Sonntag, 1. September 2019

502. »Die Kunst der Anamorphose und eine fantastische Realität«

Teil 502 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Kurioses Helmwesen. Fotomontage

Im 15. und 16. Jahrhundert entstanden in Europa geheimnisvolle Gemälde: Im Zeitalter der Renaissance wurden Kunstwerke geschaffen, die Dinge zeigen, welche bei normalem Betrachten gar nicht zu erkennen sind. Sie enthalten Elemente, die aus einer oft bis ins Bizarre verzerrten Welt zu stammen scheinen. Sie sind nicht als etwas real Existierendes identifizierbar. Betrachtet man sie aber in einem speziellen Spiegel, dann werden Dinge entzerrt sichtbar und sind plötzlich zu erkennen. Was mit bloßem Auge nicht als etwas Reales auszumachen ist, das wird im zylindrisch gewölbten Spiegel zu einem konkreten Gegenstand. Anamorphose nennt man Werke einer sehr speziellen Form der Malerei.

Nicht immer ist ein Hilfsmittel wie ein gewölbter Spiegel erforderlich, um Verborgenes erst wirklich erkennbar zu machen. Anamorphose Bilder zeigen dabei alles offen, und doch ist vieles nicht zu erkennen. Ein berühmtes Beispiel: Hans Holbein der Jüngere (1) verewigte anno 1533 »Die Gesandten«. Man sieht zwei offensichtlich sehr bedeutsame Herren in kostbarer Kluft, die sich ihrer Macht bewusst sind, nämlich Jean de Dinteville, französischer Botschafter am Hof von Henry VIII, und Georges de Selve, Bischof von Lavour. Im Vordergrund ist ein undefinierbares Etwas auszumachen. Betrachtet man aber das Gemälde nicht von vorn, sondern (2) »aus einem sehr flachen Winkel von rechts nach links unten«, dann verwandelt sich das formlos Verzerrte in einen Totenkopf.

Man sieht etwas, erkennt es aber nur aus einem ganz bestimmten Winkel. Mit anderen Worten: Es kommt auf den Standpunkt des Betrachters an, ob man etwas, das doch für alle sichtbar ist, auch erkennt oder nicht.

Foto 2: Hans Holbein der Jüngere: »Die Gesandten«

Wie Hans Holbein der Jüngere beherrschte auch Athanasius Kircher (*1602; †1680), ein deutscher Jesuit und Universalgelehrter des 17. Jahrhunderts, die Kunst der Anamorphose. Wikipedia erklärt (3): »Häufig wurden verbotene Motive, wie z. B. erotische Szenen, dargestellt. Zahlreiche Künstler malten Anamorphosen aus wissenschaftlichen Gründen; einige von ihnen waren gleichzeitig Mathematiker.«

Anamorphose lehrt uns, dass die Wirklichkeit oft ganz anders aussieht als es zunächst den Anschein hat. Anamorphose zeigt uns, dass es auf den richtigen Standpunkt ankommen kann, wenn wir versteckte Wirklichkeit erkennen wollen. Um den Totenschädel im Gemälde »Die Gesandten« unverzerrt sehen zu können, müssen wir einen bestimmten Standpunkt einnehmen und das Bildnis aus einem ganz bestimmten Blickwinkel betrachten. Hans Holbein der Jüngere vermittelt uns auf seine Weise, dass wir immer wieder hinterfragen müssen, ob wir denn den richtigen Standpunkt einnehmen. Stehen wir vielleicht im übertragenen Sinne auf dem falschen »Standpunkt«? Sehen wir die Wirklichkeit verzerrt? Und halten wir das Zerrbild für die einzig wahre Realität?

Foto 3: Das verzerrte Etwas
Welchen Standpunkt nehmen wir ein? Haben wir ihn selbst gefunden? Spätestens in der Schule lernt man, wie man die Realität zu sehen hat. Wer gar studiert, der wird verstärkt auf den richtigen Standpunkt eingeschworen. Wer an der Universität Karriere machen will, der wird alles dafür tun, den Standpunkt seiner Professoren als den allein richtigen zu verinnerlichen. Er wird als Assistent eines Professors weiter den Standpunkt des Professors vertreten, nur so hat man realistische Chancen, selbst den Aufstieg zum Professor zu schaffen. Auf diese Weise wird der altehrwürdige Standpunkt verteidigt, werden Zweifel unterdrückt und neue Standpunkte geradezu als Häresien verdammt.

Foto 4: Der entzerrte Schädel
Dessen ungeachtet gibt es aber immer wieder Einzelkämpfer, die aus Prinzip nicht dort stehen zu müssen meinen, wo sich die meisten vermeintlich Vernünftigen drängen. Ungeachtet des öffentlichen Drucks wird es immer Einzelkämpfer geben, die nach anderen Standorten suchen, von denen aus die Wirklichkeit ganz anders aussieht.

Besuchen wir die »Zwillingsstätten« von El Baúl und Bilbao in Guatemala. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Da gibt es eine steinerne Stele mit einem interessanten Relief. Fundort: El Baúl, Guatemala. El Baúl befindet sich etwa vier Kilometer nördlich der Ortschaft »Santa Lucía Cotzumalguapa« im »Departamento Escuintla« in einer Höhe von etwa 550 Metern. 50 Kilometer ist es bis zur Pazifikküste. Weiträumige Zuckerrohrfelder haben den Besitzern der Finca einen gewissen Reichtum eingebracht. Schon im 19. Jahrhundert fand man steinerne Stelen in Bilbao. Dr. Habel, ein österreichischer Reisender, fertigte Zeichnungen von den interessantesten Funden an. So erfuhr das Berliner Völkerkundemuseum von den archäologischen Schätzen von Bilbao. Museumsdirektor Adolf Bastian (*1826; †1905) erschien anno 1876 vor Ort und kaufte einige der Stelen für sein Museum.

Foto 5: Autor Langbein vor der mysteriösen Stele/
Foto: Ingeborg Diekmann

Uns interessiert besonders eine Stele von El Baúl. Sie trug zunächst die nüchterne Bezeichnung »Monument Nr.27«, wurde später in »Stele 5« umbenannt. Sie ist flach, zweieinhalb Meter hoch und eineinhalb Meter breit. Bestaunen kann man sie in einem kleinen Freilichtmuseum in El Baúl, Guatemala. Im Zentrum des Reliefs steht, stolz aufgerichtet, ein menschenähnliches Wesen. Es stemmt die angewinkelten behandschuhten Hände in die Hüftgegend. In beiden Händen hält es kleine Kugeln oder Bälle. Die Füße stecken in Stiefeln. Die an Pluderhosen erinnernden Beinkleider reichen bis zu den Knien. Besonders mysteriös aber ist der Kopf.

Foto 6: Die Stele mit Helmwesen
Nüchtern stellt Wikipedia fest (4): »Die Stele Nr. 5 ist – eine Seltenheit unter den mesoamerikanischen Stelen – gerahmt und zeigt wahrscheinlich zwei Ballspieler – einer stehend mit freiem Oberkörper, das Gesicht von einer Kojotemaske bedeckt, die Hände in die Hüften gestützt und seinen Gegner anspuckend(?); der andere auf dem Rücken liegend. In den von Fäustlings-Handschuhen gepolsterten Händen halten beide Figuren Bälle. Die Hüfte der stehenden Figur ist von einem U-förmigen Jochstein (yugo) umgeben, der auf der linken Seite des Ballspielers mit Bändern verschnürt ist. Die Glyphen im linken Teil der Stele sind rund gestaltet und erinnern somit ebenfalls an Bälle; darüber reicht eine kleine Götterfigur aus einer Wolkenschlange eine Art Siegestrophäe herab, mit denen der Hals und die Brust der stehenden Figur bereits geschmückt zu sein scheint. Unterhalb der Hauptszene befindet sich eine Reihe von 6 kleineren Figuren im Schneidersitz und vor der Brust gekreuzten Armen.«

Foto 7: Helm, Schlauch, Tank auf dem Rücken

Soweit der schulwissenschaftliche Blick auf die mysteriöse Stele. Aber nimmt die Schulwissenschaft den richtigen Standpunkt ein? Das habe ich mich schon bei meinem ersten Besuch vor Ort gefragt, als ich bei fast saunartigen Verhältnissen schwitzend vor Ort das stehende Wesen betrachtete. Es schien belustigt auf mich herabzuschauen. Die zentrale Frage, die das altehrwürdige Kunstwerk aus rätselhaften Zeiten an uns richtet:  Von welchem Standpunkt aus muss man die Darstellung sehen, um sie wirklich zu sehen und zu verstehen? Verlassen wir den Standpunkt der Schulwissenschaft »Archäologie«. Betrachten wir die Darstellung von einem anderen Standpunkt aus, mit den Augen eines Menschen, der zu Beginn des dritten Jahrtausends lebt und der weiß, wie ein Astronaut im Raumanzug aussieht.

Foto 8: Guckloch im Helm
Wir nehmen einen Standpunkt ein, der von der Schulwissenschaft abgelehnt wird und erkennen eine für uns reale fantastische Wirklichkeit. Der Kopf des Wesens steckt in einem wuchtigen Helm, der bis zu den Schultern reicht. Trägt die Kreatur so etwas wie einen eng anliegenden Anzug, der in den Helm übergeht? Es wird aber noch kurioser: Bei näherem Betrachten fällt auf, dass so etwas wie ein Schlauch aus dem Helm heraus auf den Rücken führt, in so etwas wie einen Tornister oder Tank. Deutlich ist zu erkennen, dass dieser kurze Schlauch aus dem Helm heraustritt, über die Schulter geführt wird und an das Behältnis auf dem Rücken angeschlossen ist. Im Helm befindet sich so etwas wie ein Guckloch, und dahinter sieht man das Auge des Wesens, die Augenbraue, einen Teil der Stirn und den Nasenansatz.

Foto 9: Schwebeneder Gott
Einheimische scheinen das Wesen mit dem Helm für einen Gott zu halten. Sie begegnen dem steinernen Bildnis mit Ehrerbietung, ja sie bringen ihm Opfer. Sie legen Blumen und Früchte vor der Stele ab. Von ihrem Standpunkt aus betrachtet ist die Kreatur so etwas wie ein überirdisches Wesen. Welchen Standpunkt nehmen wir ein? Folgen wir der Schulwissenschaft? Glauben wir den Archäologen, dass die Stelen in der Zeit von 600 bis 1000 nach Christus entstanden? Warum tragen die Stelen (mit einer Ausnahme) von El Baúl – im Gegensatz zu Mayastelen dieser Zeitepoche – kein eingraviertes Datum? Oder sind sie älter als bislang angenommen? Und wen oder was zeigen sie wirklich? Die nicht wirklich erforschte Stätte von El Baúl wird wie die von Bilbao von der Archäologie der Zeit der Spätklassik (ca. 600 bis 1000 n. Chr.) zugerechnet. Diese beiden Zentren waren, wie Ausgrabungen zeigten, einst durch gepflasterte Straßen miteinander verbunden. Die steinernen Fundamente einer hölzernen Brücke sind teilweise noch erhalten. Sie führte über den Fluss Santiago und verband El Baúl mit El Castillo.

Wie groß die mysteriösen Stätten einst waren, wir wissen es nicht. Nur ein Teil der Areale wurde von Gräbern gründlich erkundet. Vor Ort erfuhr ich wiederholt, dass es bis zum heutigen Tag der Archäologie vollkommen unbekannte Stelen, teilweise unförmige Plastiken und bizarre Statuen geben soll, von denen nur Einheimische wissen. Einige Statuetten zeigen angeblich furchteinflößende Mischwesen, zusammengesetzt aus bekannten Tieren und unbekannten Kreaturen. Einem steinernen Haupt eines alten Mannes sollen sich die Nachkommen der Mayas nur höchst respektvoll nähern und ihm untertänigst ihre Aufwartung machen.

Es soll irgendwo versteckt zwischen Buschwerk und Zuckerrohrfeldern nur von kundigen Einheimischen zu finden sein. Der Führer eines kleinen Museums vertraute mir an: »Je nachdem, von wo aus man diese Figuren betrachtet, nehmen sie ganz unterschiedliche Formen an.«

Foto 10: Helmwesen... Gott oder Astronaut? Oder Ballspieler? Collage!


Fußnoten
(1) *1497 oder 1498 wahrscheinlich in Augsburg; †29. November 1543 in London
(2) Wikipedia, Stichwort »Anamorphose«, https://de.wikipedia.org/wiki/Anamorphose, Stand 20.06.2019
(3) ebenda
(4) Wikipedia-Artikel El Baúl (Guatemala), https://de.wikipedia.org/wiki/El_Ba%C3%BAl_%28Guatemala%29,
Stand 20.06.2019

Zu den Fotos
Foto 1: Kurioses Helmwesen. Fotomontage. Foto und Fotomontage Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Hans Holbein der Jüngere: »Die Gesandten«, Foto wikimedia commons
Foto 3: Das verzerrte Etwas im Gemälde von Holbein. Foto wikimedia commons
Foto 4: Der entzerrte Schädel im Gemälde von Holbein. Foto wikimedia commons
Foto 5: Autor Langbein vor der mysteriösen Stele/ Foto: Ingeborg Diekmann
Foto 6: Die Stele mit Helmwesen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Helm, Schlauch, Tank auf dem Rücken. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 8: Guckloch im Helm. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Schwebender Gott.  Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Helmwesen... Gott oder Astronaut? Oder Ballspieler? Collage! Foto und Fotomontage Walter-Jörg Langbein


503. »Erinnerungen an vorzeitliche Besucher aus fremden Welten?«
Teil 503 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 8. September 2019



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 25. August 2019

501. »Bücher voller Geheimnisse«


Teil 501 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Vieles auf Erden ist uns verborgen.
Als Ersatz dafür wurde uns 
ein geheimnisvolles,
heimliches Gefühl zuteil
von unserer pulsierenden Verbindung
mit einer anderen Welt,
einer erhabenen und höheren Welt,
und auch die Wurzeln unserer Gedanken
und Gefühle sind nicht hier,
sondern in anderen Welten.«
Fjodor Michailowitsch Dostojewski
(*11.11.1821, † 09.02.1881)



Die Bibel - Weil dies Buch voller Geheimnisse ist

Johannes Piscator (*1546, †1625), war in elsässischer Theologe. Von 1602 bis 1604 übersetzte er so genau wie möglich die Bibel. Mehr als Luther (*1459; †1530 ) war Johannes Piscator auf philologische Genauigkeit bedacht und weniger auf sprachliche Gefälligkeit. Seine möglichst wortgetreue Übersetzung fordert heutigen Leserinnen und Lesern einiges ab. In Piscators Deutsch verfasst ist sie für die heutige Leserschaft manchmal schwer verständlich. Von den Lutheranern verspottet konnte sich die »Piscator-Bibel« nicht durchsetzen. Sie war in Deutschland zeitweise sogar verboten. Heute ist sie selbst so manchem Theologen allenfalls dem Namen nach bekannt, lesen tut sie kaum noch jemand. Das liegt wohl auch daran, dass Luther dem Volk mehr aufs Maul schaute und eine gefälligere, eingängigere Übersetzung bot, die zudem im Lauf der Jahrhunderte immer wieder dem aktuellen Sprachgebrauch angepasst wurde.

Anno 1684 erschien in Bern in offenbar hoher Auflage eine »Piscator-Bibel«, die viele erklärende Anmerkungen zu nicht so ganz klaren oder vordergründig unverständlichen Aussagen bietet. Auch Piscator selbst empfand die Bibel als für den Menschen zu geheimnisvoll, als dass er wirklich alles verstehen könnte. Deshalb sei es erforderlich, vor der Lektüre daran zu bedenken, dass man sich (1) »in ein heiliges Gespraech einlasset mit Gott«. Wer die Bibel liest, der tritt ein in einen Dialog mit Gott. Die Geheimnisse der Bibel, so Piscator weiter, werden unverständlich bleiben, es sei denn man bittet Gott vorher um die notwendige Erleuchtung. Bei Piscator liest sich das in heutigem Deutsch so:

Foto 1:  Einleitung zum Neuen Testament von Piscator, 1771



»Weil dieses Buch (die Bibel) voll großer Geheimnisse ist und der normale Mensch die Dinge, die von Gottes Geist sind, nicht verstehen kann, so lies niemals in diesem Buch, ohne zuvor Gott um die notwendige Erleuchtung gebeten zu haben.«

In Piscators Deutsch (2): »Weilen diß Buch voll hoher Geheimnussen ist, und der natuerliche Mensch nicht fassen kan die Dinge, die des Geistes Gottes sind, so liese niemals hierinn, du habest denn Gott mit Andacht angerufen um die nothwendige Erleuchtung.«

Piscator rät, zur Vorbereitung der Bibellektüre Vers 18 aus Psalm 119 zu sprechen: »Entdecke mir, o mein Gott!, meine Augen, auf daß ich die Wunder sehe in deinem Gesatz.« Man wird also angehalten zu beten, Gott möge einem die Augen öffnen, damit man das Wundersame sehe. Johannes Piscator schlägt ein Gebet vor, das man sprechen soll, damit Gott die Geheimnisse und das Wundersame der Bibel verständlich werden lässt Gleich zu Beginn soll man sich bei Gott bedanken, der in einem Licht wohnt und der »uns in der Finsternuss der Unwissenheit und Irrtum steckende Menschen durch die hell=leuchtende Strahlen« seines seligmachendes Wortes anleuchtet. Solches Licht fehlt heute an allen Ecken und Enden.

Die geheime Lehre

Ende der 1960er Jahre nutzte ich in den Schulferien einen Aufenthalt in London zum Besuch der »British Library«. Die geradezu legendäre »Nationalbibliothek des Vereinigten Königreichs« gilt als eine der bedeutendsten Forschungs- und Universalbibliotheken der Welt. Ehrfürchtig blätterte ich in Originalausgaben »Isis Unveiled« (1. Auflage 1877) und von »The Secret Doctrine« (1. Auflage 1888). Die Autorin Helena Petrovna Blavatsky (*1831; †1891) war ohne Zweifel eine der schillerndsten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Mich faszinierte »Cosmic Evolution«, enthalten in »Seven Stanzas translated  from  the Book of Dzyan«. Nach Helena Petrovna Blavatsky handelt es sich dabei um das »älteste Dokument der Welt«. Das bis heute umstrittene »Buch des Dzyan«, auch »Buch Dzyan« genannt, soll von Wissenden, den Eingeweihten einer »geheimen Bruderschaft« in Tibet aufbewahrt und erhalten werden.

Während Skeptiker das Werk »Dzyan« für reine Fiktion halten, sieht die »Theosophical Society« H. P. Blavatsky in wachsendem Maße von der Wissenschaft bestätigt (3): »Vertreter der Physik, Chemie, Biochemie und Biologie wagen es zunehmend, sich etablierten Lehrmeinungen entgegenzustellen und in ihren Forschungen auch philosophisch-geisteswissenschaftliche Aspekte zu berücksichtigen, wie sie in H. P. Blavatskys Werken angedeutet werden. So lehren sie u. a. den unwirklichen und täuschenden Charakter der Materie; die Tatsache, daß die physische Welt auf Energie beruht und von ›Leben‹ erfüllt ist, so daß es wahrhaft nichts Totes gibt; die innere Natur und Zusammensetzung des Atoms und aller Wesenheiten.«

Foto 2: Piscators Neues Testament von 1771

So beginnt Strophe I des Dzyan: »1. Die ewige Mutter, gehüllt in ihre immer unsichtbaren Gewande, hatte wieder einmal während sieben Ewigkeiten geschlummert. 2. Es gab keine Zeit, denn sie lag schlafend in dem unendlichen Schoße der Dauer. 3. Das Universalgemüt war nicht vorhanden, denn es gab keine Ah-hi, es zu erhalten.«

Die »ewige Mutter« war nach dem »Buch Dzyan« der Kosmos. Und der Kosmos schlummerte, weil (noch?) keine Ah-hi, keine »himmlischen Wesen«, (in ihm?) existierten. Sehr präzise formuliert Vers 5 von Strophe I: »Dunkelheit allein erfüllte das unendliche All.« Was hat die Aussage in Vers 8 von Strophe I zu bedeuten (5): » Und das Leben pulsierte unbewusst im Weltenraume.«? (Im englischen Original von Helena Petrovna Blavatsky: »… and life pulsated unconscious in universal space.«)

Ah-hi und Elohim

Und die Ah-hi, wer oder was waren die? Dr. Franz Hartmann (*1838; †1912) kann auch heute noch als führender deutscher Experte auf dem Gebiet der Schriften von Helena Petrovna Blavatsky gelten. Dr. Hartmann gründete im Jahre 1896 die »Deutsche Theosophische Gesellschaft«. Bereits zwei Jahre später, 1898, wurde er von Katherine Tingley,  der Nachfolgerin H. P. Blavatskys, als »Präsident« der Gesellschaft eingesetzt. Sein Werk  (6) »Kurzgefasster Grundriss der Geheimlehre von H.P. Blavatsky« wurde 2015 neu aufgelegt und ist auch als eBook erhältlich.

Foto 3: Piscators Neues Testament von 1771

 Dr. Franz Hartmann bezeichnet darin die Ah-hi als (7) »himmlische Wesen«, als »Inbegriff der geistigen Kräfte und Wesenheiten des Weltalls« und setzt sie mit den Elohim des Alten Testaments gleich, »deren Tätigkeit in der Natur das Rad der Evolution in Bewegung setzt und darin erhält. … Diese geistigen Kräfte oder Engel waren aber vor dem ›Anfange‹ nicht vorhanden.« Vielmehr wurden sie, so Dr. Hartmann, erst von Gott kreiert. Die Elohim der Bibel, so Dr. Hartmann (8), »sind die Erzeuger unserer Körper«. Im Schöpfungsbericht des Alten Testaments sind es bekanntlich die Elohim, zu Deutsch »Götter«.

Der wahrscheinlich bekannteste Satz der Bibel lautet: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« So beginnt das Alte Testament. Wenig später (9): »Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen...« Uns? Warum spricht Gott in der Mehrzahl? Lesen wir den Schöpfungsbericht im Hebräischen, so stellen wir fest, dass dieses »uns« keineswegs der einzige Hinweis auf Götter in der Mehrzahlform ist. Der Gott, der im deutschen Text am Anfang Himmel und Erde schuf, verwandelt sich im Hebräischen zum Mehrzahlwort: Elohim. Das »Jerusalemer Bibellexikon« (10) versucht zu klären – und führt den Begriff der »majestätischen Mehrzahl Elohim« ein.

Ist damit das Problem »Gott oder Götter« gelöst? Spricht also Gott (Einzahl) »Lasset uns Menschen machen...«, weil er den Pluralis Majestatis anwendet? War die Mehrzahlform, die europäische Könige und Kaiser angewendet haben, um sich vom niederen Volk zu unterscheiden, bereits im Alten Israel bekannt? Eine wortwörtliche Übersetzung aus dem Hebräischen scheint diese Überlegung zu bestätigen: »Am Anfang schuf Elohim Himmel und Erde.«

Foto 4: Voll hoher Geheimnussen

Elohim heißt wörtlich »Götter«, also Mehrzahl. Buchstabengetreu übersetzt: »Am Anfang schuf Götter Himmel und Erde.« Das Subjekt steht in der Mehrzahl, das Verb aber in der Einzahl. Damit liegt aber kein klassischer Pluralis Majestatis vor, denn da stehen Subjekt und Verb beide im Plural. Wir erlassen ein Gesetz, spricht der König. Wir und erlassen sind beide im Plural.

Jüdischer und christlicher Glaube sind beide streng monotheistische Religionen. Doch während das Christentum (wie auch das heutige Judentum) nur an einen alleinigen Gott glaubt und die Existenz weiterer Götter verneint, war das im Judentum des Alten Testaments anders. Die religiösen Gebote verneinen keineswegs die Existenz anderer Götter. Wer an den neuen Gott Jahwe glaubt, darf allerdings keine weiteren Götter verehren (11): »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.«

Verboten ist auch die Herstellung von Bildnissen anderer Götter (12). Fremde Götter dürfen auch nicht angefleht werden (13): »Aber die Namen anderer Götter sollt ihr nicht anrufen, und aus euerem Munde sollen sie nicht gehört werden!« Fremde Götter dürfen nicht angebetet werden. Rabiater noch (14): »Du sollst ihre Steinmale umreißen und zerbrechen!«

Die Bibel bietet Geheimnisse. Das Buch Dzyan bietet viele Geheimnisse. Die Götter bieten viele Geheimnisse. Die Welt, unsere Welt, fasziniert mit Geheimnissen aus Worten und solchen aus Stein. Man muss sie nur zur Kenntnis nehmen wollen. Man muss nur den Mut aufbringen, auch das Geheimnisvolle zu sehen.

Wenn das Geheimnisvolle geleugnet wird, ist wissenschaftlicher Fortschritt unmöglich.

Fußnoten
(1) »Das Neue Testament Unsers Herrn und Heilands Jes Christi, Samt beygefuegten Summarien ueber ein jedes Capitel, Verteutscht durch Johann Piscator, BERN, in Hoch=Oberkeitl. Druckery, Anno 1771«, »Bericht an den Leser, wie man mit Nutz das Wort Gottes lesen soll«
(2) ebenda. Die vierseitige Einleitung weist keine Seitenzahlen auf.
(3) Siehe »Helena Petrowna Blavatsky – Eine Lebensskizze« http://www.geheimlehre.de/die_autorin.htm (Stand, Pfingstmontag, 10.6.2019)
(4) Blavatsky, Helena Petrowna: »Die Geheimlehre«, Bd. I-IV, Nachdruck, Denhaag o.J., Zitat aus Band I »Kosmogenesis/ Kosmische Evolution«, Seite 55
(5) ebenda, S. 56
(6) Hartmann, Dr. Franz: »Kurzgefasster Grundriss der Geheimlehre von H.P. Blavatsky«, München 2015
(7) Hartmann, Dr. Franz: »Kurzgefasster Grundriss der Geheimlehre von H.P. Blavatsky«, München 2015, eBook-Version, Positionen 79 und 83
(8) ebenda, Pos. 1033
(9) 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 26
(10) Hennig, Kurt (Herausgeber): »Jerusalemer Bibellexikon«, Neuhausen-Stuttgart 1990, S. 303
(11) 2. Buch Mose Kapitel 20, Vers 3
(12) 2. Buch Mose Kapitel 20, Vers 23
(13) 2. Buch Mose Kapitel 23, Vers 13
(14) 2. Buch Mose Kapitel 23, Vers 24

Zu den Fotos
Foto 1:  Einleitung zum Neuen Testament von Piscator, 1771. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Piscators Neues Testament von 1771. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Piscators Neues Testament von 1771. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Voll hoher Geheimnussen. Foto Walter-Jörg Langbein


502. »Die Kunst der Anamorphose und eine fantastische Realität«
Teil 502 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 1. September 2019


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)