Samstag, 4. September 2010

Samstagsrezension Helga König: Ostseeküste - Mecklenburg-Vorpommern

Dieser wunderschöne Bildband enthält eine Fülle von imposanten Aufnahmen von Mecklenburg-Vorpommerns Ostseeküste und hier vom Klützer Winkel, von Boltenhagen, von Schloss Bothmer, von Wismar, Kühlungsborn und Heiligendamm, Bad Doberan und Rostock, vom Fischland-Darß-Zingst, von der alten Hansestadt Stralsund, den Insels Poel, Rügen, Hiddensee und Usedom sowie den Städten Greifwald und Wolgast.

Den Bildern sind jeweils knappe erläuternde Texte in deutscher, englischer und französischer Sprache begegeben. Anhand von Landkarten zu Beginn und am Ende des Buches kann man sich einen Überblick über die Ostseeküste verschaffen.

Die Autorin Hanne Bahra schreibt in ihrem Eingangtext, dass sich die Ostseeküste nirgendwo so vielgestaltig darstellt, wie in Mecklenburg-Vorpommern. Sie begründet dies damit, dass tiefe Buchten und mehr als hundert Inseln für eine kleinteilige Küstenlandschaft sorgen, die Lebensraum für ungezählte Wasservögel bilden.

Ich möchte einige Fotos und deren Beschreibungen hervorheben, damit Sie einen Eindruck haben, was Sie im Buch zu erwarten haben. Gelungen ist die Aufnahme von Schloss Bothmer. Es handelt sich hierbei um die größte erhaltene barocke Schloss- und Gartenanlage Mecklenburgs. Eine gestutzte Lindenalle- man sieht sie auf dem Foto leider nicht- soll vom Vorwerk Holzumfelde direkt auf den Mittelrisalit des Schlosses zuführen. Der idyllische Anblick und die Kurzinformation zu diesem Barockschloss haben mich neugierig gemacht und mich veranlasst, mich über die Geschichte des Schlosses und ihre einstigen Besitzer kundig zu machen.
Gut gewählt sind die die Motive von Wismar. Natürlich darf man sich der historischen Fassaden von Gotik bis Gründerzeit am Wismarer Marktplatz erfreuen und hier auch des ältesten Patrizierhauses, das um 1380 bereits erbaut worden ist. Eine Luftaufnahme zeigt den Grundriss Wismars, einem Hanseumschlagsplatz, der 1229 Stadtrechte erhielt. Vier Fotos fokussieren die spätmittelalterliche Georgskirche, die 1945 zerstört und 1991 mithilfe der Deutschen Stiftung für Denkmalsschutz wieder aufgebaut wurde. Die Kirche war die größte Kirchenruine Deutschlands. Eine Aufnahme des Hochalters von 1430 mit vier Metern Höhe und zehn Metern Breite verdeutlicht, dass auch dieser perfekt wiederhergestellt worden ist.

Mit großem Interesse habe ich mir auch eine Innenaufnahme des Bad Doberaner Münsters angesehen. Es ist eines der meistbesuchtesten Bauwerke der Europäischen Route des Backsteingotik. Die Autorin skizziert in wenigen Zeilen - sehr gelungen- die historische Entwicklung dieses Münsters.
Mir gefällt es, dass auch in der Folge immer wieder Kirchen und Klöster in Augenschein genommen werden, die ich als Ausdruck vormaliger tiefer Gläubigkeit der Menschen an der Küste interpretiere.

Eine Luftaufnahmen von Fischland Darß-Zingst habe ich mir lange angesehen, nicht zuletzt weil ein verstorbener Onkel, der aus Ribnitz-Damgarten kam, mir immer wieder von der Gegend vorschwärmte. Auf ungefähr 60 Kilometer langen Halbinsel, die vom Festland durch eine Boddenkette getrennt ist, ist die Landabtragung und Landwerdung noch voll im Gange. Die Autorin schreibt: "Was Wind und Wellen der Küste hier entreißen, wird am Darßer Ort, mitten im 805 Quadratkilometer großen Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft wieder gelandet."

Wustrow kannte ich bislang noch nicht. Es handelt sich um ein altes Fischer- und Schifferdorf. Eines der hübschen, typischen Fischerhäuser dort ist abgebildet. Viele der Häuser hier haben so genannte "Klöntüren". Man hat die Möglichkeit den oberen Teil zu öffenen, um sich für ein Schwätzchen auf die Brüstung zu legen. Diese "Klöntüren" veranschaulichen, dass die Menschen von Fischand Darß-Zingst sehr kommunikativ sind. Genau wegen dieser netten, aufgeschlossenen, kommunikativen Art mochte ich meinen Onkel sehr.

Stralsund habe ich in den 90er Jahren besucht und mich gefreut, wie hübsch die Stadt mittlerweile restauriert ist. Besonders aufmerksam betrachtete ich mir ein Bild der Kirchenruine des ehemaligen Franziskanerklosters St. Johannis, die Kulisse für Konzerte ist. 1624 brannte die frühgotische Hallenkirche aus. Der unbedachte Kirchenraum beherbergt übrigens eine Pietà nach Ernst Barlach.
Die Aufnahmen von Rügen sind gut gewählt, weil sie auch Ansichten fokussieren, die nicht auf jeder Postkarte zu sehen sind. Mehr noch angesprochen haben mich allerdings die Impressionen von Hiddensee, der autofreien Insel, die durch ihre ruhige Schönheit besticht.

Ich war noch nie in Greifwald, aber die Bilder laden zu einem Besuch ein. Wäre ich nochmals jung, würde ich in Greifswald an der Universität studieren. Die Universität wurde übrigens 1456 gegründet.

Usedom und seine vielfältige Schönheit berührt mich immer wieder. Die alte Bäderarchitektur und die traumhafte Insellandschaft bilden den gelungenen Abschluss dieses Bildbandes, der dokumentiert, dass die Küste Mecklenburg-Vorpommerns ein alte Kulturlandschaft ist.

Empfehlenswert.

Fotos 2, 3 und 4: Veröffentlicht unter GNU-Lizenz für freie Dokumentation auf Wikimedia.

Sonntag, 29. August 2010

»In der unvollendeten Grabkammer Teil I«,

Teil 33a der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

»Follow the others...« fordert mich der Wächter der »großen Pyramide«. Ich soll den anderen Pyramidenfreunden folgen. Dann werde ich in die Kammern der Königin und des Königs gelangen. Schnell... schnell... Schon ist wieder ein Trupp im Leib der »Großen Pyramide« verschwunden. »Follow them!« wird mir fast barsch befohlen. Nur dann, versichert man mir, werde ich ich in die Kammern der Königin und des Königs gelangen. Diese Bezeichnungen sind frei erfunden. Welchem Zweck die beiden Kammern in der Pyramide wirklich dienten, das ist nicht überliefert. Ich möchte aber nicht dem Tross der Touristen folgen. Mich interessiert die dritte Grabkammer....

»Dritte Kammer?« Mehrere Wächter haben sich inzwischen um mich geschart. »No third chamber exist....« behauptet einer in gutturalem, gebrochenen Englisch. Eine dritte Kammer existiert angeblich nicht. Ich deute nach oben. Deutlich ist der eigentliche Eingang zur Pyramide zu sehen. Er liegt auf der Nordseite des monumentalen Weltwunders, siebzehn Meter über der Grundfläche. Diesen höher gelegenen Eingang will ich benutzen, nicht jenen, durch den sich Hunderttausende Touristen quetschen. Er wurde einst von Grabräubern geschlagen.

Die unvollendete Grabkammer in der Cheopspyramide,
im Plan eingekreist.

Ich mache Anstalten, zum höher gelegenen Eingang zu klettern. Empört zerren die Guides an mir, packen mich an Armen und Beinen. Die Situation ändert sich schlagartig, als ich einige Geldscheine zücke und das Zauberwort »Bakschisch!« murmele. Dieses magische Wort und die Scheinchen verwandeln die Wächter schlagartig. Gern sind sie bereit, mit mir nach oben zu klettern. Der Wächter der Wächter am Eingang muss auch noch bestochen werden.... dann ist der Weg für mich frei... zur »unterirdischen Kammer« (»sunterranean chamber«).

Vor mir liegt ein Gang, der steil in das Innere der Pyramide führt. Die Bezeichnung »Gang« allerdings ist irreführend. Mit einer Höhe von nur 120 Zentimetern und einer Breite von 106 Zentimetern wirkt der Schacht alles andere als einladend. Ein aufrechtes Gehen ist bei dieser geringen Höhe nicht möglich. Kriechend in die Unterwelt der Cheopspyramide vorzudringen, das empfiehlt sich bei der Länge des Weges auch nicht. Also gehe ich in die Knie und quäle mich Schritt für Schritt die 26-Grad-Steigung hinab. Nach fünfundzwanzig Metern brennen meine Beine wie Feuer.

Soll ich aufgeben und den absteigenden Gang verlassen? Ich könnte jetzt in den aufsteigenden Gang wechseln, der zu der Königinnenkammer und der Königskammer führt. Ich schaue weiter nach unten. Es kommt mir so vor, als würde der tiefer führende »Gang« unendlich weit ins Erdinnere führen. Tatsächlich sind es aber »nur« noch etwa 85 weitere Meter.
.
Ziel meines anstrengenden Abstiegs
in die »Unterwelt«
Vor Anstrengung keuchend quäle ich mich weiter. Ich hatte gehofft, dass es im Inneren der Pyramide kühler ist als unter der Sonne Ägyptens. Die Luft wird muffiger, sie reizt zum schmerzhaften Husten. Mir ist, als würde es immer heißer und heißer. Meine Kleidung klebt mir am Leibe. Plötzlich spüre ich so etwas wie einen leisen, aber frischen Lufthauch. Auf eine »Länge« von nicht ganz zwei Metern ist der »Gang« immerhin stolze 1,85 Meter hoch. Hier soll so etwas wie eine Luftleitung in den absteigenden Gang führen. Kurz setze ich mich hin, dann wanke ich mehr kriechend als stehend weiter.

Endlich geht das Gefälle in die Horizontale über. Watschelnd geht es weiter, denn nach wie vor ist der »Gang« nur 120 Zentimeter hoch. So heftig inzwischen sämtliche Muskeln in Beinen und Rücken auch schmerzen... ich kämpfe mich schneller weiter. Ich weiß: nur noch zehn Meter trennen mich von der Kammer unter der »Cheopspyramide«.




»In der unvollendeten Grabkammer II«,
Teil 33b der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 5. September 2010

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