Sonntag, 12. Juli 2015

286 »Das Kreuz mit dem Prozess«

Teil 286 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der gefesselte Jesus wird vor Hannas gebracht.

Was geschah mit Jesus, nachdem er im Garten Gethsemane verhaftet und abgeführt worden war? Die Aussagen der Evangelisten dazu sind widersprüchlich. Nach Lukas wurde Jesus in der Nacht von seinen Häschern gepeinigt (1): »Die Männer aber die Jesus gefangen hielten verspotteten ihn und schlugen ihn.« In der Nacht findet nach Lukas kein Verhör statt. Erst am Morgen wurde Jesus vor den Hohen Rat geführt.

Im Evangelium nach Johannes (2) gab es keine Wartezeit, vielmehr schaffte man Jesus offenbar umgehend in der Nacht und nicht erst am Morgen zu Hannas:  »Die Schar aber und ihr Anführer und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war.«  Nach Befragung und Misshandlung wurde Jesus weitergereicht (3): »Und Hannas sandte ihn gebunden zu dem Hohenpriester Kaiphas.«

Jesus vor Kaiphas

Im Evangelium nach Markus wird der Sachverhalt so dargestellt (4): » Und sie führten Jesus zu dem Hohenpriester; und es versammelten sich alle Hohenpriester und Ältesten und Schriftgelehrten.«  Konform mit Markus geht Matthäus (5): »Die aber Jesus ergriffen hatten, führten ihn zu dem Hohenpriester Kaiphas, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten.«

Im Evangelium nach Lukas (6) bleibt der Hohepriester anonym, nur sein Titel wird genannt. In seiner Apostelgeschichte (7) heißt der Hohenpriester – und das ist falsch – Hannas. Historisch korrekt ist das Evangelium nach Matthäus. Der Hohepriester war damals Kaiphas. Der Verfasser des Evangeliums nach Johannes nennt zunächst den richtigen Namen (2), nämlich Kaiphas. Doch wenige Worte später heißt der Hohepriester im Johannes-Evangelium plötzlich Hannas. Eindeutig wird – nach Johannes – Jesus zunächst von Hannas verhört, und der wird als »Hohepreister« bezeichnet (9). Wenige Worte später lesen wir wieder – historisch korrekt vom Hohepriester Kaiphas.

Jesus vor Herodes

Mögliche Erklärung: Hannas war Hohenpriester, wurde aber 15 n.Chr. abgesetzt. Führte er trotzdem seinen Titel weiter? Wurde also Jesus zunächst zum ehemaligen und dann zum aktuellen Amtsinhaber gebracht? Aber warum sollte der abgesetzte Würdenträger überhaupt konsultiert worden sein? Kam es den Verfassern der Evangelien auf historische Details nicht an? Oder waren sie ihnen gar nicht bekannt?

Wer ließ Jesus verhaften? Waren es die Juden, die in Jesus einen gotteslästerlichen Verbrecher sahen? Oder waren es die Römer, die Jesus als Widerstandskämpfer fürchteten? Oder arbeiteten Priesterschaft der Juden und römische Militärmacht Hand in Hand? Bei Johannes (10) machten sich Römer und Juden auf, um Jesus im Garten Gethsemane gefangen zu nehmen: eine »speira«, also eine Kohorte von 600 Mann und die »Knechte der Juden«.

Geißelung Jesu

Rom war die Besatzungsmacht, das »Heilige Land« unterstand Rom. Das empörte natürlich strenggläubige Juden. Ist es denkbar, dass sich die römische Besatzungsmacht herabließ, Jesus im Auftrag der Juden zu verhaften? Ist es wahrscheinlich, dass die römischen Truppen ausgerechnet zu Hannas brachten, den die Römer selbst rund fünfzehn Jahre zuvor abgesetzt hatten?

Ich hatte 1976 Gelegenheit, mit Rudolf Augstein über Jesu‘ Prozess und Hinrichtung zu sprechen. Rudolf Augstein (1923-2002), Spiegelherausgeber und profilierter Journalist, hatte 1972 ein penibel recherchiertes Buch über Jesus publiziert (11), das nicht nur in Deutschland heiße Diskussionen auslöste. Rudolf Augstein fand meine Bemühungen, den historischen Ablauf der letzten Lebenstage Jesu anhand der biblischen Texte zu rekonstruieren (12), »nicht wirklich amüsant«. Ich würde in den Schriften des »Neuen Testaments« eine Vielzahl von Behauptungen zum Ablauf der Geschehnisse finden. Jede davon sei mehr oder minder »unwahrscheinlich«. Sicher, es gebe für jede »Unwahrscheinlichkeit« eine »theologische Erklärung«, aber die Summe der »erklärten Unwahrscheinlichkeiten« ergebe »kein sinnvolles Ganzes«.

Richtig ist, dass die Faktenlage mehr als unsicher ist. Ist es denkbar, dass die römische Autorität Jesus den Juden überließ? Ist es denkbar, dass eine jüdisch-religiöse Gerichtsbarkeit ein Todesurteil verhängen konnte? Darüber streiten sich bis heute die Gelehrten. Leider geben die Schriften des »Neuen Testaments« weniger Nachprüfbares her als wir gerne hätten. Wer hat Jesus verhört und verurteilt? Wer ist damals im Hause des Kaiphas zusammengekommen? War es der »Große Sanhedrin«, bestehend aus Hohenpriester, Ältesten und Schriftgelehrten? Der »Große Sanhedrin« war so etwas wie eine juristische Institution im »Heiligen Land«. Aber fällte der »Große Sanhedrin« Urteile? War er befugt, Menschen wie Jesus zum Tode zu verurteilen? Die Meinungen der Experten gehen weit auseinander.

Jesus wird verspottet und gepeinigt

Joseph Gedalja Klausner (1874 -1958) war ein russischer Historiker und Religionswissenschaftler, postulierte in seinem Buch über Jesus von Nazareth (13), dass die Römer dem Sanhedrin die Strafgerichtsbarkeit weitestgehend entzogen haben. Demnach durfte der Sanhedrin Jesus nicht zum Tode verurteilen und schon gar nicht das Urteil vollstrecken lassen. Wer also machte Jesus den Prozess? Und warum wurde Jesus nach Römerart gekreuzigt, wenn er von den Juden verurteilt wurde? Hätte er dann nicht gesteinigt werden müssen? Und wenn Pilatus wirklich von der Unschuld Jesu überzeugt gewesen wäre, hätte er ihn dann trotzdem kreuzigen lassen?

Die neutestamentlichen Quellen bieten wenig wirklich Greifbares. Trotzdem schreiben Theologen üppige Wälzer. Der Neutestamentler Josef Blinzler (1910-1970) zum Beispiel überrascht mit seinem 530 Seiten dicken Opus über den »Prozeß Jesu« (14). Übertroffen wird der Gelehrte  von seinem Kollegen Willibald Bösen (1938 geboren). Der römisch-katholische Theologe war bis zum Ende des Sommersemesters 2003 Professor für Biblische Theologie und ihre Didaktik an der Universität Bielefeld. Auf immerhin 410 breitet er sich über den letzten Tag des Jesus von Nazareth (15) aus und verspricht alles zu enthüllen, so der Untertitel seines Opus »Was wirklich geschah«. Keine Frage bleibt unbearbeitet. Hing Jesus nackt am Kreuz? Oder trug er einen Lendenschurz oder ein Schamtuch? Nirgendwo im »Neuen Testament« findet sich ein Hinweis auf dieses Detail.

So kommt Willibald Bösen zur Erkenntnis (16): »Letztlich ist diese Frage nicht mehr sicher zu entscheiden.«

Jesus mit Dornenkrone wird vor seine Ankläger geführt

In einem Seminar zum »Neuen Testament« wurde auch diese Frage an der Universität von Erlangen erörtert, wo ich in den 1970er Jahren evangelische Theologie studierte. Einigung wurde nicht erzielt. »Jesus trug am Kreuz ein Schamtuch. Wenn dem nicht so gewesen wäre, hätten das die Evangelisten erwähnt!«, meinte unser Professor. »Jesus war ganz nackt am Kreuz!«, widersprach mutig sein Assistent. »Die Evangelisten wären sonst unbedingt auf ein Schamtuch eingegangen. Es war in ihren Augen aber nicht schicklich, die nackte Wahrheit zu erörtern. Jesus ganz und gar nackt, das passte nicht zu ihrem Bild vom Messias.«

Es ist schon erstaunlich, welche Detailfreude Willibald Bösen an den Tag legt, was den Prozess Jesu angeht. So fabuliert er, dass zunächst beim jüdischen Verhör (17) »eine Clique aus zehn bis zwölf maßgeblichen« jüdischen Würdenträgern anwesend war. Von diesen Männern folgten dann, so Bösen, »insgesamt vier bis fünf« (18) dem Delinquenten Jesus zu Pilatus. Auch wie lang der Prozess dauerte, behauptet Bösen zu wissen (19): »mit allen Wartezeiten fünf Stunden«. Wie der Wissenschaftler zu derlei Erkenntnissen kommt, bleibt ein Rätsel. Aus dem »Neuen Testament« jedenfalls kann er auch mit viel Fantasie diese Angaben nicht herausgelesen haben.

Pilatus gibt Jesus zur Kreuzigung frei

Nüchtern stellt das »Arbeitsbuch zum Neuen Testament« fest (20): »Der historisch gesicherte Grundbestand der Passionstradition erweist sich als relativ schmal. Unbezweifelbar ist die Tatsache der Verurteilung Jesu, ferner seine Kreuzigung und sein Tod, überaus wahrscheinlich ist die Beisetzung des Verstorbenen durch einen Fremden.«

Alles andere als nüchtern sind die 21 Felder auf dem Hochaltar zu Bremen. Sie sind ebenso wie die nach den vier Evangelisten benannten Bücher des »Neuen Testaments« beeindruckende Bekenntnisse zum christlichen Glauben. In unserer Zeit ist das so schlicht formulierte Gebot der christlichen Nächstenliebe wichtiger denn je, zumal es leider offenbar in weiten Teilen unseres Planeten nicht beherzigt wird. Wir leben leider in einer Welt des wachsenden Fanatismus, der grausame Gewalt als vermeintliche Befolgung religiöser Gebote predigt. Zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus sind es fundamentalistische Islamisten, die Hass predigen. »Liebe deinen nächsten wie dich selbst!«, wenn wir alle, über die Konfessionen hinweg, dieses Gebot befolgen würden... wir kämen dem Paradies ein sehr großes Stück näher.

Niemand wird heute bestreiten, dass das Christentum zu Europa, zu Deutschland gehört. Wir sind im christlichen Abendland verwurzelt. Sollten wir da nicht alle zumindest das »Neue Testament« lesen? Zu unserem Erbe gehören auch viele sakrale Baudenkmäler aus frühen Zeiten, Kapellen, Kirchen und Kathedralen. Sie bieten jedem Zeitgenossen immer noch Zuflucht vor der lauten Hektik unseres Alltags... Stille im Lärm.

Fußnoten

(1) Evangelium nach Lukas Kapitel 22, Vers 63
(2) Evangelium nach Johannes Kapitel 18, Verse 12 und 13
(3) Evangelium nach Johannes Kapitel 18, Vers 24
(4) Evangelium nach Markus Kapitel 14, Vers 53
(5) Evangelium nach Matthäus Kapitel 26, Vers 57
(6) Evangelium nach Lukas Kapitel 22, Vers 54
(7) Apostelgeschichte des Lukas Kapitel 4, Vers 6
(8) Evangelium nach Johannes Kapitel 18, Vers 13
(9) Evangelium nach Johannes Kapitel 18, Vers 19
(10) Evangelium nach Johannes Kapitel 18, Vers 12
(11) Augstein, Rudolf: »Jesus Menschensohn«, München 1972
(12) Handschriftliches Gedächtnisprotokoll des Gesprächs mit Rudolf Augstein,
verfasst von Walter-Jörg Langbein
(13) Klausner, Joseph Gedalja: »Jesus of Nazareth: His life, times, and teaching«, London 1947
(14) Blinzler, Josef: »Der Prozess Jesu«, 4. Auflage, Regensburg 1969
(15) Bösen, Willibald: »Der letzte Tag des Jesus von Nazaret/ Was wirklich geschah«, Freiburg 1999
(16) ebenda, Seite 288
(17) ebenda, Seite 175
(18) ebenda, Seite 215
(19) ebenda, Seite 240
(20) Conzelmann, Hans und Lindemann Andreas: »Arbeitsbuch zum Neuen Testament«, 14. Auflage, Tübingen 2004,S. 505

Zu den Fotos: 

Alle Fotos (Altar Marktkirche Hannover): Walter-Jörg Langbein


287 »Das Geheimnis des Bluttuchs«,
Teil 2867 der Serie

»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 19.07.2015


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Sonntag, 5. Juli 2015

285 »Jesus und das Fest der Essener«

Teil 285 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Das Heilige Abendmahl in der Marktkirche

Der Marktkirchen-Altar von Hannover, zwischen 1470 und 1485 vollendet, erzählt in einer Art sakralem »Comicstrip« einen Teil der Geschichte Jesu. Ausgelassen wird ein erheblicher Teil von Jesu »Biografie«, der sonst in christlichen Kirchen in unzähligen Gemälden, Fresken und Holzschnitzereien gern opulent präsentiert wird. Es fehlen die Darstellungen idyllischer Stallszenen von Bethlehem, es gibt keinen Hinweis auf die »Heiligen Drei Könige« oder den »Stern«, der die Männer aus dem Morgenland führte. Kein einziges Bild geht auf den Kindermord ein, den Herodes angeordnet haben soll, weil er befürchtete der Messias würde ihn vom Thron des Königs stoßen und sich selbst zum Regenten ausrufen lassen. So etwas hatten doch angeblich die Propheten geweissagt. Und die »Heiligen Drei Könige« waren doch von weither angereist, um den neuen Herrscher zu huldigen.Selbst ins winterliche Weserbergland sind die Heiligen Drei Könige gekommen, auf dem Altarbild von Hannover sucht man sie vergebens...

Foto 2: Keine Spur von den 3 Königen auf dem Altar

Es fehlt auch jegliche Darstellung der Wundertaten Jesu, die ja für die Gläubigen beweisen, dass Jesus der lang ersehnte Messias war. Kennzeichen des Messiastums waren doch Wunder. Wunder galten als das typische Merkmal des Messias schlechthin. Zu Jesu Zeiten gab es nicht wenige Zeitgenossen, die predigend durch die Lande zogen. Jeder konnte behaupten, der von den Propheten geweissagte Messias zu sein. Wer von den selbsternannten Kandidaten aber keine Wundertaten vorzuweisen hatte, wurde nicht ernst genommen.

Die Geschichte Jesu, die uns der Altaraufsatz der Marktkirche wie ein Buch lesen lässt, beginnt sehr spät in der Biografie Jesu: mit dem Einzug Jesu auf einem Esel in Jerusalem. Meine Empfehlung: Besuchen Sie die Marktkirche von Hannover, besichtigen Sie das Gotteshaus, natürlich nicht während eines Gottesdienstes. Treten Sie vor den Altar, nehmen Sie sich Zeit und studieren Sie sorgsam die 21 geschnitzten Bilder des Altaraufsatzes, eines nach dem anderen. Dazu benötigen Sie wirklich viel Zeit, denn die meisterhaften Künstler haben unzählige Details verewigt, die man sonst leicht übersieht. Von einem der Plätze auf den Kirchenbänken aus können Sie sich nur einen groben Überblick verschaffen, selbst wenn Sie weit vorne sitzen.

Foto 3: Abendmahl von Kirchbrak
Das dritte Bild von links in der oberen Reihe zeigt die »Entlarvung des Judas durch Jesus«. Die Situation wird im »Neuen Testament« mehrfach beschrieben. Jesus hat eben verkündet, dass ihn einer der anwesenden Jünger »verraten« wird. Nach den Evangelisten Matthäus (1) und Markus (2) fragten alle Jünger, einer nach dem anderen: »Herr bin ich’s?« Sollten es wirklich jeder Jünger zumindest für möglich gehalten haben, dass er Jesus ans sprichwörtliche Messer liefern würde? Das spricht nicht wirklich für einen besonders innigen Glauben an die Rolle Jesu.

Jesus und seine Gefolgsleute fühlten sich dem alten religiösen Brauch des Pessachfestes  sehr verbunden. Nach Markus (3) erkundigten sich seine Jünger »am ersten Tage des Pessachfestes, da man das Osterlamm opferte: Wo willst du, dass wir hingehen und dir das Osterlamm bereiten, dass du es essest?«  Nach Markus feierten Jesus und seine Jünger am ersten Tag des Pessachfestes. Nach Johannes war er zu diesem Zeitpunkt längst tot. Die exakten Ausführungen des Johannes (4) lassen keinen Zweifel zu: Jesus wurde am Tag vor dem Pessachfestes gefangen genommen, vor den jüdischen Hohen Rat gebracht und befragt, schließlich von Pilatus zwei Mal verhört, verurteilt, blutig geschlagen und gegeißelt, gekreuzigt, vom Kreuz abgenommen und ins Grab gelegt.

Die Darstellung des Evangeliums nach Markus scheint eindeutig falsch zu sein. Denn dann hätte der Prozess an einem der heiligsten Feiertage stattgefunden. Das ist undenkbar. Jüdische wie römische Autoritäten müssen daran interessiert gewesen sein, dass der Prozess und  die Hinrichtung Jesu vor dem Pessachfest stattfanden. Man musste mit etwa zwei Millionen Pilgern in Jerusalem rechnen. Römische wie jüdische Autoritäten haben sicher alles vermieden, was zu Aufruhr hätte führen können. Die Römer wussten, wie verhasst sie im Volk waren. Die Hinrichtung Jesu hätte leicht der Anlass zu einem Volksaufstand werden können, musste also aus Sicht der Besatzungstruppe vor dem Fest stattfinden. Die jüdischen Autoritäten waren an strenge Vorschriften gebunden. Im jüdischen Gesetzbuch heißt es (5): 

»Deshalb richtet  man nicht am Vorabend des Sabbats oder eines Feiertages.« Deshalb kann auch die Darstellung nach dem Evangelium des Johannes eigentlich nicht stimmen: Jesus muss früher verurteilt und hingerichtet worden sein. Aber wann? Gibt es eine Erklärung für die Widersprüche zwischen Markus, Johannes und den Vorschriften der Mischna (jüdische Sammlung der Gesetzesüberlieferung) ? Sie findet sich versteckt im »Neuen  Testament«.

Im Evangelium nach Markus (6) befiehlt Jesus seinen Jüngern: »Geht in die Stadt, dort wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt.« Dem sollen sie folgen. Der Mann werde sie zum Haus der Pessachfeier bringen. Wasserholen war aber zu Jesu Zeiten reine Frauensache. Es gab nur eine Ausnahme: Zur Gemeinschaft der Essener waren keine Frauen zugelassen. Bei den Essenern holten also Männer Wasser vom Brunnen. Jesus hatte immer wieder Frauen in seinem Gefolge. Wieso feierte er dann das letzte Pessachfest vor seiner Kreuzigung nur mit Männern? Zelebrierte Jesus das heilige Ritual also bei Essenern?

Foto 4: Hier wurden die Heiligen Texte der Essener gefunden.

Bei den Essenern gab es strenge Vorschriften über die Rangordnung der Mitglieder. In der Gemeinderegel von Qumran wird genau festgelegt, wer bei Tisch wo sitzen darf. Über eben diese Frage (7) gab es bei Jesu letztem Pessachfest Streit.

Feierten Jesus und seine Jünger also bei Essenern? Die Essener rechneten nicht wie die offiziellen Priester des Judentums nach dem Mondkalender, sondern nach dem Sonnenkalender. Die Essener feierten also früher, einen Tag vor den orthodoxen Juden. Richtete sich Jesus nach dem Kalender der Essener? Anscheinend! Dann erlebte Jesus den ersten Tag des Pessachfestes der Essener (Markus!) und starb vor dem Pessachfest der orthodoxen Juden (Johannes!). Die Bibelautoren begingen also einen entscheidenden Fehler! Sie verwechselten die Feier der Essener mit der der orthodoxen Juden!

Wenn Sie die 21 Bilder des Altars in der Marktkirche von Hannover nacheinander betrachten, läuft vor Ihrem Auge so etwas wie ein Film ab. Sie erleben die Darstellung einer kurzen Phase von Jesu Leben, beginnend mit dem Einzug Jesu in Jerusalem. Von diesem Moment bis zum Tod am Kreuz vergingen maximal nur wenige Tage, eher nur Stunden.  Auf den »Einzug in Jerusalem« folgt die Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel. Gehen wir davon aus, dass sich Jesus wirklich bei seinen Landsleuten so unbeliebt gemacht hat. Vor dem Pessachfest müssen Hunderttausende Juden in der Heiligen Stadt gewesen sein. Jesu rabiates Auftreten im Tempel konnte sehr leicht zu einem Aufstand führen, mussten die Römer befürchten. Von diesem Moment an musste Jesus jederzeit mit seiner Verhaftung durch die Römer rechnen, zum Beispiel beim »letzten Abendmahl«. Die Römer konnten sich auf ein gut organisiertes System von Spitzeln verlassen. Wenn sie Jesus für einen potentiellen Aufrüher hielten, dann wussten sie gerade in den Tagen des Pessachfestes genau, wo sich Jesus mit seinen Jüngern aufhielt.

Foto 5: Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße

Auch bei der berühmten »Fußwaschung« (8) hätte jederzeit eine Spezialeinheit der Römer auftauchen können, um Jesus und seine engsten Vertrauten zu verhaften.

Wenn Sie die einzelnen Bilder des Altars studieren, können Sie sich strikt an die Texte der Evangelisten halten. Dann werden Sie mache Szene wiedererkennen. Aber sind die 21 Schnitzereien vom Altar wirklich nur Illustrationen zu einigen Texten aus den Evangelien? 

Fotos 6 und 7: Spazieren Sie in Gedanken durch das Bild..

Wie gesagt: Nehmen Sie sich Zeit und spazieren Sie in Gedanken durch die einzelnen Szenen. Haben Sie keine Angst vor eigenen Gedanken, die durchaus im Widerspruch zu den Evangelien stehen können. Bitte betrachten Sie sorgsam die Darstellung der Fußwaschung. Jesus wäscht einem der Jünger, vermutlich Petrus, die Füße.

Aber fällt Ihnen eine zweite Jesusgestalt auf? Der »zweite« Jesus gleicht dem ersten wie ein Zwilling dem anderen. Segnend hebt der zweite Jesus die Hand, so wie wir es aus schier endlos vielen sakralen Darstellungen kennen. Ein Beispiel von schier unendlich vielen: Der segnende Jesus vom Altarbild von Kirchbrak. Zwei Jesusse?? Was könnte das bedeuten? Gibt es versteckte Botschaften in sakralen Kunstwerken, die wir bis heute nicht wie ein Buch lesen können?


Fotos 8 und 9: Zwei »Jesusse« bei der Fußwaschung?


Fußnoten

Foto 10: Jesus segnet...
(1) Siehe Evangelium nach Matthäus Kapitel 26, Vers 22
(2) Siehe Evangelium nach Markus Kapitel 14, Vers 19
(3) Evangelium nach Markus Kapitel 14, Vers 12
(4) Siehe besonders:
Das Evangelium nach Johannes Kapitel 18, Vers 28
(5) Siehe »Traktat Sanhedrin«, Mischna 4,1
(6) Das Evangelium nach Markus Kapitel 14, Vers 13
(7) Siehe: Das Evangelium nach Lukas Kapitel 22, Vers 24
(8) Evangelium nach Johannes Kapitel 13, Verse 1-20

Zu den Fotos:

Foto 1: Das Heilige Abendmahl in der Marktkirche. Detailaufnahme Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Keine Spur von den 3 Königen auf dem Altar. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Abendmahl von Kirchbrak. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Hier wurden die Heiligen Texte der Essener gefunden:
wiki commons (talk/ contribs)
Foto 5: Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße.
Detailaufnahme Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7:Spazieren Sie in Gedanken durch das Bild..
Detailaufnahmen Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Zwei »Jesusse« bei der Fußwaschung?
Detailaufnahmen Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Jesus segnet...Detailaufnahme Kirchbrak, Foto
Walter-Jörg Langbein


286 »Das Kreuz mit dem Prozess«
Teil 286 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 12.07.2015
 


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