Sonntag, 28. April 2019

484 »Unendlicher Raum und große Stille«

Teil 484 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Sie hatten einst alle Augen...

Es war kurz nach Mitternacht. Ich ging auf einem »Sträßchen« entlang der felsigen, zum Teil schroff abfallenden Küste der Osterinsel in nördliche Richtung. Schließlich erreichte ich eine flache Stelle. Die Brandung zog sich zurück, das Meer schien zu schweigen. Ich setzte mich auf einen flachen Stein und schaute aufs Meer hinaus. Da bewegte sich etwas. Es ging durch seichtes Wasser. Es war ein Pferd.

Foto 2: Cooks »Bark Endeavour«

Der englische Seefahrer James Cook (*1728; †1779) erforschte und kartographierte den Pazifik gründlicher als alle seine Vorgänger. Das wertvollste Gut, das Cook auf seinen Schiffen wie etwa der »Bark Endeavour« oder der »Bark Resolution« (1), vorrätig hielt, war Trinkwasser. Cook ließ, als er die Südsee systematisch befuhr, auf jeder Insel Frischwasser an Bord nehmen. Maßlos enttäuscht war James Cook von der Osterinsel. Er erreichte das Eiland am 11. März 1773. Cook hielt in seinen Aufzeichnungen fest, dass das Trinkwasser auf der Osterinsel von miserabler Qualität sei. Es war seiner Meinung »schlecht, kaum wert, an Bord gebracht zu werden«. Am 17, März 1773 hielt Cook fest: »Keine Nation wird je für die Ehre kämpfen, die Osterinsel erforscht zu haben, sintemalen es kaum ein anderes Eiland in jenem Meer gibt, welches weniger Erfrischungen bietet und Annehmlichkeiten für die Schifffahrt, wie dieses.«

Es war kurz nach Mitternacht. »Mein Pferd« stapfte plantschend durch seichtes Wasser, hob immer wieder den Kopf und beäugte mich – so kam es mir vor – argwöhnisch. Und immer wieder senkte es den Kopf und trank. Salzwasser? Ob ich mich da nicht vielleicht doch täuschte? Vorsichtig näherte ich mich am Ufer dem ängstlichen Tier. Es stand in seichtem Wasser und schien tatsächlich Salzwasser zu trinken.

Osterinsel.de, die wahrscheinlich seriöseste Informationsquelle in Sachen Osterinsel fasst zusammen (2): »Außer Süßwasserseen in den Kratern des Rano Kau, Rano Raraku und Rano Aroi gibt es keine Gewässer auf der Insel. Die Osterinsel ist eine Vulkan-Insel mit porösem Tuffgestein. Das Regenwasser versickert schnell in den Boden, sammelt sich auf härtere Schichten und fließt unterirdisch zur Küste. Gerade an der Südküste sind in der Nähe der Ahu-Anlagen künstlich angelegte Tiefbrunnen zu finden, aus denen Süßwasser geschöpft wurde. Die ersten europäischen Entdecker waren deshalb auch der Meinung, die Rapa Nui würden Salzwasser trinken.«

Foto 3: Cooks »Bark Resolution«
Als das Pferd vor mir zurückwich, entfernte ich mich langsam auf dem Sträßchen weiter in Richtung Norden. Drei oder vier Pferde kamen mir entgegen, machten einen weiten Bogen um mich und gesellten sich dem trinkenden Artgenossen zu. Es gab keinen Zweifel. Die Pferde tranken, aber kein Salzwasser, sondern Brackwasser, eine Mischung aus Salzwasser und aus dem Boden quellenden Regenwasser.

Am 11. Oktober 2018 berichtete wissenschaft.de (4) über »Osterinsel: Erstaunliche Trinkwasserquelle«. Ich darf zitieren: »Wie die Forscher um Carl Lipo von der Binghamton-Universität erklären, bekommt die Insel nur vergleichsweise wenig Regen ab und dieser versickert sehr schnell in dem porösen Boden. Es gibt auf der Insel deshalb keine Fließgewässer und nur zwei sehr schwer zugängliche Kraterseen. Es wurden zwar Spuren kleiner Regenwasserspeicher der Rapanui gefunden. Sie konnten aber wohl kaum die Bevölkerung in trockenen Zeiten versorgen, erklären die Forscher. Ihnen zufolge müssen sich die Erbauer der Moai noch auf andere Weise mit Trinkwasser versorgt haben. Grundlage ihrer Studie bildete eine mysteriöse Bemerkung in den Aufzeichnungen der europäischen Entdecker: Angeblich tranken die Ureinwohner Meerwasser. Das ist natürlich eigentlich nicht möglich: Der hohe Salzgehalt macht es nicht nur zu einem abstoßenden, sondern auch lebensgefährlichen Getränk.«

Carl Lopos Team machte eine Entdeckung, so berichtet wissenschaft.de weiter: »Es gibt demnach Bereiche an der Küste, an denen man Brackwasser abschöpfen kann, dass den Analysen des Salzgehalts zufolge trinkbar ist. ›Die porösen vulkanischen Böden absorbieren schnell Regen, weshalb es keine Fließgewässer gibt‹, sagt Lipo. ›Doch glücklicherweise fließt das Wasser im Untergrund und verlässt den Boden dann an Stellen, an denen poröses Gestein auf den Ozean trifft. Bei niedrigen Gezeiten führt dies dazu, dass das Süßwasser direkt ins Meer fließt und genutzt werden kann‹, resümiert der Wissenschaftler.«

Er und seine Kollegen sind sogar der Meinung, dass die ungewöhnliche Trinkwasserbeschaffung etwas mit den monumentalen Statuen zu tun haben könnte. Es gilt als unklar, warum sie nur an bestimmten Orten auf der Insel errichtet wurden – mit einer hohen Konzentration in der Nähe der Küsten. ›Jetzt, da wir wissen, wo das Trinkwasser herkam, zeichnet sich eine Erklärungsmöglichkeit für die Positionierung der Monumente ab: Sie wurden dort gebaut, wo das Süßwasser vorhanden war‹, sagt Lipo. Dieser Spur wollen die Forscher nun weiter nachgehen.«

Foro 4: 15 Kolosse wenden dem Meer den Rücken zu

Die Presse frohlockte. Eine weitere Nuss in Sachen Geheimnisse unseres Planeten war geknackt. Am 16.11.2019 jubelte die schweizerische Tageszeitung »Blick« (5): »Rätsel um die Osterinsel Statuen gelöst«. Vorsichtiger formulierte »Der Standard« am 12. Januar 2019 (6): »Archäologie/ Weiteres Mysterium um Statuen der Osterinsel womöglich gelöst«. »Vienna.at« ließ am 16. Januar 2019 keinerlei Zweifel mehr zu (7): »Rätsel um mysteriöse Steinstatuen auf der Osterinsel ist gelöst«. Weiter lesen wir  da: »Endlich weiß man, warum die bekannten Statuen aus Stein auf der Osterinsel stehen.« weather.com weiß, dass wir’s nun ganz genau wissen (8): »Uraltes Rätsel gelöst: Deswegen stehen die Statuen auf der Osterinsel. Die Steinstatuen auf der Osterinsel, auch Moai genannt, stellen Wissenschaftler schon lange vor Rätsel. Eine Studie deckt nun auf, was sich hinter den Standorten der Steinfiguren verbirgt.«

Was »deckt die Studie« wirklich auf? Zunächst weist die Studie darauf hin, dass bei Ebbe plötzlich »Quellen« zu erkennen sind, aus denen Regenwasser in den Pazifik fließt. Bei Flut sind diese »Quellen« nicht zu erkennen. Dann wird eine These aufgestellt, und die lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die Statuen wurden um die Osterinsel herum aufgestellt, um zu markieren an welchen Stellen im Uferbereich trinkbares Wasser austritt. Bei Ebbe kann das Brackwasser abgeschöpft und als Trinkwasser genutzt werden.

Offen gesagt: Mir leuchtet diese Erklärung nicht wirklich ein. Es mag durchaus zutreffen, dass da und dort, wo Statuen im Uferbereich auf Plattformen stehen, tatsächlich auch solche »Quellen« austreten. Aber um zu markieren, wo diese für das Leben auf der Osterinsel unverzichtbaren Regenwasserquellen sprudeln, da mussten nicht bis zu zehn Meter hohe Steinkolosse quer über die Insel transportiert und auf mächtigen Plattformen aufgestellt werden. Auch wären dann keine tonnenschweren »Hüte«, die auf den Häuptern der Statuen platziert wurden, erforderlich gewesen. An der Bucht von Tongariki stehen dicht bei dicht gleich fünfzehn der weltberühmten Osterinselstatuen. Und diese Kolosse sollen auf eine Süßwasserquelle aufmerksam machen? Es hätten einfachere Hinweise voll und ganz genügt, etwa kleine Steinpyramiden.

Foto 5: Sie schauten ins Landesinnere
Was meiner Meinung nach gegen diese neue »Erklärung« spricht: Mit Ausnahme der sieben steinernen Kundschafter wenden alle an der Küste stehenden Statuen dem Meer den Rücken zu. Wenn sie aufzeigen sollten, wo Quellen sprudeln, würden man sie dann nicht mit dem Blick zur Quelle hin aufgebaut haben? Vor allem: Es gab Höhlen auf der Osterinsel. in denen trinkbares Wasser sprudelte. Meines Wissens gibt es in unmittelbarer Nähe dieser Höhlen keine Statuen. Im Landesinneren gab es auch Plattformen mit Statuen, in deren Nähe kein Wasser zutage trat.

Anfang der 1980er Jahre machte mich der Kulmbacher Rudolf Kutzer (9), von Beruf Architekt und Baustatiker, auf einen interessanten Gedanken aufmerksam. Der Dipl.-Ingenieur kam nach gründlichen Recherchen vor Ort zur Überzeugung, dass sich die Blicke aller rund um die Osterinsel aufgestellten Statuen an einem Punkt im Inneren des mysteriösen Eilands treffen. Zufall? (Ausgenommen sind natürlich die zahlreichen Statuen im Inneren des Eilands, etwa beim »Steinbruch« und jene Sieben, die die sieben Kundschafter repräsentieren! Um die geht es nicht.)

Rudolf Kutzer veröffentlichte im Sammelband »Aus den Tiefen des Alls, Handbuch zur Prä-Astronautik« (10) ein Kapitel über die Osterinsel (11), betitelt »Feststellungen und Gedanken zur Osterinsel«. Da heißt es erklärend zu einer Zeichnung (12): »Die einzelnen ›Strahlen‹, die sich über dem Inselmittelpunkt treffen und vielleicht einen ›heiligen Ort‹ auf dem Boden anzeigen, werden durch die Blickrichtung der rings um die Insel aufgestellten Moais ›erzeugt‹.« Sollten also die Statuen rund um die Osterinsel dem Pazifik den Rücken zuwenden, um alle einen Punkt im Inneren des nach wie vor rätselhaften Eilands anzupeilen? In »Ava Ranga Uka a Toroke Hau« gab es einst ein Wasserheiligtum, bestehend aus künstlichen Kanälen, Wasserbecken und einer Feuerstelle. Sollen uns die Blicke der steinernen Riesen zu diesem Heiligtum im Inneren der Osterinsel locken?  Dort hat von 2008 bis 2018 ein Team der »Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts« umfangreiche Ausgrabungen durchgeführt. Treffen sich die Blicke der Osterinselriesen dort? Oder gibt es irgendwo in der »Unterwelt« ein Heiligtum, das bis heute nicht entdeckt wurde? Eine präzise Rekonstruktion des Schnittpunkts, wo sich alle Blicke der Riesenstatuen treffen, ist leider nicht mehr möglich: Wir wissen ja nicht, wie genau die einzelnen Statuen auf ihren Podesten standen, bevor sie gestürzt wurden. Niemand weiß, ob sie exakt so wieder aufgerichtet wurden, wie sie einst positioniert waren.

Foto 6: Ja wo schau(t)en sie denn hin, die Statuen?

Katherine Routledge versuchte vor über einem Jahrhundert dem Geheimnis der Osterinsel näher zu kommen. Das mysteriöse Eiland ähnele sehr den »Scilly Inseln«. Die kaum bekannte Inselgruppe liegt vor der Südwestspitze Englands bietet fast subtropisches Klima. Sie schrieb über die »Scilly Inseln«, Cornwall, was auch auf die Osterinsel zutrifft (13):

»Überall weht der Wind des Himmels. Um uns herum und über uns dehnen sich grenzenloses Meer und Himmel aus, unendlicher Raum und eine große Stille. Wer dort lebt, der lauscht ohne zu wissen wem oder was.  Und der spürt unbewusst, dass er sich in einem ›Vorzimmer‹ befindet, zu etwas noch viel Weiterem, das sich jenseits seines Wissens befindet.

Die Osterinsel wie die »Scilly Islands« liegen einsam, ja verloren auf unserem Planeten in den unendlichen Weiten des Universums. Und wir? Wir verbringen eine Winzigkeit von Zeit in der unendlichen Geschichte des Universums.

Auf einer Zugfahrt von Hannover nach Bremen zeigte mir ein freundlicher Mitreisender ein schmales Bändchen, mit Sprüchen von Ole Nydahl und anderen buddhistischen Lehrern. Von Lama Ole Nydahl stammt ein bemerkenswertes Zitat, das mir immer in den Sinn kommt, wenn ich über die Geheimnisse der Osterinsel nachdenke. Es lautet (14): »Die grundlegende Natur unseres Geistes ist grenzenlos und unzerstörbar wie der Raum. So wie wir mit dem Geist arbeiten und zu dieser Erkenntnis kommen, dann erkennen seine natürlichen Qualitäten deutlich und wir werden furchtlos und bekommen mehr Überschuss, um anderen zu helfen.«


Foto 7: Auch er schaut Richtung Inland
Fußnoten
(1) Die »Resolution« war ein Kohleschiff und hieß ursprünglich »Bark Marquis of Granby«. Sie wurde zunächst in »Drake«, dann (aus Rücksicht auf die Spanier) in »Resolution« umgetauft.
(2) http://www.osterinsel.de/08-moai-inland.htm (Stand 19.02.2019)
(3) https://www.blick.ch/life/wissen/naturwissenschaften/geheime-wasserquellen-entdeckt-raetsel-um-die-osterinsel-statuen-geloest-id15113236.html (Stand 19.02.2019)
(4) https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/osterinsel-erstaunliche-trinkwasserquelle/ (Stand 19.02.2019)
(5) https://www.blick.ch/life/wissen/naturwissenschaften/geheime-wasserquellen-entdeckt-raetsel-um-die-osterinsel-statuen-geloest-id15113236.html (Stand 19.02.2019)
(6) https://www.derstandard.de/story/2000095977353/weiteres-mysterium-um-statuen-der-osterinsel-womoeglich-geloest (Stand 19.02.2019)
(7) https://www.vienna.at/raetsel-um-mysterioese-steinstatuen-auf-osterinseln-ist-geloest/6063035 (Stand 19.02.2019)
(8) https://weather.com/de-DE/wissen/mensch/video/uraltes-ratsel-gelost-deswegen-stehen-die-statuen-auf-der-osterinsel (Stand 19.02.2019)
(9) Rudolf Kutzer wurde 1924 geboren.
(10) Fiebag, Peter und Johannes: »Aus den Tiefen des Alls, Handbuch zur Prä-
     Astronautik«, Tübingen 1985
(11) ebenda, Seiten 221-241
Siehe auch https://www.fischinger-blog.de/2015/07/die-insel-die-zum-himmel-sieht-die-maoi-weisen-den-weg-eine-pyramide-ueber-der-osterinsel-und-eine-geheime-botschaft-im-inneren/ (Stand 19.2.2019)
(12) Fiebag, Peter und Johannes: »Aus den Tiefen des Alls, Handbuch zur Prä-
     Astronautik«, Tübingen 1985, Seite 239
(13) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck Kempton 1998, Zitat Seite 133, Zeilen 12 bis 17 von unten. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein.
(14) Ole Nydahl, auch als Lama Ole bekannt, wurde am 19. März 1941 nördlich von Kopenhagen geboren. Von 1960 bis 1969 studierte er Philosophie, Englisch und Deutsch in Kopenhagen und einige Semester auch in Tübingen und München. Das Philosophikum bestand er mit Bestnote. Bei dem Büchlein handelte es sich wahrscheinlich um einen Privatdruck. Weder Verlag noch Verlagsort oder Jahr des Erscheinens konnte ich entdecken.

Zu den Fotos
Foto 1: Sie hatten einst alle Augen... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Cooks »Bark Endeavour«. Wiki commons/ gemeinfrei
Foto 3: Cooks »Bark Resolution«. Wiki commons/ gemeinfrei
Foto 4: 15 Kolosse wenden dem Meer den Rücken zu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sie schauten ins Landesinnere. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6 : Ja wo schau(t)en sie denn hin, die Statuen? Archiv Langbein/ Kutzer 
Foto 7: Auch er schaut Richtung Inland. Foto Walter-Jörg Langbein
Im Schatten des Riesen: Ingeborg Dielmann (rechts) und Elfriede Wellbrock (rechts)

485 »Das Universum des Professors«,
Teil 485 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 5. Mai 2019



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Sonntag, 21. April 2019

483 »Inseln im All«

Teil 483 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Sieben Botschafter starren Richtung Westen. (Fotocollage)

Sieben Botschafter starren gen Westen. Die steinernen Denkmäler einer apokalyptischen Vergangenheit sollen an die Urheimat der Osterinsulaner erinnern. Sie blicken aufs schier endlose Meer hinaus, wo irgendwo in der Ferne das Atlantis der Südsee versunken ist. Und das lag nach alten Sagen und Mythen eben weit im Westen der Osterinsel. Der Sage nah kamen die ersten Bewohner der Osterinsel aus dem Westen. Fakt oder Fiktion?

Tatsächlich gab es vor rund 1.200 Jahren eine Bevölkerungsexpansion aus dem polynesischen Raum, also aus dem Westen. So wurde die Pitcairn-Insel, 2.000 Kilometer westlich der Osterinsel, um 800 n.Chr. von Polynesien aus besiedelt. Über die ersten Bewohner des Inselchens ist so gut wie nichts bekannt. Aus jener Zeit stammen, zumindest nach schulwissenschaftlicher Lehre, Steinwerkzeuge aus schwarzem Basalt. Dann und wann finden Bauern auch heute noch beim Pflügen sauber gearbeitete Instrumente.

Foto 2: Osterinsel-Moai
Anno 1826 besuchte der britische Forschungsreisende Frederick William Beechey die  Pitcairn-Insel. Er rekonstruierte die Geschichte der Meuterei auf der Bounty und die folgende Flucht der Meuterer, die schließlich auf der Pitcairn-Insel endete. Am 18. Januar 1790 landeten dort Fletcher Christian, der Anführer der Meuterer, mit acht Kumpanen, sechs polynesischen Männern und zwölf polynesischen Frauen. Fletcher Christian erkundete das felsige Eiland und beschloss die Gründung einer Siedlung. Die Bounty wurde in Brand gesteckt, um vorbeifahrende Schiffe nicht auf die Meuterer aufmerksam, vielleicht auch um eine Rückkehr nach England unmöglich zu machen.

In der Heimat wartete der Galgen auf die Meuterer. Mord und Totschlag bestimmten ihr Leben. Die Männer ermordeten sich gegenseitig. Weihnachten 1800 schließlich lebte nur noch John Adams. Frederick William Beechey befragte anno 1826 diesen letzten Überlebenden der Meuterer. Adams war sichtlich bewegt, Seeleuten aus der Heimat zu begegnen. Bereitwillig beantwortete er alle Fragen. An manche Details konnte oder wollte er sich nicht mehr erinnern.

So wissen wir, dass Fletcher Christian wohl schon bei seiner ersten Begehung der Pitcairn-Insel auf die Spuren einer vergessenen Kultur stieß. Frederick William Beechey notierte detailreich, was er von John Adams erfuhr. Die Geschichte der Meuterei auf der Bounty trug ohne Zweifel ganz erheblich zum Erfolg von Beecheys Buch »Erzählung über die Reise in den Pazifik und die Beering-Straße« (1) bei, das 1832 in Philadelphia erschien.

Von Beechey erfahren wir, dass die Meuterer großen Wert auf Missionierung der »Heiden« legten. Einer der Offiziere versuchte verzweifelt, den Eingeborenen Psalm 100 beizubringen, musste aber feststellen, dass er bei seinen unfreiwilligen Schülern auf vollkommenes Desinteresse stieß. Offenbar hatten die »Heiden« keine Lust, den Text des kurzen Psalms zu verinnerlichen, geschweige denn die Melodie einzustudieren, nach der sie den frommen Bibeltext singen sollten. »Sie zeigten weder die geringste Befähigung, noch den bescheidensten Wunsch, den Psalm zu lernen.« (2)

Foto 3: Der Pitcairn-Fund
Lesen wir weiter, was Frederick William Beechey zu berichten hat (3): »Den folgenden Tag verbrachten wir damit, unsere Erkundung der Insel zu vervollständigen, wobei die Eingeboren darauf bedacht waren, uns jeden Winkel zu zeigen. Wir zogen mit den gleichen Führern los, folgten einer Straße, die uns zum ›Seil‹ brachte, zu einer steilen Klippe, die so hieß, weil man nur mit Hilfe eines Seils hinabsteigen konnte.

Die Klippe befindet sich am östlichen Ende der Insel und überblickt eine schmale, sandige Bucht, gesäumt von Felsen, die es für ein Boot gefährlich machen, dort einen Landungsversuch zu unternehmen. Am Fuße der ›Seil‹-Klippe fanden wir einige Steinäxte und einen Knochen. … Links von der ›Seil‹-Klippe gibt es eine Bergspitze von beachtlicher Höhe, die ›Bounty Bay‹ überblickt. Dort auf der Anhöhe fanden die Meuterer bei ihrer Ankunft vier Götzenbilder vor, sechs Fuß hoch, platziert auf einer Plattform, nach der Beschreibung von Adams den Moais nicht unähnlich, allerdings deutlich kleiner.

Foto 4: Pitcairn-Fund
Eines dieser Götzenbilder, das noch erhalten war, war das grobe Abbild einer menschlichen Gestalt von den Hüften aufwärts, aus einem einzigen roten Lavabrocken gemeißelt. Man teilte uns mit, dass unweit von diesem Götzen gelegentlich menschliche Knochen und Steinbeile ausgegraben wurden. Wir aber konnten nur zwei Knochen finden, die womöglich Rückschlüsse auf die Größe der Aborigines zuließen. Es waren ein os femoris (Oberschenkelknochen) und ein Stück eines Cranium (Schädel) von ungewöhnlicher Dicke und Größe.«

Die Meuterer von der Bounty stießen also auf die Überbleibsel einer älteren Kultur. Sollten die ersten Menschen auf Pitcairn besonders groß gewesen sein? Statuetten, die den Riesenstatuen der Osterinsel ähnelten, standen – wie die großen Moai der Osterinsel auch – auf steinernen Plattformen. Die Statuen von »Pitcairn-Island« hatte man aus Vulkangestein gemeißelt, so wie die größeren »Kollegen« der Osterinsel. Und  die Kolosse von der Osterinsel waren wie die kleineren »Brüder« der »Pitcairn-Insel« keine Ganzkörperskulpturen, sondern nur Büsten, von der Taille bis zum Kopf.

Sieben Botschafter starren gen Westen. Die steinernen Denkmäler einer apokalyptischen Vergangenheit sollen an die Urheimat der Osterinsulaner erinnern, die weit im Westen lag. Kamen die ersten Bewohne von »Rapa Nui« via »Pitcairn-Island« zur Osterinsel? Schufen sie auf »Pitcairn-Insel« kleinere Moais? Der Sage gab Hotu Matua, der der König der Osterinsel, den Befehl, die auf der im Chaos versinkenden Heimat vergessene heilige Statue zu retten. Der Versuch misslang. Die verehrte Statue fiel zu Boden, bevor sie ins Boot gewuchtet werden konnte und zerbrach. Der Kopflose Rumpf blieb zurück, nur das Haupt der steinernen Figur wurde gerettet. Ist es Zufall, dass auf Pitcairn eine moaiähnliche Figur ohne Kopf gefunden wurde?

Ausführliche Informationen erhielt ich von »Tangata Whenua«, einer neuseeländischen Internetseite, die sich intensiv mit den Vorfahren der Maori Neuseelands auseinandersetzt. In einem bemerkenswertenen Artikel, betitelt »Pitcairn Islands discoveries« (»Pitcairn Inseln Entdeckungen«) wird auch der angebliche Fund einer Osterinsel-Statue auf der »Henderson-Insel« als »Fake« enttarnt (4). Und doch hat die frei erfundene Geschichte einen realen Hintergrund. Ob der freilich den Erfindern der Story vom »World News Daily Report« bekannt war, das sei dahingestellt.

Foto 5: Links Osterinsel-Figur, rechts Pitcairn-Fund. Zeichnungen Grete C. Söcker

Auch »Tangata Whenua« berichtet über die Entdeckungen auf »Pitcairn-Island«, die die Meuterer von der Bounty machten (4): »Auf einer Bergspitze nahe am Rand jener Klippe, die der ›Bounty Bucht‹ zugewandt ist, da bot sich ihnen (den Meuterern) ein fesselnder Anblick. Felsbrocken waren sorgsam zusammen gefügt worden und bildeten eine rechteckige Plattform. Und auf jeder Ecke stand ein steinernes Bildnis, mit dem Rücken zum Meer, und betrachtete missbilligend die Eindringlinge auf ihrem heiligen Areal. Der Tempel und die Götter aber waren stumm, die Menschen, die sie geschaffen hatten, waren auf mysteriöse Weise verschwunden. Die Meuterer oder ihre Nachkommen bauten den Tempel oberhalb der ›Bounty Bucht‹ und einige andere, die in anderen Teilen der Insel errichtet worden waren. Die hilflosen steinernen Götter wurden hinüber zur nahe gelegenen Klippe gerollt und nahmen ihre Geheimnisse mit bis auf den Grund der ›Bounty Bucht‹. Als der ›Bounty Bucht‹-Tempel zerstört wurde, da wurde ein menschliches Skelett gefunden, das in der Struktur beigesetzt worden war, dessen Schädel auf einer großen Perl-Muschel ruhte.«

Rund ein Jahrhundert nach dem Erscheinen von William Beecheys Buch erreichte eine französisch-belgische Expedition die »Pitcairn-Insel«. Henry Lavachery (*1885; †1972) nahm an der Forschungsreise teil und publizierte umfangreiches Material. Die französisch-belgische Gruppe von Wissenschaftlern machte eine unerwartete Entdeckung: Beim Bau eines war eine der Statuen vom alten Tempel als Säule eingesetzt worden. Genauer gesagt: Man hatte offenbar den steinernen Rumpf einer dieser »Götzenbilder« am Fuß der Klippe geborgen, die dort aufgeschlagen und zerschellt waren.

Foto 6: Ende der Welt

Wie die Figur einst im unbeschädigten Zustand aussah, das kann natürlich nicht mehr rekonstruiert werden. Der Kopf fehlt, Beine waren wohl nie vorhanden. Auch die Vorderfront des Rumpfes ist beschädigt, wohl aber noch die Hände zu erkennen, die auf dem Bauch des Torso liegen, so wie wir das von den Moai der Osterinsel kennen. Die Osterinsel-Statuen haben in der Regel an den Seiten anliegende Arme, die Hände liegen auf dem flachen Bauch. Dabei berühren sich die Finger fast im Nabelbereich.

Augenzwinkernd erklärte mir »mein» Pensionswirt Paul vor Ort, die Moai würden immer auf ihren Nabel deuten, weil doch die Osterinsel der Nabel der Welt sei. Freilich ist umstritten, wie denn »Te pito o te henua« - einer der Namen der Osterinsel – korrekt zu übersetzen ist! Bedeutet der wohlklingende Name wirklich »Nabel der Welt«? Oder ist damit der der große Vulkan Rano Raraku gemeint, den man wirklich als einen riesigen »Nabel der Erde« sehen kann. Das »te pito« kann, muss aber nicht »Nabel« bedeuten. Eine andere mögliche Übersetzung lautet »Ende des Landes«.

Foto 7: Der »Nabel der Welt«?

Nach der mythischen Tradition der Südsee gab es einst ein großes Königreich in der Südsee. Uwoke, ein mächtiger Gott des Erdbebens berührte mit einem »Stab« das Land. Große Teile davon versanken. Übrig blieb, so wissen es alte Überlieferungen, die Osterinsel (6): »Es erhoben sich Wellen, und das Land ward klein. Der Stab Uwokes zerbrach am Berg Puku-puhipuhi. Von nun an wurde es Te-Pito-o-te-Henua, der ›Nabel der Erde‹ genannt.«

Demnach war die Osterinsel früher größer, versank zum Teil im Pazifik. Schroffe Steilhänge wurden so zum »Ende des Landes«. Oder zum »Ende der Welt«? Die Osterinsel liegt wie ein Außenposten der Erde in einem scheinbar endlosen Ozean, und das in einem viel größeren Meer aus Nichts und Sternen: im All. So wie die Osterinsel eine Insel im Pazifik ist, so ist unser Planet eine Insel im All. Und wie die Osterinsel nicht die einzige Insel im Meer ist, so ist auch die Erde nicht einzigartig im All. Inseln im All gibt es viele.

Im frühen 19. Jahrhundert unternahmen die Bewohner von Pitcairn zaghafte Versuche, zu anderen Eilanden zu segeln, gaben aber rasch auf. Der Menschheit steht die erste Reise ins All erst noch bevor. Niemand bleibt für alle Zeit auf seiner Insel!

Fußnoten
Foto 8: Der Pitcairn-Fund.
(1) Beechey, F.(rederick) W.(illiam): »Narrative of a voyage to the pacific and beering’s strait, to cooperate with the polar expeditions«, Philadelphia 1832
(Eine Übersetzung ins Deutsche ist mir nicht bekannt.)
(2) ebenda, Seite 90, Zeiten 1-5 von oben
(3) ebenda, Seite 90, Zeilen 17-29 von oben
(4) http://tangatawhenua16.wixsite.com/the-first-ones-blog/single-post/2016/09/16/Pitcairn-Islands-discoveries (Stand 13.2.2019)
(5) »La mission Franco-Belge dans l'Ile de Paques« (1934/ 1935), »Contribution à l'étude de l'archéologie de l'île de Pitcairn« (1936), »Sculpteurs modernes de L'lle de Pagues« (1937) und  »Les pétroglyphes de l'île de Pâques« (1939)
(6) Krendeljow, Fjodor Petrowitsch  und Kondratow, Aleksandr Michailowitsch: »Die Geheimnisse der Osterinsel«, Moskau
und Leipzig 1987, S. 109

Zu den Fotos
Foto 1: Sieben Botschafter starren Richtung Westen. (Foto/ Fotocollage Walter-Jörg Langbein)
Foto 2: Osterinsel-Moai. Unten im Bild: Der angebliche Henderson-Moai.
Foto oben: Walter-Jörg Langbein
Foto unten: http://tangatawhenua16.wixsite.com/the-first-ones-blog/single-post/2016/09/16/Pitcairn-Islands-discoveries 
Foto 3: Der Pitcairn-Fund. Foto:
http://tangatawhenua16.wixsite.com/the-first-ones-blog/single-post/2016/09/16/Pitcairn-Islands-discoveries
Foto 4: Pitcairn-Fund. Zeichnung Grete C. Söcker
Foto 5: Links Osterinsel-Figur, rechts Pitcairn-Fund. 
Zeichnungen Grete C. Söcker
Foto 6: Ende der Wel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der »Nabel der Welt«? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Pitcairn-Fund. Zeichnung Grete C. Söcker. Farblich verändert von Walter-Jörg Langbein.

484 »Unendlicher Raum und große Stille«,
Teil 484 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28. April 2019




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