Sonntag, 6. August 2017

394 »Auf der Suche nach der ältesten Pyramide«

Teil  394 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Eine der Pyramiden von Sipan.

»Es ist sehr, sehr lange her. Es geschah in uralten Zeiten, die so lange her sind, dass man es gar nicht ausdrücken kann, wie lange das Geschehen zurückliegt in der ältesten Vergangenheit. Und da kam einer, ein Familienoberhaupt, ein großer, ein wahrer Held, ein Mann mit edelsten Eigenschaften. Er kam aus dem Norden. Er kam mit seinem Gefolge, mit wackeren Helden, mit seiner Frau Cheterni. Cheterni war seine Hauptfrau. Mit ihm kamen aber zahlreiche Konkubinen. Sie alle, sie folgten ihm, ihrem Oberanführer, ihrem Herrscher. Die tapfersten seiner Männer aber, sie waren seine Offiziere, vierzig an der Zahl.

Er aber, der sie alle anführte und dem sie alle folgten, sein Name war Ñaymlap. Ninagintue war sein Mundschenk.  Occhocalo war sein Koch. Fonda Sidges Amt bestand darin, die Wege, auf denen Naymlap zu wandeln gedachte, zu fegen. Ollopopoc bereitete Naymlap das Bad, Xam Muchec war für Farben, Salben und Öle verantwortlich, die für Ñaymlaps Antlitz bestimmt waren.

Mit einer Flotte von Balsaflößen kam er, Ñaymlap, herunter aus dem Norden und er landete in der Mündung des Flusses Fakislanka, von da aus gingen sie an Land und gingen ins Landesinnere und als sie eine halbe Stunde Wegs zurückgelegt hatten, da bauten sie nach ihrer Art und Weise einen Palast und weitere Paläste. Und den Ort nannten sie Chot. Und in den Palästen, aber auch in allen Häusern, da beschworen sie ein Idol, dem sie ehrfürchtig huldigten.

Dieses Idol hatten sie auf ihrer Reise mit sich geführt und sie hatten es nach dem Bildnis Ñaymlaps gefertigt aus grünem Stein. Und dieses Idol nannten sie Yampallec, was so viel heißt wie ›Statue nach dem Bildnis des Ñaymlap‹.« (1)

Ausgerechnet ein katholischer Geistlicher hat mir die Legende von Ñaymlap erzählt, die angeblich bereits im 16. Jahrhundert ein gewisser Miguel Cabello de Balboa aufgezeichnet haben soll. Der Gottesmann war mit mir im altersschwachen Taxi unterwegs, und zwar auf dem berühmten »Pan American Highway«, die auch die mysteriöse Ebene von Nazca durchquert. (Siehe Foto 2!)

Foto 2: Highway und Nazca
Von Chiclayo ging es weiter gen Norden. In Lambayeque verließen wir den Highway, fuhren nach Westen und erreichten schon bald Chotuna. »Wir hätten uns auch von Chiclayo aus nordwestlich halten können. Aber die dreizehn Kilometer auf schlechtesten Straßen sind wirklich nicht zu empfehlen. Und man gerät da leicht in die Fänge von den Männern vom Leuchtenden Pfad. Diese Terroristen nehmen gern auch in ›Friedenszeiten‹ ausländische Geiseln und lassen sie gegen Lösegeldzahlungen, oft erst nach Monaten oder einigen Jahren frei. Auf dem ›Pan American Highway‹ ist man sicherer.«

Auf der Fahrt erzählte mir der Gottesmann die Legende vom Heros Ñaymlap, ließ dazwischen aber immer wieder Warnungen vor dem »Leuchtenden Pfad« einfließen. Damals – Anfang der 1980er Jahre – war diese maoistische »Rebellengruppe« sehr aktiv in Peru. In den 1980ern und 1990ern töteten die Terroristen vermutlich Tausende. Stolz erklärte mir »mein« Priester: »Wir Geistlichen versuchen den Menschen christliche Werte zu vermitteln, durch Predigten, persönliche Gespräche, aber vor allem durch ein möglichst christliches Leben. Bischof Luis Armando Bambarén Gastelumendi steht auch auf der Todesliste der Mörder vom ›Leuchtenden Pfad‹, wie so viele von uns Geistlichen, die die Morde dieser Terroristen Morde nennen!«

Die Legende von Ñaymlap war meinem Geistlichen wohlvertraut. Auch viele der »Einheimischen« kennen sie noch, sehr zum Ärger der örtlichen Geistlichkeit. Seit Jahrhunderten, so erfuhr ich, versuchten die katholischen Priester Naymlap in Vergessenheit geraten zu lassen, aber vergeblich. Warum? Warum war Ñaymlap den christlichen Theologen so verhasst. Erstaunliches bekam ich zu hören. Einst gab es, so raunte mir der Priester mit Verschwörermiene zu, gab es einen Mann, der sich als Ñaymlap ausgab. Dieser Mensch aus Fleisch und Blut behauptete der göttliche Ñaymlap zu sein und wurde – vor Jahrhunderten – als Autorität anerkannt. Er kommandierte, die Menschen in den Gefilden von Lambayeque gehorchten. Wer wollte schon ungehorsam sein, wenn ein Gott etwas forderte?

Foto 3: Ñaymlap vor einer Pyramide

Als Ñaymlap schließlich starb, forderten seine Nachfolger weiter strikten Gehorsam von den Menschen. Ihre Autorität basierte auf der Göttlichkeit Ñaymlaps. Deshalb vertuschten sie den Tod des Herrschers und ließen seine Leiche verschwinden, hatte der doch behauptet, unsterblich zu sein. Nur wenn sie die Lüge von Ñaymlaps Unsterblichkeit aufrecht erhielten, wurde auch ihre Autorität weiter anerkannt.

»Wenn Ñaymlap ein normaler sterblicher Mensch war, dann muss doch die Kirche keine Angst vor ihm haben?«, so fragte ich provokant. Mein Gesprächspartner winkte ab. Der Geistliche wurde langsam ärgerlich. Als die Spanier nach Südamerika kamen, hielt der Herrscher der Azteken, Mocetzuma II., den Spanier Hernán Cortés für den wiederkehrenden Quetzalcoátl. Und der hatte doch bei seinem Abschied prophezeit, er werde zwar entschwinden, der einst aber wieder zurückkommen, und zwar aus dem Osten. Der Glaube an die Göttlichkeit des Hernán Cortés wurde rasch auf eine harte Probe gestellt, als der Spanier morden und plündern, foltern und rauben ließ. Seine geradezu krankhafte Gier nach Gold passte ganz und gar nicht zu einem überirdischen Gott, sondern nur zu einem verbrecherischen Menschen. Als die Azteken ihren Irrtum erkannten, war es zu spät.

Fotos 4 und 5: Soll das Ñaymlap sein?
Auch wenn Peru offiziell »katholisch« ist, so erlebte ich immer wieder auf meinen Reisen, dass auch unter einer äußeren »christlichen« Übermalung alte vorchristliche Gottheiten weiter leben und auch in der Bevölkerung weiterhin verehrt werden. So dürfte der Ur-Ñaymlap ein »heidnischer« Gott gewesen sein, der auch heute noch in der Bevölkerung Verehrung genießt. Der Legende vom unsterblichen, sprich göttlichen Ñaymlap kann nur der Gar ausgemacht werden, wenn es gelingt, seine Gebeine ausfindig zu machen und öffentlich zu präsentieren. Nach den Aufzeichnungen von Cabello de Balboa aus dem Jahr 1586 haben die engsten Vertrauten des Ñaymlap seinen Leichnam in jenem »Palast« beigesetzt, der dem angeblich »Göttlichen« zu Lebzeiten als Palast und Regierungssitz gedient hatte.

Auf Geheiß Ñaymlaps wurde seinem Volk mitgeteilt: Der göttliche Herrscher hat uns verlassen, er ist davon geflogen. Als sein Nachfolger wurde Ñaymlaps Sohn Cium anerkannt. Als Sohn eines Gottes musste Cium ja auch göttlich sein. Auch Cium plante über seinen Tod hinaus. Auch seine Nachkommen sollten als Götter verehrt und als Herrscher anerkannt werden. Auch Cium wurde angeblich heimlich beigesetzt, angeblich in einer »unterirdischen Gruft«. Wie Ñaymlaps Grab wurde auch die letzte Ruhestätte Ciums bis heute nicht gefunden.

Wo soll sich der »Palast« von Ñaymlap ausgesehen haben? Wir wissen es nicht. Wo soll er sich befunden haben? Als »heißer Kandidat« gilt die große Pyramide von Chotuna. Einst gab es im Gebiet von Chotuna »Pyramiden«, »Paläste« und »Mauern«. Viel ist heute von der alten Pracht nicht mehr zu sehen. Die meisten, einst stolzen Bauten, wurden abgetragen. Auch die »Große Pyramide« von Chotuna ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Intensive Grabräuberei macht es unmöglich, das einst majestätische Denkmal zu rekonstruieren.

Foto 6: und Foto 7: Kuriose »Comics« von Túcume

Vermutlich gab es oben auf der Pyramide einst eine Plattform und darauf Bauten. Stand dort auf der Pyramide einst der Palast des Ñaymlap? Nach Cabello de Balboa hieß der Palast-Komplex Ñaymlaps »Chot«. Sollte sich daraus der Name »Chotuna« entwickelt haben? Sollte Naymlap in der Großen Pyramide von Chotuna bestattet worden sein? Wissenschaftliche Ausgrabungen wurden durchgeführt, es wurden Reste von Keramiken gefunden, aber keine Gruft. Festzustehen scheint, dass an der kolossalen Pyramide mehrere Jahrhunderte gebaut wurde. Sie war wohl einst über dreißig Meter hoch.

Eine gewaltige Rampe führte einst bis nach oben. Interessant: Es wurden drei »unterirdische Korridore« entdeckt, zwei im Osten, eine im Süden der Pyramide. Wohin führten sie einst? Unter die Pyramide? Ins Innere der Pyramide? Nur: Es gab keine Spur – mehr? – von einer Grabkammer oder einem Erdgrab. So bleibt es spekulativ: Ist Chotuna der Ort, wo sich einst der Palast des Ñaymlap befand? Im Bereich des Spekulativen sind auch Überlegungen, wie der einstige göttliche Herrscher ausgesehen haben mag. Vereinzelte archäologische Fundstücke könnten den mächtigen Mann zeigen, oder auch nicht. Teppichmotive zeigen »fliegende Götter«. Von Ñaymlap wurde behauptet, er sei davon geflogen. Stellen also uralte Teppichmotive Ñaymlap dar?

An Mauerwerk im Túcume-Komplex (2) fanden sich erstaunlich gut erhaltene Reliefs. Was sie darstellen, auch darüber kann nur spekuliert werden. Stehen die mysteriösen Bildnisse im Zusammenhang mit Ñaymlap? Die an Comics erinnernden Darstellungen geben Rätsel auf. Sie stellen Fragen, die bis heute nicht beantwortet werden können.

Foto 8: Comics von Túcume

Bis zum heutigen Tag wird nach dem Grab des Ñaymlap gesucht. Bislang vergeblich! Viele grundlegende Fragen konnten bis heute nicht beantwortet werden.

Wann wurden die ersten Pyramiden in Peru gebaut? Auch wenn sie so aussehen, als seien sie so alt wie die Welt, so sind die Pyramiden von Túcume und Sipán verhältnismäßig jung. Die Pyramiden von Sipán mögen, vorsichtig datiert, 700 n.Chr., die von Túcume um 1000 mach Christus entstanden sein.

Im »Casma Tal«, fast direkt an der legendären Pan-American-Schnellstraße, beim Städtchen Casma gelegen, bahnt sich eine wissenschaftliche Sensation an. Da gab es ein riesiges, bebautes Areal von der Größe von 250 Fußballplätzen. Von den einstigen Prachtbauten von Sechín ist leider so gut wie nichts mehr erhalten geblieben. Archäologen stießen bei ihren mühseligen Grabungen auf das Fundament einer steinernen Pyramide. Ihr Alter wird auf 3200 v. Chr. geschätzt! So recht weiß man nicht, welchem Zweck die diversen Bauten dienten. Dann spricht man ja gern von »Kulten«, »Riten« und »Zeremonien«.

Foto 9: Reste einer uralten Kultur in Sechín.

Die Suche nach der ältesten Pyramide von Peru ist noch nicht beendet. Wir müssen uns auf Überraschungen, ja Sensationen gefasst machen. Freilich hat es sich gezeigt, dass besonders extreme Datierungen von uralten Bauten gern bei Seite geschoben werden, um das lieb gewordene Bild von der Vergangenheit Perus nicht zu erschüttern. Und doch gibt es immer wieder Funde, die dazu zwingen, das Alter der ersten Kultur von Peru immer früher anzusetzen. Und nicht nur das. Offensichtlich konnten und wussten die Menschen vor Jahrtausenden im Raum der Küste Perus mehr als wir ihnen zutrauen möchten!

Beispiel: Im Norden von Lambayeque, dem Land der fantastischen Riesenpyramiden, entdeckten Archäologen bei Licurnique einen gewaltigen Monolithen mit geheimnisvollen Zeichnungen und Symbolen. Sie entstanden 1500 v.Chr., wahrscheinlich sogar schon 2000 v.Chr., und stehen im Zusammenhang mit astronomischen Beobachtungen (3). Die »ersten Peruaner« beobachteten offensichtlich Sonne, Mond und Sterne. Rampen an ihren Pyramiden erinnern an die alten Observatorien in Indien, wo vor Jahrtausenden Sterne angepeilt wurden.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die älteste Pyramide Perus noch nicht gefunden wurde. In den Wüstenregionen an der Pazifik-Küste Perus dürfte noch so manche Überraschung auf die Archäologen warten! Ich bin davon überzeugt: Auch die älteste Pyramide der Welt wurde bislang noch nicht ausfindig gemacht. Und wer weiß: Vielleicht wurde die älteste Pyramide unseres Sonnensystems gar nicht auf Planet Erde gebaut!


Fußnoten
1) Aufgezeichnet von Walter-Jörg Langbein. Reisenotizen, Peru 1982
2) Silverman, Helaine und  Isbell, William: »Handbook of South American Archaeology«, Springer, 2008
3) Holloway, April: »Archaeologists find stone engraved with 3500-year-old astronomical symbols in Peru«, »Ancient Origins«, 27. Juli 2014


Zu den Fotos
Foto 1: Eine der Pyramiden von Sipan. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Moderne Schnellstraße durchschneidet die Ebene von Nasca. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3:
Ñaymlap vor einer Pyramide/ Foto Walter-Jörg Langbein/ Collage Ursula Prem
Fotos 4 und 5: Soll das Ñaymlap sein? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: und Foto 7: Kuriose »Comics« von Túcume. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Comics von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Reste einer uralten Kultur in Sechín. Foto wikimedia commons/ Sylvain2803


Walter-Jörg Langbein
395 »Fische im Berg und die Osterinsel-Connection«,
Teil  395 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 13.8.2017



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Sonntag, 30. Juli 2017

393 »Wo Medizinmänner mit Teufeln sprachen«

Teil  393 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Pyramidenkomplex von Túcume im Überblick

Zweitausend Kilometer Küste hat Peru zu bieten. Weite lebensfeindliche Wüsten wirken wenig anziehend auf heutige Besucher. Und doch bietet eben diese kahlen Ebenen am »Stillen Ozean« ungeahnte Schätze, die sich viele Touristen auch heute noch, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, entgehen lassen. Im Norden Perus, einen »Katzensprung« von der Grenze zum heutigen Ecuador entfernt, liegt Túcume, ein unscheinbares Dorf. Die schlichten Hütten kleben förmlich am wohl größten Pyramidenkomplex der Welt.

Warum ist das Interesse an derlei Mysterien aus riesigen Pyramiden aus Millionen von Lehm-Ziegeln nach wie vor gering? Warum werden selbst die hervorragenden Museen vor Ort viel zu wenig beachtet? Das mag daran liegen, dass die riesigen Pyramiden-Komplexe im Raum Lambayeque auf den ersten und zweiten Blick so imposant nicht sind. Man übersieht sie aus der Distanz leicht, weil sie – so groß sie sind – im Wüstenboden zu verschwinden scheinen.

Foto 2: Pyramiden, Mauern, Plattformen von Túcume

Thor Heyerdahl schreibt in seinem sehr informativen Werk »Die Pyramiden von Tucumé«, das leider nur noch antiquarisch erhältlich ist (2): »Als die spanischen Eroberer im frühen 16. Jahrhundert auf der Inkastraße an den Pyramiden von Tucumé vorüberritten, waren sie von dem Anblick dieser gewaltigen Monumente aus einer vergessenen Vergangenheit überwältigt. Tausende von modernen Touristen dagegen sind auf der neuen Fernstraße vorübergerauscht, ohne zu ahnen, was ihnen verborgen blieb: die Pyramiden von Tucumé, die durch Erosion eine wirkungsvolle Tarnung erhalten haben. Eine noch bessere Tarnung bieten ihre Dimensionen: Bleichen Sandsteingebirgen gleich ragen sie im tropischen Sonnenschein hoch auf, die blauen Anden als Schatten im Hintergrund.«

Thor Heyerdahl spricht davon, dass die Monsterbauten (3) »gegen Ende des 20. Jahrhunderts ins Rampenlicht gerieten«, Weltwunder sozusagen, die sich bis dahin »über die Ebenen auftürmten, als wären sie dort vom Schöpfer selbst hinterlassen worden. Gleichzeitig jedoch schienen sie ebenso unwirklich wie Gespenster zu sein.«

Foto 3: Schutzdächer für Archäologen (Túcume)

Die Pyramiden sehen auf den ersten und zweiten Blick gar nicht wie von Menschenhand errichtete Bauwerke riesigen Ausmaßes aus, sondern wie wenig attraktive Hügel. Die geradezu manchmal höllischen Temperaturen laden auch nicht unbedingt dazu ein, die Denkmäler verschwundener Kulturen zu besuchen. Noch heute nennt man die Pyramide von Túcume (4) im Dörfchen Túcume »El Purgatorio«, zu Deutsch »Das Fegefeuer«. Warum?

Ein Geistlicher vor Ort hatte eine Erklärung parat, die ich in dieser Form nirgendwo in der Literatur gefunden habe: »Die heidnischen Erbauer opferten auf den Pyramiden ihren Göttern Menschen, als es eine Hungersnot gab. Man glaubte, die Götter seien zornig und man müsse sie mit Blut besänftigen. Als aber die Götter stumm blieben und nicht helfend eingriffen, steckten die Heiden die Tempel auf den Pyramiden in Brand und verließen die Stätte des Grauens!« Tatsächlich hat der katholische Klerus die Pyramiden von Túcume seit Jahrhunderten zum abscheulichen Erbe der heidnischen Vorfahren erklärt, zum (5) »Ort, an dem die Medizinmänner der Vergangenheit und der Gegenwart mit den Teufeln kommunizierten«.

Foto 4: Pyramide an Pyramide 
oder Rampe und große Pyramide?

Die riesigen Pyramiden von Lambayeque – Treffunkt von Menschen und »Teufeln«? Meine Meinung: Die Pyramiden im Raum Lambayeque sind künstlich geschaffene Berge. Ich vermute sogar, dass weltweit alle Pyramiden mythologische Berge darstellen. Die ältesten künstlichen Berge sind die Zikkurats, die vor Jahrtausenden in Babylon entstanden. Ein Zikkurat, Ziggurat oder Ziqqurat war, ja was denn? Der Name verrät es uns: Ein »Schiggorat« war »hoch aufragend, hoch aufgetürmt, ein Himmelshügel, ein Götterberg«. Erinnern wir uns! Der allmächtige Gott des Alten Testaments landete auf dem Berg Sinai. Er fuhr aus himmlischen Gefilden herab, mit Schnauben, Feuer und Rauch. Und das war alles andere als ungefährlich für die Menschen. So musste ein Schutzzaun um den vorgesehenen Landeplatz errichtet werden, um die Menschen von der Gefahrenzone fernzuhalten (6): »Mose aber sprach zu Jahwe: Das Volk kann nicht auf den Berg Sinai steigen, denn du hast uns verwarnt und gesagt: Zieh eine Grenze um den Berg und heilige ihn.« Noch einmal zitiere ich aus dem Altem Testament (7): »Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil Jahwe auf den Berg herabfuhr im Feuer; und der Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen und der ganze Berg bebte sehr.«

Kamen die himmlischen Götter weltweit aus himmlischen Gefilden herab, um auf Bergen zu landen? Auf den Pyramiden von Túcume sollen Teufel mit Medizinmännern kommuniziert haben. Waren damit die Götter der Pyramidenbauer gemeint, die sich auf den künstlichen Pyramidenbergen mit Menschen trafen? Wollten die Menschen von Lambayeque ihren Göttern unbedingt näher kommen? Waren es die »Oberpriester«, die auf die Spitzen der Pyramiden klettern durften, so wie es Moses erlaubt war, den Berg Sinai zu ersteigen, um sich hoch oben zwischen Himmel und Erde mit »Gott« zu treffen? Wurden im Zuge der Christianisierung aus den Himmelsgöttern der Pyramidenbauer im christlichen Sprachgebrauch Teufel? Das ist eine Spekulation, gewiss, aber eine – wie ich meine – berechtigte!

Foto 5: Imposanter Teilbereich des Pyramidenkomplexes (Túcume).

Vor Ort erlebte ich, wie an einer der Lambayeque-Pyramiden archäologische Ausgrabungen vorgenommen wurden. Die Wissenschaftler hatten über ihrer Ausgrabung ein schützendes Dach errichtet. Zum einen diente es als Sonnenschutz für die Archäologen. Zum anderen sollten auf die Pyramide dort, wo man die äußere schützende Schicht entfernt hatte, möglichst wenig schädliche Witterungseinflüsse einwirken. Vor allem wollte man vermeiden, dass Regenschauer Schäden anrichten können. Ich fragte einen Studenten, der mit großer Geduld Sand siebte, in der Hoffnung, kleine Artefakte aus alten Zeiten zu finden:


»Wurde schon eine Datierung der Pyramidensubstanz vorgenommen?« Der Student erklärte mir, das sei sehr schwierig. »Die äußere Schicht der Pyramide muss nicht zwangsläufig aus der Zeit des Pyramidenbaus stammen. Es ist durchaus möglich, dass im Lauf der Jahrhunderte die Pyramide immer wieder eine neue Schutzschicht erhielt. Wir wissen ja auch von den Inka, dass sie alte Pyramiden immer wieder überbauten, ihnen neue Außenhüllen aus Stein verpassten. Warum sollte das nicht auch bei den Pyramiden von Lambayeque der Fall sein?«

Foto 6: Abgeflachte Pyramide von Túcume

Wir wissen also nicht, wann im Bereich von Lambayeque mit dem Bau der ersten Pyramiden begonnen wurde. Womöglich wurden die ältesten Strukturen durch Anbauten auch immer wieder erweitert, so dass schließlich komplexe Strukturen entstanden. Mag sein, dass erst da und dort Pyramiden aufgeschichtet wurden, die man dann mit Monstermauern aus Ziegeln miteinander verband. Mag sein, dass die augenscheinliche Erosion so großen Schaden angerichtet hat, dass wir nie erfahren werden, wie die Pyramidenkomplexe einst ausgesehen haben. Vielleicht ist ja mal das Glück auf Seiten der Archäologen und sie entdecken Baupläne, so es die denn je gegeben haben sollte.


Manchmal drängt sich mir ein Verdacht auf: dass wir gar nicht alles wissen sollen, was wir wissen könnten. Was Wissenschaftler herausgefunden haben, das passt nicht immer zum aktuellen Wissensstand. So erfuhr ich vor Ort, dass im  Umfeld der Pyramiden von Túcume und Sipán »einige kostbare Masken« gefunden wurden, die ein Merkmal aufweisen, das nun gar nicht zu Südamerika passt: Sie hatten eingelegte blaue Augen!

Foto 7: Auch das sind künstliche Strukturen

Bis heute konnte ich in der wissenschaftlichen Literatur keinen einzigen Hinweis auf diese Masken mit blauen Augen finden. Ich konnte auch keine Maske in den Museen vor Ort (1) entdecken. Nur Thor Heyerdahl erwähnt eine (8) »auffallend blauäugige Mumienmaske von Sipán«, die er seinem Bekunden nach selbst in Händen hielt.

Hatten die Erbauer der Pyramiden also blaue Augen und woher kamen sie? Woher kam der erste Herrscher, Ñaymlap per Floß? Gab es Kontakt mit Europa, als die ersten Pyramiden an der Küste Perus gebaut wurden? Gab es lange vor Kolumbus europäische »Entdecker«? Gab es lange vor Kolumbus weltweite Seefahrt? Wurden die Ozeane schon sehr viel früher überquert als man heute noch glauben zu müssen meint? Am 8.5.2013 berichtete die Tageszeitung »Welt« (9):

»Wie kamen blonde Weiße vor Kolumbus nach Peru? Als die Konquistadoren in die Anden kamen, staunten sie über die hellhäutigen Chachapoyas. Nach genetischen Untersuchungen ist sich Hans Giffhorn sicher: Es handelt sich um Nachfahren von Kelten. Wer sich die Hinterlassenschaften der Kelten anschauen möchte, fährt naheliegender Weise zu den einschlägigen Orten in Deutschland, nach Frankreich und in andere Länder Westeuropas, um Überreste von Siedlungen, Grabstätten und Verteidigungsanlagen zu finden. Hat er sie alle durch, kann er allerdings auch nach Südamerika fahren, um am Ostrand der Anden Bauwerke und andere kulturelle Errungenschaften jenes frühen europäischen Volkes und seiner Nachfahren zu bewundern – alles aus einer Zeit viele Jahrhunderte vor der ersten Überfahrt von Christoph Kolumbus. Kelten waren nämlich lange vor Kolumbus in der Neuen Welt. Gemeinsam mit Karthagern.«

Foto 8: Pyramide und Wüstenei verschmelzen scheinbar

Es gibt durchaus Hinweise auf für bislang in der Wissenschaft bestrittene sehr frühe Besucher aus Europa in Peru. Sollten gar die Erbauer der nordperuanischen Riesenfestung Kuelap in den Hochanden ursprünglich aus Europa gekommen sein (10)? Noch sind derlei Spekulationen für die anerkannte Schulwissenschaft ein böses Sakrileg. Noch, so scheint mir, wagen Wissenschaftler aus Angst um ihr Renommee nicht, in dieser Richtung auch nur zu forschen. Wird sich daran etwas ändern? Kann sich daran überhaupt kurzfristig etwas ändern? Warum sträuben wir uns so sehr gegen die Vorstellung, dass die Menschheitsgeschichte nicht linear verlief? Weil wir Menschen des 21. Jahrhunderts uns unseren Vorfahren unbedingt haushoch überlegen fühlen möchten? Können wir nicht akzeptieren, dass die Menschheit vor Jahrtausenden sehr viel fortgeschrittener war als unsere Väter und Großväter? Die Bauten von Lambayeque und Kuelap stehen in keiner direkten Verbindung. Es wurden ganz unterschiedliche Baumaterialien verwendet. Und doch haben sie vielleicht etwas gemeinsam. Sie alle könnten nämlich Zeugnis ablegen für eine Hochkultur, die lange vor Kolumbus Transatlantikreisen beherrschte. Derlei Reisen darf es aber nach aktueller Wissenschaft nicht gegeben haben, also kann es auch nicht zu derartigen Reisen über die Meere gekommen sein?


Foto 9: Die Stadt der Wolkenmenschen (Chachapoyas)

Fußnoten
1) Diese Museen sind ein »Muss«:
»Museo Tumbas Reales de Sipán«, das »Museum der Königsgräber von Sipán«, Lambayeque
»Museo Arqueologico Nacional Brüning«, Lambayeque
»Museo de Sitio de Tucume«
»Museo de sitio Huaca Rajada«, Sipan
2) Heyerdahl, Thor: »Die Pyramiden von Tucumé«, München 1995, S. 8, Zeilen 1-7 von unten und Seite 10, Zeilen 1 und 2 von oben
3) ebenda, S.10, Zeilen 3-7 von oben
4) Heutige Schreibweise ist Túcume, nicht mehr Tucumé.
5) Heyerdahl, Thor: »Die Pyramiden von Tucumé«, München 1995, Seite 10, Zeilen 11-13 von oben
6) 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 23
7) 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 18
8) Heyerdahl, Thor: »Die Pyramiden von Tucumé«, München 1995, S. 17, 2. Zeile von unten
9) Meine Quelle ist die Online-Version des zitierten Artikels!
10) Meine Quelle ist die Online-Version des Artikels »Die Kelten kamen bis nach Peru«  der »Wienerzeitung« vom 20.9.2013


Foto 10: Eingang zum Komplex Kuelap


Zu den Fotos
Foto 1: Pyramidenkomplex von Túcume im Überblick. Foto wikimedia commons/ Euyasik
Foto 2: Pyramiden, Mauern, Plattformen von Túcume. Foto wikimedia commons Lomita
Foto 3: Schutzdächer für Archäologen (Túcume). Foto wikimedia commons Lourdes Cardenal
Foto 4: Pyramide an Pyramide oder Rampe und große Pyramide? Foto wikimedia commons Euyasik
Foto 5: Imposanter Teilbereich des Pyramidenkomplexes (Túcume). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Abgeflachte Pyramide von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Auch das sind künstliche Strukturen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Pyramide und Wüstenei verschmelzen scheinbar. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Die Stadt der Wolkenmenschen (Chachapoyas). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Eingang zum Komplex Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Walter-Jörg Langbein unterwegs im Reich der Wolkenmenschen. Foto Ingeborg Diekmann


Foto 11: Walter-Jörg Langbein 
unterwegs im Reich der Wolkenmenschen. 
Foto Ingeborg Diekmann


394 »Auf der Suche nach der ältesten Pyramide«,
Teil  394 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.8.2017

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