Sonntag, 14. Juni 2020

543. »Der Tag, an dem Sonne und Mond stillstanden«

Teil 543 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Mittelalterliches Weltbild.
Holzschnitt, um 1530. Partiell nachträglich koloriert.

Weltbilder hat sich der Mensch schon zurechtgelegt, als er noch in Höhlen hauste und die Bewohner der Nachbarhöhlen als hinterlistige Feinde ansah, die man nur als Bereicherung des Speisenplans willkommen hieß. Weltbilder hat der Mensch in Zeiten ersonnen, als die Dichter der ältesten Mythen noch lebten. Und Weltbilder entstehen auch noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die vermeintlich göttliche Wahrheit der »Heiligen Bücher« wird heute von nicht wirklich weniger magisch anmutenden Szenarien der Quantenphysik abgelöst. Weltbilder gab es schon immer. Sie waren und sind immer im Wandel begriffen. Freilich setzen sich Weltbilder in unseren Gehirnen fest. Sie etablieren sich und weichen nur höchst ungern anstehenden revolutionären neuen. In der Regel werden althergebrachte Weltbilder nicht widerlegt. Sie sterben mit ihren Anhängern und neue Weltbilder werden ins Leben gerufen.

In unserer realen Welt gibt es Monstermauern aus massivem Stein, die seit Ewigkeiten dem Zahn der Zeit trotzen. In unseren Köpfen freilich gibt es eine Monstermauer, die mindestens genauso durabel ist wie jene aus Stein. Sie grenzt aus. Sie verhindert, dass wir in jene Bereiche der Realität vordringen, die es für einen »vernünftigen« Menschen gar nicht geben kann, weil es sie nach dem Zeitgeist des »rationalen Denkens nicht geben darf.

Eine Monstermauer, die es nur in unseren Köpfen gibt, kann sehr viel schwieriger zu überwinden sein als eine aus Stein. Der »vernünftige« Mensch redet sich gar ein, dass er diese Mauer weder einreißen, ja nicht einmal überwinden möchte.

Er ist davon überzeugt, in der Welt der Vernunft zu leben. Vernunft ist das oberste Gebot in dieser seiner »Wirklichkeit«. Auf der anderen Seite der Mauer in seinem Kopf herrscht das Chaos der Unvernunft in einer natürlich nur imaginären Welt, die es seiner festen Überzeugung nach gar nicht wirklich gibt. Theologieprofessor Dr. Hermann Gunkel unterscheidet zwischen Sage und Märchen. Er schreibt (1): »Im Unterschied von den Sagen ist für die Märchen eigenthümlich, daß sie nicht wie diese an bestimmten geschichtlichen Zeiten und Personen und im allgemeinen auch nicht an gegebenen Orten haften, sondern, soweit sie überhaupt Namen nennen, erdichtete Personen an erfundenen Orten auftreten lassen.«

Dr. Gunkel katalogisiert also, er etikettiert. Sagen bringt er in Verbindung mit »geschichtlichen Zeiten und Orten«, in Märchen agieren nach seiner Definition fiktive Personen an fiktiven Orten. Aber wie wissenschaftlich ist das? Versucht er wissenschaftlich zu ergründen, welche altehrwürdigen Texte Realität wiederspiegeln und welche nicht? Oder glaubt er zu wissen, was wahr ist und was nicht, um dann nach eigenem Gutdünken zu »Märchen« oder »Sage« zu erklären?

Foto 2: Der Heilige Brendan.
Variationen eines Porträts.
Farblich stark verändert (Collage).

Prof. Gunkel meint, ein besonderes Kennzeichen des Märchens erkannt zu haben (2): »Besonders bezeichnend ist für das Märchen seine eigentümliche phantastische Art.« Fällt damit die Überlieferung vom Mönch Brendanus, der mit mehreren Brüdern in einem winzigen Boot den Atlantik besiegte in die Kategorie des Märchens? Neun Jahre soll er unterwegs gewesen sein. Märchenhaft mutet so manche seiner angeblichen Entdeckungen an. So soll er auf fernem Eiland auf eine mysteriöse Quelle gestoßen sein, die tagelangen Schlaf schenkte (3):

»Zu Beginn der Fastenzeit erblicken sie eine Insel, auf der sie eine klare Quelle finden. Brandan warnt seine Mitbrüder, nicht zu viel von dem Wasser der Quelle zutrinken, was einige der Mönche fehldeuten und dadurch verschieden lang in Schlaf verfallen. Nachdem sie sich noch mit dem Nötigsten für die Weiterfahrt versorgt haben, fliehen sie von dort.«

Für die weitere Reise nahmen sie einen Vorrat von dem einschläfernden Quellwasser mit. Freilich tranken sie nur etwas davon, um den schlimmsten Durst zu löschen. Schließlich wollten sie ja nicht auf ihrer gefährlichen Expedition auf hoher See wie narkotisiert das Bewusstsein verlieren. Diese Episode klingt reichlich märchenhaft, kann aber sehr wohl auf eine wirkliche Begebenheit während der Atlantikfahrt der Mönche hinweisen.

Foto 3: St. Brendanus und seine
Glaubensbrüder im Bötchen (Buchcover)

Auf der Azoren Insel Sao Miguel gibt es nämlich die heißen »Quellen von Furnas« (4). Sie speisen den »Ribeira Quente«, den »warmen Fluss«. Das Wasser aus dieser Quelle soll tatsächlich besinnungslos machen. Hat also der Heilige Brendanus auf seiner großen Seereise auch die Azoren besucht?

Tatsächlich haben die Azoren eine sehr alte Geschichte aufzuweisen. Seefahrer, die auf dem Rückweg von Amerika waren, legten gern auf den Azoren eine Pause ein und nahmen Trinkwasser an Bord.

1749 wurden auf der Azoren-Insel Corvo Münzen aus dem 4. oder 3. Jahrhundert v. Chr. entdeckt, die darauf hinweisen, dass das Eiland bereits in vorchristlicher Zeit von den Phöniziern besucht wurden. Demnach gab es lange vor Kolumbus und vor St. Brendanus transatlantische Kontakte. Offensichtlich wurde Amerika lange vor Kolumbus entdeckt. Und offensichtlich können noch so märchenhaft anmutende Texte Tatsachen beinhalten. Das ist es, was die alten Überlieferungen so spannend macht: Sie öffnen uns Fenster in eine Vergangenheit, die fantastischer gewesen sein kann als unsere Fantasien.

Für Theologieprofessor Dr. Hermann Gunkel gibt es in der Bibel eine Vielzahl von Märchen in der Bibel. Er listet eine ganze Reihe von Texten auf, die seiner Überzeugung nach als Märchen zu erkennen seien. Eine kleine Auswahl mag genügen (5):

Foto 4: Der Wal spuckt Jona wieder aus.
Bibelillustration, 12. Jahrhundert
»Da reden nicht nur Menschen, sondern auch … die Glieder des Körpers streiten miteinander. … Dämonen ringen mit Menschen in der Nacht oder stellen menschlichen Frauen in brünstiger Liebe nach. Oder ein Mensch, der in das Meer geworfen ist, wird durch einen Fisch, der ihn verschlingt und wieder ausspeien muß, vom Tode gerettet. Ein anderer schwebt auf feurigen Wagen zum Himmel empor. Ein Hirtenknabe steigt auf den Thron und ein junges Mädchen von unbekannter Geburt wird Königin Sonne und Mond stehen still, wenn der Gottesmann es gebietet; das Meer spaltet sich vor seinem Stabe und Tote kommen ins Leben zurück.«

Ich bin, offen gesagt, skeptisch ob der Vielzahl von biblischen Texten, die Dr. Hermann Gunkel in der großen Schublade »Märchen« ablegt. Er beruft sich in seinem Werk »Das Märchen im Alten Testament« auf konkrete Bibelstellen, er interpretiert aber manchmal recht frei, um biblische Texte als Märchen definieren zu können.

Man muss in Gunkels Märchenbuch hin und her blättern, um herauszufinden, auf welche Bibelpassagen er sich bezieht.

Die »Glieder des Körpers«, die nach Dr. Gunkel miteinander reden, tauchen freilich gar nicht in einem Märchen auf, sondern in einer der vielen Gleichnisse, die Jesus erzählt haben soll (6). Dämonen sind für Dr. Gunkel offensichtlich Kreaturen aus der Märchenwelt. Im von Dr. Gunkel angeführten Beispiel (7) kämpft allerdings kein Dämon mit einem Menschen, sondern Jakob mit Gott. Wo Dr. Gunkel Dämonen ausmacht, die menschlichen Frauen in brünstiger Liebe nachstellen, da geht es im biblischen Text um die Beschneidung von Knaben (8).

In der Tat: Die biblische Geschichte vom Menschen, der von einem Fisch verschluckt und wieder ausgespuckt wird, klingt sehr märchenhaft (9). Um die mysteriöse Episode noch märchenhafter erscheinen zu lassen, anonymisiert Dr. Gunkel den vom Fisch verschlungenen Jona zu »einem Menschen«. Auch Elia, der auf feurigem Wagen in den Himmel entführt wird (10), wird von Dr. Gunkel in seiner Auflistung anonymisiert: »Ein anderer schwebt auf feurigen Wagen zum Himmel empor.« Diese Anonymität ist für Dr. Gunkel wesentliches Merkmal des Märchens. Der anonyme Hirtenknabe, der es zum König bringt, wird freilich im biblischen Text namentlich genannt (11): Es ist Saul!

In unseren Märchen werden tatsächlich manchmal einfache Mädchen Königin, etwa »Aschenputtel«. Bei dem biblischen »Mädchen von unbekannter Geburt«, das »Königin« wird, könnte es sich in der Tat um ein schönes biblisches Märchen handeln. Freilich geht es im biblischen Text nicht um ein »Mädchen« aus Fleisch und Blut, sondern um Jerusalem (12).

Märchenhaft anonym ist bei Dr. Gunkel »der Gottesmann«, der Sonne und Mond stillstehen lässt, der das Meer teilt und Tote wieder lebendig werden lässt. Im »Alten Testament« ist freilich nicht von einem anonymen Gottesmann die Rede, die mit Gottes Hilfe Wundersames bewirkt. Es sind deren drei. In der Bibel haben diese drei »Gottesmänner« allerdings Namen: Josua hält Sonne und Mond und somit die Zeit an, so dass die Feinde abgeschlachtet werden können (13). Moses ist es, der mit seinem Stab das Meer teilt, so dass sein Volk dem ägyptischen Heer entkommen kann (14). Und Elia gelingt es, ein totes Kind wieder zum Leben zu erwecken, indem er sich drei Mal auf den Leichnam legt und seinen Gott anruft (15). Haben wir es mit Wundern ohne Anspruch auf Wirklichkeit zu tun? Oder wurden wahre Begebenheiten märchenhaft ausgeschmückt?
Foto 5:
»Der Tag an dem
die Erde stillstand
I und II«

Anmerkung und Fußnoten

Anmerkung

Zur Kapitelüberschrift: Ich habe mich von einem SF-Film aus dem Jahr 1951 inspirieren lassen. Der Film, in Schwarzweiß gedreht, gilt heute als Klassiker seines Genres: »Der Tag, an dem die Erde stillstand«. (Originaltitel: »The Day the Earth Stood Still«). 2008/ 2011 folgte eine Fortsetzung: »Der Tag an dem die Erde stillstand 2 – Angriff der Roboter« (Originaltitel: »The Day the Earth Stood Still 2)«. Der 2. Teil ist stark präastronautisch beeinflusst. Die »Götter« schicken 666 riesige Kampfroboter, »Megalithen« genannt. Die Zahl 666 kennen wir aus der Bibel, aus der Apokalypse des Johannes (16): »Hier ist Weisheit! Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tieres; denn es ist die Zahl eines Menschen, und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.«


Fußnoten

(1) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921, Seite 9, 15.-20. Zeile von oben. (Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht nach der Rechtschreibreform »modernisiert«.)
(2) Ebenda, Seite 157, 1. Zeile von unten und Seite 158, 1. Zeile von oben
(3) Holtzhauer, Sebastian: »Die Fahrt eines Heiligen durch Zeit und Raum«, Osnabrück 2019, Seite 21, 13.-17. Zeile von oben
(4) Bussmann, Michael: »Reiseführer Azoren«,. 6. Auflage, Erlangen 2016
Martin, Roman: »Azoren – die 77 schönsten Küsten- und Bergwanderungen«, 5. neu bearbeitete Auflage, München 2017
(5) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921, Seite 158, 5.-17. Zeile von oben. (Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht nach der Rechtschreibreform »modernisiert«.)
(6) 1. Korinther Kapitel 12, Verse 14-26
(7) 1. Mose 32, Verse 23-32
(8) 2. Mose Kapitel 4, Verse 24-26
(9) Jona Kapitel 1 und 2
(10) 2. Könige 2, Vers 11
(11) 1. Samuel Kapitel 10, Vers (Saul wird gesalbt)
(12) Hesekiel 16, Vers 1-14
(13) Josua Kapitel 10, Verse 12 und 13
(14) 2. Mose Kapitel 14, Vers 16
(15) 1. Könige 17, Verse 17-23
(16) Apokalypse des Johannes Kapitel 13, Vers 18


Zu den Fotos
Foto 1: Mittelalterliches Weltbild. Holzschnitt, um 1530. Partiell nachträglich koloriert.
Foto 2: Der Heilige Brendan. Variationen eines Porträts (Collage).
Foto 3: St. Brendanus und seine Glaubensbrüder im Bötchen (Buchcover)
Foto 4: Der Wal spuckt Jona wieder aus. Bibelillustration, 12. Jahrhundert.
Foto 5: »Der Tag an dem die Erde stillstand I und II«

544. »Tore in andere Welten«,
Teil 544 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21. Juni 2020



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Sonntag, 7. Juni 2020

542. »1.000 Jahre vor Kolumbus«

Teil 542 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: St. Brenadanus auf einer Ikone.
Der italienische Dominikaner Tommaso Campanella (*1568;†1639), eigentlich Giovanni Domenico, setzte sich mit fortschrittlicher Wissenschaft auseinander »Alles, was die Wissenschaftler … mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt … Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.« Vor fast einem halben Jahrhundert schrieb Sir Arthur C. Clarke (*1917; †2008) (2): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.«

Wenn wir gedanklich in die Vergangenheit reisen, wobei wir altehrwürdige Schriften als »Fenster« ins Gestern und Vorgestern nutzen, dann stoßen wir immer wieder auf Schilderungen von seltsamen Ereignissen. Nicht immer können wir eindeutig feststellen, was dichterische Fiktion und was Beschreibung realer Begebenheiten ist. Wie entscheiden wir, was Märchen und was Wahrheit ist? In der Regel wird in Kreisen der Wissenschaft so entschieden: Was ganz und gar nicht in das als richtig definierte Weltbild passt, das wird bestritten.

Der bedeutende Theologe Prof. Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) bezeichnete ihm allzu fantastisch Erscheinendes als Märchen. Der Wissenschaftler kann als der Entdecker des Märchens als eigene alttestamentliche Gattung angesehen werden. Für die Reihe »Religionsgeschichtliche Volksbücher für die deutsche christliche Gegenwart« verfasste er »Das Märchen im Alten Testament« (3).

Menschliches Wunschdenken, so Prof. Gunkel, führte zu fiktiven Märchen. In diese Kategorie fällt seiner Meinung nach (4) »der Wagen des Hesekiel«. Weiter schreibt er: »Hesekiel hat in seinem berühmten ›Wagengesicht‹ mit barocker Phantastik die Erscheinung Jahves beschrieben. … Auch die Vorstellung von einem fliegenden Wagen kommt im Märchen vor. … Die Märchenreise führt etwa über das tiefe Meer, zum Beispiel in der Erzählung von Gilgamesch, oder durch ein furchtbares Feuer.

Es drängt sich eine Frage auf: Muss ein »Märchen« reine Fiktion sein? Oder kann ein märchenhaft anmutender Text nicht auch wahre Begebenheiten schildern?

In die Kategorie der »Märchenreise« gehört ohne Zweifel auch »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)«, »Die Seereise (des Abtes) Sankt Brendan«. Der mysteriöse Text dürfte bereits im 9. Jahrhundert entstanden sein. Im Lauf der Jahrhunderte wurde er in mehrere Sprachen übersetzt. Über 100 Variationen der Geschichte fanden in ganz Europa Verbreitung. Es ist letztlich belanglos, wie man die Schilderung von St. Brendans Reise katalogisiert. Ob man sie als »mythische Reiseerzählung« oder als »märchenhafte Legende« sieht, so ist damit keineswegs der Wahrheitsgehalt geklärt.

Foto 2: Greif greift an und wird selbst angegriffen.

Nach »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)« machte sich St. Brendanus zwischen 565 und 573 n. Chr. auf und stach mit zwölf Reisegefährten in See. Die dreizehn Wagemutigen erkundeten in einem »Curragh«-Bötchen den Atlantischen Ozean. Ihr eigentliches Reiseziel war die weit m Westen vermutete Insel »Terra Repromissionis Sanctorum«, das »Verheißene Land der Heiligen«. Sollte damit Amerika gemeint sein?

Brendanus ist eine historische Gestalt. Der Abt eines irischen Klosters wurde anno 484/ 489 im westlichen Irland geboren. Verstorben ist der Gründer mehrerer Klöster etwa 570/ 585. Bestattet wurde er in Clonfert. Dass Brendanus wie viele seiner Glaubensbrüder Seereisen unternommen hat, das ist nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. Dr. Petra Kehl schreibt in ihrem hochinteressanten Aufsatz »St. Brendan der Seefahrer« (5): »Es gibt also verlässliche historische Zeugnisse für die Seefahrten irischer Mönche bis zum Polarkreis, ja bis nach Grönland. Darüber hinaus ist bekannt, dass die irischen Mönche umfangreiche geographische Kenntnisse besaßen, die geographischen Schriften des Ptolemäus kannten und auch schon wussten, dass die Erde keine Scheibe ist.«

Sollte St. Brendanus bis zum Polarkreis vorgedrungen sein? St. Brendanus erlebt mit seinen Glaubensbrüdern Abenteuer, die Homer nicht hätte spannender beschreiben können. Die dreizehn Männer geraten immer wieder in höchste Gefahr. Da tauchen zwei monströse Meeresungeheuer auf, die bald in einen fürchterlichen Kampf verwickelt sind. Da werden die frommen Mönche in ihrem winzigen Bötchen von einem »furchtbaren (Vogel) Greif« (»horribilis grifa«) angegriffen. Der wollte ganz offensichtlich einen der Mönche rauben. Im lateinischen Text des Originals: »grifa volens aliquem accipere«. Die Lage schien aussichtslos zu sein, doch da tauchte ein »furchtbarer Vogel« (»avis horribilis«) auf und tötete den Greif. Später werden die Mönche auf einer seltsamen Insel von feindlich gesinnten Einwohnern mit glühenden Steinen beworfen.

Gewiss, die Abenteuer der Mönche könnten zu einem Hollywood Blockbuster anregen. Die Männer erlebten Geheimnisvolles. Einmal gerieten sie in schier undurchdringbaren Nebel. Angsterfüllt beteten sie. Schon tauchte aus der Höhe, woher auch immer, ein Licht auf, das den Nebel verschwinden ließ.

Mysteriös ging es auf der Reise zu, vieles bleibt bis heute unverständlich. Aber heißt das, dass sie frei erfunden sind? Bei der gefährlichen Insel könnte es sich um ein vulkanisches Eiland gehandelt haben. Im Reisebericht heißt es, die Einwohner deines Eilands hätten Brendanus und Begleitung mit glühenden Steinen beworfen. Fakt oder Fiktion? Es ist möglich, dass es sich bei der Insel um Island handelte, dass die wagemutigen Entdecker einen Vulkanausbruch erlebten und tatsächlich vor »glühenden Steinen« geflohen sind.

Im Reisebericht begegnet ihnen ein im Meer treibender »Kristallpfeiler« und sie beobachten entsetzt »geronnenes Meer«. Bei dem »treibenden Kristallpfeiler« könnte es sich um einen Eisberg, bei dem »geronnenen Meer« um Treibeis gehandelt haben.

Oder gibt es für das »geronnene Meer« (nach einer anderen Übersetzung »das klebrige Meer«) eine ganz andere Erklärung? Ist damit das Meeresgebiet im Atlantik östlich Floridas, die sogenannte Sargassosee, gemeint? Was als »geronnenes Meer« (»klebriges Meer«) beschrieben wird, damit könnte tatsächlich die Sargasso See sein, wo eine gewaltige Menge von im Wasser schwebenden Braunalgen (Gattung: »Sargassum«) das Meer klebrig und geronnen erscheinen lässt. Sollte St. Brendanus tatsächlich lange vor Kolumbus Amerika entdeckt haben?

Foto 3: Tim Severin baute
St. Brendans Bötchen nach
und bezwang den Atlantik
(Buchcover der Originalausgabe).
Der Ire Timothy Severin (*1940), Historiker, Buchautor und Abenteurer war vom wundersamen Bericht um St. Brendanus fasziniert. Er baute ein »Curragh«-Bötchen nach, wobei er ausschließlich Materialien benutzte, die in »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)« beschrieben werden. Die Nussschale von einem Boot aus in Eichenlohe gegerbten und mit Wollfett eingeschmierten Ochsenhäuten war hochseetüchtig. Es überstand auch die Fahrt durch das Packeis. Auch wenn es die »Experten« für ausgeschlossen gehalten hatten, Severin meisterte im Brendanus-Bötchen die erste Etappe seiner Abenteuerreise zu den Färöer Inseln. Weiter ging es über Island und Grönland bis nach Neufundland. Allen Unkenrufen aus der Expertenwelt löste sich das Lederboot nicht auf. Severin gelang das angeblich Unmögliche. Am 26. Juni 1977 erreichte Tim Severin mit seinen wagemutigen Freunden »Peckford Island«, Neufundland. Damit war der Nachweis erbracht, dass St. Brendanus mit seinem Bötchen sehr wohl sehr weite Seereisen unternehmen konnte.

Sachlich schlussfolgert Dr. Petra Kehl (6): »Wie auch immer die Schilderungen der ›Navigatio Sancti Brendani abbatis‹ zu bewerten sind, eines steht nach Severins Reise fest: Die Seereise in einem Lederboot von Irland nach Nordamerika ist den Iren des Frühmittelalters zumindest möglich gewesen.«

Tim Severin ist mit seiner Abenteuerreise auf den Spuren von Mönch St. Brendanus auf eindrucksvolle Weise der Nachweis gelungen, dass Märchenhaft-Mythologisches sehr wohl real gewesen sein kann. Sein Buch über die Seereise der Mönche liest sich spannender als jeder Roman (7).

Foto 4: Die berühmte Weltkarte
von Admiral Piri Reis.
1945 erschien das Buch »St. Brendan the Navigator« in Dublin. Autor Dr. George Aloysius Little kam zur Überzeugung, dass St. Brendanus tatsächlich in seinem Bötchen den Atlantik überquert hat und nach Irland zurückgekehrt ist. Beim oft märchenhaft anmutenden Text »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)« handele es sich, so Dr. George Aloysius Little (8), um einen echten Bericht und kein reines Fantasiekonstrukt. Vielmehr werde zumindest eine reale Atlantiküberquerung, die fast ein Jahrtausend vor Kolumbus stattfand, beschrieben, wobei der Bericht allerdings sagenhaft ausgeschmückt wurde. Zum gleichen Ergebnis war Denis O’Donoghue (9) anno 1893 gekommen.

Im Lauf der Jahrhunderte wurde der ursprüngliche Reisebericht immer christlicher. Der historische Entdecker mochte aus Lust auf ferne Gestade aufgebrochen sein. Vielleicht hoffte er auch, in fremden Landen Heiden zum Christentum bekehren zu können, so wie dies 1.000 Jahre vor Kolumbus irische Missionare gerne taten. In jüngeren Fassungen wurde die »Weltreise Brendans« eine Strafe für den skeptischen St. Brendanus, weil er nicht so recht an die Wunder der Schöpfung glauben mochte. So wurde er angeblich auf die harte Tour von der Realität des Wundersamen überzeugt.

Foto 5:
Der Heilige
Abt Brendanus
auf hoher See.
Sankt Brendan taucht in einer weiteren historischen Quelle auf. Der osmanische Piri Reis fertigte im Jahr 1513 eine fantastische »Weltkarte« an, die nach Meinung mancher Experten zumindest Teile der Küste Amerikas zeigt. Professor Dr. Afet Inan, Ankara, sah in der Piri Reis Karte die »älteste Karte Amerikas«. Piri Reis hat seine Karte mit zahlreichen kleineren Bildern und Kommentaren versehen. Besonders interessant ist folgender Vermerk (10): »Man bemerke, daß ein Priester mit Namen Sanvolrandan in vergangenen Tagen die Tour der sieben Meeren machte. Nachdem er auf einem Fisch gelandet war, hielt der Priester diesen für Festland und zündete ein Feuer an. Als der Rücken des Fisches zu brennen begann, tauchte dieser ins Meer, und unsere Männer, die in ein Boot sprangen, flüchteten sich zu dem Schiff.«

Bei dem Priester namens Sanvolrandan handelt es sich, wie unschwer zu erkennen ist, um »Santo Brendan«, den wagemutigen Entdecker. Die kuriose Geschichte, die der türkische Admiral Piri Reis aufzeichnete, findet sich bereits in »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)«.

Fußnoten
(1) Briersi, Antonio (Hrsg.): Tommaso Campanella »Del sense dello cose e della magia«, 1925, S. 241/42, zitiert nach Habiger-Tuczay, Christa: »Magie und Magier im Mittelalter«, München 1992, S. 192 (»Die Automaten«)
(2) Zitiert nach Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«, »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(3) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921
(4) Ebenda, Seite 59,b 11. Zeile von oben/ Seite 61, 1. Zeile von unten und Seite 62, 1. Zeile von oben/ Seite 65, 10.-8. Zeile von unten
(5) Kehl, Dr. Petra: »St. Brendan der Seefahrer«, http://www.kath-info.de/brendan.html (Stand: 27.04.2020)
(6) Ebenda (Stand: 27.04.2020)
Siehe auch
Carnac, Pierre: »Geschichte beginnt in Bimini«, Olten 1978 (»Brendan, der Heilige der verlorenen Horizonte«, S. 250-264)
Foto 6: Traktat über St. Brendanus
aus dem Jahr 1897
(7) Severin, Tim(othy): »The Brendan Voyage/ Across the Atlantic in a Leather Boat«, eBook-Ausgabe der Originalversion von 1978, London 2013
Severin, Timothy: »Tausend Jahre vor Kolumbus. Auf den Spuren der irischen Seefahrermönche«, Hamburg 1979
(8) Little, Dr. G(eorge) A(loysius): »St. Brendan the Navigator: An Interpretation«, Dublin 1945
(9) O’Donoghue, D(enis).: »Brendaniana: St. Brendan the Voyager in Story and Legend «, Dublin 1893
(10) Carnac, Pierre: »Geschichte beginnt in Bimini«, Olten 1978, Seite 263, 1. Zeile von unten –Seite 264, 6. Zeile von oben. Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibreform angepasst. Anmerkung: Mir liegt eine englische Übersetzung des Zitats vor, die geringfügig von der Version bei Pierre Carnac abweicht.

Zu den Fotos
Foto 1: St. Brenadanus auf einer Ikone.
Foto 2: Greif greift an und wird selbst angegriffen.
Foto 3: Tim Severin baute St. Brendans Bötchen nach und bezwang den Atlantik (Buchcover der Originalausgabe).
Foto 4: Die berühmte Weltkarte von Admiral Piri Reis.
Foto 5: Der Heilige Abt Brendanus auf hoher See.
Foto 6: Ein Traktat über St. Brendanus aus dem Jahr 1897.
(Mackay, Aeneas J. G.: »St. Brendan of Clonfert and Clonfert-Brendan«, »Blackwood's Edinburgh Magazine«, London, Juli 1897, Seiten 135-146)


543. »Der Tag, an dem Sonne und Mond stillstanden«,
Teil 543 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14. Juni 2020



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