Sonntag, 10. Januar 2016

312 »Woher, wohin?«

Teil 312 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: So soll es einst auf der Osterinsel ausgesehen haben

Joe Luis Rosaco und Juan Pablo Lira beschreiben die Osterinsel als »endloses Rätsel«, als »endless enigma« (1). Und in der Tat: Je intensiver ich recherchiere, desto mehr neue Fragen ergeben sich!

Nach den ältesten Mythen der Osterinsel gab es einst in grauer Vorzeit weit im Westen Südamerikas ein paradiesisches Eiland, »Maori Nui Nui«, zu Deutsch »Groß Maori«. König Taenen Arei regierte das Reich. Groß waren seine Sorgen. Stand doch die Existenz seines gesamten Volkes auf dem Spiel! »Maori Nui Nui« würde in den Fluten des Pazifiks versinken. Hatte sein Volk überhaupt eine Chance zu überleben?
     
Schließlich übernahm Taenen Areis Sohn, Hotu Matua, die Regierungsgewalt als König. Voller Tatendrang rüstete er Expeditionen aus. Seine tüchtigsten Seefahrer sollten eine neue Heimat für das vom Untergang bedrohte Volk finden. Doch die Kundschafter kamen immer wieder zurück, ohne in den Weiten des Meeres neues Land gefunden zu haben.
    
Foto 2: In den Weiten des Pazifiks...

Im letzten Augenblick gab es himmlische Hilfe. Gott Make Make stieg vom Himmel herab, ergriff den Priester Hau Maka und verschleppte ihn  durch die Lüfte zu einem fernen, unbekannten Eiland. Make Make erklärte dem verblüfften Priester genau, wie man von seiner alten Heimat, dem vom Untergang bedrohten Atlantis der Südsee, zur neuen Insel gelangen konnte. Make Make warnte eindringlich vor gefährlichen Felsenriffen und wies auf Vulkane hin. Er zeigte dem Geistlichen eine Kuriosität: »weiches Gestein«. Es dürfte sich um noch nicht ganz erstarrte Lava gehandelt haben.

    
Schließlich wurde Hau Maka in die alte Heimat zurück gebracht. Sofort berichtete er seinem König von seinem Traum. Ein Traum musste der Flug mit dem Gott Make Make ja gewesen sein. Der König wählte sieben Seefahrer aus, die sofort zu einer Erkundungsfahrt aufbrachen. Tatsächlich fanden sie die neue Insel... nach dreißig Tagen strapaziöser Fahrt übers Meer. Nach weiteren vierzig Tagen waren die sieben Seefahrer wieder zu Hause. Der König befahl den Exodus. Die gesamte Bevölkerung von »Maori Nui Nui« siedelte um: vom Atlantis der Südsee auf die Osterinsel. Die neue Heimat wurde planmäßig erkundet und in Besitz genommen.

Foto 3: .... verloren in einem endlosen Meer....

Aber waren die Flüchtlinge von »Maori Nui Nui« wirklich die ersten Menschen auf der Osterinsel? Nach Osterinselexperte Fritz Felbermayer war das Eiland damals menschenleer (2).

Nach Admiral T. de Lapelin (3) gab es auf den Gambier-Inseln, Tuamotu-Archipel, 1800 Kilometer südöstlich von Tahiti gelegen, eine interessante Überlieferung. Auf der Insel Mangareva kam es zu einer Rebellion. Ein »Chief« – der Name wird nicht überliefert – wurde besiegt und floh. Er entkam auf zwei großen Kanus mit Männern, Frauen und Kindern. Proviant hatten sie reichlich dabei. Einer der Flüchtlinge soll später wieder nach Mangareva heimgekehrt sein. Er berichtete, dass die beiden Kanus eine Insel gefunden hätten. Der Beschreibung nach handelte es sich um die Osterinsel.

Das Eiland sei bewohnt gewesen, heißt es weiter. Die Einheimischen überfielen die Neuankömmlinge, wurden aber besiegt. Bis auf Frauen und Kinder sollen alle Insulaner erschlagen worden sein. Auf der Osterinsel versicherte man mir, das könne nur vor der Besiedelung ihrer Insel durch Hotu Matua geschehen sein.

Eine Lehrerin berichtete mir in Hanga Roa, der einzigen Siedlung auf dem Eiland, dass ihre Vorfahren beim ersten Besuch auf der Osterinsel Spuren einer früheren Besiedlung entdeckt hätten.

Foto 4: ... liegt die Osterinsel

Da habe es deutliche Überreste einer einst sehr schön angelegten Straße gegeben. Und in den »Höhenlagen« der Vulkane habe man steinerne Befestigungsanlagen früherer Bewohner gefunden. (4) Diese Befestigungsanlagen sollen sich auf einem der beiden Hügel befunden haben, die am Strand der Anakena-Buch liegen. Meines Wissens ist davon heute nichts – mehr? – zu sehen. Einer der beiden Hügel soll – von wem auch immer – oben künstlich abgeflacht worden sein. Wurden auf diesem Hügel einst Posten aufgestellt, die aufs Meerhinaus starren mussten, um frühzeitig Neuankömmlinge zu entdecken?

Viele Fragen in Sachen Osterinsel beginnen mit dem Wort »woher«. Woher kamen die ersten Bewohner der Osterinsel? Vermutlich gab es mehrere Wellen von Einwanderungen. Unbestreitbar ist der starke Anteil an polynesischen Vorfahren der Osterinsulaner. Woher stammt der osterinsulanische »Vogelmensch-Kult«? Wir verstehen diesen Kult bis heute nicht wirklich. Steingravuren auf der Osterinsel zeigen den Vogelmenschen als eine Art Mischwesen aus Mensch und Vogel.

Auf zahlreichen Steingravuren, die meist im Lauf der Jahrhunderte schon sehr stark verwittert sind, scheint sich der Vogelmensch kopfüber mit vorgestreckten Armen nach unten zu stürzen. Von wo nach wo springt er da? Vom Himmel zur Erde?

Foto 5: Vogelmenschkult Osterinsel
Auf den Solomon-Inseln gab es offenbar auch einen Vogelmensch-Kult. Offenbar wurde da der Fregattvogel mit menschlichen Merkmalen versehen. Die Vogel-Menschen der Osterinsel ähneln nun sehr jenen von den Solomon-Inseln.

Vermutlich kamen die Fregatt-Vogel-Mensch-Mischungen von den Solomon-Inseln zur Osterinsel.

Dort wandte man sich nach und nach einer Seeschwalbenart zu, da es auf der Osterinsel an Fregattvögeln mangelte. Unverkennbar ist der für Fregatt-Vögel typische »Hakenschnabel« auf der Osterinsel. Fregattvögel aber waren und sind auf der Osterinsel unbekannt.

Woher kam der Vogelmensch-Kult? Und was hat er wirklich zu bedeuten? Geht es um Fruchtbarkeitsriten, um Zeremonien zum Erhalt des Lebens? Im Kult der Osterinsel galt es, das erste Ei einer Rußseeschwalbe von einer der Osterinsel vorgelagerten Miniaturinsel heil zur Osterinsel zu bringen. Wurde auf diese Weise die Rückkehr des Lebens auf das Eiland zelebriert, ja beschworen?

Viele »Woher-Fragen« stellen sich zur alten Osterinselkultur. Wichtiger aber scheint mir die Frage nach dem Wohin zu sein! Wohin wird sich die heutige Osterinsel-Kultur entwickeln? Schon seit vielen Jahrzehnten versucht man sich von der Vorherrschaft durch Chile zu befreien. Fast klammheimlich kehrt der alte Kult um den »Vogelmenschen« wieder. Darstellungen von Vogelmenschen finden sich heute wieder in der christlichen Kirche der Osterinsel, auf Heiligenfiguren geschnitzt, aber auch auf Rückseiten von Grabsteinen.

Fotos 6 und 7: Mysteriöser Kult
Im Verlauf der rund dreißig Jahre, die ich die Osterinsel immer wieder aufsuchte, erkannte ich ein Erstarken der Bewegung »Zurück zu den Wurzeln«-Bewegung. Leider wurden unzählige der Schrifttäfelchen der Osterinsulaner von übereifrigen Missionaren gesucht und vernichtet. Leider wurde die Muttersprache »Rapanui« der Osterinsel viele Jahrzehnte verboten. Erst seit 1975 darf »Rapanui« wieder in der Schule gelehrt und gelernt werden. 1984 schließlich wurde »Rapanui« sogar zum Pflichtfach. Und die örtliche Folklore, lange Zeit von Missionaren als »Teufelswerk« verdammt, wird seither wieder an der Schule unterrichtet.

Für Sebastian Englert, 1964 mit dem »Bundesverdienstkreuz 1. Klasse« geehrt, hatte ausschließlich die Missionierung der Osterinsulaner Bedeutung. Das unsägliche Leid, das den Menschen durch Vertreter der »zivilisierten Welt« zugefügt wurde, scheint ihn überhaupt nicht interessiert zu haben. Er sah seine Aufgabe wohl ausschließlich darin, die »Heiden« zu Christen zu machen. Dass die Rapa Nui ohne Rechte als Fremde in der Heimat lebten, unfrei hinter Stacheldraht hausend, das war für den eifrigen Missionar ohne Belang, ohne Bedeutung.

Foto 8: Heutige Osterinselkunst
Wohin geht der Weg der Osterinsulaner? Zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus wächst der Wunsch der Menschen der Isla la Pascua, wieder eine eigene Kultur zu entwickeln, die eigenen Wurzeln wieder zu entdecken. Heutige Rapanui-Künstler schaffen wieder Werke mit den uralten Motiven ihrer Heimatinsel. Im Zentrum steht der Vogelmensch aus dem alten Kult. Auch Make-Make-Motive fließen in die moderne Kunst wieder ein. Rapanui lebt!

Der Weg zur Eigenständigkeit ist noch ein weiter. Wird die Unabhängigkeit je verwirklicht werden können?

Fußnoten

1) Rosasco, Jose Luis und Lira, Juan Pablo: »Easter Island/ The Endless Enigma«, Santiago 1991
2) Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971. »Die sieben Seefahrer«, S. 16-18
 3) »Revue Maritime et Coloniale«, Band XXXV, S. 108, 1872 erschienen (nähere Quellenangaben liegen mir leider nicht mehr vor!)
4) Leider ließen sich diese vagen Angaben nicht weiter verifizieren.

Empfehlenswerte Literatur zum Themenkomplex »Osterinsel«
(eine Auswahl!):


Foto 9: Moderne Kunst...
Bacon, Edward (Herausgeber): »Versunkene Kulturen/ Geheimnis und Rätsel früher Welten«, Volksausgabe, München 1970
Bahn, Paul und Flenley, John: »Easter Island, Earth Island/ A message from our past for the future of our planet«, London 1992
Barthel, Thomas S. et al.: »1500 Jahre Kultur der Osterinsel/ Schätze aus dem Land des Hotu Matua/ Ausstellungskatalog«, Mainz 1989
Berg, Eberhard: »Zwischen den Welten/ Anthropologie der Aufklärung und das Werk Georg Forsters«, Berlin 1982 (Die Osterinsel: »Verschiedene Grade von Cultur« S. 99-101)
Blumrich, Josef F.: »Kasskara und die sieben Welten«, Wien 1979
Brown, John Macmillan: »The Riddle of the Pacific«, Honolulu, Hawaii, Nachdruck 1996
Diamond, Jared: »Kollaps/ Warum Gesellschaften überleben oder untergehen«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt 2011 (Teil 2/ Kapitel 2: »Schatten über der Osterinsel, S. 103-154)
Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971
Francé-Harrar, Annie: »Südsee/ Korallen – Urwald – Menschenfresser«, Berlin 1928. (»Osterinsel« S. 143-152)
Gray, Randal: »Lost Worlds«, London 1981. (»Osterinsel« S. 44-55)
Heyerdahl, Thor: »Aku-Aku/ Das Geheimnis der Osterinsel«, Berlin 1972
Lee, Georgia: »The Rock Art of Easter Island/ Symbols of Power, Prayers to the Gods«, Los Angeles 1992
Machowski, Jacek: »Insel der Geheimnisse/ Die Entdeckung und Erforschung der Osterinsel«, Leipzig 1968
Fotos 10 und 11: Alte Kunst....
Mann, Peggy: »Land of  Mysteries«, New York 1976
Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971
Orliac, Catherine und Michel: »Mysteries of  Easterisland«, London 1995
Petersen, Richard: »The Lost Cities of Cibola«, Phoenix 1985 (»Island of Mystery«, chapter 10, pages 219 fff.)
Richter-Ushanas, Egbert: »Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung Metoros und Ure Vaeikos«, Bremen 2000
Rosasco, Jose Luis und Lira, Juan Pablo: »Easter Island/ The Endless Enigma«, Santiago 1991
Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck, Kempton 1998
Krendeljow/ Kondratow: »Die Geheimnisse der Osterinsel«, 2. Auflage, Moskau und Leipzig 1990
Winkel, Karl zum: »Köpfe, Schlangen, Pyramiden in Lateinamerika/ Alte Kulturen von Mexiko bis zur Osterinsel«, Heidelberg 2001



Fotos 12 (oben) und 13 (unten)



Zu den Fotos:
Foto 1: »So soll es einst auf der Osterinsel ausgesehen haben«, wikimedia commons Rod6807
Fotos 2 bis 11: Walter-Jörg Langbein
Zeichnungen zur Verdeutlichung: Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Zeichnerische Rekonstruktion. Archiv Walter-Jörg Langbein
(Siehe auch Fotos 6 und 7)




313 »Dicke Steine«
Teil 313 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 17.01.2016


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 3. Januar 2016

311 »Das Ghetto«


Foto 1
Teil 311 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

  
Foto 2
»Rapa Nui«, die Osterinsel, erscheint heute jedem Besucher als ein Idyll, fern der Hektik des nervenauftreibenden Alltags unserer »Zivilisation«. Nirgendwo auf der Welt habe ich mich so wohl gefühlt wie auf Isla la Pascua. Nirgendwo sonst auf der Welt ist der nächtliche Sternenhimmel so klar wie über dem kleinen Vulkaninselchen Rapa Nui. Nirgendwo sonst ist die Stille so greifbar wie im Reich der Riesenstatuen. Und wie an so vielen Orten unserer Welt spürt man nicht das Leid, das den Menschen zugefügt wurde. Man erahnt nicht die schmerzhaften Qualen, die hier viel zu lange erduldet wurden.

Was ich aber lange verdrängt habe: Eine Chronik der neueren Geschichte der Osterinsel ist von Gewalt geprägt. Die Brutalität ging nie von den sogenannten »Wilden«, sondern stets von der sogenannten »zivilisierten Welt« aus. Immer wieder erweisen sich Europäer und Amerikaner als die wahren Barbaren.

Foto 3: Tyrann Dutroux-Bornier
1868. Jean Baptiste Dutroux-Bornier (1), französischer Ex-Artillerie-Offizier, in Peru zum Tode verurteilt, »kauft« nach und nach den Ureinwohnern ihre Landrechte ab. 1869 heiratet Dutroux-Bornier (1834-1876) Koreto, eine Rapa-Nui-Frau, und ernennt sich selbst zum König der Osterinsel. Zunächst hat er durchaus Sympathien in der Bevölkerung, vor allem weil er verspricht, dass auf der Osterinsel wieder der alte „Rapa Nui«-Glaube ausgeübt werden darf. Dutroux-Bornier herrscht brutal als Despot. 

247 »Rapa Nui« werden mit Gewalt nach Tahiti »umgesiedelt«, wo sie auf Plantagen schuften müssen. Immer wieder fliehen Osterinsulaner von ihrer Heimatinsel: aus Angst vor dem Terror der Sklavenjäger.

Die beiden Missionare Theodore Escolan und Hippolyte Roussel stellen sich auf die Seite der Einheimischen. Das Leid der Menschen wächst. Schließlich beschließen die beiden Missionare, die Osterinsel per Schiff zu verlassen. Ziel: die Gambier-Islands. Dutroux-Bornier verhindert, den Exodus. Er bedrängt den Kapitän, 175 der Flüchtlinge wieder zurück auf die Insel zu schicken.

Dutroux-Bornier macht die kleine Stadt Hanga Roa zum Ghetto. Auf engstem Raum leben die Osterinsulaner hinter Stacheldrahtzaun. Sie dürfen das Ghetto nicht verlassen. Zuwiderhandelnde werden auf brutalste Weise bestraft. Unklar ist, wie viele Menschen ermordet werden. Eingesperrt im Ghetto, abgeschnitten von ihren Feldern, fristen die Menschen ein erbärmliches Dasein. Die Osterinsel ist zu einer riesigen Schaffarm geworden, die Einheimischen hausen im Ghetto.

Foto 4
Dutroux-Borniers Macht basiert auf Gewehren, einer Kanone und einer brutalen Bande von Handlangern, die ohne mit der Wimper zu zucken zuschlagen. Sie brennen die armseligen Hütten von aufbegehrenden Insulanern nieder. 1876 endet die Gewaltherrschaft des Jean Baptiste Dutroux-Bornier. Der Diktator kommt ums Leben. Ob er von einigen Einheimischen nach einem Streit erschlagen wurde, oder ob er einen Unfall mit tödlichem Ausgang hatte, ist nicht geklärt. (2)

Mit dem Tod des verhassten Tyrannen endet freilich nicht das Leid der Osterinsulaner. Das Ghetto wird fortgeführt…

Am 2. Januar 1888 erwirbt die chilenische Regierung die Schaffarm von einem Nachfolger des unseligen Dutroux-Bornier.  Am 9. September 1888 nimmt Policarpo Toro (1851-1921) die Osterinsel für Chile in Besitz. Der »feierliche Akt«  ist das Resultat von zähen Verhandlungen. Recht »überzeugend« war allerdings, was Policarpo Toro – chilenischer Marineoffizier –  in der Hinterhand hatte: das Kriegsschiff Angamos. Bis heute ist dieser Vertrag bei den Osterinsulanern sehr umstritten. Viele Osterinsulaner, wie Vertragsunterzeichner Häuptling Atamu Teneka, hofften damals, dass Chile sie nun vor Angriffen schützen würde.

Chile allerdings hatte nur strategische Interessen an dem einsamen Eiland. Die Insel soll ein weit vorgelagerter Außenposten Chiles in den Weiten des Pazifiks sein. Die dort lebenden Menschen interessieren niemanden. Der Versuch, Isla la Pascua zu kolonisieren, scheitert. 1895 schließlich verpachtet Chile die Osterinsel an Enrique Merlet… zur Nutzung als Schafsfarm. Enrique Merlet duldet keinen Widerspruch. Ariki Riroroko, der letzte König der Osterinsel, wird auf Befehl des brutalen Farmers ermordet. Langsam, sehr langsam, formiert sich im Untergrund Widerstand. 1914 schließlich leitet die »Priesterin« Maria Angata Pakomio einen Aufstand gegen die Schaffarmer.

Foto 5
Meine Gesprächspartnerin, die mich um Anonymität gebeten hat, bewundert die mutige Frau, die letztlich keine Chancen hatte. In mehreren Gesprächen mit Einheimischen konnte ich feststellen, dass die »Priesterin« heute wieder zusehends an Popularität gewinnt. »Sie war eine warmherzige Königin!«, meinen die einen. »Sie hatte es faustdick hinter den Ohren!« die anderen. 

Unklar bleibt, ob sich Maria Angata Pakomio wirklich als »Prophetin« sah. Oder kreierte sie so etwas wie einen religiösen Kult, um ihrem Volk einen Aufstand als sehr aussichtsreich erscheinen zu lassen?

Auch im Jahre 1914 war die Osterinsel kein selbständiges Land, sondern nur ein Fleck im schier endlosen Meer. Und dieses Fleckchen gehörte Chile. Chile wiederum hatte das Land verpachtet. Herrscher war Gouverneur und Verwalter Henry Parcival Edmonds.

Am 30. Juni, der Termin wurde mir in verschiedenen Gesprächen genannt, erscheint Maria Angata Pakomio, begleitet von zwei Männern, bei der »Inselobrigkeit« (3).  Sie erklärt, dass von nun an Enrique Merlet nichts mehr auf dem Eiland zu vermelden habe.

Die selbsternannte Prophetin erklärt in einfachen Worten die Osterinsel wieder zum Besitz der Osterinsulaner. Auch die Schafe und Rinder seien nicht mehr Besitz der weißen Fremden, sondern der »Kanaken«, wie damals mehr oder minder alle Südseebewohner von den zivilisierten Europäern genannt wurden. Gott selbst habe ihr diese neue Wahrheit kundgetan. Im Traum habe ihr Gott enthüllt: »Mr. Merlet ist nicht mehr! Die Insel gehört den Kanaken. Wir werden uns morgen Vieh holen und ein großes Fest feiern!« (4)

Foto 6: Die »Prophetin«

Die Prophezeiungen der Maria Angata Pakomio muten fantastisch an. Ob sie alle richtig überliefert wurden. Angeblich glaubten die Anhänger der »Prophetin«, die Apokalypse sei über die gesamte Welt hereingebrochen. Die Welt sei untergegangen, überdauert habe das Ende nur Rapa Nui. Nun könnten die Rapa Nui ohne Angst ihre Heimat wieder in Besitz nehmen. Gewiss, da gab es noch bewaffnete Fremde. Aber die Kugeln ihrer Gewehre seien wirkungslos. Sie würden die „Rapa Nui« nicht verletzen, geschweige denn töten.

Die Welt aber war nicht untergegangen. Und die Waffen der weißen Unterdrücker waren nach wie vor sehr wirkungsvoll. Sie töten nach wie vor. So werden die Anführer des Aufstands in Ketten gelegt. Die »Prophetin« Maria Angata Pakomio allerdings bleibt unangetastet. Man hat wohl Angst vor ihrer Autorität. In Chile befürchtet man wohl einen blutigen Aufstand, sollte man die Seherin festnehmen. Sie stirbt ein halbes Jahr nach der Rebellion der Osterinsulaner. Die Welt steht 1914 tatsächlich am Abgrund einer Apokalypse. Ein Weltkrieg tobt, wie es nie zuvor einen gegeben hat.

Foto 7

Die Welt endete nicht, anno 1914. Es wurde aber, symbolisch ausgedrückt, die letzte Tür zu einem der großen Geheimnisse der Osterinsel zugeschlagen. In jenem denkwürdigen Jahr begegnete die englische Forscherin Katherine Routledge nicht nur der Prophetin Maria Angata Pakomio, sondern auch dem letzten Eingeweihten der Osterinsel, der die Botschaft der »sprechenden Hölzer« vernahm.

Tomenika war der letzte Mensch, der die rätselhaften Schriftzeichen der alten Osterinselkultur zu lesen verstand. Der Greis vegetierte in einer Heilanstalt für Leprakranke dahin. Er weigerte sich aber standhaft, sein geheimes Wissen preiszugeben. Katherine Routledge notierte in ihrem Tagebuch (5): 

»Ich machte noch einen erfolglosen Versuch, verabschiedete mich und ging. Ein ungewöhnlich stiller Tag neigte sich dem Ende zu, alles an diesem abgeschiedenen Ort war vollkommen ruhig. Vorn erstreckte sich wie Glas das Meer und die Sonne neigte sich wie ein Feuerball dem Horizont zu. In der Nähe jedoch lag der langsam sterbende Greis, dessen müdes Hirn die letzten Reste einstmals hochgeschätzten Wissens bewahrte. Zwei Wochen später war er gestorben.«

Foto 8: Alfred Métraux
Erst 1964 gibt es wieder einen Versuch einer Revolution. Alfonso Rapu wird von den Rapa Nui zum Bürgermeister gewählt. Und endlich – nach Jahrzehnten – zeigen die immer wieder vorgebrachten Proteste gegen die menschenunwürdige Behandlung der Osterinsulaner Wirkung! Schon 1935 hat der große Osterinselexperte, der Belgier Alfred Métraux (1902-1963), die Weltöffentlichkeit auf den Skandal Osterinsel aufmerksam gemacht, freilich ohne erkennbaren Erfolg. 1963 erhebt Francis Mazière seine Stimme gegen das Elend der Menschen von Rapa Nui:

»Es herrscht auf der Insel ein derartiges Elend, dass man vom Übergangsstadium in unsere Zivilisation nicht sprechen kann. Die von den Chilenen vernachlässigte oder von den dorthin geschickten Elementen verhängnisvoll beeinflusste Insel ist nicht einfach dem Niedergang preisgegeben, sie ist schlechthin inmitten eines ausweglosen Elends verrottet.«

1966 wird – nach rund einem Jahrhundert – das unsägliche Ghetto der Osterinsel aufgelöst. Die Rapa Nui dürfen sich wieder frei auf der eigenen Insel bewegen. Und heute? Heute ist das »Paradies Osterinsel« vollkommen abhängig von Chile. Eine Selbständigkeit scheint sich nicht mehr verwirklichen zu lassen.

Foto 9


Fußnoten
1) Die Schreibweise des Namens Dutroux-Bornier variiert, gebräuchlich ist auch Dutrou-Bornier
2) Siehe… Routledge, Katherine: »The Mystery of Easter Island«, 1919 erschienen, Nachdruck Kempton, Illinois, USA, 1998, S. 208
3) Gemeint ist der »Manager« der Schafsfarm, wobei die »Schafsfarm« fast identisch ist mit der Insel
4)Siehe hierzu… Routledge, Katherine: »The Mystery of Easter Island«, 1919 erschienen, Nachdruck Kempton, Illinois, USA, 1998, S. 142
5) ebenda, S. 253


Zu den Fotos

Foto 1: privat/ Archiv Langbein 
Foto 2: Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Tyrann Dutroux-Bornier, etwa 1876 wikimedia commons public domain
Fotos 4 und 5: Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Die »Prophetin« Maria Angata Pakomio, wiki commons/ unbekannter Fotograf, 1914 
(Identität der hockenden Person nicht  absolut gesichert! Vermutlich: Maria Angata Pakomio)
Foto 7: Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Alfred Metraux, 1932, wikimedia commons/ Charles Mallison
Foto 9: Walter-Jörg Langbein

312 »Woher, wohin?«
Teil 312 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 10.01.2016
 

Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)