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Sonntag, 1. September 2019

502. »Die Kunst der Anamorphose und eine fantastische Realität«

Teil 502 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Kurioses Helmwesen. Fotomontage

Im 15. und 16. Jahrhundert entstanden in Europa geheimnisvolle Gemälde: Im Zeitalter der Renaissance wurden Kunstwerke geschaffen, die Dinge zeigen, welche bei normalem Betrachten gar nicht zu erkennen sind. Sie enthalten Elemente, die aus einer oft bis ins Bizarre verzerrten Welt zu stammen scheinen. Sie sind nicht als etwas real Existierendes identifizierbar. Betrachtet man sie aber in einem speziellen Spiegel, dann werden Dinge entzerrt sichtbar und sind plötzlich zu erkennen. Was mit bloßem Auge nicht als etwas Reales auszumachen ist, das wird im zylindrisch gewölbten Spiegel zu einem konkreten Gegenstand. Anamorphose nennt man Werke einer sehr speziellen Form der Malerei.

Nicht immer ist ein Hilfsmittel wie ein gewölbter Spiegel erforderlich, um Verborgenes erst wirklich erkennbar zu machen. Anamorphose Bilder zeigen dabei alles offen, und doch ist vieles nicht zu erkennen. Ein berühmtes Beispiel: Hans Holbein der Jüngere (1) verewigte anno 1533 »Die Gesandten«. Man sieht zwei offensichtlich sehr bedeutsame Herren in kostbarer Kluft, die sich ihrer Macht bewusst sind, nämlich Jean de Dinteville, französischer Botschafter am Hof von Henry VIII, und Georges de Selve, Bischof von Lavour. Im Vordergrund ist ein undefinierbares Etwas auszumachen. Betrachtet man aber das Gemälde nicht von vorn, sondern (2) »aus einem sehr flachen Winkel von rechts nach links unten«, dann verwandelt sich das formlos Verzerrte in einen Totenkopf.

Man sieht etwas, erkennt es aber nur aus einem ganz bestimmten Winkel. Mit anderen Worten: Es kommt auf den Standpunkt des Betrachters an, ob man etwas, das doch für alle sichtbar ist, auch erkennt oder nicht.

Foto 2: Hans Holbein der Jüngere: »Die Gesandten«

Wie Hans Holbein der Jüngere beherrschte auch Athanasius Kircher (*1602; †1680), ein deutscher Jesuit und Universalgelehrter des 17. Jahrhunderts, die Kunst der Anamorphose. Wikipedia erklärt (3): »Häufig wurden verbotene Motive, wie z. B. erotische Szenen, dargestellt. Zahlreiche Künstler malten Anamorphosen aus wissenschaftlichen Gründen; einige von ihnen waren gleichzeitig Mathematiker.«

Anamorphose lehrt uns, dass die Wirklichkeit oft ganz anders aussieht als es zunächst den Anschein hat. Anamorphose zeigt uns, dass es auf den richtigen Standpunkt ankommen kann, wenn wir versteckte Wirklichkeit erkennen wollen. Um den Totenschädel im Gemälde »Die Gesandten« unverzerrt sehen zu können, müssen wir einen bestimmten Standpunkt einnehmen und das Bildnis aus einem ganz bestimmten Blickwinkel betrachten. Hans Holbein der Jüngere vermittelt uns auf seine Weise, dass wir immer wieder hinterfragen müssen, ob wir denn den richtigen Standpunkt einnehmen. Stehen wir vielleicht im übertragenen Sinne auf dem falschen »Standpunkt«? Sehen wir die Wirklichkeit verzerrt? Und halten wir das Zerrbild für die einzig wahre Realität?

Foto 3: Das verzerrte Etwas
Welchen Standpunkt nehmen wir ein? Haben wir ihn selbst gefunden? Spätestens in der Schule lernt man, wie man die Realität zu sehen hat. Wer gar studiert, der wird verstärkt auf den richtigen Standpunkt eingeschworen. Wer an der Universität Karriere machen will, der wird alles dafür tun, den Standpunkt seiner Professoren als den allein richtigen zu verinnerlichen. Er wird als Assistent eines Professors weiter den Standpunkt des Professors vertreten, nur so hat man realistische Chancen, selbst den Aufstieg zum Professor zu schaffen. Auf diese Weise wird der altehrwürdige Standpunkt verteidigt, werden Zweifel unterdrückt und neue Standpunkte geradezu als Häresien verdammt.

Foto 4: Der entzerrte Schädel
Dessen ungeachtet gibt es aber immer wieder Einzelkämpfer, die aus Prinzip nicht dort stehen zu müssen meinen, wo sich die meisten vermeintlich Vernünftigen drängen. Ungeachtet des öffentlichen Drucks wird es immer Einzelkämpfer geben, die nach anderen Standorten suchen, von denen aus die Wirklichkeit ganz anders aussieht.

Besuchen wir die »Zwillingsstätten« von El Baúl und Bilbao in Guatemala. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Da gibt es eine steinerne Stele mit einem interessanten Relief. Fundort: El Baúl, Guatemala. El Baúl befindet sich etwa vier Kilometer nördlich der Ortschaft »Santa Lucía Cotzumalguapa« im »Departamento Escuintla« in einer Höhe von etwa 550 Metern. 50 Kilometer ist es bis zur Pazifikküste. Weiträumige Zuckerrohrfelder haben den Besitzern der Finca einen gewissen Reichtum eingebracht. Schon im 19. Jahrhundert fand man steinerne Stelen in Bilbao. Dr. Habel, ein österreichischer Reisender, fertigte Zeichnungen von den interessantesten Funden an. So erfuhr das Berliner Völkerkundemuseum von den archäologischen Schätzen von Bilbao. Museumsdirektor Adolf Bastian (*1826; †1905) erschien anno 1876 vor Ort und kaufte einige der Stelen für sein Museum.

Foto 5: Autor Langbein vor der mysteriösen Stele/
Foto: Ingeborg Diekmann

Uns interessiert besonders eine Stele von El Baúl. Sie trug zunächst die nüchterne Bezeichnung »Monument Nr.27«, wurde später in »Stele 5« umbenannt. Sie ist flach, zweieinhalb Meter hoch und eineinhalb Meter breit. Bestaunen kann man sie in einem kleinen Freilichtmuseum in El Baúl, Guatemala. Im Zentrum des Reliefs steht, stolz aufgerichtet, ein menschenähnliches Wesen. Es stemmt die angewinkelten behandschuhten Hände in die Hüftgegend. In beiden Händen hält es kleine Kugeln oder Bälle. Die Füße stecken in Stiefeln. Die an Pluderhosen erinnernden Beinkleider reichen bis zu den Knien. Besonders mysteriös aber ist der Kopf.

Foto 6: Die Stele mit Helmwesen
Nüchtern stellt Wikipedia fest (4): »Die Stele Nr. 5 ist – eine Seltenheit unter den mesoamerikanischen Stelen – gerahmt und zeigt wahrscheinlich zwei Ballspieler – einer stehend mit freiem Oberkörper, das Gesicht von einer Kojotemaske bedeckt, die Hände in die Hüften gestützt und seinen Gegner anspuckend(?); der andere auf dem Rücken liegend. In den von Fäustlings-Handschuhen gepolsterten Händen halten beide Figuren Bälle. Die Hüfte der stehenden Figur ist von einem U-förmigen Jochstein (yugo) umgeben, der auf der linken Seite des Ballspielers mit Bändern verschnürt ist. Die Glyphen im linken Teil der Stele sind rund gestaltet und erinnern somit ebenfalls an Bälle; darüber reicht eine kleine Götterfigur aus einer Wolkenschlange eine Art Siegestrophäe herab, mit denen der Hals und die Brust der stehenden Figur bereits geschmückt zu sein scheint. Unterhalb der Hauptszene befindet sich eine Reihe von 6 kleineren Figuren im Schneidersitz und vor der Brust gekreuzten Armen.«

Foto 7: Helm, Schlauch, Tank auf dem Rücken

Soweit der schulwissenschaftliche Blick auf die mysteriöse Stele. Aber nimmt die Schulwissenschaft den richtigen Standpunkt ein? Das habe ich mich schon bei meinem ersten Besuch vor Ort gefragt, als ich bei fast saunartigen Verhältnissen schwitzend vor Ort das stehende Wesen betrachtete. Es schien belustigt auf mich herabzuschauen. Die zentrale Frage, die das altehrwürdige Kunstwerk aus rätselhaften Zeiten an uns richtet:  Von welchem Standpunkt aus muss man die Darstellung sehen, um sie wirklich zu sehen und zu verstehen? Verlassen wir den Standpunkt der Schulwissenschaft »Archäologie«. Betrachten wir die Darstellung von einem anderen Standpunkt aus, mit den Augen eines Menschen, der zu Beginn des dritten Jahrtausends lebt und der weiß, wie ein Astronaut im Raumanzug aussieht.

Foto 8: Guckloch im Helm
Wir nehmen einen Standpunkt ein, der von der Schulwissenschaft abgelehnt wird und erkennen eine für uns reale fantastische Wirklichkeit. Der Kopf des Wesens steckt in einem wuchtigen Helm, der bis zu den Schultern reicht. Trägt die Kreatur so etwas wie einen eng anliegenden Anzug, der in den Helm übergeht? Es wird aber noch kurioser: Bei näherem Betrachten fällt auf, dass so etwas wie ein Schlauch aus dem Helm heraus auf den Rücken führt, in so etwas wie einen Tornister oder Tank. Deutlich ist zu erkennen, dass dieser kurze Schlauch aus dem Helm heraustritt, über die Schulter geführt wird und an das Behältnis auf dem Rücken angeschlossen ist. Im Helm befindet sich so etwas wie ein Guckloch, und dahinter sieht man das Auge des Wesens, die Augenbraue, einen Teil der Stirn und den Nasenansatz.

Foto 9: Schwebeneder Gott
Einheimische scheinen das Wesen mit dem Helm für einen Gott zu halten. Sie begegnen dem steinernen Bildnis mit Ehrerbietung, ja sie bringen ihm Opfer. Sie legen Blumen und Früchte vor der Stele ab. Von ihrem Standpunkt aus betrachtet ist die Kreatur so etwas wie ein überirdisches Wesen. Welchen Standpunkt nehmen wir ein? Folgen wir der Schulwissenschaft? Glauben wir den Archäologen, dass die Stelen in der Zeit von 600 bis 1000 nach Christus entstanden? Warum tragen die Stelen (mit einer Ausnahme) von El Baúl – im Gegensatz zu Mayastelen dieser Zeitepoche – kein eingraviertes Datum? Oder sind sie älter als bislang angenommen? Und wen oder was zeigen sie wirklich? Die nicht wirklich erforschte Stätte von El Baúl wird wie die von Bilbao von der Archäologie der Zeit der Spätklassik (ca. 600 bis 1000 n. Chr.) zugerechnet. Diese beiden Zentren waren, wie Ausgrabungen zeigten, einst durch gepflasterte Straßen miteinander verbunden. Die steinernen Fundamente einer hölzernen Brücke sind teilweise noch erhalten. Sie führte über den Fluss Santiago und verband El Baúl mit El Castillo.

Wie groß die mysteriösen Stätten einst waren, wir wissen es nicht. Nur ein Teil der Areale wurde von Gräbern gründlich erkundet. Vor Ort erfuhr ich wiederholt, dass es bis zum heutigen Tag der Archäologie vollkommen unbekannte Stelen, teilweise unförmige Plastiken und bizarre Statuen geben soll, von denen nur Einheimische wissen. Einige Statuetten zeigen angeblich furchteinflößende Mischwesen, zusammengesetzt aus bekannten Tieren und unbekannten Kreaturen. Einem steinernen Haupt eines alten Mannes sollen sich die Nachkommen der Mayas nur höchst respektvoll nähern und ihm untertänigst ihre Aufwartung machen.

Es soll irgendwo versteckt zwischen Buschwerk und Zuckerrohrfeldern nur von kundigen Einheimischen zu finden sein. Der Führer eines kleinen Museums vertraute mir an: »Je nachdem, von wo aus man diese Figuren betrachtet, nehmen sie ganz unterschiedliche Formen an.«

Foto 10: Helmwesen... Gott oder Astronaut? Oder Ballspieler? Collage!


Fußnoten
(1) *1497 oder 1498 wahrscheinlich in Augsburg; †29. November 1543 in London
(2) Wikipedia, Stichwort »Anamorphose«, https://de.wikipedia.org/wiki/Anamorphose, Stand 20.06.2019
(3) ebenda
(4) Wikipedia-Artikel El Baúl (Guatemala), https://de.wikipedia.org/wiki/El_Ba%C3%BAl_%28Guatemala%29,
Stand 20.06.2019

Zu den Fotos
Foto 1: Kurioses Helmwesen. Fotomontage. Foto und Fotomontage Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Hans Holbein der Jüngere: »Die Gesandten«, Foto wikimedia commons
Foto 3: Das verzerrte Etwas im Gemälde von Holbein. Foto wikimedia commons
Foto 4: Der entzerrte Schädel im Gemälde von Holbein. Foto wikimedia commons
Foto 5: Autor Langbein vor der mysteriösen Stele/ Foto: Ingeborg Diekmann
Foto 6: Die Stele mit Helmwesen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Helm, Schlauch, Tank auf dem Rücken. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 8: Guckloch im Helm. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Schwebender Gott.  Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Helmwesen... Gott oder Astronaut? Oder Ballspieler? Collage! Foto und Fotomontage Walter-Jörg Langbein


503. »Erinnerungen an vorzeitliche Besucher aus fremden Welten?«
Teil 503 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 8. September 2019



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Sonntag, 8. Juni 2014

229 »Monster aus Stein«



»Das Paradiestor und seine Sphingen Teil 4«, 
Teil 229 der Serie 
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                          
von Walter-Jörg Langbein



Kreaturen aus der Hölle? Foto Walter-Jörg Langbein

Ich stehe am »Paradiestor« des Doms zu Paderborn und fotografiere. Ein Geistlicher im Talar bleibt grüßend stehen. »Warum interessieren Sie sich denn für dieses Eselchen?«, fragt er und schreitet weiter. »Ein Eselchen ist das nicht…«, widerspreche ich höflich. »Es hat Flügel! Und die Füße passen auch nicht…« Der Gottesmann kehrt um. »Sie haben recht! Ein Esel ist das nicht! Das Tier hat Pfoten wie eine Großkatze…« Kopfschüttelnd betrachtet der Geistliche den steinernen Fries. »Drei von diesen merkwürdigen Tieren… nebeneinander. Zwei erinnern an Mischungen aus Esel, Großkatze und Engel…« Er deutet auf das dritte Wesen. »Schade, dass diese Kreatur so stark beschädigt ist! Es könnte ein gehörnter Stier sein, aber mit Flügeln….« 

Auf ein weiterführendes Gespräch will der Kleriker sich nicht einlassen. »Das sind teuflische Kreaturen der Hölle!«, zischt er förmlich, die Hände abwehrend in Richtung Fries ausgestreckt. »Oben stehen die Heiligen, zu ihren Füßen kriechen die gottlosen Tiere… in der Hölle!«

Im Land der Pyramiden, im mysteriösen Reich am Nil, wurden vor mindestens fünf Jahrtausenden geheimnisvolle Fabelwesen in Form von Plastiken dargestellt, zum Beispiel Löwe-Mensch-Wesen. Mischwesen tummeln sich in nicht zu überschauender Anzahl auch im Ägyptischen Museum von Kairo. Letztlich wurden da alle Arten von Tieren miteinander kombiniert und mit teilweise menschlichen Merkmalen versehen. Diese kuriosen Fabelwesen gehören zu den »main attractions«, zu den »Hauptattraktionen« Ägyptens. Eines davon steht unweit von den großen Pyramiden: die oder der Sphinx.

Wir wissen nicht wirklich, wie alt die Sphinx im Schatten der Cheopspyramide ist. Unklar ist auch, wie sie ursprünglich ausgesehen hat. Hatte das Mischwesen einst das Haupt eines Löwen? Wurde das menschliche Haupt erst später modelliert? Es fällt auf, dass der Kopf der Sphinx von den Proportionen her zu klein ist. Sah er ursprünglich ganz anders aus, war er ursprünglich größer? Wurde er kleiner, weil er ummodelliert wurde, sprich neue Konturen verpasst bekam?

Verwandt mit der Sphinx... die Lamien.
Foto Archiv W-J.Langbein

Sphinxartig sind die Lamien, die in verschiedenen Varianten in Griechenland bekannt waren. Stets haben sie den Leib eines Tieres, zum Beispiel pferdeartig, aber mit gespaltenen Hufen an den Hinterbeinen und Klauen an den Vorderbeinen. Engelsgleich soll ihr weibliches Gesicht gewesen sein, passend zu den besonders ansehnlichen Brüsten. Manche Lamien scheinen menschenähnlich gewesen zu sein: attraktive Vampirinnen, die ihren Männern nächtens das Blut aus den Adern saugten.

Bartholomaeus Anglicus ( ca. 1190 bis ca. 1250), franziskanischer Scholastiker und früher Enzyklopädist, verfasste das Sammelwerk »De Proprietatibus rerum«. Er kennt Lamien als »Tiere mit Menschengestalt und Pferdefüßen«.

Manche Lamien scheinen Zwitter gewesen zu sein. In historischen Darstellungen haben sie gelegentlich weibliche wie männliche Geschlechtsattribute.
Lamien haben durchaus etwas Sphinxartiges. Denken wir an Sphinx, kommt uns die ägyptische Sphinx auf dem Pyramidenplateau in den Sinn. Im griechischen Kulturbereich gab es interessante Sphinx-Varianten: 

·        Die Sphinx als ein Löwe mit Flügeln und dem Kopf einer Frau,
·       die Sphinx als Frau mit ausgeprägten Brüsten und den Tatzen einer Löwin
·       und die Sphinx als Mischwesen mit einem Schlangenschwanz und  Vogelflügeln.
Aus dem griechischen Kulturraum stammt auch ein anderer Klassiker der monströsen Art, die Harpyie. Schon Homer hat sie beschrieben,  Hesoid kannte sie auch. Harpyien setzten einst in den legendären Berichten über die Argonauten dem blinden König Phineus zu. Sie rauben sein Essen oder machen es zumindest für den menschlichen Verzehr ungenießbar. Die Harpyie war ein monsterhaftes Mischwesen, hatte den Leib eines Vogels, meist eines Adlers, und das Haupt einer Frau.

Wen es ins »British Museum« verschlägt bekommt mit einigem Glück einen Fries eines Denkmals aus Xanthos in Lykien zu Gesicht. Es zeigt Harpyien, die der Kreatur vom Nürnberger Stadtwappen recht ähnlich sind.

Eine Kreatur aus der Familie der Harpyien.
Foto Archiv W-J.Langbein

Heute neigen Wissenschaftler dazu, derlei Kreaturen als reine Hirngespinste oder »symbolisch gemeinte Darstellungen«  abzutun. Die mit reichlich Phantasie ausgestatteten Dichter sollen einfach unterschiedliche Tiere mit Menschen kombiniert haben, um ganz außergewöhnliche Wesen zu erschaffen, die in sich ganz unterschiedliche Fähigkeiten vereinten. Aber waren diese mysteriösen Wesen wirklich nur Produkte der menschlichen Erfindungsgabe?

Warum hört man nicht auf die antiken Historiker, die sich ganz konkret zu den monströsen Schöpfungen äußern? Historiker Eusebius zum Beispiel lässt auch nicht den geringsten Zweifel aufkommen: Monströse Mischwesen, Geschöpfe der Götter, hat es ganz real und in Fleisch und Blut gegeben: 

»Menschen mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe, noch andere, pferdefüßige, und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschengestalt an der Vorderseite. Erzeugt hätten sie (die Götter, Ergänzung des Autors) auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits an den Hinterteilen hervorliefen, auch Pferde mit Hundeköpfen...sowie andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte, dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten.«

»Die Chronik« des Eusebius sei jedem Zeitgenossen wärmstens empfohlen, der sich für die Epochen unserer Historie interessiert, die auch heute noch von der Schulwissenschaft tabuisiert werden. Die Entwicklung der heutigen Menschheit hat linear zu erfolgen. Von der Amöbe bis zum Jetztmenschen ging es angeblich immer nur aufwärts. Sehr frühe Hochkulturen, die in Kataklysmen vor Ewigkeiten ausgelöscht wurden, haben in der offiziellen Geschichtsschreibung keinen Platz.

Die mysteriöse Harpyie fand auf geheimnisvolle Weise und aus unerfindlichen Gründen ihren Weg ins große Stadtwappen der Stadt Nürnberg. Monsterhafte Wesen fanden ihren Weg aber auch nach Paderborn, wo sie am »Paradiestor« mit bestechender Detailfreude in den Stein graviert wurden: als eine endlose Kette von Vogel Greifen, die gen Himmel steigen und wieder vom Himmel herab kommen, als merkwürdige Mischwesen mit Leibern von nicht immer definierbaren Vierbeinern mit Gesichtern oder Köpfen von Menschen. »Stiere, menschenköpfige« wurden laut Eusebius von den Göttern erzeugt. Solche Kreaturen haben unbekannte Künstler vor vielen Jahrhunderten am Paradiestor zu Paderborn im Stein verewigt. Woher hatten sie ihr Wissen? Entsprang es der Phantasie?


Ein Monsterwesen von Paderborn... Rechtes Foto:
Vergrößerung der »Kopfpartie«, Fotos W-J.Langbein

Wie kommt es, dass Kreaturen ganz ähnlicher »Machart« am Fries des Doms zu Paderborn verewigt wurden? Die mysteriösen Darstellungen in Stein sollten endlich einmalgründlich untersucht werden. Es lohnt sich, einmal zu recherchieren, wo es ähnliche Darstellungen gibt. Am Münster zu Freiburg gibt es ebenso Mischwesen in Stein. Da kämpfen Kentauren – Mensch/Pferd-Mischwesen gegen Menschen. Da begegnen wir einem weiteren Mischwesen, dem Vogel Greif. Alexander der Große tritt eine Himmelsreise an, in die Lüfte emporgehoben von zwei Greifen!

Überall begegnen sie uns, die Mischwesen, die laut Eusebius ein Werk der Götter waren. Hat es sie wirklich gegeben, wie der antike Historiker postuliert? Gehen alte Mythen, die sich um diese monströsen Wesen ranken, auf wahre Begebenheiten zurück? Diese Frage ist berechtigt in einer Zeit, in der sich Wissenschaftler anschicken, auf gentechnischem Wege Mischwesen zu erschaffen. Noch sind derartige Experimente stark durch Gesetze reglementiert oder gar verboten. Ich bin aber davon überzeugt, dass in geheimen Forschungslabors die Entwicklung sehr viel weiter fortgeschritten ist als wir erfahren.

Wenn Eusebius von den Monsterwesen als Kreationen der »Götter« spricht, dürfen wir dann eine kühn anmutende Spekulation wagen? Experimentierten die »Götter« in Sachen Gentechnologie? Kreierten sie Wesen, wie sie zum Beispiel im Münster von Freiburg und im Dom zu Paderborn in Stein verewigt wurden? (Zum Vergleich: Das Foto zeigt oben und unten Mischwesen von Paderborn, in der Mitte von Freiburg!)

Von oben nach unten:
Paderborn, Freiburg, Paderborn.
Fotos W-J.Langbein


Empfehlenswerte Quellen

Die Welt der Monsterwesen aus alten Zeiten wird bis heute sträflich vernachlässigt.

Wer Quellenstudium betreiben möchte, sei auf folgende Werke verwiesen. Es handelt sich dabei allerdings nur um eine bescheidene kleine Auswahl! Interessant ist, dass in uralten Enzyklopädien über das Leben monströse Fabelwesen als reale Kreaturen beschrieben werden, als Bestandteil der Gesamt-Zoologie von Planet Erde.

Albertus Magnus: De Historia Animalium, Lyon 1562
Bartholomäus, Anglicus: De Proprietatibus Rerum, London 1935
Claudius Aelanius: De Historia Animalium, Lyon 1562
Karst, Josef: Eusebius’ Werke, Band V, Die Chronik, Leipzig 1911
Kircher, Athanaius: Mundus Subterraneus, ohne Ortsangabe, 1665
Münster, Sebastian: Cosmographey, Basel 1598

Mischwesen auf einem alten Mosaik.
Privatbesitz. Foto: W-J.Langbein

»Adam und Eva von der Osterinsel«,
»Das Paradiestor und seine Sphingen Teil 5«,
Teil 230 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 15.06.2014




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