Sonntag, 5. Juli 2015

285 »Jesus und das Fest der Essener«

Teil 285 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Das Heilige Abendmahl in der Marktkirche

Der Marktkirchen-Altar von Hannover, zwischen 1470 und 1485 vollendet, erzählt in einer Art sakralem »Comicstrip« einen Teil der Geschichte Jesu. Ausgelassen wird ein erheblicher Teil von Jesu »Biografie«, der sonst in christlichen Kirchen in unzähligen Gemälden, Fresken und Holzschnitzereien gern opulent präsentiert wird. Es fehlen die Darstellungen idyllischer Stallszenen von Bethlehem, es gibt keinen Hinweis auf die »Heiligen Drei Könige« oder den »Stern«, der die Männer aus dem Morgenland führte. Kein einziges Bild geht auf den Kindermord ein, den Herodes angeordnet haben soll, weil er befürchtete der Messias würde ihn vom Thron des Königs stoßen und sich selbst zum Regenten ausrufen lassen. So etwas hatten doch angeblich die Propheten geweissagt. Und die »Heiligen Drei Könige« waren doch von weither angereist, um den neuen Herrscher zu huldigen.Selbst ins winterliche Weserbergland sind die Heiligen Drei Könige gekommen, auf dem Altarbild von Hannover sucht man sie vergebens...

Foto 2: Keine Spur von den 3 Königen auf dem Altar

Es fehlt auch jegliche Darstellung der Wundertaten Jesu, die ja für die Gläubigen beweisen, dass Jesus der lang ersehnte Messias war. Kennzeichen des Messiastums waren doch Wunder. Wunder galten als das typische Merkmal des Messias schlechthin. Zu Jesu Zeiten gab es nicht wenige Zeitgenossen, die predigend durch die Lande zogen. Jeder konnte behaupten, der von den Propheten geweissagte Messias zu sein. Wer von den selbsternannten Kandidaten aber keine Wundertaten vorzuweisen hatte, wurde nicht ernst genommen.

Die Geschichte Jesu, die uns der Altaraufsatz der Marktkirche wie ein Buch lesen lässt, beginnt sehr spät in der Biografie Jesu: mit dem Einzug Jesu auf einem Esel in Jerusalem. Meine Empfehlung: Besuchen Sie die Marktkirche von Hannover, besichtigen Sie das Gotteshaus, natürlich nicht während eines Gottesdienstes. Treten Sie vor den Altar, nehmen Sie sich Zeit und studieren Sie sorgsam die 21 geschnitzten Bilder des Altaraufsatzes, eines nach dem anderen. Dazu benötigen Sie wirklich viel Zeit, denn die meisterhaften Künstler haben unzählige Details verewigt, die man sonst leicht übersieht. Von einem der Plätze auf den Kirchenbänken aus können Sie sich nur einen groben Überblick verschaffen, selbst wenn Sie weit vorne sitzen.

Foto 3: Abendmahl von Kirchbrak
Das dritte Bild von links in der oberen Reihe zeigt die »Entlarvung des Judas durch Jesus«. Die Situation wird im »Neuen Testament« mehrfach beschrieben. Jesus hat eben verkündet, dass ihn einer der anwesenden Jünger »verraten« wird. Nach den Evangelisten Matthäus (1) und Markus (2) fragten alle Jünger, einer nach dem anderen: »Herr bin ich’s?« Sollten es wirklich jeder Jünger zumindest für möglich gehalten haben, dass er Jesus ans sprichwörtliche Messer liefern würde? Das spricht nicht wirklich für einen besonders innigen Glauben an die Rolle Jesu.

Jesus und seine Gefolgsleute fühlten sich dem alten religiösen Brauch des Pessachfestes  sehr verbunden. Nach Markus (3) erkundigten sich seine Jünger »am ersten Tage des Pessachfestes, da man das Osterlamm opferte: Wo willst du, dass wir hingehen und dir das Osterlamm bereiten, dass du es essest?«  Nach Markus feierten Jesus und seine Jünger am ersten Tag des Pessachfestes. Nach Johannes war er zu diesem Zeitpunkt längst tot. Die exakten Ausführungen des Johannes (4) lassen keinen Zweifel zu: Jesus wurde am Tag vor dem Pessachfestes gefangen genommen, vor den jüdischen Hohen Rat gebracht und befragt, schließlich von Pilatus zwei Mal verhört, verurteilt, blutig geschlagen und gegeißelt, gekreuzigt, vom Kreuz abgenommen und ins Grab gelegt.

Die Darstellung des Evangeliums nach Markus scheint eindeutig falsch zu sein. Denn dann hätte der Prozess an einem der heiligsten Feiertage stattgefunden. Das ist undenkbar. Jüdische wie römische Autoritäten müssen daran interessiert gewesen sein, dass der Prozess und  die Hinrichtung Jesu vor dem Pessachfest stattfanden. Man musste mit etwa zwei Millionen Pilgern in Jerusalem rechnen. Römische wie jüdische Autoritäten haben sicher alles vermieden, was zu Aufruhr hätte führen können. Die Römer wussten, wie verhasst sie im Volk waren. Die Hinrichtung Jesu hätte leicht der Anlass zu einem Volksaufstand werden können, musste also aus Sicht der Besatzungstruppe vor dem Fest stattfinden. Die jüdischen Autoritäten waren an strenge Vorschriften gebunden. Im jüdischen Gesetzbuch heißt es (5): 

»Deshalb richtet  man nicht am Vorabend des Sabbats oder eines Feiertages.« Deshalb kann auch die Darstellung nach dem Evangelium des Johannes eigentlich nicht stimmen: Jesus muss früher verurteilt und hingerichtet worden sein. Aber wann? Gibt es eine Erklärung für die Widersprüche zwischen Markus, Johannes und den Vorschriften der Mischna (jüdische Sammlung der Gesetzesüberlieferung) ? Sie findet sich versteckt im »Neuen  Testament«.

Im Evangelium nach Markus (6) befiehlt Jesus seinen Jüngern: »Geht in die Stadt, dort wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt.« Dem sollen sie folgen. Der Mann werde sie zum Haus der Pessachfeier bringen. Wasserholen war aber zu Jesu Zeiten reine Frauensache. Es gab nur eine Ausnahme: Zur Gemeinschaft der Essener waren keine Frauen zugelassen. Bei den Essenern holten also Männer Wasser vom Brunnen. Jesus hatte immer wieder Frauen in seinem Gefolge. Wieso feierte er dann das letzte Pessachfest vor seiner Kreuzigung nur mit Männern? Zelebrierte Jesus das heilige Ritual also bei Essenern?

Foto 4: Hier wurden die Heiligen Texte der Essener gefunden.

Bei den Essenern gab es strenge Vorschriften über die Rangordnung der Mitglieder. In der Gemeinderegel von Qumran wird genau festgelegt, wer bei Tisch wo sitzen darf. Über eben diese Frage (7) gab es bei Jesu letztem Pessachfest Streit.

Feierten Jesus und seine Jünger also bei Essenern? Die Essener rechneten nicht wie die offiziellen Priester des Judentums nach dem Mondkalender, sondern nach dem Sonnenkalender. Die Essener feierten also früher, einen Tag vor den orthodoxen Juden. Richtete sich Jesus nach dem Kalender der Essener? Anscheinend! Dann erlebte Jesus den ersten Tag des Pessachfestes der Essener (Markus!) und starb vor dem Pessachfest der orthodoxen Juden (Johannes!). Die Bibelautoren begingen also einen entscheidenden Fehler! Sie verwechselten die Feier der Essener mit der der orthodoxen Juden!

Wenn Sie die 21 Bilder des Altars in der Marktkirche von Hannover nacheinander betrachten, läuft vor Ihrem Auge so etwas wie ein Film ab. Sie erleben die Darstellung einer kurzen Phase von Jesu Leben, beginnend mit dem Einzug Jesu in Jerusalem. Von diesem Moment bis zum Tod am Kreuz vergingen maximal nur wenige Tage, eher nur Stunden.  Auf den »Einzug in Jerusalem« folgt die Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel. Gehen wir davon aus, dass sich Jesus wirklich bei seinen Landsleuten so unbeliebt gemacht hat. Vor dem Pessachfest müssen Hunderttausende Juden in der Heiligen Stadt gewesen sein. Jesu rabiates Auftreten im Tempel konnte sehr leicht zu einem Aufstand führen, mussten die Römer befürchten. Von diesem Moment an musste Jesus jederzeit mit seiner Verhaftung durch die Römer rechnen, zum Beispiel beim »letzten Abendmahl«. Die Römer konnten sich auf ein gut organisiertes System von Spitzeln verlassen. Wenn sie Jesus für einen potentiellen Aufrüher hielten, dann wussten sie gerade in den Tagen des Pessachfestes genau, wo sich Jesus mit seinen Jüngern aufhielt.

Foto 5: Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße

Auch bei der berühmten »Fußwaschung« (8) hätte jederzeit eine Spezialeinheit der Römer auftauchen können, um Jesus und seine engsten Vertrauten zu verhaften.

Wenn Sie die einzelnen Bilder des Altars studieren, können Sie sich strikt an die Texte der Evangelisten halten. Dann werden Sie mache Szene wiedererkennen. Aber sind die 21 Schnitzereien vom Altar wirklich nur Illustrationen zu einigen Texten aus den Evangelien? 

Fotos 6 und 7: Spazieren Sie in Gedanken durch das Bild..

Wie gesagt: Nehmen Sie sich Zeit und spazieren Sie in Gedanken durch die einzelnen Szenen. Haben Sie keine Angst vor eigenen Gedanken, die durchaus im Widerspruch zu den Evangelien stehen können. Bitte betrachten Sie sorgsam die Darstellung der Fußwaschung. Jesus wäscht einem der Jünger, vermutlich Petrus, die Füße.

Aber fällt Ihnen eine zweite Jesusgestalt auf? Der »zweite« Jesus gleicht dem ersten wie ein Zwilling dem anderen. Segnend hebt der zweite Jesus die Hand, so wie wir es aus schier endlos vielen sakralen Darstellungen kennen. Ein Beispiel von schier unendlich vielen: Der segnende Jesus vom Altarbild von Kirchbrak. Zwei Jesusse?? Was könnte das bedeuten? Gibt es versteckte Botschaften in sakralen Kunstwerken, die wir bis heute nicht wie ein Buch lesen können?


Fotos 8 und 9: Zwei »Jesusse« bei der Fußwaschung?


Fußnoten

Foto 10: Jesus segnet...
(1) Siehe Evangelium nach Matthäus Kapitel 26, Vers 22
(2) Siehe Evangelium nach Markus Kapitel 14, Vers 19
(3) Evangelium nach Markus Kapitel 14, Vers 12
(4) Siehe besonders:
Das Evangelium nach Johannes Kapitel 18, Vers 28
(5) Siehe »Traktat Sanhedrin«, Mischna 4,1
(6) Das Evangelium nach Markus Kapitel 14, Vers 13
(7) Siehe: Das Evangelium nach Lukas Kapitel 22, Vers 24
(8) Evangelium nach Johannes Kapitel 13, Verse 1-20

Zu den Fotos:

Foto 1: Das Heilige Abendmahl in der Marktkirche. Detailaufnahme Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Keine Spur von den 3 Königen auf dem Altar. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Abendmahl von Kirchbrak. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Hier wurden die Heiligen Texte der Essener gefunden:
wiki commons (talk/ contribs)
Foto 5: Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße.
Detailaufnahme Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7:Spazieren Sie in Gedanken durch das Bild..
Detailaufnahmen Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Zwei »Jesusse« bei der Fußwaschung?
Detailaufnahmen Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Jesus segnet...Detailaufnahme Kirchbrak, Foto
Walter-Jörg Langbein


286 »Das Kreuz mit dem Prozess«
Teil 286 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 12.07.2015
 


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Sonntag, 28. Juni 2015

284 »Judas war kein Verräter«

Teil 284 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick zum Altar

Der Hochaltar der Marktkirche ist und war ein Blickfang für jeden Besucher des Gotteshauses. Die majestätische Schlichtheit der Hallenkirche lässt die Farbenpracht des Altars besonders hervortreten. Altäre gab es als Tische schon in vorchristlichen Kulturen. Meist dienten sie für Opfergaben, die die Götter gnädig stimmen sollten.

Der Aufbau auf dem Altar der »Marktkirche St. Georgii et Jacobi« in Hannover hat eine bewegte Vergangenheit. Etwa 1470 bis 1485 fertiggestellt wurde der Altar anno 1663 ausgebaut und kam in die Aegidienkirche. Als diese 1856 renoviert wurde, gelangte der Altar ins Welfenmuseum. Im II. Weltkrieg wurden seine äußeren Flügel zerstört. 1952 wiederum fand er seinen heutigen Platz in der Marktkirche zu Hannover. Wäre er in der Aegidienkirche verblieben, würde das kostbare Kleinod sakraler Kunst nicht mehr existieren. Die Aegidienkirche wurde 1943 von der »Royal Airforce« und den »United States Army Air Forces« systematisch bombardiert. Es wurden massive Bombenabwürfe systematisch organisiert, so als habe man die Stadt vollkommen auslöschen wollen. Die Aegidienkirche wurde bis auf die Außenmauern völlig zerstört.

Foto 2: Der Altar in der Hallenkirche

Im Christentum hatten die Altäre sakramentale Bedeutung zur Erinnerung an das »letzte Abendmahl« Jesu, bevor ihm der Prozess gemacht wurde. Erst im 13. Jahrhundert ging man dazu über, Aufsätze anzubringen, deren geschnitzte und gemalte Bildnisse die Gemeinde wie ein Buch lesen konnte. Das führte dazu, dass die Priester ihren Platz hinter dem Altar aufgeben mussten. Sie wechselten vor den Altar.

Bildtafel Nummer 3 zeigt das »letzte Abendmahl«. Jesus sitzt mit seinen Jüngern an einem (runden?) Tisch. Er hat offenbar ein Stück Brot in die Schüssel getaucht und reicht den kleinen Happen Judas. Als biblische Vorlage diente eindeutig das Evangelium nach Johannes (1):

Foto 3: Das letzte Abendmahl

»Als Jesus das gesagt hatte, wurde er betrübt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.
Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.

Es war aber einer unter seinen Jüngern, den Jesus lieb hatte, der lag bei Tisch an der Brust Jesu.

Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete.
Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's?

Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.«

Betrachten wir die wiederum sehr detailreiche Darstellung am Altar der Marktkirche von Hannover, so entdecken wir – nur aus der Nähe – interessante Einzelheiten. Der Bissen, den Jesus Judas vor den geöffneten Mund hält, hat nicht die Form eines abgebrochenen Stückchen Brots, sondern die einer Oblate. (Im Foto weiß markiert!)

Foto 4: Oblate und Geldbeutel

Und Judas trägt unter dem rechten Arm den Beutel (im Foto gelb markiert!)
mit dem Lohn für seinen Verrat. Aber hat Judas Jesus wirklich verraten? Im Verlauf der letzten Jahre änderte sich das Bild, das vom vermeintlich »bösen« zeichnet!

»Judas war kein Verräter!« Diese These mutet kühn an. Sie widerspricht vollkommen wichtigen Aussagen, die nach allgemein verbreiteter Ansicht im Zentrum der Bibel stehen. Menschen, die nie zur Bibel greifen, aber auch emsige Bibel-Leser glauben sicher sein zu können, dass Jesus von Judas verraten wurde. Aber eine sorgsame Analyse verschiedener Texte des »Neuen Testaments« kommt zu einem geradezu revolutionär anmutenden Resultat.

Foto 5: Der Judaskuss von Urschalling

Unzählige Darstellungen von Judas gibt es weltweit in unzähligen Kirchen. Ein Beispiel: Urschalling am Chiemsee. Die einstige Wehrkirche dort bietet viele Geheimnisse! Judas Ischariot, dessen Name seit vielen Jahrhunderten so etwas wie ein Synonym für Untreue, Lug und Trug ist, wird seit fast zwei Jahrtausenden gründlich missverstanden. Die Wahrheit steht im »Neuen Testament«. Man muss sich nur von lieb gewordenen biblischen Irrtümern verabschieden. Erst dann wird offenbar, was wirklich in der Bibel steht.

In einem Punkt stimmen die vier kanonischen Evangelien, bei allen Widersprüchen, überein: Jesus weiß beim letzten Abendmahl mit seinen Getreuen, dass ihn einer seiner Jünger verraten wird. Das besagt eindeutig der Text aller gängigen Ausgaben des »Neuen Testaments«...allerdings nur in Übersetzungen. Im griechischen Originaltext wird man aber vergeblich nach dem Verb »verraten« suchen. Da wird stets das Griechische »paradidonai« benützt.

Was aber bedeutet »paradidonai«? Das geht aus dem Brief des Paulus an die Galater deutlich hervor (2): Paulus preist Jesus, der sich als Sohn Gottes für den Menschen Paulus freiwillig hingab. Für den Neutestamentler Pinchas Lapide ist somit Judas nicht der bösartige Verräter Jesu, sondern der treue Jünger Jesu, der mithalf, den göttlichen Plan im Einverständnis mit Jesus selbst in Erfüllung gehen zu lassen.

So fordert Jesus Judas im Evangelium nach Johannes – in der wörtlichen Übersetzung – konkret auf (3) »Was Du zu tun im Begriff bist, das tue schneller.« Möglich ist auch die Übersetzung: »Was Du tun musst, dass tue schneller!« Der große Kirchenlehrer Origines (etwa 185-254 n.Chr.) verstand den Kreuzestod Jesu deshalb auch nicht als Folge eines teuflischen, bösartigen Verrats, sondern als heilgeschichtliche Unvermeidlichkeit im großen Plan Gottes. Jesu Tod war demnach kein Unglück als Folge eines Verbrechens, sondern planmäßiges Geschehen.

Foto 6: Die Kirche von Urschalling

Geht man den vier Evangelientexten nach Johannes, Markus, Lukas und Matthäus im griechischen Original auf den Grund, so wird aus einem Verrat durch Judas die »Dahingabe« mit Jesu Einverständnis. Die Evangelientexte bringen, bei aller Widersprüchlichkeit, eine theologische Überzeugung zum Ausdruck: Aus theologischer Sicht war Judas kein verbrecherischer Verräter, der durch seine Tat an der Ermordung Jesu beteiligt war. Aus theologischer Sicht war Judas ein Mitwirkender am göttlichen Plan. Der kritische Bibelwissenschaftler aber muss hinterfragen. Entsprechen die theologisch gedeuteten Texte der historischen Wirklichkeit?

Zweifel sind angebracht! Vor seiner Verhaftung befand sich Jesus an mehreren Tagen im Tempel von Jerusalem und predigte vermutlich zu Tausenden. Zumindest in jenen Tagen muss Jesus, glaubt man dem »Neuen Testament«, stadtbekannt gewesen sein. Ein verräterischer Freund wäre also überhaupt nicht erforderlich gewesen, um den »Aufrührer« zu identifizieren.

Um die Frage nach dem »Verrat« Jesu durch Judas beantworten zu können, dürfen wir nicht nur die Evangelien des »Neuen Testaments« befragen. Es gibt eine ältere Quelle, die ebenfalls ins »Neue Testament« aufgenommen wurde. Noch bevor die vier kanonischen Evangelien entstanden, verfasste Paulus seine berühmten Briefe, die in den Text des »Neuen Testaments« aufgenommen wurden. Paulus, der älteste Kronzeuge des »Neuen Testaments«, verliert kein Wort über einen Verrat, den Judas begangen haben soll.

Paulus berichtet, dass Jesus nach der Auferstehung zunächst dem Kephas, dann den zwölf Jüngern erschienen sein soll, also auch Judas. Glaubt man aber den Evangelisten, dann war der vermeintliche »Verräter« zu diesem Zeitpunkt längst tot, weil er sich aus Schuldbewusstsein das Leben genommen hatte. Von einem Verrat Jesu durch Judas weiß aber der älteste Kronzeuge Paulus ebenso wenig wie von seinem angeblichen Selbstmord. Mein Resümee: Judas hat Jesus nicht verraten!

Foto 7: Jesus, Judas und die Häscher

Die nächtliche Verhaftung Jesu im Garten Gethsemane wird auf dem Altarbild von Hannover wie ein Film und doch nur  in einem Bild dargestellt. Es ist bewundernswert, wie der Künstler in einem starren, in Holz geschnitzten Bild, Bewegungsabläufe darstellen konnte.

Eben hat Jesu Jünger Petrus dem Malchus (4), einem Knecht des Oberpriesters, ein Ohr abgeschlagen. Dem Mann ist seine Laterne entglitten, sie liegt am Boden. Im Hintergrund (links oben) sieht man Judas mit seinem »Geldbeutel« davon eilen. In diesem Moment mag Jesus die Worte zu Petrus gesprochen haben, die vom Evangelisten Johannes überliefert wurden (5): »Steck dein Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?« 

Man kann die 21 Bilder vom Altar der Marktkirche zu Hannover wie ein Buch lesen, besonders aus der Nähe, wenn man die zum Teil recht kleinen Einzelheiten erkennt, die von den Künstlern so sorgsam herausgearbeitet wurden. Ohne Kenntnis der biblischen Texte allerdings bliebe vieles unverständlich. 


Fußnoten
Foto 8: Marktkirche im Mittelalter

(1) Evangelium nach Johannes, Kapitel 13, Verse 21-26
(2) Brief des Paulus an die Galater Kapitel 2, Vers 20
(3) Evangelium nach Johannes Kapitel 13, Vers 27
(4) Evangelium nach Johannes, Kapitel 18, Vers 10
(5) Evangelium nach Johannes, Kapitel 18, Vers 11

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2:  Blick Richtung Altar in der Marktkirche von Hannover.
Fotos Walter-Jörg Langbein

Fotos 3 und 4: Altarbilder Marktkirche Hannover. Foto Walter-Jörg Langbein

Fotos 5: Verhaftung Jesu und Judaskuss aus der Kirche von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 6: Die Kirche von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 7: Altarbild Marktkirche Hannover

Foto 8: So soll die Marktkirche im Mittelalter ausgesehen haben. Zeichnerische Rekonstruktion, etwa 1850 entstanden.

285 »Jesus und das Fest der Essener«
Teil 285 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«,                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 05.07.2015


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