Sonntag, 6. November 2016

355 »Kunigundes Kopf«

Teil  355 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Das Sonnenloch
Wir stehen vor dem Ostchor des Bamberger Doms. Zu unserer Linken sehen wir die »Adamspforte«, zu unserer Rechten die »Marienpforte«. Betrachten wir die steinerne Wölbung des Ostchors genauer, so fällt uns in der Mitte zwischen zwei »Säulen« eine kreisrunde Öffnung im Mauerwerk auf. Man bezeichnet dieses lukenartige Fensterchen auch als »Sonnenloch«. (Siehe Fotos 1 und 2!) Wikipedia definiert den Ausdruck »Sonnenloch« wie folgt: »Als Sonnenloch wird eine Öffnung in manchen alten Kirchen und Kapellen bezeichnet, die an der Ostseite angebracht ist und durch die zu bestimmten Zeiten des Jahres (meistens ist es die Tagundnachtgleiche im März und September) das Sonnenlicht auf eine bestimmte Stelle der gegenüberliegenden Kirchenwand fällt und dort einen hellen Fleck oder auch ein Kreuz bildet.« Wikipedia illustriert diesen kurzen Artikel mit einem Foto des Sonnenlochs am Bamberger Dom.

Vor Ort erkundigte ich mich bei einem Geistlichen, der eine Gruppe japanischer Touristen führte, nach der Bedeutung des »Sonnenlochs«. Er erklärte mir: »Am 29. Juni, dem Namenstag des heiligen Apostels Petrus« strahlt die Sonne für wenige Minuten durch diese kleine Öffnung und es taucht dann ein gleißender Lichtfleck auf dem Hauptaltar des Paulus im Westflügel auf!« Ich bat den Priester um ein kurzes Interview zum Thema, was er aber vehement ablehnte. Er erklärte mir, immer ärgerlicher werdend, dass »Sonnenlöcher« in christlichen Gotteshäusern für so manchen Theologen ein Tabuthema seien. »Sonnenlöcher werden oft als heidnisch angesehen, als Hinweis auf eine astronomische Ausrichtung der Kirchen, Kapellen und Dome.«

Foto 3: Die Belsener Kirche

So gab es zum Beispiel, wie ich erfuhr, in der Belsener Kirche, auch Belsener Kapelle (1) genannt, ein »Sonnenloch«.  Das rätselhafte kleine Gotteshaus entstand um 1150, und zwar auf den Fundamenten einer wesentlich älteren Kapelle.  Anno 1752 zierten einen Giebel der Kapelle gleich drei Sonnen. Sie sollen die Auferstehung Christi symbolisieren. Anno 1784 erschien in Stuttgart das Buch »Topographische Geschichte des Herzogthums Würtemberg« von Christian Friedrich Sattler. Es enthielt vor Seite 309 eine präzise Zeichnung des Giebels. Freilich wird da die Kapelle als »Tempel« bezeichnet und die merkwürdigen Darstellungen wurden als »Götzenbilder« tituliert.

Unverkennbar ist der Hinweis auf eine ursprünglich heidnische Bedeutung der Darstellungen. Auf der Homepage der »Ev. Kirchengemeine Belsen« lesen wir: »Bekannt ist die jetzige Kirche vor allem durch die geheimnisvollen und viel gedeuteten Reliefs am Westgiebel. Die drei »Sonnen« fielen den Witterungseinflüssen zum Opfer und sind längst verschwunden. Das Sonnenloch selbst wurde von außen geschlossen, von innen ist es aber noch zu erkennen. Computersimulationen bestätigten die Realität der Lichterscheinung. Zur Tag- und Nachtgleiche zauberte es auf der gegenüberliegenden Seite im Westen ein »Kreuz aus Lichtbalken«. Auf heidnische Wurzeln deutet eine keltische Viereckschanze im Süden von Belsen.

Von Belsen zurück nach Bamberg: Nach offizieller Lesart diente das »Sonnenloch« vom Bamberger Dom nicht, wie der Name suggeriert, um Sonnenstrahlen durchzulassen. Ein Reliquienschrein habe sich im Inneren des Doms direkt hinter der Öffnung in der Mauer befunden. Licht konnte also nicht von außen in das Gotteshaus fallen. Vielmehr sollen aus dem Inneren des Gotteshauses ganz besondere »Strahlen« auf Bamberg gefallen sein. Und die gingen nicht von der Sonne aus, sondern kamen aus dem Reliquienschrein, der den Schädel der heiligen Kunigunde beherbergte. Kunigunde, etwa 980 im heutigen Luxemburg geboren, um 1033 verstorben, Gattin Heinrich II., Mitbegründerin des ursprünglichen Doms, wurde im Jahr 1200 von Papst Innozenz III. heiliggesprochen. Erst anno 1513 vollendete kein Geringerer als Tilman Riemenschneider im Dom zu Bamberg das Grabmal des kaiserlichen Paares.

Fotos 4 und 5: Der Kaisersarg
Im Gespräch mit einer Pilgergruppe aus Altötting wurde mir klar, welch großer Beliebtheit sich die Heilige Kunigunde auch heute noch erfreut. Sie überstrahlt ihren bei weitem nicht so verehrten Gatten Heinrich II. (2). Im Lauf der Jahrhunderte rückte sie fast an die Seite der Gottesmutter Maria, als »Königin und Jungfrau« nimmt sie eine ganz besondere Position im Himmel ein. Der Legende nach bezichtigte man die Kaiserin der ehelichen Untreue. Um ihre Unschuld zu beweisen, bestand sie auf einem Gottesurteil. (Siehe Fotos 6 und 7!)

Sie lief, so heißt es, über rotglühende Pflugscharen – und blieb unverletzt. Nach einer Variante der Legende schritt sie nicht über Eisen, sondern über glühende Kohlen.

Im Volksglauben sah man wohl schon früh zwischen der Gottesmutter Maria und Kunigunde Parallelen. Letztere konnte als irdische Herrscherin durchaus ein wenig mit Maria (»Himmelskönigin«) verglichen werden. Ob freilich Kunigunde tatsächlich – wie dem katholischen Glauben nach Maria – ewige Jungfrau blieb, das sei dahingestellt. Kinderlos war die Ehe von Heinrich II. und Kunigunde allerdings. Ob freilich das kaiserlich Ehepaar wirklich aus religiösen Gründen auf Intimitäten verzichtete, oder ob es medizinische Gründe für den fehlenden Nachwuchs gab? Wir wissen es nicht.

Kunigundes Schädel wurde jedenfalls als besonders kraftvolle Reliquie angesehen, die durch das vermeintliche »Sonnenloch«  hindurch segensreichen Einfluss auf die Bewohnerinnen und Bewohner von Bamberg haben sollte. Eine andere Reliquie der Heiligen Kunigunde – vermutlich ein Stück des Oberschenkelknochens – gelangte irgendwann auf unbekanntem Wege nach Florenz und wird im Museum der Medicikapellen  in einem kostbaren Reliquiar aus geschliffenem Bergkristall verwahrt. Vorübergehend stellte das Museum die Reliquie dem Bamberger Dom als »Leihgabe« zur Verfügung.

Fotos 6 und 7: Kunigundes Gottesurteil
Polykarp von Smyrna (etwa 69-155) wird von der katholischen und orthodoxen Kirche als Märtyrer verstanden und als Heiliger verehrt. Nach kirchlicher Überlieferung kannte Polykarp die Jünger Jesu noch persönlich. Wie Jesus war er den Römern suspekt, wurde verhaftet und der grölenden Menge zur Ermordung ausgehändigt. Er sollte auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, so besagt es die fromme Legende. Als aber die heißen Flammen keinerlei Wirkung bei dem 86-jährigen Greis zeigten, wurde er kurzerhand erstochen. Die sterblichen Überreste Polykarps wurden von der jungen christlichen Gemeinde als heilig angesehen. Sie wurden zu den ersten  Reliquien der Christenheit. Heute befinden sie sich auf dem Hochaltar der Kirche Sant’Ambrogio della Massima.

Luther wetterte 1524 gegen Reliquien in seiner Schrift »Wider den neuen Abgott und alten Teufel«. Auslöser für Luthers Tiraden war die Verehrung, die den Gebeinen des heiliggesprochenen ehemaligen Bischofs Benno von Meißen (1010-1106) zuteilwurden. Derlei Knochen waren für Luther nur »tot Ding« (tote Dinge). Ob Luther nicht bekannt war, dass die segensreiche Wirkung von Reliquien bereits im Alten Testament beschrieben wird? Im 2. Buch Könige (3) lesen wir: »Als aber Elisa gestorben war und man ihn begraben hatte, fielen streifende Rotten der Moabiter ins Land Jahr um Jahr. Und es begab sich, dass man einen Mann zu Grabe trug. Als man aber einige Leute von ihnen sah, warf man den Mann in Elisas Grab. Und als er die Gebeine Elisas berührte, wurde er lebendig und trat auf seine Füße.«

Fotos 8-10: Kunst am Kaisersarg
Im Lauf der Jahrhunderte wurden Reliquien klassifiziert. Als Reliquien erster Klasse gelten die toten Leiber von Heiligen oder Teilstücke davon, zum Beispiel Haare oder Knochen. Reliquien zweiter Klasse sind Gegenstände, die in direkten Kontakt mit lebenden Heiligen hatten, zum Beispiel Gewänder oder Folterinstrumente. Reliquien dritter Klasse sind Objekte, die in Kontakt mit Reliquien erster Klasse gekommen sind. Mit solchen Reliquien wurde zeitweise ein schwunghafter Handel betrieben. Sie konnten beliebig hergestellt werden, indem man – zum Beispiel – Papier-  oder Stoffschnippselchen  kurz auf Knochen eines Heiligen legte. Speziell in Südeuropa werden derlei Reliquien von niederem Rang an Wallfahrtsorten an Pilger – etwa in Verbindung mit Heiligenbildchen – verkauft.

Heilende Wirkung von Reliquien der zweiten Klasse wird im Neuen Testament beschrieben. Ob auch dieser biblische Beleg dem Reformator Luther unbekannt war? Dem Stoff, der mit dem Paulus in Berührung gekommen war, haftete nach frühchristlichem Glauben noch dessen Heiligkeit an und ließ Kranke gesund werden (4): »So hielten sie auch die Schweißtücher und andere Tücher, die er auf seiner Haut getragen hatte, über die Kranken, und die Krankheiten wichen von ihnen und die bösen Geister fuhren aus.«

In Sachen »Heiligenverehrung« unterschied sich die junge christliche Kirche stark von der heidnischen Konkurrenz. Ein Mensch mochte zu Lebzeiten noch so heilig gewesen sein, nach seinem Tod galt für die Menschen der heidnischen Antike sein Leichnam als unrein, ja als gefährlich, und zwar aus Gründen der Hygiene.

Foto 11: Vitus-Reliquiar von Corvey

Mir begegneten Reliquien immer wieder auf meinen Reisen, zum Beispiel in Corvey. In Kairo wurden mir gar mehrere kleine einige Lederfetzen zum Kauf angeboten, die angeblich einst zum Schuhwerk des Apostels Paulus gehörten. Angeblich würden sie Fußbeschwerden jeder Art heilen. Angeblich wurden diese »Reliquien« zuletzt in koptischen Klöstern versteckt. Ich sei doch viel zu Fuß unterwegs, da würden gesundheitliche Probleme unweigerlich auftreten. Die angeblichen »Paulusreliquien« würden aber nicht nur mir gut tun, sondern der Allgemeinheit. »Tun Sie sich das Paulusleder in Ihre Schuhe. Ihre Füße werden niemals schmerzen. Und wo immer Sie entlang gehen, heiligen Sie den Boden, auf dem Sie wandeln!«

Als ich dankend ablehnte, wurden mir – zu erheblich günstigerem Preis – Reste von Cheops Mumie offeriert. »Auch das sind Reliquien! Sie schützen vor Flüchen jeglicher Art! Und sie verleihen die Weisheit des Pyramidenbauers!« Wieder nahm ich Abstand vom Erwerb der »Kostbarkeiten«. Derlei Schätze, so erklärte ich mit todernster Miene, müssten doch unbedingt in Ägypten bleiben.

Foto 12: Klosterkirche Corvey
Fußnoten

1) Belsen ist ein Stadtteil von Mössingen im Landkreis 
Tübingen, Baden-Württemberg , nicht zu verwechseln 
mit dem anderen, weltweit »bekannten« Belsen. 
Im KZ Bergen-Belsen, Kreis Zelle, starben bis zur 
Befreiung durch britische Truppen am 15. April 1945
mindestens 52.000 Häftlinge auf Grund der 
unsäglichen Haftbedingungen.
2) Heinrich II.  wurde bereits 1146 heiliggesprochen.
3) 2. Buch Könige Kapitel 13, Verse 20 und 21
4) Apostelgeschichte Kapitel 19, Vers 12

Zu den Fotos
Foto 13: Klosterkirche Corvey
Fotos 1 und 2: Das Sonnenloch. Der gelbe Pfeil deutet 
auf das Sonnenloch. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Die Belsener Kirche. Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Der Kaisersarg. Fotos Walter-Jörg Langbein.
Fotos 6 und 7: Kunigundes Gottesurteil. 
Foto 6 Walter-Jörg Langbein. 
Foto 7 wikimedia commons public domain Johannes Otto Först
Fotos 8-10: Kunst am Kaisersarg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Vitus-Reliquiar von Corvey. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Klosterkirche Corvey. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 13: Klosterkirche Corvey. Foto Walter-Jörg Langbein

356 »Wurde Papst Clemens II. ermordet? Teil I«,
Teil  356 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 13.11.2016

Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 30. Oktober 2016

354 »Heinrich II., Napoleon, Adolf Hitler und die Lanze des Longinus«,

Teil  354 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein
                       

Foto 1: Die Marienpforte
Nachdem wir die beiden »Domkröten« ausgiebig betrachtet haben, wenden wir uns der »Marienpforte« am Ostchor des Bamberger Doms zu. Was sofort auffällt: Anders als bei vielen christlichen Sakralbauten sind die Skulpturen im Tympanon der Marienpforte nicht durch ein störendes Netz geschützt.

Im Zentrum thront majestätisch Maria, die Gottesmutter.  Auf ihrem Schoß sitzt das Jesuskind, ein Miniatur-Erwachsener mit lockigem Haar. Maria ist im Begriff, Jesus als Symbol seiner Autorität eine Weltkugel auszuhändigen. Maria wirkt wie eine mächtige Herrscherin, mehr wie eine Kaiserin, weniger wie die bescheidene Mutter Jesu, über die wir im Neuen Testament der Bibel nur so wenig erfahren. Die Pose der Mutter Jesu wirkt weltlich. So hat man sonst Kaiser wie den Gründer des Bamberger Doms Heinrich II. mit der Weltkugel in der Hand dargestellt. Und wenn ein irdischer Regent wie Heinrich II. die Insignien seiner Macht erhielt, dann ist es häufig Jesus Christus selbst, der das Ritual vollzieht. Eine sehr schöne Darstellung dieses Akts findet sich im Perikopenbuch Heinrich II., das in der Bayerischen Staatsbibliothek zu München verwahrt wird. In diesem kostbaren Werk ist es Jesus höchstpersönlich, der Heinrich II. und Gemahlin Kunigunde krönt.

Foto 2: Die Marienpforte mit dem Tympanon

Foto 3: Das Tympanon

Im Tympanon der Marienpforte stehen an Marias rechter Seite die beiden Patrone des Doms, Georg und Petrus. Petrus (rechts im Bild) hält ein Buch und trägt seinen Schlüssel am Gewand.

Foto 4: Petrus und Georg

An Marias linker Seite machen wir die zu Heiligen  erklärten Heinrich II  und Gemahlin  Kunigunde.

Foto 5: Heinrich II und Kunigunde

Aus den ersten Jahren des 11. Jahrhunderts entstand eine Buchmalerei, die die Krönung Heinrich II. durch Christus zeigt. Die kunstvolle Darstellung aus dem »Sakramentar« Heinrichs zeigt den Herrscher als Günstling des Himmels. Zwei Engel, aus dem Himmel kommend, überreichen ihm ein Schwert und eine Lanze. Bei der Lanze handelt es sich um eine Reliquie der besonderen Art. Nach einer frommen Legende soll einst der römische Hauptmann Longinus mit just jener Waffe in Jesu Seite gestochen haben, um auf diese Weise zu überprüfen, ob denn der Gekreuzigte auch wirklich tot sei. Nur im Evangelium nach Johannes finden wir einen Hinweis auf  den Lanzenstich, erfahren freilich weder den Namen noch den genauen militärischen Rang des Mannes (1): 

»Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.«

Foto 6: Maria mit dem Jesuskind
Im Evangelium nach Matthäus wird der Lanzenstich nicht erwähnt, es taucht aber ein Hauptmann auf (2): »Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!« Auch im Evangelium nach Markus taucht der anonyme Hauptmann auf, ohne allerdings den ominösen Lanzenstich zu erwähnen. Wie bei Matthäus bekundet der Römer auch bei Markus Anerkennung der Sohnschaft Gottes (3): »Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.«  In der Theologie ist man sich weitestgehend einig, dass es eben jener Hauptmann war, der in Jesu Seite stach.

Erst im apokryphen »Nikodemusevangelium«, das nicht in die Bibel aufgenommen wurde und frühestens 310 n.Chr. entstanden, werden »Annas und Kaiphas« als vermeintliche Zeugen der Kreuzigung zitiert. Ihre Aussagen gehen in einem entscheidenden Punkt über die der biblischen Evangelien hinaus (4): »Wir sahen, wie er Backenstreiche erhielt, wie man ihm ins Gesicht spie, daß die Soldaten ihm eine Dornenkrone aufsetzten, daß er gegeißelt und von Pilatus verurteilt wurde und dann auf der Schädelstätte gekreuzigt wurde; man tränkte ihn mit Essig und Galle, und der Soldat Longinus durchbohrte mit einer Lanze seine Seite.«

Foto 7: Das Tympanon der Marienpforte

Erst im apokryphen Nikodemusevangelium, dessen erster Teil auch als »Pilatusakten« bekannt ist, wird das Bild wie wir es aus den biblischen Evangelien kennen, vervollständigt. Der Soldat Longinus stach mit seiner Lanze Jesu Seite, Blut floss heraus. Das Nikodemusevangelium schildert ausführlich Prozess und Kreuzigung Jesu, wobei der Eindruck erweckt wird, dass der Text auf ein in hebräischer Sprache verfasstes Dokument zurückgeht, verfasst von einem gewissen Nikodemus. Dieser Nikodemus war laut dem Evangelium nach Johannes ein bedeutender Pharisäer, der heimlich Jesus aufsuchte, um theologische Fragen zu erörtern (5). Und eben dieser Nikodemus soll, wieder nach dem Evangelium nach Johannes zugegen gewesen sein, als Jesus starb (6). Sollte dieser Nikodemus nicht der ideale Zeuge sein, der die letzten Augenblicke im Leben des Jesus von Nazareth beschreiben kann? Macht das die Überlieferung von Longinus glaubwürdig? Wir müssen bedenken, dass das angeblich in Hebräisch verfasste Nikodemusevangelium bis heute nicht gefunden wurde. Es liegt lediglich die »Übersetzung« ins Griechische vor. Wie dem auch sei: Das Nikodemusevangelium wird als Quelle herangezogen, wenn es um den legendären Lanzenstich des Longinus geht.

Foto 8: Blick Richtung Kaisergrab
Als heiligste Reliquie schlechthin gilt im Katholizismus das Blut Jesu. Die Lanze des Longinus aber ließ Jesu Blut fließen, saugte Blut des Gekreuzigten auf. So wurde die legendäre Lanze zum sakralen Objekt. Von der Wirkung der Lanze soll Otto III. überzeugt gewesen sein, der das blutige Objekt immer mit sich führte. Als Otto anno 996 sein Heer nach Rom marschieren ließ, war auch die Lanze dabei. Anno 1002 wurde der Leichnam Otto III nach Aachen geschafft. Heinrich II. ließ den Leichenzug unterwegs überfallen, um in den Besitz der Reichskleinodien und der Lanze zu gelangen. Groß war die Enttäuschung, als ausgerechnet die Heilige Lanze nicht erbeutet werden konnte. Daraufhin nahm Heinrich II.  Heribert, Erzbischof von Köln, gefangen. Als Lösegeld forderte er die Heilige Lanze. Es wäre Heribert womöglich an den frommen Kragen gegangen, hätte nicht Bischof Heinrich von Würzburg, ein Bruder Heriberts, die Auslieferung der Longinus-Lanze zugesagt. Der Kirchenmann hielt Wort und so kam die begehrte Lanze in den Besitz Heinrich II. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Heilige Lanze in Aachen beherbergt.

Foto 9: Das Kaisergrab
Als anno 1796 französische Truppen den Rhein überquerten, befürchtete man, Napoleon wolle in den Besitz des Speers gelangen. Auf Umwegen gelangte sie so schließlich nach Wien. Anno 1938 ließ Adolf Hitler die Reichsinsignien nebst Lanze ins Deutsche Reich holen. In der Katharinenkirche konnten die Kostbarkeiten bestaunt werden. Als im II. Weltkrieg der so oft beschworene »Endsieg« immer unwahrscheinlicher wurde, sollte vor allem die Lanze dem Zugriff der feindlichen Truppen entzogen werden. Sie wurde in einem Luftschutzbunker versteckt. 1945 wurde sie von US-Soldaten gefunden und gelangte 1946 wieder zurück nach Wien. Dort befindet sie sich auch heute noch, und zwar in der Schatzkammer der Wiener Hofburg. Sie wird unter der Inventarnummer XIII/19 geführt und ausgestellt. Dort fristet sie ein eher kümmerliches Dasein, gilt doch inzwischen als gesichert, dass sie nicht aus Jesu Zeiten stammt. Sie wurde von Experten wie Peter Paulsen, Michael Hesemann weist darauf hin (7), als »karolingische Flügellanze aus dem 8. Jahrhundert identifiziert. Michael Hesemanns Fazit: »Eine Passionsreliquie ist sie nicht.«

Foto 10: Blick auf das Kaisergrab
Sakrale Objekte wie die Bundeslade des Alten Testaments, aber auch der »Heilige Gral«, Splitter vom »wahren Kreuz Jesu« und Nägel, mit denen Jesus ans Kreuz geschlagen worden sein soll, faszinieren seit vielen Jahrhunderten. Ihnen wird von vielen Gläubigen wundersame Wirkung nachgesagt. Ob sie freilich wirklich magische Kräfte besitzen, das sei dahingestellt. Ob die diversen Mächtigen, die im Lauf der Jahrhunderte immer wieder die Heilige Lanze einsetzten, an ihre Zauberkraft glaubten? Oder nutzten sie nur den Volksglauben für ihre Zwecke aus? Wenn die Lanze einem Heer vorangetragen wurde, mag das die gegnerischen Truppen beeinflusst haben. Wer glaubt, dass die »andere Seite« magische Reliquien besitzt, kämpft womöglich gar nicht mit voller Kraft.

Ich selbst lernte in Bamberg einen auf mich eher bieder wirkenden Schatzsucher der besonderen Art kennen. Er stand vor dem Kaisergrab im Dom und fotografierte emsig die Reliefs am marmornen Sarkophag, der in den Jahren 1499 bis 1533 von keinem Geringeren als Tilman Riemenschneider geschaffen wurde. Es ist anzunehmen dass Riemenschneider selbst Hand anlegte und das wichtige Hochgrab nicht seinen Angestellten überließ.

Foto 11: Eines der Reliefs am Kaisergrab

Als ich ebenfalls Aufnahmen des Sarkophags machte, da zischte mir der Möchtegern- Indiana-Jones fast ein wenig ungnädig zu: »Sie suchen wohl auch nach der wahren Lanze des Longinus?« Er ließ mich wissen, dass seiner festen Überzeugung nach Heinrich II. wirklich die echte Lanze besaß. Allerdings ließ er eine Kopie anfertigen, die er als die echte ausgab. Die zwei Jahrtausende alte »Originallanze« aber bewahrte er angeblich in einem Versteck auf. So wollte Heinrich II., der übrigens kinderlos starb, verhindern, dass die mächtige Reliquie mit echtem Blut des Jesus von Nazareth, in »falsche Hände« geriet. Ob man sie dem toten Herrscher ins Grab legte? Ob die Reliefplatten an der Tumba Kaiser Heinrichs II und der Kaiserin Kunigunde verschlüsselte Hinweise auf die Lanze enthalten?

Fußnoten
(1) Evangelium nach Johannes Kapitel 19, Verse 33 und 34
(2) Evangelium nach Matthäus Kapitel 27, Vers 54
(3) Evangelium nach Markus Kapitel 15, Vers 39
(4) Nikodemusevangelium  Kapitel XVI, Vers 7, zitiert nach Schneemelcher, Wilhelm: »Neutestamentliche Apokryphen«, Band I, »Evangelien«, 6. Auflage, Tübingen 1990, Seite 413
(5) Evangelium nach Johannes Kapitel 3, Verse 1-7
(6) Evangelium nach Johannes Kapitel 19, Vers 39
(7) Hesemann, Michael: »Die stummen Zeugen von Golgatha/ Die faszinierende Geschichte der Passionsreliquien Christi«, München 2000, Kapitel 5. »Der Speer des Schicksals«, S. 104-116, Zitat S. 116

Foto 12: Petrus, Maria, das Jesuskind und Heinrich II im Tympanon

Zu den Fotos:

Foto 1: Die Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die Marienpforte mit dem Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Das Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Petrus und Georg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Heinrich II und Kunigunde. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Maria mit dem Jesuskind. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Das Tympanon der Marienpforte. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Blick Richtung Kaisergrab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Das Kaisergrab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Blick auf das Kaisergrab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Eines der Reliefs am Kaisergrab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Petrus, Maria, das Jesuskind und Heinrich II im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein

355 »Kunigundes Kopf«,
Teil  355 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.11.2016



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (42) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Der Tote im Zwillbrocker Venn (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Der hässliche Zwilling (11) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)