Sonntag, 7. April 2019

481 »Eine Osterinselstatue auf der Insel der Meuterer?«

Teil 481 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Eine fiktive Falschmeldung führt zu einer satirischen Homepage mit skurrilen Enten. Und doch scheint die Geschichte einen wahren Kern zu haben.

Foto 1: Angeblicher Moai auf »Henderson Island? Fake!

»Moaisstatue auf Pitcairn gefunden« titulierte die seriöse und immer höchst interessante Internet-Seite »osterinsel-freunde.de« (1) und ließ einen Artikel in englischer Sprache folgen: »Landslide Unearths Moai Statue In Pitcairn Islands«, zu Deutsch »Erdrutsch lege Moai Statue in den Pitcairn Inseln frei«. Dann folgt gleich die »Sensation«: »Kürzlich legte ein Erdrutsch auf ›Henderson Island‹ die erste Moai Statue frei, die fern der Osterinsel gefunden wurde, eine Entdeckung, die bisherige Annahmen über die Erbauer der mysteriösen Steinriesen erschüttern könnte.«

Biologen einer nicht näher bezeichneten chilenischen Universität hätten beim Studium der einzigartigen Fauna und Flora des (un)bewohnten (2) Korallenatolls, so heißt es im Artikel weiter, zufällig die Statue fernab ihrer Heimat, der Osterinsel, entdeckt. Davon erfuhren natürlich die Wissenschaftler der »Archäologischen Abteilung der Universität von Chile«, die sofort die Reise zu den Pitcairn-Inseln antraten und die »Henderson-Insel« aufsuchten.

Die Pitcairn-Inseln liegen etwa 2.100 Kilometer westlich von der Osterinsel und sind alle – mit Ausnahme der Pitcairn-Insel selbst – unbewohnt. Die »Henderson-Insel«, ein Atoll, hat eine Fläche von nur 37 Quadratkilometern und ist somit sehr viel kleiner als die Osterinsel, die immerhin 162 Quadratkilometer groß ist. Und auf diesem kleinen Atoll soll eine Osterinsel-Statue durch einen Erdrutsch freigelegt worden sein?

Foto 2: Die »Bounty Bucht« der »Pitcairn-Insel«

Sollte tatsächlich ein sensationeller Zufallsfund unser Wissen in Sachen Osterinselstatuen erschüttern? Ein gewisser »Professor Juan DeSilva« jedenfalls äußerte sich angeblich höchst enthusiasmiert: »Vielleicht gibt es noch weitere solcher Moai Statuen auf anderen Inseln, womöglich unter Wasser. Hat eine gewaltige Katastrophe diese Inseln zu einem Zeitpunkt der Geschichte unter Wasser gedrückt und mit Bergen von Schlamm und Steinen bedeckt? Diese Fragen können nur durch weiteres Forschen beantwortet werden!«

Ein »Dr. Vincento Morales«, der – so der Artikel – an der Forschungsreise in die Südsee teilgenommen hat, erklärte: »Man hat bislang angenommen, dass die Insulaner selbst die aufrecht stehenden Moais niedergerissen und begraben haben, nachdem ihre Zivilisation zusammengebrochen war. Manche Theoretiker glauben, dass die Zivilisation sich selbst zerstört hat, indem sie die natürlichen Ressourcen der Osterinsel übermäßig belasteten, etwa indem sie die heimischen Wälder rodeten, um Feuer zu entfachen oder um die Moai Statuen zu bauen. Aber würde nicht eine gewaltige Flutwelle oder ein großer Hurrikan die auf der Insel zu Hunderten begrabenen Statuen und den Mangel an Wäldern in der Region besser erklären?«

Foto 3: Von rechts nach links Osterinsel - Pitcairn

»Professor Juan DeSilva« von der »Universität von Chile« wird mit einer provokativen Frage zitiert: »Haben große Katastrophen in alten Zeiten von einem Moment auf den anderen alle Spuren einer großen Zivilisation, die sich über den Pazifik erstreckt hat, zerstört? Der Aufschlag eines großen Meteoriten oder der nahe Vorbeiflug eines Kometen, wie in der Tradition der polynesischen Völker berichtet, könnten derartige dramatische Änderungen des Klimas erklären.«

Vergeblich suchte ich nach weiteren Äußerungen der Wissenschaftler »Dr. Vincento Morales« und »Professor Juan DeSilva« zum mysteriösen Fund auf auf »Henderson Island«. Ja ich fand überhaupt keinerlei Hinweis auf die Existenz der beiden Herren. Und nirgendwo war ein Bericht über die Südseeexpedition zu lesen.

Foto 4: Fast vollständig mit Erdreich bedeckt... eine Osterinselstatue

Allerdings tauchte im auf der Seite »osterinsel-freunde.de« wiedergegebenen Artikel ein Link auf, und das gleich vier Mal, der angeblich zu weiteren Informationen führen würde (3). Leider führt der Link ins Nichts (4). Ich rief die Seite von »worldnewsdailyreport« und fand keinen weiteren Hinweis mehr auf die mysteriöse Geschichte vom Fund einer Osterinselstatue auf  »Henderson Island«.

Meine Suche wurde aber dennoch, allerdings auf ganz eigene und unerwartete Weise belohnt. Bietet die Seite von »worldnewsdailyreport« – Slogan »Nachrichten, denen man vertrauen kann! –  eine Fülle von Meldungen, die in der übrigen Medienwelt aus nachvollziehbaren Gründen nicht aufgegriffen wurden.

Da lesen wir von  »Jason Barclay, 28«, einem amerikanischen Bergsteiger, der im Himalaya von einer yetiartigen Kreatur angegriffen wurde. Das Monster, so der Bericht, versuchte ihn zu vergewaltigen. Nur weil sich »Jason Barclay« tot stellte, überlebte er den brutalen Angriff. Ähnlich soll es einem Jäger in Colorado ergangen sein. Der 57-jährige »Darrel Whitaker« aus »Glenwood Springs«, Colorado, behauptet, dass ein Sasquatch ihn im Walde überfallen habe. Die fast 2,40 Meter große yetiartige Kreatur habe versucht, ihn zu vergewaltigen.

Foto 5: Echter Moai, auf dem Rücken liegend.

Beliebt sind Meldungen aus der Tierwelt, und besonders dann, wenn angeblich Tote zu beklagen sind. Gar nicht glimpflich kamen, so eine weitere Meldung von »worldnewsdailyreport«, japanische Walfänger davon. An der »südöstlichen Küste von Südafrika« wurden sie von einer Gruppe von Killerwalen attackiert. 16 der Walfänger wurden, so der Bericht, bei lebendigem Leibe von den Killerwalen gefressen. Ein weiteres Lieblingsthema sind skurrile Unfälle aller Art. Ein pikantes Beispiel: »Chris Mumford«, 43, und »Janet Smith«, 41, frönten ihrer ganz besonderen Leidenschaft: Außerhalb von Woodsfield, Ohio, vergnügten sie sich intim. Dabei trugen sie Sasquatch-Kostüme. Die Verkleidung überzeugte zwei Jäger, »Mr. Burns« und seinen Sohn. Die beiden Männer hatten keinen Zweifel an der Echtheit der vermeintlichen Kreaturen und eröffneten das Feuer. Erst als die beiden Kostümierten zu schreien und zu fluchen anfingen, erkannten die Jäger ihren Irrtum. So überlebte das Ehepaar. Jäger Jerot Burns glaubt weiter an die Existenz des Fabelwesens Sasquatch. Sollte ihm je so eine Kreatur begegnen, so will er sie mit gezielten Schüssen erlegen. Ob die beiden Jäger für ihr Versehen vor Gericht gestellt werden, das wird noch entschieden.

Foto 6: Moai von Foto 5 hochgestellt
Vor Gericht stand der Texaner Henry William Borne laut »worldnewsdailyreport« bereits. Das Mitglied einer Bande wurde als Pferdedieb zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Andere Bandenmitglieder wurden hingerichtet. Henry William Borne konnte jetzt, nachdem er eine Haftstrafe von 99 Jahren komplett abgesessen hatte, im Alter von 117 Jahren aus dem Gefängnis entlassen werden. Vertreter der zuständigen Justizbehörde gehen davon aus, dass der Greis nicht rückfällig werden wird, auch wenn der alte Herr glaubt, nach wie vor zu den Besten der Zunft der Pferdediebe zu gehören.

In Israel, so liest man staunend, stellte sich ein Zeitreisender den Behörden. Der Mann, gekleidet als römischer Soldat, trug eine blutverschmierte lanzenartige Waffe und gestand, Jesus getötet zu haben. Ob es Verständigungsprobleme mit dem Mann gab, darauf geht der Bericht nicht ein. Es heißt lediglich, dass der Zeitreisende nur Latein spricht. Schließen wir den Reigen der ungewöhnlichen Meldungen aus »World News Daily Report« mit einer wahrhaft erfreulichen Nachricht! Bergmann Cheung Wai, heute 59, wurde anno 2001 mit 78 Kollegen bei einem durch ein Erdbeben ausgelöstes Grubenunglück verschüttet.  Alle Bergleute galten als tot, ihre Leichen konnten nicht geborgen werden.

Nach siebzehn Jahren in der Unterwelt wurde Cheung Wai nun zufällig entdeckt und kehrte als einziger Überlebender der Katastrophe an die Erdoberfläche zurück. 17 Jahre lang, so vermeldet »World News Daily Report«, ernährte er sich von Ratten und einem fluoreszierenden Moos. Leicht übersieht man am Ende eines jeden dieser Artikel den Hinweis, dass der »World News Daily Report« ausdrücklich jede Verantwortung für die »satirische Natur seiner Artikel und die fiktionale Natur ihres Inhalts« übernimmt. Alle Charaktere in den Artikeln, auch jene, die auf realen Menschen basieren, seien rein fiktiv und jede Ähnlichkeit mit ihnen und Personen, egal ob lebend, tot oder untot, sei einfach nur ein Wunder.

»Moaisstatue auf Pitcairn gefunden« behauptete »World News Daily Report« und legte als Beweis ein Foto vor, das das Gesicht einer Osterinselstatue zeigt. Ich vermute, dass das Foto echt ist. Nur befindet sich die Statue nicht auf »Henderson Island«, sondern auf der Osterinsel. Die Osterinsel hat eine Fülle von Statuen zu bieten: Manche befinden sich, erst halbfertig, im Steinbruch, andere ragen in der Nähe des Steinbruchs zur Hälfte aus dem Erdreich, andere wiederum liegen zertrümmert bei den massiven Podesten, auf denen sie einst standen. So manche Statue hat man mit Hilfe eines Krans wieder aufgestellt. Und dann gibt es noch Moais, die auf dem Rücken liegend in den Himmel starren. Ihre Körper wurden wohl einst vergraben, kommen aber wieder zum Vorschein. (Siehe Fotos 5 und 6!)

Der Bericht von »World News Daily Report« ist auf der Internetseite der satirischen »Zeitung« wieder verschwunden und nicht mehr auffindbar (5). Die seriöse und immer höchst interessante Internet-Seite »osterinsel-freunde.de« macht sich die Aussagen von »World News Daily Report« natürlich nicht zu eigen, sondern gibt den Text (mit Link zur Quelle) in der Originalsprache (Englisch) und in Auszügen nach dem Motto »Was wurde sonst noch über die Osterinsel publiziert« wieder.

Foto 7: Lieutenant Bligh und seine Getreuen verlassen die HMS Bounty.

Die Meldung von »World News Daily Report« ist frei erfunden. Und doch hat mich der Artikel auf eine interessante Spur geführt. Es geht um »Henderson Island«, die »Meuterei auf der Bounty« und einen zerstörten »Heidentempel« auf »Pitcairn Island«. 

1789: Nach der »Meuterei« auf der Bounty wurde der grausame »Kapitän« Lieutenant William Bligh mit seinen Getreuen auf einer Nusschale von einem Beiboot im Pazifik ausgesetzt. Fletscher Christian und die übrigen Meuterer flohen zunächst auf das Tubuai-Atoll im Südpazifik, wo es zu erheblichen Konflikten mit der Bevölkerung kam. Schließlich sahen sich die Meuterer gezwungen, wieder in See zu stechen. Zuflucht fanden sie auf »Pitcairn Island«. Sie versenkten die »Bounty«. Und sie entdeckten  heidnische Tempel und seltsame Statuen.

Fußnoten
(1) http://osterinsel-freunde.blogspot.com/ Stand 8.2.2019 (Artikel datiert: 10.11.14). Die Überschrift lautet tatsächlich »Moaisstatue (sic!) auf Pitcairn gefunden«
Hinweis: Peter Hertel und Tim Gernitz haben mir per Mail vom heutigen 12.04.2019 mitgeteilt, dass dieser Beitrag auf der Seite osterinsel-freunde-blogspot.com nunmehr gelöscht wurde: »Offenbar ist dieser Beitrag durch unser ›Netz‹ gerutscht. Wir veröffentlichen prinzipiell keine absurden Theorien. ... Entschuldigung, dass wir Sie damit auf eine falsche Fährte geführt hatten. Inzwischen ist der Beitrag gelöscht.« 
Falsch war die Fährte freilich nicht ganz: Auf der zu den Pitcairn-Inseln gehörenden Henderson-Insel gab es einst tatsächlich steinerne Plattformen mit Statuen. Sie wurden von Bounty-Piraten zerstört. Dazu mehr in meinem Blogbeitrag am 21.4.2019!
(2) Der Artikel bezeichnet zunächst die »Henderson-Insel« fälschlich als »inhabited« (»bewohnt«), später korrekt als unbewohnt.
(3) http://worldnewsdailyreport.com/landslide-unearths-easter-island-moai-statue-in-pitcairn-islands/#sthash.Zss2IH1b.dpuf
(4) Stand 10.02.2019
(5) Stand 10.02.2019

Zu den Fotos
Foto 1: Foto 1: Angeblicher Moai auf »Henderson Island? Fake! Foto: tangatawhenua, Neuseeland
Foto 2: Die »Bounty Bucht« der »Pitcainr Insel«. wikimedia commons
Foto 3: Von rechts nach links Osterinsel - Pitcairn. wikimedia commons
Foto 4: Fast vollständig mit Erdreich bedeckt... eine Osterinselstatue. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Echter Moai, auf dem Rücken liegend. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Moai von Foto 5 hochgestellt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Lieutenant Bligh und seine Getreuen verlassen die HMS Bounty. Robert Dodd 1790. wikimedia commons


482 »Erich von Däniken zum 84.«,
Teil 482 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14. April 2019


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Sonntag, 31. März 2019

480 »Nabel des Lichts«

Teil 480 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Piropiro vor einem Jahrhundert und heute.

Nach 120 Tagen auf See erreichten die Flüchtlinge die Osterinsel, während ihre alte Heimat in den Fluten des Pazifiks versank. In der Anakena-Bucht gingen sie, müde, erschöpft und erleichtert, an Land. Neben der aus 67 Schrifttafeln bestehenden Bibliothek hatten sie etwas noch Wertvolleres gerettet. Sie nannten dieses geheimnisvolle Etwas in ihrer melodischen Rapa-Nui-Sprache »Te-pito-te-Kura«. Dieses mysteriöse Etwas sei ihr wertvollster Besitz gewesen, den sie mit in die »Neue Heimat«, die Osterinsel brachten (1).

Die Anakena-Bucht bietet einen schmalen Streifen Sandstrand. An den Rändern tummeln sich oft Scharen von Seeigeln. Der Badende, der sich näheren Kontakt mit den Stacheltieren ersparen möchte, hält sich am besten in der Mitte. Einen Katzensprung von der Anakena-Bucht  entfernt ragte einst auf seiner soliden Plattform der steinerne Riese Namens »Paro« in den Himmel. Er liegt heute in Trümmern auf der Nase und bietet einen traurigen Anblick.

»Geboren« wurde »Paro« im Steinbruch am »Rano Raraku«-Krater. Von dort bis zu Paros bemitleidenswerten Resten sind es »nur« knapp sechs Kilometer. Diese sechs Kilometer kommen einem wie eine strapaziöse Langstreckentour vor, wenn man sie bei strahlendem Sonnenschein zu Fuß zurücklegt. Eine kleine Weltreise muss diese kurze Strecke für jene gewesen sein, die den Koloss vom Steinbruch an die Küste schafften.

Foto 2: Steiniger »Strand«

Sechs Kilometer weit wurde der steinerne Riese »Paro« – wie auch immer – transportiert. Man bedenke: Er maß einst fast zehn Meter, bevor er umgestürzt wurde und in mehrere Teile zerbrach. Eine Meisterleistung! Man schätzt sein Gewicht auf 82 Tonnen! Auf seinem Haupt thronte einst ein steinerner »Hut«. Der tonnenförmige rötliche Stein ist zwei Meter hoch und wiegt allein fast zwölf Tonnen.  Er stammt von einem anderen »Steinbruch«, von »Puna Pau« und musste fast 18 Kilometer querfeldein befördert werden. Mit »Hut« wiegt der Koloss also fast 94 Tonnen.

In der Theorie funktionierte alles ganz einfach: Man brachte den Koloss in die Senkrechte, schob ihn auf sein Podest, baute eine Rampe, die bis zum Kopf des Riesen reichte. Über diese Rampe rollte man den Hut (12 Tonnen!)  nach oben und platzierte ihn in luftiger Höhe auf den Kopf des Giganten. Wer nicht an Klaustrophobie leidet und auch sonst kein ängstlicher Mensch ist, der kann unter den Unterleib des steinernen Kolosses krabbeln und wird eine interessante Ritzzeichnung entdecken: von einem Segelschiff mit zwei Masten. Ich vermute, dass der Koloss schon alt war, als Osterinselkünstler das Abbild eines Segelschiffs in seinen Leib ritzten. Die Gravur offensichtlich erst nach Ankunft der Europäer im 18. Jahrhundert angebracht.

Foto 3: Piropiro und 2 Besucher
Übrigens: Noch größer als der heute zerbrochene  Riese »Paro« ist der Moai »Piropiro«. 11 Meter misst er vom Nabel bis zum Scheitel. Allerdings ließ man den Giganten unweit des Steinbruchs am »Rano Raraku«-Krater einfach stehen. Fünf Meter sank er in den Boden. Halb steckt er im Boden, halb ragt er aus dem Erdreich.  Oder wurde er, um ihm sicheren Halt zu bieten, halb eingegraben?

Der frühe Weltreisende und Forscherautor Ernst von Hesse-Wartegg (*1851; †1918), 1888 bis 1918 Konsul von Venezuela für die Schweiz,  war von den großen Kulturen unseres Globus fasziniert. Die Monumente, die unsere Vorfahren weltweit bereits vor Jahrtausenden errichteten, verblüfften den Weltenbummler immer wieder. Nichts aber faszinierte ihn so wie die Kolosse auf der Osterinsel. Von Hesse-Wartegg schrieb kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in seinem zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt« (2), dass die schweigenden Riesen von »unbekannten Schöpfern« gemeißelt wurden und »wahrscheinlich zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gezählt werden müssten. 

Von Hangaroa, der einzigen Siedlung auf der Osterinsel, kann man den Strand der Anakena-Bucht per PKW, Motorrad, Fahrrad oder Pferd auf inzwischen recht ordentlichen Straßen erreichen. Eine recht ordentliche Straße führt von Hangaroa aus Richtung Norden, Richtung Anakena-Bucht. Kurz bevor man die Küste erreicht kommt man an eine Kreuzung und biegt nach rechts ab. Nach zwei Kilometern erreicht man einen kleinen Parkplatz und ist am Ziel.

Es ist ohne Zweifel nicht ohne Reiz auf dem Rücken eines Pferdes die Osterinsel zu erkunden. Allerdings stellt sich dann immer wieder die Frage, was man mit dem braven Pferd macht, wenn man – zum Beispiel – den »Nabel der Welt« näher in Augenschein nehmen möchte. Anders als im »Wilden Westen« gibt es keine Parkplätze für Reitpferde. Nirgendwo sind Halterungen zum Anbinden des treuen Rosses angebracht.

Foto 4: Palmenwäldchen mit Pferden unweit der Anakena-Bucht

Man kann auch mit dem Auto bis zur Anakena-Bucht fahren, unter Palmen parken und den Rest zu Fuß gehen. Vom Sandstrand der Anakena-Bucht zum »Nabel der Welt« ist es nicht weit, der Weg an der steinigen Küste entlang bringt den Wanderer der echten Osterinsel-Atmosphäre näher.

Was mich schon lange beschäftigt: Wissen wir, was »Te-pito-te-Kura« war? Und ist diese Kostbarkeit heute noch vorhanden? » Te-pito-te-Kura« heißt zu Deutsch heißt der klangvolle Name: »Nabel aus Licht« oder »Nabel des Lichts«. Was dürfen wir uns unter einem »Nabel aus Licht« oder »Nabel des Lichts« (3) vorstellen? Die »offizielle« Erklärung: Der mysteriöse »Nabel« sei nichts anderes als ein Spheroid (4) aus dichtem, kristallinem Vulkangestein von schwarz-grauer Färbung.

Foto 5: »Nabel der Welt«?
Der seltsame Stein ist nicht als Skulptur komplett neu geschaffen worden. Es handelt sich also nicht um so etwas wie eine Skulptur. Er scheint aber von kundiger Hand etwas »geformt« und »glattpoliert« worden zu sein. In welchem Umfang der »Nabel« bearbeitet wurde, das lässt sich nicht mehr genau feststellen. Offenbar ist er eisenhaltig, deshalb lässt er jeden Kompass verrücktspielen. Fakt ist: Der Stein – Umfang 2,53 Meter – stammt eindeutig von der Osterinsel, das ist erwiesen.  Der mysteriöse »Licht-Nabel« soll aber vom Atlantis der Südsee zur Osterinsel geschafft worden sein. Irgendwie wurde irgendwann aus dem »Lichtnabel« der »Nabel der Welt«, »Te-pito-te-henua«. Genauer gesagt: Er bildet das Zentrum eines eigenartigen Ensembles: um den großen zentralen Stein angeordnet sind vier wesentlich kleinere Steine. Das Ganze wiederum wird von einem niedrigen Steinmäuerchen umschlossen.

Je gründlicher ich mich mit der seltsamen Anordnung beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass man recht wenig weiß. Einen Besuch ist die geheimnisvolle Anlage allemal wert. Allerdings muss ich zugeben: Meine Recherchen zerstörten so manche meiner Illusionen. Offensichtlich ist der Komplex, bestehend aus Mäuerchen, einem größeren zentralen und vier kleineren Steinen, kein uraltes Heiligtum der Osterinsel. Im kleinen Museum der Osterinsel zeigte man mir einige vergilbte Fotos, die ältesten stammten aus den 1970er Jahren. In einer Aufnahme, angeblich Mitte der 1970er Jahre entstanden, sieht man nur den großen, eiförmigen Stein am steinigen Strand liegen. Weder die um den Stein platzierten vier kleineren Steine, noch das Mäuerchen sind da zu sehen. Das heute Touristen gezeigte Gesamtensemble ist offensichtlich erst nach 1970/ 1975 entstanden.

Unklar ist, wer das Mäuerchen erbaut hat und warum. Waren es Osterinsulaner? Waren es die Mitglieder einer Reisegruppe von Esoterikern? Wer gruppierte wann die vier kleineren »Steineier« um den steinernen »Nabel der Welt«. Waren es die Esoteriker, die sich auf die vier relativ unbequemen Steine setzten, um mit den Händen die Kräfte des zentralen Steins zu erspüren? Waren es Osterinsulaner, die esoterisch angehauchten Besuchern etwas bieten wollten? Oder waren es Einheimische mit Humor, die sich darüber amüsierten, was man den leichtgläubigen Touristen alles erzählen konnte.

Foto 6: »Nabel der Welt« oder »Nabel des Lichts«?

Bei meinem ersten Besuch vor Ort anno 1982 erklärte mir mein »Pensionswirt«, dass das »Mäuerchen« immer wieder verändert wird. Mal ist es kniehoch, mal hüfthoch, mal ist es breiter als hoch, mal höher als breit, mal hat es einen »Eingang« und mal nicht, mal weist der Eingang Richtung Meer, mal in die entgegengesetzte Richtung. Auch scheint sich die Form des Mäuerchens zu verändern, mal ist es runder, mal ovaler. Diese Veränderungen lassen darauf schließen, dass das Ganze für die Osterinsulaner keine religiöse Bedeutung hat.

Unbestreitbar ist: Eine alte Sage berichtet von »Te-pito-te-Kura«, vom »Nabel des Lichts«, der vom Atlantis der Südsee mit auf die Osterinsel gebracht wurde. Der »Nabel-der-Welt-Stein« stammt aber definitiv von der Osterinsel selbst. Deshalb ist es vollkommen ausgeschlossen, dass der zentrale schwarzbraune Stein im Mäuerchen dieser »Nabel des Lichts« ist.

Foto 7: Hier liegt der mysteriöse »Nabel«

Heute gehört ein Besuch beim »Nabel der Welt« zum Pflichtprogramm für Osterinselbesucher. Dessen ungeachtet: Die Attraktion ist keine 50 Jahre alt. Es ist gut möglich, dass das leicht erreichbare Ensemble in Anlehnung an die alte Sage geschaffen wurde, vielleicht von esoterischen Touristen, vielleicht von Osterinsulanern.

Wo aber befindet sich dann der wirkliche »Nabel des Lichts«? Wartet das mysteriöse Objekt irgendwo in einer unterirdischen Kammer darauf, wieder entdeckt zu werden? Die Bezeichnung »Nabel des Lichts« lässt viel Raum auch für kühne Gedankenspiele und Spekulationen.

Fußnoten
(1) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Kapitel »Navel of the World«, S. 54-S.82, Seite 61, letzter Absatz unten
(2) Hesse-Wartegg, Ernst von: »Die Wunder der Welt«, Band 1, Stuttgart, Berlin, Leipzig, o.J., S. 473 u. 474
(3) Im Englischen: »navel of light«.
(4) Spheroid: Keine Kugel, sondern ellipsenartig im Querschnitt

Zu den Fotos
Foto 1: Piropiro vor einem Jahrhundert und heute. Foto vor 100 Jahren Archiv Walter-Jörg Langbein. Foto heute: Ingeborg Diekmann
Foto 2: Steiniger »Strand«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Piropiro und 2 Besucher, links Elfriede Wellbrock, der Herr mit ausgestrecktem Arm ist Walter-Jörg Langbein. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Palmenwäldchen mit Pferden unweit der Anakena-Bucht. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: »Nabel der Welt«? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Nabel der Welt« oder »Nabel des Lichts«? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Hier liegt der mysteriöse »Nabel«. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 8: Kuriose Osterinselfigur - verfremdet, bnasierend auf einer Zeichnung 
von Grecte C. Söcker. Verfremdung und Collage: Walter-Jörg Langbein 
(links!)



481 »Eine Osterinselstatue auf der Insel der Meuterer?«,
Teil 481 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 7. April 2019




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