Sonntag, 25. Januar 2015

262 »Tempel des Teufels«

Teil 262 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1
»Das sind die Tempel des Teufels!«, zischte hasserfüllt der rundliche Mann. »Die Bilder, die Sie jetzt sehen, sind nicht misslungen! Sie sind nicht versehentlich unscharf…« Auf der kleinen Leinwand war in der Tat kaum etwas zu erkennen. Nur wenige Besucher hatten sich in den Nebenraum der Gastwirtschaft verirrt, um dem Vortrag »Tempel des Teufels« zu lauschen.

»Das sind die Tempel des Teufels!«, wiederholte der Referent. »Jeder Quadratzentimeter ist mit Gravuren, Schnitzwerk und Statuetten versehen. Es sind Bildnisse der Unzucht, mit denen uns Satanas in Versuchung führen will!« Weil er natürlich nicht die »unkeuschen Darstellungen« zeigen wolle, habe er die entsprechenden Dias fachkundig bearbeitet, so dass er nicht »Werbung für Hurerei« machen würde, vor der er doch nicht laut genug warnen könne.

»Was ist denn auf diesen Dias zu sehen, was wir nicht sehen dürfen?«, wollte ein Teilnehmer wissen. »Unkeusche, unzüchtige Werke des Teufels…«, antwortete der Referent. »Bilder der Wollust, die den sittsamen Menschen auf Abwege bringen sollen, die direkt auf breiter Straße in die Hölle führen!«

Nur wenige Neugierige waren zum Vortrag des Sektenpredigers gekommen. Der Nebenraum der Gastwirtschaft in einem Vorort von Nürnberg bot Platz für etwa 50 Personen. Nur fünfundzwanzig waren gekommen. Wie viele davon der Sekte angehörten, war nicht zu erkennen. Nachdem immer weiter völlig verschwommene Bilder gezeigt wurden, machte sich langsam Unmut breit. »Wenn es nichts zu sehen gibt.. unser Bier können wir auch woanders trinken…« Nach und nach verließen murrend unzufriedene Gäste den Raum.

Foto 2
 »Sie haben ja nicht viel darüber gesagt, wo sich diese… Darstellungen befinden…«, fragte ich. »In Indien!«, schleuderte mir der Referent entgegen. »Vor Jahrtausenden wurden dort diese hässlichen Bilder der Sünde geschaffen, um uns Christen in Versuchung zu führen!« Erst durch intensives Nachfragen konnte ich dem Sektenprediger entlocken, dass eine »Tempelanlage des Teufels« um 1250 im indischen Konarak am Golf von Bengalen entstand. König Narasimha Deva (gestorben 1264 unserer Zeitrechnung) soll den Auftrag erteilt haben. Unklar ist allerdings, ob die Tempelanlage überhaupt fertig gestellt wurde. Es mag sein, dass, aus welchen Gründen auch immer, der Bau schon vor Vollendung  aufgegeben wurde. Es mag aber auch sein, dass dies kurz nach Fertigstellung geschah und dass der Kultbau rasch zur Ruine verfiel.

35 Jahre sind seit jenem bemerkenswerten Diavortrag vergangen, der in strenger Selbstzensur immer nur Verschwommenes zeigte, wo Nacktes zu sehen gewesen wäre. Als ich damals – braver Student der evangelisch-lutherischen Theologie zu Erlangen – den Worten des Sektieres über die Versuchungen des Teufels lauschte, konnte ich mir nicht vorstellen, dereinst einmal selbst vor indischen Tempeln zu sehen, die in der Tat erotische Kunst in allen Varianten zeigten, mit präziser Kunstfertigkeit vor etwa einem Jahrtausend von Steinmetzen verewigt.

Foto 3

Der »Sonnentempel« von Konarak ist ein riesiges Göttervehikel aus Stein, das auf vierundzwanzig riesigen Steinrädern zu rollen scheint. Gezogen wurde es einst von steinernen Zugtieren, von denen allerdings nur noch spärliche Reste zu erahnen sind. Unzählige steinerne Plastiken zeigen Menschen bei sexuellen Handlungen.

Etwa 950 n.Chr. entstand der Lakshmana-Tempel. Zwanzig Jahre wurde an dem Monument gebaut. Hunderte Künstler müssen es gewesen sein, die hunderte Figuren schufen und an den Außenwänden des Tempels anbrachten. Ganz oben sind Göttinnen und Götter zu sehen. Darunter reihen sich erotische Darstellungen.  »Schöne Mädchen« und »himmlische Liebespaare« vergnügen sich akrobatisch-intim. Der Lakshmana-Tempel ist einer von zwanzig des Khajuraho-Tempelbezirks unweit von Khajuraho im indischen Bundesstaat Madya Pradesh.

Foto 4
Im Tempelbezirk steht auch der Kandariya-Mahadeva-Tempel, wie alle seine »Kollegen« auf einem steinernen Sockel. Vor Ort versicherte man mir, auf diese Weise habe man vor rund einem Jahrtausend die Kunstwerke an den Außenwänden der Tempel vor wilden Tieren schützen wollen. Der Kandariya-Mahadeva-Tempel, im frühen 11. Jahrhundert unserer Zeitrechnung entstanden, ist dem großen Gott Shiva geweiht. Shiva, auch »der Glückverheißende« genannt, seine Frau Parvati, und ihr Sohn Ganesha, bildeten als göttliche Dreiheit, die Dreifaltigkeit des Hinduismus, die »göttliche Familie«.

Shiva trug viele Namen. »Magadeva« war einer davon, zu Deutsch »Großer Gott«. Shiva war zugleich Verkörperung von Schöpfung, Zerstörung und Neubeginn. Vor Ort erklärte mir eine kundige Reiseleiterin, dass im Shiva Purana »genau 1008 Beinamen« Shivas verzeichnet sind.

Vor Ort, im Schatten uralter Tempel, wurden meinen Reisegefährtinnen und mir alte Überlieferungen erzählt. Sie entführten uns in die Zeiten der Göttinnen und Götter. So heißt es, dass Shiva einst mit Sati verheiratet war. Shiva erregte den Zorn seines Vaters. Der alte Herr wollte ganz und gar nicht einen frommen Asketen zum Sohn. Ergrimmt lud Vater Daksha Shiva und Sati nicht ein, als er ein großes Fest gab. Sati empfand dies als schlimme Kränkung ihres Mannes. Also verbrannte sie sich daraufhin bei lebendigem Leib… und wurde von der Erde verschlungen. Als Parvati wurde sie wiedergeboren. Die Botschaft der alten Überlieferung: Auf Leben folgt Tod, auf Tod Wiedergeburt und neues Leben.

Sati, auf die Erde der Lebenden zurück, wollte zu ihrem »Witwer« zurückkehren. Doch der war so tief in Meditation versunken, dass er die Schöne gar nicht wahrnahm. Parvati beschloss zu warten. Das tat sie dann auch sehr ausgiebig. Millionen Jahre stand sie auf einem Bein. Sie erstarrte, wurde selbst zum Baum. Pflanzen wuchsen an ihr empor. Shiva erwachte gerührt aus seiner tranceartigen Meditation…

Foto 5

Die ältesten erotischen Kunstwerke dürften vor weit mehr als einem Jahrtausend entstanden sein. Sie wurden wohl zunächst nicht aus Stein, sondern aus Holz geschnitzt. Die Plastiken dürften schon einfache kleine Tempel geschmückt haben, freilich nicht als Zierrat, sondern als Botschaft in 3D! Erhalten sind diese ersten Kunstwerke allerdings nicht. Man vermutet nur, dass man nicht gleich zum Stein griff, als erste Plastiken geschaffen wurden.


Foto 6
 Die uralte Mythologie gibt Aufschluss über die tiefere Bedeutung der alten Darstellungen. Die göttliche Vollkommenheit wird erst durch die Vereinigung der natürlichen Gegensätze erreicht – und plastisch in höchst erotischen Szenen gezeigt. Was Frömmler und Sektierer als »Teufelswerk« und »Versuchung« ansehen, ist wohl in Wirklichkeit Illustration zum ältesten Glauben überhaupt: Was existiert ist nur dank der Vereinigung der Gegensätze zu einer Einheit möglich. Erst im Christentum wurde das Weibliche verteufelt, zum Teuflischen in der Gestalt der biblischen Eva. Eva ist es, die nach dieser Vorstellung die Sünde in die Welt bringt und die für das harte Los der Menschheit verantwortlich ist. Ohne Evas Sündenfall, ohne die Versuchung Adams durch Eva, würden wir noch im Paradies leben?

Wohl nicht. Ohne den biblischen Sündenfall wäre es bei Adam und Eva geblieben. Denn die beiden zeugten den ersten Nachwuchs erst nach der Vertreibung aus dem Paradies. Der Begriff des »Sündenfalls« findet sich freilich nicht im Schöpfungsbericht, auch nicht in der weiteren Geschichte von Adam und Eva. In Sachen Sündenfall berufen sich Theologen gern auf das »4. Buch Esra«, das man allerdings vergeblich in der Bibel suchen wird. Es ist eine verchristlichte Apokalypse, die  frühestens am Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts entstanden sein dürfte. Kirchengucker schreibt: »Erst viel später, im spätjüdischen 4. Buch Esra, wurde aus einer Unbeherrschtheit die Sünde, die auf alle menschlichen Nachfahren der Ureltern zurückfallen sollte. Vererbt wird die Sünde im Judentum allerdings noch nicht. Auf das 4. Buch Esra bezog sich schließlich auch Paulus in seinen ersten Römerbrief. Der ›Sündenfall‹ galt von nun an als Beginn allen Übels. Damit war die so folgenreiche Erbsünde in der Welt.«

Foto 7
Im frühen dritten Jahrhundert machte Origines (gestorben um 250), immerhin einer der bedeutendsten Theologen der katholischen Kirche überhaupt, den Sündenfall zum sexuellen Delikt. Jetzt war es nicht mehr der eher harmlose Verzehr eines »Apfels« trotz göttlichen Verbots, der zur Vertreibung aus dem Paradies führte. Jetzt galt als Ursprung der Erbsünde ein sexuelles Vergehen von Adam und Eva, wofür es allerdings keinen biblischen Beleg gibt.

Von nun an hieß es, dass bereits durch die Zeugung eines Menschen der Mensch mit Sünde belastet wird. Und diese Last vererbt er wiederum seinen Kindern und Kindeskindern.

Zwei Jahrhunderte später: Augustinus (gestorben um 430), lateinischer Kirchenlehrer, sah in der Sexualität der Menschen eine Strafe Gottes für Adam und Evas Sünde im Paradies. Nach Augustin wurde jedes neugeborene Kind befleckt – durch die sündhafte Freude am Sex.

Angesichts eines solchen Verständnisses von Sexualität muss tatsächlich so mancher indischer Tempel mit seinen sehr konkreten intimen Darstellungen Sünde pur, ja Teufelswerk sein. Anno 1833 votierten prüde englische »Entdecker« der Tempelanlagen für eine Zerstörung des »unzüchtigen« Teufelswerks. Davon wurde abgesehen, weil sich die Vernunft durchsetzte. Man anerkannte dann eben doch, dass die uralten sakralen Gebäude einzigartig und als Zeugnisse einer alten hochstehenden Kultur erhaltenswert waren.

Foto 8

Bedroht sind Tempel wieder: in unserer Zeit. So soll ein führender Vertreter des »islamischen Staates« in Indonesien angekündigt haben, den antiken Borobudur-Tempel zerstören zu lassen. Leere Drohungen, so ist zu befürchten, sind das nicht. Man denke an die Sprengung der riesigen Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan im Jahr 2001 durch Taliban.

Anmerkungen zu den Fotos

Foto 1: Sinnlichkeit in Stein am Khajuraho-Tempel. Foto Crative Commons Dennis Jarvis Jungpionier.
Foto 2: Erotische Darstellung am Sonnentempel zu Konarak. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Sonnentempel von Konarak, ein riesiges Vehikel aus Stein mit riesigen steinernen Rädern... und erotischen Darstellungen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Eines der steinernen Riesenräder am Sonnentempel von Konarak. Auch am Sonnentempel gibt es sehr viele erotische Darstellungen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Khajuraho-Tempel, man kann ihn fast wie ein Buch lesen.. zum Thema erotische Liebeskünste. Foto Crative Commons Dennis Jarvis Jungpionier.
Foto 6: Schlangenkönigin und Schlangenkönig mit verschlungenen Schlangen-Unterleiben. Tempel von Halebid. wiki public domain. wiki/ mohonu
Foto 7: Die Schlangenkönigin und der Schlangekönig von Mahabalipuram - für Viele eine symbolisch-erotische Darstellung. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die Schlangenkönigin von Mahabalipuram... Weibliche Göttin, auch für Erotik zuständig. Foto Walter-Jörg Langbein


263 »Phallus, Gott und Kirche…«
Teil 263 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.02.2015



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 18. Januar 2015

261 »Die Schlangengöttin«

Teil 261 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: In zahlreichen indischen Tempeln
wurde die Schlangengöttin verehrt.

Indien ist und bleibt das Land der Widersprüche. Auf der einen Seite herrscht bittere Armut. Ein Millionenheer von Indern hat offenbar ein trauriges Los akzeptiert, lebt in unvorstellbarem Elend. Nach wie vor bestimmt in Indien ein uraltes Kastendenken das Leben. Es wird schon vor der Geburt an festgelegt, wer zu den Vielen ganz unten und den Wenigen ganz oben gehört. Vergeblich wurde von der Politik mit mal weniger, mal mehr Anstrengung versucht, dieses Kastensystem aufzulösen. Das mag auf dem Papier gelungen sein, in der Realität des Lebens aber nicht. Gleichzeitig verfügt Indien über eine bewundernswerte Weltraumforschungsorganisation, die »Indian Space Research Organisation« (ISRO). ISRO hat bereits mit Erfolg eine Sonde zum Mond geschickt und peilte dann als nächstes Ziel den Mars an. Während China und Indien bei ersten Versuchen teure Misserfolge vermelden mussten,  erreichte Indiens unbemanntes Raumvehikel »Mangalyaan« (Hindi für »Marsgefährt«) nach fast zehn Monaten Flugzeit den roten Planeten, bremste ab und trat in eine Umlaufbahn ein. Keiner anderen Nation ist das auf Anhieb gelungen. Alle anderen Länder scheiterten zunächst mit ihren Marsprojekten.

Foto 2: Göttin von Parasurameswar
 »Indiens preiswerte Mission zum Mars erfolgreich«, vermeldete »SVT.de« am 24. September 2014. Kostenpunkt: 57 Millionen Euro. Während die NASA für ein vergleichbares Projekt rund eine halbe Milliarde Euro ausgab, kann man die indische Mission als preiswertes Schnäppchen bezeichnen. 2016 soll ein Roboter zum Mond geschickt werden. Für 2018 hat sich die indische Raumfahrt die Landung eines Roboters auf dem Mars vorgenommen. Mir scheint: »Schwellenland« Indien hat in Sachen Weltraumfahrt die Nase vorn, vor der NASA. Ob Indien vor den USA den ersten bemannten Flug zum Mars wagen wird?

»Saubhika« war in altindischen Texten die Bezeichnung des Kommandeurs einer oberthschen Riesenraumstation. Sein Berufsbild wird von den altindischen Texten so umschrieben: »Jemand, der die Kunst des Fliegens einer Raumstadt kennt«. Prof. Kanjilal: »Die Beschreibung von einer Anzahl um sich selbst drehender Städte im Weltall, die bezeichnet sind als ›Vaihayasu‹, ›Gagancara‹ und ›Khecara‹, erscheinen im ›Vanaparvan‹ des ›Mahabharata‹. Im ›Sabhaparvan‹ finden sich ebenfalls Beschreibungen von Raumstädten, von Maya erbaut. Was erstaunlich an dieser Beschreibung ist, dass diese ›Sabhas‹ sich in unveränderten Bahnen rund um die Erde bewegten. Ihre Eingänge waren weit genug, um schmalen Flugzeugen den Durchgang zu ermöglichen.« (1)

Heutige und künftige Raumfahrtprojekte Indiens erfüllen auch Professor Dileep Kumar Kanjilal (geboren am 1. August 1933 in Kalkutta) mit Stolz. Der Gelehrte gilt als einer der führenden Experten der Welt für Pali, Sanskrit und andere Sprachen Indiens. Nach intensivstem Studium Jahrtausende alter heiliger Bücher Indiens kam der Wissenschaftler zum Ergebnis, dass altindische Epen präzise außerirdische Raumschiffe beschreiben, die in der Prähistorie aus dem All zur Erde kamen. Gewaltige Weltraumstädte kreisten um die eigene Achse auf ihren Reisen durchs All. So entstand an Bord künstliche Schwerkraft. Die gigantischen Vehikel sollen Planet Erde umkreist und »kleine« Zubringerschiffe ausgesetzt haben, die zwischen Mutterschiff  und Erde hin und herpendelten. Setzt also das heutige Indien eine Jahrtausende alte Tradition fort, wenn es zunächst unbemannte Flugkörper zu Mond und Mars schickt?

Foto 3: Noch
eine Schlangengöttin.
Indien war für mich eines der faszinierendsten Reiseländer.  Meine Reisegefährten und ich, wir hatten viel Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. In abgelegenen, selten von Touristen heimgesuchten Gefilden, begrüßten uns die Menschen mit einer kaum zu beschreibenden echten Herzlichkeit. Oft machten die Ärmsten der Armen einen äußerst zufriedenen, ja glücklichen Eindruck. Dankbare Blicke ernteten wir, wenn wir den alten Gottheiten Indiens unseren Respekt zeigten. In Bhupaneswar bewunderten wir herrliche Tempel, von denen einige wohl über ein Jahrtausend alt waren. Wir staunten über die Vielfalt der antiken Gotteshäuser. Sie waren alle Beweise für eine hochentwickelte Steinmetzkunst im »Alten Indien«. Mit bemerkenswerter Präzision wurden einst Steinblöcke so zurechtgeschnitten, dass sie millimetergenau aufeinander und ineinander passten. Die Fugen waren oft so gut wie gar nicht zu erkennen, es schien so, als gehe ein Stein in den anderen über.

Tempel à la Parasurameswar sind Bücher in Stein. Könnten wir sie doch wirklich wie ein Buch lesen! Würden wir doch wirklich verstehen, was die zahlreichen Fabelwesen bedeuten. Oft erinnern sie mehr an abstrakte Zeichnungen moderner Künstler als Jahrhunderte oder gar Jahrtausende alte Kunst. Von einem deutschen Professor für Völkerkunde weiß ich, dass wir weit weniger wirklich verstehen als wir meinen. »Die uralten Darstellungen haben auf wundersame Weise die Zeiten und die Zerstörungswut vieler ›Besucher‹ aus unterschiedlichen Kulturkreisen überdauert. Die ersten Europäer, waren Christen. Glauben Sie wirklich, dass den Fremden die Quintessenz der alten Geheimnisse offenbart wurde?« Wirklich interessiert hat man sich ja wohl aus Abscheu gegenüber der Darstellung sexueller Praktiken an Tempelwänden nicht. Dass es sich um Symbolik handeln könnte, wollte man weder wissen noch glauben.
Foto 4: Mysteriöses Fabelwesen... Kreatur aus uralten Mythen.
Was wir »zivilisierten« Europäer als zu fremdartig empfinden, können wir nicht wirklich begreifen (2). Und mancher Zeitgenosse neigt noch immer dazu, das Unverstandene als »primitiv« zu verunglimpfen. Die Darstellungen der ägyptischen Göttin Hekate mit drei Köpfen und drei Armpaaren findet zahlreiche Pendants im Alten Indien. So wurde der Opfer- und Schutzgott Brahma als die männliche Personifikation des Brahman (Neutrum) angesehen. Der Schöpfergott und Lenker des Universums wurde stets mit drei Köpfen und mehreren Armen dargestellt. Seine Gattin Sarasvati, die Göttin der Fruchtbarkeit und der Reinheit, verfügt auf Reliefs über vier Arme. Rudra, Gott der Stürme und Krankheits-plagen, war gut und böse zugleich. Auch er ist in so manchem Tempel mit mehreren Armpaaren dargestellt. So wie sich in der Glaubenswelt des Voodoo Götter in Gestalt von Tieren zeigen konnten, so wurden fast alle Götter des Hinduismus ebenfalls in Tieren verehrt. (3)

Foto 5: Noch ein Fabelwesen ... verwittert, mysteriös ...
Unzählige Tempel waren mit hunderten, ja tausenden von Skulpturen versehen. Den Portugiesen, deren erste Stützpunkte in Diu, Daman und Goa bereits 1498 entstanden, waren viele Darstellungen an Tempelwänden zu »unsittlich«. Auch die »frommen« Franzosen und Engländer waren entsetzt ob der freizügigen Darstellungen in Stein. Verstanden haben sie die Bedeutung der altindischen Kunst alle nicht. Wie viele Skulpturen religiösen Eiferern im Lauf der Jahrhunderte der Entdeckung zerschlagen wurden? Wir wissen es nicht.  Fakt ist, dass konkrete Pläne existierten, nach denen ganze Tempelanlagen zerstört werden sollten. Es ist jedenfalls ein Segen, dass noch so viele alte Tempel bis in unsere Zeit überdauert haben.

Foto 6: Fabelwesen aus Sandstein

In Bhubhaneswar und Umgebung stießen wir immer wieder auf Darstellungen von Naga Kanya. Die ersten christlichen Besucher müssen entsetzt gewesen sein ob dergleichen Darstellungen. Wurde doch die verehrte Göttin häufig halb als menschliche Frau, halb als Schlange dargestellt. Ihre obere Hälfte war die einer höchst attraktiven Frau mit wirklich stattlicher Oberweite. Ihre untere Hälfte war der einer Schlange. In den Augen der Christen konnte es kaum Schlimmeres geben als eine – wie sie meinten – Darstellung der Schamlosigkeit und Sünde einerseits und der teuflischen Schlange andererseits!

Die »Schlangenkönigin«, eine »Frau-Schlangen-Mischung«, »Naga Kanya« genannt, freilich war – und ist auch heute noch – hoch angesehen: als Beschützerin und Lehrerin der Frauen, als »Mutter der Erde«, als des Lebens, der Fruchtbarkeit. Ihre Darstellungen variieren. Manchmal wird die Göttin als Schlange ohne menschliche Züge gezeigt. Andere Skulpturen der Göttin weisen sie als Mischwesen aus: als Schlange mit Menschenkopf oder als Kreatur mit Schlangenunterleib und menschlichem Oberkörper. Manchmal trägt die Naga Kanya ihren schönen Kopf stolz hoch erhoben und eine Kobrahaube wie eine – für uns Europäer ungewöhnliche – Krone.

Foto 7: Schlangengöttin
und Schlangengott.
 Schlangen haben, ganz anders als im Christentum, eine positive Bedeutung im »Alten Indien«. Nagas werden als Wächter der Übergänge angesehen: zwischen innen (Haus) und außen (Umwelt), wohl auch zwischen Diesseits und Jenseits. Was mir positiv aufgefallen ist: Die uralte Schlangengöttin wird keineswegs nur von den Anhängern einer »Religion« verehrt. Wiederholt habe ich Buddhisten und Hindus in friedlicher Eintracht erlebt. Die heiligen Stätten der Schlangengöttin dürfen von allen aufgesucht werden. Und man muss keiner bestimmten Religion angehören, um zur Schlangengöttin zu beten.


Wer sich die Zeit nimmt, um in einem alten indischen Tempel zu verharren, der kann – so er das wirklich zulässt – die Heiligkeit fremder Orte der Religiosität förmlich körperlich spüren.

Foto 8: Schlangengöttin aus Bronze...
Erich von Däniken  bringt es in wenigen Sätzen auf den Punkt (4):

»Soll man Tempel sprengen, Kirchen schleifen? Nie und nimmer. Wo Menschen sich zusammenfinden und den Schöpfer preisen, empfinden sie eine wohltuende stärkende Gemeinsamkeit.

Wie vom Ton einer Stimmgabel angerührt, schwingt gemeinsame Ahnung von etwas Großartigem im Raum. Tempel und Kirchen sind Orte der Besinnung, Räume des gemeinsamen Lobs für das Undefinierbare, für ES, das wir behelfsweise Gott zu nennen gelernt haben.

Diese Versammlungsstätten sind notwendig. Der Rest aber ist überflüssig.«


Foto 9: Fabelwesen aus Stein...
Zur Lektüre empfohlen…

(1) Kanjilal, Prof. Dr. Dileep Kumar:
»Vimana in Ancient India.
     Aeroplanes or Flying Machines
in Ancient India«, Calcutta
     Februar 1985
(2) Franz, Heinrich Gerhard:
Das alte Indien/ Geschichte und Kultur des
     indischen Subkontinents,
München 1990
(3) Bhagavdgita, die. Mit einem spirituellen
Kommentar von Bede Griffiths/
Aus dem Sanskrit übersetzt, eingeleitet
und erläutert von Michael von Brück,
München 1993

Zitat

(4) Däniken, Erich von: »Aussaat und Kosmos/ Spuren und Pläne außerirdischer
     Intelligenzen«, Düsseldorf 1972, S. 249 unten und S. 250 oben


Zu den Fotos: Alle Fotos - mit Ausnahme von Foto 7 - Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Parasurameswar Tempel
Foto 2: Naga Kanya Bhupaneswar
Foto 3: Schlangenkönigin oder Schlangengöttin. Sammlung W-J.Langbein
Foto 4: Parasurameswar
Foto 5: Parasurameswar
Foto 6: Parasurameswar
Foto 7: Schlangenkönigin und - könig, naga und nagini, wiki commons Nohonu
Foto 8: Schlangenkönigin oder Schlangengöttin. Sammlung W-J.Langbein
Foto 9: Parasurameswar

262 »Tempel des Teufels«,
Teil 262 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 25.01.2015



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)