Sonntag, 23. August 2020

553. »Paulus und die Bibliothek von Nag Hammadi«

Teil 553 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Auch Paulus wurde »entrückt«.
Illustration aus einer Bibelhandschrift,
entstanden um 850 n.Chr., für »Monstermauern, Mumien
und Mysterien« künstlerisch umgestaltet.

Von Paulus, da haben die Theologen keinen Zweifel, weiß das »Neue Testament« zu berichten, dass er »in den dritten Himmel entrückt« wurde. Aber steht dies wirklich so im kurzen Text des »Neuen Testaments«, auf den sich alle Theologen beziehen?

Dogmatiker der religiösen wie der wissenschaftlichen Art tun gern so, als seien sie im Besitz DER Wahrheit. Geistliche der drei großen monotheistischen Religionen verkünden mit demonstrativer Selbstsicherheit DIE Wahrheit. Dabei postuliert die Bibel durchaus manchmal nur mögliche Antworten.

Wissen wir wirklich, dass Paulus »entrückt« wurde? Geht das eindeutig aus dem kurzen Text im 2. Korintherbrief hervor?

Im »Neuen Testament« finden wir insgesamt dreizehn Briefe, die Paulus von Tarsus als Verfasser nennen. Nur sieben davon gelten als echt. Demnach hat Paulus den 1. Thessalonicherbrief, den 1. und 2. Korintherbrief, den Galaterbrief, den Römerbrief, den Philipperbrief und den Philemonbrief selbst geschrieben. Umstritten ist, ob der Kolosserbrief, der Epheserbrief und der 2. Thessalonicherbrief von Paulus selbst oder von einem seiner Schüler stammen.

Entstanden sind die Paulusbriefe in den Jahren 48 bis 61 n.Chr. Den 2. Korintherbrief hat Paulus gemeinsam mit seinem Schüler Timotheus im Jahr 56 n.Chr. geschrieben. Lesen wir im 2. Korintherbrief den kurzen Passus über die »Entrückung« (1):

Foto 2: Auch Paulus wurde »entrückt«.
Illustration aus einer Bibelhandschrift,
entstanden um 850 n.Chr., für »Monstermauern, Mumien
und Mysterien« künstlerisch umgestaltet.

»Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.«

Etwas zeitgemäßeres Deutsch bietet die »Elberfelder Bibel«: »Ich kenne einen Menschen, der mit Christus eng verbunden ist. Vor vierzehn Jahren wurde er in den dritten Himmel entrückt. Gott allein weiß, ob dieser Mensch leibhaftig oder mit seinem Geist dort war. Und wenn ich auch nicht verstehe, ob er sich dabei in seinem Körper befand oder außerhalb davon – das weiß allein Gott –, er wurde ins Paradies versetzt und hat dort Worte gehört, die für Menschen unaussprechlich sind.«


Foto 3: Auch Paulus wurde »entrückt«.
Illustration aus einer Bibelhandschrift,
entstanden um 850 n.Chr., für
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
künstlerisch umgestaltet.
Paulus berichtet von einem Menschen, den er angeblich kennt, aber nicht benennt. Dieser Mensch wurde, so Paulus, »vor vierzehn Jahren« entrückt, also wohl im Jahr 42 n.Chr. Wer aber war der Mensch, der da »entrückt« wurde? Die Passage über die »Entrückung« wirkt fast wie ein Fremdkörper im Text. Warum schildert er das Erlebnis eines namenlosen Fremden? Während Paulus sonst immer in der Ich-Form schreibt, formuliert er hier in der dritten Person. Warum? Vielleicht aus Bescheidenheit? Will er sich nicht selbst des Erlebnisses der Entrückung rühmen und schreibt es deshalb einem Dritten zu? So kann man den Vers verstehen, den Paulus der Entrückungsstory voranstellt (2): »Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.«

Epiphanios von Salamis (* um 315; †403), Bischof von Konstantia (Salamis) auf Zypern, stellte eine Liste von 80 Lehren zusammen, die seiner Meinung nach im Widerspruch zu kirchlich-religiösen Glaubensgrundsätzen stehen. Er veröffentlichte das Ergebnis seines theologischen Sammlerfleißes als »Hausapotheke gegen die Schlangenbisse der Häresie«.

In Kapitel 38 attackiert Epiphanios von Salamis die Sekte der Kainiten, die Brudermörder Kain als ihren »Messias« ansehen. In diesem Kapitel erwähnt er ein (3) »kurzes Werk im Namen des Apostels Paulus, voll unaussprechlicher Gräuel, das die sogenannten Gnostiker verwenden und eine ›Himmelfahrt des Paulus‹ nennen.« In diesem Werk, so lesen wir weiter sei die Aussage des Apostels Paulus zu finden, »er sei in den Himmel aufgestiegen und habe unbeschreibliche Worte vernommen, die der Mensch vielleicht nie spricht.« Epiphanios von Salamis verurteilt »Himmelfahrt des Paulus« als Häresie, als Irrlehre.

Nach dem Kreuzestod Jesu entwickelte sich aus der Anhängerschaft des Mannes aus Nazareth eine kleine jüdisch-christliche Sekte, die sich zur christlichen Glaubensgemeinschaft mauserte. Es entstanden Texte über den jungen Glauben und man stritt heftig, was dem »wahren Glauben« entsprach und was als »böse Ketzerei« anzusehen war. Die Werke der »Ketzer« wurden wohl gezielt vernichtet oder verschwanden irgendwie spurlos. Über viele Jahrhunderte gab es so gut wie keine »ketzerischen« Texte mehr. Nur in den Angriffen auf Denken und Schreiben der »Ketzer« tauchten da und dort, wie im »Panarion des Epiphanius (Epiphanios)«, Zitate auf.

Aber dann fanden Bauern im Dezember 1945 in der Nähe des kleinen ägyptischen Ortes Nag Hammadi dreizehn in Leder gebundenen Papyrus-Kodizes. Die 53 Manuskripte wurden auf die erste Hälfte des 4. nachchristlichen Jahrhunderts datiert, ursprünglich verfasst wurden sie aber bereits im 1. und 2. Jahrhundert n.Chr. Wir wissen bis heute nicht, wer diese Bibliothek zusammengetragen hat. Waren es Anhänger einer jungen Gemeinschaft von Gnostikern? Oder sollten sie den Gegnern der frühen »Ketzer« als Anschauungsmaterial dienen, welche Lehren als Irrlehren zu gelten hatten?

 Vermutlich wussten damals viele Anhänger der jungen christlichen Kirche nicht wirklich, wer nun ein Rechtgläubiger und wer einer ketzerischen Sekte angehörte. Eine deutsche Gesamtübersetzung der Texte von Nag Hammadi liegt inzwischen in einem dickleibigen Band vor (5).

2020 n. Chr. gibt es offensichtlich unterschiedliche Ansichten, wie wahrer christlicher Glaube auszusehen hat. Kardinal Reinhard Marx (*1953) erregte mit seinem Bestseller »Freiheit« (4) in einer immer säkularer werden Welt Aufsehen. Kardinal Marx, bis 2020 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, moniert, dass die Kirche im Laufe ihrer Geschichte nicht immer auf der Seite der Freiheit gestanden habe. Er will »Ballast über Bord werfen«. Für viele Zeitgenossen ist er ein Erneuerer der katholischen Kirche, für viele andere indes zerstört er den »wahren Glauben«.

Während sich Kardinal Marx sicher als getreuer Vertreter des wahren Katholizismus sieht, predigt er für andere eine Abkehr vom Evangelium, ja von Gott. Es wird die Befürchtung laut, dass mit dem Abwurf vermeintlichen »Ballasts« zentrale Lehren der katholischen Kirche aufgegeben werden. Die einen fordern angeblich längst überfällige Neuerungen wie die Abschaffung des Zölibats und die Zulassung der Priesterweihe für Frauen, für die anderen wäre das aber ein populistischer Verzicht auf zentrale Glaubensinhalte und Abkehr vom wahren katholischen Glauben. Meiner Meinung nach wird eine »Erneuerung« aus modisch-populistischen Gründen Kirche keineswegs attraktiver, sondern unglaubwürdiger machen.

Foto 4: Ein Textteilstück
aus der Bibliothek von Nag Hammadi.
In der gnostischen »Bibliothek« von Nag Hammadi fand sich »Die Apokalypse des Paulus« (6). Heute gilt für viele Paulus als der wahre »Vater« des Christentums, Tertullian war da ganz anderer Ansicht. Quintus Septimius Florens Tertullianus, kurz Tertullian (* nach 150; † nach 220), gilt als der erste lateinische Kirchenschriftsteller. In seiner Streitschrift »Adversus Marcionem« teilt er tüchtig gegen Marcion aus. Marcion, geboren im späten 1. Jahrhundert nach Christus, verstorben um 160 n.Chr., war noch im zweiten Jahrhundert ein einflussreicher Theologe, der die Entwicklung des Christentums als Kirche stark hätte beeinflussen können. Doch Marcions Lehren wurden schließlich als ketzerisch und irreführend verworfen. In (7) »Adversus Marcionem« bezeichnet Tertullian Paulus als »haereticoum apostulos«, also als »Apostel der Haeretiker«, als »Apostel der Ketzer« (8).

Ob es sich bei der »Apokalypse des Paulus« von Nag Hammadi um die von Epiphanios von Salamis als häretisch bezeichnete gnostische Schrift »Himmelfahrt des Paulus« handelt? Das mag, muss aber nicht so sein. Gerd Lüdemann und Martina Janßen (9): »Es ist prinzipiell davon auszugehen, daß mehrere verschiedene Paulusapokalypsen im Umlauf gewesen sind.« Ich glaube nicht, dass die »Apokalypse des Paulus« von Nag Hammadi identisch ist mit dem Text »Himmelfahrt des Paulus«, den Epiphanios von Salamis erwähnt. Nach Epiphanios fuhr Paulus hoch in den dritten Himmel, in der Paulusapokalypse die kosmische Reise im dritten Himmel erst richtig in Fahrt kommt und Paulus bis in den zehnten Himmel gelangt.

Im 2. Korintherbrief heißt es, dass ein Mensch (Paulus oder ein anderer) bis in den dritten Himmel entrückt worden sei. Paulus nennt nicht den Namen dieses Entführten und er gibt sich nicht als der Mensch zu erkennen, der »vor vierzehn Jahren« bis in den dritten Himmel geschafft wurde. Dort habe sich das Paradies befunden. Auch in der »Apokalypse des Paulus« geht es zunächst auch bis in den dritten Himmel, dann aber wird die kosmische Reise fortgesetzt (10): »Darauf entrückte der heilige Geist, der mit ihm gesprochen hatte, ihn nach oben bis in den dritten Himmel, und er schritt hindurch zu dem vierten Himmel.«

Fußnoten
(1) 2. Korintherbrief Kapitel 12, Verse 2-4 (»Luther Bibel 2017«)
(2) Ebenda, Vers 1
(3) Williams, Frank: »The Panarion of Epiphanius of Salamis/ Band 1 Sections 1-46«, 2., überarbeitete und erweiterte Ausgabe, Leiden und Boston, Dezember 2009, Seite 270, 38, 2,5
»The Panarion of Epiphanius of Salamis A Treatise Against Eighty Sects in Three Books«,  Buch 1, Sekten 1-46, basierend auf den Übersetzungen ins Englische von Frank Williams 1987-2009
https://think-and-discern.com/2015/02/27/panarion-of-epiphanius-of-salamis-book-1/
(Stand 30.05.2020)
(4) Marx, Reinhard: »Freiheit«, München 2020
(5) Lüdemann, Gerd und Janßen, Martina: »Bibel der Häretiker/ Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi«, Stuttgart 1997
(6) Ebenda, Seiten 281-287
(7) »Tertullian adversus Marcionem« 3,5,4
(8) Literaturempfehlung! Harnack, Adolf von: »Marcion. Das Evangelium vom Fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche. Neue Studien zu Marcion«, Nachdruck, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, Ersterscheinung Leipzig 1924
(9) Lüdemann, Gerd und Janßen, Martina: »Bibel der Häretiker/ Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi«, Stuttgart 1997, Seite 281, 20.+21. Zeile von oben. Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht nach der Rechtschreibeform verschlimmbessert.
(10) Ebenda, Seite 284, 9.-7. Zeile von unten


Zu den Fotos
Fotos 1-3: Auch Paulus wurde »entrückt«. Illustration aus einer Bibelhandschrift, entstanden um 850 n.Chr., für »Monstermauern, Mumien und Mysterien« künstlerisch umgestaltet. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Ein Textteilstück aus der Bibliothek von Nag Hammadi. Foto wiki commons gemeinfrei.

554. »… und ich sah ein großes Licht bis in den sechsten Himmel hinunterscheinen.«,
Teil 554 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 30. August 2020



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Sonntag, 16. August 2020

552. »Paulus wurde entrückt und altindische Vimanas«

Teil 552 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2:
Auch Paulus wurde »entrückt«
(Illustration aus einer Bibelhandschrift
um 850 n.Chr.).
(Freie künstlerische Gestaltung
der alten Vorlage!)
Von Paulus, da haben die Theologen keinen Zweifel, weiß das »Neue Testament« zu berichten, dass er »in den dritten Himmel entrückt« wurde (1). »Wie viele Himmel gibt es?« fragt Matthias Herrchen in seinem Werk »Das Buch vom Himmel« (2) und geht auf Entrückungen ein: »Eine andere vage Andeutung findet sich in Hebräer (Kapitel) 4, (Vers)14. Dort heißt es, dass unser Hohepriester Jesus die Himmel (Mehrzahl) durchschritten hat. Im Alten Testament steht das Wort für Himmel immer in der Mehrzahl.«

Wenn wir uns mit »Entrückungen« von Menschen in den Himmel (moderner ausgedrückt: Entführungen von Menschen ins All) beschäftigen, dann müssen wir uns vor Augen führen, dass die entsprechenden Texte bereits Interpretationen von wahrscheinlich sehr viel älteren Beschreibungen von mysteriösen Geschehnissen sind. Sie verraten uns Grundsätzliches, nämlich dass Menschen physisch in den Himmel (ins All?) geholt wurden.

In der Welt des »Alten Testaments« scheint die »Himmelfahrt« ein vertrautes Bild gewesen zu sein. Gott, so heißt es da, kam vom Himmel herab, wie es Moses als Augenzeuge beglaubigt: (3): »Da kam der HERR hernieder in einer Wolke und trat daselbst zu ihm. Und er rief aus den Namen des HERRN.« Und da fuhr Gott auch wieder empor in den Himmel, wie der Psalmist schreibt (4): »Gottes Wagen sind vieltausendmal tausend; der Herr ist unter ihnen, der vom Sinai ist im Heiligtum. Du bist aufgefahren zur Höhe…«

Himmelfahrten, so scheint mir, waren den Verfassern des »Alten Testaments« vertrauter als sich selbst Theologen vorstellen können. Mir scheint, dass die Autoren der Schriften des »Alten Testaments« Textfragmente aus älteren Zeitepochen übernahmen und in ihre Texte einfließen ließen, vermutlich ohne sich das Geheimnis einer »Himmelfahrt« vorstellen zu können. Offenbar haben sie diese Texte eingebaut, wenn es darum ging, die Macht und Herrlichkeit Gottes zu beschreiben.

Ich halte es für möglich, dass unbegreifbare Textfragmente dem einen oder anderen Autoren des »Alten Testaments« als besonders geeignet erschienen sind, um die Unfassbarkeit des Allmächtigen zu illustrieren. Sie wollten gewiss, dass ihre Leserinnen und Leser staunten. Das »Buch Daniel« entstand im zweiten Jahrhundert vor Christus, vermutlich während der akuten Verfolgung des Judentums durch Antiochos IV. (167–164 v. Chr.). Auch bei Daniel geht es um eine Himmelfahrt, die so fantastisch anmutete, dass sie der Autor vor über zwei Jahrtausenden nur als »Vision« für möglich und zumutbar halten konnte (5): »Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht.«

Das Thema »Himmelsreisen« ist bis heute nur unzulänglich erforscht. Hinweise auf solche Exkursionen gibt es ganz offensichtlich in sehr viel größerem Umfang als wir ahnen. Da gibt es zum Beispiel die »Himmelsreise der Nonne Anastasija« (6), von der »gegenwärtig mindestens vierzehn südslavische Textzeugen aus dem Zeitraum von 1380 bis 1812« existieren. Diese Texte »sind bislang nicht systematisch studiert worden, und eine Textedition fehlt noch immer«, stellt Julian Petkov fest (7). Die slavische Fassung weicht von byzantinischen Versionen ab und geht auf eine »verloren gegangene Vorlage« zurück. Gar nicht untersucht wurde, wann eine Urfassung der »Himmelsreise« entstanden sein mag, die sich ausschließlich auf die Beschreibung der Exkursion in hohe Gefilde beschränkte und nicht theologisch interpretierte. Auch scheint es keinem theologischen Wissenschaftler je in den Sinn gekommen zu sein, altslavische Texte wie »Der Kampf Michaels mit Satanael« wirklich gründlich zu erforschen.

Fotos 1 und 2:
Auch Paulus wurde »entrückt«
(Illustration aus einer Bibelhandschrift
um 850 n.Chr.).
(Freie künstlerische Gestaltung
der alten Vorlage!)
Da weigert sich Engel Satanael, sich vor dem Ur-Adam niederzuwerfen, so wie Gott das von ihm fordert. Satanaels Opposition gegen Gott wird subversiv. Satanael begnügt sich nicht mit Protest, er will so mächtig werden wie Gott selbst und verlässt mit einer eigenen Engelschar Gottes himmlisches Lager. 40.000 Dämonen schützen Satanael, der im Zentrum seines Lagers thront und eine eigene Schöpfung kreiert. Was ist gemeint, wenn der altslavische Text berichtet, Satanael habe »finstere Himmel« mit »finsteren Sternen« erschaffen? Sollte hier das Wissen um »schwarze Löcher« anklingen, das der Verfasser des altslavischen Textes nicht verstehen konnte?

»Der Kampf Michaels mit Satanael« mutet fantastisch an und bietet viel Material an, über das allenfalls spekuliert werden kann. Wir erfahren, dass Engel Michael gesandt wird, um Satanael zu bekämpfen. Es kommt zum kosmischen Kampf zwischen Michael und Satanael. Satanaels himmlisches Heer muss sich zurückziehen, Satanael allerdings ist nicht geschlagen. Michael gibt vor, sich auf Satanaels Seite zu schlagen und wird mit einem eigenen Thron für seinen vermeintlichen Verrat belohnt.

Gott selbst greift ein (8): »Auf Gottes Anordnung setzt die brennende Sonne das Reich des Antichrist in Brand, Michael wird aber durch eine unsichtbare Wolke beschützt. Beide sehen sich zum fluchtartigen Rückzug zu einem kühlen See gezwungen.« Satanael wir schließlich »mit Hilfe einer Eisdecke gefangengenommen«. Damit ist der kosmische Engelskampf nicht beendet. Satanael gelingt es, sich zu befreien. Er verfolgt Michael, der sich offenbar in himmlische Gefilde zurückzieht. Gott untersagt es Michael, Satanael zu töten.

Mich erinnern die Texte über Himmelsreisen an altindische Mythologien, die freilich sehr viel ausführlicher und konkreter über Himmelsreisen berichten.

Ende 1995 reiste ich mehrere Wochen durch Indien. Ich besuchte verschiedene Bibliotheken, in denen die »heiligen Bücher« des Landes aufbewahrt werden. Zu den interessantesten Texten gehört ohne Zweifel das »Vymaanika Shaastra«, dessen Urfassung nach Überzeugung von Gelehrten wie Professor Dr. Kumar Kanjilal (*1933) »Jahrtausende alt« sein soll.

Foto 3: Ein altindisches »Vimana« (nach Prof. Kanjilal).
Professor Dr. Kumar Kanjilal wurde im »Sanskrit College« von Kalkutta ausgebildet. Er studierte in Oxford und wurde Rektor des hoch angesehenen »Victoria College« von Coochbehar in Westbengalen. Der geachtete Wissenschaftler wurde zum Ehrenmitglied der »Asiatischen Gesellschaft« ernannt und erhielt einen Lehrstuhl an der Universität von Kalkutta. Professor Dr. Dileep Kumar Kanjilal  verfasste ein wichtiges Werk über die Flugapparate im alten Indien: »Vimana in Ancient India«.
    
Ich lernte den stets freundlichen, zierlich wirkenden Wissenschaftler von internationalem Rang erstmals anno 1979 kennen. Damals hielt er, wie auch ich, einen Vortrag auf der Weltkonferenz der »Ancient Astronaut Society« in München. Ich sprach damals über meine Arbeiten im Bereich der wortwörtlichen Übersetzung biblischer Texte.

Viele altindische Texte, so versicherte mir Prof. Kanjilal, berichten immer wieder, dass einst Götter zur Erde kamen, um die Menschen zu studieren. Um nicht aufzufallen, tarnten sie sich dabei als Menschen. Himmelsfahrzeuge,  »Vimanas« genannt,  waren nach den Berichten der alten Texte alles andere als selten. Allein in der Schilderung von Arjunas Reise durch zahlreiche himmlische Regionen und sternenreiche Gefilde des Firmaments wurden Hunderte von Himmelsschiffen gesichtet. Die Götter mit ihren riesigen Himmelsschiffen waren, so lauten uralte Überlieferungen, zumindest zeitweise verfeindet und kämpften mit fantastisch anmutenden Waffen. Klingen im Kampf zwischen Satanael und Michael, in den sich schließlich auch Gott einmischt, an kosmische Kriege vor Ewigkeiten?

Schon vor Jahrtausenden zogen riesige Weltraumstädte, sich um die eigene Achse drehend, durchs Universum. Ganze Völker mögen so die Reise in die Unendlichkeit angetreten haben. War es die Sehnsucht nach den Weiten des Alls, die die Bewohner fremder Welten die Reise antreten ließ? Oder wurden sie zu diesem Schritt gezwungen, weil ihr Heimatplanet durch eine Naturkatastrophe zu einem Atlantis des Weltalls geworden war?

Im altindischen Epos »Krsnayajuveda« wurden um 3000 v. Chr. ältere Textteile zu einem neuen Ganzen verwoben. Niemand weiß, wann die ältesten Vorlagen entstanden. Das »Krsnayajuveda« geht auf den kriegerischen Aspekt der Riesenstädte im All ein.

Mich erinnern die kosmischen Kämpfe zwischen Satanael, Michael und Gott an Kämpfe altindischer Götter, die wie Kriege im Weltall anmuten. So heißt es, dass der Sternenkrieger Rudra seine Geheimwaffe einsetzte, um andere, bis dahin als unüberwindbar geltende Weltraumstädte anderer Götter zu vernichten. Er feuerte einen mächtigen »Pfeil« ab, dem eine ganz besondere Kraft innewohnte. Sie bestand aus der »Hitze des Feuers« und den »Strahlen des Mondes«. Sollte es sich um eine reale (nukleare?) Waffe gehandelt haben? (9)

Selbst kundige Übersetzer der heiligen Sanskrittexte begehen, so Prof. Kanjilal, gravierende Fehler, wenn sie es nicht für möglich halten, dass schon vor Jahrtausenden riesige Weltraumstädte um die Erde kreisten. Prof. Kanjilal monierte, dass dann aus Kämpfen zwischen Weltraumstädten im All leicht Gefechte zwischen Städten auf der Erde werden. Übersetzer, die nichts von der Weltraumtechnologie der alten Götter wissen wollen, machen dann aus »Kämpfen in der Luft mit fliegenden Wagen« irdische »Kämpfe auf den Bergeshöhen mit Wagen«.

Foto 4: Ein weiteres altindisches Vimana
(nach Prof. Kanjilal).
Fußnoten
(1) 2. Korinther Kapitel 12, Verse 2-4, »Luther Bibel 2017«
(2) Herrchen, Matthias: »Das Buch vom Himmel«, Witten 2012, siehe Kapitel »Wie viele Himmel gibt es?«
(3) 2.Buch Mose Kapitel 34, Vers 5, »Luther Bibel 2017«
(4) Psalm 68, Vers 18 und 19, »Luther Bibel 2017«
(5) Daniel Kapitel 7, Verse 9-14, zitiert habe ich Vers 13, »Luther Bibel 2017«
(6) Petkov, Julian: »Altslavische Eschatologie: Texte und Studien zur apokalyptischen Literatur in kirchenslavischer Überlieferung«, Tübingen 2016, Seiten 246 und 247
(7) Ebenda, Seite 246, »Slavische Texte«
(8) Ebenda, Seite 298, »Die Plage der Sonne«
(9) Kanjilal, Prof. Dr. Dileep Kumar: »Vimana in Ancient India. Aeroplanes or Flying Machines in Ancient India«, Übersetzung aus dem Englischen von Julia Zimmermann, Bonn 1991, Privatdruck, Seiten 43 u. 44
Kanjilal, Prof. Dr. Dileep Kumar: »Fliegende Maschinen und Weltraumstädte im antiken Indien« in Fiebag, Johannes und Peter: »Aus den Tiefen des Alls«, Tübingen 1985, S. 127-147

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Auch Paulus wurde »entrückt« (Illustration aus einer Bibelhandschrift um 850 n.Chr.). (Freie künstlerische Gestaltung der alten Vorlage!) Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Ein altindisches »Vimana« (nach Prof. Kanjilal). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Ein weiteres altindisches Vimana (nach Prof. Kanjilal). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


553. »Paulus und die Bibliothek von Nag Hammadi«,
Teil 553 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23. August 2020



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