider erkennen, ja erahnen wir heute nur noch die groben Züge der Kulisse, die Feinheiten bleiben uns verborgen.

In einer besonderen »Loge« saßen Könige und Kaiser, hoch über den »Normalsterblichen«. Die hohen Herrschaften konnten so Gottesdiensten von oben herab beiwohnen. Bei langweiligen Predigten mögen die Monarchen die herrlichen Wandmalereien studiert haben, die sie in fremde Welten entführten. Verschwunden ist weitestgehend der ursprüngliche Wandputz, auf dem einst vielfältige Gemälde prangten. Ob  bereits beim Umbau der Doppelturmfront anno 1150 Malereien im sogenannten »Johanneschor« ausgelöscht wurden?

Über den Pfeilern standen einst Stuckreliefs. Foto W-J.Langbein

Im »Architekturführer Corvey« lesen wir (5): »Jüngere Untersuchungen ergaben, dass die Malereien über den Pfeilern der unteren Bogenstellungen ursprünglich durch Stuckreliefs von Figuren ergänzt wurden. Ihre Vorzeichnungen entdeckte man erst 1992, die Deutung der Figuren ist unklar.«

Ob es Heilige aus dem Himmel des Katholizismus waren, die da plastisch auf den Säulen standen? Die Wandmalereien jedenfalls waren, den so gut wie möglich restaurierten Resten ist das zu entnehmen, mythologisch-heidnisch. Sie hätten vor Jahrtausenden im »Antiken Griechenland« Begeisterung ausgelöst… Odysseus und ein mythologisches Monster! Und das in einer christlichen Kirche eines Klosters am Ufer der Weser zu Corvey!

Hier stand einst ein Stuckrelief. Foto W-J.Langbein
Fußnoten
1) Matthes, Walther: »Corvey und die Externsteine«, Stuttgart 1982,S. 235
2) Arnhold und Kotyrba: »Corvey/ Ehemalige Reichsabtei und Residenz«, 3. Auflage, Braunschweig 2014, S. 18 unten und S. 20 oben
3) ebenda, S. 25 oben
4) »Proceedings of the National Academy of Sciences«, siehe dazu Wiess, Marlene: »Du sollst kooperieren/ Je härter die Umweltbedingungen, desto eher glauben die Menschen an strenge Götter«, »Süddeutsche Zeitung«, 11. November 2014, S. 16
5) Arnhold und Kotyrba: »Corvey/ Ehemalige Reichsabtei und Residenz«, 3. Auflage, Braunschweig 2014, S. 20

257»Delphine, Skylla und Odysseus«
Teil 257 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 21.12.2014

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