Sonntag, 15. Dezember 2019

517. »Von einer Wüstenstadt zu ›fremden‹ Erden«

Teil 517 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Warum heißt die mysteriöse Ruinenstadt in einem weiten Talkessel im Bergland von Edom auf halbem Weg zwischen dem Golf von Akaba und dem Toten Meer Petra? Der Name der einstigen Metropole im Reich der Nabatäer im heutigen Jordanien ist rasch erklärt: »Petra« geht auf das altgriechische Πέτρα, zu Deutsch, »Fels«, zurück. Der Name Petra ist für die antike Hauptstadt Petra sehr gut gewählt. Wurden doch ihre imposanten Gebäude aus gigantischen Steinformationen herausgearbeitet. Wie die Ruinenstadt von den einstigen Erbauern genannt wurde, das ist umstritten.

Foto 1: Die mysteriöse Stadt in Stein Petra, Jordanien.

Vielleicht wird die geheimnisvolle Stadt bereits im »Alten Testament« erwähnt. Im Buch Richter (1), aber auch im 2. Buch Könige (2) taucht der Name »Sela« auf. »Sela« lässt sich mit »Fels« oder »Stein« übersetzen. Sollte damit »Petra« gemeint sein? Ist überhaupt eine von Menschen gebaute Stadt oder eine natürliche Felsformation gemeint?

Beim jüdisch-römischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus (* 37 oder 38 n.Chr.;† nach 100 n.Chr.) wird Petra »Reqem«, »Reqmu« oder »Rakmu« genannt. Der Name lässt sich mit »die Rote« übersetzen. Tatsächlich ist der Sandstein von Petra rötlich. Darf dies als ein Hinweis auf den ursprünglichen Namen Petras verstanden werden?

Von Petra zu Petrus. Warum nannte Jesus seinen Jünger Simon »Petrus«? Im Evangelium nach Matthäus lesen wir eine Begründung (3): »Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.« So steht es in der berühmten Luther-Bibel. So lesen wir in der Elberfelder Bibel: »Und er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sprach: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du wirst Kephas heißen - was übersetzt wird: Stein.« Eine Fußnote verrät uns, dass »Stein« im Griechischen »petros« und im Lateinischen »petrus« heißt.

Foto 2: Die mysteriöse Stadt in Stein Petra, Jordanien.

Zahlreiche Namen werden in der Bibel erklärt. Oftmals sind die Begründungen für Namen sprachlich nicht so ohne weiteres nachvollziehbar und eher Eselsbrücken ohne echte linguistische Legitimation. Eine der wichtigsten »Erklärungen« für einen biblischen Namen bezieht sich auf die Umbenennung von »Simon« in »Petrus«. Warum macht Jesus aus Simon den Petrus? Die Luther-Bibel von 2017 lässt Jesus im  Evangelium nach Matthäus sagen (4): »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.« Die »Einheitsübersetzung« von 2016 geht einen Schritt weiter: »Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.« In der »Einheitsübersetzung« wird aus Jesu »Versammlung« die »Kirche Jesu«.

Der folgende Vers (5) soll Petrus als Nachfolger Jesu legitimieren: »Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.« Auf diesem »Stein« basiert das Papsttum, hat doch Jesus selbst Petrus die Schlüssel zum Himmelreich gegeben. Petrus, der erste Papst, kann den Gläubigen das Tor zum Himmel öffnen. Ist es denn nicht Petrus, dem Jesus die Macht schlechthin überträgt? Was Petrus entscheidet, das gilt, so legt der Vers doch nahe, auf Erden wie im Himmel.

So einleuchtend die Erklärung auch anmutet, so unlogisch ist sie aber auch. Jesus sprach Aramäisch und nicht Griechisch oder gar Lateinisch. Jesus hätte einem Jünger nie einen griechischen oder lateinischen, sondern natürlich einen aramäischen Beinamen verliehen. Erinnern wir uns: Die Römer waren die Herren im »Heiligen Land«, die Besatzungsmacht. Von ihrem Messias erwarteten die Juden zu Lebzeiten Jesu den Sieg über die verhassten Römer.

Foto 3: Wollte Jesus seine »Kirche«
auf Petrus bauen?
Ich muss meine Frage wiederholen: Warum nun nannte Jesus seinen Jünger Simon »Petrus«? Die Antwort findet sich im Aramäischen. Sie ist weit weniger schmeichelhaft als katholische Theologen den Bibeltext gern interpretieren.

George Mamishisho Lamsa (*1892; †1975), profunder Kenner der Sprache Jesu, führt aus (6): »Der Name ›Simon‹ (aramäisch ›Schimun‹) wurde von vielen Müttern gewählt, die um einen Sohn gebetet hatten und erhört worden waren. Dankbar nannten sie ihr Kind dann Schimun, nämlich im Sinne von ›Gott hat mich erhört!‹ Schimun bedeutet nämlich ›gut hörend‹, allerdings auch ›schnell begreifend‹.«

Nun war aber »Simon«, George Mamishisho Lamsa weist darauf hin, alles andere als schnell von Begriff, sondern schwerfällig und langsam im Denken. Deshalb wurde er von Freunden offensichtlich spöttisch »Kepa«, also »Steinblock«, gerufen, eben, weil er träge im Denken war.

Die theologische Erklärung »auf diesen Felsen baue ich meine Gemeinde« muss als Interpretation im Nachhinein gesehen werden. Jesus hat Simon nicht in Petrus umbenannt. Simon trug den Beinamen »Kepa«, »Steinblock«. Und dieser Spitzname wurde ins Griechisch-Lateinische Petrus übersetzt. In östlichen Evangelientexten gibt es übrigens den Namen »Simon Petrus« nicht, sondern nur »Schimun Kepa«, weil man offensichtlich den Namen eben nicht ins Griechisch-Lateinische übertragen hat.

Theologie greift gern auf althergebrachte Texte zurück und interpretiert sie auf ihre Weise. Rückwirkend werden Lehrmeinungen und Dogmen bestätigt, auch wenn dabei die alten Texte verbogen werden müssen. Zurückgegriffen wird auf ältere Texte, denen allein schon ob ihres Alters Respekt entgegengebracht wird. Was schon lange überliefert wurde, hat sich nach und nach ins Bewusstsein der Menschen eingegraben und wird von vielen als »richtig« empfunden. Deshalb wird von Theologen gern auf ältere Texte und Bilder zurückgegriffen, die in neue religiöse Bilder eingebaut werden.

Es gibt Monstermauern aus Stein, die aber in der Regel nur befristet Feinde abhalten konnten. Es gibt Mumien als konservierte haltbar gemachte Leichname. Aber anders als steinerne Mauern und erstarrte Tote ändern sich Ideen und Gedanken auch der religiösen Art im Verlauf der Jahrtausende, führen aber grundsätzliche Vorstellungen aus uralten Zeiten nur fort. Es lohnt sich, zu den Monstermauern dieser Welt zu reisen, die Mysterien unseres Planeten von Ägypten bis Vanuatu zu erforschen. Es lohnt sich erst recht, unsere Wurzeln zu ergründen. Was in »Heiligen Büchern« wie Bibel und Koran steht, das sind keine Neuschöpfungen aus dem Nichts, da wurden vielmehr sehr viel ältere Bausteine aus sehr viel älteren Mythenwelten übernommen, mehr oder minder stark bearbeitet und wieder eingesetzt.

Foto 4: Sollte Petrus Jesu
»Nachfolger« werden?
Mich fasziniert es schon seit Jahrzehnten, archaischen Bildern, die wir in der Bibel, speziell im »Alten Testament« finden, auf den Grund zu gehen und nach ihren Ursprüngen zu suchen. Seit Jahrzehnten versuche ich die alten Quellen zu erforschen, aus denen geschöpft wurde. Es wird in der vermeintlich wissenschaftlichen Theologie meiner Meinung nach viel zu wenig beachtet, welches alte Material verformt und was beim Verfassen der neueren Texte weggelassen wurde. Aus reichem Quellenmaterial aus alten und uralten Zeiten wurde übernommen. Manches wurde fast unverändert abgeschrieben, viele Informationen ließ man unter den sprichwörtlichen Tisch fallen.

Manches, was aus alten Quellen übernommen wurde, findet sich noch im hebräischen Text des »Alten Testaments«, verschwindet aber in den Übersetzungen. Der erste Satz des »Alten Testaments« verkündet im Hebräischen, dass Gott am Anfang Himmel und Erde schuf. Die »Neue evangelistische Übersetzung« von Karl-Heinz Vanheiden verdeutlicht in einer Fußnote die Problematik der falschen Übersetzungen besonders gut: »Im Hebräischen steht das Verb bara (schuf) in der Einzahl, Gott und Himmel aber in der Mehrzahl. Bara im Sinne von Schaffen wird im Alten Testament nur für das Schaffen Gottes verwendet. Nie wird dabei ein Stoff erwähnt, aus dem Gott schafft.« Die »Elbefelder Bibel« spricht eindeutig von Himmel und von Gott in der Einzahl: »Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.« Andre Übersetzungen wie die »Elberfelder« lassen den Artikel weg und blieben zweideutig: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« In dieser Version erkennen wir nicht, ob »Himmel« in der Einzahl- oder in der Mehrzahlform verwendet wird.

Als besonders bibeltreu darf die vom Theologen Franz Eugen Schlachter (*1859; †1911) erarbeitete Übersetzung der »Heiligen Schrift« gelten. Sie wurde erstmals im Jahr 1905 veröffentlicht. 1951 erarbeitete die »Genfer Bibelgesellschaft« mit Zustimmung der Familie Schlachter eine revidierte Fassung der Schlachter-Übersetzung von 1905. Die heute gängige Ausgabe wurde als »Schlachter 2000« publiziert. Und hier lesen wir den ersten Satz des »Alten Testaments« korrekt übersetzt so: »Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde.«

Unbeeindruckt vom Originaltext verfälschen die »Menge Bibel« und »Neues Leben/ Die Bibel« im ersten Satz des Alten Testaments »die Himmel« (Mehrzahl!) zu »den Himmel«. Den gleichen Fehler macht auch die englische »King James Version« (7), während »The New International Version« korrekt die Mehrzahl wiedergibt: »the heavens« (Mehrzahl) und nicht »the heaven« (Einzahl).

Religiöse »Denker« sehen den Menschen als die Krone der Schöpfung, als das Nonplusultra schlechthin an. Da wird extreme Nabelschau betrieben und die Existenz von anderen »Erden« mit anderen »Himmeln« wird kategorisch verneint. Wir müssen nach diesem »Denken« ganz einfach die »allergrößten« Kreaturen der Schöpfung sein? Der religiöse »Denker« sieht das so, weil er über sich als höher stehendes Wesen nur noch Gott selbst dulden mag. Wenn Gott das Allerhöchste schlechthin ist, dann kommen wir – nach diesem »Denken« – in der Rangfolge schon auf Platz 2. In diesem religiösen Weltbild hat über uns nur Gott einen Platz, der Rest aber hat sich unter uns einzuordnen.

»Wissenschaftlicher« Hochmut ist allerdings nicht angebracht. Denn auch im »wissenschaftlichen« Weltbild der Evolution ist der Mensch die »Krone«, wenn auch nicht als das Ergebnis einer göttlichen Schöpfung, sondern einer erstaunlichen Verkettung von Zufällen. Im »wissenschaftlichen« Weltbild gibt es keinen Gott. Der Mensch steht ganz oben, wo im religiösen Weltbild Gott herrscht.

Die umfangreichen »Legenden der Juden« freilich wissen von Himmeln (Mehrzahl!) und von fremden »Erden« (Mehrzahl!) zu berichten, auf denen – wie auf Terra – auch »Menschen« leben, nur ganz andere. 

Zur Lektüre empfohlen
Bourbon, Fabio: »Petra/ Die geheimnisvolle Felsenstadt«, Köln 2004
Taylor, Jane: »Petra und das versunkene Königreich der Nabatäer«, Düsseldorf 2002

Bibelausgaben
Die im Text zitierten und die erwähnten diversen Bibelausgaben sind im Internet leicht auffindbar. Wer ernsthaft die Texte der Bibel studieren möchte, der sollte sich nicht auf eine bestimmte Übersetzung beschränken, sondern alle möglichen Übersetzungen vergleichend heranziehen.

Fußnoten
(1) Buch Richter Kapitel 1, Vers 36
(2) 2. Buch der Könige Kapitel 14, Vers 7
(3) Das Evangelium nach Johannes Kapitel 1, Vers 42 in der »Lutherbibel 2017«
(4)  Das Evangelium nach Matthäus Kapitel 16, Vers 18 in der »Lutherbibel 2017«
(5) Das Evangelium nach Matthäus Kapitel 16, Vers 19 in der »Einheitsübersetzung« von 2016
(6) Lamsa, George Mamishisho: »Die Evangelien in aramäischer Sicht«, St. Gallen 1963, Seiten 364 und 365
(7) »In the beginning God created the heaven and the earth.«

Zu den Fotos
Foto 1: Die mysteriöse Stadt in Stein Petra, Jordanien. Foto wikimedia commons, Berthold Werner (Ausschnitt).
Foto 2: Die mysteriöse Stadt in Stein Petra, Jordanien. Foto wikimedia commons, Berthold Werner (Ausschnitt).
Foto 3: Wollte Jesus seine »Kirche« auf Petrus bauen?
Foto 4: Sollte Petrus Jesu »Nachfolger« werden?

518. »Reise ins Vorgestern«,
Teil 518 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22. Dezember 2019



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Sonntag, 8. Dezember 2019

516. »Aquila und die Söhne der Götter«

Teil 516 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Historische Aufnahme der Großen Pyramide, um 1910.

Tief unter uns sehen wir, grau in grau, die scheinbar unendliche Wüste. Die sich weithin erstreckende Leere wirkt trist und deprimierend. Plötzlich taucht weit unter uns ein monumentales Bauwerk auf. Aus der Höhe wirkt es klein, in der Realität aber ist es riesig. Wir erkennen es: Es ist die nach Pharao Cheops benannte »Große Pyramide«, wie das Weltwunder im englischsprachigen Raum genannt wird. Wir fliegen staunend über dem jahrtausendealten Denkmal genialer Baukunst. Wir machen die stoisch der Zeit trotzende Sphinx-Statue aus.

Aber schon entschwinden Pyramide und Sphinx aus unserem Blickfeld. Allein schon diese höchst beeindruckenden Bilder machen den Film »Charlie Chan in Egypt« (»Charlie Chan in Ägypten«) aus dem Jahr 1935 sehenswert. Warner Oland (*1879; †1938) fliegt als Detektiv Charlie Chan in einer offenen Propellermaschine über Pyramide und Sphinx. Für einen kurzen Moment kommt es dem fantasievollen Zuschauer so vor, als sei man weit zurück in die Vergangenheit gereist. Die Zeit scheint spurlos an der »Großen Pyramide« vorübergegangen zu sein.

Seit 1935 fliegt Charlie Chan im Film immer wieder über die »Große Pyramide«, unterwegs zur Lösung eines kniffeligen Geheimnisses. Er wird wieder Morde aufklären, keine Frage. Überlassen wir Charlie Chan seiner detektivischen Mission. Er benötigt nicht unsere Hilfe.

Wenden wir uns dem Geheimnis der Göttersöhne zu, die doch so gar nicht in die Bibel zu passen scheinen. Im heiligen Buch des monotheistischen Judentums wie der Christenheit haben Göttersöhne doch wohl nichts zu suchen. Oder doch? Die Göttersöhne sind keine »Erfindung« der Autoren des »Alten Testaments«. Das ist in der Theologie durchaus bekannt. Es gibt in wissenschaftlichen Publikationen aus dem Fachbereich »Altes Testament« Fachaufsätze, die sich mit den Göttersöhnen beschäftigen. Die werden allerdings im Studium der evangelischen Theologie nicht wahrgenommen. Und in der Welt der populärwissenschaftlichen Theologie kommen sie schon gar nicht vor.

Foto 2: Die »Arche Noah«
und die tierischen Passagiere
als Markenblock (Liberia 2014).
Die altehrwürdige »Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft«, gilt in Theologenkreisen weltweit als eines der führenden Organe schlechthin. Die »Z.A.W.«, 1881 von Bernhard Stade gegründet, konzentriert sich auf  theologische, sprachliche und historische Probleme des »Alten Testaments der Bibel.

Anno 1964 wurde ein umfangreicher Artikel über die Göttersöhne veröffentlicht (1). Cooke kommt zum Ergebnis dass die Göttersöhne bereits vor Jahrtausenden in den Hochkulturen von Ägypten bis Mesopotamien aktiv waren.

Jacob Johannes Theodoor Doedens verfasste eine spannende Dissertation zum Thema (2) »Die Söhne Gottes in Genesis 6,1-4«, die 2013 in Ungarn veröffentlicht wurde. Mich verwundert es nicht, dass in Textfragmenten von Qumran von einer »Ratsversammlung der reinen Göttlichen Wesen« zu lesen ist (3).

In der Doktorarbeit von Doedens lese ich auch, dass die »Söhne Gottes« in »Söhne des Himmels«, »die Heiligen«, »Engel« oder »Wächter« umbenannt wurden (4). Warum das geschehen ist lässt sich nur vermuten. Naheliegend ist die Vermutung, dass »Söhne Gottes« oder gar »Söhne er Götter« als mit einem streng monotheistischen Gott nicht vereinbar angesehen wurden. Vor allem sah man in der Welt des strengen Monotheismus den alleinigen Gott als Allmächtigen und Allwissenden an, dem menschlich-irdische Gelüste nach weiblichen Wesen vollkommen fremd zu sein hatten. Ausdrücklich weist Doedens aber darauf hin, dass in anderen Textfragmenten von Qumran immer noch »Söhne der Götter« oder »Söhne Gottes« auftauchen.

William F. Albright (*1891; †1971) hat bereits in seinem fundamentalen Werk über die Entwicklung religiöser Vorstellungen von der Steinzeit bis zum Christentum in überzeugender Weise nachgewiesen, dass die Göttersöhne des »Alten Testaments« auf uralte Mythen zurückgehen, die sehr viel älter als das »Alte Testament« sind.

Foto 3: Die »Arche Noah« als Markenblock (Liberia 2014).

Albrights Magnum Opus »From the Stone Age to Christianity« kann als das Lebenswerk des großen theologischen Wissenschaftlers angesehen werden. Albright, von 1929 bis 1959 Professor für semitische Sprachen an der an der »Johns Hopkins University«, war davon überzeugt, dass was von der »modernen« Theologie gern als märchenhaft und fiktiv angesehen wird, durchaus einen realen historischen Hintergrund haben kann. Er neigt dazu, die Historizität vieler Bibeltexte als erwiesen anzusehen.

Ich habe während meines Studiums der evangelischen Theologie einiges von Albright gelesen. Mir imponierte seine wissenschaftliche Neugier. Allzu oft versuchen Theologen nur, vorgefasste theologische Lehrmeinungen zu bestätigen. Ich will nicht von betrügerischen Absichten reden. Wer absolut von der nicht anzweifelbaren Wirklichkeit der eigenen religiösen Ansichten überzeugt ist, der findet alles nur bestätigt und nimmt Widersprüche gar nicht wahr.

Albright, der auch viele Jahre Direktor der »American School of Oriental Research in Jerusalem« war, leistete als echter Pionier der biblischen Archäologie wichtige Arbeit bei seinen Expeditionen zu wichtigen biblischen Stätten in Südarabien und Altsyrien. Er führte selbst Ausgrabungen durch. Mit bewundernswerter Akribie datierte er biblische Stätten mit Hilfe von Keramikfunden.

Für Albright gab es keinen Zweifel: Die Verfasser des »Alten Testaments« schöpften aus einem uralten, reichhaltigen Fundus. Sie übernahmen die Götter (Elohim) und Gottes- und Göttersöhne aus mythologischen Quellen. Der Ethnologe Konrad Th. Preuss konstatierte anno 1933: »In Mythos und Kult werden die Erlebnisse der Urzeit Machvollzogen!« Und Georges Dumezil zollte 1859 der Quelle aus fernster Vergangenheit seinen Respekt: »Die Mythen sind Alleinbesitz der Urzeiten gewesen und spiegeln den Zustand und die Ereignisse der damaligen Gesellschaft wider.«

Leider ist Dan Browns Romanheld Professor Robert Langdon nur ein fiktiver Professor an der »Harvard University«. In der Romanwelt der Weltbestseller Dan Browns und in den Verfilmungen nach Browns Romanen unterrichtet Langdon angeblich » religiöse Ikonologie und Symbologie«. Dieses Forschungsgebiet gibt es in der realen akademischen Welt der Wissenschaften leider nicht. Es sollte aber geschaffen werden, damit wir die weltweit entdeckten uralten Symbole aus geheimnisvollen Zeiten verstehen können.

Foto 4: Nur wenige Tiere werden gerettet
(Liberia 2014).
Ein »Professor Langdon«, der firm ist auf dem Gebiet der Mythen im »Alten Testament«, müsste sich endlich einmal intensiv in die ältesten Mythen von Ägypten über Mesopotamien bis Ugarit einarbeiten. Und ein solcher Gelehrter müsste ohne Rücksicht auf die eigene wissenschaftliche Karriere und die Einwände der werten Kollegen die wirklichen Quellen biblischer Mythologie erforschen. So ein »Professor Langdon« ist aber leider in der Realität nicht in Sicht. So sind wir auf eigene Recherche, auf eigene Interpretationen und Schlussfolgerungen angewiesen.

Unbestreitbar ist, dass schon in den Schrifttafeln von Ugarit Götterversammlungen beschrieben werden In Ugarit gab es die »Söhne Els«, so wie offenbar auch der biblische Gott seine »Söhne« um sich scharte. Die Söhne des biblischen Gottes (oder der biblischen Götter) rebellieren, steigen vom Himmel hinab auf die Erde und paaren sich mit den schönen Töchtern der Menschen.

Seltsam: Die Göttersöhne (7) finden Gefallen an den Töchtern der Menschen. Das missfällt dem biblischen Gott sehr. Er beschließt zu strafen: allerdings nicht die eigentlich Schuldigen. Unbehelligt bleiben die Göttersöhne, bestraft werden die Menschen. Ihre Lebenszeit wird auf 120 Jahre begrenzt. Und dann lässt Gott gar die Sintflut über die Erde hereinbrechen. Alles Leben soll erst einmal ausgetilgt werden. Mit Hilfe von Noahs Arche soll ein Neustart auf Planet Erde gewagt werden.  

Der biblische Gott handelt nach heutigem Verständnis höchst ungerecht, indem er die Falschen und dann ganz pauschal alle Menschen bestraft. Und warum sollen auch die Tiere fast vollkommen ausgerottet werden? Ein Paar von jeder Art darf überleben. Die Tiere haben ja nun wirklich keine Schuld auf sich geladen.

Die Göttersöhne wiederum benehmen sich recht ungöttlich, wenn sie beim Anblick schöner Menschentochter offenbar die Kontrolle verlieren. Dieses »ungöttliche Verhalten« moniert auch Hermann Gunkel (*1862; †1832), der erst spät, nämlich 1907, zum ordentlichen Professor im Fachbereich »Altes Testament« nach Gießen berufen wurde, in der renommierten Lexikonreihe »Religion in Geschichte und Gegenwart« (8).

Foto 5: Arche Noah und Tiere, auf Briefmarken
(St. Vincent, Karibik).

Bereits von 250 v.Chr. bis 100 n.Chr. entstand die »Septuaginta«, die älteste vollständige Übersetzung des »Alten Testaments«. Freilich sah sich Aquila genötigt, eine neue Übersetzung der Schriften des »Alte Testaments« ins Griechische vorzunehmen, da die Septuaginta zu fehlerhaft war. Er machte sich mit geradezu pedantischem Eifer ans Werk und schloss seine sehr wortgetreue Übersetzung um 125 n.Chr. ab.

Aquila (9), Schüler des legendären Rabbi Akiva, ist für seine in der Regel sehr wortgetreue Übersetzung des »Alten Testaments« aus dem Hebräischen ins Griechische bekannt. Und bei ihm lesen wir, dass »die Söhne der Götter« Wohlgefallen an den schönen Töchtern der Menschen fanden. 

Wenn bei Aquila von »Söhnen der Götter« die Rede ist, dann darf man davon ausgehen, dass man vor zwei Jahrtausenden an die »Söhne der Götter« glaubte. Bleibt nur die Frage, die auch heute noch nicht wirklich beantwortet werden kann: Wer oder was waren die »Göttersöhne«?

Foto 6:  Noah und seine Frau
vor der rettenden Arche (Liberia 2014).
Fußnoten
(1) Cooke, Gerald: »The Sons of (the) God(s)«, »Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft«, Nr. 76, 1964, Seiten 22-47
(2) Doedens, Jacob Johannes Theodoor: »The Sons of God in Genesis 6,1-4«,
Kapitális Printing House, Debrecen, Ungarn 2013
(3) Ebenda, Seite 315, 2. Zeile von oben
(4) Ebenda, Seite 315 unten und Seite 316 oben
(5) Ebenda, Seite 316, 3.+4. Zeile von oben
Im Original: » In the following fragments the expression ›sons of the gods‹ or ›sons of God‹ occurs.«
(6) Albright, William F.: »From the Stone Age to Christianity/ Monotheism and the Historical Process «, New York 1957, Seiten 295-298
(7) 1. Buch Mose, Kapitel 6, Verse 1-4
(8) Gunkel, Hermann: »Mythen und Mythologie, II, Israel« in »Religion in Geschichte und Gegenwart«, 1. Auflage 1913, IV, Spalten 620-632.
(9) Das Internet-Lexikon »wikipedia« schreibt übe Aquila von Sinope (Stand 13.12.2019): »Über Person und Leben Aquilas ist wenig bekannt. Unsicherer Überlieferung nach stammt er aus Sinope (heute Türkei); ebenfalls unsicher ist die oft angenommene Schülerschaft bei dem berühmten jüdischen Lehrer Akiba (50/55–135 n. Chr.). Die Lebensdaten Aquilas lassen sich nur anhand seiner Übersetzungen schätzen, die er um 125 n. Chr. fertigstellte. Die Übersetzung Aquilas ist heute hauptsächlich als christliche Schriftüberlieferung in griechischer Sprache erhalten, woher er auch seine Bedeutung für die alttestamentliche Wissenschaft erbt.«

Zu den Fotos
Foto 1: Historische Aufnahme der Großen Pyramide, um 1910. Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 2: Die »Arche Noah« und die tierischen Passagiere als Markenblock (Liberia 2014). Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: Die »Arche Noah« als Markenblock (Liberia 2014). Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: Nur wenige Tiere werden gerettet (Liberia 2014). Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Arche Noah und Tiere, auf Briefmarken (St. Vincent, Karibik). Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 6:  Noah und seine Frau vor der rettenden Arche (Liberia 2014). Archiv Walter-Jörg Langbein.


517. »Von einer Wüstenstadt zu fremden ›Erden‹«,
Teil 517 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15. Dezember 2019



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