Sonntag, 15. Januar 2017

365 »Feuerberg und Heiliger Quell‘«

Teil  365 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der »Bullerborn« heute

Von der Stadt der einst heiligen Quellen Paderborn zum »Feuerberg« Bad Pyrmont: Mitte des 14. Jahrhunderts erwähnte Mönch Heinrich von Herford in einer Handschrift eher beiläufig: »Im Herzogtum Westfalen in der Grafschaft Pyrmont bei opidu Lude (Stadt Lügde) in der Diözese Paderborn ist ein Ort des Überflusses mit einer Quelle, der Bullerborn genannt.« Besonders beeindruckt zeigt sich der Kirchenmann ob der Lebhaftigkeit der Quelle. Er schreibt dass sich Bullerborn ständig mit »heftigem Sprudeln und Aufbrausen« bemerkbar mache.

Anno 1597 erschien in Lemgo ein Werk von Johannes Feuerberg alias Johannes Pyrmontano über die »Heilige Quelle« von Bad Pyrmont, betitelt »Fons Sacra, Beschreibung des wunderbaren und Weltberühmten Heil-Brunnens / Gelegen in der Herrschaft Pyrmont«. Pyrmontano konstatiert, dass damals der Pyrmonter Brunnen schon mehr als 200 Jahre in »Beruff«, also in Verwendung, gewesen sei. Namentlich nennt er »Margaretha, Geborene zur Lippe«, Ehefrau von Graf Johann des Älteren zu Riedberg, die anno 1502 das Wasser aus der Heiligen Quelle ob seiner heilsamen Wirkung geschätzt und genutzt habe. Im 16. Jahrhundert galten die Quellen von Pyrmont schon lange nicht mehr nur als Geheimtipp. Aus ganz Europa kamen Zehntausende in der Hoffnung auf heilsame Wirkung des Quellwassers von Bad Pyrmont.

Foto 2: Einst hat man die Stimme des »Bullerborns« weit gehört

Eine ganz besonders wirksame Quelle soll einst im Raum Lügde/Bad Pyrmont aus schattigem Waldboden an die Oberfläche gekommen sein. Ein Mann, so wird in einer alten Sage berichtet, verirrte sich zu nächtlicher Stunde und fand zufällig (2) »auf einer Waldlichtung ein kleines Quellchen, das silbern im Mondschein glänzte«. Erschöpft, wohl auch verzweifelt, so heißt es weiter (3) »beugte er sich darüber und schlürfte das köstliche Wasser. Daraufhin durchzog ihn ein merkwürdiges Gefühl und eine seltsame Frische beschwingte sein Herz.«

Foto 3: Bad Pyrmont gegern Ende des 17. Jahrhunderts

Das »Quellchen« war, wie der Mann erstaunt feststellte, ein Jungbrunnen. Seine eigene Frau erschrak ob des nunmehr wieder jugendlichen Aussehens ihres Gatten und ließ sich genau berichten, was geschehen war. Bald darauf machte sie sich nach der Wegbeschreibung ihres Mannes auf den Weg, fand die Quelle und tat zu viel des Guten. Sie nahm zu viel von dem Wunderwasser zu sich und (4) »wurde wieder zu einem kleinen Mädchen«. Moral von der Geschicht‘: Trink zu viel vom Jungbrunnen nicht!

Foto 4: Die Bombergallee führt zum »Heiligen Quell'«

Die Vorstellung vom Jungbunnen ist uralt. In alter deutscher Sagenwelt gibt es die Vorstellung vom »Berg, auf dem der Himmelsvater seit Jahrtausenden thront«, aus dem ein Jungbrunnen sprudelt (5). Mit Angst vor dem Alter allein ist die Vorstellung vom Jungbrunnen meiner Meinung nach nicht zu erklären, auch nicht mit der Sehnsucht nach langer, womöglich ewiger Jugend. Nach der vielleicht ältesten Glaubensvorstellung überhaupt gibt es einen ewigen Kreislauf von Geburt, Leben und Tod. Auf den Tod folgt die Wiedergeburt und ein neuer Zyklus beginnt. Was stirbt, fährt in die Unterwelt hinab und kommt neugeboren wieder zurück. Das aus Mutter Erde sprudelnde Wasser ist somit ein Symbol für Wiedergeburt des Lebens überhaupt, nicht nur der Natur, die dank des Wasser im Frühjahr nach dem Winter zu neuem Leben erwacht. Weist die Sage vom Jungbrunnen im Raum Lügde/ Pyrmont auf einen matriarchalen Kult um eine heute vergessene Göttin hin? Gibt es auch in Bad Pyrmont christliche »Mythologie«, die auf heidnisches Brauchtum zurückzuführen ist?

Ein Tipp: Sie suchen die heidnischen Ursprünge christlicher Mythologie? Sie wollen herausfinden, wer und was sich hinter Heiligen verbirgt? Dann stellen Sie doch einmal fest, an welchen Tagen die Heiligen gefeiert werden. Sieben Heilquellen bietet Bad Pyrmont. Im Zentrum der Kurstadt befindet sich der Brunnenplatz mit dem »Hylligen Born«, dem »Brodelbrunnen« und dem »Augenbrunnen«.

Foto 5: Die Heilige Ottilie
Beginnen wir unseren kleinen Spaziergang beim »Augenbrunnen«. Auf einer Säule steht da ein Bildnis der Heiligen Odilie (Ottilie). Ottilie (Odilie), die Schutzheilige für das Augenlicht, hat ihren Gedenktag am 13. Dezember. Am 13. Dezember wird auch der Heiligen Lucia gedacht. Lucia bedeutet im Lateinischen die Leuchtende. Am 13. Dezember wird vor allem in Dänemark, Norwegen und in Finnland spezielles Brauchtum zelebriert.

Das Luciafest ist ein auf ein Heiligenfest zurückzuführender Brauch, der vor allem in Schweden sowie und dänischen Südschleswigern verbreitet ist. Das Fest fällt auf den 13. Dezember, den Gedenktag der heiligen Lucia. Warum? Bevor der Gregorianischen Kalenders in Schweden anno 1752 eingeführt wurde, war der 13. Dezember für ein Jahrhundert der kürzeste Tag des Jahres. 

Am 13. Dezember wurde also »Sonnwend‘« gefeiert. Die Wintersonnenwende – Alban Arthuan bei den Kelten – war ein wahrlich markanter Einschnitt im religiösen Leben. Auf den Tod der Natur im Winter folgte ihre Wiedergeburt zur Wintersonnenwende. In der Nacht der Wintersonnenwende bringt die Göttin im finst’ren Leib der Erde das Sonnenkind – wieder – zur Welt.

Das Leben wird neu geboren, die Dunkelheit wird gebannt. Dieses Wiederaufleben der Sonne und des Lichtes wurde schon im Heidentum zelebriert, zum Beispiel im Mithraskult. Es ist kein Zufall, dass wir zeitnah zur Wintersonnenwende (21.12.) am 24. 12. die Geburt des Jesuskinds feiern. Einen Vorläufer unseres christlichen Weihnachtsfestes gab es schon in Ägypten. Im 5. Jahrhundert schildert Herodot das »große Fest« eines mysteriösen Geheimkults um Isis und Osiris. Es geht um den Opfertod des Osiris (Foto 6, Mitte), der zunächst vehement betrauert wird. Dann aber, so viel ist bekannt, kam große Freude auf, weil der geopferte Gott wieder auferstehen würde. Es geht, so verrät der griechische Philosoph Plutarch (* um 45 in Chaironeia; † um 125), um das Weltall, das immer wieder und aufs Neue geboren wird, also um den ewigen Kreislauf des Lebens, im Kleinen wie im Großen. Isis ist in dieser Mythologie die Gebärmutter des Universums.

Foto 6: Horus, Osiris und Isis

Das Leben, diese Theorie vertrat der schwedische Physiker und Nobelpreisträger Svante Arrhenius (1859-1927) bereits vor mehr als 80 Jahren, sei »ewig«. Damit erübrige sich die Frage nach seinem Ursprung. Selbstverständlich, so der Wissenschaftler, (6)»habe auch eine Kreislinie irgendwo einen Anfang, doch sobald sie geschlossen sei, stelle sich die Frage nach ihrem Anfang nicht mehr. Sie ließe sich nicht mehr beantworten. Hinter den Anfang müsse man eine Art von ›Schöpfung‹ stellen oder das, was die Religionen als ›Gott‹ bezeichnen.« Nobelpreisträger Arrhenius war ein wirklich sehr vielseitiger Wissenschaftler, dessen Bandbreite staunen lässt. So setzte er sich forschend mit so unterschiedlichen Gebieten wie der physikalischer Chemie, der Geophysik, aber auch der Meteorologie, der Physiologie und der Kosmologie auseinander.

Foto 7: Blick in die Kuppel vom »Heiligen Quell'«, Bad Pyrmont

Das Bild vom Leben als ein Kreis ohne erkennbaren Anfang und somit auch ohne Ende erinnert mich an den wohl ältesten Glaubenssatz überhaupt, nämlich dass es einen ewigen Kreislauf von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt gibt. Seit Jahren bin ich damit beschäftigt, diese Weltsicht zu erforschen. Wenn ich hinter Heiligen unseres christlichen Kulturkreises Göttinnen und Götter aus sehr viel älteren Kulturkreisen vermute, so geschieht dies nicht aus Respektlosigkeit gegenüber dem christlichen Glauben. Ich suche vielmehr nach den tieferen Wurzeln unserer Glaubensbilder in grauer Vorzeit.


Foto 8: Der Hyllige Born (Heiliger Quell') Bad Pyrmonts

Lucia und Odilie werden beide am 13. Dezember gefeiert. Hinter dem vordergründig Christlichen verbirgt sich ein uralter Glaubenskult um Tod und Wiedergeburt des Lebens, um das neuerliche Erstarken der Sonne, die dem Leben wieder neue Kraft schenkt. Heide Göttner-Abendroth schreibt (7): »Diese matriarchalen Muster haben sich außerordentlich lang erhalten, so dass die Missionare sich gezwungen sahen, sie in direkter Umkehrung noch in die christliche Mythologie aufzunehmen.« Alte heidnische Feier-Termine wurden christlich besetzt. So wurde aus dem Tag der Wintersonnenwende der Gedenktag der Lucia, der »Leuchtenden«. Und um den alten Jubeltag noch mehr zu überdecken, ernannte man den 13.12. auch noch zum Tag der Odilie (Ottilie).

Foto 9: Die Heilige Ottilie vom Augenbrunnen

Fußnoten

1) »Lippische Landeszeitung«, Artikel vom 27.05.1971. Siehe auch Willeke, Manfred: »Lügde Sagen-Sammlung«, Lügde 1988, S. 110 und 11, »Der wunderbare Jungbrunnen«.
2) Willeke, Manfred: »Lügde Sagen-Sammlung«, Lügde 1988, S. 110 und 111, »Der wunderbare Jungbrunnen«, Zitat S. 110, Zeilen 3-5 von oben
3) ebenda, Zeilen 5-8 von oben
4) ebenda, Zeilen 5 und 4 von unten
5) Siehe hierzu Bächtold-Stäubli, Hanns: »Handwörterbuch des deutschen
     Aberglaubens«, Band 1, Neuauflage Berlin und New York 1987, S. 1054,
     rechte Spalte, Stichwort »Weltberg und Himmelsstütze«
6) Zitiert nach Däniken, Erich von: »Botschaften aus dem Jahr 2118/ Neue
     Erinnerungen an die Zukunft«, Rottenburg, Oktober 2016, Seite 97, Zeilen 6-
    11 von oben. eBookausgabe: Pos. 1093
7) Göttner-Abendroth, Heide: »Berggöttinnen der Alpen/ Matriarchale
     Landschaftsmythologie in vier Alpenländern«, Edition Raetia, 1 Auflage: 21.
     April 2016,eBook-Ausgabe, Pos. 2701

Foto 10: Moosbewachsen - das Haupt der Pyrmonter Ottilie

Zu den Fotos


Foto 11: Der Hyllige Born
Foto 1: Der »Bullerborn« heute. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Einst hat man die Stimme des »Bullerborns« weit gehört. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Bad Pyrmont gegern Ende des 17. Jahrhunderts. Archiv Langbein.
Foto 4: Die Bombergallee führt zum »Heiligen Quell'«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die Heilige Ottilie. Darstellung um 1500. Foto: wikimedia commons public domain
Foto 6: Horus, Osiris und Isis. Foto wikimedia commons/ Guillaume Blanchard
Foto 7: Blick in die Kuppel vom »Heiligen Quell'«, Bad Pyrmont. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Hyllige Born (Heiliger Quell') Bad Pyrmonts. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Die Heilige Otilie vom Augenbrunnen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Moosbewachsen - das Haupt der Pyrmonter Ottilie. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Der Hyllige Born. Foto Walter-Jörg Langbein

366 »Ein Ganesha und die Herrin vom See«,
Teil  366 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein, 

erscheint am 22.01.2016

 

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Samstag, 14. Januar 2017

Maria Schell: Nur die Liebe zählt

Maria Schell im Interview mit Walter-Jörg Langbein
Teil 1


Fotos 1 und 2: Maria Schell schrieb über ihr Leben

Maria Margarete Anna Schell (* 15. Januar 1926 in Wien; † 26. April 2005 in Preitenegg, Kärnten) war eine österreichisch-schweizerische Schauspielerin. Sie gehörte zu den größten Stars des deutschsprachigen Films der 1950er und 1960er Jahre. Maria Schell wurde verehrt und geliebt. Im Verlauf ihrer Karriere wurde sie mit zahlreichen Filmpreisen ausgezeichnet. So erhielt sie acht Mal den »Bambi«, die »Coppa Volpi« der Filmfestspiele von Venedig, den »Deutschen Filmpreis« und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Anlässlich ihres 10. Todestages gab die Österreichische Post eine »Maria-Schell-Sonderbriefmarke« heraus. 

Maria Schell gehört zu den wenigen wirklichen Weltstars, die von Deutschland aus eine sensationelle Karriere starteten. Marcello Mastroianni war ihr Filmpartner in Viscontis »Weiße Nächte«. Mit Curd Jürgens bewunderte man sie weltweit in »Die Ratten« und »Der Schinderhannes«. Lang ist die Liste der internationalen Größen, mit denen Maria Schell zusammen arbeitete. Yves Montand, Claude Chabrol, Orson Wells, Gary Cooper, Paul Scofield und Yul Brünner waren ihre Filmpartner. Journalisten nannten Maria Schell gern und häufig »Seelchen«, ein Spitzname, der ihr zeitlebens anhaftete und sehr missfiel.

Foto 3: Maria Schells
handschriftliche Widmung
Im Oktober 1985 Jahren hatte ich Gelegenheit, Maria Schell in Frankfurt am Main zu interviewen. Ihr aus zahlreichen Filmen bekanntes Lächeln erlebte ich leibhaftig als geradezu überwältigend. Ich erinnere mich noch genau an den kleinen Tisch, an dem wir saßen. Vor mir waren meine Notizen ausgebreitet, die ich zum Gespräch mitgebracht hatte. Und ich erinnere mich an Maria Schells strahlende Augen. Ich gebe es zu: Sie brachte mich aus dem Konzept. Nervös blätterte ich in meinen Unterlagen, um eine weitere möglichst sinnvolle Frage zu stellen. Maria Schell lachte: »Sie müssen mich schon ansehen, wenn Sie mit mir sprechen!«

Rätselhaft wie Maria Schells Lächeln war auch ihre Handschrift. Was genau hat sie mir in ihr Buch »Die Kostbarkeit des Augenblicks« geschrieben? Da steht als gedruckte Widmung: »Für alle, die ich liebe, - und für Dich«. Das »Dich« hat Maria Schell durchgestrichen und ein »Sie« daraus gemacht. Weiter geht es mit (für Sie) lieber Herr Langbein mit meinen herzlichsten Wünschen Maria Schell 11.X.85«.
Doch nun zum Interview. Es entstand im Oktober 1985 und ist heute – über 30 Jahre später – manchmal geradezu erschreckend aktuell!

Walter-Jörg Langbein (WJL): Frau Schell, Sie verfügen ja über ein erstaunlich positives Image …
Maria Schell:  … das ich auszufüllen versuche.
 
WJL: Romy Schneider hat in ihren späteren Filmen versucht, gegen ihr Sissi-Image anzuspielen …
Maria Schell: Das kam daher, dass man ihr den Zauber der Reinheit zum Vorwurf gemacht hat, als Kitsch abgetan hat. Aber das ist einfach nicht wahr!

Diese Filme werden ja zu Weihnachten immer wieder gezeigt, und da sieht man, einwandfrei, dass diese Filme schön  sind. Da steckt schon sehr viel Wahrheit darin, wie Romy Schneider gespielt hat, tiefe Wahrheit.

Foto 4: Einer von Maria Schells
beiden »Seelchen«-Filmen
WJL: In Ihrem Buch »Die Kostbarkeit des Augenblicks« beschreiben Sie eine Szene, die mich doch erstaunt hat. Sie hatten, so berichten Sie, als Schülerin einen Kampf, bei dem bei der Gegenpartei das Nasenbei entzwei ging. Sind Sie also gar nicht so zart.. ?
Maria Schell: Überhaupt nicht. Ich bin sehr handfest.

WJL: Meinen Sie, Ihre handfeste Seite wird zu wenig von der Presse gewürdigt? Oder fühlen Sie sich wohl mit dem Bild, das von Ihnen gezeichnet wird?
Maria Schell: Man wird nie richtig dargestellt. Wenn ich an diesen blöden Nebennamen denke, den ich von der Presse bekommen habe … Seelchen .. dann finde ich das sehr, sehr einfallslos. Das stimmt ja auch gar nicht. Meine Filme waren überhaupt keine Seelchenfilme, bis auf zwei, weil das die Bücher verlangten. Dieser Dr.Holl-Film, das war ein sehr seelenvoller Film. Der Name Seelchen wurde einmal geprägt. Und seither immer wieder hervorgeholt. Da ist man dann nie wieder runter gekommen von diesem Wort. Ich finde das sehr einfallslos von der Presse. Ich verstehe eigentlich gar nicht, wieso diese Leute sich nicht genieren, immer wieder von mir als Seelchen zu schreiben.

WJL: Kann man die Schauspielkunst erlernen?
Maria Schell: Kein Talent kann man lernen. Man hat es, oder man hat es nicht. Wenn man es aber hat, dann kann man es ausbauen. Jemand, der gut Blumen bindet, der hat eine Begabung, oder ein Computerfachmann, ein Bildhauer, oder auch ein Arzt. Einen Teil kann man lernen, aber ein wirkliches Talent wird man nicht, nur weil die Übung aufgebracht wird.

WJL: Sind Sie ein heiterer  oder ein ernster Mensch?
Maria Schell: Beides.

WJL: Spielen religiöse Themen in Ihrem Leben eine Rolle? Haben Sie eine persönliche Beziehung zum Thema »Leben nach dem Tod«?
Maria Schell: Aber ja. Ich bin ganz sicher, dass kein Geist verlorengeht, der einmal auf der Erde gelebt hat. Geist, der die Welt beseelt, bleibt erhalten. Die Substanz des menschlichen Bewusstseins, oder wie man auch immer das nennen möchte, verwandelt sich wenn sie unseren Körper verlässt, mit dem Tode. Sie wird wahrscheinlich wieder in anderer Form erscheinen, eine andere Form annehmen. So wie es handfeste Materie gibt, so gibt es auch eine Substanz »Geist«. Und diese Substanz, dieser Geist … oder wenn Sie lieber Seele sagen möchten … verlässt die Erde eben nicht, löst sich nicht in Nichts auf, bleibt erhalten. Alles ist beseelt.

Foto 5: Rudi Carell wollte als
Frau wiedergeboren werden
WJL: Sie glauben also an die Wiedergeburt?
Maria Schell: Sicher werden wir wiedergeboren, aber vielleicht nicht als Mensch, sondern als ein Wesen, das auch Leben, Geist in sich hat. Vielleicht als Baum, als Vogel, irgendein anderes Tier, als Wind, als Gedanke. Auch als Wolke. Und eben auch als Gedanke.

WJL: Frau Schell, glauben Sie, dass Sie schon einmal gelebt haben?
Maria Schell: Ich habe einmal eine Rückführungstherapie gemacht, da kamen ganz seltsame Erlebnisse zutage. Das hat vielleicht mit meiner Begabung zu tun, mich in andere Leben zu versetzen. 
Aber ich will nicht sagen, dass das nicht so war in einem früheren Leben, nur offensichtlich ist es von der »höchsten Weisheit« nicht so gedacht, dass wir uns an frühere Leben erinnern. Wenn wir mit diesen Erinnerungen ins nächste Leben eintreten sollten, dann hätten wir sie ja. 

Diese Erinnerungen scheinen ausgelöscht zu werden, damit wir ein neues Leben wieder neu leben können. Wir gehen ja auch jede Nacht in einen kleinen Tod, wenn wir schlafen. Wir wissen nicht, ob wir wieder aufwachen. Aus Gewohnheit, aus Erfahrung nehmen wir an, dass wir wieder aufwachen, aber wir wissen es nicht. Meistens brauchen wir ja nur Sekunden, um uns nach dem Aufwachen wieder zurechtzufinden. Aber passiert es uns nicht allen immer wieder, dass wir nicht wissen, wo wir sind, wenn wir aufwachen? So weit sind wir weg. Vielleicht ist das schon diese andere Ebene. Der Tod ist vielleicht nicht anders. Wir haben ja auch an den Schlaf kaum bewusste Erinnerungen. Wir wissen manchmal, was wir geträumt haben, das war dann sehr schön. Aber mit ähnlichem Bewusstsein spüren wir vielleicht auch, dass wir schon gelebt haben. Es passiert doch, dass wir irgendwo stehen und sagen: Hier war ich schon einmal, obwohl man an dem betreffenden Ort in diesem Leben noch nicht war. Das gibt es auch. Ich glaube, wir sind viel mehr im Geistigen zuhause als wir das in unserer materiellen Welt wahrhaben wollen.

Foto 6: Maria strahlt...
WJL: Haben Sie eine konkrete Vorstellung als was Sie einmal wiedergeboren werden möchten?
Maria Schell: Ich möchte gern einmal ein Mann sein, um wirklich herauszukriegen, wie das so ist, ein Mann zu sein. Genauso könnte ich mir vorstellen, dass ein Mann sagt, einmal als Frau wiedergeboren werden zu wollen.

WJL: Rudi Carell hat mir auf diese Frage geantwortet, dass er als Frau wiedergeboren werden möchte…
Maria Schell: Ja. Um einfach wirklich hinter dieses unglaubliche Wunder der zweierlei Geschlechter zu kommen. Das ist ja wirklich ein unglaubliches Wunder der Natur. Es wäre schon reizvoll, einmal die andere Seite, die andere Spiegelung zu erleben. Aber ich käme natürlich genauso gern nochmal als ich selbst zur Welt.

WJL: Würden Sie Ihr Leben noch einmal genauso führen, wie Sie es getan haben? Oder gab es Augenblicke, wenn Sie in die zurückkehren könnten, von denen aus sie einen anderen Weg gehen würden? Würden Sie gern in Ihre Vergangenheit zurück gehen und einiges ändern?
Maria Schell: Eins ist ganz sicher. Ich würde ganz bestimmt wieder Schauspielerin sein. Vielleicht würde ich beim Aufbau meiner Karriere, die ich zeitweilig sehr vernachlässigt habe, aus privaten Gründen, etwas klüger sein. Meine Heirat, meine Kinder, Privates eben, war mir oft wichtiger als meine Karriere.

WJL: Aber ist das nicht besser, als dass Sie sagen müssten: »Ich hatte kein wirkliches Leben?«
Maria Schell: Schon wahr!

WJL: Wenn Sie an die Schauspielkunst denken … Inwieweit muss sich ein Schauspieler oder eine Schauspielerin verändern, um eine Rolle auch wirklich auszufüllen?
Maria Schell: Es gibt zwei Arten von Schauspielern. Die einen können sich sehr stark verwandeln, die anderen holen die Rollen zu sich her und verwandeln sich trotzdem. Ich bin von der zweiten Art, hole die Rollen zu mir.

Maria Schell (nach kurzem Nachdenken): Im Augenblick (Oktober 1985) wird ein Filmporträt von mir gemacht. Da werden verschiedene Filmausschnitte zusammengestellt um zu zeigen, wie verschieden ich in verschiedenen Rollen bin. Manchmal habe ich ein verhältnismäßig ungeschminktes Gesicht, manchmal bin ich ein wenig jünger, mal ein wenig älter. Man sieht aber sehr deutlich, wie stark das innere Leben die äußere Erscheinung verändern kann.

WJL: Kann eine Schauspielerin, kann ein Schauspieler durch eine Rolle verändert werden in seinem Wesen, sei es positiv oder negativ?
Maria Schell: Nein, nein.

Fotos 7 und 8: »Die Ratten« und »Wenn das Herz spicht« mit Maria Schell

WJL: Wenn Sie beispielsweise einen Film abgeschlossen haben, fällt Ihnen dann das andere, filmisch dargestellte Leben ab, wie ein abgelegtes Kleid, eine Maske, die ausgedient hat?
Maria Schell: Ja. Ich kann während der Vorbereitungen der Dreharbeiten sehr wohl unterscheiden, was Film und Familienleben, was ein Interview, was ein Filmdialog ist. Aber wenn ich in einer Szene bin, dann ist die Verwandlung total. Ich glaube, das kann ein Außenseiter kaum ermessen, wie sehr man jedes Mal mit einer Rolle auch in ein anderes Leben eintritt. Dieses andere Leben will im Mittelpunkt stehen, es nimmt die Seele, die Gedanken, die Zeit in Anspruch. Wenn ich dann eine Szene spiele, da muss ich von meinem Leben als Maria Schell in dieses andere Leben hinübergehen, mein eigentliches Leben zurücklassen. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an den Film »Die Ratten« aus dem Jahr 1955, frei nach Hauptmann. Die Mauer bestand damals ja noch nicht. Ich fuhr also in die DDR, kaufte mir dort ein Kleid, es war schrecklich, dazu Büstenhalter, Unterwäsche und Schuhe. Die Sachen ließ ich reinigen. Außerdem hatte ich mir eine Dauerwelle machen lassen und ließ mir meine Ohrläppchen durchstechen und trug zwei kleine falsche Perlen darin. Ich hatte ein Mädchen zu spielen, das in anderen Umständen war. Ich trug dieses eine Kleid während des ganzen Films. Man sagte mir, ich habe wirklich absolut echt ausgesehen.

> Hier weiterlesen: Teil 2

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Buchcover/ Fotos Langen Müller Verlag und Gustav Lübbe Verlag
Foto 3: Maria Schells handschriftliche Widmung
Foto 4: Einer von Maria Schells beiden »Seelchen«-Filmen. amazon
Foto 5: Rudi Carell wollte als Frau wiedergeboren werden/ Foto Foto wikimedia commons Jan Arkesteijn
Foto 6: Maria Schell 1976/ Foto: wikimedia commons/ Mieremet, Rob Anefo
Fotos 7 und 8: »Die Ratten« und »Wenn das Herz spricht« mit Maria Schell

Maria Schell im Interview mit Walter-Jörg Langbein
Teil 2

erscheint am 16.01.2017

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